Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 103. Der Mann im Parka

Er bot der Strömung die Stirn. Immer. Schon in den siebziger Jahren, als viele noch mit einem Parka bekleidet waren. Er trug den zwar auch, aber er blieb dabei. Als die Rebellen sich ihre Formen suchten, fand er seine eigene. Ihm war es fremd, sich einem Dogma zu unterwerfen. Als alle noch dachten, Computer seien Teufelszeug, setzte er, der Soziologe, sich damit auseinander und wurde ein Fachmann. Gefragt von den eigentlichen Profis, wenn die nicht mehr weiter wussten. Er kam dann und löste ihre Probleme. Für sehr viel Geld. Als diese seine Fähigkeiten erkannten und ihn zu kaufen suchten, zeigte er ihnen den Mittelfinger. Er spazierte in den Etagen ein und aus, in denen man maßgeschneiderte Anzüge trug und in handgemachten Schuhen über dicke Teppiche schritt, aber er hatte keine Lust, dort zu verweilen. Mit dem Geld fuhr er in die Welt, aß und trank gut, aber lebte ansonsten einfach. Kein Kontinent, den er nicht wie ein Penner betrat und als geschätzter Gesprächspartner wieder verließ.

Zu Silvester, wenn die Feste gefeiert wurden, pflegte er in die Sahara zu gehen, weil dort die Skyline so prachtvoll sei und er sich Inspirationen holen konnte. In Japan saß er in den Fresstempeln der Sumo Ringer und diskutierte mit ihnen über die Mitte. In Chile kochte er mit den Müttern derer, die nach dem Putsch gegen Allende in den Fußballstadien zu Tode gefoltert wurden. In den USA kannten sie ihn auf jeder Greyhound Station und in den Diners, die sonst nur die Trucker unter sich und vorgehaltener Hand empfahlen. Er tauchte in China auf und hielt vor tausenden wissbegierigen Studenten in einem Fußballstadion einen Vortrag über empirische Sozialwissenschaften. Er verschiffte Jeeps nach Afrika und Taxis in den Libanon. Er reiste nach Kurdistan, als viele noch gar nicht wussten, dass es dieses Volk überhaupt gab. Als Khomeini noch in Paris weilte, pilgerte er nach Teheran und in die persische Wüste. Und natürlich fuhr er mit dem Zug die komplette transsibirische Eisenbahn. Wenn er zurück war, in Deutschland, dann kaufte er sich Festivalpässe. Für den Film, für Jazz und elektronische Musik. Dann war er komplett absorbiert. Der Mann mit dem Parka kannte alles aus diesen Genres. Was es ihm antat, das war immer das Innovative, die Avantgarde, das Unregelmäßige und Rebellische. Er sprach schon von der Verbürgerlichung des Jazz, dem er eine ähnlich verhängnisvolle Entwicklung prognostizierte wie der Oper, als dort die Großen alle noch in der Blüte standen. 

Seine Sprache war ein breiter pfälzischer Dialekt, den er nie ablegte. Sein Englisch war perfekt, nur mit dieser unverkennbaren pfälzischen Intonation. Zwischendurch, wenn er nicht wieder etwas erkunden wollte oder einen dieser kniffligen Jobs machte, von dem das technische Gelingen einer Bundestagswahl oder die Logistik eines Weltkonzerns abhing, räsonierte er über die Zeit, wenn er einmal alt wäre. Mal plante er sein Alter in Japan, natürlich wegen der Spiritualität seiner Bewohner, mal in der Schweiz, wegen der grandiosen Landschaft. Ab und zu wollte er auch zurück in die Pfalz. Jeder, der ihn kannte, verlor ihn immer wieder mal für ein oder mehrere Jahre aus den Augen. Aber wenn er wieder auftauchte, auch im 21. Jahrhundert immer noch im Parka und mit zerschlissenen Jeans, dann griff er in die zeitgenössischen Debatten mit einer Kraft und Präsenz ein, die ungemein inspirierte. 

Allmählich jedoch verschwand er aus den Städten, nur wenige wussten, dass er zurück in das Dorf gegangen war, woher er kam. Und obwohl er erkrankte und die Ärzte ihm geraten hatten, seine Lebensweise umzustellen, ging er seinen alten Gewohnheiten nach, aß zu üppig und liebte den Wein. Die letzten, die ihn sahen, sprachen davon, dass er innerhalb weniger Monate ein alter Mann geworden sei. Grau sei er geworden und am Stock sei er gegangen. Den letzten, zu denen er Kontakt gehabt hatte, erzählte er, er ginge demnächst ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen. Kürzlich wurde er gefunden. Tot in einem leeren Haus. Sein letzter Wille stand auf einem Blatt geschrieben, bitte keine Todesanzeige, keine Zeremonie, nur verbrannt wollte er werden. Diejenigen, die sich von ihm verabschiedeten, spielten schweigend einige Free-Jazz-Platten ab, die neben seinem Leichnam gelegen hatten. Der Mann im Parka wurde 63 Jahre alt.

Der Mann im Parka
Two sad alien creatures sitting on glowing soccer balls with reporters filming them in a neon-lit urban alley

WM 2026 – Die Discounter führten Regie

Es war eine Erlösung. Als das Finale abgepfiffen wurde. Zuviel hatte sich vorher ereignet. Nicht im Sinne des Fußballsports, sondern in Bezug auf seine Inszenierung, Kommentierung und letztendlich auch hinsichtlich der Art, wie das Spiel gespielt wurde und wer sich damit durchgesetzt hat. Um mit dem Sport selbst zu beginnen: Spanien hat sich durchgesetzt und ist Weltmeister, nach 16 langen Jahren der Rekonvaleszenz, was viele vergessen. Da kann man gratulieren. Mehr aber auch nicht. 

Ein kluger Sportjournalist, der die Berufsbezeichnung noch verdient, beschrieb das spanische Spiel als ein Gefängnis für den Gegner ohne sichtbare Gitterstäbe. So kann man es sehen und daran ist Wahres. Mir allerdings scheint die Art und Weise eher dem traditionellen Stierkampf zu entsprechen, weil der Gegner so lange provoziert wird, bis er die Contenance verliert und dann erfolgt der tödliche Stoß. So war es auch diesmal. Es hatte Erfolg. Schön anzusehen ist das nicht.

Ja, aber Argentinien, werden viele einwenden. Ja, Argentinien spielt, wenn es darauf ankommt, immer so. Hart, nahezu kriegerisch. Wer sich über den Auftritt der Mannschaft im Endspiel gegen Spanien aufregte, hatte das Finale 2014 gegen Deutschland vergessen. Da hatte man den deutschen Spieler Schweinsteiger als die zentrale Figur ausgemacht und wollte ihn unbedingt aus dem Spiel nehmen. Und er wurde, weil er das wusste und am Kopf blutend weiter spielte, zum Helden. Er blieb trotz massiver Attacken auf dem Platz und Deutschland wurde Weltmeister.

Wenn ein Torero auf einen Krieger trifft, wird das kein lustiges Bühnenstück. Das Spiel war eine Zumutung für die nicht parteiischen Zuschauer. Genau wie die gesamte Inszenierung. Mit einem Infantino, der dem amerikanischen Präsidenten zu gefallen suchte, einem Trump, der wie ein verwöhntes dickes Kind glaubte, es sei seine Geburtstagsparty und einer Halbzeitshow, die mit dem Attribut einer spätrömischen Dekadenz noch wohlwollend beschrieben ist. Der ganze Rotz, von den Eintrittspreisen bis hin zu den abgetakelten Showgrößen, auch noch eskortiert von übergewichtigen ehemaligen Idolen des Genres in leuchtender Ballonseide bis hin zu dem ganzen Schmu zum Schluss – das Spektakel war ein Debakel für den Sport.

Und bleibt man bei der These, dass ein Konnex zwischen Fußball und Politik existiert, dann war das ein Trauerspiel für den europäischen Kontinent, auch wenn, oder gerade weil Spanien, das Land, das sich bei der europäischen Einhelligkeit einen eigenen Standpunkt zutraut, den Titel holte. Der Rest scheiterte früh oder spektakulär, Köpfe rollten und Feindbilder wurden bemüht. Der globale Süden reüssierte weiter, noch hat es nicht gereicht, aber die Prognose ist berechtigt, dass der Tag nicht mehr in so weiter Ferne liegt.

Die mediale Performance passte zum Gesamtzustand. Viel Geschwätz, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und eine mächtige Kohorte von Besserwissern, die nie in der Verantwortung standen. Ach ja, auch Sündenböcke gab es en bloc, und da waren sich die Finalisten von 1966 wieder einmal einig, denn bei diesem Geschäft, bei der Suche nach Sündenböcken und der Verbreitung nationalistischer Hetze konnten die englischen wie deutschen Boulevards wieder glänzen.  

Was bleibt? Eine Tartan Army und norwegische Fans, die jenseits der Spiele amerikanische Herzen eroberten, scheidende Helden in Tränen, Tränen des Abschieds, Tränen in der Niederlage und Tränen der Freude, 2, 3 wirklich spektakuläre Spiele, hohe Umsätze, die Kassen klirrten, von der Substanz jedoch wenig Neues. Die Discounter führten Regie.

Die Discounter führten Regie
Crowd at a neon-lit nightclub with a large elephant decorated in glowing neon patterns

Der Elefant im Raum

Ein als österreichischer Aktivist auf den Suchmaschinen Bezeichneter fordert auf einem aufwendig gestalteten Plakat dazu auf: „Make Kaliningrad Prussia again!“ Das ein österreichischer Tollkopf für preußische Imperialträume wirbt, ist eine zu vernachlässigende Kuriosität. Dass er diesen beabsichtigten Kriegseintritt gegen Russland mit den Logos von NATO und EU garniert, muss auch nicht verwundern. Denn, und das an alle, die weiterhin mit psychopathischer Energie verweigern, den Elefanten im Raum zu sehen: Im Krieg mit Russland sind beide Organisationen längst. Und worin die Träume bestehen, ist ebenso offensichtlich. Offen sprechen das feminine Konsortium in Brüssel wie der Berliner Lügenbaron und so manche Schranze aus der Fraktion seiner Partei von dem Ziel einer russischen Kapitulation. Diese ist nur durch einen heißen Krieg und durch eine Invasion Russlands zu erreichen. Oder hat schon einmal ein Land kapituliert, das nicht besetzt war? 

Und wer glaubt, vor allem aus dem Lager des Post-Heroismus, man können mal eben in Russland einmarschieren und das Land in die Knie zwingen oder man könne es, so die andere, immer wieder zu hörende Variante, es so schädigen, dass die russische Bevölkerung ihre Regierung stürzen würde, bezeugt zweierlei: erstens überschätzt er den mentalen Kriegswillen der eigenen Bevölkerung. Die große Mehrheit will weder Krieg noch die Unterwerfung Russlands. Das mögen die Kommentare auf manchen Zeitungsportalen suggerieren, es hat aber weder etwas mit dem Willen der Bevölkerung zu tun noch mit der mentalen Fähigkeit, einen Krieg zu führen.  

Die zweite Misskalkulation besteht in der Einschätzung der russischen Befindlichkeiten. Ein Volk, das auf zwei große Invasionen in zwei auf einander folgenden Jahrhunderten zurückblickt, die beide mit astronomischen Verlusten abgewehrt wurden, lässt sich nicht von Revanchisten dieser missglückten Attacken aus der Ruhe bringen. Erfolge zu hohem Preis steigern Selbstbewusstsein und Entschlossenheit. Der einzige Druck, der momentan in Russland aufgrund der zunehmenden Kriegsbeteiligung von NATO und EU steigt, ist der, der dazu auffordert, mit wesentlich härteren Schlägen zu antworten. Selbst diejenigen, die anfänglich kritisch von einem Bruderkrieg sprachen, fordern jetzt laut, die Ukraine in Gänze aus dem Spiel zu nehmen. 

Die Kretins, und anders kann man sie nicht bezeichnen, die tatsächlich glauben, in einem Krieg die Oberhand gewinnen zu können, werden noch unterstützt von irgendwelchen Experten, die genau das soufflieren, was sie hören wollen. Das Spektakel könnte man sich sparen, es sei denn, man meinte, irgendwelche Textgeberinnen mit schönen roten Haaren könnten die Bevölkerung in einen anti-slawischen Blutrausch versetzen. Aber auch das ist falsch. Genauso falsch wie das gesamte Kalkül.

Lediglich im transatlantischen Imperium ist man tatsächlich an einer Fortsetzung wie Eskalation interessiert. Die Schwächung Russlands und seine Trennung von Europa liegen im Interesse einer alten Doktrin, die bis aufs Britische Empire zurückgeht. Der Niedergang vor allem der deutschen Industrie wird quasi als Extra mitgenommen und die Waffenkäufe sind ein weiteres, gern gesehenes Topping.

Bleibt der Elefant im Raum. Und es stellt sich die Frage, wie die durch Angst und Willenlosigkeit geprägte Verwüstung in Köpfen wie Herzen eines einstigen globalen kulturellen Zentrums wieder in Ordnung gebracht werden kann? Betrachtet man wie die Kohorte, die einmal als das intellektuelle Substrat einer Nation oder gar eines Kontinent bezeichnet werden konnte, in das militaristische Gebelle einfällt, dann ist es kein Zufall, dass einem in diesem Zusammenhang der erste Satz einer Kurzgeschichte aus lichteren Tagen in den Sinn kommt: Der Morgen begann mit einer Schusswunde!

Der Elefant im Raum