Wahlbild mit deutschem Text

Zur Wahl des höchsten Amtes

Drei Zustände sind in der aktuellen gesellschaftlichen Situation dominant: derjenige, in dem sich die meisten Menschen über die Defizite des gegenwärtigen politischen Systems beklagen. In der zweiten Variante sind die zu finden, die an dem Bestehenden mit allen Mitteln festhalten wollen. Und drittens die immer noch kleine Fraktion, die glaubt erkannt zu haben, dass an dem vertrauten Prozedere nichts mehr zu reformieren ist und stattdessen auf der Suche nach neuen Perspektiven und Möglichkeiten sind. Wenn man so will, stehen sich diese drei Fraktionen wenig kompromissbereit gegenüber und sorgen für eine Art Stillstand, der strategisch gesehen verhängnisvoll ist. Denn je länger Bewahrer und Suchende für eine Paralyse sorgen, desto verheerender das Resultat. Gorbatschow sagte einmal, dass, wer zu spät kommt, von der Geschichte bestraft wird. Der Satz hat mehr prognostischen Wert denn je.

Man muss nicht lange suchen, um ein Beispiel zu nennen, das die Situation vollumfänglich beschreibt. Die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten ist ein solches.  So, wie es aussieht, steht das Ergebnis bereits fest. Und es geht jetzt nicht um die wahrscheinliche Kandidatin. Dass Frauen das Amt ausfüllen können, ist keine Frage. Dass jedoch die im Bundestag vertretenen Parteien unter sich ausmachen, wer es wird, und dass sie dann, damit es schön aussieht,  eine Bundesversammlung mit 1260 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einberufen, die dann, in einer geheuchelten Demokratieprozession eine Wahl durchführen lassen, deren Resultat vorher schon in allen Zeitungen stand, ist grotesk.

Und, um den Blick in eine andere Richtung zu lenken, wäre es doch einmal mehr als erfrischend und sicherlich auch, nimmt man den Gedanken der Demokratie ernst, authentischer, zunächst in Townhall-Prozessen, die in allen Teilen des Landes durchgeführt werden, ein Anforderungsprofil zu erstellen. In dem müsste stehen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche Erfahrungen und welche charakterliche Dimension die Person haben müsste, die mit der zumindest in der Verfassung stehenden höchsten Funktion im Staate betraut werden soll. Und dass es ein freies Rennen der Kandidatinnen und Kandidaten geben müsste, auch derer, die in anderen Sparten der Gesellschaft aktiv sind als in der der professionellen Politik, verstünde sich ebenso von selbst wie die Idee der direkten Wahl. Dass dabei gelernt wird, was Demokratie tatsächlich ist, nämlich ein Prozess der Verständigung mit vielen Irritationen, wäre ein wunderbarer Nebeneffekt.

Denn es ist klar, dass ein Gemeinwesen, das sich in einem Prozess des großen Umbruchs befindet, ob es gewollt ist oder nicht, sich einer Größe besinnen muss, die in der Lage ist, in die Zukunft zu schauen, die Vertrauen derer genießt, die tatsächlich zur Wahl gehen, die sich dem Souverän verpflichtet fühlt und über eine Reputation verfügt, die über alle Zweifel erhaben ist.

Ideen wie diese sind in den momentan herrschenden Kreisen nicht beliebt, weil das Beharren und Bewahren die gegenwärtigen Möglichkeiten sichert. In welche Richtung diese Möglichkeiten gehen, ist allenthalben bekannt und führt von einem Desaster zum nächsten. Wichtig, um bei den drei beschriebenen Gruppen zu bleiben, ist, die Menschen zu erreichen, die zu Recht über die überall sichtbaren Defizite klagen. Ihnen ist klarzumachen, dass Kritik ohne Perspektive letztendlich zu Frustration und Irrationalismus führt.

Die vor uns liegende Wahl im Januar wird wie immer vonstatten gehen. Und die Kritik an diesem für eine Demokratie unwürdigen Theaterstück wird wieder groß sein. Zu Recht. Und die Schlussfolgerung muss sein, dass sich etwas ändert. Und dass dazu Vorschläge erforderlich sind.  Nicht nur bei der Wahl zu diesem Amt. Aber es wäre ein Anfang.

Zur Wahl des höchsten Amtes
SS POSEIDON im Sturm mit feiernden Passagieren, verängstigter Crew und Text „Crew Quarters“.

Die Leinen los

Kurs aufs weite Meer
Die Offiziere
Das dunkle Tief im Blick
Die Warnung
In den Wind geschlagen.

Passagiere im Rumpf
Die drohende Schwingung
Massiv spürend
Ein leerer Magen
Empfängt die Signale schnell.

First Class Hähne
Krähend in der Lounge
Bei Rauch und Spirit
Den Überfluss
Wohlig verdauend.

Überleben wird hier keiner
Der Kurs
Auf Fiasko
Wird sie alle treffen
Jeden auf seine Weise.

Im Report wird zu lesen sein:
Schwere Havarie.
Ursache des Verhaltens ungeklärt.
Große Irrung bei schwerem Wetter.
Rettungsversuche eingestellt.

Die Leinen los!
Kompass auf einer historischen Karte Europas

Die Midterms und der verlorene Kompass

Kaum lagen die Ergebnisse der Midterms vor, brach in den Reihen der Atlantiker im Lande großer Jubel aus. Nicht, weil man glaubte, dass dem erratisch agierenden und so verhassten Donald Trump innenpolitisch nun die Hände bis zum Ende seiner Amtszeit gehörig gebunden sind. Denn, wer glaubt, den hiesigen Atlantikern ginge es um die Zukunft der unter den Verhältnissen eines Imperiums, das um Weltherrschaft kämpft und sich seit langer Zeit dem radikalen Liberalismus verschrieben hat, lebenden Amerikaner, ist der ersten Illusion aufgesessen. Auch und gerade unter demokratischer Regentschaft ging dort der Mittelstand zugrunde, sank die einstige Arbeiterklasse in den Pauperismus und verödeten ganze Regionen. Und dort saßen auch die Masterminder, die den Krieg nach Europa brachten. Der feine Herr Obama provozierte Russland bis aufs Blut, während der republikanische Senator John McCain auf dem Kiewer Maidan mit einer MP herumfuchtelte, und verfolgte weiterhin die NATO-Osterweiterung und sein Nachfolger, Joe Biden, berief einen Außenminister, der über den strategischen Nachteil für die USA durch die Nordsee-Pipeline Nord Stream promoviert hatte und einer Kiewer Familie entstammt und eine aus dem heutigen Moldavien kommende Revanchistin namens Victoria Nuland, die mit ihren bellizistischen Zuckungen mehrere Regierungen, egal welcher Couleur, überlebt hat. Der Krieg mit Russland gehörte mit zum demokratischen Programm. Nur nicht auf eigene Kosten.

Denn dafür hatte man sich entsprechende europäische Politiker herangezüchtet, die willfährig die jeweils nationalen Sicherheitsinteressen preisgaben und den geplanten Interventionismus als Verteidigung von Demokratie und der ihr zugeschriebene Werte labelten. Sieht man sich die Vertreter dieser Gruppe hier in Deutschland an, dann weiß man, mit wem man es zu tun hat. Vom Kanzler bis zur Hinterbankler-Knallcharge sind sie alle durch diese Schule gegangen. Und sie bleiben ihrem Auftrag treu.

Kaum wurde der Trend zugunsten der Demokraten bekannt, knallten in dem Milieu, das während der Regierungszeit Donald Trumps zunehmend unter wachsender Nichtbeachtung litt, die Sektkorken. Und wie das Spiel seit Jahren gespielt wird, bekamen sie von der Monopolpresse und den längst gekaperten Rundfunk- und Fernsehanstalten auch gleich die Mikrofone vor die bebenden Münder gehalten. Prompt wurde den Russen wieder euphorisch mit der endgültigen Niederlage gedroht und eine Fortsetzung des Krieges unter NATO-Bedingungen das Wort geredet. Jetzt, die benebelte Vorstellung, würde alles wieder gut. Nun könne man sich auf den atlantischen Partner – der einem die Infrastruktur wegsprengte(?) – wieder verlassen und Putins Traum von einem Frieden zu russischen Bedingungen könne begraben werden.

Wäre es nicht so blamabel, so defätistisch und so entwürdigend, dann eignete sich diese Darbietung einmal mehr für eine kleine Burleske. Nur, es handelt sich um bundesrepublikanische Realität. Und es ist vergebliche Liebesmüh, darauf hinzuweisen, dass ein amerikanischer Präsident bei vielen innenpolitischen Vorhaben auf Kongress und Senat angewiesen ist, bei dem, was er außenpolitisch veranstaltet, jedoch nicht. Und wer glaubt, ein Donald Trump gäbe in der ihm noch verbliebenen Zeit klein bei, der schließt vielleicht von sich auf ihn. Er, als alt gedienter Narzisst, wird sich jedoch eines anderen besinnen und versuchen, seinen demokratischen Opponenten noch den einen oder anderen brennenden Bourbon einzuschenken. Sollte dabei noch ein Frieden auf europäischem Boden herausspringen, würden, außer den so inbrünstigen Atlantikern, doch viele Menschen im gebeutelten Europa erleichtert aufatmen.

Wieder einmal fallen die Masken. Und wieder einmal zeigt sich, wie verloren der eigene Kompass ist. 

Die Midterms und der verlorene Kompass