Ostenmauer – 97. Zwei Dekaden

Ein letztes Durchatmen am Lago Maggiore. Dann der Sprung ins Ungewisse. Der Flug nach Asien, das Hotel in Glodok, mitten im Rotlichtviertel, das Frühstück mit den Chinesen, die die Eier mit dem Messer meuchelten, die lange Nacht mit dem Experten, im alten Holländerviertel, wo nichts mehr stand als die Erinnerung. Die Fahrt über Land, mit dem Zug nach Yogyakarta, dort wo im goldenen Kästchen die Ratten unter den Käfigen der Papageien umherliefen. Dann, mit dem Schiff nach Pangandaran, wo die Entscheidung fiel, bei selbst gebackenem Brot nach Bauernart und den Affen, die in Banden den Diebstahl organisierten. Der Flug zurück und die Auflösung. Alles musste weg, bis auf das Unentbehrliche, das große Container füllte. Der improvisierte Vertrag in Heidelberg und dann schnell nach Paris, Adieu zu sagen, an Heines und Zolas Grab, bei Austern im Freien, im Kalten November und einer englischen Komödie, die keinen Franzosen zum Lachen brachte. 

Der Schluss, mit einem Fest für die Freunde und einem erneuten Flug in die neue Heimat. Singapur, Jakarta, Yogya. Im Puri Arta, wo der javanische Wächter dem großen Fisch des Hochzeitsbuffets genüsslich die blauen Augen aussaugte. Und dann der Kampf um das Malay, jeden Tag, in der Hitze, bei Gewitter, im Schatten des Merapi, der säuselnd heiße Asche spuckte. Und dann Jakarta. Hotel Marco Polo, dort, wo es überall nach Durian roch und sich die Tische bogen unter den Köstlichkeiten, die das Archipel bot. Der Arbeitsbeginn und die lange Zeit bis die Wohnung da war. In der Nähe der Jalan Asia Afrika. Unten, nebenan, der Kampung. Und die Skyline einer neuen Welt. Arbeitsbeginn und Aufstand. Eine brennende Stadt, der Diktator, in Ägypten, verlor die Macht. Auf die Studenten in der Nachbarschaft wurde geschossen. Klopfzeichen in der Nacht, auf Bambus, sie gingen durch die ganze Stadt. Die organisierte Flucht nach Kuala Lumpur.

Dort das Warten, auf die Rückkehr, woanders sollte es nicht mehr hingehen. Die Fahrt nach Penang, auf die Insel, wo der russische Botschafter allgegenwärtig war. Und die Rückkehr, in eine Heimat, die noch keine war. Das Leben unter Expats, die Annäherung an das Land. Die große, beschwerliche Reise in Sulawesi, am Steuer Haji, dem einstigen Guerillakämpfer, durch den Taman Kopi, bis nach Manado. Das fürstliche Essen im Bordell, das keines war, das Paradis unter dem Meer, das keine Drogen brauchte, um zu wirken. Der Trip nach Singapur, wo die Hawker das Schönste waren und der Rest so aussah wie Frankfurt am Main.

Der erste Berührung mit Australien. Perth, Freemantle, Boxing Day, nackte Nikoläuse am Strand und ein Flugzeugträger der Amerikaner, die sich nachts über Northgate ergossen und einen Frank-Sinatra-Film nachspielten. Das Licht von Perth, es bleibt, Blattgold am großen Himmel. Und die Immigranten, die nie aufgenommen wurden, und die Aborigines, die gebrochenen Blickes in der Parks herumlagen.

Jakarta, die Siegreiche, wurde das Zuhause. Der Ramadan, die Unabhängigkeitsfeiern, der Kalender wurde ein neuer. Reisen nach Bali, nach Sumatra, Schweinebraten und reichlich Bier bei den Bataks am Toba-See. Jakarta. Die Skurrilen aus allen Ländern der Welt, die sich nirgendwo heimisch fühlten außer hier. Wo alle etwas fanden. Die große Unruhe im Land. Die Aufbruch, die Rückschläge. Die Staus, die Empfänge, die Zugänge und die Abreisen. Weihnachten in Pangandaran. Die unvergessliche Nacht auf Nusa Kambangan, der Tropensturm und die dramatische Rettung, mit dem Katamaran über das tödliche Meer.

Der schwere Abschied, der gewollt war. Die Akklimatisierung an den Westen im fernen Australien, Sydney, Great Ocean Road, die großen Spaziergänge im Gezeitenbad. Das Warten am Bondi Beach. Der kalte Einstieg in der alten Heimat. Die Vergleiche, die alle misslangen. Die Pausen, um durchzuatmen. Auf den Kanaren und im Lazio. Die missglückten Versuche, alles zu erklären. 

Der Trip nach Texas, die Weite, die Dynamik, die sechste Straße in Austin, das neue Modell in San Antonio, die Geier am Himmel, die Züge in der endlosen Ebene, die Nacht in Mexiko, die Schikanen der Grenzer. Die blutjungen Soldaten, die in den Iran flogen und kein Essen herunterbekamen. Das Gefühl, dass alles aus den Fugen geriet. 

Die Mühen in der Ebene, die Pausen in Amsterdam und am Meer. Das Protokoll in Istanbul, das Leben im offiziellen Modus. Die ständigen Wechsel, die Mühen, Europa wieder zurück zu bekommen. Das immer wieder präsente Spanien, das geliebte Italien, die Wege, die versperrt waren, irgendwie die lange Nacht, die kein Ende nahm und die von außen so glänzte.

New York. Die Gesänge in Marys Crisis, die Fahrt mit mit dem roten Kreuzer in die Hamdens, die Pancakes in Montauk, der Spaziergang in Cape Cod. Das verregnete Boston, Haltestelle Dewey Square, Charlie Parker ließ grüßen. Ein Abschied im Village Vanguard und ein Präsident, der alles anders machen wollte. 

Die Toten, die den Weg säumten, die so nahe waren, von denen die Erinnerung bleibt, weil sie uns so viel lehrten.

Die sieben Ebenen, die nicht enden wollten. Befreiungsschläge. Die ungewollte Zeit in Lissabon, die den Fado brachte. Mit russischen Bären und NATO-Offizieren beim Frühstück auf Zypern. Schalke gegen Madrid und der mögliche Griff in Ronaldos Tasche. Dann die fetten Suppen in Hongkong und die Begegnung mit dem Roten Drachen. Das Wiedersehen mit Bali, der Insel der Götter, die im Stau erstickte, aber den Spirit nicht hergab. Später die Ruhe am Meer im Norden und der Schinken im Alentejo. Und die Gewissheit, dass alles weiter geht, und das eigene Schicksal, das keine Rolle spielt. 

Die Mütze ist voll. Prallvoll. Alles geht weiter, auch über das Ende hinaus. Es war ein Privileg. Es ist ein Privileg. Und es geht weiter. Immer weiter. Kein Ende in Sicht. Bei allem Schwärmen, auf den Mikrokosmos kommt es an. Die Welt liegt im Detail.       

Zwei Dekaden
Two bears playing chess in a cabin and two clowns gambling at a casino table

In Moskau spielt man Schach!

Manche lernen aus der Geschichte und andere wiederum nicht. So, wie es sich darstellt, leben wir in einem Land, in dem sich die Erkenntnisse, die der fatale Verlauf der Vergangenheit angeboten hat, nicht haben durchsetzen können. Zwar herrscht eine bei jeder Angelegenheit platziertes Mantra des „Nie wieder!“, was jedoch nicht davon abhält, hier und da jenseits der medialen Aufmerksamkeit immer wieder mit Faschisten herum zu kumpeln, wie das bei der Zerschlagung Jugoslawiens der Fall war und nun in der Ukraine. Oder beim regelmäßigen Bruch des Völkerrechts aus den eigenen Bündnissen das Schweigen vorzuziehen, genauso wie bei Masskern an Zivilbevölkerungen. Vielleicht hatte Henry Kissinger bereits 1961 in einem Memorandum an den damaligen US-Präsidenten Kennedy recht, als er Deutschland als Kandidaten für einen kollektiven Nervenzusammenbruch charakterisierte. Zwei verlorene Weltkriege, eine gescheiterte Revolution und ein geteiltes Land, so der im Frankenland Aufgewachsene, müssten über kurz oder lang zum nervlichen Breakdown führen. Zu den Kalamitäten sind inzwischen noch andere hinzugekommen, und wir sind, so sieht es aus, hier und heute Zeugen des prognostizierten Nervenzusammenbruchs.

Und was das Lernen aus der Geschichte anbetrifft, einmal abgesehen vom Faschismus und seinen Folgen, so ist etwas, das die meisten noch miterlebt haben, wohl das schlimmste Kapitel. Das endgültige Ende der Sowjetunion wurde unter anderem maßgeblich verursacht durch das von USA und NATO betriebene Wettrüsten. Es verschlang in der Sowjetunion die meisten Ressourcen und band die besten Produktivkräfte, was zu einer ökonomischen und dann mentalen Erschöpfung führte. 

Betrachtet man die Entwicklung, in der wir uns seit der russischen Militärintervention in der Ukraine befinden, dann gleicht das, wozu sich vor allem die EU und ihre Mitglieder entscheiden, genau dem, was die UdSSR in die Knie gezwungen hat. Alles fließt in eine Art der Hochrüstung, die zudem keine technologische Zukunftsprognose zulässt. Der westeuropäische Westen verbrennt Geld und Produktivkräfte, er versäumt technologische Revolutionen und er schröpft seine Bevölkerungen. Während die Legitimation der Regierungsführung massiv leidet und die Effizienz durch eine sich epidemisch ausbreitende Bürokratie erstickt wird, gerät das politische System in eine substanzielle Krise.  

Es sieht zunehmend so aus, als hätte Russland aus dem dramatischen Niedergang der Sowjetunion nicht nur gelernt, sondern dass es die daraus gewonnene Erkenntnis dazu genutzt hätte, dem Westen dieselbe Falle zu stellen. In Moskau spielt man Schach! Und sieht man sich die Rüstungsinitiativen hierzulande genau an, dann gleichen sich die Entwicklungen tatsächlich. Die EU, die sich rasant zu einem ökonomischen Kriegsbündnis gemausert hat, ähnelt nach innen zunehmend der paralysierenden Bürokratie der späten UdSSR. 

Stimmen aus dem Inneren des eigenen Hauses, die diese Analogie herstellen, sind selten, und werden natürlich von den Profiteuren der Rüstungskonjunktur nicht gerne gehört. Stattdessen tobt ein lancierter Diskurs, wer denn von den politischen Akteuren zur liberalen Mitte gehört. Ein kleiner Hinweis: eine Systemkrise mit systemimmanenten Mitteln lösen zu wollen, ist eine armselig dumme Vorstellung. Was Deutschland und der westliche Teil Europas brauchen, sind radikale Eingriffe in das politische System. Wenn die gesamte politische Klasse in derartig evidente Fallen tappt, ist mit Reförmchen und Personenkarussells nichts, aber auch gar nichts zu gewinnen. Der schnelle Tod kommt mit dieser Illusion. Der Westen spielt Vabanque! 

In Moskau spielt man Schach!
Monkeys playing drums and swinging on ropes on a colorful theater stage with an audience dining and watching.

Zwischen Monkey Show und Henkersmahlzeit

Nun, nachdem ein Großteil der Bevölkerung massiv verängstigt und ein anderer, nicht geringerer  Teil bis zur Unkenntlichkeit verhetzt ist, glauben bestimmte Kreise, man könne es mit der nächsten Eskalationsstufe probieren. Jetzt wird offen die Kriegstrommel gerührt. Natürlich gegen Russland und unbeschadet der widersprüchlichen Botschaften. Zum einen sind die russischen Streitkräfte massiv geschwächt, das Vertrauen in den Präsidenten Putin ist in einem wachsenden Teil der Gesellschaft dahin und zum anderen ist Russland kurz davor, die NATO-Länder zu überfallen. Das Personal, das in die schizophren anmutende Kakophonie einfällt beziehungsweise direkt vor den Mikrophonen steht, reicht von der zumindest geistig immer schwipsigen EU-Außenbeauftragten Kallas, die nahezu in orgiastischer Weise in ihren anti-russischen Traumata badet, über das eiserne Röslein aus dem Adelsstand bis in die provinziellen Staden des governmentalen Berlins, in dem die ungebildeten Hinterbänkler, sofern sie in den Chor einstimmen, im Herbst ihrer Existenz noch einmal Karriere zu machen glauben, bis hin zu Kanzler und Verteidigungsminister, die als Reverenzobjekte einer abgelaufenen Epoche noch einmal die Operation Barbarossa spielen wollen.

Das Schauspiel ist so grotesk, dass keine Bühne des bundesrepublikanischen Theaters den Mut aufbringt, eine Persiflage auf das zu Erlebende mit in den Spielplan aufzunehmen. Zum einen fürchtet man die mittlerweile etablierte Kulturinquisition, zum anderen handelt es sich um eine derartige Klamotte, dass sich jeder Dramaturg von Qualität und Reputation in seiner beruflichen Ehre besudelt fühlte, nähme er sich dessen an.

Was bleibt, ist ein anderer, wenn nicht sogar der größte Teil des Publikums, sprich der Bevölkerung, dem seit langem klar ist, dass er sich – nicht in einer Aufführung für die Bühne – sondern in einem wahrhaft theatralischen Stück befindet, das für alle nicht nur kulturelle, sondern knallhart existenzielle Auswirkungen haben wird. Wer, so wird es immer mehr Menschen bewusst, zu lange etwas beiwohnt, dass er vom Verstand wie vom Grunde seines Herzen zutiefst ablehnt, landet zum Schluss mit in der Haftung für das, was dabei herauskommen wird. 

Auf der einen Seite wird der verlockende Wunsch immer größer, denen seine Stimme geben zu wollen, die zumindest die gröbsten Fehler in der dilettierenden Regierungsführung in der Lage sind auszusprechen. Das Makel dieser Entscheidung wäre jedoch, dass auch sie, bis auf das gegenwärtige Kriegsgeheul, wohl nichts anderes veranstalten würden, wie die Verursacher der Malaise. Nur mit einer anderen Gruppe von Nutznießern. 

Aber, so fragen sich alle diejenigen, die noch nicht das Schicksal des Working Class Hero ereilt hat, dass sie nämlich „fucking crazy“ bei diesem in Endlosschleife präsentierten Irrsinn geworden sind, was bleibt? Welche Möglichkeiten eröffnen sich eigentlich noch, um diesem einem Bekenntnis zum kollektiven Untergang gleichkommenden Szenario zu entkommen?

Ein Teil der immer noch Zurechnungsfähigen plädiert für die redliche, aufrichtige Arbeit im Kleinen, im eigenen Verantwortungsbereich in der Hoffnung, dass sich die Zeiten auch wieder ändern. Und eine andere Gruppierung entscheidet sich zunehmend für den hedonistischen Untergang. Sie verjubeln die Rücklagen, um es sich noch einmal richtig, oder vermeintlich richtig gut gehen zu lassen und bereiten sich auf ein unvermeidliches Ende vor. Sie verspeisen quasi so etwas wie eine üppige, an die sprichwörtlich spät-römische Dekadenz erinnernde Henkersmahlzeit. 

Und wie beschreibt man eine Gesellschaft, die zwischen Monkey Show und Henkersmahlzeit hin und her schaukelt?    

Zwischen Monkey Show und Henkersmahlzeit