Children carrying rifles across muddy rural ruins beneath storm clouds

Ein kleines Dorf namens Europa

Waffen für die Ukraine! Waffen für die Ukraine! Liefern bis zum Sieg! Die Zerstörung Russlands ist das Ziel. Von Kallas bis Merz, von von der Leyen bis hin zu den wichtigtuerischen Hinterbänklern aus einem längst nicht mehr für Qualität stehenden Parlament sind immer und immer wieder die gleichen Parolen zu hören. Manchmal mischt sich noch der Oberstratege mit der überdimensional langen Nase in die Weltpolitik ein und schwadroniert von notwendiger Drecksarbeit, die die prominenten Bellizisten eines nur noch Abscheu und Entsetzen verbreitenden Westens, wenn sie ohne Recht und Maß fremde Länder bombardieren, Zivilisten zu Hunderttausenden heimatlos machen, Ernten vernichten und mit ihrem ballistischen Unwesen wunderbare Beiträge zur Klimarettung leisten. Und bei der Formulierung dieser Sätze sind schon die von einem intellektuellen Waterboarding konditionierten Eichhörnchen zu hören, wie sie hysterisch quieken und nach den Schandtaten der Russen und Chinesen fragen. 

Und genau das sollten wir tun. Wir sollten uns aus dem Tunnel bewegen, in dem wir seit Jahren mit einer provinziellen und überforderten Politik herumirren und einen Blick auf das globale Geschehen richten. Denn dann wird vieles klarer und man kann das, was vor der eigenen Haustür geschieht, besser einordnen. Dann wird sehr schnell deutlich, dass es einen exklusiv von den USA orchestrierten Westen schon gar nicht mehr gibt. Dass die USA nur für sich unterwegs sind und das Ende der eigenen Dominanz vor Augen hat. Dass China längst am längeren Hebel sitzt und, wenn es wollte und die vielen amerikanischen Staatsanleihen, die es in seinem Portfolio hat, auf den Markt schmisse, die Insolvenz der imperialen Gelddruckmaschine sehr schnell bewerkstelligen könnte. Letztere hatte und hat immer nur ein Mittel, um die Dominanz aufrecht zu halten: und das ist der Krieg. Nichts anderes. The Thrill is gone. Und unsere Provinzbubis glauben immer noch an das Rom des 20. Jahrhunderts. 

Hörte man nur ab und zu richtig hin, dann wäre die Notwendigkeit einer komplett anderen Politik längst offensichtlich. Erst vor wenigen Tagen hatte der chinesischen Außenminister seinem amerikanischen Kollegen in aller Deutlichkeit gesagt, dass China nicht nach Vorherrschaft strebe, aber es auch nicht dulde, dass die USA ihre Vorherrschaft mit Krieg aufrecht zu halten suche. Und wenn sie es doch täten, käme eine Antwort aus China, die dem ein Ende bereitete. Derartige Dialoge bringt hier kein Sender.

In diesem Kontext auf die militärische Karte zu setzen, ist das Verwegenste, auf das man kommen kann. Es sei denn man litte unter dem Phänomen der Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn. Darin ist man allerdings in Deutschland sehr geübt und man verfügt zudem über eine ungeheure Immunität gegen historische Erkenntnisse. Sowohl was die eigenen militärischen Abenteuer betrifft als auch die Art der so genannten Bündnispartner. Das ist guter Rat teuer. Vor allem, wenn in Betracht gezogen wird, dass die Meinungsmaschine mit ihren öligen Protagonisten im wahren Sinne des Wortes läuft wie geschmiert. Da kommt es dann vor, dass verlogene Prahlhänse, pubertäre Waffennarren und von Syndikaten bezahlte Lobbyisten als große Staatsmänner und -frauen auf den Bildschirmen erscheinen. 

Irgendwann wird man erzählen können, dass sich das Weltgefüge in einer bestimmten Phase verändert hat und nur in einem kleinen Dorf namens Europa die Zwerge glaubten, davon unbehelligt zu sein. Bis der Orkan kam und Tabula rasa machte.  

Ein kleines Dorf namens Europa
Three armored riders race neon motorcycles through a rainy cyberpunk city beneath lightning

Die Boten des Todes

Sie jetten Hin und her mit Schecks und Lieferscheinen/ Raketen, Bomben, Munition, Prothesen, was die Rendite begehrt/ Sie plündern Kassen, die ihnen nicht gehören/ Und verschenken die Beute an solche mit großer Gier/ Sie sind nicht Meister, aber Boten des Todes/ Das Land aus dem sie stammen hat nichts gelernt/ Wer mit dem Tod handelt, ihn weltweit vertreibt, bringt ihn irgendwann nach Hause./ Verbürgt!


Die Boten des Todes

Nichts ist erregender als die Wahrheit

Ob Watergate, das für die Enthüllungen über illegale Abhörpraktiken auf Geheiß des ehemaligen US-Präsidenten Nixon steht oder Waterkantgate, mit dem die dunklen Machenschaften eines schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten bezeichnet wurden, es existierte einmal ein investigativer Journalismus, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Herrschenden ganz genau auf die Finger zu schauen. Die damaligen Verleger von Zeitungen und die dort arbeitenden Journalisten sahen darin sogar ihre Hauptaufgabe. Beide erwähnten Fälle galten lange Zeit als journalistische Erfolgsgeschichten, die sogar verfilmt wurden und dadurch noch größere Resonanz erhielten. 

Die Zeiten sind lange vorbei. Selbstverständlich existieren noch Vertreter eines kritischen, die Herrschenden kontrollierenden Journalismus. Nur leben sie in einem halbwegs geduldeten Untergrund, es sei denn, sie finden etwas heraus. Dann werden sie verfolgt, sanktioniert und sogar eingesperrt. Und wir reden hier nicht von dunklen Autokraten auf der östlichen Halbkugel, die diese Hexenjagd veranstalten, sondern von den selbst ernannten Musterknaben und Mustermädels der westlichen Demokratie und, noch heher, den westlichen Werten. Ein Assange hat mit mehr als einem Jahrzehnt seines Lebens bezahlt, ein Snowden floh, bis hin zu den heutigen Opfern der EU-Sanktionspolitik. 

Wer glaubt, dass die Zunft zumindest in diesen Fällen so etwas wie Solidarität zeigt, hat sich gewaltig getäuscht. Die Qualitätspresse hierzulande ist zu einer Akklamationsveranstaltung für die Herrschenden mutiert. Sie übernimmt nicht nur die demagogischen Narrative, sondern sie heizt auch noch heftig ein bei der Schaffung von Feindbildern und der Verbreitung von Hass und Hetze. Wie tief die Branche gefallen ist, sieht man an der Reaktion des deutschen Journalistenverbandes auf die Kritik an dem FAZ-Reporter, der jüngst in Belgrad auf einer Pressekonferenz wissen wollte, wie man dabei helfen könne, noch mehr Russen zu töten. Die Kritik, so der Selbsthilfeverein der unrettbar verlorenen Seelen, sei nicht gerechtfertigt und ein Angriff auf die Pressefreiheit. 

Man muss das Debakel gar nicht mehr kommentieren. Wer sich durch derartige Blendwerker noch informiert fühlt, mag das weiter glauben und, wenn die Konsequenzen einer derartigen Täuschung greifen, nur noch dumpf die Augen reiben. Wesentlich interessanter ist es, sich einmal der Vorstellung zu widmen, was wohl wäre, wenn die großen Blätter dieser Republik damit begönnen, wie einst die kritische Branche, bei der Sprengung der Nordstream Pipeline nachzuforschen und Fragen zu stellen, die Behinderungen der Staatsanwaltschaft bei den Ermittlungen von Cum Ex zu beleuchten, bei der Investition in antiquierte Rüstungsgüter nachzufragen, herauszufinden, was der Linken versprochen wurde, als sie Merz als Kanzler mit in den Sattel hoben, welche Absprachen es gab, um die nochmalige Auszählung Bundestagswahlen zu verhindern, wieso ein abgewählter Bundestag eine Schuldenaufnahme vollzog, obwohl ein neuer bereits gewählt war, wieso kein Nachweis erbracht wurde, welche „Organe der Zivilgesellschaft“ mit öffentlichen Geldern subventioniert werden etc etc..

Fälle, in denen guter Journalismus sich beweisen könnte, gibt es unzählige. Nur existiert er in dem, was als Qualitätsmedien bezeichnet wird, nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Dort wird verschleiert, desinformiert, gefiltert und gehetzt. Das Delikate an der Geschichte ist, dass sich unter den Delinquenten Figuren befinden, die allesamt einmal anders gearbeitet haben. Und plötzlich waren sie dabei, das Gegenteil von dem zu vertreten, wofür sie standen. Das wäre doch einmal eine schöne Geschichte zum Auftakt: Was ist eigentlich passiert, damit sie sich um 180 Grad gedreht haben?

Wie sagte noch Egon Erwin Kisch, eine Ikone des unbestechlichen Journalismus? Nichts ist erregender als die Wahrheit.   

Nichts ist erregender als die Wahrheit