Archiv der Kategorie: food for thought

Man holding remote control powering off TV displaying 'Powering Off' message

Einordnen? Selber machen!

Eine Vokabel, die so oft zu hören ist wie nie zuvor, ist die des „Einordnens“. Ob in den gestelzt arrangierten Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, ob bei vielen Privaten, in den Zeitungen und Magazinen. Was die Inflation des Begriffs dokumentiert, ist das schiere Bedürfnis nach Orientierung, oder auch, anders herum, ist der Versuch, das Publikum bloß nicht auf die Idee kommen zu lassen, die Kategorisierung einer Nachricht selbst vorzunehmen. Wie dem auch sei: der Wunsch, Ereignisse und Begebenheiten in ein bereits existierendes Weltbild einzufügen, und zwar in dem Sinne, ob es in die Kategorie Gut oder Böse passt, ist ein Indiz für die Festgefahrenheit der vorherrschenden Denkweisen.

Und vielleicht ist das ein bis jetzt zu wenig beachteter Aspekt der Krise unserer Hemisphäre, dass wir nicht mehr in der Lage sind, etwas zunächst unvoreingenommen wahrzunehmen, es dann zu beschreiben zu versuchen, es abzuklopfen nach positiven wie negativen Aspekten und erst dann eine Annäherung an eine Bewertung zu wagen. Aber wenn Zeit Geld ist und Millisekunden das Maß des Taktes, dann kann man sich nicht mehr leisten, einen längeren Prozess der Erkenntnisbildung zu durchlaufen. Hinzu kommt, dass der Anteil der unmittelbaren Erfahrung immer mehr zugunsten dessen der mittelbaren schrumpft und damit die besten Voraussetzungen dafür gegeben sind, sich auf das schnelle Urteil sich anbietender Experten zu verlassen. Dass die Experten zumeist keine sind, sondern nur als solche ausgewiesen werden und dass das, was sie an Einordnung in der Mehrzahl bieten, nichts anderes ist als die Reproduktion eines interessengeleiteten Weltbildes, sei der Vollständigkeit halber erlaubt hier anzumerken. 

Der Rat, der sich an diese Feststellung anschließt, kann nur der sein, sich auf seine eigenen Sinne, sein eigenes Bauchgefühl, das als eine Resonanz aus den eigenen, selbst gemachten Erfahrungen zu sehen ist und sich letztendlich auf den eigenen Verstand zu verlassen, um Begebenheiten, Ereignisse, Taten und Aktionen in das einzuordnen, was am besten als der eigene Kompass des Lebens bezeichnet werden muss, scheint ein guter zu sein. 

Betrachtet man das Portfolio derer, die in den unterschiedlichsten Medien und Formaten als Experten angeboten werden, so fällt nicht nur auf, dass ihre Expertise in den meisten Fällen an Armseligkeit kaum zu überbieten ist und – das eine hängt mit dem anderen zusammen – sie im Laufe der Zeit zu sehr unterschiedlichen Themen immer wieder mit der Maske des Experten auftreten.  Dass es sich bei dieser Geschichte um nichts anderes handelt als eine Rolle, die gespielt wird, ist evident. In den Zeiten, in denen wir leben, geht es aber nicht darum zu bewerten, wer in einem Stück der durchtriebenen Mystifikation die beste schauspielerische Leistung an den Tag legt, sondern, da es sich oft um Phänomene handelt, die über Leben und Tod entscheiden, wie z.B. Kriege, sollte das eigene Interesse der Kompass sein. Und zwar nach sozial verantwortlichen und nicht hedonistisch-egoistischen Aspekten. 

Analog zum Expertentum verhält es sich bei denen, die die Stücke inszenieren. Was hielte man von einem Theaterregisseur, der früher Kochkurse gegeben hat, dann als Gaukler in einer Show auftrat und letztendlich als Analyst von Politik ins Rampenlicht zu treten bereit war? 

Nicht, dass es keine Multitalente gäbe. Aber manchmal ist vieles auch einfach zu viel. An Dilettantismus. An Impertinenz. Und an Idiotie. Lassen Sie sich nicht beirren! Ihr eigenes Vermögen, Phänomene zu beurteilen ist in den meisten Fällen qualitativ höher als das der lauten Industrie! 

Einordnen? Selber machen!
Politician giving a speech with banners and signs questioning truth and promises

Politik und paradoxe Intervention

Es wird zwar ständig beklagt, dass die herrschenden Gedanken in den von einem großen Teil der Bevölkerung als repräsentativ angesehenen Medien exklusiv als die Ultima Ratio dargestellt werden, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Natürlich stimmt die Behauptung, denn, und da können noch so viele Kritiker in dem Glauben hausieren gehen, sie wären im Vollbesitz der Entschlüsselung, der  Satz von Karl Marx, dass die herrschenden Gedanken immer die Gedanken der Herrschenden sind, konnte noch nie so leicht verifiziert werden wie heute. Militarismus und Sozialabbau sind alte Werkzeuge des Kapitalismus in der Krise, und wer das als neue Erkenntnis feiert, verfügt über eine schlechte Zukunftsprognose.

Aber, es existieren neben den herrschenden Gedanken auch noch andere, die den tatsächlich Herrschenden ein Dorn im Auge sind und mit zunehmend brachialen Methoden bekämpft werden. Unter allerlei Vorwänden, die immer mit so giftigen Pralinés wie Sicherheit, Schutz oder Werten vorgetragen werden, werden Rechte einkassiert und wird Zensur betrieben. Die Mechanismen sind differenzierter als zu Kaisers Zeiten, aber in der Quintessenz läuft es auf das Gleiche hinaus. Rufmord und finanzieller Ruin haben in beunruhigend häufigen Fällen längst Schloss und Riegel ersetzt.

Und dennoch: Dank der Unerschrockenheit vieler Menschen in diesem Land, das auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, als sei es bereits komplett sediert, ist vieles von dem, was das Reaktionäre und Kriegslüsterne entlarvt, bereits im Wissen vieler Menschen vorhanden. Was fehlt, sind die Organisationen, die helfen könnten, die destruktive Politik zu beenden. Die in den Parlamenten vertretenen Parteien sind es jedenfalls nicht. 

Das Einzige, was in der momentanen Situation, die sich akzelerierend verschlechtert, noch helfen könnte, wäre ein Ereignis, das dazu führen könnte, die Loyalität zum Gewohnten, das täglich als die einzige Alternative bzw. das Alternativlose vorgespielt wird, aufzukündigen. Ein richtiger Kracher, der alles elektrisiert und allen vor Augen führt, dass es so, wie es läuft, einfach nicht mehr weiter gehen kann! Der dann auch jene mitreißt, die längst das Wissen um Lösungsansätze in sich tragen, die wissen, wie man Dinge umsetzt und die die Kompetenz besitzen, das auch zu tun. Und glaube niemand, die gäbe es nicht in diesem Land! Die sitzen nur in ihren Kellern und warten auf den Augenblick, an dem sie endlich etwas Vernünftiges gestalten können.

Da allerdings die Argumente, die für einen radikalen Kurswechsel sprechen, längst artikuliert sind   und sich dennoch nichts tut, ist etwas anderes vonnöten. Es könnte zum Beispiel eine paradoxe Intervention sein. In einem Lexikon der Psychologie wird die paradoxe Intervention wie folgt beschrieben:

„Eine paradoxe Intervention ist eine therapeutische Methode, bei der Klienten aufgefordert werden, ihr problematisches Verhalten bewusst zu verstärken oder herbeizuführen. Durch diese „umgekehrte Psychologie“ wird der Veränderungsdruck genommen, das Symptom kontrollierbar gemacht und ein Perspektivwechsel erzwungen, was oft zur Auflösung festgefahrener Muster führt.“ (Dorsch – Lexikon der Psychologie)

Als typische Beispiele könnten gelten, von allem, was in die falsche Richtung weist, viel mehr zu fordern, die Ängste bis ins Hysterische zu übertreiben, die höchsten Ämter für die schlimmsten Chargen zu fordern und die Feindbilder auf die Spitze zu treiben. Manches davon wird bereits von einigen praktiziert und es ist kein Wunder, dass ausgerechnet diese kleinen Übungen bereits auf große Resonanz stoßen. Es ist also sicherlich kein Fehler, sich mit den Möglichkeiten paradoxer Interventionen näher zu befassen. Denn eines scheint sicher zu sein: mit Rationalität kommt man den hiesigen Verhältnissen nicht mehr bei.

Und auch wenn manches, was als normales Prozedere der Politik beschrieben wird, bereits erscheint wie eine paradoxe Intervention – Steigerungen sind immer möglich!

Verloren im Geist des Ständestaates

Legt man diesen Staat unter das kalte Licht auf den Seziertisch, dann fällt sofort auf, dass es ein Gebilde ist, das der Typologie einer klassischen Demokratie nicht entspricht. Denn alles, was ein Gemeinwesen im demokratischen Sinne ausmacht, ist nicht aufzufinden, außer, man verweilt bei der parlamentarischen Oberfläche. Sieht man sich jedoch die verschiedenen Organe an, auf die es in einer Demokratie ankommt und die ein solches Gebilde am Leben halten, dann stösst man auf Organisationsprinzipien des alten Ständestaates. Absurd? Nein.

Beginnend mit dem Beamtenrecht, einer Einrichtung aus Kaisers Zeiten, die garantieren soll, dass die jeweiligen Innhaber der Macht über eine Kohorte verfügen, die nicht die Koalitionsrechte der übrigen Gesellschaft genießt und ausdrücklich für ihre Loyalität und nicht für ihre Leistung bezahlt wird. Es folgt ein Steuerrecht, das durch seine Kompliziertheit, seine Sonderregelungen und Beitragsbemessungsgrenzen letztendlich nur denen Vorteile gewährt, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Dass der Staat dabei auf Einkünfte verzichtet, zeigt, wie die Werte gewichtet sind. Es geht weiter mit der gesetzlichen Rentenversicherung, in die nur die abhängig Beschäftigten einzahlen, und nicht jeder, der am Wirtschaftsleben teilnimmt. Wäre letzteres der Fall und hätte der Staat nicht immer wieder in die Rentenkassen gegriffen, ohne die Versicherten zu fragen, wäre auch dieser Korpus voll funktionsfähig und man müsste nicht die Gesellschaft mit widerlichen Geschichten spalten. Analog verhält es sich mit der gesetzlichen Krankenversicherung. Wären dort alle versichert, wären auch dort die Probleme rudimentär. 

Hinzu kommen die aus dem Gebräu des ungehemmten Wirtschaftsliberalismus gegorenen Schnapsideen der notwendigen Privatisierungen von Infrastruktur und Gesundheitswesen. Wozu diese ideologisch verursachten Beschlüsse geführt haben, sieht man in jedem Krankenhaus und auf jeder Zugfahrt. Wirtschaftsliberalismus in Bezug auf gesellschaftlich notwendige und die gesamte Entwicklung beeinflussende Bereiche unter Bewahrung des Ständestaates sind die wesentlichen internen Ursachen für den gegenwärtigen Zustand und die progredierende Krise. Von den außenpolitischen Desorientierungen soll hier ausnahmsweise nicht die Rede sein.

Sieht man sich die im Bundestag versammelten Parteien an, dann fällt auf, dass keine, und die Betonung liegt auf keine, dem Ständestaat und dem grassierenden Wirtschaftsliberalismus den Kampf angesagt hat. Insofern ist es nicht abwegig, den Begriff der Blockparteien zu reaktivieren. Alle stehen für den Erhalt des Ständestaates, lediglich auf dem Sektor des Wirtschaftsliberalismus existieren geringfügige Abweichungen. Der Ständestaat jedoch ist nirgendwo ein Thema, geschweige denn existieren exklusiv Pläne, diesem den Kampf anzusagen. Das Land ist verloren im Geist des Ständestaates.

Letzteres würde bedeuten, das Beamtenrecht abzuschaffen, Renten- wie Krankenversicherung für alle obligatorisch zu machen, das Steuerrecht durch ein neues, dreistufiges zu ersetzen. Dass damit verbunden wäre, die Voraussetzungen, die Dauer und die Rechte eines politischen Mandates neu zu regeln und die lebenslange Karriere eines Berufspolitikers ohne jeglichen Erwerbshintergrund ein für alle mal zu beenden ist eine notwendige Folge.

Dass das vereinigte Pressechor aus monopolisiertem Besitz nicht auf solche Ideen kommt, spricht  dafür, dass die eigentliche Machtzentrale woanders ist als im historischen Reichstagsgebäude in Berlin. Dort ist die Kulisse. Die Entscheidungen werden woanders getroffen. Von Menschen, die ganz antik ständestaatlich und imperialistisch orientiert sind.

Die schlechte Nachricht: Noch sind keine politischen Akteure in Sicht, die den Ständestaat und den Wirtschaftsliberalismus aufkündigen wollen. 

Die gute Nachricht: Der Ständestaat mitsamt seinem wirtschaftlibertären Geflitter wird aus keiner Krise mehr herauskommen.

Die Konsequenz: Nehmer-Qualitäten und Geduld sind das neue Lebenselixier.   

Verloren im Geist des Ständestaates