Eigentlich müsste man von morgens bis abends ausschließlich über die politische Entwicklung schreiben, weil sich der Eindruck verdichtet, dass selbst das freie Schreiben bald unterbunden wird. Wäre da nicht die Selbstverpflichtung, eine gewisse Aktualität zum fußballerischen Großereignis WM 2026 zu liefern. Doch, da winkt rettend wieder die These, dass Fußball und Politik gar nicht voneinander zu trennen sind. Die Halbfinals haben wieder einmal gezeigt, wie sehr die These stimmt.
Das so hoch gelobte Frankreich, das bis zum Aufeinandertreffen mit Spanien so brillieren konnte, wirkte matt und zahnlos gegen die spanische Art, den Ball zu führen. Die Solisten der Equipe Tricolore kamen zumeist gar nicht an den Ball, weil Spanien in bewährter Weise, als technisch versiertes Kollektiv und mit Nerven wie Drahtseilen den Gegner so lange zermürbte, bis dieser sich Unachtsamkeiten erlaubte, die gleich dem Gemetzel in einer Stierkampfarena zu tödlichen Stößen führte. Spanien bildet mit der Art und Weise, wie es Fußball spielt, ein konturiertes Gegenbild zum sonstigen Fußball. Es ist ein eigenes System, das auf Geschlossenheit, Perfektion und Geduld setzt und im Grunde das manifestiert, was der legendäre argentinische Trainer und Philosoph Louis Caesar Menotti einst so auf den Punkt brachte: Worin geht es beim Fußball? Ganz einfach, worum es immer und überall geht: um Raum und Zeit. Das hat man in Spanien beherzigt, begriffen und implementiert. Bis dato handelt es sich um ein Erfolgsrezept. Und, bleiben wir bei dem Konnex: Wüßten dies die aktuellen Außenpolitiker des schlingernden Westens, bliebe der Welt sehr viel Ungemach erspart. Den virtuosen Artisten des ehemaligen Kolonialreichs Frankreich blieb angesichts dieser Wucht nur der Untergang der metaphorischen Galeere.
Beim anderen Duell, in dem das seit sechzig Jahren nach altem Glanz dürstende England auf Argentinien traf, waren Erscheinungsformen zu beobachten, die erneut an Louis Caesar Menotti erinnerten. Diesmal an seinen damals legendären Aufsatz mit dem Titel „Der Fußball und die Dritte Welt.“. Dort hatte er die damalige mentale Verfasstheit der argentinischen Nationalmannschaft als gezeichnet vom anti-imperialistischen Kampf bezeichnet. Und auch jetzt, mit dem Hinweis beider Seiten auf den Falkland-Krieg von 1982, in dem die britischen Streitkräfte die Hoheit über eine kleine Inselgruppe vor der argentinischen Küste verteidigten und das argentinische Schiff General Belgrano mit 649 Besatzungsmitgliedern versenkte, war nicht nur genug emotionaler Sprengstoff im Spiel, sondern auch gleich noch ein weiteres Lehrstück. Da versuchte das alte Empire den Besitzstand bis zum Ende zu verteidigen und unterlag schließlich dem unbändigen Willen, der Dominanz eines alten Imperiums ein Ende zu bereiten.
Dass dort, in der City of London, nach einer Niederlage, die vielleicht nicht zu vermeiden war, der imperiale Nationalismus sogleich aufkochte und sich diesmal gegen einen ausgerechnet deutschen Trainer richtete, verwies auf die Analogie hierzulande nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft. Auch da war gleich ein solitärer Sündenbock da. Es scheint sich als ein böses Symptom im Westen etabliert zu haben, nach dem eigenen Scheitern Zeter und Mordio zu schreien und nach Bösewichtern zu suchen und sich damit dagegen zu imprägnieren, nach Ursachen suchen zu müssen, die tiefer liegen. Das verleitet zu keiner guten Prognose.
Davon befreit sind nun die beiden aufeinander treffenden Teams aus Spanien und Argentinien, denn beide Länder gehen derzeit auch politisch ihre eigenen Wege. Spanien mutig und selbstbestimmt, Argentinien wild geladen und erratisch. Beide schlecht beäugt vom westlich dominierten Konsortium, aber, zumindest in diesem Turnier, zwei Favoriten für den Sieg.
Wie bei so vielen Weckrufen wird auch nun wieder die alles bewegende Frage gestellt, was sich denn ändern müsse, um die Verhältnisse zu verbessern. Nicht wenige suchen nach einem ausgeklügelten Konzept, das in die Lage versetzt, die vielen Sackgassen, in denen Politik und Gesellschaft stecken, zu überwinden. Die Erwartung wird enttäuscht werden, weil sie bereits einen Teil des Problems mit eingebaut hat. Die Lösung führt in diesem Falle nicht über die Komplexität, sondern über die Vereinfachung. Und sie führt nicht über den Kopf, sondern über den Bauch. Und, das wird für alle aus dem Lager der politischen Couch potatoes, von denen es so viele gibt, das Bitterste, es wird Mut und Aktivität erfordern.
Jeder Mensch ist für das verantwortlich, was er macht und genauso für das, was er unterlässt. Eine Regel aus Moderationsprozessen, die, einmal erklärt, und als Konsens für den Prozess akzeptiert, die Beteiligten in die Lage versetzt, Ungeheuerliches zu produzieren. Stellen Sie sich nun einmal vor: Bei wie vielen Gelegenheiten, bei denen wir uns mit Unsinn, mit Ideologie, mit Propaganda oder mit Fallenstellerei konfrontiert sehen, bei wie vielen solcher Gelegenheiten nehmen wir uns den Mut und die Zeit, und stellen die Frage nach Wahrheit und Klarheit? Sie werden es sehen, wir alle schweigen zu oft, aus Bequemlichkeit, aus Angst und aus Überdruss. Dem ist der Kampf anzusagen, der eigenen Unwilligkeit und Unzulänglichkeit zum zwingenden Diskurs. Alles ist erlernbar, und wer sich dem verweigert, der wird an keiner Lösung aktiv beteiligt sein.
Das zweite Feld, in dem es um die Wahrheit geht, ist das beliebtere, weil es vom eigenen Handeln weit weg zu sein scheint. Ist aber nicht so! Der Anspruch, bei den großen Themen mitsprechen zu dürfen, nährt sich aus der Erfahrung, dass vor der Bäckerstheke oder im Sportverein auch tun zu können. Nur wer sich einmischt, ist dabei. Die Erkenntnisse, die sich auf dem zweiten Feld erweisen, werden niederschmetternd sein, denn sie werden enthüllen, wie viel Unrat wir werden aus dem Weg räumen müssen, um zu dem zu kommen, was Wahrheit und Klarheit genannt werden muss.
Nehmen wir ein griffiges, weil aktuelles Beispiel: Der in in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wie in der politischen Klasse betrauerte Senator McCain aus den USA. Einer der schlimmsten Kriegstreiber und Unterstützer des internationalen Terrorismus wird dargestellt als ein Beispiel für die demokratischen Werte des Westens schlechthin. Nehmen wir das einfach so hin? Finden wir uns damit ab, dass der Chefredakteur des Heute-Journals so einen Unsinn zur Prime Time erzählt? Und nehmen wir es hin, dass der deutsche Außenminister den gleichen Quatsch von sich gibt? Wir wissen, wofür McCain stand, nämlich die Mobilmachung gegen Russland bei Einbeziehung Europas in kriegerische Handlungen.
Wollen wir das? Stellen wir irgend jemanden zur Rede? Wenn nicht, wie glaubwürdig sind wir dann selbst? Und wie viele Beispiele fallen uns ein, bei denen wir seit Jahr und Tag schweigen, obwohl wir alle wissen, dass die, die diese Geschichten erzählen, zwar einen Zweck im Auge haben, es aber mit der Wahrheit gar nicht so haben. Es wird niemanden geben, der diese Fragen stellt, wenn wir es nicht tun. Es wird niemanden geben, der der Spur nach dem Richtigen folgen kann, wenn nicht wir selbst. Wie gesagt, jeder Mensch ist verantwortlich für das, was er tut und für das, was er unterlässt. Klingt simpel. Ist aber gar nicht so einfach.