Desert crossroads signpost with signs reading "Nowhere" and "Anywhere" under a dramatic sunset sky.

Der lange Weg zur Auferstehung

Es ist nachvollziehbar und es ist menschlich. Dass sich die Spezies zunächst Gedanken darüber macht, wie es bestellt ist um die eigene Versorgung, die Unterkunft und die Mobilität. Es gehört zu den Axiomen einer jeglichen ernstzunehmenden Schule der Anthropologie, dass erst das Fressen kommt, und dann die Moral. Dass auch diese Selbstverständlichkeit im Zeitalter des multimedialen Hirnfraßes allen Ernstes in Frage gestellt wird, spricht für die These der Dekadenz.

Und festzustellen gilt auch, dass, nachdem Nahrung, Behausung und Mobilität gesichert sind, die unterschiedlichen Kulturkreise und Völker unterschiedliche Gewichte verteilen. Bei den Franzosen wird es bereits politisch richtig ungemütlich, wenn die Umstände an die Qualität des Essens gehen, den Italienern nimmt man ohne Volksaufstand nicht die Musik, den Argentiniern nicht den Tango etc.. Und den Deutschen? Bis dato waren das das Brot und das Auto. Und deshalb leben wir in brandgefährlichen Zeiten. Brot und Sprit werden immer teurer, und das führt zu erheblichem Verdruss.

Noch einmal zu dem verständlichen Tunnelblick auf die Primärbedürfnisse. Die Vorstellung, dass meine enge, lebensnotwendige Welt nichts mit dem globalen Geschen zu tun hat, kann so lange aufrecht erhalten werden, wie meine Bedürfnisse wie immer befriedigt werden. Ist dieses nicht mehr der Fall, dann wird es nicht nur ungemütlich, sondern es stellt sich die Frage, woran es liegt. Und wenn dann plötzlich Begebenheiten und Umstände in der großen weiten Welt deutlich werden, die sehr wohl Einfluss auf die eigenen Lebensverhältnisse haben, dann kommt das Erwachen. Und wenn, noch dramatischer, zu erkennen ist, dass die eigene Außenpolitik maßgeblich an der sich breit machenden Krise beteiligt ist bzw. sie auch noch zu verantworten hat, dann kann keine Garantie für das den Deutschen so hohe Gut der Stabilität mehr übernommen werden.

Die Gefolgschaft in einen Konflikt mit Russland, die in dem Angriff auf die Ukraine mündete, war so ein unverzeihliches und beschämendes Ereignis. Dem Land, in dem Deutsche Millionen dahingemetzelt haben, um an ukrainischen Weizen und das Öl am Kaspischen Meer zu kommen, das letztendlich den Deutschen die Wiedervereinigung nach dem verhängnisvollen Krieg geschenkt hat, im Schlepptau imperialer Interessen erneut auf den Pelz zu rücken, war historisch, moralisch und politisch ein Supergau. Dass ausgerechnet aus diesem Land aufgrund einer weitsichtigen Politik von Politikern, die den Krieg erlebt hatten, unabhängig von politischen Differenzen Energie zu vernünftigen Preisen geliefert wurde, hat in den Annalen zu den Kapiteln von Wohlstand und nun zu den aus der eigenen Außenpolitik resultierenden Verhältnissen geführt, deren katastrophale Ausmaße noch nicht ausgereift sind. 

Und dass im Nahen Osten jedes Verbrechen mit der eigenen historischen Schuld relativiert oder geleugnet wurde, ist genauso verheerend wie die Sätze höchster politischer Vertreter, die beim Bruch des Völkerrechts von notwendiger Drecksarbeit sprachen, gehört zu dem Sortiment von Außenpolitik, das dafür gesorgt hat, dass die hohen Güter dieses Landes für immer mehr Menschen unerschwinglich werden. 

Ja, Außenpolitik hat immer Auswirkungen auf die eigene Lebenswelt. Diese Lektion wird von vielen im Moment gelernt. Die Intellektuellen, auf die dieses Land einmal so stolz war, sind zu Randexistenzen geworden, die kaum mehr eine Stimme haben. Und die Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums verfügen nicht mehr über die Organisationen, die entschlossen ihre Interessen vertreten. Manche Lehren werden teuer bezahlt. Bis zur Auferstehung ist es noch ein langer Weg. Und ob sie kommt, wird sich noch entscheiden müssen. 

Der lange Weg zur Auferstehung

Ostenmauer – 89. Sic transit gloria mundi

In meiner Zeit in Südostasien, 12.000 Km entfernt von meinem eigenen Land, wurde ich immer wieder gefragt, wie denn die Menschen bei mir zuhause lebten. Es interessierte, welche Vorlieben sie hätten, wie sie wohnten, wo und wie lange sie arbeiteten und was sie verdienten, wie groß die Familien waren und ob sie zusammen lebten, was sie machten, wenn sie frei hätten, ob und welchem Glauben sie anhingen und ob sie ihr Land liebten. Von letztem, das muss dazu gesagt werden, gingen die Fragenden immer aus, denn sie selbst, Bewohnerinnen und Bewohner eines großen Landes, das vor allem eines gemeinsam hatte, nämlich eine dreihundertjährige  Kolonialgeschichte, für das sie, trotz vieler gravierender Probleme, immer ihr letztes Hemd gegeben hätten. 

Oft waren sie erstaunt, wenn ich mit einem Unterton der Kritik über Dinge berichtete, die ich als Fehlentwicklungen markierte, denn aus ihrer Sicht kam ich aus einem Land, in dem Milch und Honig floss. Wenn sie allerdings hörten, was von dem vielen Geld, dass die Deutschen aus ihrer Sicht verdienten, nach einem Monat noch übrig blieb, dann sahen sie mich ungläubig an. Denn die Kosten für ein gut funktionierendes Land sind sehr hoch, und Steuern und Sozialabgaben die logische Folge. Was die Mieten anbetrifft, so verhielt es sich ähnlich, sie konnten sich nicht vorstellen, dass man soviel Geld auf den Tisch legen muss, um einigermaßen vernünftig zu wohnen.

Was allerdings die Vorlieben und Wünsche meiner Landsleute anbetraf, so war es relativ leicht, ein Bild zu vermitteln. Es gab zu jener Zeit noch eine große Deckungsgleichheit bezüglich bestimmter Sehnsüchte. Dazu gehörten bestimmte Sportereignisse, Kultur und Musik und selbstverständlich der Wunsch, zu reisen und etwas von der Welt zu sehen. Und wenn ich gefragt wurde, ob die Menschen in meinem Land zufrieden und glücklich sind, dann konnte ich guten Gewissens antworten, dass mehrheitlich dieses Gefühl durchaus vorhanden war. Der Großteil hatte Arbeit, die einigermaßen vernünftig bezahlt war, wir lebten im Frieden und waren in keine Kriege verwickelt, das Land war seit ein paar Jahren wieder vereinigt und es gab lebhafte Diskussionen darüber, wie eine bessere Zukunft aussehen sollte. 

Als ich vor einigen Tagen an diese Gespräche zurückdachte, stellte ich mir die Frage, wie ich die Fragen meiner neugierigen Kollegen heute wohl beantworten würde. Es wurde mir klar, was in dieser Zeit alles passiert war und wie viele Dinge, aus Sicht meines Landes, seither schief gelaufen sind. Würde ich noch erzählen wollen, dass das Land tief gespalten ist, dass auf der einen Seite Individuen mit astronomischem Reichtum existierten, während andere, vor allem Alte, zum Teil aus Mülltonnen fräßen? Würde ich erzählen wollen, dass der Sport zu einem reinen Geschäftsmodell verkommen war, dass Musik und Kultur in einer Krise als nicht systemrelevant deklariert worden war? Würde ich erzählen, dass nach dem Glücksmoment einer wiedererlangten Einheit die Konfrontation und ein neuer Kalter Krieg herrschte? Würde ich erzählen wollen, dass man nicht mehr streiten konnte und nur noch wie Hyänen übereinander herfiel, wenn man nicht der einen, offiziellen Sichtweise anhing? Und würde ich guten Gewissens sagen können, dass so etwas wie ein zuversichtlicher Blick auf die Zukunft vorherrschte?

So, wie ich mich kenne, würde ich bei der Wahrheit bleiben, und so, wie ich meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen kenne, würden sie mir einen Tee anbieten und mich zu trösten suchen. 

Sic transit gloria mundi
Hooded figures gather around a table with candles and scrolls in a stone vaulted room.

Casting



Klandestine Obskurantisten
Frivole Mystifizierer
Plumpe Demagogen
Gerissene Framer.

Abgehalfterte Emotionalisierer
Orangene Narzissten
Welke Exzentriker
Hemmungslose Historiker.

Unwissende Kommentatoren
Rücksichtslose Bellizisten
Moralinsaure Hetzer
Gierige Influencer.

Wieviel K machen
Sie im Monat?
Woher wohl die
Kohle kommt?

Wer von denen
Täte das
Was sie anderen
So schamlos raten?

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