Monkeys playing drums and swinging on ropes on a colorful theater stage with an audience dining and watching.

Zwischen Monkey Show und Henkersmahlzeit

Nun, nachdem ein Großteil der Bevölkerung massiv verängstigt und ein anderer, nicht geringerer  Teil bis zur Unkenntlichkeit verhetzt ist, glauben bestimmte Kreise, man könne es mit der nächsten Eskalationsstufe probieren. Jetzt wird offen die Kriegstrommel gerührt. Natürlich gegen Russland und unbeschadet der widersprüchlichen Botschaften. Zum einen sind die russischen Streitkräfte massiv geschwächt, das Vertrauen in den Präsidenten Putin ist in einem wachsenden Teil der Gesellschaft dahin und zum anderen ist Russland kurz davor, die NATO-Länder zu überfallen. Das Personal, das in die schizophren anmutende Kakophonie einfällt beziehungsweise direkt vor den Mikrophonen steht, reicht von der zumindest geistig immer schwipsigen EU-Außenbeauftragten Kallas, die nahezu in orgiastischer Weise in ihren anti-russischen Traumata badet, über das eiserne Röslein aus dem Adelsstand bis in die provinziellen Staden des governmentalen Berlins, in dem die ungebildeten Hinterbänkler, sofern sie in den Chor einstimmen, im Herbst ihrer Existenz noch einmal Karriere zu machen glauben, bis hin zu Kanzler und Verteidigungsminister, die als Reverenzobjekte einer abgelaufenen Epoche noch einmal die Operation Barbarossa spielen wollen.

Das Schauspiel ist so grotesk, dass keine Bühne des bundesrepublikanischen Theaters den Mut aufbringt, eine Persiflage auf das zu Erlebende mit in den Spielplan aufzunehmen. Zum einen fürchtet man die mittlerweile etablierte Kulturinquisition, zum anderen handelt es sich um eine derartige Klamotte, dass sich jeder Dramaturg von Qualität und Reputation in seiner beruflichen Ehre besudelt fühlte, nähme er sich dessen an.

Was bleibt, ist ein anderer, wenn nicht sogar der größte Teil des Publikums, sprich der Bevölkerung, dem seit langem klar ist, dass er sich – nicht in einer Aufführung für die Bühne – sondern in einem wahrhaft theatralischen Stück befindet, das für alle nicht nur kulturelle, sondern knallhart existenzielle Auswirkungen haben wird. Wer, so wird es immer mehr Menschen bewusst, zu lange etwas beiwohnt, dass er vom Verstand wie vom Grunde seines Herzen zutiefst ablehnt, landet zum Schluss mit in der Haftung für das, was dabei herauskommen wird. 

Auf der einen Seite wird der verlockende Wunsch immer größer, denen seine Stimme geben zu wollen, die zumindest die gröbsten Fehler in der dilettierenden Regierungsführung in der Lage sind auszusprechen. Das Makel dieser Entscheidung wäre jedoch, dass auch sie, bis auf das gegenwärtige Kriegsgeheul, wohl nichts anderes veranstalten würden, wie die Verursacher der Malaise. Nur mit einer anderen Gruppe von Nutznießern. 

Aber, so fragen sich alle diejenigen, die noch nicht das Schicksal des Working Class Hero ereilt hat, dass sie nämlich „fucking crazy“ bei diesem in Endlosschleife präsentierten Irrsinn geworden sind, was bleibt? Welche Möglichkeiten eröffnen sich eigentlich noch, um diesem einem Bekenntnis zum kollektiven Untergang gleichkommenden Szenario zu entkommen?

Ein Teil der immer noch Zurechnungsfähigen plädiert für die redliche, aufrichtige Arbeit im Kleinen, im eigenen Verantwortungsbereich in der Hoffnung, dass sich die Zeiten auch wieder ändern. Und eine andere Gruppierung entscheidet sich zunehmend für den hedonistischen Untergang. Sie verjubeln die Rücklagen, um es sich noch einmal richtig, oder vermeintlich richtig gut gehen zu lassen und bereiten sich auf ein unvermeidliches Ende vor. Sie verspeisen quasi so etwas wie eine üppige, an die sprichwörtlich spät-römische Dekadenz erinnernde Henkersmahlzeit. 

Und wie beschreibt man eine Gesellschaft, die zwischen Monkey Show und Henkersmahlzeit hin und her schaukelt?    

Zwischen Monkey Show und Henkersmahlzeit
Tornado and lightning destroying city buildings with debris flying

Balla Balla

Prognosen, Katastrophen
Faustschläge
Der Natur
Untergänge herbeigesehnt.

Sektenhaftes Schreiten
In die kalten Fluten
Immer dort
Wo Ruhe herrscht.

Die Walze der Natur
Kommend wie ein Echo
In die Welt
Der Opfer.

Wo gewütet wird
Wird nicht gelitten
Wo gelitten wird
Ist Wüstensand.

Magdalenenflut und Pest,
Tsunami, Gunung Agung,
Grummelnder Krakatau,
Operettenspiel im Oderbruch.

Mentale Schwäche
Loyal im Ruin
Epiloge
Gibt es nicht.
Balla Balla
Older man and woman drinking tea at a table contrasted with young man and woman working on laptops in a café

Der Herbst hat auch noch schöne Tage!

Das Schicksal kann einem schon schlecht gesonnen sein. Da ist man in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts politisch sozialisiert worden und wird plötzlich mit den Herausforderungen, die das neue Jahrtausend mit sich bringt, brutal konfrontiert. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die Lebensweise der Menschen hat sich verändert, angefangen von der Art, sich zu ernähren bis hin zur Einstellung zur Arbeit. Die Arbeit selbst wurde mittlerweile revolutioniert, in ihr wird mit Techniken gearbeitet, die einmal als utopische Phantasien galten. Die Vorstellungswelten der Menschen, die mit ihnen arbeiten, haben sich ebenfalls geändert.  Das Sein, zumindest das konnte man bereits vor langer Zeit lernen, das Sein bestimmt nun einmal das Bewusstsein. Das Wandeln auf der Oberfläche ersetzte den Drang nach Tiefe. Die Rollen der Geschlechter haben sich ebenfalls geändert. Und mit diesem Wandel kamen andere gesellschaftliche Prioritäten zum Vorschein. Die Beziehungen wurden wichtiger als die Ergebnisse.  Der immer mehr zur Vollendung drängende Individualismus hat das Denken in gesellschaftlichen, kollektiven Zusammenhängen ersetzt.

Die Welt insgesamt hat neue Konturen bekommen. Die einstigen Verbündeten sind zu knallharten Konkurrenten mutiert, die, mit denen man meinte auf einer rationalen Ebene auszukommen, stehen in einem vermeintlich feindlichen Lager. Die große Utopie der engen Freunde, sich zusammen zu einem gedeihlichen Ganzen zu entwickeln, ist zu einer martialischen, zuchtmeisterlichen Administration degeneriert. Das Volk, der Plebs, der Mob, der Souverän, je nach Tageslaune und Betrachtungsweise, ist über alles informiert oder falsch gefüttert, ganz nach Sichtweise und, schlimmer noch, der gibt auch noch zu allem seinen Senf dazu. Und die Kodizes, die einmal in der Kooperation über so elementare Dinge wie die Diskretion bestanden, gelten nicht mehr. Jeder Flatulenz wird durchgestochen an die Megaphone der medialen Geschwätzigkeit.

Was, so fragen sich die Führerinnen und Führer der Geschäfte, ist noch machbar, welche Utopie ist noch angebracht, mit wem lässt sich noch zusammenarbeiten und welche Perspektiven machen noch Sinn? Das Konvolut der Unlösbarkeiten hat immense Dimensionen und, um einen alten Song der eigenen frühen Jahre zu zitieren, der Nervenarzt weiß auch nicht mehr, wie es weiter geht.

Was sagte der alte, weiße Mann, der in seinen späten Jahren noch einmal in die Arme einer jungen Frau fand, wenn sich diese etwas über seine Behäbigkeit und von ihm gepflegte Kontemplation beklagte? Der Herbst hat auch noch schöne Tage! 

Vielleicht liegt darin der Rat, den man den am Zustand der Welt Verzweifelten geben kann. Die schönen Tage, die verblieben sind, einfach zu genießen und zurückzutreten, um den Jungen die Möglichkeit zu geben, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Mit allen Fehlern, die benötigt werden, um etwas substanziell Wertvolles lernen zu können.  

Jede Zeit braucht ihre eigenen Konzepte. Und diejenigen, die ihre Jugend hinter sich gelassen haben, sollten die Größe besitzen, das Ruder an diejenigen zu übergeben, deren Zeit noch vor ihnen liegt. Es ist eine alte Weisheit, dass Schmerz und Verlust gute Lehrer sind, und selbst jede noch so gut gemeinte Fürsorge verhindert auch diese Lektionen, die so wichtig für ein erfolgreiches Leben sind. Loslassen ist ein guter Rat für diejenigen, die aus einer anderen Zeit stammen. Der Herbst hat auch noch schöne Tage! 

Der Herbst hat auch noch schöne Tage!