Ostenmauer – 96. Luz

Manchmal ist es sinnvoller, die Komplexität des Daseins mit seinen unterschiedlichen Wirkungsfaktoren zunächst auszublenden. Die einfache Beobachtung allein reicht in glücklichen Momenten aus, um das ganze Gewebe um das Sein von selbst hervorzuzaubern. Da braucht es weder geographische noch kalendarische Daten, weil das Profane alles verrät. Der Mikrokosmos ist oft stärker als die ganze Wucht des Makrokosmos.

Auf einem Platz vor einem kleinen Café direkt am Meer, wo vorwiegend Gäste aus England verkehrten, die vor allem wegen der dort angebotenen Scones mit Clotted Cream erschienen, bediente eine junge Frau. Sie bestach durch ihre Übersicht und Eloquenz. Die junge Frau ging von Tisch zu Tisch, während sie stets alle Gäste im Auge behielt. Bei jeder Bestellung und jeder Auslieferung unterhielt sie sich mit den verschiedenen Gästen. Hier war es eine kurze Unterhaltung auf Englisch, dort verfiel sie ins Portugiesische oder Spanische, mal brillierte sie mit einem guten Deutsch und selbst Niederländisch hatte sie in ihrem Repertoire. Über ihre sprachliche Kompetenz hinaus wirkte sie mit ihrer Fähigkeit, auf die konkreten Bedürfnisse und die unterschiedlichen Vorstellungswelten der Gäste einzugehen. Letztere dankten es ihr mit freundlichen Gesten und üppigen Trinkgeldern. 

Doch da war etwas, was auch auffiel. Immer, wenn sie zurück in das kleine Café ging, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie wurde ernst. Ab und zu rauchte sie eine Zigarette mit dem Staff hinter der Theke. Dann wirkte sie sehr geschäftsmäßig und unterschied sich in keiner Weise von den zumeist gestressten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer jeden Gastronomie. Und jedes Mal, wenn sie zurück auf den frei liegenden Platz mit den Tischen kam, der eine wunderbare Sicht auf das Meer bot, verwandelte sie sich in die Meisterin der Interaktion, die allen Gästen so sehr gefiel. Sie war schätzungsweise dreißig Jahre alt, sah sehr gut aus und verriet durch ihre Physiognomie eine gewisse Extravaganz. 

Wie gesagt, bei genauer Betrachtung fiel ein sich immer wieder vollziehender Rollenwechsel auf. Wenn sie ins Café ging, dann schien es, als kehrte sie hinter die Kulissen zurück. Und immer, wenn sie von neuem auf dem Platz erschien, wirkte es, als betrete sie eine Bühne. So verwunderte es eigentlich nicht, als sich in einem Gespräch herausstellte, dass sie von Beruf Schauspielerin war und im fernen Lissabon gearbeitet hatte. Auf die Frage, was sie hierher, ans Meer, in einen Ort getrieben habe, in dem sich Touristen aus anderen Ländern herumtrieben, antwortete sie, dass ihre Bühne habe schließen müssen, weil es keine Zuschüsse mehr gegeben habe. Aber, und das schoss aus ihr heraus, obwohl sie gar nicht gefragt wurde, als Kellnerin verdiene sie nicht nur besser als in ihrem eigentlichen Beruf, sondern die Einkünfte seien sogar regelmäßig und sie habe geregelte Arbeitszeiten. 

Dennoch wurde deutlich, dass sie etwas vermisste, das ihre von ihr gewählte Rolle mit den Scones nicht kompensieren konnte. Wie es so ist, derartige Gespräche setzen sich manchmal nach Tagen fort. Und so ergab sich, dass sie an einem Nachmittag, an dem relativ wenig Betrieb war und sich über dem Meer Wolken gebildet hatten, mehr von sich gab, als es ihr ihre Rolle erlaubt hätte. Da wurde deutlich, dass ihr Lebenstraum zerstört worden war. Nicht nur ihre Bühne, so berichtete sie, hätte schließen müssen, sondern alle Bühnen und Arrangements, die noch irgend eine Möglichkeit geboten hätten, in ihrem Beruf als Schauspielerin weiter zu arbeiten. Sie töten alles, sagte sie, sie töten alles in Portugal, die Kultur und die Hoffnung. Dabei blickte sie aufs Meer und für einen kurzen Augenblick traten dieser so lebenslustig wirkenden Frau Tränen in die Augen. Doch ehe sie in sich zusammenbrach, fand sie Halt am Horizont und sie zwang sich ein Lächeln zurück ins Gesicht. Wie gesagt, die Frau hatte Talent. Als sie den Tisch abräumte, hätte das auch eine Metapher sein können für die Jugend Europas. In Luz, am Meer, als die Wolken am Himmel waren.

Luz
Black and white historic steamship with German and European flags on calm water

Auf dem falschen Dampfer

Wäre es nicht brandgefährlich, so könnte man kopfschüttelnd darüber schmunzeln. Die unwidersprochen vertretene Position von EU wie Bundesregierung zu dem Vorschlag des russischen Präsidenten Putin, Gerhard Schröder als Moderator für einen Prozess mit dem Ziel der Beendigung der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine einzusetzen, wird übersetzt als das Ansinnen Putins, Schröder als Vertreter der EU zu benennen. Schlüsselt man diesen Übersetzungsfehler auf, dann wird das ganze politische wie mentale Dilemma deutlich. 

Vielleicht noch einmal zum Verständnis. Russlands Motive, militärisch in der Ukraine zu intervenieren, ist in einer Abfolge von Aktivitäten seitens der EU, der NATO und dort vor allem der USA zu suchen. Das Ansinnen der Ukraine, Mitglied der EU zu werden, war nicht die Ursache.  Das von der EU zur Bedingung gemachte Junktim, wenn EU, dann auch NATO, schon. Der damalige, immerhin gewählte ukrainische Präsident wurde, nachdem er diesem Junktim widersprach, durch einen lancierten Putsch, bei dem auch anwesende US-Senatoren mit hochgehaltenen Waffen wie marodierende Faschistenverbände glänzten, gestürzt. Die Folge waren unter anderem Terror der neuen Regierung im mehrheitlich von Russen besiedelten Donbas und eine Besetzung der Krim durch Russland. In der Folge positionierten sich EU wie NATO auf der Seite der neu installierten Regierung und seit der russischen Intervention 2022 als aktive Kriegsverbündete der Ukraine. Vor allem aus der EU-Kommission wird seitdem immer wieder als Ziel formuliert, Russland zerschlagen und in kleinere Einheiten aufteilen zu wollen.

Wer nun glaubt, Russland würde, in welcher Form auch immer, Vertreter der EU als Moderatoren akzeptieren, hat die Zusammenhänge nicht verstanden. Die EU ist aktive Kriegspartei. Darum scheint es jedoch nicht zu gehen. Und wer glaubt, Russland werde direkt mit der EU verhandeln, um die Kampfhandlungen in der Ukraine zu beenden, irrt ebenso. Wer das Ziel ausgibt, nicht die Interessen der Ukraine zu vertreten, sondern Russland zu zerschlagen, hat das Interesse, den Krieg zu perpetuieren. Eigene Vorschläge für die Moderation eines Friedensprozesses existieren nicht. Dazu reicht über das nicht vorhandene Interesse auch die Phantasie nicht. Ein Lula da Silva hätte das Zeug. 

Dass ein Präsident Selenskij, der kein demokratisches Votum mehr besitzt und den nach Angaben eines amerikanischen Meinungsforschungsinstituts 30 Prozent der ukrainischen Bürger wegen Korruption vor einem Untersuchungsausschuss sehen wollen, kein Interesse an einer Beendigung der Kampfhandlungen hat, ist folgerichtig. Er will, darauf weisen die Militärschläge in Russland hin, die NATO mit in diesen Konflikt ziehen. Solange die Drohnen fliegen, rollen die Euros wie von selbst in die Kassen.

Koinzidenz dabei ist die seit dem Konflikt mit Russland und der Energieverteuerung schlingernde Industrie in Deutschland, die nun gelockt wird mit Militäraufträgen, und Unternehmen wie VW und Mercedes sind bereit anzubeißen oder haben bereits angebissen. Weitere Lobbys kommen aus der Rüstungsindustrie. Ein weiters makabres Signal ist der Börsengang eines deutschen Prothesenunternehmens. 

Dass die immer wieder an die Wand gemalte militärische Bedrohung der EU-Staaten durch Russland eine Trigger ist, um diese Geschäfte am Laufen zu halten, ist nachvollziehbar. Dass die Gefahr real ist, nicht. Daran ändert auch nichts die ständige Eskalationsrhetorik hiesiger Globalstrategen aus den Wahlkreisen Aalen-Heidenheim oder dem Rhein-Sieg-Kreis, und vom Verteidigungsministerium bis zum Kanzleramt setzt sich das Provinzielle und Eindimensionale fort. 

Die Einschätzung, die in den Metropolen dieser Welt geteilt wird, ist die, dass sich EU wie die Bundesrepublik Deutschland auf dem falschen Dampfer befinden, und konsequent Kurs auf seichte Gewässer halten.  

Auf dem falschen Dampfer
Medieval-themed rock band performing on stage with a costumed knight and enthusiastic audience outdoors

Albert Einstein und der ESC

Albert Einstein und der ESC

Dass ausgerechnet nach dem Spektakel des ESC, bei dem die für Deutschland ins Rennen geschickte Interpretin wieder einmal durch Juror- wie Publikumsvoten auf die hinteren Ränge verwiesen wurde, die Frage aufkam, woran diese erneut unterstrichene Missachtung liegen mag, vielleicht noch ein Wort zu der Veranstaltung. Die Bewertung ihres Stellenwertes aus der Branche selbst heraus als ein herausragendes Ereignis der europäischen Kultur ist verständlich. Wo das Geld verdient wird, spricht man nicht schlecht über das Angebot. Und wenn sich Prominente aus dem hiesigen Unterhaltungsbetrieb sogar dazu versteigen, diesen Superlativ an Massenkonsum und Hysterie bei gleichzeitiger künstlerischer Trivialität unwidersprochen als ein Signum der Demokratie zu bezeichnen, dann muss man sich über den mentalen Gesamtzustand aller Beteiligten große Sorgen machen. Nichts gegen diejenigen, die diese profane Form des Pomp und Circumstance zelebrieren wollen, jedem Tierchen sein Pläsierchen, aber auf dem Boden bleiben ist immer ein guter Rat. Und den gilt es zu befolgen.

Zum anderen existiert kein Ereignis und keine Gegebenheit, die nicht auch den Keim in sich trüge, durch richtig gestllte Fragen in einen produktiven Prozess geraten zu können. Und so ist die Frage, warum viele der Beteiligten so viel Missachtung gegenüber den Vertretern dieses Landes mit sich bringen, eine vernünftige. Man kann in Handlungsweisen und Auftreten eine Antwort suchen, es bietet sich aber auch an, vielleicht einmal positiv zu denken.

Dabei handelt es sich um die Betrachtung von Attraktivität. Was macht dieses schwer fassbare, jedoch stets wirkende Phänomen eigentlich aus? Dabei muss man vielleicht nicht gleich an ein Land, sondern zunächst an ein Individuum denken. Attraktive Menschen strahlen etwas aus. Auch das klingt zunächst mysteriös und bezieht sich auf so etwas wie Charme im Umgang, eine Art der Pflege seiner selbst, was wiederum einhergeht mit Selbstachtung wie Selbstbewusstsein. Und diese Ausstrahlung suggeriert vielleicht so etwas wie Ungewissheit im Sinne möglicher Reize,  um  Möglichkeiten, an die man noch gar nicht so recht gedacht hat, was dazu verleitet, Träume entstehen zu lassen. Träume, die nur deshalb zustande kommen, weil sich beim Überbringer des Reizes  ein durchaus sichtbares Können manifestiert. Umgang, Form, Selbstbild und Fähigkeit sind die Überschriften, hinter denen sich Attraktivität verbirgt.

Natürlich hat das alles mit der Kaufhausnummer und der unter den einzelnen Produkten angefteten Preisschilder eines ESC nichts zu tun. Dieses Discount-Bingo lässt man am besten hinter sich. Aber die Frage, was geschehen müsste, um dieses Land attraktiv zu machen, ist dennoch eine schöne Ableitung aus der angesprochenen Malaise, die doch viele bewegt.

In welcher Art geht dieses Land mit anderen um? In welcher Form präsentiert es sich in der Welt? Wie sieht es sich selbst? Existiert überhaupt ein kollektiv gezeichnetes Selbstbild? Und mit welchen Fähigkeiten kann es tatsächlich glänzen? Allein diese Aufreihung verrät, was beantwortet, erarbeitet und erledigt werden müsste, um mit einem attraktiven Profil in der internationalen Gemeinde auftauchen zu können. So hat jedes Debakel auch etwas Gutes. Oder, jedes Debakel kann etwas Gutes mit sich bringen. Man muss es nur wollen. Um den guten Einstein zu bemühen, wer immer wieder dasselbe macht und glaubt, er könne damit bessere Ergebnisse erzielen, dem ist nicht zu helfen!

Albert Einstein und der ESC