Rainy cyberpunk city with delayed train, neon signs, and closed high school

Die Stunde Null

Wenn eine Brückensanierung gefühlt länger dauert als ein Kondratieff Zyklus, wenn bei einer zehnstündigen Balkonsanierung das notwendige Gerüst drei Monate stehen bleibt, wenn ein Steuerbescheid trotz digitalem Prozess länger als ein Jahr auf sich warten lässt, wenn Bahnreisen zu wilden Abenteuertouren mutieren, wenn Schulen verrotten und Kirchen leer stehen und wenn sich nahezu standardmäßig veranschlagte Baukosten in der Regel bis zur Fertigstellung verdreifachen, mag die Frage gestellt werden, was eigentlich passiert ist, dass solche Zustände den Alltag einer ehemals führenden Industrienation beschreiben? Nein, es geht nicht um die bestens bewährte und bis zum Überdruss praktizierte Methode der Schuldzuweisung. Das wäre billig. Denn dann bietet sich die Möglichkeit einer einfachen Lösung nahezu an. Und einfache Lösungen kann es angesichts dieses sich komplex zu registrierenden Niedergangs nicht geben.

Sicherlich, ein Aspekt ist der Befund einer mentalen Übersättigung. Wie es bereits vor Jahren ein damals weitsichtiger Politiker beschrieb, ist es ein fataler Fehler, in Zeiten der Hochkonjunktur auf dem Sofa zu sitzen und selbstgefällig einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen. Aber, wenn das Gift der Übersättigung zu wirken beginnt, dann versinkt die Erkenntnis, dass anti-zyklisches Handeln in der Lage ist, absehbaren Krisen zuvorkommen zu können, in bespöttelter Bedeutungslosigkeit. 

Und so wurde nahezu alles, was an Substanz für Prosperität vonnöten ist, ignoriert. In einem Land, das arm an natürlichen Ressourcen ist, unterblieb die massive Investition in Bildung, die bestehende Infrastruktur wurde nicht mehr instand gehalten, geschweige denn modernisiert, technologische Revolutionen wurden lange Zeit ignoriert, die Belastung von Leistung wurde gesteigert, die Verwaltung politisiert, Organe der Zivilgesellschaft subventioniert, die Tarifautonomie verstaatlicht, eine dringend notwendige Reform des politischen Systems unterblieb und geopolitisch ließ man sich zum eigenen Schaden instrumentalisieren. 

Das kann man alles auch anders sehen. Aber die Aufgaben, die sich stellen, um wieder sprichwörtlich auf die Beine zu kommen, werden bleiben. Nahezu allem, was ein Gemeinwesen ausmacht, muss neues Leben eingehaucht werden. Da ist es mit der einen oder anderen Reform nicht getan. Und da ist es auch mit in irgendwelchen Parteizentralen schnell aufgeschriebenen Rezepten nicht getan. Das Gute an dieser Situation ist die Tatsache, dass der zänkische Streit um Details, das Gewese um Kränkungen und um das rituell rein Interpretative dem Ende zugeht. Alle, die darauf setzen, dass es so weiter gehen kann wie bisher, werden sich in sehr kurzer Zeit im gesellschaftlichen Niemandsland wiederfinden. 

Es bricht die Zeit an, in der ein gesamtgesellschaftlicher Prozess vonnöten ist, bei dem es zunächst um das Grundsätzliche gehen wird. Die zentralen Fragen werden sein, wie und in welcher Form Regierung vonstatten gehen soll, d.h. wer wie lange ein Mandat erhält und wie es entzogen werden kann, wie sich die Gesellschaft versteht, als Gemeinwesen mit kollektiven Pflichten wie Freiheiten, wie und wo man sich auf dem Globus ansiedelt, welche Strategien man benötigt um einen kollektiv getragenes Profil zu entwickeln etc.. Da geht es nicht um 600 Euro Steuerersparnis im Jahr, um keinen Tankrabatt und auch nicht um die milliardenschwere Investition in bei Fertigstellung unbrauchbares Kriegswerkzeug. Jetzt, in naher Zukunft, wird es endlich mal um Zukunft gehen, und nicht um Schuldzuweisungen für das Gestern. Egal, wie es kommt – die Stunde Null naht!

Die Stunde Null

Ostenmauer – 115. Unser Mann in Jakarta

Unvergessen!

Als wir ihn zum ersten mal trafen, befanden wir uns auf einer Erkundungsreise. Wir wollten herausfinden, ob wir mit dem Land und der Kultur klarkämen, um dort für einige Jahre zu arbeiten und zu leben. Wir waren nach Jakarta geflogen und hatten uns in unserer Unwissenheit ein Hotel im Chinesenviertel ausgesucht. Dorthin, wo es derb zuging, Tag und Nacht viele rote Lichter brannten und Europäer nie zu sehen waren. In der Tasche hatten wir eine Telefonnummer. Das sei ein wichtiger Kontakt. Von dem erführen wir viel. Als ich ihn anrief und er hörte, wo wir residierten, hörte ich ein rauchiges Lachen und den Vorschlag, wir sollten uns ein Taxi nehmen und ins Zentrum kommen, da müsse er nicht rund um den Pudding fahren.

Der Mann, der uns als Experte für Indonesien empfohlen wurde, sah eher aus wie ein großer, intellektueller und etwas ungelenker Brite aus Graham Greene-Romanen. Tatsächlich war er Deutscher, lebte bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Jakarta und kannte sich bestens aus. Jenes erste Treffen, das neben einem riesigen, rumpelnden Lautsprecher in einer Bar mit einer Liveband stattfand und bis zum frühen Morgen dauerte, diente dazu, uns eine Orientierung zu geben. Es reichte, uns zu überzeugen. Wir hatten danach Adressen und Kontakte in der Tasche, die wir alle nutzten und die weiterhin überzeugten, dass wir das Abenteuer Indonesien wagen wollten. 

Meine Tätigkeit bei einer Regierungsinstitution, die sich aufgrund zu erwartender und schließlich auch eintretender politischer Veränderungen radikal reformieren wollte, war auch der Ort, wo er sein Büro hatte. Er öffnete mir alle Türen, er gab mir Tipps und vermittelte mir Kontakte, auf die ich beim besten Willen nicht gekommen wäre. Ich lernte schnell, dass es auf die ankam, und nicht auf irgendwelche Organigramme. Und als 1998 Jakarta brannte und Soeharto gestürzt wurde, bot er an, uns mit einem Hubschrauber in Sicherheit bringen zu lassen. Kein Kontakt, den er nicht hatte. 

Sein Büro, in dem immer eine alte Klimaanlage gegen die Hitze hilflos anleierte, lag im Halbdunkel. Hinter einem großen alten Schreibtisch saß er, immer eine Kretek-Zigarette im Mundwinkel, was zur Folge hatte, dass er nie ein Hemd ohne Brandspuren trug. Eine seiner vielen Sekretärinnen brachte zuckersüßen, pechschwarzen javanischen Kaffee. Und dann wurden Pläne geschmiedet, die vom Anspruch die höchsten Vulkane des schönen Javas erklommen und die Touren und Routen in diesem Land der unzähligen Inseln beschrieben, die Abenteuer en masse versprachen. Java, Sulawesi, Sumatra, Lombok, Bali. Wir erlebten zusammen Schiffshavarien und Beinahe-Flugzeugabstürze, in der Regenzeit unbefahrbare Straßen. Manchmal saßen wir in Orten fest, die auf keiner Landkarte standen.

Er kannte gefühlt alle und alle kannten gefühlt ihn. Der Orang Jerman, wie ihn viele nannten, machte vieles möglich. Alles wurde versucht, um in diesem gewaltigen Land mit den unzähligen Kulturen zusammen mit diesen wunderbaren Menschen etwas zu verändern. Die Reisen mit ihm waren pure Abenteuer. Wir saßen bei Gouverneuren, Kapitänen, Philosophen, Fischern und in Spelunken, immer bei Kretek und einem Bintang Bier. Haute Volée und Tingeltangel wechselten sich ab, wir waren in Moscheen und Kirchen, in Hochschulen und auf Märkten. Immer wieder trafen wir Menschen, die ihm irgend etwas verdankten und ihn sehr respektierten.

Obwohl er in seinen letztendlich nahezu vierzig Jahren in Indonesien sicherlich sehr viel Geld verdient hat, war er nicht reich. Zum einen liebte er das Leben in vollen Zügen, er hatte mehr Beschäftigte, als er brauchte, nur um Arbeitsplätze zu schaffen und er bezahlte unzähligen Kindern die Schule und er lieh vielen, die sich selbstständig machen wollten Geld, das er nie wiedersah. Er scherte sich nicht um Besitz und Status, was ihm auf deutscher Seite schadete, auf der indonesischen allerdings nicht. Er speiste mit Präsidenten und Generälen und zählte Minister und Staatssekretäre zu seinen Freunden, er adoptierte einen Waisen und stellte dessen spätere Frau als Sekretärin ein. Als Person und Charakter erschien er vielen als unstet. Als Unterstützer derer, die es nötig hatten, war er ein stabiler Faktor.

Unser Kontakt blieb bis zuletzt. Wenn ich ihm schrieb, konnte es sein, dass ich monatelang nichts hörte. Dann kam, wenn ich gar nicht damit rechnete, eine Antwort, die sich präzise auf meinen letzten Brief bezog. So war er. Heute erhielt ich von einem niederländischen Freund, der auf Java lebt, dass er in der letzten Nacht verstorben ist. Vor kurzem noch las ich den Satz, dass Heimat nicht der Ort ist, wo man geboren wurde oder aufwuchs, sondern dort, wo man begraben werde. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das stimmen mag. Bei ihm, unserem Mann in Jakarta, trifft er zu. Farewell, my friend! 

Unser Mann in Jakarta!

Ostenmauer – 114. Aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment?

Es scheint, als beherrsche ein Begriffspaar alles, womit wir uns in Krisen befassen. Die beiden Termini schließen sich aus, und deshalb dokumentieren sie gleichzeitig, wie gespalten unsere Gesellschaft ist. Es handelt sich um das Ressentiment und das aufgeklärte Welt- und humanistische Menschenbild. Bei den Konflikten, die in unser Leben hineinreichen, sind wir stets damit konfrontiert. Menschen, von denen ich ausging, dass sie ihr ganzes Leben mit einer Grundhaltung durchlebt haben, die auf den Prinzipien der Aufklärung basierte, sprich auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, entpuppten sich plötzlich als hasserfüllte Extremisten, denen keine historisch noch so banale Konstruktion von Feindbildern zu unappetitlich war, um sie nicht zu übernehmen, durchschnitten somit das Band der Sympathie mit einem einzigen Handgriff. Verhetzt, wie sie waren, hörten sie sich kein Argument mehr an, erblindet, wie sie waren, sahen sie nicht mehr die andere Seite, und hysterisch, wie sie waren, verbissen sie sich in immer neue Tiraden, sobald jemand ihre Ansicht nicht mehr teilte. 

Zumindest hier, in dieser Gesellschaft, die so gute Jahre erlebt hatte, weil sie es aushielt, dass man sich stritt und um Mehrheiten rang, war ein mentaler Monolith entstanden, der historisch überall da, wo er zu sehen war, das Ende dieser Gesellschaft signalisierte. Das Ressentiment wurde zur Illusion einer Gemeinsamkeit. Einer Gemeinsamkeit, die nicht dauern kann und die vor allem nichts hervorzubringen in der Lage ist, was Bestand hat. Das Ressentiment ist die Fahne der Zerstörung. Und das ist alles, was bleiben wird.

Auch das humanistische Menschenbild ist geographisch wie historisch relativ. Es ist nicht universal, weil es gewaltige kulturelle Entitäten auf diesem Planeten gibt, die anders gewoben sind und funktionieren. Es geht nicht darum, das zu bewerten, sondern zu begreifen. Wer bei der Begutachtung des Fremden gleich ins Ressentiment abgleitet, hat das Spiel bereits verloren. Das humanistische Weltbild ermöglicht zumindest einen kognitiven Zugang zu allen Erscheinungen menschlicher Existenz, die der unseren nicht gleichen. Und sie garantiert, intern, einen Glauben, dass der Hass niemals das Werkzeug einer wie auch immer gearteten Konstruktivität sein kann. 

Die Erkenntnis scheint so einfach zu sein. Und dennoch hat das Ressentiment zur Zeit die Oberhand. Und, so dramatisch, wie es klingt: aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment, es ist die Frage von Sein oder Nicht-Sein. Wollt ihr den totalen Krieg? In den Köpfen tobt er bereits!

Aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment?