Das Leben lehrt, vorsichtig mit allzu schnellen Urteilen zu sein. Umso amüsanter wirkt es, dass nun die hiesigen Gazetten die Gewissheit verbreiten, hinter den französischen Zuständen exklusiv das wilde Treiben arabischer Talahons zu sehen. Noch vor einigen Tagen wurde ich darauf hingewiesen, dass das doch niemand so pauschal behaupte. Man höre sich nun die politischen Sprechblasen aus dem Regierungsviertel und deren Hofschreiber an: die Immigranten sind es!
Dass ein Land, das mit dreieinhalb Billionen Euro Schulden eine heiße Handlungsgrenze erreicht hat und bereits davor gewarnt wird, dass die Stabilität als europäischer Währung insgesamt auf dem Spiel steht, scheint eine ungeahnte Referenz für die Talahons aus den Banlieues zu sein. Dass aus diesen Silos der Hoffnungslosigkeit mächtig die Frustrationsgewalt lodert, steht außer Frage. Sie waren aber nicht das Initial der gegenwärtigen Proteste, die mittlerweile den Charakter eines sich anbahnenden Bürgerkrieges annehmen.
Anlass ist eine von großen Teilen der Jugend nicht mehr akzeptierte Perspektivlosigkeit, die sich in den Zuständen an den öffentlichen Schulen manifestiert. Und sieht man sich diese Proteste an, dann kann man nur in Respekt und Bewunderung verfallen. Was die französische Jugend bei diesen Protesten an festiver Laune und Kreativität an den Tag gelegt hat, ist im gemütskalten Germanistan und und einer von Teilen der Regierung gefeierten Claque jenseits der Vorstellungskraft. Dass man sich hierzulande sehr schnell darauf einigte, nur Bilder eines randalierenden Mobs zu zeigen und nicht in einem Beitrag darauf hinwies, dass Staatsgewalt auf die Friedlichen eindrosch wie unter Kampfdrogen, versteht sich nahezu von selbst.
Wir sind, nicht nur in Frankreich, an einem Punkt angelangt, der für die vielen Missstände, die allenthalben zu beklagen sind, nach Erklärungen sucht. Und dass sich die herrschende Politik, ob sie nun von einem Macron oder Merz repräsentiert wird, auf einfache Feindbilder kapriziert, ist keine brisante Neuigkeit. Außenpolitisch ist es der Russe, innenpolitisch der unkalkulierbare Immigrant. Übrigens eine Kategorisierung, an der man sehr schön ablesen kann, mit welch geistiger Größe man es zu tun hat.
Dass der zunächst mit einer Form der anarchischen Globalisierung und dann durch tektonische Verschiebungen in den globalen Machtverhältnissen wabernde Spekulationskapitalismus einem nahezu orgiastischen Treiben verfallen ist, steht außer Frage. Und dass die Verhältnisse in den Mutterhäusern dieser Form von Besitz und Gesellschaft die antagonistischen Widersprüche zum Tanzen gebracht wurden, liegt nicht im Erkenntnisinteresse derer, die sich bereits im Rhythmus des Makabré bewegen. Ihnen reicht die einfache Erklärung. Und sie lieben den Sündenbock.
Wer so disponiert ist, sieht auch nicht die Zusammenhänge. Oder er will sie nicht sehen, weil die aufkommenden Ängste schon groß genug sind. Denn die französischen Zustände sind ebenfalls in Spanien, in Italien und neuerdings auf auch in Portugal zu verzeichnen. Von Großbritannien, wo das Treiben des Konfetti-Kapitalismus in der City of London den schamlosesten aller Clubs besitzt und die Verhältnisse weitaus schlimmer als in Frankreich sind, soll hier nicht die Rede sein. Auch dort kocht die Wut bereits heftig. Der Protest, der in Frankreich zumindest instinktsicher in die richtige Richtung geht, nimmt in GB einen bedrohlichen Verlauf, der eher an die deutsche Malaise der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert.
Lustig ist das alles nicht. Die Beben werden stärker. In Paris wurde das legendäre Kaufhaus Lafayette, benannt nach dem General, der im amerikanischen Unabhängigkeitskampf ausgebildet wurde, um in der französischen Revolution seinen eigenen Stand in die Annalen zu verweisen, geplündert. Jetzt werden Ausgangssperren verhängt. Man ist gut beraten, auf alles zu schauen, was in Frankreich geschieht. Denn ob der brave Michel weiterhin im Friedwald herumirrt, ist noch nicht ausgemacht.
