Burning Eiffel Tower above futuristic city streets labeled “PARIS 2142”

Die Beben werden stärker

Das Leben lehrt, vorsichtig mit allzu schnellen Urteilen zu sein. Umso amüsanter wirkt es, dass nun die hiesigen Gazetten die Gewissheit verbreiten, hinter den französischen Zuständen exklusiv das wilde Treiben arabischer Talahons zu sehen. Noch vor einigen Tagen wurde ich darauf hingewiesen, dass das doch niemand so pauschal behaupte. Man höre sich nun die politischen Sprechblasen aus dem Regierungsviertel und deren Hofschreiber an: die Immigranten sind es!

Dass ein Land, das mit dreieinhalb Billionen Euro Schulden eine heiße Handlungsgrenze erreicht hat und bereits davor gewarnt wird, dass die Stabilität als europäischer Währung insgesamt auf dem Spiel steht, scheint eine ungeahnte Referenz für die Talahons aus den Banlieues zu sein. Dass aus diesen Silos der Hoffnungslosigkeit mächtig die Frustrationsgewalt lodert, steht außer Frage. Sie waren aber nicht das Initial der gegenwärtigen Proteste, die mittlerweile den Charakter eines sich anbahnenden Bürgerkrieges annehmen.

Anlass ist eine von großen Teilen der Jugend nicht mehr akzeptierte Perspektivlosigkeit, die sich in den Zuständen an den öffentlichen Schulen manifestiert. Und sieht man sich diese Proteste an, dann kann man nur in Respekt und Bewunderung verfallen. Was die französische Jugend bei diesen Protesten an festiver Laune und Kreativität an den Tag gelegt hat, ist im gemütskalten Germanistan und und einer von Teilen der Regierung gefeierten Claque jenseits der Vorstellungskraft. Dass man sich hierzulande sehr schnell darauf einigte, nur Bilder eines randalierenden Mobs zu zeigen und nicht in einem Beitrag darauf hinwies, dass Staatsgewalt auf die Friedlichen eindrosch wie unter Kampfdrogen, versteht sich nahezu von selbst.

Wir sind, nicht nur in Frankreich, an einem Punkt angelangt, der für die vielen Missstände, die allenthalben zu beklagen sind, nach Erklärungen sucht. Und dass sich die herrschende Politik, ob sie nun von einem Macron oder Merz repräsentiert wird, auf einfache Feindbilder kapriziert, ist keine brisante Neuigkeit. Außenpolitisch ist es der Russe, innenpolitisch der unkalkulierbare Immigrant. Übrigens eine Kategorisierung, an der man sehr schön ablesen kann, mit welch geistiger Größe man es zu tun hat.

Dass der zunächst mit einer Form der anarchischen Globalisierung und dann durch tektonische Verschiebungen in den globalen Machtverhältnissen wabernde Spekulationskapitalismus einem nahezu orgiastischen Treiben verfallen ist, steht außer Frage. Und dass die Verhältnisse in den Mutterhäusern dieser Form von Besitz und Gesellschaft die antagonistischen Widersprüche zum Tanzen gebracht wurden, liegt nicht im Erkenntnisinteresse derer, die sich bereits im Rhythmus des Makabré bewegen. Ihnen reicht die einfache Erklärung. Und sie lieben den Sündenbock.

Wer so disponiert ist, sieht auch nicht die Zusammenhänge. Oder er will sie nicht sehen, weil die aufkommenden Ängste schon groß genug sind. Denn die französischen Zustände sind ebenfalls in Spanien, in Italien und neuerdings auf auch in Portugal zu verzeichnen. Von Großbritannien, wo das Treiben des Konfetti-Kapitalismus in der City of London den schamlosesten aller Clubs besitzt und die Verhältnisse weitaus schlimmer als in Frankreich sind, soll hier nicht die Rede sein. Auch dort  kocht die Wut bereits heftig. Der Protest, der in Frankreich zumindest instinktsicher in die richtige Richtung geht, nimmt in GB einen bedrohlichen Verlauf, der eher an die deutsche Malaise der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert.

Lustig ist das alles nicht. Die Beben werden stärker. In Paris wurde das legendäre Kaufhaus Lafayette, benannt nach dem General, der im amerikanischen Unabhängigkeitskampf ausgebildet wurde, um in der französischen Revolution seinen eigenen Stand in die Annalen zu verweisen, geplündert. Jetzt werden Ausgangssperren verhängt.  Man ist gut beraten, auf alles zu schauen, was in Frankreich geschieht. Denn ob der brave Michel weiterhin im Friedwald herumirrt, ist noch nicht ausgemacht.

Die Beben werden stärker
Protesters and riot police amid fire, smoke, and neon signs reading “SYSTEM FAILURE” and “REBELLION NOW”

Es ist an der Zeit!

Es wird nicht ernst. Es ist bereits ernst. Wenn ein Kanzler vor der jubelnden Versammlung seiner Jugendorganisation zum Besten gibt, dass er nicht bereit ist, bestimmte Wahlergebnisse zu akzeptieren. Wenn sein Kompagnon in der gegenwärtigen Regierung mit taxierten 15 Prozent Zustimmung für seine Partei aus der Bevölkerung verkündet, etwas anderes als Regierungsbeteiligung käme für ihn nicht infrage. Wenn sie alle, die sich mit Außenpolitik aus dem Lager des Parlamentes nicht mit der Frage beschäftigen, wie eine europäische Friedensarchitektur aussehen müsste, sondern den Krieg bis ultimo eskalieren. Wenn also zweierlei klar ist, dass sie auf das Votum der Bevölkerung, das auf Frieden lautet, mit dem mangelnden Willen und der nicht vorhandenen Fähigkeit, darauf hin zu arbeiten, antworten. Wenn die vereinigten Informationskanäle den Aufstand in anderen, benachbarten und befreundeten Ländern gegen eine analoge Politik wie die eigene ausblenden oder als ein Akt der anarchischen Barbarei verunglimpfen. Wenn unter der Chiffre von Reformen der letzte Rest an gesellschaftlichem Zusammenhalt auf dem Spieltisch liegt. Wenn sprichwörtlich die Brücken einstürzen, wenn das Gesundheitssystem baden geht und die basalen Kulturtechniken in einem allgemeinen Schulsystem nicht mehr vermittelt werden. Dann wird es nicht Zeit. Dann ist es an der Zeit.

Dann muss Bilanz gezogen werden. Und die Aufgabe, die sich daraus ergibt, ist gewaltig. Es fehlt an Vorstellungen, wie eine bessere Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens geschaffen werden kann. Wie eine internationale Friedensordnung aussehen muss. Wie die energetische Versorgung eines Landes gewährleistet werden kann. Wie eine Wirtschaft aussehen muss, in der die erforderlichen Gebrauchswerte im Vordergrund stehen. Wie Millionen von Menschen zu ihrem Auskommen kommen. Welchen Stellenwert tatsächliche, beobachtbare Leistung dabei hat. Wie im Zeitalter der Digitalisierung und der Herrschaft von Algorithmen geschützte analoge Räume geschaffen werden können, in denen das eigene Denken, die eigene Reflexion und die eigene intellektuelle Kreativität des Individuums gefördert werden können. Wie und auf welchen Wegen die Gesellschaft jenseits von auf Manipulation angelegten Monopolen kommunizieren kann. Wie die Mobilität der Zukunft aussehen soll, ohne dass sie Unmengen von Ressourcen vernichtet. Und welchen Stellenwert das Eigentum einnehmen kann und muss. Und wie weit die individuelle Freiheit geht und wo das Gemeinwohl beginnt. Und wie und in welcher Form der Wille der Mehrheit in die allgemeinen Regierungsgeschäfte münden kann.

Ja, viele Fragen atmen den Gedanken einer anderen Gesellschaftsordnung. Und abwegig ist es nicht, wenn man sich vor Augen führt, wie groß die Schäden und wie hoch die Kosten dessen sind, was der uneingeschränkte, an den Weltbörsen tobende Kapitalismus ohne entsprechende Regulative gebracht hat. Alles, worauf sich bestimmte Generationen des Westens noch verlassen konnten, gleicht einer postindustriellen Brache. Und gesprochen über die globalen Ungleichgewichte ist da noch nicht. Wenn ein Zehntel der Weltbevölkerung vierzig Prozent der verfügbaren Ressourcen verköstigt, lässt sich darüber streiten, wie lange so etwas noch gut gehen mag. Auch da ist der Zeitpunkt gekommen. Die Herrschaft der imperialistischen Machete in der Hand des weißen Mannes ist vorbei. Und dieser sieht die letzte Chance einer Lebensverlängerung in der Erbeutung der russischen Schatzkiste. Die einzige Garantie, die dieser Glaube birgt, ist die Beschleunigung des endgültigen Endes der eigenen Dominanz.

Ja, es ist ernst. Und ja, es ist an der Zeit. Und ja, eine Epoche neigt sich, nein, sie stürzt auf das Ende zu. Und es sei gewarnt: Mit dem Strategischen ist es wie mit der Liebe: sei vorsichtig bei allem, was glänzt! Gut beraten sind die, die nach ganz profanen Lösungen für alles suchen, was tatsächlich unter den Nägeln brennt!

Es ist an der Zeit!