Der Abend und die Stunden nach einer Wahl liefern das beste Material für den Zustand des Gemeinwesens. Normalerweise, und der Unterschied ist bereits erheblich, deklarieren sich die meisten der Bewerber danach als Gewinner, egal, wie sie abgeschnitten haben. Das war diesmal in Baden-Württemberg anders, denn die Trennlinie zwischen den tatsächlichen Gewinnern und den anderen ist sehr deutlich. Daran sieht man, dass andere Zeiten anbrechen. Grüne und CDU sind mit einer winzigen Nuance gleich mit ca. 30 Prozent, die AFD hat ihr Ergebnis verdoppelt. Punkt. Das Ergebnis der SPD gleicht einem Debakel. Mit Ansage. Allerdings weniger aufgrund der Politik, die im Bundesland gemacht wurde, sondern aufgrund der Rolle als Partner einer Kanzler-Union, die sich die sozialpolitische Renaissance der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben hat.
Und was den Bellizismus des Kalten Krieges anbetrifft, so stehen die Sozialdemokraten in Amt und Funktion dem erratischen Kurs des Kanzlers in nichts nach. In diesem Kontext von Verantwortung zu sprechen, ist der klassischen Stammwählerschaft dann doch zu viel. Die Toleranz des gemeinen Arbeitsmannes wurde schlichtweg seit langem überreizt. Stattdessen läuft man einem Milieu hinterher, das momentan von der globalen Entwicklung wegrationalisiert wird.
Auch diese Akteure haben das noch nicht bemerkt. Der so gefeierte Cem wird wahrscheinlich das letzte sichtbare Signum einer politisch untergehenden Vorstellungswelt sein. Manche Refugien werden bleiben, die Puppenstuben der schönen neuen Welt, geprägt durch Reformhaus, Feuilleton und geerbte Coupons, wo die hart arbeitende Klasse nicht vorkommt, die es aber noch gibt, die zu Recht um ihre Arbeitsplätze fürchtet und bei denen heute schon die bitter verdienten Mittel nicht mehr ausreichen, um das Notwendigste zu erwerben und ganz zu schweigen von der Teilhabe an dem, was eine Zivilisation ausmacht. Von ihnen wird nicht mehr geredet. Der Zorn darüber reicht weit. Und er manifestiert sich in Wahlergebnissen.
Im Großen und Ganzen hat nach dieser Wahl die politische Klasse bestätigt, dass sie die Zeichen der Zeit nicht wahrgenommen hat. Ein Weiter so! scheint, zumindest bei den Gewinnern, das Motto einer verloren gehenden Zukunft zu sein. Was bei denen, die es nicht geschafft haben, in den Landtag zu kommen, passieren wird, steht in den Sternen, bis auf die zu erwartende Glatze einer Freien Demokratin. Und ob die SPD, die kurz über dem Todesstreifen landete, noch die Kraft hat, sich programmatisch neu aufzustellen, ist mehr als zweifelhaft. Die Anständigen und Standhaften in dieser Partei stehen auf dem Index der Karrieristen, deren Strategie sich auf den persönlichen Gesichtskreis beschränkt.
Und, auch das sei wieder einmal beobachtet, den Offenbarungseid lieferten jene Gescheiterten, denen nichts anderes einfiel, als sich über die moralische Verkommenheit oder die Dummheit der Wählerinnen und Wähler auszulassen. Auch das hat Tradition. Und auch in dieser beschämenden Variante ist das Ländle immer vorne weg gewesen. Wenn es nicht läuft, dann war es der nur in Festreden gefeierte, aber ansonsten saudumme Souverän.
Ja, der Befund ist schrecklich. Wie die Zeiten, in denen wir gerade leben. Aber, warum soll es auch anders sein? Wie heißt es noch so schön? Nach einem Zeitraum relativer Ruhe folgt eine Periode rascher Veränderung. So ist es, und so wird es sein.
