Archiv der Kategorie: food for thought

Breakfast tray with coffee, granola, flowers, book, and glasses

Von Frikadellen und mentalen Gefängnissen

Der italienische Autor Alessandro Barrico hat bereits vor einigen Jahren in einer bemerkenswerten Artikelserie in der Zeitschrift La Repubblica das Wesen des digitalen Zeitalters sehr virtuos dechiffriert.  Eine der Aussagen, die bereits heute zum Gemeinwissen derer gehören, die sich mit diesem weitreichenden Paradigmenwechsel beschäftigen, ist die, dass eine der Hauptströmungen der Digitalisierung die vom Wesen zur Oberfläche ist. Und, das gehört zu dieser Tendenz, dass nicht Kern und Charakter im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, sondern das Arrangement. Was sich zunächst eher abgehoben anhört, unterlegt Barrico in seinen Essays mit wunderbaren Beispielen. Um einen Wink zu geben: War im analogen Zeitalter die Qualität der Frikadelle entscheidend, so sind es heute die Burger-Beilagen. Wer sich dafür interessiert, dem seien die beiden als Bücher erschienen Textsammlungen wärmstens empfohlen (Die Barbaren und The Game).

Die Thesen von Barrico seien übernommen bei der Betrachtung der so bewegenden politischen Entwicklungen, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben. Der große Strukturwandel in der Ökonomie wie die Erosion der als gesetzt geglaubten geopolitischen Ordnung versetzen vor allem die Gesellschaften, in denen wir leben, in große Aufregung. Das, was gestern noch als gesellschaftlich akzeptierte Usance als völlig normal galt, wird plötzlich als nicht mehr angemessen betrachtet und alte, bekannte Weltbilder erodieren in rasantem Tempo. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich und archaisch. Während die einen an dem Eingeübten festhalten, machen sich andere auf die Suche nach neuen Betrachtungs- und Verhaltensweisen. Was allerdings nahezu kollektiv gelernt wurde, ist die oben erwähnte Abkehr vom Wesen und die Zuwendung zur Oberfläche. 

Dass sowohl die politische Klasse als auch die sie begleitende Kommunikationsindustrie sich nahezu exklusiv auf der Oberflächenebene befinden, ist aus der aktuellen Entwicklung in der Politik deutlich zu sehen. Angesichts der jüngsten Wahlergebnisse, die einen bereits in den USA und in Ländern der EU seit einiger Zeit vorherrschenden Trend nachvollziehen, ist die Suche nach einer Erklärung verständlich. Allerdings ist, zumindest aus dem erwähnten Lager, nichts dergleichen in Sicht. Man streitet sich über Bilder, Zitate und Ereignisse in der eigenen Sphäre, ohne die gesellschaftliche Komplexität im Blick zu haben. Angesichts des besonders von der ratlosen politischen Klasse immer wiederholten Mantras, dass die Bevölkerung die Komplexität der Entwicklung nicht verstehe und deshalb die Tendenz so ist, wie sie ist, fällt sie selbst in das Loch der Unterkomplexität. 

Die Assimilation der politischen Parteien mit den Vorstellungen einer urbanen Mittelstandsklasse hat dazu geführt, dass die gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisse aus dem Blick geraten sind. Eine Gesellschaft, die durch zunächst die Globalisierung und dann das freie Spiel der Kapitalverwertung ohne einen gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit und den Status eines wie auch immer definierten Gemeinwohls nackt und zitternd im Wind steht, sehnt sich nach anderem als  exklusiv den Börsennotierungen. Die immer wieder so gepriesene demokratische Mitte ist genau das mentale Gefängnis, das daran hindert, einen befreienden Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Gesellschaft zu bekommen. 

Und, unabhängig davon, welcher der zumeist kriegerisch eskalierten Konflikte auch von Politik und Presse „analysiert“ wird, man schlittert auf der Oberfläche herum und verweigert jede Form der Ahnung von deren Wesen. Das ist manipulativ bequem, in Bezug auf einen notwendigen Politikwechsel allerdings ein Fiasko.

Von Frikadellen und mentalen Gefängnissen
Protesters outside a palace hold signs reading “POWER TO THE PEOPLE,” “VOTED OUT BY THE PEOPLE,” “DISMISSED!,” “WE THE PEOPLE,” “YOUR TIME IS UP,” and “NO RECLAIMING OUR PARLIAMENT.”

Die Abwahl des politischen Establishments

Wer, außer denen, die die Politik machen, liefert eigentlich die dazu gehörigen Informationen und versucht sich an Interpretationen? Die aktive Seite der Politik lässt sich relativ leicht quantifizieren. Man rechne allein die Mandatsträger der Republik zusammen. Bundestag, Landtage, Kreistage, Gemeinderäte etc. und man käme zu einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Vertreterinnen und Vertretern des so genannten Volonté générale. Es sind ca. 200.000! Diese 200.000 werden in der Regel von sehr wenigen Protagonisten repräsentiert, die durch Amt und Bedeutung und zuweilen auch durch ihr Mundwerk prädestiniert sind. Das, was die insgesamt große Kohorte an Erfahrungen sammelt und mit welchen Verhältnissen sie sich auseinanderzusetzen hat, wird durch diese Auswahl nicht repräsentiert.

Setzt man die „Informanten“ und Diskutanten von Presse, Funk und Fernsehen dagegen, vor allem die, die ständig auf den großen Plattformen zu registrieren sind, handelt es sich um eine verschwindend kleine Zahl. Man sehe sich nur das immer wieder eingeladene Personal bei den Lanz, Mioskas, Illners oder Maischbergers an. Geschätzt sind es vielleicht 100 Figuren, die die Interpretation von Politik vornehmen und sich an der gerne angestellten Spekulation über Trends verlustieren. Legitimiert hat sie weder der Souverän noch irgendwelche nachvollziehbare Qualitätsmerkmale. Und, das die größte Irritation, in diesen Formaten findet der Souverän allenfalls als im Vorfeld überprüftes Publikum statt. Als Fragender, Mahnender und Fordernder nie! 

Der Disproporz zwischen Wahlvolk, Mandaten und „Einordnern“ hat zu verschiedenen Brüchen geführt, unter denen die politischen Systeme in der westlichen Hemisphäre gegenwärtig beträchtlich leiden. Zum einen sind die sichtbaren Vertreter auf der großen Bühne, sowohl was ihre konkrete Politik als auch was ihren Habitus betrifft, weit entfernt von dem Verständnis, das ursprünglich ihr Dasein definiert hat. Sinn der Beziehung von Souverän und Mandat ist die treuhänderische Vertretung von Interessen. Und betrachtet man die Äußerungen von Politikern der ersten Reihe, die unabhängig von dem, was die Wählerinnen und Wähler wollen, handeln, damit begründen, weil sie höhere Einsichten besitzen, dann wird deutlich, was mit dieser Entfremdung gemeint ist.

Aber auch die Kommunikation von Politik ist Bestandteil eines demokratischen Systems. Und das dort präsente Ensemble geriert sich zumeist noch schlimmer als fehlgeleitete Politiker. Moderatoren mit Gehältern, die doppelt und dreifach so hoch wie die eines Bundeskanzlers sind, laden Gleichgesinnte in ihre Shows, die exklusiv durch ihren Standpunkt, aber nicht durch nachprüfbare Expertise ausgewählt werden. 

Das alles führt zu einem chronischen Entsetzen auf Seiten der Bevölkerung und hat sich mittlerweile zu einem Trend etabliert, der schlichtweg zur sukzessiven Abwahl des politischen Establishments führt und, hier in Deutschland, zu der Forderung nach der Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehwesens gediehen ist. Bis auf diese Ausnahme ist die Entwicklung in nahezu allen westlichen Demokratien zu verzeichnen. 

Dass diejenigen, die zu Recht mit dem Verlust ihrer Mandate rechnen müssen, diese Tendenz nicht gutheißen, ist nachvollziehbar. Und dass sie mit allen Mitteln dieses Schicksal abwenden wollen, auch. Deshalb werfen sie auch mit ausgrenzenden Bezeichnungen auf, die davon profitieren. Welche Qualität da profitiert, ist, für die, die der schlechten Politik und der Arroganz der gegenwärtigen Protagonisten überdrüssig sind, aktuell nicht die Frage.  

Bei allem, was sich zur Zeit ereignet, ist gut beraten, wer sich nicht in die hirnlosen und verzweifelten Diskurse begibt, sondern mit überlegt, was erforderlich wäre, um dem Souverän seine Stimme zurück zu geben und seine Interessen zum Zentrum der Handlungen zu machen. Das wiese nach vorne. Dass ein Establishment in den Wald geschickt wird, sollte niemanden bekümmern. 

Die Abwahl des politischen Establishments
Business Portfolio Classification Scheme: Milk Cows—stable income, low growth; Race Horses—high growth, high potential; Lame Ducks—low growth, low return; Starving Dogs—low return, negative growth; axes show market growth rate and relative market share.

Eine Route ins Nirvana?

Vor langer Zeit machte ein Denkbeispiel einer amerikanischen Unternehmensberatung, genannt Boston Consulting, von sich reden. Es galt als einfach, gut durchführbar und generell praktikabel und wurde deshalb auch schnell von vielen Unternehmen und Organisationen adaptiert. Es hatte den schlichten Titel „Portfolio-Analyse“. Derartige Werkzeuge existierten vorher, aber keines war so einfach und plakativ. Es hantierte mit Begriffen, die sprichwörtlich jedes Kind kennt und deshalb war die Attraktivität besonders groß. Lediglich diejenigen, denen die Komplexität als das Nonplusultra galt, wandten sich diesem Tool nicht zu.

Die Portfolio-Analyse der Boston Consulting arbeitete lediglich mit vier Kategorien, unter die das, was eine Organisation machte, zugeordnet werden mussten. Sie lauteten: Milchkühe, lahme Enten, sterbende Hunde und Rennpferde. Mit Milchkühen waren die Dienste, Leistungen und Produkte einer Organisation gemeint, für die der Erfolg stand, mit denen man von Partnern und Kunden identifiziert wurde und die auch das einspielten, was den Laden am Laufen hielt. Die lahmen Enten waren Leistungen etc., die man zwar für gut erstrebenswert und notwendig hielt, die aber nicht in der Qualität existierten, die notwendig war, um sie zu Milchkühen gedeihen zu lassen. Die sterbenden Hunde wiederum waren Produkte und Tätigkeiten etc., die eigentlich nichts brachten, aber Aufwand bedeuteten und von denen viele nicht einmal wussten, warum man so etwas noch betrieb. Bei der vierten Kategorie, den Rennpferden, handelte es sich um Felder der Zukunft. Dinge, mit denen man angefangen hatte, die sich auf zukünftige Erwartungen bezogen, in die noch gewaltig investiert werden musste. 

Diejenigen, die sich dafür entschieden, dieses Schema anzuwenden, kamen relativ schnell zu einer für die jeweilige Organisation nutzbringenden Strategie. Die Folge war, dass diese Portfolio-Analyse dann in bestimmten Zeitabständen wiederholt wurde. Die Kritiker, die das alles als alberne Vereinfachung bezeichneten, mochten mit anderen Kriterien arbeiten, von praktikablen Strategien waren sie zumeist weit entfernt. Das große Asset der Bostoner Methode bestand darin, dass diejenigen, die die Verantwortung trugen, sich selbst an die Arbeit machten und die Entscheidungen trafen.

Vielleicht ist die große Zeit der Strategieentwicklung vorbei, es scheint zumindest so. Und bis heute existiert kein Argument gegen die Anwendung dieses Modells auch auf die politischen Strategien eines Landes. Man stelle sich vor, man folgte der Überlegung, welche Stärken, Leistungen, Produkte, Zustände als die Milchkühe dieses Landes bezeichnet werden könnten. Man würde sich an die Arbeit machen, die lahmen Enten zu beschreiben, d.h. alles, was notwendig ist, aber nicht in der erforderlichen Qualität vorliegt. Und welchen sterbenden Hunden man Geld und Zeit hinterherwürfe, ohne zu wissen, was das eigentlich noch an Nutzen produziert. Und letztendlich, sich zu überlegen, wie die Rennpferde, sprich die Leistungen, die der Zukunft entsprechen und sie sichern, zu beschreiben sind. 

Sicher ist, dass vieles, was derzeit geschieht mit allem Möglichen korrespondiert, nur nicht mit einem erkennbaren Portfolio und dessen strategischem Charakter. Eine solcher Befund ist keine Seltenheit. Deshalb ist die Anwendung z.B. der hier beschriebenen Methode immer wieder mal erforderlich. Angesichts der gut begreifbaren Kategorien dieser Methode manifestiert sich aber auch, inwieweit das gesamte Land sich auf einer Route bewegt, die ins Nirvana führt. Man könnte auch Ödön von Horváth zitieren: Ich gehe, und weiß nicht wohin, mich wundert, dass ich so fröhlich bin!  

Eine Route ins Nirvana