So absurd wie es sich vor allem für meine Generation anhört: Die Weichen stehen auf Krieg. Unabhängig von den Ursachen, den Zusammenhängen und vor allem den bewussten Unterlassungen, hat sich der geschäftsführende Ausschuss der Bundesrepublik Deutschland, d.h. ein Großteil der politischen Mandatsträger und das Gros der Medien dazu entschlossen, es noch einmal zu versuchen, d.h. die Fackel nach Russland zu tragen. Reden wir nicht mehr von der Vergangenheit. Faschismus, Krieg, Niederlage, Aufteilung. Und jetzt, nach einer Zeit der Regeneration, wird die Reset-Taste gedrückt. Während hierzulande pausenlos von einer Brandmauer geredet wird, versteht man sich seit mehr als einem Jahrzehnt herzlichst mit den Kräften des ukrainischen Faschismus. Und überall dort, wo das Völkerrecht gebrochen wird, wo Zivilbevölkerung dahingemetzelt wird, kumpelt die hiesige politische Nomenklatura kräftig mit. Natürlich immer mit dem Vorzeichen von Ethos und Wert. Abgeschmackter geht es nicht. Wer es hinnimmt, wird bezahlen müssen. Doch dieser Weitblick ist den Bräsigen im Land nicht mehr vergönnt.
Überall wird gerüstet. Notkrankenhäuser akquiriert, teilweise werden dafür Parkhäuser beschlagnahmt, ukrainische Kriegsverletzte in zivilen Krankenhäusern behandelt, obwohl in Bundeswehrkrankenhäusern Leerstände sind. In den benachbarten Niederlanden wird gegenwärtig ein Lager für potenzielle russische Kriegsgefangene errichtet. Hier die Katastrophenverbände in neuen Kommandostrukturen zusammengefasst und, das die neueste Frivolität, Veteranentage begangen. Wenn dort wenigstens solche Unterfangen wie die 20jährige Intervention in Afghanistan evaluiert würden und diejenigen zu Wort kämen, die die dreckige Seite des Krieges schildern könnten. Stattdessen werden Kinder bespaßt, damit sie romantische Gefühle für das Militärische entwickeln. Und die ganze Bagage, die ganze Dekaden ihre „Nie wieder! – Reden“ gehalten hat, plärrt die neuen Parolen in die Mikrophone. Es scheint, als seien sechzig, siebzig Jahre Republikgeschichte zu einem Amöbenhirn geschrumpft.
Und sage niemand, vor allem vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Treibens, wir hätten es mit einer Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine zu tun. Der Revanchismus war nie tot, die alten Kämpen der Operation Barbarossa, bei der Millionen Menschen auf beiden Seiten ihr Leben ließen, sie steuern von Neuem auf das Ziel hin, sich die unermesslichen Ressourcen Russlands unter den Nagel zu reißen. Die Zeichen stehen auf Sturm. Wer sich die Mühe macht, die großen Blätter zu lesen oder, noch schlimmer, die Nachrichten und Magazine aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten aufmerksam zu betrachten, wird sehr schnell zu dem Schluss kommen. Manipulativer, unverhohlener und dümmer geht es nicht. Das ganze Ensemble strotzt vor krimineller Energie. Und wer nicht mitspielt, ist raus. Und wer mitspielt, wird für diese Armseligkeit keinen Lohn bekommen.
Dreht man das Geschehen einmal um, dann wird es Zeit, dass sich die tatsächlichen Veteranen, nämlich die, die in einer Epoche groß wurden, in der der Frieden als Ziel internationaler Politik betrachtet wurde, zusammentun und dem revanchistischen Pulk mit Entschlossenheit begegnen. Es darf nichts mehr ausgeklammert werden. Den konturlosen Mitläufern der Kriegsvorbereitung muss das Leben schwer gemacht werden. Es geht nicht, dass sie einer Soldateska, die nach Osten marschieren soll, noch Kränzchen aufs Haupt legen. Und betrachtet man den Umstand, dass Soldaten mittlerweile die Weltpolitik erklären, während die Minister hinterherrennen, weiß man, auf welches Niveau dieses Gemeinwesen hinabgestiegen ist.
Ja, es ist soweit. Es stellt sich wieder einmal die Frage, die jeden Krieg begleitet. Wem schlägt die Stunde?
Man soll das nie zu früh sagen. Die Defätisten und Kassandras wissen das immer alle viel zu früh. Für die ist immer ganz schnell alles vorbei und verloren. Ich war schon immer der Meinung, dass der Fussball ein wunderbares Paradigma für die jeweiligen gesellschaftlichen Zustände und das Leben im Allgemeinen ist. Franz Beckenbauer begab sich im Camp Nou in Barcelona in jenem denkwürdigen Champions League Endspiel 1999 beim Stand von 1:0 für Bayern München gegen Manchester United von den VIP-Rängen zum Aufzug, um rechtzeitig zum Abpfiff und zur Siegerehrung unten auf dem Spielfeld zu sein. Als er kurz danach dem Aufzug entstieg, stand es 2:1 für Manchester. Der Engländer Gary Lineker sprach – allerdings zu besseren Zeiten des deutschen Fußballs – davon, dass man gegen die Deutschen erst dann gewonnen habe, wenn die sich bereits im Bus auf der Autobahn befänden. Und ich selbst kann mich noch an ein Europapokalspiel von Schalke gegen Porto erinnern, als wir bei einem Stand von 2:1 für Porto in der 85. Minute das Stadion Richtung Parkplatz verließen. Doch da gab es noch einen Klaus Fischer und einen Rüdiger Abramczik, die, zumindest hören konnten wir das, noch zweimal zuschlugen.
Ich habe das immer wieder erlebt, im Fußball und im Leben. Daher vertrete ich den festen Glauben, dass das Spiel erst aus ist, wenn du endgültig mit dem Kranz in die Grube fährst. Das Spiel ist aus? Noch ist nicht aller Tage Abend!