Winged guardian with a staff above neon waters and aquatic creatures

Der Gott Kairos und die schwimmenden Felle

Jetzt wird es kurios. Die USA, maßgeblich für den Vorstoß verantwortlich, die Ukraine in die NATO aufzunehmen und damit den Casus Belli mit Russland auszulösen, sieht, nach mehr als vier Jahren Krieg, nicht mehr die Möglichkeit, Russland aus dem Feld der weltpolitisch agierenden Konkurrenten zu verbannen. Nun, selbst strategisch durch den Konkurrenten China und erratische Abenteuer im Nahen Osten in Bedrängnis geraten, suchen sie zumindest die selbst aufgemachte Front wieder zu schließen. Trump und Putin haben sich auf Dieseltreibstoffliieferungen geeinigt und der amerikanische Präsident rät der Ukraine, den Krieg mit Russland mit einem Deal zu beenden. Dass ein solcher der schlechteste sein wird, der jemals zur Debatte gestanden hätte, liegt unter anderem daran, dass die Verbündeten der Ukraine, von den USA angefangen bis hin zu Großbritannien und Deutschland, immer von einem solchen abgeraten haben. Ohne die Erfüllung der Maximalziele, so das Konsortium, sei es falsch, überhaupt zu verhandeln. Wer so etwas rät, hat unter dem Strich nichts für die tatsächlichen Akteure übrig, die im Krieg die Rechnung bezahlen.

Gut, die USA scheren nun, taktisch, aus, was nicht heißt, dass sie nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder umschwenken könnten. Insofern ist Skepsis angebracht. Allerdings die Option eines Deals generell auszuschlagen, scheint noch um einiges verderblicher zu sein. Dass ein Selenskij nicht darauf eingehen kann, ist klar. Seine Zeit wäre mit der Unterschrift unter ein Dokument, das die Waffen schweigen lässt, definitiv vorbei. Dass vor allem Großbritannien gegen jede Art des Konfliktendes ist, liegt an ihrem trotz des kläglichen Endes des Empires immer verfochtenen strategischem Ziel, Deutschland und Russland zu entzweien. 

Dass Deutschland an dem Konflikt festhalten will, hängt mit dem alten Ressentiment, das aus der Niederlage im II. Weltkrieg resultiert und an der Vorstellung von Berlin bis Brüssel reichenden Fieberphantasie zusammen, man könne Russland schlagen und in kleine Häppchen aufteilen. Sieht man sich das handelnde Personal an, wird allerdings auch noch deutlich, dass nahezu niemand der Protagonisten einem Profil entspricht, das die ihnen übertragende Aufgabe rechtfertigte. Nicht fachlich, nicht methodisch, nicht kommunikativ, nicht ethisch und nicht strategisch. Insgesamt muss beklagenswerterweise konstatiert werden, dass das gegenwärtige politische Personal keine beeindruckende Referenz für das politische System des Westens darstellt.

Trotz aller Skepsis, was die immer zu Krieg und Eskalation neigenden Figuren der militärischen Mächte darstellen, wäre nun ein Zeitpunkt, im Sinne eines kurzen Hauchs, in denen jener legendäre Gott Kairos nach dem greift, das Erlösung böte. Es geht darum, Tod und Zerstörung zu beenden. In jeder Hinsicht. Das, was angerichtet wurde, wird jetzt schon mindestens eine, wenn nicht gar zwei oder drei Generationen benötigen, um es für ein friedliches Miteinander zu richten. In jeder Hinsicht.  Politisch, moralisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell. Und alle, die an diesem Werk der Vernichtung beteiligt waren, gehören vor das Gericht der Geschichte. Und wer bei diesem Gedanken nur nach Osten blickt, dem hat der Hammer der Infiltration bereits das Denkvermögen zertrümmert. Diejenigen, die jetzt gegen die Möglichkeit einer Beendigung des Krieges geifern, sitzen bereits auf der Anklagebank. Und genau das wissen sie. Ihnen ist bewusst, dass ihre Geschichte mit einem Ende des Krieges auserzählt ist. So profan sieht es aus. Ihre Felle schwimmen weg.

Der Gott Kairos und die schwimmenden Felle
Neon illustration of Sunn Studio with an artist, pirate boats, dancing mice, and wolf

Feldzüge

Wahre Ethik
Bändigt die Moral
Kluges Handeln
Entpuppt sich als brutal.

Tote Mäuse
Tanzen auf dem Tisch
Leere Hände
Zahlen alles zurück.

Die Kapitäne
Sinkender Schiffe
Verspeisen
Stinkende Fische.

Der Lord der Lügen
Liegt selbstvergessen
Im Sonnenstudio
Und lässt sich maniküren.

Mutter Erde
Gleitet über Ozeane
Und lacht stürmisch
In die leere Faust.

Der Herr der Ringe
Springt grölend
Durch den Feuerreif
Und Bruder Wolf
Wedelt mit dem Schweif.
Feldzüge
Rainy cyberpunk city with delayed train, neon signs, and closed high school

Die Stunde Null

Wenn eine Brückensanierung gefühlt länger dauert als ein Kondratieff Zyklus, wenn bei einer zehnstündigen Balkonsanierung das notwendige Gerüst drei Monate stehen bleibt, wenn ein Steuerbescheid trotz digitalem Prozess länger als ein Jahr auf sich warten lässt, wenn Bahnreisen zu wilden Abenteuertouren mutieren, wenn Schulen verrotten und Kirchen leer stehen und wenn sich nahezu standardmäßig veranschlagte Baukosten in der Regel bis zur Fertigstellung verdreifachen, mag die Frage gestellt werden, was eigentlich passiert ist, dass solche Zustände den Alltag einer ehemals führenden Industrienation beschreiben? Nein, es geht nicht um die bestens bewährte und bis zum Überdruss praktizierte Methode der Schuldzuweisung. Das wäre billig. Denn dann bietet sich die Möglichkeit einer einfachen Lösung nahezu an. Und einfache Lösungen kann es angesichts dieses sich komplex zu registrierenden Niedergangs nicht geben.

Sicherlich, ein Aspekt ist der Befund einer mentalen Übersättigung. Wie es bereits vor Jahren ein damals weitsichtiger Politiker beschrieb, ist es ein fataler Fehler, in Zeiten der Hochkonjunktur auf dem Sofa zu sitzen und selbstgefällig einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen. Aber, wenn das Gift der Übersättigung zu wirken beginnt, dann versinkt die Erkenntnis, dass anti-zyklisches Handeln in der Lage ist, absehbaren Krisen zuvorkommen zu können, in bespöttelter Bedeutungslosigkeit. 

Und so wurde nahezu alles, was an Substanz für Prosperität vonnöten ist, ignoriert. In einem Land, das arm an natürlichen Ressourcen ist, unterblieb die massive Investition in Bildung, die bestehende Infrastruktur wurde nicht mehr instand gehalten, geschweige denn modernisiert, technologische Revolutionen wurden lange Zeit ignoriert, die Belastung von Leistung wurde gesteigert, die Verwaltung politisiert, Organe der Zivilgesellschaft subventioniert, die Tarifautonomie verstaatlicht, eine dringend notwendige Reform des politischen Systems unterblieb und geopolitisch ließ man sich zum eigenen Schaden instrumentalisieren. 

Das kann man alles auch anders sehen. Aber die Aufgaben, die sich stellen, um wieder sprichwörtlich auf die Beine zu kommen, werden bleiben. Nahezu allem, was ein Gemeinwesen ausmacht, muss neues Leben eingehaucht werden. Da ist es mit der einen oder anderen Reform nicht getan. Und da ist es auch mit in irgendwelchen Parteizentralen schnell aufgeschriebenen Rezepten nicht getan. Das Gute an dieser Situation ist die Tatsache, dass der zänkische Streit um Details, das Gewese um Kränkungen und um das rituell rein Interpretative dem Ende zugeht. Alle, die darauf setzen, dass es so weiter gehen kann wie bisher, werden sich in sehr kurzer Zeit im gesellschaftlichen Niemandsland wiederfinden. 

Es bricht die Zeit an, in der ein gesamtgesellschaftlicher Prozess vonnöten ist, bei dem es zunächst um das Grundsätzliche gehen wird. Die zentralen Fragen werden sein, wie und in welcher Form Regierung vonstatten gehen soll, d.h. wer wie lange ein Mandat erhält und wie es entzogen werden kann, wie sich die Gesellschaft versteht, als Gemeinwesen mit kollektiven Pflichten wie Freiheiten, wie und wo man sich auf dem Globus ansiedelt, welche Strategien man benötigt um einen kollektiv getragenes Profil zu entwickeln etc.. Da geht es nicht um 600 Euro Steuerersparnis im Jahr, um keinen Tankrabatt und auch nicht um die milliardenschwere Investition in bei Fertigstellung unbrauchbares Kriegswerkzeug. Jetzt, in naher Zukunft, wird es endlich mal um Zukunft gehen, und nicht um Schuldzuweisungen für das Gestern. Egal, wie es kommt – die Stunde Null naht!

Die Stunde Null