Comic panel reading "CLOWN INQUISITION: THE FINAL JUDGMENT!" with clowns interrogating a kneeling man; speech bubbles say "THE GREAT JEST DEMANDS THE TRUTH!", "SPESS-CIFICALLY, WHERE ARE THE UNLICENSED JOKES HIDING?!", and "A... G-GIGGLE, SIR?"

Clowneske Inquisition

Die letzte Stufe der Sinnentfremdung ist erreicht, wenn Sätze, die im Alltag durchaus gebräuchlich sind, dafür genommen werden, um die schlechte Gesinnung des sie Gebrauchenden beweisen zu wollen. Gerade eben hörte ich wieder eine solche semantische Kapriole. Da versuchte ein momentan wegen seiner politischen Meinung sehr hofierter Komiker, den Satz einer politischen Partei, die momentan nicht ohne Grund, nämlich wegen gravierender Fehler der Konkurrenz, kräftig im Aufwind ist, „alles ist möglich“ als Indiz zu nehmen, um damit auch die schreckliche Möglichkeit intendierter Einrichtung von Konzentrationslagern belegen zu können. 

Ein anderes Beispiel ist gar die juristisch fixierte Strafbarkeit des Satzes „Alles für Deutschland“, begründet mit der Verwendung desselben durch die Nationalsozialisten. Spräche ein Fußballer diesen Satz vor einem Länderspiel aus, müsste dieser belangt werden.

Die beiden Fälle sollen reichen, um die Absurdität der Versuche zu belegen, der erstarkenden AfD das Leben schwer zu machen. Dass letztere gravierende nationalistische Tendenzen beherbergt, dass sie mit ihrem Begriff des Deutschen eine Position vertritt, die den demographischen Realitäten des Landes nicht mehr entspricht etc. steht außer Frage. Ihr Aufwind, das sei all jenen, die sich momentan so gerne als demokratische Mitte beschreiben, hängt allerdings mit dem politischen Totalversagen der Kläger selbst zusammen. 

Obwohl viele Gewissheiten, die mit der sinkenden Dominanz der westlichen globalen Vorherrschaft verloren gegangen sind, existieren noch andere, die dem Selbstverständnis der in diesem Land lebenden Bevölkerung entsprechen. Dazu gehört das Verständnis, dass politische Mandatsträger eine Politik machen, die den Interessen ihrer Wähler entspricht. Zur bundesrepublikanischen DNA gehörte zum Beispiel, dass die Politik sich um Frieden bemüht und nicht nach militärischer Dominanz strebt, dass es einen sozialen Kitt innerhalb der Gesellschaft gibt und dass die Freiheit von Rede, Wort und Opposition gewährt wird. Grundgewissheiten und Grundechte, die die jetzige politische Nomenklatura aufgegeben und ramponiert hat.

Wenn dann solche Dummheiten wie die oben erwähnten Sätze als Indiz für den schlummernden Faschismus genommen werden, dann dokumentiert es nur eines: Die Phantasie der Strauchelnden ist in erbärmlichem Zustand und das Verständnis von dem, was die Bevölkerung will, ist nicht mehr oder war nie – wer weiß das heute noch? – existent. Auf jede Formulierung, die nicht dem eigenen „Wording“ entspricht, wartet die Inquisition. Andererseits: Die unzähligen Beispiele des nonchalanten Schwelgens in den mit dem Mandat verbundenen Privilegien, die ganz und gar nicht mehr zeitgemäß sind, ob es Chauffeurdienste, Limousinen, Aufwandsentschädigungen, Nebenerwerbsquellen, Präsenzpflichten, Ausstattungen, Bauvorhaben etc. sind, tragen dazu bei, den Vorwurf der Abgehobenheit und der sozialen Verwahrlosung leicht untermauern zu können.

Anstatt sich weitere Aussetzer zu leisten, die einer grandiosen Hilflosigkeit entsprechen, sollte man sich, wenn es ernst gemeint ist, den formulierten Bedürfnissen der Wählerschaft widmen. Das ist allerdings nicht im Sinne vieler, vor allem der Protagonisten, die in der Kritik stehen. Daher müssen sie weg. Und ob in der viel besungenen demokratischen Mitte noch soviel Substanz ist, dass eine Rückkehr zur Idee der Volksvertretung möglich ist, wird sich sehr schnell zeigen. Die monopolisierte Presse mit ihrem flachen Journalismus vermittelt diesen Eindruck nicht. Was daher wiederum als eine der Voraussetzungen für einen Neuanfang formuliert werden muss, ist die Abwendung der Politik von korrumpierter Hofberichterstattung. 

Ja, wenn, dann gibt es viel zu tun. Bis dahin erwartet das gleichsam ermattete wie genervte Publikum noch eine große Menge sinnloses Geschwafel.

Clowneske Inquisition

Ostenmauer / 113. Dem Paradies sehr nahe

Ein Tag im späten August in Ostholstein. Es war kühl, wechselhaft. Wenn die Sonne schien, tauchte sie die Landschaft in Altgold. Da ich einige Jahre kaum Gelegenheit hatte, schwimmen zu gehen, entschied ich mich, den Aufenthalt in der Nähe eines Binnensees dazu zu nutzen. Zur Kühle kam ein gleichmäßiger Wind. Als ich das Areal betrat, von dem aus ein Steg auf den See führte, war es menschenleer. Ich hielt mich nicht lange auf und warf mich vom Steg aus ins kalte Wasser und zog meine Bahnen. Sonne, Wolken, kleine Wellen, ein Horizont ohne Anzeichen von Besiedlung. Nur ich und der See. 

Als ich zurück auf den Steg kam, begegnete ich einem alten Herrn, der im Bademantel daher kam und wie ein Seebär wirkte. Wir grüßten uns mit der Mine derer, die um eine Gemeinsamkeit wissen. Ich: „Das hier kommt dem Paradies sehr nahe!“ Er: „Ich weiß!“ Und wir gingen unserer Wege.

Dem Paradies sehr nahe

Nekrolog für einen Freund?

Nun las ich wieder so einen Satz. Dass man sich täuschen könne im Leben. Dass man gedacht habe, einen Freund zu haben. Und dass man feststellen musste, in einer bestimmten Situation, dass das gar nicht stimme. Kurioserweise schrieb das jemand, mit dem ich als Jugendlicher die Straße unsicher gemacht hatte. Das ganze restliche Leben hatten wir uns aus den Augen verloren und nun liefen wir uns wieder elektronisch über den Weg. So weit, so nah, könnte deklamiert werden. Denn wer kennt solche Situationen nicht. Freundschaften, von denen geglaubt wurde, sie hielten ein ganzes Leben, gehen dann doch in die Brüche. Und zumeist mit einer tiefen Enttäuschung.  

Nun kann darüber geklagt werden, weil etwas, von dem man glaubte, dem Leben einen Anker zu geben, sich als eine Schimäre herausstellt. Aber als durch das eigene Leben gegerbte Zeitgenossen wissen wir, in unserem tiefsten Innern, dass nichts bleibt, wie es war und alles im Fluss ist. Und vieles, was wir im Allgemeinen als die Verhältnisse beschreiben, wird auch nicht besser, obwohl wir das immer wieder hoffen, sondern schlicht anders. 

In der letzten Dekade häuften sich die Verluste von als fest im eigenen Leben betrachtete Freundschaften. Die Anlässe, oder sind es gar die Ursachen?, dafür sind einschneidende, politische und die ganze Gesellschaft betreffende Ereignisse. Sie hatten den Charakter der innewohnenden Polarisierung. Ob die Beschneidung demokratischer, unveräußerlicher Grundrechte während der Corona-Zeit oder das neue Feindbild Russland und die damit verbundene Militarisierung der deutschen Gesellschaft oder der Machtwechsel in den USA. Immer gab und gibt es ein Für und Wider. Und immer hängt von den jeweiligen Entscheidungen sehr viel ab. 

Mir selbst erging es in einigen Fällen nicht anders, als dem juvenilen Rowdy früherer Tage, der sich zu einem respektablen bildenden Künstler gemausert hat. Nur als kleine Einschätzung meinerseits: Nutze deine kreativen Potenziale, um die gemachte Erfahrung zum Ausdruck zu bringen! Das ist die große Chance, die Enttäuschungen mit sich bringen. Der Extrakt daraus ist die Essenz menschlichen Lernens.

Meine Erfahrungen mit solchen schwerwiegenden Brüchen reichen Jahrzehnte zurück. Als damit begonnen wurde, Kriege moralisch zu begründen. Das zerschnitt alles, was ich in meiner Generation als eine sozialisierte Basis zu bezeichnen geneigt bin. Da setzten dann im Zwischenmenschlichen Entfremdungsprozesse ein, die in extrem unterschiedlichen Charakterentwicklungen endeten. Ich frage mich bis heute, wie Menschen von Intelligenz davon überzeugt sein können, dass man ohne Menschenliebe durch das Dasein kommen kann. Der jetzt so verbreitete Hass, dem viele Menschen leider folgen, wird in einem Fiasko enden.

Der von mir so geliebte Oskar Maria Graf, der mit soviel Empathie und Herz den Lebenskampf der einfachen Leute schildern konnte, hatte sich, in seinem New Yorker Exil, dazu verleiten lassen, den „Nekrolog für einen Freund“ zu verfassen. Er bezog sich dabei auf eine der schillerndsten Figuren des deutschen 20. Jahrhunderts, Franz Jung. Er verriss diesen Abenteurer, Weltenbummler und auf vielen Gebieten produktiven ehemaligen Freund mit beißendem Spott. Der Clou war, dass Franz Jung zu diesem Zeitpunkt noch lebte.  

Was man aus dieser gewollten Entgleisung lesen kann, ist der Grad der eigenen Verletzung. Danach schrieb Graf allerdings noch Bücher, die bis heute seinen tiefen Eiblick in die menschliche Seele dokumentieren. Nach dem ersten Zorn folgte die Kontemplation.

Und so sollten wir es halten. Natürlich dürfen wir zornig sein, wenn wir Menschen, die wir als Freunde betrachteten, verlieren. Aber wir sollten daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Nichts bleibt, wie es war und wir wissen nie, wohin die Kugel rollt.

Nekrolog für einen Freund?