Archiv der Kategorie: food for thought

Two bears playing chess in a cabin and two clowns gambling at a casino table

In Moskau spielt man Schach!

Manche lernen aus der Geschichte und andere wiederum nicht. So, wie es sich darstellt, leben wir in einem Land, in dem sich die Erkenntnisse, die der fatale Verlauf der Vergangenheit angeboten hat, nicht haben durchsetzen können. Zwar herrscht eine bei jeder Angelegenheit platziertes Mantra des „Nie wieder!“, was jedoch nicht davon abhält, hier und da jenseits der medialen Aufmerksamkeit immer wieder mit Faschisten herum zu kumpeln, wie das bei der Zerschlagung Jugoslawiens der Fall war und nun in der Ukraine. Oder beim regelmäßigen Bruch des Völkerrechts aus den eigenen Bündnissen das Schweigen vorzuziehen, genauso wie bei Masskern an Zivilbevölkerungen. Vielleicht hatte Henry Kissinger bereits 1961 in einem Memorandum an den damaligen US-Präsidenten Kennedy recht, als er Deutschland als Kandidaten für einen kollektiven Nervenzusammenbruch charakterisierte. Zwei verlorene Weltkriege, eine gescheiterte Revolution und ein geteiltes Land, so der im Frankenland Aufgewachsene, müssten über kurz oder lang zum nervlichen Breakdown führen. Zu den Kalamitäten sind inzwischen noch andere hinzugekommen, und wir sind, so sieht es aus, hier und heute Zeugen des prognostizierten Nervenzusammenbruchs.

Und was das Lernen aus der Geschichte anbetrifft, einmal abgesehen vom Faschismus und seinen Folgen, so ist etwas, das die meisten noch miterlebt haben, wohl das schlimmste Kapitel. Das endgültige Ende der Sowjetunion wurde unter anderem maßgeblich verursacht durch das von USA und NATO betriebene Wettrüsten. Es verschlang in der Sowjetunion die meisten Ressourcen und band die besten Produktivkräfte, was zu einer ökonomischen und dann mentalen Erschöpfung führte. 

Betrachtet man die Entwicklung, in der wir uns seit der russischen Militärintervention in der Ukraine befinden, dann gleicht das, wozu sich vor allem die EU und ihre Mitglieder entscheiden, genau dem, was die UdSSR in die Knie gezwungen hat. Alles fließt in eine Art der Hochrüstung, die zudem keine technologische Zukunftsprognose zulässt. Der westeuropäische Westen verbrennt Geld und Produktivkräfte, er versäumt technologische Revolutionen und er schröpft seine Bevölkerungen. Während die Legitimation der Regierungsführung massiv leidet und die Effizienz durch eine sich epidemisch ausbreitende Bürokratie erstickt wird, gerät das politische System in eine substanzielle Krise.  

Es sieht zunehmend so aus, als hätte Russland aus dem dramatischen Niedergang der Sowjetunion nicht nur gelernt, sondern dass es die daraus gewonnene Erkenntnis dazu genutzt hätte, dem Westen dieselbe Falle zu stellen. In Moskau spielt man Schach! Und sieht man sich die Rüstungsinitiativen hierzulande genau an, dann gleichen sich die Entwicklungen tatsächlich. Die EU, die sich rasant zu einem ökonomischen Kriegsbündnis gemausert hat, ähnelt nach innen zunehmend der paralysierenden Bürokratie der späten UdSSR. 

Stimmen aus dem Inneren des eigenen Hauses, die diese Analogie herstellen, sind selten, und werden natürlich von den Profiteuren der Rüstungskonjunktur nicht gerne gehört. Stattdessen tobt ein lancierter Diskurs, wer denn von den politischen Akteuren zur liberalen Mitte gehört. Ein kleiner Hinweis: eine Systemkrise mit systemimmanenten Mitteln lösen zu wollen, ist eine armselig dumme Vorstellung. Was Deutschland und der westliche Teil Europas brauchen, sind radikale Eingriffe in das politische System. Wenn die gesamte politische Klasse in derartig evidente Fallen tappt, ist mit Reförmchen und Personenkarussells nichts, aber auch gar nichts zu gewinnen. Der schnelle Tod kommt mit dieser Illusion. Der Westen spielt Vabanque! 

In Moskau spielt man Schach!
Older man and woman drinking tea at a table contrasted with young man and woman working on laptops in a café

Der Herbst hat auch noch schöne Tage!

Das Schicksal kann einem schon schlecht gesonnen sein. Da ist man in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts politisch sozialisiert worden und wird plötzlich mit den Herausforderungen, die das neue Jahrtausend mit sich bringt, brutal konfrontiert. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die Lebensweise der Menschen hat sich verändert, angefangen von der Art, sich zu ernähren bis hin zur Einstellung zur Arbeit. Die Arbeit selbst wurde mittlerweile revolutioniert, in ihr wird mit Techniken gearbeitet, die einmal als utopische Phantasien galten. Die Vorstellungswelten der Menschen, die mit ihnen arbeiten, haben sich ebenfalls geändert.  Das Sein, zumindest das konnte man bereits vor langer Zeit lernen, das Sein bestimmt nun einmal das Bewusstsein. Das Wandeln auf der Oberfläche ersetzte den Drang nach Tiefe. Die Rollen der Geschlechter haben sich ebenfalls geändert. Und mit diesem Wandel kamen andere gesellschaftliche Prioritäten zum Vorschein. Die Beziehungen wurden wichtiger als die Ergebnisse.  Der immer mehr zur Vollendung drängende Individualismus hat das Denken in gesellschaftlichen, kollektiven Zusammenhängen ersetzt.

Die Welt insgesamt hat neue Konturen bekommen. Die einstigen Verbündeten sind zu knallharten Konkurrenten mutiert, die, mit denen man meinte auf einer rationalen Ebene auszukommen, stehen in einem vermeintlich feindlichen Lager. Die große Utopie der engen Freunde, sich zusammen zu einem gedeihlichen Ganzen zu entwickeln, ist zu einer martialischen, zuchtmeisterlichen Administration degeneriert. Das Volk, der Plebs, der Mob, der Souverän, je nach Tageslaune und Betrachtungsweise, ist über alles informiert oder falsch gefüttert, ganz nach Sichtweise und, schlimmer noch, der gibt auch noch zu allem seinen Senf dazu. Und die Kodizes, die einmal in der Kooperation über so elementare Dinge wie die Diskretion bestanden, gelten nicht mehr. Jeder Flatulenz wird durchgestochen an die Megaphone der medialen Geschwätzigkeit.

Was, so fragen sich die Führerinnen und Führer der Geschäfte, ist noch machbar, welche Utopie ist noch angebracht, mit wem lässt sich noch zusammenarbeiten und welche Perspektiven machen noch Sinn? Das Konvolut der Unlösbarkeiten hat immense Dimensionen und, um einen alten Song der eigenen frühen Jahre zu zitieren, der Nervenarzt weiß auch nicht mehr, wie es weiter geht.

Was sagte der alte, weiße Mann, der in seinen späten Jahren noch einmal in die Arme einer jungen Frau fand, wenn sich diese etwas über seine Behäbigkeit und von ihm gepflegte Kontemplation beklagte? Der Herbst hat auch noch schöne Tage! 

Vielleicht liegt darin der Rat, den man den am Zustand der Welt Verzweifelten geben kann. Die schönen Tage, die verblieben sind, einfach zu genießen und zurückzutreten, um den Jungen die Möglichkeit zu geben, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Mit allen Fehlern, die benötigt werden, um etwas substanziell Wertvolles lernen zu können.  

Jede Zeit braucht ihre eigenen Konzepte. Und diejenigen, die ihre Jugend hinter sich gelassen haben, sollten die Größe besitzen, das Ruder an diejenigen zu übergeben, deren Zeit noch vor ihnen liegt. Es ist eine alte Weisheit, dass Schmerz und Verlust gute Lehrer sind, und selbst jede noch so gut gemeinte Fürsorge verhindert auch diese Lektionen, die so wichtig für ein erfolgreiches Leben sind. Loslassen ist ein guter Rat für diejenigen, die aus einer anderen Zeit stammen. Der Herbst hat auch noch schöne Tage! 

Der Herbst hat auch noch schöne Tage!
Man kneeling by lake with prayer book, drinking wine and praying for blessing

So kalt kann Logik sein!

Alle, die politisch aktiv sind oder einmal aktiv waren, kennen das. Da tauchen in der gleichen Partei oder Organisation Menschen auf, die einem weder durch ihr Auftreten, noch durch ihre Haltung und auch nicht unbedingt durch ihre Ansichten sympathisch sind. Mehr noch, man fragt sich, was diese Figuren eigentlich dort machen, wo man sich selbst aus vielleicht idealistischen Motiven, vielleicht aus rationalem Kalkül verortet hat. Und spricht man die Personen an und verweist darauf, dass das, was sie da von sich geben oder wie sie sich verhalten nicht mit dem übereinstimmt, was man als Geist der Organisation bezeichnen könnte, dann verweisen sie auf ihre Loyalität zum Programm, wie immer es auch aussieht. 

Viele von den Menschen, die irgendwann aus dem politischen Geschäft ausgestiegen sind, nennen diese Erfahrung als den Grund ihrer Enttäuschung. Und ihre Lehre benennen sie genau damit. Sie sagen, dass sie bei welchem Ziel auch immer, nie wieder mit Personen zusammenarbeiten werden, die eine große Diskrepanz zwischen dem formulierten Ziel und ihrem an den Tag gelegten Verhalten aufweisen. Nimmt man die Zwänge abhängiger Beschäftigung aus der Überlegung einmal heraus.

Im Grunde handelt es sich bei dem beschriebenen Phänomen um die Quelle von Doppelmoral. Wer Gutes propagiert und Schlechtes tut, zerstört das hohe Gut der Wahrhaftigkeit und damit das Vertrauen derer, um die es geht. Wie so oft, hat der zwischen vielen Welten stehende und scharf beobachtende Heinrich Heine die Erscheinung so gut beschrieben, dass sich die Formulierung bis heute eines großen Zuspruches erfreut:

„Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn' auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“

Übertragen auf die heutigen aktuellen Verhältnisse, so finden sich viele Fälle, anhand derer man den Eindruck gewinnt, dass eine Überzahl von Menschen sich in Positionen befinden, bei denen sich redliche Menschen gezwungen sehen, die Reißleine des Vertrauens zu ziehen. Die großen Worte von Freiheit, Humanität und Selbstbestimmung korrespondieren in keiner Weise mit den an den Tag gelegten Taten. Krieg, Vertreibung, Massenmord, Umweltzerstörung, Folter, Drogen- und Waffenhandel, Korruption, die Beschneidung von Rechten, all diese Geiseln der Zeit werden legitimiert mit der Bewahrung von Freiheit und Recht.

Im engen, privaten Kreis würden derartige Verhöhnungen des eigenen Urteils schnell geklärt werden. Da reicht es, zu sagen, dass man mit derartigen Marodeuren der Vernunft nichts mehr zu tun haben will. Und man meidet sie und gut ist es. In großem Rahmen jedoch, in Politik, Wirtschaft oder Kultur, da geht das nicht so einfach. Da sind große Koalitionen vonnöten, die mit geballter Kraft dem Unwesen entgegen treten. Und die klassischen, historisch einmal erfolgreich gewesenen Organisationen, sind mental ebenso degeneriert wie der Geist in vielen Chefetagen. 

Die erste Reaktion auf die immer größer werdende Diskrepanz zwischen Wort und Tat ist die kollektive Abwendung, die Aufkündigung des Vertrauens. Und, wie Jean Paul Sartre es so treffend formulierte, Vertrauen gewinnt man tropfenweise und man verliert es in Eimern. Das ist der Zustand, in dem wir uns befinden. Das Vertrauen ist dahin. Und die, die es zerstört haben, werden es nicht zurück gewinnen. So kalt kann Logik sein.  

So kalt kann Logik sein!