Ostenmauer – 93. Niccolò Machiavelli

Er war Aufsteiger und Absteiger. Er hatte es weit gebracht und lag zwischendurch in Ketten. Er bewunderte die Brutalität der Macht und er spürte ihre Willkür. Er war Kriegsherr und Diplomat, Emissär und Vermittler. Er fungierte als Spion und trat ein für Transparenz. Die vielen Rollen, die er zu spielen hatte, oder besser gesagt, die vielen Rollen, die er gewillt war zu spielen, trugen nicht dazu bei, dass er unumstritten war. Seine Identität blieb über seinen Tod hinaus eine schillernde. Kaum jemand repräsentiert die Wirren der europäischen Kleinstaaterei besser als er, kaum jemand hat die Widersprüche seiner Zeit besser begriffen und dargestellt als er. Letztendlich wurde er ein Opfer der post-mortalen Kolportage. Das, was er der Welt hinterließ, wurde verkürzt auf einen kleinen, aber wichtigen Aspekt. Die große Fülle seines Lebens ist bis zum heutigen Tage reduziert auf eine Art von Skrupellosigkeit der Macht und mit seinem Namen ausgeschmückt. Das Schicksal seines Rufes untermauert ein ehernes Gesetz der Geschichte: Wer nicht zu den Siegern gehört, wird in der Ewigkeit verunglimpft.

Niccolò Machiavelli entstammte einfachen, jedoch keinen armen Verhältnissen und hatte für seine Zeit, wir sprechen von der Zeitspanne zwischen 1469 und 1527, das Privileg, die Bildung zu genießen, die ihm den Zugang zum Staatsdienst gewährte. Als Außenminister des Stadtstaates Florenz, als der er nahezu 15 Jahre fungierte, hatte er Kontakt zu den Mächtigen Europas, er verkehrte in den Königshäusern Frankreichs, Spaniens und Deutschlands wie beim Papst im Rom, er kannte die Borgias wie die Medicis. 

Seine Erfahrungen schrieb er nieder, vor allem in den Unschätzbaren Werken „Der Fürst“ wie den „Discorsi“. Während er im ersten die praktischen Notwendigkeiten säkularer Herrschaft nachzeichnete und nicht, wie später immer wieder unterstellt, forderte, formte er das Logbuch der Macht per se. Seiner Feder entstammt der Begriff der Staatsräson, der Aktion der Macht, die ihren Bestand bei Missachtung der Staatsdoktrin opfert. Das hat er gesehen, bei den Borgias wie bei den Medici, und das ist das, was im Volke hängen bleib mit dem Satz „Der Zweck heiligt die Mittel.“

In den „Discorsi“ wurde er zum Normativen, da entpuppte er sich als Vertreter eines gerechten Staates, den er lieber reich sah als seine Bürger, den er sich frei von Korruption und Patronage ersehnte und den er nur gelingen sah, wenn die öffentliche Ämter bekleideten, die ihrerseits sich verdient gemacht hatten um das Gemeinwesen. Die Idee des Begriffs der Meritokratie, der zweieinhalb Jahrhunderte später in der französischen Revolution wieder aufgegriffen wurde, lag also in den Werken dessen, der so schmählich rezipiert wurde von einer Nachwelt, die es mit den Siegern hält.

Als er, abseits vom urbanen Trubel der Stadt Florenz auf einem bescheidenen Hof vor den Toren der Stadt sein Leben, das man später als schillernde Karriere bezeichnen sollte, Revue passieren ließ, entstanden noch Werke wie „die Kunst des Krieges“ und die „Geschichte Florenz´“, in denen er wieder unter Beweis stellte, dass er ein glänzender Beobachter wie ein scharfer Analytiker war. 

Seine beiden Hauptwerke, sowohl Der Fürst als auch die Discorsi, seien wegen ihrer brennenden Aktualität unbedingt zur Lektüre empfohlen. 

Niccolò Machiavelli
People gathered around a table with a world map, notes, and radios

Mental bereits im Führerbunker

Wenn man sie so reden hört, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als säße die ganze Bagage mental bereits im Führerbunker. Schwer enttäuscht vom Volk, das der eigenen ehrgeizigen Pläne nicht würdig ist. Es wurschtelt vor sich hin, als ginge es nicht um alles. Die große Vision, Russland in die Knie zu zwingen, geht an ihm vorbei als wäre es ein windiges Hirngespinst. Der Zugriff auf den schönen ukrainischen Weizen, das schwere Öl auf dem Weg zum Kaspischen Meer und die vielen Seltenen Erden! Nichts hat dieses unwürdige Volk begriffen! Selbst die vielen Zugereisten sind gegen die hehren Pläne immunisiert. Das hätte man bedenken sollen. Dass sie zumeist aus Gebieten kommen, in denen das westliche Imperium mit Messer und Mord Ordnungen zerstört hat. Das Menschenrecht, so deren reduktionistisches Credo, ist, keine Angst zu haben. Bullshit!

Vom überlangen Lügenbaron und Hampelmann bis zu den Rüstungshexen und bajuwarischen Waffenfetischisten sitzen sie in ihren Gemäuern und feiern ihre Verzweiflung und Enttäuschung. Aber bevor sie dort jemand herausholt und zur Rechenschaft zieht, und bevor von der eigenen Mischpoke jemand auf die Idee käme, sich selbst ein Kügelchen in den Lauf zu legen oder etwas einzuwerfen, sei noch einmal versucht, mit den waffenstarrenden, selbst gezüchteten Legionären hier und da einen Brand zu legen, sodass die Ultima Ratio, die totale Zerstörung, so aussieht wie eine vernünftige, von den Realitäten geprägte Politik.

Auf die Ostflanke ist zumindest ideologisch noch Verlass und im Deucieme Bureau, in Brüssel, sitzen ja Weggefährten, die nibelungentreu und braunforsch zur Strategie der Vernichtung stehen. Sie unternehmen alles, was nötig ist, um das eigene Konstrukt und seine Fortexistenz vom Sieg über Russland abhängig zu machen. Dass dort ein heikler Bruchfaden durchs Gebälk geht, weiß man im mentalen Führerbunker. Und gerade deshalb wird noch einmal so richtig Tempo gemacht.

Dass das ganze Vorhaben auf sehr tönernen Füßen steht, weiß man ebenso. Seitdem der große Hegemon jenseits des Atlantiks an anderen Stellen in der Welt seine Prioritäten sieht, grassiert nicht nur Enttäuschung. Nein, es wurde auch bewusst, dass die großen Töne, die man gespuckt hat, nur vor dem Hintergrund der militärischen Stärke des Imperiums Sinn hatte. Nun, nachdem der sich im Nahen Osten aufreibt, ist man auf die eigenen Ressourcen angewiesen. Da wird zwar alles, was das Zeug hält, in die Produktion von Waffen gesteckt. Das Dumme dabei ist nur, dass die Systeme, die das meiste Geld verschlingen, in den aktuellen Kriegen keine Relevanz mehr haben. Wer aus der Vergangenheit kommt, diese nicht begriffen hat, und meint, mit seinem antiquierten Weltbild die Zukunft modellieren zu können, hat bereits verloren.

Deshalb sitzt das Ensemble bereits im Bunker. Nichts wird sich für sie noch zum Besseren wenden. Die einzige Chance, die der dort versammelte Verein noch sieht, ist ein durch ihn  entfachter Flächenbrand. Während das gemeine Volk, welches noch den Überblick bewahrt hat, darüber räsoniert, ob es dort mit Drecksäcken oder Vollidioten konfrontiert ist, sollte es sich vorsehen. Im Wahn, vor allem vor dem Hintergrund des eigenen Untergangs, ist vieles möglich. An Phantasie zur Destruktion. An rauschhafter Vernichtung. An kollektiver Lust am Untergang. 

Mental bereits im Führerbunker
Man holding remote control powering off TV displaying 'Powering Off' message

Einordnen? Selber machen!

Eine Vokabel, die so oft zu hören ist wie nie zuvor, ist die des „Einordnens“. Ob in den gestelzt arrangierten Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, ob bei vielen Privaten, in den Zeitungen und Magazinen. Was die Inflation des Begriffs dokumentiert, ist das schiere Bedürfnis nach Orientierung, oder auch, anders herum, ist der Versuch, das Publikum bloß nicht auf die Idee kommen zu lassen, die Kategorisierung einer Nachricht selbst vorzunehmen. Wie dem auch sei: der Wunsch, Ereignisse und Begebenheiten in ein bereits existierendes Weltbild einzufügen, und zwar in dem Sinne, ob es in die Kategorie Gut oder Böse passt, ist ein Indiz für die Festgefahrenheit der vorherrschenden Denkweisen.

Und vielleicht ist das ein bis jetzt zu wenig beachteter Aspekt der Krise unserer Hemisphäre, dass wir nicht mehr in der Lage sind, etwas zunächst unvoreingenommen wahrzunehmen, es dann zu beschreiben zu versuchen, es abzuklopfen nach positiven wie negativen Aspekten und erst dann eine Annäherung an eine Bewertung zu wagen. Aber wenn Zeit Geld ist und Millisekunden das Maß des Taktes, dann kann man sich nicht mehr leisten, einen längeren Prozess der Erkenntnisbildung zu durchlaufen. Hinzu kommt, dass der Anteil der unmittelbaren Erfahrung immer mehr zugunsten dessen der mittelbaren schrumpft und damit die besten Voraussetzungen dafür gegeben sind, sich auf das schnelle Urteil sich anbietender Experten zu verlassen. Dass die Experten zumeist keine sind, sondern nur als solche ausgewiesen werden und dass das, was sie an Einordnung in der Mehrzahl bieten, nichts anderes ist als die Reproduktion eines interessengeleiteten Weltbildes, sei der Vollständigkeit halber erlaubt hier anzumerken. 

Der Rat, der sich an diese Feststellung anschließt, kann nur der sein, sich auf seine eigenen Sinne, sein eigenes Bauchgefühl, das als eine Resonanz aus den eigenen, selbst gemachten Erfahrungen zu sehen ist und sich letztendlich auf den eigenen Verstand zu verlassen, um Begebenheiten, Ereignisse, Taten und Aktionen in das einzuordnen, was am besten als der eigene Kompass des Lebens bezeichnet werden muss, scheint ein guter zu sein. 

Betrachtet man das Portfolio derer, die in den unterschiedlichsten Medien und Formaten als Experten angeboten werden, so fällt nicht nur auf, dass ihre Expertise in den meisten Fällen an Armseligkeit kaum zu überbieten ist und – das eine hängt mit dem anderen zusammen – sie im Laufe der Zeit zu sehr unterschiedlichen Themen immer wieder mit der Maske des Experten auftreten.  Dass es sich bei dieser Geschichte um nichts anderes handelt als eine Rolle, die gespielt wird, ist evident. In den Zeiten, in denen wir leben, geht es aber nicht darum zu bewerten, wer in einem Stück der durchtriebenen Mystifikation die beste schauspielerische Leistung an den Tag legt, sondern, da es sich oft um Phänomene handelt, die über Leben und Tod entscheiden, wie z.B. Kriege, sollte das eigene Interesse der Kompass sein. Und zwar nach sozial verantwortlichen und nicht hedonistisch-egoistischen Aspekten. 

Analog zum Expertentum verhält es sich bei denen, die die Stücke inszenieren. Was hielte man von einem Theaterregisseur, der früher Kochkurse gegeben hat, dann als Gaukler in einer Show auftrat und letztendlich als Analyst von Politik ins Rampenlicht zu treten bereit war? 

Nicht, dass es keine Multitalente gäbe. Aber manchmal ist vieles auch einfach zu viel. An Dilettantismus. An Impertinenz. Und an Idiotie. Lassen Sie sich nicht beirren! Ihr eigenes Vermögen, Phänomene zu beurteilen ist in den meisten Fällen qualitativ höher als das der lauten Industrie! 

Einordnen? Selber machen!