Archiv der Kategorie: recensions

Abteilung Politisches Marketing

Peter Sloterdijk, Der Fürst und seine Erben. Übergroße Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute

Die Eule der Minerva, hieß es bei Hegel so schön, hub zum Flug stets in der Dämmerung an. Und vielleicht ist es dieser Satz, der Peter Sloterdijk veranlasst, noch einmal so richtig loszulegen. Erst vor kurzem noch erschienen seine Vorträge vor dem Collège de France mit dem verwegenen Titel „Der Kontinent ohne Eigenschaften“, bei denen er zum einen auf die Gefahren verwies, die das Versiegen der schöpferischen Leidenschaften Europas durch ein Heranwachsen des Ressentiments bedeuten. Allerdings ohne auf genau dieses Phänomen bei den regierenden Eliten zu verweisen. Stattdessen wurde dort bereits sichtbar, dass global die zivilisatorischen Impulse explizit von Europa ausgegangen seien und die Welt nur eine Chance haben werde, wenn die neuen, aufkommenden Mächte, den Kannibalen gleich, das Zivilisatorische des alten Europas verschlängen, sonst bliebe nichts als Barbarei und Tyrannei.

Und nun erscheint „Der Fürst und seine Erben“, in dem Sloterdijk eine Schrift Niccòlo Machiavellis, nämlich die mit dem Titel „Der Fürst“, zum Anlass nimmt, in die kulturpolitischen Diskurse einzugreifen. Dass er die Figur des Machiavelli populistisch auf diese eine Schrift verkürzt und geflissentlich dessen „Discorsi“ vergisst, in denen dieser sich zur Staatsform der Republik bekannte und für Funktionsträger das Prinzip der Meritokratie verlangte, gehört wohl zum dem Kalkül, sich mit seinen Gedanken den Herrschenden im Europa der Misere anzubieten. Auch das Cover dieses Buches, auf dem Donald Trump im Gewand eines florentinischen Fürsten zu sehen ist, verweist auf niedere Absichten. Denn, auch das wird der kluge Autor wissen, die Regierungsführung des Abgebildeten hat mit dem Fürsten Machiavellis nicht das Geringste gemein. Der Effekt ist alles.

Wie so oft gelingt es allerdings dem Autor, von einem radikal anderen Blickwinkel auf die menschliche Existenz und ihre bis hin in Ordnungen mündende Befindlichkeiten zu reflektieren. So auch hier. Dabei spricht er von drei Sündenfällen: 

  1. Der Vertreibung aus dem Paradies in die Welt der Not und Sorge
  2. Dem Sturz in den hierarchischen Staat, und
  3. Der stets drohenden Vergewaltigung des Einzelnen durch aufdringliche Fiktionen eines fusionierten Gemeinwesens.

Was wie ein Priori für ein dezidiertes anarchistisches Weltbild klingt, mutiert allerdings im Folgenden zu einer Kampfschrift für alles, was unter europäischem und später amerikanischem Banner an Kolonialismus und Imperialismus zelebriert wurde. Trotz aller Kritik erweisen sich diese Seinsformen immer noch als das edle Gegenstück von Ganoven, Hausierern und Tyrannen aus dem Rest der Welt. Auch im Vokabular nähert Sloterdijk sich, wenn es um die Beschreibung anderer Weltkulturen geht, der Diktion populistischer Hinterbänkler aus dem qualitativ immer seichter werdenden Parlament. Putin ist ein Verbrecher, Xi ein Tyrann und Trump ein Analphabet. Während den ersten beiden das Diktatorische implizit ist, ist der Idiot Trump eher ein westlicher Lapsus. 

Um auf eine Ebene zurückzukommen, die dem Autor unter vormaligen Umständen eher gerecht wird: Sloterdijk feiert die Suprematie der westlichen Zivilisation, ohne den Rest der Welt verstehen zu wollen. Denn, auch das weiß er, das Verständnis anderer globaler Akteure im Kampf um die Macht, legt der populistische Mainstream als Illoyalität aus. Gott bewahre! Bevor das passiert, wechselt man doch noch schnell über in die Abteilung Politisches Marketing. 

Lesen? Ja. Man will ja verstehen, was vor sich geht. Aber ohne Augenreiben geht es nicht.

Abteilung Politisches Marketing

Ein trauriges Dokument

Frank Goosen, Lovely Rita. Roman

Der unvergessene Carl Weissner, seinerseits unangefochtener Übersetzer amerikanischer Underground-Literatur und selbst experimenteller Romancier, gestand mir einmal bei einer Tasse Kaffee, dass es für ihn nichts Schlimmeres gebe, als eine negative Rezension schreiben zu müssen. Lieber sage er nichts, als dass er einem anderen Autor die Leviten lesen solle. Mir geht es bis heute genauso. Wenn mir ein Buch gefällt, tue ich das gerne kund, wenn nicht, hülle ich mich lieber in Schweigen. In diesem Fall aber, und zwar bei Frank Goosens neuem Roman Lovely Rita überwinde ich diese Zurückhaltung.

Ursache dafür ist das nach sehr angestrengter Lektüre immer noch mächtige Gefühl, gerade Zeuge eines aktuellen Massenphänomens geworden zu sein, das sehr gut den kulturellen Abstieg unserer gesellschaftlichen Periode illustriert. Um eines vorauszuschicken: Frank Goosen hat in einigen Büchern bewiesen, dass er in der Lage ist, den skurrilen Menschenschlag des Ruhrgebiets mit seiner Erdigkeit, seinem Überlebenswillen, seiner pittoresken Verfasstheit, seiner Unbezwingbarkeit und seinem diabolisch-rustikalen Humor einzufangen und einer Leserschaft nahe zu bringen. 

Und all das ist mit Lovely Rita, einem Roman über eine Bochumer Kneipe, ihrer Inhaberin, ihrer Familie und ihrem Stammpublikum, komplett dahin. Die Frage nach dem Warum ist relativ schnell beantwortet. Goosen bleibt nicht bei der Darstellung real existierender Figuren, deren Realismus bereits Operncharakter besitzt, sondern er benutzt die Agierenden, um ihnen das ganze Kompendium des akut politisch korrekten Sprechens und Denkens in den Mund zu legen.  Das Resultat ist, dass nicht eine Figur in dem gesamten Personal-Portfolio auch nur den Hauch von Authentizität versprüht, den man aus früheren Erzählungen von Goosen kennt. Alles wirkt unecht und gestelzt, man sieht quasi das Injektioswerkzeug eines woken Weltbildes auf seinem Schreibtisch liegen und fragt sich, welcher Teufel den guten Mann dazu getrieben hat, durch derartige Unterwerfungsgesten unter den vermeintlichen Mainstream seine Talente in den daneben stehenden Papierkorb zu werfen.

Goosen ist allerdings kein Unikat. Überall, in Musik, in der Kleinkunst, in der Literatur und im Kabarett entscheiden sich nicht wenige, die durchaus Gutes in der Vergangenheit hervorgebracht haben, in die Marketingabteilung abgewirtschafteter Regierungen überzuwechseln. Wer beginnt, seine politische Zuverlässigkeit mit nichtssagenden Phrasen belegen zu wollen, ist künstlerisch unweigerlich auf dem Weg nach unten.  

Lovely Rita – der Song ist besser als dieses Buch. Es ist ein trauriges Dokument. Schade, sehr schade. Ich könnte noch in Details gehen. Will ich aber nicht. Es widerstrebt mir zutiefst. Da lese ich lieber etwas von Carl Weissner.   

Ein trauriges Dokument

Der Lebensnerv der Welt

Peter Frankopan, Licht aus dem Osten. Eine neue Weltgeschichte der Welt

Da wir es bis heute gewohnt sind, Atlanten aufzuschlagen, die auf der Weltkarte des Geographen, Philosophen und Kartographen Gerhard Mercators aus dem Jahre 1569 basieren, ist es kein Wunder, dass unser ohnehin verzerrtes Weltbild mit diesem Blick immer wieder untermauert wird.  Denn die Größenordnungen der einzelnen Kontinente fielen in ihrer notwendigen Akkuratesse der Verzerrung zum Opfer, die die Reduktion der Drei- auf Zweidimensionalität geschuldet sind. Und zudem erschien seit Mercator Europa immer als Zentrum der Betrachtung. Der Rest der Welt weiß, dass Europa klein und nicht der Mittelpunkt dieses Planeten ist. Geographisch gesehen, versteht sich.

Die Weltgeschichte einmal aus einem anderen Blickwinkel zu schreiben, und zwar mit der Perspektive aus dem eigentlichen Zentrum ihrer Entstehung, ist dem britischen Historiker Peter Frankopan eindrucksvoll gelungen. In seinem opulenten Werk mit dem Titel „Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt“ beginnt die Geschichte mit dem Beginn der menschlichen Zivilisation im fruchtbaren Halbmond, der Region mit den Flüssen von Euphrat und Tigris. Dass es sich aus europäischer wie amerikanischer Sicht um den Nahen oder Mittleren Osten handelt, dokumentiert bereits das Missverständnis. Denn lange bevor sich in Europa welthistorisch etwas Nennenswertes tat, blühte diese Region und wurde in der gesamten Periode der Menschheitsgeschichte nicht nur zu einem kulturell pulsierenden Zentrum, sondern auch zum Scharnier zwischen Ost und West. Der Welthandel ist bereits seit mehreren Tausend Jahren über diese Region gelaufen, während der Eroberungszüge Alexanders, während Chinas Blütezeit, während der Hegemonie der mongolischen Steppenvölker, zur Zeit des Römischen Reiches, in der venezianischen Epoche, während der Weltkriege. 

Lange bevor die Rohstoffe gefunden wurden, die in der Moderne mit ihrer Industrialisierung so wichtig wurden, ging es um edle Stoffe, Gewürze, raffinierte Substanzen, sie gingen von Ost nach West, die Währungen waren mal Menschen, mal Pferde und mal Kamele, gefolgt von Edelmetallen und Münzen. 

Was besonders beeindruckt und in dem Buch ausführlich dargestellt ist, sind die Folgen, die der Aufstieg Europas durch die Entdeckung von Wasserwegen in verschiedene Regionen der Welt und die Ausbeutung des amerikanischen Kontinents für das eigentliche Zentrum der Zivilisation ausmachten. Die Befähigung der europäischen Welteroberer durch ihre Waffentechnik verursachten ununterbrochene Interventionen in Märkte und Herrschaftsformen. 

In der Neuzeit waren es britische, deutsche, russische und in der Folge Großbritanniens amerikanische Interventionen, die es auf das abgesehen hatte, was als die ökonomische Hauptschlagader der menschlichen Zivilisation bezeichnet werden muss, die Seidenstraße. Wer sich auf der Seidenstraße bewegen konnte, wer dort Handel trieb und Zugriff auf die Güter hatte, die dort lagerten oder geborgen werden konnten, besaß die Macht auf diesem Globus. Folglich ist es mehr als schlüssig, dass ausgerechnet in der Finalisierungsphase der von China finanzierten und administrierten Neuen Seidenstraße die Nervosität in der amerikanischen Machtzentrale so groß ist, dass man glaubt, der wieder einmal aufkommenden Macht China einen Strich durch die Rechnung machen zu müssen.

Das Buch Peter Frankopans informiert über die wechselhafte Geschichte dieser Region, die zu Recht den Anspruch für sich vertreten müsste, das eigentliche Zentrum der Welt zu sein. Und die Konflikte, die immer wieder in kriegerischen Handlungen enden, sind die Rechnungen, die bezahlt werden, weil konkurrierende Imperien das Sagen beanspruchen. Kein Wunder, es geht um den Lebensnerv der Welt. 

Der Lebensnerv der Welt