Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Person on balcony overlooking crowded neon-lit city street at night

Gratismut und Hysterie

Wehe, in den Vereinigten Staaten von Amerika passiert ein Unrecht! Oder in Russland! Oder in der Türkei! Sage niemand, da seien keine aufrechten Leute hierzulande, die nicht aufstünden gegen das Unrecht in der Welt. Die sich nicht ad hoc einig wären, wenn da auf amerikanischen Straßen ein Mensch dunkler Hautfarbe massakriert wird. Oder ein russischer Oppositioneller in einem Lager verschwindet und dort plötzlich verstirbt. Oder ein türkischer Journalist von der Straße weg verhaftet wird. Gott sei Dank leben wir in einem Land, in dem die Demokratie lebt und es eine Zivilgesellschaft gibt, die dafür sorgt, dass das Unrecht in der Welt nicht unbemerkt bleibt. Oder?

Andererseits existieren große Zonen des Schweigens. Wenn in Palästina die Bevölkerung in einem Verhältnis von 1:70 bis 100 für einen Terroranschlag bezahlen muss. Wenn ein souveränes Land wie der Iran ohne UN-Beschluss von amerikanischen und israelischen Bomben heimgesucht wird. Wenn Hunderttausende im Libanon vertrieben werden. Wenn in Venezuela ein Staatsoberhaupt durch das Sonderkommando eines anderen Staates entführt wird. Oder wenn ein ukrainischer Staatspräsident Brigaden seiner Armee ehrt und auszeichnet, die sich auf faschistische Traditionen berufen und in deren Namen im benachbarten Polen unzählige Juden und andere polnische Staatsbürger gemeuchelt wurden. Oder wenn hierzulande Preise verliehen werden an Personen, die ethnische Vorurteile zur Kriegsvorbereitung pflegen, oder Auszeichnungen vergeben werden an mittlerweile eine große Anzahl anderer Hetzer. Oder sogar, wenn Kriegs- und Militäremissionen nicht in den kritischen Bilanzen über das Weltklima auftauchen. Die Liste ist länger als die, in der die Ereignisse aufgeführt sind, die zur Empörung führen. Oder?

Um das Phänomen, in dem sich dieses Land mental befindet, treffend zu beschreiben, braucht man nicht unbedingt eine Fußballweltmeisterschaft. Obwohl diese wieder einmal sehr deutlich gezeigt hat, wie es steht um die Resilienz, wenn man auf Widerstand stößt. Schön spielen kann jeder. Auch die so genannte und längst instrumentalisierte Zivilgesellschaft. Aber, was ist, wenn man mit Konsequenzen rechnen muss? Wenn man in der Zeitung liest, dass das ach so demokratische Gemeinwesen Menschen, die sich kritisch äußern oder Widerstand leisten, sehr schnell als Knechte Putins, als Trumpisten, als Antisemiten oder Extremisten bezeichnet und gebrandmarkt werden, während zur gleichen Zeit von offizieller Seite ein Feindbild das andere jagt, ein Ressentiment das andere ablöst und eine dreiste Lüge den Staffelstab von der anderen übernimmt. Oder Zeitungsmonopole unbehelligt hetzen können wie einst der nazistische Stürmer? Und, auch das häuft sich, wenn so genannten Delinquenten und Feinden unserer längst im Tagesgeschehen vernichteten Werte die Bankkonten gesperrt und sie wirtschaftlich ruiniert werden sollen? 

Dann beginnt die Angst zu wirken. Und dann besuchen viele die Wohlfühlzone der akzeptierten Kritik, die immer auch ihren Gegenstand in Verhältnissen hat, die weit weg sind. Auf die Idee, dass viele der existierenden Missstände, die nichts mehr mit Demokratie und einer wohl verstandenen Zivilisation gemein haben, etwas zu tun haben könnten mit den eigenen Handlungen, die schlicht dreist und imperialistisch angelegt sind, auf diese Idee darf niemand kommen. Sonst wartet die Inquisition.

Da richtet man sich doch mit dem ein, was sich hinter dem neuen Begriff des Gratismutes verbirgt. Den Mund aufmachen, wenn es die Demagogen und Kriegstreiber nicht stört. Und schweigen, wenn es brenzlig zu werden droht. Eine Gesellschaft, in der dieses Prinzip herrscht, hat ihr Fundament längst verloren. Da wartet nur noch Massenhysterie und der mentale Zusammenbruch. 

Gratismut und Hysterie

Ostenmauer – 100. Von Wölfen und Schafen

Man sagt nicht zu Unrecht den Javanern nach, dass sie die Meister des Lesens von Zeichen, Symbolen und Gesten sind. Es versteht sich von selbst, dass sie ihrerseits diese Sprache beherrschen wie kaum jemand sonst. In meiner Zeit dort kam ich zuweilen aus Besprechungen, deren Verlauf wie Ergebnis ich kaum verstanden hatte. Da waren Gesten und Anspielungen, die nur von denen erfasst werden konnten, die das ganze Konvolut der nonverbalen Kommunikation beherrschten. Es erforderte einen jahrelangen Lernprozess, um in die Nähe dessen zu kommen, was man Verständnis nennt. 

Und nicht selten muss ich an diese Zeiten denken, wenn ich unsere hiesigen Formen der Kommunikation betrachte. Da ist wenig von der sublimen Codierung, die vor allem verhindert, dass Menschen brüskiert oder bloß gestellt werden. Sie bewerkstelligt, dass alle, die den Code beherrschen, wissen, worum es geht, dass aber niemand sein Gesicht verliert. Manchmal glaube ich sogar, dass letzteres hier und in unseren Tagen das exklusive Ziel dessen ist, was den hochtrabenden Namen der Kommunikation trägt. Aber letztendlich nichts anderes als eine ungezogene Form der Beleidigung darstellt.

Und vieles von dem, was sich hier ereignet, würde von den bewunderten wie zitierten Javanern anders gelesen und verstanden, als es den hiesigen Kommunikanten bewusst wäre. Gestern noch musste ich daran denken, was wohl im Lande der Gesten und Symbolik an Entschlüsselung parat wäre, wenn man sähe, dass sich das höchste politische Gremium des Landes mit der Frage beschäftigte, wie und wann es erlaubt sei, Wölfe zu schießen, um die vielen Herden der Schafe zu schützen. Und zu beobachten, mit welcher Verbissenheit die Diskussion geführt wird. Als ginge es nicht nur um Leben und Tod von Schafen oder Wölfen, sondern um das Schicksal einer ganzen Nation. Um dann festzustellen, dass sich hinter den vermeintlichen Fronten derer, die die Schafe und derer, die die Wölfe schützen wollen, zwei gesellschaftliche Archetypen verbergen. 

Ganz genau! Die der Wölfe und die der Schafe. Derer, die etwas reißen wollen und derer, die sich bedroht fühlen und geschützt werden müssen. Und hätten sie, die Javaner, nicht recht, wenn sie es so sähen? Ist das nicht das, was sich hinter dieser hitzigen Diskussion in Wahrheit verbirgt? Ist es nicht tatsächlich ein Showdown zweier psychologischer Typen? Und wenn ja, ist es nicht der Schlüssel, um in die Diskussion ein wenig Verstand und Ratio zu bringen? 

Wie schön wäre es und wie gerne würde ich diese Frage mit meinen ehemaligen javanischen Kollegen erörtern! Was kämen dabei für tiefe Erkenntnisse heraus! Es wäre eine großartige Gesellschaftsdiagnose. Ein Befund, der uns hier so schrecklich fehlt. Das Wissen um die Erfordernisse und Ängste! Eine Vorstellung davon, wie groß das Risiko tatsächlich ist, wenn man etwas wagt. Und eine reale Bilanz dessen, was tatsächlich geschieht, wenn man sich meckernd im Pulk in die Ecke drängt und zitternd auf eine Instanz wartet, die einen von allem erlöst. 

Aber was rede ich! So, wie die Debatte verlief, kann der Eindruck entstehen, als seien  wir ein Volk von Schafen, das in allem die tödliche Gefahr lauern sieht. Und ein Land, in dem die Wölfe keine Lobby haben. In übertragenen Sinne, versteht sich. 

Von Wölfen und Schafen
Six men in matching dark sportswear sitting on opposite seats inside a train, neon cityscape visible through a rain-speckled window.

WM 2026 – Wenn der Mob die Taktik bestimmt…

Die Wahrheit schmeckt umso bitterer, je mehr sie fest Geglaubtes und als unumstößlich Geltendes außer Kraft setzt. Dass die großen Tugenden und Glücksbringer der deutschen Nationalmannschaft seit mittlerweile 12 Jahren auf dem großen Weltturnier nicht mehr zur Geltung kommen, hat verschiedene Gründe. Spiel wie Spielertypus haben sich verändert und der Druck, der durch so etwas wie eine medial erzeugte Öffentlichkeit entstanden ist, zerpflückt die Entität derer, auf die es ankommt. Das gab es historisch schon einmal, 1994, ebenfalls in den USA, als aus dem Team heraus und unter Mithilfe einer Ikone des deutschen Fußballs die Glaubwürdigkeit des damaligen Trainers zerstört wurde. Das war jetzt auch der Fall und ging noch weiter. Es wurden Nominierungen und Aufstellungen aufgrund des äußeren Drucks bewirkt, die allerdings nicht die erhofften Erfolge brachten, wobei die massenhaften Fürsprecher wiederum exklusiv den Trainer dafür verantwortlich machten. So geht das Spiel, das auf keinen Fall zum Erfolg führt. Wer sich von einem gehässigen Laienorchester in seiner Taktik beeinflussen lässt, hat die Rückfahrkarte bereits gebucht. Wenn der Mob die Taktik bestimmt, hast du verloren.

Was auf der damit angesprochenen Seite noch auffiel, war der Ton, in dem die öffentliche Debatte geführt wurde. Lässt man sich die vielen Statements und Kommentare auf der Zunge zergehen, nimmt etwas Abstand und versucht es emotionslos zu beschreiben, dann hatten und haben wir es mit einer Öffentlichkeit zu tun, die mental am Boden liegt, von Defätismus durchdrungen ist und sich durch das Versprühen von Gift Erleichterung zu verschaffen sucht. Wer glaubt, dadurch die Anstrengungen derer, die in der Verantwortung stehen, unterstützen zu können, hat komplett den Verstand verloren. Aber, und das ist eine weitere bittere Wahrheit, es ist auch nicht das Ziel. Wir befinden uns bereits auf dem Feld der exklusiven Zerstörungswut.

Dass, auch das sollte nicht aus den Augen verloren werden, die vermeintlich leichten Gegner nicht mehr behandelt werden können wie vom eigenen Hof aus administrierte Bananenrepubliken oder Reisplantagen, ist bereits ein Ergebnis, das sich im gegenwärtigen Stand des Turniers manifestiert hat. Viele ihrer Führungsspieler haben in den Zentren der Welthegemonie gelernt und sind dabei, das Niveau in den einstigen Provinzen zu heben. Da wird noch mehr kommen, denn die alte Ordnung ist erheblich ins Wanken geraten.

In Deutschland sind die bereits beschriebenen mentalen Defizite benannt. Es soll nicht unerwähnt bleiben, auch wenn das in dem Lamento über das Aus zumindest medial untergehen wird, dass die auf dem Turnier gesetzten Spieler hoch qualifizierte Repräsentanten ihrer Zunft sind. Sie konnten ihr Potenzial nur nicht zur Geltung bringen. Auch darin spiegelt sich der Konnex zum gesellschaftlichen Leben. Die medial dominierte Welt, die durch den Einsatz unzähliger Kretins, die als Experten bezeichnet werden, zu einem Desaster nach dem anderen führen, verdrängt die tatsächlich vorhandenen Stärken und Potenziale aus dem Bewusstsein und nährt somit den Defätismus. 

Was dieses Orchester noch kann und wozu es bereits wenige Stunden nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft aufspielt, ist die Zeichnung von Sündenböcken und die Produktion von Feindbildern. Das ist die eingespielte Vorgehensweise, die die Politik in diesem Land seit einiger Zeit prägt und die zu hohen Verlusten und zahlreichen Niederlagen führt. Es fehlt nicht an Technik, nicht an Finesse, nicht an Können und nicht an Wissen. Es herrscht der Dilettantismus, und der macht das alles zunichte. Ordnung und Verantwortung sind nicht gefragt. Soviel zum nächtlichen Ausscheiden.

Fortsetzung folgt.

Wenn der Mob die Taktik bestimmt…