Archiv der Kategorie: food for thought

Protesters and riot police amid fire, smoke, and neon signs reading “SYSTEM FAILURE” and “REBELLION NOW”

Es ist an der Zeit!

Es wird nicht ernst. Es ist bereits ernst. Wenn ein Kanzler vor der jubelnden Versammlung seiner Jugendorganisation zum Besten gibt, dass er nicht bereit ist, bestimmte Wahlergebnisse zu akzeptieren. Wenn sein Kompagnon in der gegenwärtigen Regierung mit taxierten 15 Prozent Zustimmung für seine Partei aus der Bevölkerung verkündet, etwas anderes als Regierungsbeteiligung käme für ihn nicht infrage. Wenn sie alle, die sich mit Außenpolitik aus dem Lager des Parlamentes nicht mit der Frage beschäftigen, wie eine europäische Friedensarchitektur aussehen müsste, sondern den Krieg bis ultimo eskalieren. Wenn also zweierlei klar ist, dass sie auf das Votum der Bevölkerung, das auf Frieden lautet, mit dem mangelnden Willen und der nicht vorhandenen Fähigkeit, darauf hin zu arbeiten, antworten. Wenn die vereinigten Informationskanäle den Aufstand in anderen, benachbarten und befreundeten Ländern gegen eine analoge Politik wie die eigene ausblenden oder als ein Akt der anarchischen Barbarei verunglimpfen. Wenn unter der Chiffre von Reformen der letzte Rest an gesellschaftlichem Zusammenhalt auf dem Spieltisch liegt. Wenn sprichwörtlich die Brücken einstürzen, wenn das Gesundheitssystem baden geht und die basalen Kulturtechniken in einem allgemeinen Schulsystem nicht mehr vermittelt werden. Dann wird es nicht Zeit. Dann ist es an der Zeit.

Dann muss Bilanz gezogen werden. Und die Aufgabe, die sich daraus ergibt, ist gewaltig. Es fehlt an Vorstellungen, wie eine bessere Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens geschaffen werden kann. Wie eine internationale Friedensordnung aussehen muss. Wie die energetische Versorgung eines Landes gewährleistet werden kann. Wie eine Wirtschaft aussehen muss, in der die erforderlichen Gebrauchswerte im Vordergrund stehen. Wie Millionen von Menschen zu ihrem Auskommen kommen. Welchen Stellenwert tatsächliche, beobachtbare Leistung dabei hat. Wie im Zeitalter der Digitalisierung und der Herrschaft von Algorithmen geschützte analoge Räume geschaffen werden können, in denen das eigene Denken, die eigene Reflexion und die eigene intellektuelle Kreativität des Individuums gefördert werden können. Wie und auf welchen Wegen die Gesellschaft jenseits von auf Manipulation angelegten Monopolen kommunizieren kann. Wie die Mobilität der Zukunft aussehen soll, ohne dass sie Unmengen von Ressourcen vernichtet. Und welchen Stellenwert das Eigentum einnehmen kann und muss. Und wie weit die individuelle Freiheit geht und wo das Gemeinwohl beginnt. Und wie und in welcher Form der Wille der Mehrheit in die allgemeinen Regierungsgeschäfte münden kann.

Ja, viele Fragen atmen den Gedanken einer anderen Gesellschaftsordnung. Und abwegig ist es nicht, wenn man sich vor Augen führt, wie groß die Schäden und wie hoch die Kosten dessen sind, was der uneingeschränkte, an den Weltbörsen tobende Kapitalismus ohne entsprechende Regulative gebracht hat. Alles, worauf sich bestimmte Generationen des Westens noch verlassen konnten, gleicht einer postindustriellen Brache. Und gesprochen über die globalen Ungleichgewichte ist da noch nicht. Wenn ein Zehntel der Weltbevölkerung vierzig Prozent der verfügbaren Ressourcen verköstigt, lässt sich darüber streiten, wie lange so etwas noch gut gehen mag. Auch da ist der Zeitpunkt gekommen. Die Herrschaft der imperialistischen Machete in der Hand des weißen Mannes ist vorbei. Und dieser sieht die letzte Chance einer Lebensverlängerung in der Erbeutung der russischen Schatzkiste. Die einzige Garantie, die dieser Glaube birgt, ist die Beschleunigung des endgültigen Endes der eigenen Dominanz.

Ja, es ist ernst. Und ja, es ist an der Zeit. Und ja, eine Epoche neigt sich, nein, sie stürzt auf das Ende zu. Und es sei gewarnt: Mit dem Strategischen ist es wie mit der Liebe: sei vorsichtig bei allem, was glänzt! Gut beraten sind die, die nach ganz profanen Lösungen für alles suchen, was tatsächlich unter den Nägeln brennt!

Es ist an der Zeit!

Niemand sonst!

Wenn ein Satz Geltung besitzt, dann ist es der: Die Demokratie wird nicht am Hindukusch oder in der Ukraine verteidigt, sondern in der Hauptschule. Mehr noch, nicht nur eine Staatsform, sondern die Zukunft eines Landes wird in dem für alle verpflichtenden Schultypus entworfen. Dort wird Wissen vermittelt, werden erste Fertigkeiten herausgebildet und es wird gesellschaftlich sozialisiert. Historisch lässt sich diese These sehr gut belegen. Die Gesellschaften, in denen in die Bildung von Kindern und Heranwachsenden investiert wurde, konnten Phasen des Aufschwungs in vielerlei Hinsicht verbuchen. Und dort, wo nichts als Monotonie und Kaserne herrschte, war der Weg nach unten vorgezeichnet.

Vor wenigen Tagen war zu lesen, dass in diesem Jahr alleine in Baden-Württemberg 62.000 Schulabgänger ohne Abschluss zu verzeichnen sind. Es handelt sich dabei um einen neuen Rekord. Während eine Fraktion der Politik nichts anderes als Kriegsgerät im Kopf hat, träumen andere davon, den Fachkräftemangel durch Importe aus Aleppo oder Beirut kompensieren zu können. Und Dritte wiederum sind sich sicher,  dass alles bestens bestellt wäre, wenn man die hier Lebenden, aber nicht Geborenen wieder aus dem Land schmisse. Alle drei Varianten sind aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ein Offenbarungseid.

Seit einiger Zeit rebellieren Vertreter der Generation Z. Nicht hier, aber in Frankreich, in Spanien und in Chile. Es handelt sich, vor allem in Frankreich, um Massenbewegungen. Gemein haben diese Bewegungen, dass sich eine Jugend um ihre Zukunft sorgt und sie weiß, dass eine gute Bildung der Schlüssel dazu ist. Während dem französischen Präsidenten Macron nichts Besseres einfällt, als mit massiven Polizeieinsätzen zu reagieren, die Zahl der Festnahmen für das Bemühen um bessere Bildungschancen nähert sich der Zahl von 7.000, vereinigen sich zunehmend andere Teile der Gesellschaft mit dem Protest. 

Und während die europäische Kriegsfraktion schweigt, sehen andere wiederum in allem die Schuld bei arabischen Talahons, die nichts als Randale im Kopf haben. Dass dabei kein Lösungsansatz entstehen kann, der eine nachhaltige gesellschaftliche Relevanz besitzt, liegt auf der Hand.  

Sieht man sich, wiederum vor allem in Frankreich, die Proteste genauer an, dann überraschen sie den teutonischen Beobachter vor allem durch ihren teilweise festiven Charakter. Da dominiert nicht das Geschrei von Parolen und die gesuchte Konfrontation mit den Ordnungskräften. Da mischen sich Jugendorchester unter die Demonstrierenden, da wird gesungen und getanzt. Große Teile des französischen Protestes, ohne die gewalttätige Seite zu ignorieren, sind eine Referenz für die Phantasie einer Jugend, die unter den gegebenen Umständen keine Zukunft sieht. Wer das ignoriert, dem geht es nicht um die eine gute Perspektive für die Gesellschaft. Und es zeigt, dass in unserem Nachbarland Demokratie ein Fest sein kann.

In Madrid begann der Protest aufgrund eines Einzelschicksals hinsichtlich der Wohnsituation. Neben allen, die unter der Frage leiden, tauchten immer mehr Schülerinnen und Schüler auf, die das Thema Bildung mit auf die Agenda nahmen. Auch in Spanien entstand daraus eine Massenbewegung. Und in Chile ging es direkt um geplante Kürzungen im Bildungsbereich.  

Und in Deutschland? Soviel scheint festzustehen: Wenn sich die Jugend sich nicht erhebt, wird sich im Bildungsbereich nichts bewegen. Dann wird die Zukunft des Landes einer Mangelverwaltung unterstellt, der weder der Wille noch die Fähigkeit zu Innovation und Inspiration unterstellt werden kann. Jugend gestaltet Zukunft. Niemand sonst.

Niemand sonst!
Five-person team studies a glowing holographic tactical map in a futuristic workshop

Wenn ich könnte, wie ich wollte…

Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich in uralte Bibliotheken gehen, dort, wo noch keine Computer standen und mich nach Büchern umsehen, die aus heutiger Sicht hilfreiche Erkenntnisse und Botschaften enthielten, die zum Teil Eingang in die Praxis fanden und dann wieder in der Vergessenheit verschwanden. Das hört sich etwas mysteriös an. Mir hilft da eine Erinnerung. 

Als ich 1990 mit einem Kollegen, seinerseits ein ausgewiesener Pädagoge, nach Dresden fuhr, um mich dort mit Menschen zu treffen, die aus allen möglichen Berufen kamen, und nun eine Kommunalverwaltung aufbauen sollten. Die, welche wir dort trafen, waren zuständig für Personal und seine Qualifizierung. Da wir vermuteten, dass trotz unterschiedlicher Inhalte der Unterricht in der DDR analog zu dem in der BRD vonstatten gegangen war, sprich, die so genannte Musik von vorne, gleiche Zeiten, gleiche Pausen etc., entschieden wir uns für die Mitnahme eines Buches. Es handelte sich um Frederic Vester, Denken, Lernen Vergessen. Es war 1975 erschienen und war eine Anleitung zur methodischen Revolutionierung des Unterrichts. Wir diskutierten den Inhalt im Vorfeld und kamen dabei zu dem enttäuschenden Resümee, dass das, was dort an Erkenntnissen und Methoden beschrieben war,  weit davon entfernt war, sich im westdeutschen Unterricht  etabliert zu haben. Die Inhalte hielten wir dennoch für richtig. Deshalb nahmen wir es mit. Und wir kommunizierten, dass die Erkenntnisse vorlägen, die bundesrepublikanische Praxis jedoch weit davon entfernt war, diese umzusetzen.

Wenn ich heute, fast vier Jahrzehnte später über das Buch nachdenke, komme ich im Großen und Ganzen zu dem gleichen Schluss. Und wenn ich mir die Lage ansehe, in denen sich dieses Land befindet und darüber nachdenke, was alles erforderlich wäre, um es aus dieser tiefen systemischen Krise wieder herauszubringen, dann fallen mir noch viele andere Ideen und Methoden ein, die durchaus vorhanden waren, mit denen in Betrieben und Organisationen gearbeitet worden ist und die sich in der jeweiligen Praxis als durchaus hilf- und erfolgreich erwiesen haben. Bei der Analyse der Verhältnisse, bei der Benennung von Handlungsfeldern, bei Fragen der Priorisierung, bei der Beschreibung von Lösungsansätzen,  bei der Zuordnung von operativer Verantwortlichkeit und bei der Beschreibung möglicher und zu erwartender Widerstände. 

Eingang in die gesellschaftliche Praxis, d.h. als Hilfen bei der Entwicklung von politischen Strategien und als Vehikel bei herausfordernden Entscheidungsprozessen fanden diese Werkzeuge nicht. Dass Politik, auch wenn das viele Verantwortliche nicht gerne hören mögen, ein populistischer Abklatsch gesellschaftlich durchaus vorhandener Erkenntnisse ist, ist eine Wahrheit, mit der man leben muss. Dass jedoch die kommunikative, manipulative und affirmative Vermarktung von Partikularinteressen es fertig gebracht hat, durchaus vorhandene und dringend benötigte Potenziale zum Schweigen zu bringen, ist nicht hinnehmbar. 

Einmal abgesehen davon, dass im politischen Überbau diese Methoden nicht internalisiert sind, besteht auch kein Interesse, mit diesen zu arbeiten und man feilt mit Hochtouren daran, ihre Existenz zu verschweigen. Die Schlussfolgerung ist nämlich, dass alles furchtbar kompliziert und komplex ist und wir letztendlich machtlos sind. Sind wir aber nicht. Die Erkenntnisse, die dabei behilflich sind, eine Krise zu beschreiben und wie der Weg aussieht, wieder herauszukommen, sind vorhanden. Man muss nur wollen, sie auch anzuwenden. Und das ist nicht der Fall. Es ist ein Herrschaftskalkül. Mit fatalen Folgen. 

Zum vielleicht folgenden Gedankengang, sollte vielleicht mit der Frage begonnen werden: wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich… 

Das wäre mal ein Anfang. 

Wenn ich könnte, wie ich wollte…