Neon bar patrons share drinks beside workers planning around blueprints

Was tun?

Im Diskreditieren jeglichen Widerstands gegen das herrschende Geschäft haben sich die Metropolen des freien Westens zu wahrer Meisterschaft entwickelt. Jüngstes Aufbegehren in Großbritannien war instruiert vom faschistischen Mob, die Revolte der französischen Jugend ist das Werk von Immigranten, und die Proteste zu Münster, als ein Kriegsbündnis einen Friedenspreis überreicht bekam, war inszeniert von Putin-Anhängern. Es könnten Seiten gefüllt werden, um die Mannigfaltigkeit schwarzer Schafe aufzulisten, die die glänzende Politik und das superbe Funktionieren des jeweils eigenen Regierungssystems kontaminieren und die Exzellenz der eigenen Funktionsträger in Zweifel ziehen.

Handelte es sich nicht um das hohe Geschäft politischen Handelns und bezöge man diese Art des Umgangs auf ganz profane Lebensverhältnisse, dann würde das soziale Umfeld mit Individuen oder Gruppen, die für jede Malaise und jede Krise immer nur andere verantwortlich machen, aber sich selbst nie mit einem kritischen Maßstab betrachteten, nicht so duldsam umgehen wie dieses im Großen noch der Fall ist. In jeder Familie, in jedem Verein und in jeder Firma wären Konsequenzen zu verzeichnen. Wenn nach dem Hinweis auf die eigenen Verantwortlichkeiten keine Besserung einträte, dann trennte man sich. Bei allen Schmerzen, die so etwas verursachen mag, der Selbsterhaltungstrieb der sozialen oder ökonomischen Gruppe ist größer als die Toleranz gegenüber schlechtem Management und mangelnder Selbstkritik.

Es ist festzustellen, dass angesichts der systemischen wie personellen Krise westlicher Regierungsführung die Geduld der Bevölkerung immens ist. Und es ist ebenso zu beobachten, dass diejenigen, die in der Verantwortung stehen, diese Form der Geduld missverstehen. Empfindlich reagieren sie nur,  wenn das Wahlverhalten sich anderen zuwendet. Was sie nicht auf dem Schirm haben, eben weil sie die Geduld missdeuten, ist die entstehende Hitze, die auf einen Aufstand zustrebt. Die Gefahr sehen sie nicht. Sonst träten sie nicht so arrogant und selbstsicher auf. Was sie allerdings nicht davon abhält, ihre eigene Sicherheit bis uns Absurde zu steigern. Tief im Unbewussten scheint dann doch eine Ahnung zu schlummern, dass irgendwann der Plebs den Zahltag ausruft.

Vieles von dem, was zum Kanon verblichener Revolutionstheorien gehörte, scheint zu einer Renaissance zu drängen. Nicht ohne Grund. Wer sich heute noch einmal den Schriften eines Lenin zuwendet, erkennt Elemente, die, ohne auf eine avantgardistisch konzipierte Revolution hinarbeiten zu wollen, doch mit Notwendigkeiten zu jonglieren, die hoch aktuell sind. Es sind Konzepte der Organisation und der Kommunikation. Die klassischen Elemente wie eine die Interessen der Arbeitenden vertretende Presse und Gewerkschaften sind nicht mehr existent oder zahnlos. Das liegt nicht an ihrer historischen Überkommenheit, sondern an ihrer Korrumpierung. Nichtsdestotrotz sind derartige Organe und Zusammenschlüsse bitter notwendig.

Und anstatt sich permanent über die aktuelle Art der Regierungsführung zu echauffieren, wäre es ratsamer, mit sich von morgens bis abends mit der Frage „Was tun?“ zu beschäftigen. Die Art von Programm, die momentan verfolgt wird, ist die, die zu nichts Gutem führt. Ergibt man sich seinem Schicksal und nimmt es hin, oder ist man gewillt, überall, wo man ist, die kritischen Fragen nicht nur zu formulieren, sondern ihnen auch Taten folgen zu lassen? Wie hieß es so schön bei Bertolt Brecht? Wut im Bauch allein reicht nicht! So etwas muss praktische Folgen haben! 

Was tun?

Zeichen an der Wand

Wände voller Zeichen
Und missglückter Versuche
Blendend schön
Und abgrundhässlich.

Botschaften
Die niemand entschlüsseln
Und jeder
Missverstehen kann.

Flaschenpost
In trockenen Gewässern
Eisige Gewissheit
Auf heißem Sand.

Die es werden lesen können
Weilen noch nicht hier
Mit Entsetzen
Werden sie vieles enschlüsseln.

Mancher Sinn
Kommt mit der Zeit
Und die schnelle Lesart
Wird verbleichen.

Zeichen an der Wand
Comic panel reading "CLOWN INQUISITION: THE FINAL JUDGMENT!" with clowns interrogating a kneeling man; speech bubbles say "THE GREAT JEST DEMANDS THE TRUTH!", "SPESS-CIFICALLY, WHERE ARE THE UNLICENSED JOKES HIDING?!", and "A... G-GIGGLE, SIR?"

Clowneske Inquisition

Die letzte Stufe der Sinnentfremdung ist erreicht, wenn Sätze, die im Alltag durchaus gebräuchlich sind, dafür genommen werden, um die schlechte Gesinnung des sie Gebrauchenden beweisen zu wollen. Gerade eben hörte ich wieder eine solche semantische Kapriole. Da versuchte ein momentan wegen seiner politischen Meinung sehr hofierter Komiker, den Satz einer politischen Partei, die momentan nicht ohne Grund, nämlich wegen gravierender Fehler der Konkurrenz, kräftig im Aufwind ist, „alles ist möglich“ als Indiz zu nehmen, um damit auch die schreckliche Möglichkeit intendierter Einrichtung von Konzentrationslagern belegen zu können. 

Ein anderes Beispiel ist gar die juristisch fixierte Strafbarkeit des Satzes „Alles für Deutschland“, begründet mit der Verwendung desselben durch die Nationalsozialisten. Spräche ein Fußballer diesen Satz vor einem Länderspiel aus, müsste dieser belangt werden.

Die beiden Fälle sollen reichen, um die Absurdität der Versuche zu belegen, der erstarkenden AfD das Leben schwer zu machen. Dass letztere gravierende nationalistische Tendenzen beherbergt, dass sie mit ihrem Begriff des Deutschen eine Position vertritt, die den demographischen Realitäten des Landes nicht mehr entspricht etc. steht außer Frage. Ihr Aufwind, das sei all jenen, die sich momentan so gerne als demokratische Mitte beschreiben, hängt allerdings mit dem politischen Totalversagen der Kläger selbst zusammen. 

Obwohl viele Gewissheiten, die mit der sinkenden Dominanz der westlichen globalen Vorherrschaft verloren gegangen sind, existieren noch andere, die dem Selbstverständnis der in diesem Land lebenden Bevölkerung entsprechen. Dazu gehört das Verständnis, dass politische Mandatsträger eine Politik machen, die den Interessen ihrer Wähler entspricht. Zur bundesrepublikanischen DNA gehörte zum Beispiel, dass die Politik sich um Frieden bemüht und nicht nach militärischer Dominanz strebt, dass es einen sozialen Kitt innerhalb der Gesellschaft gibt und dass die Freiheit von Rede, Wort und Opposition gewährt wird. Grundgewissheiten und Grundechte, die die jetzige politische Nomenklatura aufgegeben und ramponiert hat.

Wenn dann solche Dummheiten wie die oben erwähnten Sätze als Indiz für den schlummernden Faschismus genommen werden, dann dokumentiert es nur eines: Die Phantasie der Strauchelnden ist in erbärmlichem Zustand und das Verständnis von dem, was die Bevölkerung will, ist nicht mehr oder war nie – wer weiß das heute noch? – existent. Auf jede Formulierung, die nicht dem eigenen „Wording“ entspricht, wartet die Inquisition. Andererseits: Die unzähligen Beispiele des nonchalanten Schwelgens in den mit dem Mandat verbundenen Privilegien, die ganz und gar nicht mehr zeitgemäß sind, ob es Chauffeurdienste, Limousinen, Aufwandsentschädigungen, Nebenerwerbsquellen, Präsenzpflichten, Ausstattungen, Bauvorhaben etc. sind, tragen dazu bei, den Vorwurf der Abgehobenheit und der sozialen Verwahrlosung leicht untermauern zu können.

Anstatt sich weitere Aussetzer zu leisten, die einer grandiosen Hilflosigkeit entsprechen, sollte man sich, wenn es ernst gemeint ist, den formulierten Bedürfnissen der Wählerschaft widmen. Das ist allerdings nicht im Sinne vieler, vor allem der Protagonisten, die in der Kritik stehen. Daher müssen sie weg. Und ob in der viel besungenen demokratischen Mitte noch soviel Substanz ist, dass eine Rückkehr zur Idee der Volksvertretung möglich ist, wird sich sehr schnell zeigen. Die monopolisierte Presse mit ihrem flachen Journalismus vermittelt diesen Eindruck nicht. Was daher wiederum als eine der Voraussetzungen für einen Neuanfang formuliert werden muss, ist die Abwendung der Politik von korrumpierter Hofberichterstattung. 

Ja, wenn, dann gibt es viel zu tun. Bis dahin erwartet das gleichsam ermattete wie genervte Publikum noch eine große Menge sinnloses Geschwafel.

Clowneske Inquisition