Man petting a bear at poker table with soldier playing cards

Gerhard Schröder und die Diplomatie

Wie verloren das Land ist, kann an den Reaktionen auf den Vorschlag des russischen Präsidenten Putin, den ehemaligen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Gerhard Schröder, als Vermittler in einem den Frieden suchenden Prozess zwischen Russland und der Ukraine einzusetzen, gut gelesen werden. Nicht, dass es keine ehemals aktiven wichtigen Politiker gäbe, an deren Wirken auch im Nachhinein nicht Kritik geübt werden könnte. Und nicht, dass man sich der Illusion hingäbe, mit der Benennung eines solchen sei das Ziel nahezu erreicht. Doch, das ist bereits der erste Hinweis, den man sowohl der gegenwärtigen Bundesregierung als auch den krakeelenden Hinterbänklern, die sich im Konflikt des Krieges sonnen, geben muss, darum geht es gar nicht.

Wenn Konflikte einen Zustand erreicht haben, in denen es für beide Seiten keine sonderlich verbesserte Perspektive mehr geben kann, dann ist die Stunde gekommen, sich an einen Tisch zu setzen und alle Karten zu zeigen. Dass, bei allem, was an Verlust, Ressentiment, Verleumdung und Hinterhalt in einem Krieg geschehen ist, nicht jemand aus einer der beiden Parteien einen solchen Prozess moderieren kann, liegt auf der Hand. Wladimir Putin hat nun einen Vorschlag gemacht. Nun wäre auf ukrainischer Seite zu prüfen, ob dieser Vorschlag für sie akzeptabel ist oder nicht. Niemand sonst kann diese Entscheidung treffen. Und die Ukraine wäre, bei aller Anmaßung, gut beraten, wenn sie nicht auf diejenigen hören würde, die diesen Krieg mit verursacht und in die Länge gezogen haben, indem sie Friedensmöglichkeiten bewusst torpediert hätten. Der Brite Boris Johnson hat sich dabei bekanntlich besonders profiliert.

Unter diesem Aspekt der Betrachtung ist das unqualifizierte Gejohle der offiziell deutschen Seite unter anderem ein Zeichen für die längst vollzogene Entmündigung der Ukraine. Weder die deutschen Lobbyisten der Rüstungs- und Prothesenindustrie, noch die diplomatischen Einzeller aus den Parteien haben das Recht wie die Kompetenz, den Vorschlag der russischen Seite zu bewerten. Und, auch das ist ein Indiz für den Unwillen der selbst ernannten Fraktion der Willigen, existiert nur ein einziger wohl und ernst gemeinter Vorschlag für eine Moderation zwischen den beiden Kriegsparteien?

Nein. Das ganze Gerede, oder besser, das komplette bellizistische Gestammel von Bundesregierung, Hinterbänklertum und offiziellem EU-Funktionärskonsortium repliziert bis zum Erbrechen das Ziel der vollständigen Unterwerfung Russlands. Es basiert auf der internalisierten Lüge einer einseitigen Verursachung des Konflikts durch den russischen Präsidenten in Person, was wiederum zeigt, in welchen infantilen Regionen sich die Polit-Elite eines schlingernden Gemeinwesens befindet. Wenn sich Geldgier und politischer Dilettantismus paaren, spielt man international keine Rolle mehr.

Und damit ist der entscheidende Aspekt bei der Erwägung des russischen Vorschlags, ob Gerhard Schröder nun wird vermitteln oder nicht, bereits geklärt. Die deutsche, offizielle Seite, spielt bei der Entscheidung darüber keine Rolle. Wie in vielen anderen Punkten auch nicht. Nicht mehr. Der Verweis auf ein nun bereits seit einer halben Dekade andauernden diplomatischen Desasters sollte genügen, um darauf hinzuweisen, dass es hier und heute höchste Zeit wäre, aus dem diplomatischen Totalschaden einer realitätsfernen, größenwahnsinnigen und die Welt bekehren wollenden Politik so schnell wie möglich herauszukommen.

Übrigens: dass Gerhard Schröder etwas von dem Geschäft versteht, für das er vorgeschlagen wurde, sieht man daran, dass er bis heute schweigt. Das ist eine gute Referenz!   

Gerhard Schröder und die Diplomatie
Journalist operating a laptop connected to a satellite dish in a rural village

Illusion und hartes Brot

Der italienische Autor Alessandro Barrico hatte in einer längeren Artikel-Serie in der Zeitschrift Repubblica das Thema der Digitalisierung unserer Welt unter verschiedenen Aspekten beleuchtet. Was Tiefe und Verständnis anbetrifft, sind die daraus entstandenen Bücher unbedingt eine Empfehlung wert. Die epistemologische Abwendung von der Tiefe und die Hinwendung zur Oberfläche ist die eine Dimension, die man sich noch einmal unbedingt vor Augen führen muss. Die andere, ebenfalls erhellende Perspektive, ist der Blick auf das Süchtigmachende der technisch durch die digitalen Medien möglich gewordenen Selbstoptimierung. Man kann seine eigenen Bilder so lange neu einspeisen oder modellieren, bis das Ergebnis herauskommt, mit dem man zufrieden ist, die Stimme kann verändert werden, bis der gewünschte ideale Klang entsteht und man kann sich so positionieren, dass ein sozialer Status entsteht, der mit der realen Welt des Produzenten nichts zu tun hat. Das Individuum ist in der Lage, die Illusion über sich selbst in den Medien für eine bestimmte Zeit gerinnen zu lassen. Der Wunsch, sich ständig und immer wieder neu zu optimieren beschäftigt den Menschen in seiner Eitelkeit bis zum Exzess. 

Nicht, dass der Eindruck entstünde, die Möglichkeiten der digitalen Revolution nur durch ein negatives Sieb sichtbar machen zu wollen! Jeder, der noch in den Tagen vor dieser tatsächlichen Zeitenwende analog vor allem im intellektuell gestalterischen wie auch im körperlich schweren oder im ökologisch riskanten Bereich hat arbeiten müssen, kann sein Gedächtnis bemühen. Da tauchen Skripte auf, die verloren gingen, da liegen Wartelisten in Bibliotheken auf dem Tisch, da misslingen technische Zeichnungen, da wird Material verpulvert. Das Kostbarste, die Lebenszeit der agierenden Menschen, wurde durch Leerläufe und Wartezeiten oder durch obsolete Arbeiten in einer Dimension vergeudet, die sich die Nachgeborenen der Digitalisierung nicht mehr vorstellen können. 

Zwei Problemfelder sind allerdings bei aller Wertschätzung nicht auszublenden. Das eine bezieht sich auf den intellektuellen Totentanz, der aus der gewonnen Zeit resultierte. Und der andere ist in den Besitzverhältnissen zu suchen. Die digitalen Mogule haben zudem das gesamte Wissen, mit dem sie operieren, in einem gewaltigen Akt geraubt. Dem von ihnen annektierten Weltwissen konnten keine Urheberrechte Paroli bieten. Und zum anderen steuern sie den konsumistischen Plebs mit ihren Algorithmen so, dass außer dem ständigen Replizieren des eigenen Elends in der Illusion des Perfekten nichts als eine große Leere entsteht, die komplett vom gesellschaftlichen Sein ablenkt.

Dass, bis auf wenige Ausnahmen, der mentale Aufenthalt in der illusorischen Perfektionierung stattfindet, und zwar in nahezu allen Gesellschaftsschichten, führt zu einer kollektiven Ausblendung der gesellschaftlichen Realität. Und sieht man sich die Produkte der politischen Klasse an, wie sie sich in der digitalen Welt explizit bewegt und ihre Auftritte zu verschönern sucht, dann verwundert es nicht mehr, dass es auch dort zu einem systemisch bedingten Verlust der Sicht auf die profane gesellschaftliche Wirklichkeit gekommen ist. Und da schließt sich der Teufelskreis.

Die Existenz in einer Scheinwelt ist die andere Möglichkeit, die die digitale Revolution hervorgebracht hat. Und sie führt unweigerlich, besonders in Zeiten rascher Veränderungen, zu einer Kollision der schönen neuen individuellen Welt mit dem harten existenziellen Sein im Hier und Jetzt. Es handelt sich, und jetzt schreien die Idealisten auf, um einen antagonistischen Widerspruch. Es ist der zwischen Illusion und hartem Brot.

Illusion und hartes Brot
Historic red-brick building with towers by riverfront; large industrial plant with smokestacks across river

Entlang

Entlang der Häuser
In denen
Die Gewohnheit Wohnt
Und ihre Tyrannei auslebt.

Entlang der Fabriken
Die aus hohen Schloten
Rußig spucken
Und das Röcheln
Nicht mehr hören.

Entlang des Flusses
Der trübes Cargo trägt
Und tote Fische
An das Ufer legt.

Entlang der Schule
In der so vieles
In die Planung kam
Und diesen Ort verließ.

Entlang der Mauer
Aus der noch
Der Abschied
Stockend flüstert.

Entlang des Lebens
Das keine Umkehr kennt
Und nichts beschönigt
Weil es freier macht.

Entlang