Crowd at a neon-lit nightclub with a large elephant decorated in glowing neon patterns

Der Elefant im Raum

Ein als österreichischer Aktivist auf den Suchmaschinen Bezeichneter fordert auf einem aufwendig gestalteten Plakat dazu auf: „Make Kaliningrad Prussia again!“ Das ein österreichischer Tollkopf für preußische Imperialträume wirbt, ist eine zu vernachlässigende Kuriosität. Dass er diesen beabsichtigten Kriegseintritt gegen Russland mit den Logos von NATO und EU garniert, muss auch nicht verwundern. Denn, und das an alle, die weiterhin mit psychopathischer Energie verweigern, den Elefanten im Raum zu sehen: Im Krieg mit Russland sind beide Organisationen längst. Und worin die Träume bestehen, ist ebenso offensichtlich. Offen sprechen das feminine Konsortium in Brüssel wie der Berliner Lügenbaron und so manche Schranze aus der Fraktion seiner Partei von dem Ziel einer russischen Kapitulation. Diese ist nur durch einen heißen Krieg und durch eine Invasion Russlands zu erreichen. Oder hat schon einmal ein Land kapituliert, das nicht besetzt war? 

Und wer glaubt, vor allem aus dem Lager des Post-Heroismus, man können mal eben in Russland einmarschieren und das Land in die Knie zwingen oder man könne es, so die andere, immer wieder zu hörende Variante, es so schädigen, dass die russische Bevölkerung ihre Regierung stürzen würde, bezeugt zweierlei: erstens überschätzt er den mentalen Kriegswillen der eigenen Bevölkerung. Die große Mehrheit will weder Krieg noch die Unterwerfung Russlands. Das mögen die Kommentare auf manchen Zeitungsportalen suggerieren, es hat aber weder etwas mit dem Willen der Bevölkerung zu tun noch mit der mentalen Fähigkeit, einen Krieg zu führen.  

Die zweite Misskalkulation besteht in der Einschätzung der russischen Befindlichkeiten. Ein Volk, das auf zwei große Invasionen in zwei auf einander folgenden Jahrhunderten zurückblickt, die beide mit astronomischen Verlusten abgewehrt wurden, lässt sich nicht von Revanchisten dieser missglückten Attacken aus der Ruhe bringen. Erfolge zu hohem Preis steigern Selbstbewusstsein und Entschlossenheit. Der einzige Druck, der momentan in Russland aufgrund der zunehmenden Kriegsbeteiligung von NATO und EU steigt, ist der, der dazu auffordert, mit wesentlich härteren Schlägen zu antworten. Selbst diejenigen, die anfänglich kritisch von einem Bruderkrieg sprachen, fordern jetzt laut, die Ukraine in Gänze aus dem Spiel zu nehmen. 

Die Kretins, und anders kann man sie nicht bezeichnen, die tatsächlich glauben, in einem Krieg die Oberhand gewinnen zu können, werden noch unterstützt von irgendwelchen Experten, die genau das soufflieren, was sie hören wollen. Das Spektakel könnte man sich sparen, es sei denn, man meinte, irgendwelche Textgeberinnen mit schönen roten Haaren könnten die Bevölkerung in einen anti-slawischen Blutrausch versetzen. Aber auch das ist falsch. Genauso falsch wie das gesamte Kalkül.

Lediglich im transatlantischen Imperium ist man tatsächlich an einer Fortsetzung wie Eskalation interessiert. Die Schwächung Russlands und seine Trennung von Europa liegen im Interesse einer alten Doktrin, die bis aufs Britische Empire zurückgeht. Der Niedergang vor allem der deutschen Industrie wird quasi als Extra mitgenommen und die Waffenkäufe sind ein weiteres, gern gesehenes Topping.

Bleibt der Elefant im Raum. Und es stellt sich die Frage, wie die durch Angst und Willenlosigkeit geprägte Verwüstung in Köpfen wie Herzen eines einstigen globalen kulturellen Zentrums wieder in Ordnung gebracht werden kann? Betrachtet man wie die Kohorte, die einmal als das intellektuelle Substrat einer Nation oder gar eines Kontinent bezeichnet werden konnte, in das militaristische Gebelle einfällt, dann ist es kein Zufall, dass einem in diesem Zusammenhang der erste Satz einer Kurzgeschichte aus lichteren Tagen in den Sinn kommt: Der Morgen begann mit einer Schusswunde!

Der Elefant im Raum

Earth encircled by a colorful spiral of glowing question marks in space

Fragen

Wie viele Töchter 
Hat der Tod?
Wie viele Mörder
Kennt der Mond?

Wie viel Leere
Herrscht im Kopf?
Wer packt die Gelegenheit
Beim Schopf?

Wer krönt die Dummheit
Mit purem Gold?
Was spürt der Engel
Wenn er fällt?

Was fühlt der Narr
Wenn Applaus ertönt?
Wer gibt dir Trost
Wenn alles brennt?

Wer kann sich erinnern
Wie alles war?
Wer gibt dann zu
Was er auch sah?

Wer bringt den Müll
Aus diesem Haus?
Wer räuchert
Alle Räume aus?

Welche Fragen
Bleiben offen?
Soll alles noch
Einmal geschehen?
Fragen
Cyberpunk city street with neon signs, two futuristic figures, one controlling holograms, another leaping over a glowing console

WM 2026 – Von Raum und Zeit, Zeter und Mordio

Eigentlich müsste man von morgens bis abends ausschließlich über die politische Entwicklung schreiben, weil sich der Eindruck verdichtet, dass selbst das freie Schreiben bald unterbunden wird. Wäre da nicht die Selbstverpflichtung, eine gewisse Aktualität zum fußballerischen Großereignis WM 2026 zu liefern. Doch, da winkt rettend wieder die These, dass Fußball und Politik gar nicht voneinander zu trennen sind. Die Halbfinals haben wieder einmal gezeigt, wie sehr die These stimmt.

Das so hoch gelobte Frankreich, das bis zum Aufeinandertreffen mit Spanien so brillieren konnte, wirkte matt und zahnlos gegen die spanische Art, den Ball zu führen. Die Solisten der Equipe Tricolore kamen zumeist gar nicht an den Ball, weil Spanien in bewährter Weise, als technisch versiertes Kollektiv und mit Nerven wie Drahtseilen den Gegner so lange zermürbte, bis dieser sich Unachtsamkeiten erlaubte, die gleich dem Gemetzel in einer Stierkampfarena zu tödlichen Stößen führte. Spanien bildet mit der Art und Weise, wie es Fußball spielt, ein konturiertes Gegenbild zum sonstigen Fußball. Es ist ein eigenes System, das auf Geschlossenheit, Perfektion und Geduld setzt und im Grunde das manifestiert, was der legendäre argentinische Trainer und Philosoph Louis Caesar Menotti einst so auf den Punkt brachte: Worin geht es beim Fußball? Ganz einfach, worum es immer und überall geht: um Raum und Zeit. Das hat man in Spanien beherzigt, begriffen und implementiert. Bis dato handelt es sich um ein Erfolgsrezept. Und, bleiben wir bei dem Konnex: Wüßten dies die aktuellen Außenpolitiker des schlingernden Westens, bliebe der Welt sehr viel Ungemach erspart. Den virtuosen Artisten des ehemaligen Kolonialreichs Frankreich blieb angesichts dieser Wucht nur der Untergang der metaphorischen Galeere. 

Beim anderen Duell, in dem das seit sechzig Jahren nach altem Glanz dürstende England auf Argentinien traf, waren Erscheinungsformen zu beobachten, die erneut an Louis Caesar Menotti erinnerten. Diesmal an seinen damals legendären Aufsatz mit dem Titel „Der Fußball und die Dritte Welt.“. Dort hatte er die damalige mentale Verfasstheit der argentinischen Nationalmannschaft als gezeichnet vom anti-imperialistischen Kampf bezeichnet. Und auch jetzt, mit dem Hinweis beider Seiten auf den Falkland-Krieg von 1982, in dem die britischen Streitkräfte die Hoheit über eine kleine Inselgruppe vor der argentinischen Küste verteidigten und das argentinische Schiff General Belgrano mit 649 Besatzungsmitgliedern versenkte, war nicht nur genug emotionaler Sprengstoff im Spiel, sondern auch gleich noch ein weiteres Lehrstück. Da versuchte das alte Empire den  Besitzstand bis zum Ende zu verteidigen und unterlag schließlich dem unbändigen Willen, der Dominanz eines alten Imperiums ein Ende zu bereiten. 

Dass dort, in der City of London, nach einer Niederlage, die vielleicht nicht zu vermeiden war, der imperiale Nationalismus sogleich aufkochte und sich diesmal gegen einen ausgerechnet deutschen Trainer richtete, verwies auf die Analogie hierzulande nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft. Auch da war gleich ein solitärer Sündenbock da. Es scheint sich als ein böses Symptom im Westen etabliert zu haben, nach dem eigenen Scheitern Zeter und Mordio zu schreien und nach Bösewichtern zu suchen und sich damit dagegen zu imprägnieren, nach Ursachen suchen zu müssen, die tiefer liegen. Das verleitet zu keiner guten Prognose.

Davon befreit sind nun die beiden aufeinander treffenden Teams aus Spanien und Argentinien, denn beide Länder gehen derzeit auch politisch ihre eigenen Wege. Spanien mutig und selbstbestimmt, Argentinien wild geladen und erratisch. Beide schlecht beäugt vom westlich dominierten Konsortium, aber, zumindest in diesem Turnier, zwei Favoriten für den Sieg.

WM 2026 – Von Raum und Zeit, Zeter und Mordio