Alle, die politisch aktiv sind oder einmal aktiv waren, kennen das. Da tauchen in der gleichen Partei oder Organisation Menschen auf, die einem weder durch ihr Auftreten, noch durch ihre Haltung und auch nicht unbedingt durch ihre Ansichten sympathisch sind. Mehr noch, man fragt sich, was diese Figuren eigentlich dort machen, wo man sich selbst aus vielleicht idealistischen Motiven, vielleicht aus rationalem Kalkül verortet hat. Und spricht man die Personen an und verweist darauf, dass das, was sie da von sich geben oder wie sie sich verhalten nicht mit dem übereinstimmt, was man als Geist der Organisation bezeichnen könnte, dann verweisen sie auf ihre Loyalität zum Programm, wie immer es auch aussieht.
Viele von den Menschen, die irgendwann aus dem politischen Geschäft ausgestiegen sind, nennen diese Erfahrung als den Grund ihrer Enttäuschung. Und ihre Lehre benennen sie genau damit. Sie sagen, dass sie bei welchem Ziel auch immer, nie wieder mit Personen zusammenarbeiten werden, die eine große Diskrepanz zwischen dem formulierten Ziel und ihrem an den Tag gelegten Verhalten aufweisen. Nimmt man die Zwänge abhängiger Beschäftigung aus der Überlegung einmal heraus.
Im Grunde handelt es sich bei dem beschriebenen Phänomen um die Quelle von Doppelmoral. Wer Gutes propagiert und Schlechtes tut, zerstört das hohe Gut der Wahrhaftigkeit und damit das Vertrauen derer, um die es geht. Wie so oft, hat der zwischen vielen Welten stehende und scharf beobachtende Heinrich Heine die Erscheinung so gut beschrieben, dass sich die Formulierung bis heute eines großen Zuspruches erfreut:
„Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn' auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“
Übertragen auf die heutigen aktuellen Verhältnisse, so finden sich viele Fälle, anhand derer man den Eindruck gewinnt, dass eine Überzahl von Menschen sich in Positionen befinden, bei denen sich redliche Menschen gezwungen sehen, die Reißleine des Vertrauens zu ziehen. Die großen Worte von Freiheit, Humanität und Selbstbestimmung korrespondieren in keiner Weise mit den an den Tag gelegten Taten. Krieg, Vertreibung, Massenmord, Umweltzerstörung, Folter, Drogen- und Waffenhandel, Korruption, die Beschneidung von Rechten, all diese Geiseln der Zeit werden legitimiert mit der Bewahrung von Freiheit und Recht.
Im engen, privaten Kreis würden derartige Verhöhnungen des eigenen Urteils schnell geklärt werden. Da reicht es, zu sagen, dass man mit derartigen Marodeuren der Vernunft nichts mehr zu tun haben will. Und man meidet sie und gut ist es. In großem Rahmen jedoch, in Politik, Wirtschaft oder Kultur, da geht das nicht so einfach. Da sind große Koalitionen vonnöten, die mit geballter Kraft dem Unwesen entgegen treten. Und die klassischen, historisch einmal erfolgreich gewesenen Organisationen, sind mental ebenso degeneriert wie der Geist in vielen Chefetagen.
Die erste Reaktion auf die immer größer werdende Diskrepanz zwischen Wort und Tat ist die kollektive Abwendung, die Aufkündigung des Vertrauens. Und, wie Jean Paul Sartre es so treffend formulierte, Vertrauen gewinnt man tropfenweise und man verliert es in Eimern. Das ist der Zustand, in dem wir uns befinden. Das Vertrauen ist dahin. Und die, die es zerstört haben, werden es nicht zurück gewinnen. So kalt kann Logik sein.
