Archiv der Kategorie: food for thought

Man kneeling on stone floor in dungeon with chains labeled 'LOYALTY' around his wrists

Bis zur Tragödie letztem Akt?

Manchmal entstehen Verbindungen wie aus dem Nichts. Man trifft einen Menschen, oder erblickt eine Organisation oder ein Land, und der erste Eindruck nährt die Sympathie. Bei manchen Begegnungen bleibt es flüchtig, bei anderen dauert es eine Weile, bis sich ein Urteil gebildet hat und bei wieder anderen ist es eine feurige Liaison. Wie lange solche Bindungen bestehen bleiben, weiß man nie. Manchmal kühlt es doch relativ schnell ab, manchmal ist man ganz zufrieden, aber schon lange nicht mehr euphorisch und manchmal ist ziemlich schnell ein heftiger Bruch vonnöten. Und manchmal hält es ein Laben lang.

Das menschliche Verhalten ist unterschiedlich, teils individuell, teils sozial und teils kulturell begründet. Manche Menschen, Organisationen und Länder sind geprägt von einem ausgesprochenen Utilitarismus, d.h. einem Nützlichkeitsdenken, das keine Grauzonen kennt. Wenn eine Bindung Vorteile bringt, unabhängig davon, ob in monetärer, emotionaler oder sozialer Hinsicht, dann halten die Utilitaristen daran fest. Ist der Vorteil nicht mehr gegeben, dann zerschneiden sie ohne Vorbehalte umgehend das Band. Für Sentimentalitäten ist dort kein Raum.

Dann wiederum sind Menschen, Organisationen und Länder zu beobachten, die man zweifelsfrei als dem Loyalismus verpflichtet beschreiben kann. Sie stehen zu der Bindung, für die sie sich einmal entschieden haben, auch wenn sie teils keine Vorteile mehr davon haben, oder, schlimmer noch, wenn sie darunter zu leiden haben. Außenstehende, selbst die, die als emphatisch beschrieben werden können, fragen sich dann, was um alles in der Welt die denn daran hindert, die Verbindung zu lösen und sich nach den eigenen Interessen neu zu orientieren. Im Deutschen wird der Zustand des trotz aller Widrigkeiten an einem Bündnis Festhalten auch gerne mit dem Begriff der Nibelungentreue bezeichnet. Er beschreibt das Phänomen der bedingungslosen, emotionalen und verhängnisvollen Treue.

In einer dritten Kategorie, die quantitativ nicht unterschätzt werden darf, wird die Entscheidung, ob man an einer Bindung festhält, auch wenn sie durch Krisen geschüttelt ist, von Offerten der Heilung abhängig gemacht. Den Partnern werden Angebote gemacht, in denen die andere Seite zeigen kann, wie ernst sie es noch mit der Verbindung meint. Zeigen sich positive Aktionen, hält diese Seite an der Bindung fest, erweisen sich die Offerten als nutzlos, dann wird das eigene Vorgehen und die Reaktion der anderen Seite dokumentiert und die Entscheidung, sich zu lösen, mit guten Argumenten begründet. Dieser Typus kann vielleicht am besten als der einer diplomatischen, die eigenen Emotionen beobachtenden Interessenvertretung bezeichnet werden.

Außerhalb der beschrieben Zustände existiert noch der offene Betrug an einer einmal gemachten Vereinbarung, die der Verbindung zugrunde liegt. Dann ist jeder Mensch, jede Organisation und jeder Staat gut beraten, sofort die Reißleine zu ziehen. Unabhängig davon, ob man sich dem Utilitarismus oder der diplomatischen Interessenvertretung zurechnet. Nur bei der Nibelungentreue hilft kein Rat. In diesem Lager zieht man es vor,  bis zur Tragödie letztem Akt an einer Bindung festzuhalten. Auch wenn der Verrat der anderen Seite allen, die ihrer Sinne mächtig sind, offensichtlich ist.  

Worin diese Form der Abhängigkeit besteht, denn um etwas anders handelt es sich nicht? Mangelndes Selbstbewusstsein, keine eigene Souveränität, keine Würde, psychotische Angst? Wahrscheinlich alles zusammen.    

Bis zur Tragödie letztem Akt?
Person on balcony overlooking crowded neon-lit city street at night

Gratismut und Hysterie

Wehe, in den Vereinigten Staaten von Amerika passiert ein Unrecht! Oder in Russland! Oder in der Türkei! Sage niemand, da seien keine aufrechten Leute hierzulande, die nicht aufstünden gegen das Unrecht in der Welt. Die sich nicht ad hoc einig wären, wenn da auf amerikanischen Straßen ein Mensch dunkler Hautfarbe massakriert wird. Oder ein russischer Oppositioneller in einem Lager verschwindet und dort plötzlich verstirbt. Oder ein türkischer Journalist von der Straße weg verhaftet wird. Gott sei Dank leben wir in einem Land, in dem die Demokratie lebt und es eine Zivilgesellschaft gibt, die dafür sorgt, dass das Unrecht in der Welt nicht unbemerkt bleibt. Oder?

Andererseits existieren große Zonen des Schweigens. Wenn in Palästina die Bevölkerung in einem Verhältnis von 1:70 bis 100 für einen Terroranschlag bezahlen muss. Wenn ein souveränes Land wie der Iran ohne UN-Beschluss von amerikanischen und israelischen Bomben heimgesucht wird. Wenn Hunderttausende im Libanon vertrieben werden. Wenn in Venezuela ein Staatsoberhaupt durch das Sonderkommando eines anderen Staates entführt wird. Oder wenn ein ukrainischer Staatspräsident Brigaden seiner Armee ehrt und auszeichnet, die sich auf faschistische Traditionen berufen und in deren Namen im benachbarten Polen unzählige Juden und andere polnische Staatsbürger gemeuchelt wurden. Oder wenn hierzulande Preise verliehen werden an Personen, die ethnische Vorurteile zur Kriegsvorbereitung pflegen, oder Auszeichnungen vergeben werden an mittlerweile eine große Anzahl anderer Hetzer. Oder sogar, wenn Kriegs- und Militäremissionen nicht in den kritischen Bilanzen über das Weltklima auftauchen. Die Liste ist länger als die, in der die Ereignisse aufgeführt sind, die zur Empörung führen. Oder?

Um das Phänomen, in dem sich dieses Land mental befindet, treffend zu beschreiben, braucht man nicht unbedingt eine Fußballweltmeisterschaft. Obwohl diese wieder einmal sehr deutlich gezeigt hat, wie es steht um die Resilienz, wenn man auf Widerstand stößt. Schön spielen kann jeder. Auch die so genannte und längst instrumentalisierte Zivilgesellschaft. Aber, was ist, wenn man mit Konsequenzen rechnen muss? Wenn man in der Zeitung liest, dass das ach so demokratische Gemeinwesen Menschen, die sich kritisch äußern oder Widerstand leisten, sehr schnell als Knechte Putins, als Trumpisten, als Antisemiten oder Extremisten bezeichnet und gebrandmarkt werden, während zur gleichen Zeit von offizieller Seite ein Feindbild das andere jagt, ein Ressentiment das andere ablöst und eine dreiste Lüge den Staffelstab von der anderen übernimmt. Oder Zeitungsmonopole unbehelligt hetzen können wie einst der nazistische Stürmer? Und, auch das häuft sich, wenn so genannten Delinquenten und Feinden unserer längst im Tagesgeschehen vernichteten Werte die Bankkonten gesperrt und sie wirtschaftlich ruiniert werden sollen? 

Dann beginnt die Angst zu wirken. Und dann besuchen viele die Wohlfühlzone der akzeptierten Kritik, die immer auch ihren Gegenstand in Verhältnissen hat, die weit weg sind. Auf die Idee, dass viele der existierenden Missstände, die nichts mehr mit Demokratie und einer wohl verstandenen Zivilisation gemein haben, etwas zu tun haben könnten mit den eigenen Handlungen, die schlicht dreist und imperialistisch angelegt sind, auf diese Idee darf niemand kommen. Sonst wartet die Inquisition.

Da richtet man sich doch mit dem ein, was sich hinter dem neuen Begriff des Gratismutes verbirgt. Den Mund aufmachen, wenn es die Demagogen und Kriegstreiber nicht stört. Und schweigen, wenn es brenzlig zu werden droht. Eine Gesellschaft, in der dieses Prinzip herrscht, hat ihr Fundament längst verloren. Da wartet nur noch Massenhysterie und der mentale Zusammenbruch. 

Gratismut und Hysterie
Half sphere showing technology and industry with a businessman and cityscape on one side, nature and tradition with a woman planting and farmland on the other

Cash oder Glück?

Jeden Tag wünschen sich Menschen Erfolg. Das ist gut gemeint und besagt, dass man dem Gegenüber positive Erlebnisse und ein eigenes Gefühl der Bestätigung als Abschiedsgruß mit auf den Weg gibt. Doch was ist das, Erfolg? Aufgrund der völlig unterschiedlichen Wahrnehmung der Subjekte kann ein Wunsch nichts Abstrakteres sein. Denn was für die einen Erfolg ist, bedeutet den anderen schnöder Mammon und was die anderen als großartiges Ergebnis feiern, tun wiederum andere ab als ganz nett, aber nichts Besonderes.

So, wie es zwei Archetypen im Arbeitsleben gibt, nämlich diejenigen, die nach Zählbarem streben, denen Status wichtig ist und Kontingente eine Rolle spielen, existieren die anderen, denen es um das Ergebnis geht, unabhängig von Größenordnungen. Nennen wir die einen die an Status orientierten, und beschreiben wir die anderen, als die, die ihren Fokus auf Funktionsmacht und Ergebnis richten. Und, wichtig ist und bleibt, dass es keinen Sinn ergibt, über die beiden bewusstseinsmäßigen Standards zu urteilen, weil sie zum Menschsein gehören wie der aufrechte Gang. Sieht man es sich genau an, dann existieren diese beiden Typen in allen Arbeitsorganisationen und in jedem politischen System. Oder, wie ein guter Freund es immer so schön auf den Punkt bringt: Entweder es dominieren die Apparatschiks oder die Macher. 

Für die erste Kategorie geht es um alles, was ein Preisschild hat. Das beginnt mit Status suggerierende Accessoires wie Uhren, Autos, Schiffe, Häuser etc. und, folge niemand der Illusion, diese Zeiten seien vorbei, den Menschen an der Seite. Ist er repräsentativ genug, um den Status zu bekräftigen? Im Arbeitsleben sind es die bereits erwähnten Kontingente: Wieviel Geld schiebt man hin und her, wie viele Menschen sind einem untergeordnet und wie hoch ist das Salär. Ist der Zustand erreicht, dass Geld insofern keine Rolle mehr spielt, weil die Mittel vorhanden sind, sich alles, was einem in den Kopf kommt, umgehend leisten zu können? Und, man kann es sich bereits denken, das, was am Ende der Kette steht, nämlich das tatsächliche Ergebnis, spielt eigentlich keine Rolle mehr. Ein versprochenes Ergebnis wirkt nur als Stimulans, um sich materielle Macht zu beschaffen. Ob das Ergebnis letztendlich erreicht wird, ist sekundär.

Dagegen wirken die Funktionsorientierten, die Macher, eher bescheiden. Sie entscheiden, was sie brauchen. Oft sind die Mittel, die gefordert werden, im materiellen Sinne eher überschaubar. Für diese Kategorie bemisst sich der Erfolg darin, ob das avisierte Ergebnis erreicht wurde, ob die Menschen, die dabei mithalfen, sich haben weiter entwickeln können, ob Missstände beseitigt werden konnten, ob gelungene Kooperation den Beteiligten ein Gefühl vermitteln konnte, das vielleicht am Besten als Befähigung, Selbstachtung und Vollzugsmacht bezeichnet werden kann. Letztendlich ist die Währung dieses Erfolgs ein Glücksgefühl, auch wenn die Ergebnisse durchaus materiell sein können. 

In der Regel sind beide Typen unter einem Dach aktiv. Dass es zwischen ihnen zu heftigen Reibungen kommt, liegt auf der Hand. Ist das Verhältnis einigermaßen ausgewogen, dann hat man es mit einem einigermaßen handlungsfähigen Gebilde zu tun. Dominiert die Status-Fraktion, dann wird in der Regel der Niedergang verwaltet. Überwiegt die Funktions-Fraktion, dann werden Revolutionen vollbracht, die allerdings sehr schnell nach Konsolidierung schreien. 

Wir haben es hier nicht mit einer Aporie, d.h. einem nicht lösbaren Widerspruch zu tun, sondern mit einer konstanten Realität menschlichen Zusammenwirkens. Man muss die beiden großen Motivationsmächte auf dem Schirm haben, Cash oder Glück. Es handelt sich anscheinend die brennende Wahrheit der Gattung. 

Cash oder Glück