Die, die guten Glaubens sind, folgen der nun schon so oft erzählten Geschichte, bei dem gegenwärtigen Krieg gegen den Iran handele es sich um einen Kampf für die Freiheit der dort geknechteten Bevölkerung. Und unter dieser Maxime fordern hierzulande die nie müden Bellizisten gar einen Kriegseintritt Deutschlands. Aber, bitte nichts überhören, schon nach dem ersten Tag begann in den Räsonnements der politisch Verantwortlichen eine Spekulation darüber, was eigentlich realistisch sei und mit welchem Derivat der jetzigen Regierung zum Iran man sich zufrieden geben könne. Um Freiheit, Freiheit für die Geknechteten, geht es nicht. Ging es auch nicht in Syrien, im Irak, in Libyen. Es geht, und damit sind wir bei den kritischer auf die Vorgänge blickenden Zeitgenossen, natürlich auch immer um den Treibstoff, der Imperien bis heute am Laufen hält. Selbstverständlich geht es um Öl. Und im Falle Libyens ging es um noch mehr, da ging es auch um den Dollar als globale Leitwährung. Des damaligen Präsidenten dieses Landes begangene Todsünde war die Idee, man könne die Öl produzierende Welt auch vom amerikanischen Dollar wegbewegen. Das war dann mal wieder ein Casus Belli, dem der Sensenmann auf dem Fuß folgte.
Doch auch die Betrachtung, die das Öl mit einschließt, erklärt nicht hinreichend, warum gerade Afghanistan in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Objekt der Aggression war und warum der Iran seit langem als ein Stachel im Fleisch empfunden wird. Bei dem Iran und bei Afghanistan handelt es sich um die geographische Landmasse, die, neben einem Riss in Europa zwischen Russland und dem Rest, die essenziell ist für die Weltherrschaft der anglophonen maritimen Mächte. Sowohl das British Empire als auch seine Nachfolgeorganisation, die Vereinigten Staaten von Amerika, waren und sind sich bewusst, sollte in diesem Fall der Iran nicht fallen, dann wäre die die maritime Weltherrschaft bedrohende Macht, nämlich Chinas in Allianz mit Russland, nicht mehr aufzuhalten.
Der Iran ist nicht nur ein wichtiger Rohstofflieferant für die Volksrepublik China, sondern auch eine geographische Drehscheibe für die seit Jahren von China betriebene Neue Seidenstraße. Dieses Netz aus Handelswegen, Wirtschaftsbeziehungen und Rohstoffversorgung ist die Manifestation eines Gegenstücks zur maritimen Weltherrschaft, nämlich das eines asiatisch-europäischen. Wobei, zumindest bis zum heutigen Tag, zum Aufbau dieses Modells kein einziger Militärstiefel erforderlich war.
Unter diesem Aspekt kann die Dramatik dessen, was wir momentan erleben müssen, nicht bagatellisiert werden. Es mutet an wie ein Showdown, bei dem die endgültige Entscheidung gesucht wird. Zumindest seitens derer, von denen die Militärschläge ausgingen. In einer solchen Gemengelage und in einem derartig frühen Stadium sind Prognosen über den Ausgang wilde Spekulation. Fakt ist bis heute, wenige Tage nach den Angriffen auf den Iran, dass die gesamte Region dabei ist, in Flammen aufzugehen, dass Welthandel wie Rohstoffversorgung massiven Einschränkungen unterliegen wird und dass alles, was an Rechtskodizes lange Zeit die Welt vor Flächenbränden bewahrt hatte, keine praktische Relevanz mehr besitzt. Jetzt ist Krieg.
Zivilisatorische Überlegungen haben keinen Platz mehr. Das Einzige, was gewiss ist, ist die Tatsache, dass das Gemetzel länger dauern wird als gedacht. Wie weit sich der Brand ausdehnen wird, wird abhängen von dem Geschick und der Vernunft derer, die bis jetzt verschont sind. Wie heißt es so treffend? Never make your move to soon, never hesitate too long!
