Ostenmauer – 92. Enjoy the Rain!

Warum ausgerechnet Indonesien so vieles bot, was in meine Kindheit schien, hat zum einen konkrete Gründe und bleibt zum anderen ein Mysterium. Dass ich dort Pflanzen und Stoffe sah, die ich aus meinen Tagen im Münsterland kannte, ist aus der Nähe zur niederländischen Grenze und den häufigen Besuchen auf den dortigen Märkten zu erklären. Und dass einmal, bei einer deutschen Weihnachtsfeier in einem großen Hotel in Jakarta in meinem Rücken eine Frau sprach, die eine Intonation hatte und Worte benutzte wie meine Tante, war sicherlich ein Zufall. Als ich mich umdrehte, sah ich eine etwas betagtere javanische Frau, die als Waisenkind in meiner westfälischen Stadt auf dem von Nonnen geführten Lyzeum ihre Schulbildung erhalten hatte. Und dass ich in Jakarta immer wieder Menschen traf, die Deutsch sprachen und Stätten in den Niederlanden kannten, die mir auch vertraut waren, ist auf die durch den Kolonialismus entstandenen Verbindungen zurückzuführen.

Und dennoch gab es in den Jahren immer wieder etwas, das sich als handfestes Déjà-vu entpuppte. Das wohl auch dort wieder am einfachsten zu erklärende war die Kombination von Regen und Wärme. Die Sommer meiner Kindheit waren so. Es war warm und es regnete immer wieder, teils auch heftig. Und noch heute, wenn ich im Sommer einen Schauer erwische, entbrennt bei mir für einen kurzen Augenblick ein Glücksgefühl aus meiner Kindheit. Wenn es richtig warm war, dann hatten wir Ferien, und wenn es dann regnete, blieben wir trotzdem draußen, spielten Fußball, tanzen auf den Straßen oder lagen im nassen Maisfeld und machten Dinge, die nicht sichtbar sein sollten.

In Indonesien gibt es die Trocken- und die Regenzeit. Wenn letztere vorherrscht, die sich kalendarisch ungefähr mit unserem Winter deckt, dann ist das etwas anderes, als sich ein Europäer vorstellen kann. Denn dann kann es vorkommen, dass wochenlang ungeheure Wassermassen vom Himmel fallen und man eher glaubt, es würde ein gigantischer Behälter ausgekippt. In dieser Zeit sind die Indonesier von ihrer Gemütslage her den Menschen in Deutschland vor allem im November sehr ähnlich. Obwohl immer noch eine Durchschnittstemperatur von 30 Grad herrscht, ist die durch den Regen bedingte Eintrübung dafür verantwortlich, dass die Stimmung nach unten geht. Hinzu kommt, dass in der Musim Hujan, der Regenzeit, alles mögliche kaputt geht. Telefonleitungen fallen aus, Straßen sacken ab und werden zu Teichen, eine Glühbirne nach der anderen brennt durch und Wasserpumpen geben ihren Geist auf.

Einmal hatte ich im nördlich von Jakarta gelegenen Puncak Gebirge, dessen Attraktivität darin besteht, dass es dort wegen der Höhe kühler ist, einen mehrtägigen Workshop während der Regenzeit. Es goss und schüttete ohne Unterlass, der Gegenstand des Workshops befasste sich mit dem Strategiewechsel einer Organisation, was per se nie ohne Konflikte vonstatten geht. Wir saßen im Hotel fest und tagten im Halbdunkeln, es flogen die Fetzen und die Stimmung wurde immer schlechter. Am Ende einer der Tage, an dem die Jugend gegen die lebensalte Direktorin rebelliert hatte, war es richtig heftig zugegangen. Ibu Soemilah, so ihr Name, hatte als Partisanin für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft, war später Ärztin geworden und hatte das Institut, um das es jetzt ging, mit aufgebaut. Nun rebellierte die Jugend mit unbeschreiblicher Vehemenz und sie war geduldig, nahm vieles auf und verriet mit keinem Wesenszug die Arroganz etablierter Macht. Als ich mich von ihr für den Tag verabschieden wollte, lachte sie mich herzlich an und riet mir: Enjoy the Rain! 

Selten in meinem Leben hatte ich mich so zuhause gefühlt.

Enjoy the Rain!

Ein trauriges Dokument

Frank Goosen, Lovely Rita. Roman

Der unvergessene Carl Weissner, seinerseits unangefochtener Übersetzer amerikanischer Underground-Literatur und selbst experimenteller Romancier, gestand mir einmal bei einer Tasse Kaffee, dass es für ihn nichts Schlimmeres gebe, als eine negative Rezension schreiben zu müssen. Lieber sage er nichts, als dass er einem anderen Autor die Leviten lesen solle. Mir geht es bis heute genauso. Wenn mir ein Buch gefällt, tue ich das gerne kund, wenn nicht, hülle ich mich lieber in Schweigen. In diesem Fall aber, und zwar bei Frank Goosens neuem Roman Lovely Rita überwinde ich diese Zurückhaltung.

Ursache dafür ist das nach sehr angestrengter Lektüre immer noch mächtige Gefühl, gerade Zeuge eines aktuellen Massenphänomens geworden zu sein, das sehr gut den kulturellen Abstieg unserer gesellschaftlichen Periode illustriert. Um eines vorauszuschicken: Frank Goosen hat in einigen Büchern bewiesen, dass er in der Lage ist, den skurrilen Menschenschlag des Ruhrgebiets mit seiner Erdigkeit, seinem Überlebenswillen, seiner pittoresken Verfasstheit, seiner Unbezwingbarkeit und seinem diabolisch-rustikalen Humor einzufangen und einer Leserschaft nahe zu bringen. 

Und all das ist mit Lovely Rita, einem Roman über eine Bochumer Kneipe, ihrer Inhaberin, ihrer Familie und ihrem Stammpublikum, komplett dahin. Die Frage nach dem Warum ist relativ schnell beantwortet. Goosen bleibt nicht bei der Darstellung real existierender Figuren, deren Realismus bereits Operncharakter besitzt, sondern er benutzt die Agierenden, um ihnen das ganze Kompendium des akut politisch korrekten Sprechens und Denkens in den Mund zu legen.  Das Resultat ist, dass nicht eine Figur in dem gesamten Personal-Portfolio auch nur den Hauch von Authentizität versprüht, den man aus früheren Erzählungen von Goosen kennt. Alles wirkt unecht und gestelzt, man sieht quasi das Injektioswerkzeug eines woken Weltbildes auf seinem Schreibtisch liegen und fragt sich, welcher Teufel den guten Mann dazu getrieben hat, durch derartige Unterwerfungsgesten unter den vermeintlichen Mainstream seine Talente in den daneben stehenden Papierkorb zu werfen.

Goosen ist allerdings kein Unikat. Überall, in Musik, in der Kleinkunst, in der Literatur und im Kabarett entscheiden sich nicht wenige, die durchaus Gutes in der Vergangenheit hervorgebracht haben, in die Marketingabteilung abgewirtschafteter Regierungen überzuwechseln. Wer beginnt, seine politische Zuverlässigkeit mit nichtssagenden Phrasen belegen zu wollen, ist künstlerisch unweigerlich auf dem Weg nach unten.  

Lovely Rita – der Song ist besser als dieses Buch. Es ist ein trauriges Dokument. Schade, sehr schade. Ich könnte noch in Details gehen. Will ich aber nicht. Es widerstrebt mir zutiefst. Da lese ich lieber etwas von Carl Weissner.   

Ein trauriges Dokument
Politician giving a speech with banners and signs questioning truth and promises

Politik und paradoxe Intervention

Es wird zwar ständig beklagt, dass die herrschenden Gedanken in den von einem großen Teil der Bevölkerung als repräsentativ angesehenen Medien exklusiv als die Ultima Ratio dargestellt werden, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Natürlich stimmt die Behauptung, denn, und da können noch so viele Kritiker in dem Glauben hausieren gehen, sie wären im Vollbesitz der Entschlüsselung, der  Satz von Karl Marx, dass die herrschenden Gedanken immer die Gedanken der Herrschenden sind, konnte noch nie so leicht verifiziert werden wie heute. Militarismus und Sozialabbau sind alte Werkzeuge des Kapitalismus in der Krise, und wer das als neue Erkenntnis feiert, verfügt über eine schlechte Zukunftsprognose.

Aber, es existieren neben den herrschenden Gedanken auch noch andere, die den tatsächlich Herrschenden ein Dorn im Auge sind und mit zunehmend brachialen Methoden bekämpft werden. Unter allerlei Vorwänden, die immer mit so giftigen Pralinés wie Sicherheit, Schutz oder Werten vorgetragen werden, werden Rechte einkassiert und wird Zensur betrieben. Die Mechanismen sind differenzierter als zu Kaisers Zeiten, aber in der Quintessenz läuft es auf das Gleiche hinaus. Rufmord und finanzieller Ruin haben in beunruhigend häufigen Fällen längst Schloss und Riegel ersetzt.

Und dennoch: Dank der Unerschrockenheit vieler Menschen in diesem Land, das auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, als sei es bereits komplett sediert, ist vieles von dem, was das Reaktionäre und Kriegslüsterne entlarvt, bereits im Wissen vieler Menschen vorhanden. Was fehlt, sind die Organisationen, die helfen könnten, die destruktive Politik zu beenden. Die in den Parlamenten vertretenen Parteien sind es jedenfalls nicht. 

Das Einzige, was in der momentanen Situation, die sich akzelerierend verschlechtert, noch helfen könnte, wäre ein Ereignis, das dazu führen könnte, die Loyalität zum Gewohnten, das täglich als die einzige Alternative bzw. das Alternativlose vorgespielt wird, aufzukündigen. Ein richtiger Kracher, der alles elektrisiert und allen vor Augen führt, dass es so, wie es läuft, einfach nicht mehr weiter gehen kann! Der dann auch jene mitreißt, die längst das Wissen um Lösungsansätze in sich tragen, die wissen, wie man Dinge umsetzt und die die Kompetenz besitzen, das auch zu tun. Und glaube niemand, die gäbe es nicht in diesem Land! Die sitzen nur in ihren Kellern und warten auf den Augenblick, an dem sie endlich etwas Vernünftiges gestalten können.

Da allerdings die Argumente, die für einen radikalen Kurswechsel sprechen, längst artikuliert sind   und sich dennoch nichts tut, ist etwas anderes vonnöten. Es könnte zum Beispiel eine paradoxe Intervention sein. In einem Lexikon der Psychologie wird die paradoxe Intervention wie folgt beschrieben:

„Eine paradoxe Intervention ist eine therapeutische Methode, bei der Klienten aufgefordert werden, ihr problematisches Verhalten bewusst zu verstärken oder herbeizuführen. Durch diese „umgekehrte Psychologie“ wird der Veränderungsdruck genommen, das Symptom kontrollierbar gemacht und ein Perspektivwechsel erzwungen, was oft zur Auflösung festgefahrener Muster führt.“ (Dorsch – Lexikon der Psychologie)

Als typische Beispiele könnten gelten, von allem, was in die falsche Richtung weist, viel mehr zu fordern, die Ängste bis ins Hysterische zu übertreiben, die höchsten Ämter für die schlimmsten Chargen zu fordern und die Feindbilder auf die Spitze zu treiben. Manches davon wird bereits von einigen praktiziert und es ist kein Wunder, dass ausgerechnet diese kleinen Übungen bereits auf große Resonanz stoßen. Es ist also sicherlich kein Fehler, sich mit den Möglichkeiten paradoxer Interventionen näher zu befassen. Denn eines scheint sicher zu sein: mit Rationalität kommt man den hiesigen Verhältnissen nicht mehr bei.

Und auch wenn manches, was als normales Prozedere der Politik beschrieben wird, bereits erscheint wie eine paradoxe Intervention – Steigerungen sind immer möglich!