Vor Jahren gab es einen satirischen Artikel in der Zeitschrift Titanic mit der Überschrift „Was brummt denn da im Kopf von Dr. Stoiber?“. Bei letzterem handelte es sich um einen jahrelangen Kofferträger von Franz Josef Strauß, der es danach selbst zum CSU-Vorsitzenden gebracht hatte und später sogar einmal Kanzlerkandidat werden sollte. In dem Artikel bewegten sich die Journalisten in Stoibers Geburtsort und suchten topographische Stellen danach ab, wo ein Sturz, bei dem Besagter hätte auf den Kopf fallen können, hätte stattfinden können. Die Überschrift blinkte in meinem Gedächtnis auf, als ich in der Ausgabe der heutigen BILD-Zeitung ein Zitat von dem ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten und GRÜNEN-Politiker Kretschmann las, das besagte, wahrscheinlich seien 15 Prozent der Deutschen per se Nationalisten. Er wollte damit die wachsende Abwendung der Wählerschaft von dem erklären, was sich gerne die liberale Mitte nennt und die damit verbundene Zunahme der Stimmen für die AFD. Eine neue Folge in der Titanic wäre das Naheliegendste. Denn dümmer oder demagogischer kann man nicht aus der Wäsche gucken. Aber es ist ja kein Novum, dass der Aufenthalt in einer von den gesellschaftlichen Gravitationskräften verschonten Blase zu einem Weltbild führt, das alle möglichen Diagnosen einer Dysfunktion des Hirnapparates zulässt.
Tief in seinem Innern scheint sich ein Schematismus breit gemacht zu haben, der nicht auf einen Sturz in seiner heimatlichen Umgebung zurückzuführen ist, sondern in einem kollektiven Verdrängen dessen, was als Erkenntnis bereits einmal vorhanden war, sich allerdings als kategorisches Hindernis für eine Karriere in einer dem Kapitalismus verpflichteten Administration herausgestellt hat. Denn Leute mit der Vergangenheit Kretschmanns verdingen sich heute noch als Taxifahrer oder prekäre Freischaffende, wenn sie der Erkenntnis, dass Imperialismus Krieg bedeutet und nationale Souveränität etwas anderes ist als militanter Nationalismus nicht abgeschworen haben. Die haben zwar im Gegensatz zum Herrn Minischder a.D. ein materiell karges Dasein gefristet, ihnen ist zumindest die Verwüstung des Hirnapparates erspart geblieben.
Allein steht dieser Mann mit dieser funktionalen Schädigung natürlich nicht. So, wie es aussieht, handelt es sich um ein Massenphänomen in seiner Partei. Da wird mit Begriffen aus längst vergangenen Zeiten operiert, die ihrerseits das verdecken sollen, was aktuell an Militarismus, Rassismus, Inquisition, Intoleranz und Dogmatismus verbreitet wird. Insofern sollte man noch einmal dankbar sein für die an den Tag gelegte Evidenz.
Die eine Variante ist und bleibt die Satire. Und wie zu sehen ist, wird sie trotz massiver Versuche der Einschüchterung auch weiterhin erfolgreich betrieben. Andererseits bietet sich die Möglichkeit an, Psychotherapeuten und Psychoanalytikern das Wort zu geben, um die Historie dieser intellektuellen Dysfunktion zu erhellen. Wenn ein Kollektiv kollektiv verdrängt, winkt schelmisch das Nirvana.
Und so wie quantifizierbar ist, mit welcher Größenordnung wir es auf diesem Feld zu tun haben, abzulesen in den Margen der Grünen Stammwählerschaft, so existieren auch Hinweise darüber, wie groß die Masse derer ist, die sich von diesem Irrsinn abzuwenden bereit ist. Das ist per se keine neue Qualität. Aber immerhin ein Wink in die richtige Richtung. Wer sich vom Falschen distanziert, macht den ersten Schritt zur eigenen Unabhängigkeit. Und das Brummen im Kopf bleibt bei denen, von denen es ausgeht. Friede mit denen, die klaren Blickes sind!
