Group of people burning books and paper money in two large fires outdoors at night

Pyromanen am Steuer!

Manche Traditionen halten sich. Auch wenn es die schlechten sind. Der Usus, alles zu verbrennen, was einem lästig erscheint, hat historisch dazu geführt, dass immer wieder von der Bestie Mensch gesprochen wurde. Das Verbrennen von Menschen und Büchern hatte hierzulande bereits eine lange, unheilvolle Geschichte, bevor es zu den Bombardements ganzer Städte kam, zu den amerikanischen Atombombenabwürfen, und dies zumeist auch noch mit humanitären oder die Freiheit bemühenden Begründungen. Diese unsere Welt, die sich der Westen nennt, hat es übrigens in dieser Hinsicht zu dem sicherlich perversesten semantischen Zustand gebracht. Die Pioniere des Drohnenkrieges kamen übrigens aus den USA und der Präsident, der diese weitere Degenerierung des reifen Menschenverstandes zu einer Standardwaffe machte, wird hierzulande immer noch als eine Ikone von Demokratie, Freiheit und sonstigen Werten verehrt. 

Wie insgesamt die Militärtechnik heute ein anderes Gesicht bekommen hat. Nachdem die USA in etlichen Kriegen nach dem II. Weltkrieg und die Sowjetunion in Afghanistan und nun auch in der Ukraine erfahren mussten, sind Kriege konventionell, mit eigenem Personal am Boden in einem überfallenen Land, nicht mehr zu gewinnen. Deshalb hat sich die technische Entwicklung dieser Erkenntnis angepasst. Vor allem das Beispiel Ukraine hat das noch einmal im Zeitraffer dokumentiert. Heute kommt digital gesteuerte Ballistik von oben, und die, die die Angriffe steuern, sitzen ganz woanders, zum Beispiel in Ramstein oder weit im Innern Russlands. Auch der tobende Krieg gegen den Iran und gegen den Libanon beweist diese Entwicklung von neuem. Und selbst diese Herangehensweise scheint zum Scheitern verurteilt zu sein.

Bei der Betrachtung dieser Umstände, die an sich bereits einen katastrophalen zivilisatorischen Rückschritt darstellen und die Erkenntnisse aus dem Westfälischen Frieden aus dem 17. Jahrhundert gleich mit verbrennen, ist die Entscheidung, Unsummen von als Kredit aufgenommenen und von den Bevölkerungen zu bedienenden Beträgen für die Produktion klassischer Rüstungsgüter wie Panzer und Geländefahrzeuge zu verwenden, an Anachronismus nicht zu überbieten.

Es bleibt bei Adornos treffendem Wort, es gibt kein richtiges Leben im falschen. Wer auf Konfrontation und Krieg setzt und das Recht anderer, die ihre Interessen verfolgen, als Feinde apostrophiert, hat sich bereits – und das ist die gute Nachricht – in dieser sich verändernden Welt isoliert. Das, was historisch bereits in der Bewegung der Blockfreien aufkeimte und mit den brutalen Interventionen in Indonesien und der Zerschlagung Jugoslawiens zwischenzeitlich zum Schweigen gebracht wurde, ist mit den BRICS-Staaten in neuer, weitaus mächtigerer Form wieder auferstanden. Und diese Stimme zum Schweigen zu bringen ist mit den probaten Mitteln lokaler Kriege und Regime-Change-Szenarien nicht mehr zu stemmen. Und mit Panzern und Kübelwagen schon einmal gar nicht. 

Es gilt nicht nur für die Innenpolitik: Alle imperialen Modelle des 20. Jahrhunderts sind passé. Weder die fiskalische und rechtliche Züchtigung und die propagandistische Verhetzung der eigenen Bevölkerung noch die Renaissance von Phantasien klassischer Interventionskriege. Und letztere, nur so am Rande, waren von deutscher Seite nicht einmal in der Vergangenheit erfolgreich. Und, auch das als Querverweis, welchen Krieg haben denn die USA nach dem II. Weltkrieg gewonnen? Grenada? 

Nachdem noch vor nicht einmal einhundert Jahren in Deutschland Bücher verbrannt wurden, ist es jetzt das Geld. Vom Autodafé zum Plutodafé. Immer die Pyromanen am Steuer! Kurioser geht es nicht. Wie hieß es vor noch nich allzu langer Zeit bei den Eltern, die den Krieg erlebt hatten? Kleinen Kindern und Irren darf man nichts zum Zündeln geben! 

Pyromanen am Steuer

Ostenmauer – 97. Zwei Dekaden

Ein letztes Durchatmen am Lago Maggiore. Dann der Sprung ins Ungewisse. Der Flug nach Asien, das Hotel in Glodok, mitten im Rotlichtviertel, das Frühstück mit den Chinesen, die die Eier mit dem Messer meuchelten, die lange Nacht mit dem Experten, im alten Holländerviertel, wo nichts mehr stand als die Erinnerung. Die Fahrt über Land, mit dem Zug nach Yogyakarta, dort wo im goldenen Kästchen die Ratten unter den Käfigen der Papageien umherliefen. Dann, mit dem Schiff nach Pangandaran, wo die Entscheidung fiel, bei selbst gebackenem Brot nach Bauernart und den Affen, die in Banden den Diebstahl organisierten. Der Flug zurück und die Auflösung. Alles musste weg, bis auf das Unentbehrliche, das große Container füllte. Der improvisierte Vertrag in Heidelberg und dann schnell nach Paris, Adieu zu sagen, an Heines und Zolas Grab, bei Austern im Freien, im Kalten November und einer englischen Komödie, die keinen Franzosen zum Lachen brachte. 

Der Schluss, mit einem Fest für die Freunde und einem erneuten Flug in die neue Heimat. Singapur, Jakarta, Yogya. Im Puri Arta, wo der javanische Wächter dem großen Fisch des Hochzeitsbuffets genüsslich die blauen Augen aussaugte. Und dann der Kampf um das Malay, jeden Tag, in der Hitze, bei Gewitter, im Schatten des Merapi, der säuselnd heiße Asche spuckte. Und dann Jakarta. Hotel Marco Polo, dort, wo es überall nach Durian roch und sich die Tische bogen unter den Köstlichkeiten, die das Archipel bot. Der Arbeitsbeginn und die lange Zeit bis die Wohnung da war. In der Nähe der Jalan Asia Afrika. Unten, nebenan, der Kampung. Und die Skyline einer neuen Welt. Arbeitsbeginn und Aufstand. Eine brennende Stadt, der Diktator, in Ägypten, verlor die Macht. Auf die Studenten in der Nachbarschaft wurde geschossen. Klopfzeichen in der Nacht, auf Bambus, sie gingen durch die ganze Stadt. Die organisierte Flucht nach Kuala Lumpur.

Dort das Warten, auf die Rückkehr, woanders sollte es nicht mehr hingehen. Die Fahrt nach Penang, auf die Insel, wo der russische Botschafter allgegenwärtig war. Und die Rückkehr, in eine Heimat, die noch keine war. Das Leben unter Expats, die Annäherung an das Land. Die große, beschwerliche Reise in Sulawesi, am Steuer Haji, dem einstigen Guerillakämpfer, durch den Taman Kopi, bis nach Manado. Das fürstliche Essen im Bordell, das keines war, das Paradis unter dem Meer, das keine Drogen brauchte, um zu wirken. Der Trip nach Singapur, wo die Hawker das Schönste waren und der Rest so aussah wie Frankfurt am Main.

Der erste Berührung mit Australien. Perth, Freemantle, Boxing Day, nackte Nikoläuse am Strand und ein Flugzeugträger der Amerikaner, die sich nachts über Northgate ergossen und einen Frank-Sinatra-Film nachspielten. Das Licht von Perth, es bleibt, Blattgold am großen Himmel. Und die Immigranten, die nie aufgenommen wurden, und die Aborigines, die gebrochenen Blickes in der Parks herumlagen.

Jakarta, die Siegreiche, wurde das Zuhause. Der Ramadan, die Unabhängigkeitsfeiern, der Kalender wurde ein neuer. Reisen nach Bali, nach Sumatra, Schweinebraten und reichlich Bier bei den Bataks am Toba-See. Jakarta. Die Skurrilen aus allen Ländern der Welt, die sich nirgendwo heimisch fühlten außer hier. Wo alle etwas fanden. Die große Unruhe im Land. Die Aufbruch, die Rückschläge. Die Staus, die Empfänge, die Zugänge und die Abreisen. Weihnachten in Pangandaran. Die unvergessliche Nacht auf Nusa Kambangan, der Tropensturm und die dramatische Rettung, mit dem Katamaran über das tödliche Meer.

Der schwere Abschied, der gewollt war. Die Akklimatisierung an den Westen im fernen Australien, Sydney, Great Ocean Road, die großen Spaziergänge im Gezeitenbad. Das Warten am Bondi Beach. Der kalte Einstieg in der alten Heimat. Die Vergleiche, die alle misslangen. Die Pausen, um durchzuatmen. Auf den Kanaren und im Lazio. Die missglückten Versuche, alles zu erklären. 

Der Trip nach Texas, die Weite, die Dynamik, die sechste Straße in Austin, das neue Modell in San Antonio, die Geier am Himmel, die Züge in der endlosen Ebene, die Nacht in Mexiko, die Schikanen der Grenzer. Die blutjungen Soldaten, die in den Iran flogen und kein Essen herunterbekamen. Das Gefühl, dass alles aus den Fugen geriet. 

Die Mühen in der Ebene, die Pausen in Amsterdam und am Meer. Das Protokoll in Istanbul, das Leben im offiziellen Modus. Die ständigen Wechsel, die Mühen, Europa wieder zurück zu bekommen. Das immer wieder präsente Spanien, das geliebte Italien, die Wege, die versperrt waren, irgendwie die lange Nacht, die kein Ende nahm und die von außen so glänzte.

New York. Die Gesänge in Marys Crisis, die Fahrt mit mit dem roten Kreuzer in die Hamdens, die Pancakes in Montauk, der Spaziergang in Cape Cod. Das verregnete Boston, Haltestelle Dewey Square, Charlie Parker ließ grüßen. Ein Abschied im Village Vanguard und ein Präsident, der alles anders machen wollte. 

Die Toten, die den Weg säumten, die so nahe waren, von denen die Erinnerung bleibt, weil sie uns so viel lehrten.

Die sieben Ebenen, die nicht enden wollten. Befreiungsschläge. Die ungewollte Zeit in Lissabon, die den Fado brachte. Mit russischen Bären und NATO-Offizieren beim Frühstück auf Zypern. Schalke gegen Madrid und der mögliche Griff in Ronaldos Tasche. Dann die fetten Suppen in Hongkong und die Begegnung mit dem Roten Drachen. Das Wiedersehen mit Bali, der Insel der Götter, die im Stau erstickte, aber den Spirit nicht hergab. Später die Ruhe am Meer im Norden und der Schinken im Alentejo. Und die Gewissheit, dass alles weiter geht, und das eigene Schicksal, das keine Rolle spielt. 

Die Mütze ist voll. Prallvoll. Alles geht weiter, auch über das Ende hinaus. Es war ein Privileg. Es ist ein Privileg. Und es geht weiter. Immer weiter. Kein Ende in Sicht. Bei allem Schwärmen, auf den Mikrokosmos kommt es an. Die Welt liegt im Detail.       

Zwei Dekaden