Fastenzeit und das analoge Dasein

Die Vorstellung hat Geschichte, dass neue Übertragungstechniken in der Lage wären, etwas in Sachen Bildung und Weiterentwicklung zu bewirken. Das war mit dem Radio so. Da wurde davon geschwärmt, dass bis in den letzten Winkel der Welt Wissen transportiert werden konnte und somit die Organisation von Bildung auf einem ganz anderen Niveau stattfinden könnte. Als dann das Radiogerät zum Haushaltsstandard avancierte, war davon nicht mehr die Rede. Es diente, je nachdem, wer die Hoheit über die Sendeanstalten hatte, der ideologischen Indoktrination, der Berieselung und letztendlich der Verdummung. Egal, wer die Oberhand hatte, Feigenblätter, gedacht für ein kleines Segment der Gesellschaft, waren erlaubt. Aber sie änderten nichts an dem Charakter. 

Nach dem Radio kam das Fernsehen. Und die Propagierung der Möglichkeiten, die dieses Gerät mit sich brachte, folgte dem gleichen Muster. Mit Bildung und kultureller Teilhabe wurde geworben, bis das Gerät in jedem Wohnzimmer stand. Und auch dann kam etwas anderes. Nämlich ideologische Indoktrination durch die, die über die Sendeanstalten verfügen konnten und ein immer gewaltiger auf die Köpfe zurollender Klamauk, der den Zugang zu klarem Denken systematisch vernebelt. Sowohl beim Radio als auch beim Fernsehen wurde zudem von einem Meilenstein in Richtung Demokratie gesprochen. Den Zustand letzterer bei der Verfügbarkeit dieser beiden Technologien möge jeder überprüfen.

Bei den heute verfügbaren Kommunikationsmitteln wiederholte sich die gleiche Argumentation. Bildung, kulturelle Teilhabe, Demokratisierung. Gemeint war vor allem die Möglichkeit auch derer, die weder über größere Mittel noch aufwendige Techniken verfügten, sich zu Wort zu melden und sogar zu organisieren. Mancher Aufstand wurde nicht zu Unrecht der Fähigkeit der No Names zugeschrieben, sich zu verständigen. Aber auch vieles von dem, was da in den Äther geblasen wird, ist eher ein Testat für das allgemein desolate Bildungsniveau als sein Gegenteil. Nur zweieinhalb bis drei Jahrzehnte nach der Massenverfügbarkeit dieser Technologien ist ein Status erreicht, der den Vorgängertechniken von Radio und Fernsehen ähnelt. Gewaltige Indoktrinationsprogramme, autokratischer wie demokratischer Trash. Den Rest erledigen zunehmend Zensur und Blockade. 

Zwei Fragestellungen mögen in diesem Kontext erlaubt sein. Die erste richtet sich auf die Verfügbarkeit über die Techniken. Vom Pariser Zeitungsbaron aus dem 19. Jahrhundert bis zu den aktuellen Social-Media Tycoons aus dem Silicon Valley hat sich nichts an der Tatsache geändert, dass der Privatbesitz einzelner Personen oder Gruppen darüber bestimmt, was dem Plebs an Information und Desinformation serviert wird. Auch heute sind es Monopolisten, die Geschäftsinteressen verfolgen und das auf den Markt werfen, was Macht und Rendite bringt. Bildung, kulturelle Teilhabe, Demokratie? Stupid!

Die zweite kritische Betrachtung geht in Richtung der psychologischen Wirkung des Konsums. Medizinische und psychosoziale Betrachtungen führen zu dem Befund, dass eine Überdosis dessen, was immer noch hinter dem beschönigenden Namen Social Media steht, zu Suchtverhalten, Konzentrationsschwächen, sozialer Depravation führen und therapiebedürftig sind. Auch unter diesem Aspekt kann längst nicht mehr von Bildung, kultureller Teilhabe und Demokratie die Rede sein. Wie so vieles, was der Privatbesitz an Produktionsmitteln zutage fördert, steht hier am Ende ein gerüttelt Maß an Zerstörung.

Das Etikett des Maschinenstürmers oder Technologiefeindes verteilt sich leicht. Die dargelegte Perspektive ist kein Plädoyer gegen die Technik. Allerdings gegen die Besitzverhältnisse und die daraus resultierende Gestaltung der Programme. Die angebrochene Fastenzeit, übrigens gleichermaßen für Christen und Muslime, wäre doch einmal, ganz weltlich, eine gute Gelegenheit, den Konsum des kommunikativen Trashs drastisch zu reduzieren. Genießen Sie mal eine Weile das analoge Dasein!    

Fastenzeit und das analoge Dasein

Ostenmauer – 83. Batu Ferringhi, 21. Mai 1998

Batu Ferringhi, Malaysia, 21.05. 1998

Wir sind auf dem Penang Island angelangt, nördlich der Straße von Malacca und nicht weit von der thailändischen Grenze. Heute morgen erfuhr ich von einer Kollegin aus Jakarta, daß um 8.55 Uhr Ortszeit die Nummer Eins zurückgetreten ist und „verfassungsgemäß“ seinem Vize, J.B. Habibie, Platz gemacht hat. Nun wird auch klar, warum sich gestern trotz aller Erwartungen nichts getan hat. Hinter den Kulissen wird weiter ein javanisches Schattenspiel aufgeführt. Sicher ist, daß Habibie derjenige sein wird, der für einen würdevollen Abgang des Alten stehen wird, will heißen, letzterer wird für seinen Familienclan noch einige Milliarden aus dem Land herauspressen und sein Vasall wird ihm dabei behilflich sein. Gelöst ist dadurch gar nichts, doch warten wir den heutigen Abend ab, an dem Habibie sein neues Kabinett bekannt geben will. An seiner Besetzung wird man ablesen können, ob Indonesien vorerst zur Ruhe kommen wird oder nicht. Der neue Präsident steht jedenfalls für Unruhe, da er das alte Regime repräsentiert.

Nach unseren Erfahrungen in den letzten beiden Wochen müssen wir feststellen, daß unsere Kriterien, nach denen wir Politik beurteilen und deuten, nicht dem entsprechen, was in Indonesien vor sich geht.  Es hat viel mit Intrigen zu tun, die es natürlich ebenso im Westen gibt, aber mehr noch mit Macht, Symbolen und Mysterien. Die diabolische Chronologie der letzten Woche belegt dies in aller Deutlichkeit.

Die Studentendemonstrationen dauerten bereits seit Januar an und rissen nicht ab. Immer mehr Gruppen der Gesellschaft schlossen sich der Kritik an dem Präsidenten und dessen Clan und Gefolgsleuten an und immer mehr Mitglieder der Eliten entwickelten so etwas wie Patriotismus, indem sie für eine Beendigung dieser untragbaren Verhältnisse eintraten. Da ließ sich die Nummer Eins ein Szenario einfallen, das eher aus der Zeit der römischen Agonie zu stammen scheint als aus der Moderne oder dem, was davon übrig geblieben ist. 

Während Bapak im fernen Kairo auf dem Treffen der G15-Staaten weilte, schaltete sein Schwiegersohn Prabowo, der in den letzten 12 Monaten 14 mal befördert wurde, bis er Chef der KOSTRAD Elitetruppen war, Stufe eins des Plans. Auf einer Demonstration von Studenten der privaten, von Elitenachwuchs besuchten Trisakti-Universität, die sich in ihrem Charakter in nichts von den Protesten der letzten Monate unterschied und völlig friedlich verlief, ergriffen Prabowo ergebene Truppen die Gewehre und erschossen sechs Studenten wie auf der Hasenjagd. Botschaft: Vorsicht, ihr Eliten, auch ihr seid nicht sicher! Daß diesem Gewaltakt eine Eskalation folgen mußte, war abzusehen. Damit trat Stufe zwei auf den Plan: Die hungernden und zunehmend frustrierten Bewohner der allzu zahlreichen Armenviertel Jakartas brauchten ein Ventil, das auf keinen Fall den Meister selber bedrohen sollte. Als die Studenten zwei Tage später zu Hunderttausenden auf die Straße gingen, um gegen die Morde des Militärs zu protestieren, tauchten die dem Präsidenten treuen Pemuda Pancasila Truppen auf und begannen vornehmlich chinesisches Eigentum zu brandschatzen und Angehörige dieser einflußreichen Volksgruppe zu meucheln.  Daß sich dabei so manch armer Teufel dazu gesellte, ist unbestritten. Die bis heute genannte Zahl von ca. 500 Toten scheint mindestens um das zehnfache untertrieben zu sein. Womit der Alte und Prabowo nicht rechneten, war die Tatsache, daß der Armeechef Jenderal Wiranto nicht mehr so ganz in die glatte Kalkulation zu passen scheint und zu einem unsicheren Glied geworden war. Er wagte zwar nicht den offenen Bruch mit Number One, aber er verhängte das Standrecht über diejenigen, die beim Schießen auf unbewaffnete Zivilisten erwischt würden. Spekulationen auf eine noch bevorstehende Konfrontation zwischen der Prabowo- und Wiranto-Fraktion innerhalb des Militärs haben nach wie vor genügend ernstzunehmende Nahrung. Ersterer gehört eigentlich vor ein internationales Kriegsgericht, der zieht nämlich schon ab und zu auf seinen Besuchen in den unruhigen Provinzen Irian Jaya oder Timor selber die Pistole aus dem Halfter und füsiliert mal so eben ein halbes Dutzend Widerständler durch Kopfschuß nach Eichmann Manier. Eine zweite Rechnung, die nicht aufging, war die, daß nicht das ganze Land aufatmete, als Bapak endlich von den Gestaden des Nils nach Hause geeilt kam, um für Ordnung zu sorgen. Da die Javaner das Schattenspiel als solches nur zu gut kennen, durchschauten sie das Spiel und die Rufe nach der Demission wurden nur noch lauter. Ob der Kuhhandel mit der Edelkomparse Habibie nun von der mittlerweile breiten demokratischen Volksbewegung hingenommen wird oder zumindest so verfeinert präsentiert wird, daß er die Fähigkeit besitzt, diese zu spalten, werden wir in den Nächsten Tagen sehen. 

Wir gehen jedenfalls davon aus, daß wir in den nächsten fünf bis zehn Tagen zurück nach Jakarta reisen werden. Ich kann mir nämlich vorstellen, daß mittlerweile im Auswärtigen Amt und mehr noch im Hause des Deutschen Botschafters in Jakarta die Sektkorken knallen werden, ist man doch in diesen Gefilden der deutschen Politik fest davon überzeugt, in Habibie einen treuen Bündnispartner zu haben. Schließlich besitzt dieser eine wunderbare Villa im Alten Land bei Hamburg, einige fette Konten auf deutschen Banken und ein kleines rotes Päßlein, das ihm was weiß ich für eine sentimentale offizielle Seele des Deutschen Staates zum großen Dank für alles irgendwann einmal in die Smokingweste gesteckt hat.  Ich mit meinen freilich bescheidenen Einsichten kann da nur warnen und meinen Landsleuten raten, mal bei anderen Adressen in Jakartas Straßen vorstellig zu werden, wo unter so manchem alten Sarong mehr Macht und Einfluß steckt  und unter dem traditionellen Pendopo die Verläßlichkeit ein bißchen mehr zu Hause ist als in den futuristischen Katakomben des Luftfahrtingenieurs.

Nun muß ich wieder einmal Schluß machen und mich ans Telefon setzen und unsere Informanten in Jakarta anrufen. Deren Nachrichten sind zeitiger, präziser und sicherer als die von CNN! Von unseren Telefonrechnungen in Jakarta, Kuala Lumpur und Batu Feringghi erzähle ich ein andres mal…

Aufstand als Frage der Selbstachtung

Wer gedacht hatte, die Statements und Erlebnisse auf der Münchner Sicherheitskonferenz hätten zu so etwas wie Besinnung führen können, sah sich schnell getäuscht. Das ewige Lamento der beiden in Deutschland ansässigen Fraktionen der politischen Abbildung us-amerikanischer Verhältnisse ist immer noch deutlich zu hören. Was beiden Fraktionen abgeht, ist die Erkenntnis, dass es sich bei den USA nach wie vor um eine imperiale Supermacht handelt, deren wichtigster Navigationspunkt das eigene Interesse ist. Die Rhetorik vom transatlantischen Bündnis ist besonders in den letzten krisenhaften Jahren durch die Fakten vollends demoliert worden. Dennoch halten Großteile der sich so gerne als liberale Mitte titulierenden Parteien immer noch an dieser Formulierung fest und trauern den wonnigen Jahren demokratischer Expansionspolitik nach. Während die anderen auf die neue Ära hoffen, die mit Donald Trump als dem imperialen Dealmaker aufscheint. Beide Variationen führen zu nichts, denn die Notwendigkeit, sich für eine auf eigenen Interessen basierende politische Strategie zu entscheiden, bleibt bestehen. Wiewohl die Zeit, die bleibt, um zu so etwas noch zu kommen, ausläuft.

Von wegen Besinnung. Nun, mit dem illegitimsten Kanzler der bundesrepublikanischen Geschichte, steuert dieser ebenfalls geschichtsvergessendste Darsteller auf eine Vision zu, die vom Deutschherren-Orden bis zu den Architekten der Operation Barbarossa verfolgt wurde und immer wieder die Existenz dessen, was sich in vielen Variationen als deutscher Staat repräsentierte, zum Abgrund führte. Nun also wieder. Kriegsgeheul gegen Russland, dicke Hose ohne Inhalt, verantwortungslos und barbarisch, aufgeblasene Backen für billiges Lobby-Geld, entwendet aus den Taschen derer, die diesen Krieg nicht wollen und mit denen bei Ausbruch auch nicht zu rechnen ist. Da erklingen die Melodien aus dem Paten, nur das dort, bei aller Frivolität, noch so etwas von Ehre zu spüren ist. Bei den grausigen Singvögeln dieses Projektes ist davon jedoch nichts zu verspüren.

Letztendlich muss festgestellt werden, dass aus den Reihen, die vorgeben, für die Demokratie und deren Werte zu stehen, beides bereits gemeuchelt wurde. Die Demokratie gilt nur für sie selbst und die Werte spotten aufgrund des doppelmoralischen Leichengiftes jeglicher Beschreibung. 

Was allerdings zu bemerken bleibt, quasi als Großleistung bellizistischer Propaganda, ist die Neutralisierung dessen, was einmal entweder als intellektuelle Sphäre oder als kritischer Resonanzraum der offiziellen Politik angesehen werden konnte. Dieses Publikum hat sich auf das Hase und Igel-Spiel der totalitären Logik eingelassen und leckt sich zufrieden die Lippen, wenn staatlich subventionierte Knallchargen den Kampf gegen den Faschismus ausrufen, während ein demokratisches Recht nach dem anderen einkassiert und eine Überwachungs- und Kontrollfunktion nach der anderen installiert werden.  

Angesichts der staatlich autorisierten politischen Analphabeten, die auf jedem nur erdenklichen internationalen Forum ihre unausgegorenen, von nichts gerechtfertigter Großmannssucht gespeisten, in die alte imperiale Banalität verfallenden Sentenzen in die Welt posaunen, kann man nur voller Scham und Demut zu Boden blicken. Und sich die Frage stellen, wann die Substanz, die dem Wahnsinn in all seiner Nacktheit ein Ende bereiten kann, die Konsistenz entwickelt, dass daraus eine ernst zu nehmende Kraft wird. Jede Form von Rebellion und Aufstand ist zu einer Frage der Selbstachtung geworden. Wer jetzt noch selbstzufrieden den Blick über den gedeckten Tisch schweifen lässt, ist Bestandteil des Problems.

Aufstand als Frage der Selbstachtung