Die letzte Stufe der Sinnentfremdung ist erreicht, wenn Sätze, die im Alltag durchaus gebräuchlich sind, dafür genommen werden, um die schlechte Gesinnung des sie Gebrauchenden beweisen zu wollen. Gerade eben hörte ich wieder eine solche semantische Kapriole. Da versuchte ein momentan wegen seiner politischen Meinung sehr hofierter Komiker, den Satz einer politischen Partei, die momentan nicht ohne Grund, nämlich wegen gravierender Fehler der Konkurrenz, kräftig im Aufwind ist, „alles ist möglich“ als Indiz zu nehmen, um damit auch die schreckliche Möglichkeit intendierter Einrichtung von Konzentrationslagern belegen zu können.
Ein anderes Beispiel ist gar die juristisch fixierte Strafbarkeit des Satzes „Alles für Deutschland“, begründet mit der Verwendung desselben durch die Nationalsozialisten. Spräche ein Fußballer diesen Satz vor einem Länderspiel aus, müsste dieser belangt werden.
Die beiden Fälle sollen reichen, um die Absurdität der Versuche zu belegen, der erstarkenden AfD das Leben schwer zu machen. Dass letztere gravierende nationalistische Tendenzen beherbergt, dass sie mit ihrem Begriff des Deutschen eine Position vertritt, die den demographischen Realitäten des Landes nicht mehr entspricht etc. steht außer Frage. Ihr Aufwind, das sei all jenen, die sich momentan so gerne als demokratische Mitte beschreiben, hängt allerdings mit dem politischen Totalversagen der Kläger selbst zusammen.
Obwohl viele Gewissheiten, die mit der sinkenden Dominanz der westlichen globalen Vorherrschaft verloren gegangen sind, existieren noch andere, die dem Selbstverständnis der in diesem Land lebenden Bevölkerung entsprechen. Dazu gehört das Verständnis, dass politische Mandatsträger eine Politik machen, die den Interessen ihrer Wähler entspricht. Zur bundesrepublikanischen DNA gehörte zum Beispiel, dass die Politik sich um Frieden bemüht und nicht nach militärischer Dominanz strebt, dass es einen sozialen Kitt innerhalb der Gesellschaft gibt und dass die Freiheit von Rede, Wort und Opposition gewährt wird. Grundgewissheiten und Grundechte, die die jetzige politische Nomenklatura aufgegeben und ramponiert hat.
Wenn dann solche Dummheiten wie die oben erwähnten Sätze als Indiz für den schlummernden Faschismus genommen werden, dann dokumentiert es nur eines: Die Phantasie der Strauchelnden ist in erbärmlichem Zustand und das Verständnis von dem, was die Bevölkerung will, ist nicht mehr oder war nie – wer weiß das heute noch? – existent. Auf jede Formulierung, die nicht dem eigenen „Wording“ entspricht, wartet die Inquisition. Andererseits: Die unzähligen Beispiele des nonchalanten Schwelgens in den mit dem Mandat verbundenen Privilegien, die ganz und gar nicht mehr zeitgemäß sind, ob es Chauffeurdienste, Limousinen, Aufwandsentschädigungen, Nebenerwerbsquellen, Präsenzpflichten, Ausstattungen, Bauvorhaben etc. sind, tragen dazu bei, den Vorwurf der Abgehobenheit und der sozialen Verwahrlosung leicht untermauern zu können.
Anstatt sich weitere Aussetzer zu leisten, die einer grandiosen Hilflosigkeit entsprechen, sollte man sich, wenn es ernst gemeint ist, den formulierten Bedürfnissen der Wählerschaft widmen. Das ist allerdings nicht im Sinne vieler, vor allem der Protagonisten, die in der Kritik stehen. Daher müssen sie weg. Und ob in der viel besungenen demokratischen Mitte noch soviel Substanz ist, dass eine Rückkehr zur Idee der Volksvertretung möglich ist, wird sich sehr schnell zeigen. Die monopolisierte Presse mit ihrem flachen Journalismus vermittelt diesen Eindruck nicht. Was daher wiederum als eine der Voraussetzungen für einen Neuanfang formuliert werden muss, ist die Abwendung der Politik von korrumpierter Hofberichterstattung.
Ja, wenn, dann gibt es viel zu tun. Bis dahin erwartet das gleichsam ermattete wie genervte Publikum noch eine große Menge sinnloses Geschwafel.
