Female athlete Maya running on track towards sand pit with motivational cloud cheering

Hic Rhodus, hic salta!

Bertolt Brecht, einmal gefragt, als er bereits zu den Großen am Dramaturgenhimmel seiner Zeit zählte, wie er denn sein Wirken einschätzte, antwortete mit dem Satz: „Ich habe Vorschläge gemacht. Einige davon wurden angenommen.“ Zu seiner Zeit wie auch noch viele Jahre danach wurde über diese Aussage kräftig geschmunzelt, weil man sie für einen Akt der bewussten Selbsverkleinerung hielt, nach heutiger Diktion als etwas wie Fishing for Compliments betrachtete.

Aktuell vergeht kein Tag, oder besser, keine Stunde, in der nicht darüber berichtet wird, wer aus dem öffentlichen Leben oder aus der Deckung nicht etwas fordert. Nachrichten bestehen zumeist aus einer Auflistung von Forderungskatalogen, zumeist aus dem Munde derer, die eigentlich in der Verantwortung stünden, wenn sie ein konkretes Ziel vor Augen hätten, auch etwas dafür zu tun, um es zu realisieren. Aber es scheint der Glaube vorzuherrschen, und bedauerlicherweise nicht einmal zu Unrecht, dass der Applaus eines wie immer gearteten Publikums nicht ausbleibt, wenn man lauthals auf einen Missstand hinweist und eine Forderung aufstellt, wie man ihn beseitigen könne. Selbstverständlich ohne die eigene aktive Beteiligung.

Setzt man die allgemein vorherrschende Gewohnheit gegen den Satz von Bertolt Brecht, so erscheint dieser nicht nur als ein von Demut geprägter Realitätsbezug, sondern er regt auch dazu an, den inflationären Gebrauch des Forderns zu Ende zu denken im Sinne eines Lebensresümees. Dann hieße dieses nämlich: „Ich habe vieles gefordert, aber kaum etwas hat sich verändert.“

Wir haben es hier mit einer prickelnden Veränderung gesellschaftlicher Semantik zu tun. Die Ablösung des Leistungsgedankens von einer Selbstverpflichtung und Bewertungsmatrix hat zu einer sukzessiven Zerstörung eines wesentlichen Zusammenhalts einer Gesellschaft geführt. Der Sinn einer selben besteht in der Kooperation innerhalb eines gewissen Regelwerkes, das dafür sorgen soll, dass individuelle Leistungen, individuelle Bedürfnisse koordiniert werden mit kollektiven Leistungen wie Bedürfnissen. Und, so wie es aussieht, besteht darin eine der großen inneren Schwächen dessen, was sich momentan als der Westen definiert. Auch diese  Formel ist sehr einfach auf den Punkt zu bringen: Keine Leistung, keine Kooperation, keine Weiterentwicklung, unbegrenzte Ausweitung von Defiziten, individuell wie kollektiv.

Das Problem besteht darin, dass das, was man vielleicht so unscharf, wie es ist, als politischen Zeitgeist betrachten kann, die Frage nach Leistung, Eigenverantwortung und aktiver Kooperation nahezu als etwas Verwerfliches tabuisiert. Die Prognose ist nicht gewagt zu formulieren, dass die Entwicklung bei Beibehaltung dieses Zeitgeistes immer weiter den Weg nach unten und die Belang- wie Bedeutungslosigkeit beschreibt.

Und sollte jemand auf die Idee kommen, die Aussage Brechts auf einen rein verbalen Vorschlag ohne persönliche Konsequenzen reduzieren und ad absurdum führen zu wollen, so stehen dem eine Werkausgabe von 40 Bänden und tausende Aufführungen seiner Stücke weltweit entgegen.

Sollte sich wieder jemand in Ihrem Umfeld oder in der so genannten „Großen Politik“ mit einer Forderung profilieren wollen, ohne zu sagen, wie das Ziel aussieht und worin die eigene Verantwortung und Leistung besteht, dann antworten sie bitte mit dem klugen Satz aus der Antike: Hic Rhodus, hic salta! aus der äsopischen Fabel „Der Fünfkämpfer und der Prahlhans“. Letzterer erzählte überall, wie er einst den weitesten Sprung der Welt auf der Insel Rhodos vollbracht hatte. Und die klugen Zeitgenossen stellten ihn mit dem Satz: Hier ist Rhodos, jetzt springe!    

Hic Rhodus, hic salta!

Prinzip Hoffnung

Irgendwann verraucht
Die Feuer in der Nacht
Das Wummern
In der Dunkelheit.

Die Flucht nach vorn
Das im Süden lag
Die Tage am Meer
Im schönen Frankenreich.

Die wilden Feiern
Im Baskenland
Mit Stieren, die dich
Morgens jagten.

Ein Blumenmeer
An Puschkins Grab
Und Züge
Die Geschichte schrieben.

Bayrisches Bier
An Oskars Stammtisch
German Town
New York.

Mühen
In der Ebene
Die dennoch
Nicht mit Langeweile prahlten.

Erkenntnisse
Unter javanischem Himmel
Und Tiefen
Die es hier nicht gibt.

Volle Kraft voraus
Im eigenen Land
Schleifen, reich an Wucht
Auf lange Sicht wohin?

Asiatische Wunder
Amerikanische Weiten
Goldenes Licht
Am Indischen Ozean.

Die Feuer
Lodern immer noch
Waren nie erloschen
Sind das Zuhaus.

Bloch
Ich sah ihn selbst
Lief weg
Blieb nicht mehr stehn.

Rief nur:
Was jedem in die Kindheit scheint
Worin noch niemand war
Heimat.
Prinzip Hoffnung
Man in 1920s suit and hat with cigar talking to medieval king wearing crown and fur cloak with nuclear explosion in background

Al Capone und die Zeichen der Zeit

Wenn die Verzweiflung groß ist, regiert der Irrsinn. Man braucht gar nicht lange zu suchen, um die ersten Belege für diese These in den Ohren zu haben. Da tönt ein Bundesverteidigungsminister beim Besuch einer Waffenfabrik, man spüre deutlich den Geist der Erneuerung. Den Kanzler, der die Sottisen am Fließband liefert, muss man erst gar nicht bemühen. Der weiß in der Regel schon fünf Minuten nach einer Aussage nicht mehr, auf was er sich bezogen hat. Bei ihm sind es eher die Taten, an denen man ihn messen muss. Und die sind aus der Räson der Bevölkerung irrsinnig genug, obwohl sie rein ökonomisch, in Bezug auf ihn selbst und ein nicht genannt wollendes Unternehmen, das ihn reich gemacht hat, durchaus sinnvoll. Die Milliarden aus der Neuverschuldung, für die bekanntlich die Bevölkerung wird aufkommen müssen, fließen in Taschen von Menschen und Organisationen, die mit dem Wohlergehen dieses Landes und seiner Bevölkerung nichts am Hut haben. 

Das Geld besorgen für die elegante Entwendung von Volkseigentum zwecks Veräußerung in der Kriegsindustrie bei systematischer Dezimierung der ukrainischen männlichen Bevölkerung besorgt hingegen wiederum ein Parteifreund des anfangs zitierten Bundesverteidigungsministers. Sie, wie die sie innerhalb der Partei noch unterstützende Entourage, haben allerdings nichts mit einem Geist der Erneuerung zu tun, sondern eher mit der Sicherung des eigenen Status, komme, was da wolle. Historisch werden sie wohl eingehen als die Sargträger ihrer traditionsreichen Partei, die einmal aus dem Willen geboren wurde, denen, die den Reichtum schaffen, auch Rechte und Sicherheiten zu erkämpfen.

Dass die beiden erwähnten Helden einer deteriorierenden Sozialdemokratie nicht alleine stehen, sei der Ehre halber gegenüber einem ehrenlosen Haufen gesagt: Alle, die den Kanzler, der jetzt mit Nonchalance und Skrupellosigkeit das Land an die Wand fährt, noch vor der Konstituierung eines bereits neu gewählten Bundestages den Segen gegeben haben, eben auch die Partei der Grünen wie die sich warum auch immer so nennende Linke, haben sich an einem Verbrechen gegen den Gedanken der Demokratie beteiligt und eine Figur Kanzler werden lassen, die agiert wie der berüchtigte Sonnenkönig aus dem benachbarten Frankreich. Der es allerdings von seiner Bezeichnung her noch weiter bringen wird als die historische Vorlage, nämlich als der König des Atompilzes, wenn ihm nicht noch in letzter Minute das Handwerk gelegt wird.

Möglich ist das alles nur, weil die Piraten einer einigermaßen kritischen Presse seit langem ein Syndikat mit Monopolcharakter gebildet haben, das das durch eine anscheinend allzu lange Friedensphase sedierte Publikum zu einer Kohorte intellektuell überfressener Untertanen hat werden lassen, denen keine einzige Dreistigkeit, keine Lüge, keine Dummheit und keine Übergriffigkeit zu undelikat zu sein scheint, als dass sie sich auch diese noch in den vollen Bauch stopfte. 

Da geht noch was, denken sich die Profiteure des Niedergangs und treiben es wie auf einem ausgelassenen Maskenball. Jetzt, da es um eine kleine Schmonzette der Doppelmoral ging, vergleicht man das Delikt mit den großen, kriegsstiftenden Vergehen, die kontinuierlich begangen werden, hat das System, so will man glauben machen, seine Integrität einmal wieder unter Beweis gestellt. Der Delinquent musste, gut gebettet, gehen. Dagegen steht der Einwand, dass die richtig großen, die Kapitalverbrecher, in der Regel immer schon über Bagatellen stolperten. Selbst ein Al Capone. Insofern stehen die Zeichen nicht schlecht! 

Al Capone und die Zeichen der Zeit
Al Capone und die Zeichen der Zeit