Man kann vieles verlieren im Leben. Geld, Hab und Gut, gute Freunde, Partner, Gesundheit. Das Schlimmste jedoch ist die Würde. Menschen, die etwas Wichtiges in ihrem Leben verloren haben, berichten darüber. Ich erinnere mich an einen Zeitzeugen, einen uralten Mann, der über seine Jugend im Ruhrgebiet im letzten Jahrhundert erzählte, unter welch ärmlichen Verhältnissen sie lebten, wie begrenzt die Mittel waren, wie wenig Freude das Leben brachte. Die Erzählung floss so dahin, wie eben ein Mensch berichtet, dem keine Härte fremd ist, der das alles überstanden hat und den nichts mehr erschüttern kann. Selbst der Tod nicht. Und dann brach er plötzlich in Tränen aus. Er erzählte, wie sein Vater unter Tage sein Leben gelassen hatte und wie die Restfamilie die Zechenwohnung räumen musste und sie bei einer begüterten Witwe in ihrem großen Anwesen auf Vermittlung der Kirche um Unterschlupf vorsprachen. Und wie diese reiche Frau mit ihnen gesprochen hatte. Das, so der alte Mann, war das Schlimmste. Wir hatten unsere Würde verloren.
Nach dem, was das letzte Jahrhundert mit zwei großen Kriegen an Zerstörung, Verwahrlosung und Erbitterung hinterlassen hatte, war es kein Zufall, dass in dem Skript für eine andere Zukunft, das sich Grundgesetz nannte, als erster Satz notiert war: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das sollte die Lehre sein. Selbstverständlich handelt es sich um eine Vision, und nicht um eine Realität. Denn, wie formulierte es einst einer unserer klügeren Politiker einmal, nichts kommt von selbst und nichts Gutes bleibt ohne Anstrengung.
Der Charakter des Grundsatzes ist universell. Dass heißt, er gilt für alle, egal woher sie kommen, unabhängig davon, wohin sie gehen. Für jede Ethnie, Nationalität, Religion. Der Satz sollte nicht nur für die Bewohner des eigenen Hauses gelten, sondern auch für Nachbarn, ja, selbst für Menschen, die andere Interessen vertraten.
Warum ich auf diesen Aspekt des Grundgesetzes komme? Ich sah die Siegerehrung bei bei der Europameisterschaft im Turnen. Die Russin Angelina Melnikowa hatte den Wettkampf gewonnen. Zweite war eine Ukrainerin, den dritten Platz belegte eine Italienerin. Die Siegerin ging auf die hinter ihr Platzierten zu und wollte den anderen beiden durch einen Handschlag gratulieren. Die Italienerin nahm an, die Ukrainerin ignorierte sie und hielt die ukrainische Fahne hoch. Als die Russin das Siegerpodest bestieg, durfte weder die russische Fahne gezeigt, noch die Nationalhymne gespielt werden. Der Blick dieser jungen Frau, die mit den Tränen kämpfte, hatte mit dem Satz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, nichts gemein.
Damit keine Missverständnisse entstehen: Die russische Sportlerin war traurig und ergriffen, aber sie hatte in der Art und Weise, wie sie auftrat, ihre Würde behalten. Wer sie verloren hatte, das waren die Veranstalter und die Ukrainerin. Denn sie traten das Prinzip mit Füßen. Und noch etwas: wer tatsächlich glaubt, mit derartig absurden, menschenfeindlichen, unsportlichen und unfairen Aktionen in Russland eine Stimmung erzeugen zu können, die den Umsturz im eigenen Land fördert, der hat komplett den Verstand verloren. Was man mittlerweile gewohnt ist und kaum noch jemanden erschüttert. Aber als politisches Gebilde hat man etwas verloren, was weitaus schlimmer und nicht wieder gutzumachen ist: Die Würde.
