Ob Watergate, das für die Enthüllungen über illegale Abhörpraktiken auf Geheiß des ehemaligen US-Präsidenten Nixon steht oder Waterkantgate, mit dem die dunklen Machenschaften eines schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten bezeichnet wurden, es existierte einmal ein investigativer Journalismus, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Herrschenden ganz genau auf die Finger zu schauen. Die damaligen Verleger von Zeitungen und die dort arbeitenden Journalisten sahen darin sogar ihre Hauptaufgabe. Beide erwähnten Fälle galten lange Zeit als journalistische Erfolgsgeschichten, die sogar verfilmt wurden und dadurch noch größere Resonanz erhielten.
Die Zeiten sind lange vorbei. Selbstverständlich existieren noch Vertreter eines kritischen, die Herrschenden kontrollierenden Journalismus. Nur leben sie in einem halbwegs geduldeten Untergrund, es sei denn, sie finden etwas heraus. Dann werden sie verfolgt, sanktioniert und sogar eingesperrt. Und wir reden hier nicht von dunklen Autokraten auf der östlichen Halbkugel, die diese Hexenjagd veranstalten, sondern von den selbst ernannten Musterknaben und Mustermädels der westlichen Demokratie und, noch heher, den westlichen Werten. Ein Assange hat mit mehr als einem Jahrzehnt seines Lebens bezahlt, ein Snowden floh, bis hin zu den heutigen Opfern der EU-Sanktionspolitik.
Wer glaubt, dass die Zunft zumindest in diesen Fällen so etwas wie Solidarität zeigt, hat sich gewaltig getäuscht. Die Qualitätspresse hierzulande ist zu einer Akklamationsveranstaltung für die Herrschenden mutiert. Sie übernimmt nicht nur die demagogischen Narrative, sondern sie heizt auch noch heftig ein bei der Schaffung von Feindbildern und der Verbreitung von Hass und Hetze. Wie tief die Branche gefallen ist, sieht man an der Reaktion des deutschen Journalistenverbandes auf die Kritik an dem FAZ-Reporter, der jüngst in Belgrad auf einer Pressekonferenz wissen wollte, wie man dabei helfen könne, noch mehr Russen zu töten. Die Kritik, so der Selbsthilfeverein der unrettbar verlorenen Seelen, sei nicht gerechtfertigt und ein Angriff auf die Pressefreiheit.
Man muss das Debakel gar nicht mehr kommentieren. Wer sich durch derartige Blendwerker noch informiert fühlt, mag das weiter glauben und, wenn die Konsequenzen einer derartigen Täuschung greifen, nur noch dumpf die Augen reiben. Wesentlich interessanter ist es, sich einmal der Vorstellung zu widmen, was wohl wäre, wenn die großen Blätter dieser Republik damit begönnen, wie einst die kritische Branche, bei der Sprengung der Nordstream Pipeline nachzuforschen und Fragen zu stellen, die Behinderungen der Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen von Cum Ex zu beleuchten, bei der Investition in antiquierte Rüstungsgüter nachzufragen, herauszufinden, was der Linken versprochen wurde, als sie Merz als Kanzler mit in den Sattel hoben, welche Absprachen es gab, um die nochmalige Auszählung Bundestagswahlen zu verhindern, wieso ein abgewählter Bundestag eine Schuldenaufnahme vollzog, obwohl ein neuer bereits gewählt war, wieso kein Nachweis erbracht wurde, welche „Organe der Zivilgesellschaft“ mit öffentlichen Geldern subventioniert werden etc etc..
Fälle, in denen guter Journalismus sich beweisen könnte, gibt es unzählige. Nur existiert er in dem, was als Qualitätsmedien bezeichnet wird, nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Dort wird verschleiert, desinformiert, gefiltert und gehetzt. Das Delikate an der Geschichte ist, dass sich unter den Delinquenten Figuren befinden, die allesamt einmal anders gearbeitet haben. Und plötzlich waren sie dabei, das Gegenteil von dem zu vertreten, wofür sie standen. Das wäre doch einmal eine schöne Geschichte zum Auftakt: Was ist eigentlich passiert, damit sie sich um 180 Grad gedreht haben?
Wie sagte noch Egon Erwin Kisch, eine Ikone des unbestechlichen Journalismus? Nichts ist erregender als die Wahrheit.
