Hass und Verdruss als Erbe dieser Zeit?

Manche Erkenntnisse erschüttern das eigene Weltbild. Letzteres ist die Vorstellung von Existenz, die sich im Laufe eines Lebens gebildet hat. Sie besteht aus Erfahrungen, Überlieferungen und Interpretationen, die man mit seinem eigenen sozialen Umfeld teilt. Und, so lange nichts vonstatten geht, das dem sich gebildeten Bild krass widerspricht, scheint es so zu sein, als dass die eigene Vorstellung der Realität entspricht. Und dann ereignen sich Dinge, die nicht mehr dazu passen. Neben der Enttäuschung, und zwar nicht im negativen, sondern im neutralen Sinne, macht sich eine gewisse Orientierungslosigkeit breit. Sie kann zu einer emotionalen Verbitterung führen oder dazu anregen, den Versuch zu unternehmen, die neuen Phänomene zu beschreiben, zu analysieren und in ein Verhältnis zur eigenen Position zu setzen. Aus letzterem ergäbe sich eine neue Betrachtungsweise, die sich bewähren muss, und zwar in einem ständigen Abgleich mit allem, was sich aktuell ereignet.

Nicht hilfreich und keineswegs erfolgreich ist die emotionale Verbitterung. Dass sich die Welt verändert, ist eine Binsenweisheit. Und ebenso trivial ist die Erkenntnis, dass nicht alles, was in der Welt einer Veränderung unterliegt und auf mich wirkt, von mir intendiert oder gewollt ist. Das Störrische, das bei Heranwachsenden und Kindern in einem solchen Fall zu beobachten ist, gehört zum Privileg des Heranwachsenden. Die gleiche Reaktion von Seiten Erwachsener spricht für deren Unreife. Auch das kommt oft vor, wir leben in komplizierten Zeiten. Wenn allerdings die Menschen, die im Auftrag großer Gemeinschaften deren Interessen wahrnehmen sollen, in gleiche Verhaltensmuster verfallen, dann ist das unverantwortlich. Dass sich die emotionale Verbitterung zu einem Massenphänomen des öffentlichen Diskurses in der Gesellschaft ausgewachsen hat, ist ein beunruhigendes Indiz. Ob die politischen Vertreter selbst dieser unreifen Reaktion vom Inneren her folgen oder sich dessen nur bedienen, um ihre Ziele zu erreichen, sei dahin gestellt. 

Der Appell an die Vernunft ist das eine. Erfolgt ist er unzählige Male. Dass man selbst gewaltigen Täuschungen in der Interpretation von Handlungsweisen bestimmter Mächte auf diesem Planeten unterlegen ist, kann auf keinen Fall exklusiv diesen Mächten angelastet werden, auch wenn man deren Ziele nicht gutheißt. Die erste Reaktion müsste sein, die eigenen historischen Wahrnehmungen einer Kritik zu unterziehen und daraus bestimmte Lehren zu ziehen. Letzteres wird zwar immer wieder von denen reklamiert, die sich allzu gern vorgegebenen Einschätzungen unterworfen haben, um in einer noch krasseren Fehlinterpretation zu landen. Der Grund dafür ist ein irreversibler Fehler in dem angelegten Weltbild. Wer sich damit zufrieden gegeben hat, exklusiv in Freund-Feind-Kategorien zu denken, hat das Wesen der menschlichen Gesellschaften auf diesem Globus nicht verstanden. Er unterlag der Mystifikation, selbst zum Krönungsgeschlecht der Gattung per se zu gehören.  

Kolonialismus, Imperialismus und Krieg haben im Wahrnehmungsapparat der westlichen Hemisphäre ganze Arbeit geleistet. Da darf es keine Koexistenz geben. Das Einzige, was zählt, ist die Dominanz. Und wer diese gefährdet, der gehört zu den Schlechten, die bekämpft, ruiniert und ja, ausgerottet werden müssen. In der ganzen Diskussion um die Handlungsweisen Russlands, Chinas und neuerdings der USA, die man durchaus kritisch kommentieren kann, fällt jedoch kein einziges Wort zu dem eigenen Beitrag, der geleistet wurde und der massiv zu dem beigetragen hat, was man beklagt. Das kann man so machen. Aber es führt zu nichts. Außer zu Hass und Verdruss. Sieht so das Erbe dieser Zeit aus?

Hass und Verdruss als Erbe dieser Zeit?

Vom Virus zum Krieg

Bei der gegenwärtigen mentalen Malaise empfiehlt es sich als Übung, nach Überschriften zu suchen, die in der Zukunft das zu beschreiben in der Lage sind, was wir als Epoche momentan erleben. Das hilft. Weil es Distanz schafft und Emotionen eliminiert. Und wenn man es national betrachtet, dann könnte die Überschrift lauten „Vom Virus zum Krieg“. Damit würde der Ausnahmezustand beschrieben, der durch Corona entstand oder geschaffen wurde, die sukzessive Abwesenheit jeglicher Rationalität und Bodenhaftung, die flächendeckende Zerstörung von Vertrauen, Hysterie, Massenpsychose und die systematische Etablierung von Feindbildern.

Dass sich ein derartiger Zustand bestens geeignet hat, um eine internationale Krise, die durch die Unterschätzung Russlands und seiner Sicherheitsinteressen und des militärischen Einschreitens in der Ukraine nicht wie Deus ex machina die verloren gegangene Vernunft in die Politik zurückkehren zu lassen, ist nahezu folgerichtig. Wie es ebenso logisch ist, dass das Personalportfolio, das für das Corona-Desaster verantwortlich war, auch beim internationalen Krisenmanagement in der ersten Reihe saß. Heute, nach vier Jahren Krieg, ist die Lage schlimmer als zu dessen Beginn. Und, um die Grausamkeit zu verdeutlichen, sei das Debakel wiederholt: der Verlust von Rationalität und Bodenhaftung, die flächendeckende Zerstörung von Vertrauen, Hysterie, Massenpsychose und die systematische Etablierung von Feindbildern und, was noch hinzukommt, die Fixierung auf einen Krieg, der in der Selbstzerstörung endet.

Hinzu kommen weitere Faktoren. Die Weltordnung, so wie sie seit 1945 entstanden war, mit einer globalen Hegemonie der Vereinigten Staaten von Amerika, gehört quasi mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges der Vergangenheit hat. Glaubte man in den USA unter den Regierungen Bush, Obama und Biden, nun endgültig Russland als Macht zerschlagen zu können, so hatte man die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Donald Trump, der nicht minder Imperialist ist wie seine Vorgänger, verfolgt allerdings eine andere Strategie. Er will Russland von der Seite Chinas lösen, weil letzteres aus seiner Sicht die größte Bedrohung der us-amerikanischen Hegemonie ist.

In dieser Situation an den Maximen der alten Theorie des amerikanischen Imperialismus festzuhalten, Rest-Europa auf Krieg einzuschwören und militärisch gegen die Nuklearmacht Russland zu mobilisieren, kann nicht anders als der Wille zu Selbstzerstörung charakterisiert werden. Mit Behauptungswillen hat es jedenfalls nichts zu tun. 

Vom Virus zum Krieg. Ein Phänomen verdient noch besondere Betrachtung. Wurden während der Corona-Episode all diejenigen, die sich gegen das offizielle Narrativ des Krisenmanagements stellten, pauschal als Verschwörungstheoretiker diffamiert, so hat sich, die Dialektik der Geschichte ist ein agiler Schelm, die Titulierung mittlerweile zu einer Form der enthemmten Staatsräson entwickelt. Hört man sich die Vertreter von Bundesregierung und EU-Kommission und der Monopolmedien genau an, dann sind sie es, die sich dem Entertainment durch Verschwörungstheorien mit wachsender Begeisterung verschrieben haben. Sollte, um diese Umschreibung zu konkretisieren, Wladimir Putins Arm tatsächlich bis in die missbräuchlichen Betten eines Jeffrey Epstein gereicht haben, dann gliche dessen Spin einer nahezu außerirdischen Magie.

Ceterum censeo: Mit Selbstüberschätzung bei gleichzeitiger Unterschätzung derer, mit denen man zu tun hat, bei Verschwörungstheorien statt auf den realen Gegebenheiten fußenden Strategien, sind die besten Bedingungen für eine Nachbetrachtung geschaffen, die den Titel „Vom Virus zum Krieg“ rechtfertigt. Und zwar als Schlusskapitel für das, was sich heute, ebenfalls als Fehleinschätzung, exklusiv als Europa bezeichnet.  

Vom Virus zum Krieg

„Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern“

Ein geleakter Brief, rein fiktiv:

„Liebe Freunde,

Wie unsere Staatslakaien so furchtbar formulieren, nämlich aus gegebenem Anlass, möchte ich mich an euch wenden, um noch einmal die Dringlichkeit dessen anzumahnen, an dem wir gerade arbeiten. Gerade kam der Dicke, die Heulsuse, von unserem derzeitigen Kooperationspartner wieder in mein Büro geschlichen und jaulte mir etwas vor von Notwendigkeiten, wie man die Versicherungssysteme retten könne und von irgendwelchem Tax-the-Rich-Firlefanz. Die Basis sei unzufrieden! Ich hab ihn daran erinnert, dass er mal still halten soll und sich fragen, woher es kommt, dass er mit dem Arsch in der Butter sitzt! Er sollt sich trollen! Dann ist er schluchzend wieder abgezogen und jetzt zählt er wahrscheinlich seine drei Silbertaler. Der braucht die harte Hand!

Wie lange das noch gut geht, lässt sich wohl ausrechnen. Wir wissen alle, dass unser Zeitfenster für das, was wir hier vorhaben, nicht ewig geöffnet sein wird. Wir dürfen uns jetzt nicht vom Weg abbringen lassen und müssen hoffen, dass dem Iwan demnächst die Luft ausgeht. Wenn das nicht der Fall ist, dann gehen wir alle so richtig baden. Dann ist die Immobilie vom Ural bis Porto nichts mehr wert! 

Noch herrscht hier Ruhe. Der Mob sitzt apathisch auf dem Sofa, lässt sich von unseren Nachrichten berieseln und stopft fettige Chips in sich hinein. Oder, je nach Blase, er gießt sich seinen Sencha-Tee auf die Öko-Lampe und träumt von einer besseren Welt. Wobei diese Mischpoke uns vielleicht noch nützlich sein kann. Die hasst den Iwan so wie wir und wenn wir unseren Ekel überwinden und ein bisschen Gendern, kann das vielleicht was werden. Ich habe den drei kratzbürstigen Brillenschlangen bereits etwas Konfekt auf die Fensterbank legen lassen und sie haben bereits das Fenster geöffnet. Die Mädels machen auch noch Männchen, alles eine Frage der Zuwendung!

Wir müssen Tempo machen. Ihr habt alle Freiheiten! Haut alles kurz und klein, was die Sozialromantiker aus dem letzten Jahrtausend als ihre Errungenschaften so anpreisen. Alles, wo der Staat sich blamieren kann, muss raus auf den freien Markt. Der regelt alles. Und wenn sich der ganze Schamott nicht mehr lohnt, dann wird dicht gemacht. Wäre doch gelacht, wenn das nicht klappen würde.

Aber seid vorsichtig. Kann genug sein, dass sich dagegen irgendwann durchgedrehte Revoluzzer zur Wehr setzen und uns an die Wäsche wollen. Seid wachsam. Ich habe mir gerade einen neuen Mercedes S 680 Guard bestellt. Ein Viertonner, alles bombensicher, Panzerung VR10, 612 PS, 6,0 V12! Die Sau säuft 20 Liter und kostet auf dem Markt eine Million! Das ist die Klasse, in der wir uns bewegen müssen!

Und wenn sich was regt, dann denkt daran, erst bekommt der Mob was auf die Mütze, und dann gibts Schampus bei Onkel Fritze! 

Liebe Freunde, haltet durch, zweifelt nicht. Und vergesst nicht, wenn wir scheitern, dann sind wir auf ewig weg vom Fenster. Das wollen wir doch alle nicht, oder?

Always on guard!

Eure 

Number One“

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern