„Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern“

Ein geleakter Brief, rein fiktiv:

„Liebe Freunde,

Wie unsere Staatslakaien so furchtbar formulieren, nämlich aus gegebenem Anlass, möchte ich mich an euch wenden, um noch einmal die Dringlichkeit dessen anzumahnen, an dem wir gerade arbeiten. Gerade kam der Dicke, die Heulsuse, von unserem derzeitigen Kooperationspartner wieder in mein Büro geschlichen und jaulte mir etwas vor von Notwendigkeiten, wie man die Versicherungssysteme retten könne und von irgendwelchem Tax-the-Rich-Firlefanz. Die Basis sei unzufrieden! Ich hab ihn daran erinnert, dass er mal still halten soll und sich fragen, woher es kommt, dass er mit dem Arsch in der Butter sitzt! Er sollt sich trollen! Dann ist er schluchzend wieder abgezogen und jetzt zählt er wahrscheinlich seine drei Silbertaler. Der braucht die harte Hand!

Wie lange das noch gut geht, lässt sich wohl ausrechnen. Wir wissen alle, dass unser Zeitfenster für das, was wir hier vorhaben, nicht ewig geöffnet sein wird. Wir dürfen uns jetzt nicht vom Weg abbringen lassen und müssen hoffen, dass dem Iwan demnächst die Luft ausgeht. Wenn das nicht der Fall ist, dann gehen wir alle so richtig baden. Dann ist die Immobilie vom Ural bis Porto nichts mehr wert! 

Noch herrscht hier Ruhe. Der Mob sitzt apathisch auf dem Sofa, lässt sich von unseren Nachrichten berieseln und stopft fettige Chips in sich hinein. Oder, je nach Blase, er gießt sich seinen Sencha-Tee auf die Öko-Lampe und träumt von einer besseren Welt. Wobei diese Mischpoke uns vielleicht noch nützlich sein kann. Die hasst den Iwan so wie wir und wenn wir unseren Ekel überwinden und ein bisschen Gendern, kann das vielleicht was werden. Ich habe den drei kratzbürstigen Brillenschlangen bereits etwas Konfekt auf die Fensterbank legen lassen und sie haben bereits das Fenster geöffnet. Die Mädels machen auch noch Männchen, alles eine Frage der Zuwendung!

Wir müssen Tempo machen. Ihr habt alle Freiheiten! Haut alles kurz und klein, was die Sozialromantiker aus dem letzten Jahrtausend als ihre Errungenschaften so anpreisen. Alles, wo der Staat sich blamieren kann, muss raus auf den freien Markt. Der regelt alles. Und wenn sich der ganze Schamott nicht mehr lohnt, dann wird dicht gemacht. Wäre doch gelacht, wenn das nicht klappen würde.

Aber seid vorsichtig. Kann genug sein, dass sich dagegen irgendwann durchgedrehte Revoluzzer zur Wehr setzen und uns an die Wäsche wollen. Seid wachsam. Ich habe mir gerade einen neuen Mercedes S 680 Guard bestellt. Ein Viertonner, alles bombensicher, Panzerung VR10, 612 PS, 6,0 V12! Die Sau säuft 20 Liter und kostet auf dem Markt eine Million! Das ist die Klasse, in der wir uns bewegen müssen!

Und wenn sich was regt, dann denkt daran, erst bekommt der Mob was auf die Mütze, und dann gibts Schampus bei Onkel Fritze! 

Liebe Freunde, haltet durch, zweifelt nicht. Und vergesst nicht, wenn wir scheitern, dann sind wir auf ewig weg vom Fenster. Das wollen wir doch alle nicht, oder?

Always on guard!

Eure 

Number One“

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern

Weiter so

Laden, kaum zu öffnen
Voll der Gewissheiten
Die nichts mehr
Zählen.

Augen, unsicher
Tastend
Nach Figuren
Des Sinns.

Die Winde
Mächtig
Illusionen tragend
Längst verstummt.

Kommandos
Den Selbstmord
Fordernd
Brüllend gegeben.

Lichter
Erkenntnis spendend
Von Finsternis
Gierig verspeist.
Weiter so

Vom irrationalen Ritt in den Untergang

Wenn heile Welten zerbrechen, dann sind bei denen, deren Welt zerbrochen wird, Not und Verzweiflung groß. Diejenigen, die dafür gesorgt haben, dass sich die Zustände ändern, haben dieses aus Motiven ihres eigenen Nutzens getan, den sie in der alten Ordnung nicht mehr gewahrt sahen. Und diejenigen, die nun in den Trümmern sitzen, verstehen die neue Welt, wie sie sagen, nicht mehr. 

Die Reaktionen der Geschröpften auf die neuen Zustände könnten so sein, dass sie sich zurückzögen, sich das Geschehene noch einmal vor Augen führten und sich die Frage stellten, welche Rolle sie in einer neuen Ordnung einnehmen könnten und was zu tun wäre, um mit dieser dann leben zu können. Ein derartiger Umgang mit radikal veränderten Verhältnissen setzt allerdings eine innere Souveränität, vielleicht sogar auch etwas wie Weisheit voraus. Eine Weisheit, die dem Grundsatz entspringt, die eigenen Potenziale richtig einzuschätzen und sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein.

Die andere, mit Sicherheit in destruktive Zusammenhänge führende Möglichkeit des Umgangs mit der Zertrümmerung der eigenen, alten Ordnung umzugehen, ist das starre Festhalten an den Maximen der Vergangenheit. Und, das ist das Fatale an dieser Art des Umgangs mit neuen Verhältnissen, noch existieren Mittel und Wege, um zu widerstehen und der neuen Ordnung die Zunge herauszustrecken. Das geht eine Weile gut. Und sukzessive setzt sich dann doch die Erkenntnis durch, dass der ganze Unwille und das Widerstreben zu nichts als zu Zerstörung führen wird. Und diejenigen, die diesen Weg eingeschlagen haben, sehen nach einiger Zeit selbst, dass die Mittel für den Widerstand ausgehen, die eigene Isolation fortschreitet und die Unterstützung durch andere ausbleibt. Was dann noch bleibt, ist entweder das Räsonnement des Führerbunkers oder der ultimative, irrationale Ritt in den Untergang, mit der einzigen Genugtuung, den allgemeinen Schaden für das, was man zurücklässt, so groß wie möglich zu halten.

Es ist immer wieder eine große Versuchung, so manches, was wir in diesen Tagen erleben, historischen Vergleichen zu unterziehen. Bei längerer Betrachtung kann man aber auch zu dem Resultat kommen,  dass die strikte Weigerung,  neue Verhältnisse anzuerkennen und nichts anderes zu akzeptieren, als das Feld der Gewalt, keines historischen Vergleiches bedarf. Schlussendlich handelt es sich schlicht um ein Phänomen der Barbarei. 

Mit den inflationär gebrauchten Parolen wie „Feinde ringsum“ und „Jetzt erst recht!“ profilieren sich zur Zeit die politischen Eliten des alten Westens als von den Gegebenheiten überrumpelt und unter dem Strich als konstruktiv nicht handlungsfähig. Sie haben sich für den Weg der größtmöglichen Zerstörung entschieden und gegen einen Platz in einer neuen Ordnung, der dem Gemeinwesen, dem sie vorstehen, entspräche, entschieden. Wer allen Ernstes glaubt, in der Welt gäbe es nur Gut oder Böse, und man sei stets unter den Guten, hat das Wesen dieser Welt nicht begriffen und befindet sich auf einem Kreuzzug, der nicht zum erhofften Ziel, sondern mit Sicherheit in den eigenen Untergang führt. Und wer keine andere Option kennt, nimmt auch das in Kauf.  

Vom irrationalen Ritt in den Untergang