Ostenmauer – 112. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“

Von Bertolt Brecht stammt das kluge Wort, Fortschritt bedeute nicht, fortgeschritten zu sein, sondern fortzuschreiten. Wem es an dieser Stelle bereits zu kompliziert ist, möge gleich aussteigen. Das ist kein arroganter Hinweis, sondern ernst gemeint. Tatsächlich ist die Frage der Erneuerung und Veränderung eine sehr komplizierte. Das, was zunächst schlicht aussieht, wird schwierig angesichts fast als archetypisch anzusehender Verhaltensmuster des Menschen. Denn selbst die, die einer gewissen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben, aufgeschlossen gegenüber stehen, wünschen sich schon bald nach der Anstrengung etwas Ruhe. Sei es, um das Veränderte zu erleben und zu bewerten, bevor sie sich erneut Gedanken über die Notwendigkeit weiterer Veränderungen machen, sei es, weil sie die neuen Verhältnisse so nach ihrem Vorteil geraten sehen, dass sie befürchten, nach weiteren Veränderungen in eine schlechtere Position zu kommen. 

Ja, alles steht auf dem Prüfstand, wenn die Veränderung namens Fortschritt in die bestehenden Verhältnisse rauscht und das Leben der Menschen durcheinander wirbelt. Wichtig ist, dass die Menschen, die davon betroffen sind, mit sich im Reinen sind. Sie sollten wissen, dass es sich um einen Prozess handelt, in dem sie Subjekt und nicht Objekt sind. Ist das gegeben, dann kann sich etwas Vernünftiges entwickeln. Aber, und diese Überlegung drängt sich mit aller Macht auf, wie können Menschen, die seit langer Zeit als Objekte ge- und behandelt wurden, plötzlich zu Subjekten werden? Um es gleich zu sagen: Gar nicht. Es sei denn, sie wähnen sich in einer solchen Lage, dass sie bereit wären, der Maxime der Bremer Stadtmusikanten zu folgen: Was Besseres als den Tod findest du überall!

Die Perspektive, die die vielleicht ungewollten Veränderungen des Fortschritts zeichnet, muss so verheerend sein, dass sich ein Großteil der Menschen nicht mehr getraut, darüber nachzudenken. Dann werden jene Selbsterhaltungskräfte mobilisiert, die aus Objekten Subjekte machen. Diese Subjekte sind jedoch nicht die mit dem Plan für eine vernünftige Veränderung. Nein, bei ihnen handelt es sich um Angst gesteuerte, in ihrer Existenz bedrohte Menschen, die vermeintlichen Konzepten der schnellen Lösung folgen. Das, was normalerweise dann auch verheerend wirkt, ist nicht notgedrungen alles nur emotional, irreal und destruktiv. Im Kern befindet sich auch bei dieser Gruppe eine durchaus als sehr real empfundene Vorstellung von dem, was ist, und dem, was nicht sein darf.

Die jahrzehntelange Entmündigung großer Teile der Gesellschaft durch eine zunächst als Fürsorgeideologie zu bezeichnende Bevormundung hat dazu geführt, dass nahezu die einzige verändernde Kraft aus den Reihen der großen Masse in einem Kampfdenken gegen das besteht, was vielleicht am besten als die rasende tägliche Veränderung bezeichnet werden kann. Diese Kräfte spüren, dass da etwas in die falsche Richtung gegangen ist und geht und nichts mit dem zu tun hat, was als die große Chance der Veränderung von einigen Kreisen propagiert wird. 

In diesem Kontext von Fortschritt zu sprechen, fällt schwer. Richtig wäre es, von Veränderungsprozessen auszugehen, die die Gesellschaft überrollen. Mit gemeinsamem Fortschreiten hat das wenig zu tun. Da werden Verhältnisse geschaffen, die angeblich keine Zeit lassen, darüber zu reflektieren und sich Zeit zu nehmen. Das ist das Wesen der Technokratie. Sie schafft Verhältnisse, die nur wenigen Nutzen bringen, aber die als unausweichlich charakterisiert werden. Ein falsches Spiel. Und ein böses Ende.

Etwas Besseres als den Tod findest du überall
Breakfast tray with coffee, granola, flowers, book, and glasses

Von Frikadellen und mentalen Gefängnissen

Der italienische Autor Alessandro Barrico hat bereits vor einigen Jahren in einer bemerkenswerten Artikelserie in der Zeitschrift La Repubblica das Wesen des digitalen Zeitalters sehr virtuos dechiffriert.  Eine der Aussagen, die bereits heute zum Gemeinwissen derer gehören, die sich mit diesem weitreichenden Paradigmenwechsel beschäftigen, ist die, dass eine der Hauptströmungen der Digitalisierung die vom Wesen zur Oberfläche ist. Und, das gehört zu dieser Tendenz, dass nicht Kern und Charakter im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, sondern das Arrangement. Was sich zunächst eher abgehoben anhört, unterlegt Barrico in seinen Essays mit wunderbaren Beispielen. Um einen Wink zu geben: War im analogen Zeitalter die Qualität der Frikadelle entscheidend, so sind es heute die Burger-Beilagen. Wer sich dafür interessiert, dem seien die beiden als Bücher erschienen Textsammlungen wärmstens empfohlen (Die Barbaren und The Game).

Die Thesen von Barrico seien übernommen bei der Betrachtung der so bewegenden politischen Entwicklungen, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben. Der große Strukturwandel in der Ökonomie wie die Erosion der als gesetzt geglaubten geopolitischen Ordnung versetzen vor allem die Gesellschaften, in denen wir leben, in große Aufregung. Das, was gestern noch als gesellschaftlich akzeptierte Usance als völlig normal galt, wird plötzlich als nicht mehr angemessen betrachtet und alte, bekannte Weltbilder erodieren in rasantem Tempo. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich und archaisch. Während die einen an dem Eingeübten festhalten, machen sich andere auf die Suche nach neuen Betrachtungs- und Verhaltensweisen. Was allerdings nahezu kollektiv gelernt wurde, ist die oben erwähnte Abkehr vom Wesen und die Zuwendung zur Oberfläche. 

Dass sowohl die politische Klasse als auch die sie begleitende Kommunikationsindustrie sich nahezu exklusiv auf der Oberflächenebene befinden, ist aus der aktuellen Entwicklung in der Politik deutlich zu sehen. Angesichts der jüngsten Wahlergebnisse, die einen bereits in den USA und in Ländern der EU seit einiger Zeit vorherrschenden Trend nachvollziehen, ist die Suche nach einer Erklärung verständlich. Allerdings ist, zumindest aus dem erwähnten Lager, nichts dergleichen in Sicht. Man streitet sich über Bilder, Zitate und Ereignisse in der eigenen Sphäre, ohne die gesellschaftliche Komplexität im Blick zu haben. Angesichts des besonders von der ratlosen politischen Klasse immer wiederholten Mantras, dass die Bevölkerung die Komplexität der Entwicklung nicht verstehe und deshalb die Tendenz so ist, wie sie ist, fällt sie selbst in das Loch der Unterkomplexität. 

Die Assimilation der politischen Parteien mit den Vorstellungen einer urbanen Mittelstandsklasse hat dazu geführt, dass die gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisse aus dem Blick geraten sind. Eine Gesellschaft, die durch zunächst die Globalisierung und dann das freie Spiel der Kapitalverwertung ohne einen gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit und den Status eines wie auch immer definierten Gemeinwohls nackt und zitternd im Wind steht, sehnt sich nach anderem als  exklusiv den Börsennotierungen. Die immer wieder so gepriesene demokratische Mitte ist genau das mentale Gefängnis, das daran hindert, einen befreienden Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Gesellschaft zu bekommen. 

Und, unabhängig davon, welcher der zumeist kriegerisch eskalierten Konflikte auch von Politik und Presse „analysiert“ wird, man schlittert auf der Oberfläche herum und verweigert jede Form der Ahnung von deren Wesen. Das ist manipulativ bequem, in Bezug auf einen notwendigen Politikwechsel allerdings ein Fiasko.

Von Frikadellen und mentalen Gefängnissen
Protesters outside a palace hold signs reading “POWER TO THE PEOPLE,” “VOTED OUT BY THE PEOPLE,” “DISMISSED!,” “WE THE PEOPLE,” “YOUR TIME IS UP,” and “NO RECLAIMING OUR PARLIAMENT.”

Die Abwahl des politischen Establishments

Wer, außer denen, die die Politik machen, liefert eigentlich die dazu gehörigen Informationen und versucht sich an Interpretationen? Die aktive Seite der Politik lässt sich relativ leicht quantifizieren. Man rechne allein die Mandatsträger der Republik zusammen. Bundestag, Landtage, Kreistage, Gemeinderäte etc. und man käme zu einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Vertreterinnen und Vertretern des so genannten Volonté générale. Es sind ca. 200.000! Diese 200.000 werden in der Regel von sehr wenigen Protagonisten repräsentiert, die durch Amt und Bedeutung und zuweilen auch durch ihr Mundwerk prädestiniert sind. Das, was die insgesamt große Kohorte an Erfahrungen sammelt und mit welchen Verhältnissen sie sich auseinanderzusetzen hat, wird durch diese Auswahl nicht repräsentiert.

Setzt man die „Informanten“ und Diskutanten von Presse, Funk und Fernsehen dagegen, vor allem die, die ständig auf den großen Plattformen zu registrieren sind, handelt es sich um eine verschwindend kleine Zahl. Man sehe sich nur das immer wieder eingeladene Personal bei den Lanz, Mioskas, Illners oder Maischbergers an. Geschätzt sind es vielleicht 100 Figuren, die die Interpretation von Politik vornehmen und sich an der gerne angestellten Spekulation über Trends verlustieren. Legitimiert hat sie weder der Souverän noch irgendwelche nachvollziehbare Qualitätsmerkmale. Und, das die größte Irritation, in diesen Formaten findet der Souverän allenfalls als im Vorfeld überprüftes Publikum statt. Als Fragender, Mahnender und Fordernder nie! 

Der Disproporz zwischen Wahlvolk, Mandaten und „Einordnern“ hat zu verschiedenen Brüchen geführt, unter denen die politischen Systeme in der westlichen Hemisphäre gegenwärtig beträchtlich leiden. Zum einen sind die sichtbaren Vertreter auf der großen Bühne, sowohl was ihre konkrete Politik als auch was ihren Habitus betrifft, weit entfernt von dem Verständnis, das ursprünglich ihr Dasein definiert hat. Sinn der Beziehung von Souverän und Mandat ist die treuhänderische Vertretung von Interessen. Und betrachtet man die Äußerungen von Politikern der ersten Reihe, die unabhängig von dem, was die Wählerinnen und Wähler wollen, handeln, damit begründen, weil sie höhere Einsichten besitzen, dann wird deutlich, was mit dieser Entfremdung gemeint ist.

Aber auch die Kommunikation von Politik ist Bestandteil eines demokratischen Systems. Und das dort präsente Ensemble geriert sich zumeist noch schlimmer als fehlgeleitete Politiker. Moderatoren mit Gehältern, die doppelt und dreifach so hoch wie die eines Bundeskanzlers sind, laden Gleichgesinnte in ihre Shows, die exklusiv durch ihren Standpunkt, aber nicht durch nachprüfbare Expertise ausgewählt werden. 

Das alles führt zu einem chronischen Entsetzen auf Seiten der Bevölkerung und hat sich mittlerweile zu einem Trend etabliert, der schlichtweg zur sukzessiven Abwahl des politischen Establishments führt und, hier in Deutschland, zu der Forderung nach der Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehwesens gediehen ist. Bis auf diese Ausnahme ist die Entwicklung in nahezu allen westlichen Demokratien zu verzeichnen. 

Dass diejenigen, die zu Recht mit dem Verlust ihrer Mandate rechnen müssen, diese Tendenz nicht gutheißen, ist nachvollziehbar. Und dass sie mit allen Mitteln dieses Schicksal abwenden wollen, auch. Deshalb werfen sie auch mit ausgrenzenden Bezeichnungen auf, die davon profitieren. Welche Qualität da profitiert, ist, für die, die der schlechten Politik und der Arroganz der gegenwärtigen Protagonisten überdrüssig sind, aktuell nicht die Frage.  

Bei allem, was sich zur Zeit ereignet, ist gut beraten, wer sich nicht in die hirnlosen und verzweifelten Diskurse begibt, sondern mit überlegt, was erforderlich wäre, um dem Souverän seine Stimme zurück zu geben und seine Interessen zum Zentrum der Handlungen zu machen. Das wiese nach vorne. Dass ein Establishment in den Wald geschickt wird, sollte niemanden bekümmern. 

Die Abwahl des politischen Establishments