Archiv der Kategorie: football

Two sad alien creatures sitting on glowing soccer balls with reporters filming them in a neon-lit urban alley

WM 2026 – Die Discounter führten Regie

Es war eine Erlösung. Als das Finale abgepfiffen wurde. Zuviel hatte sich vorher ereignet. Nicht im Sinne des Fußballsports, sondern in Bezug auf seine Inszenierung, Kommentierung und letztendlich auch hinsichtlich der Art, wie das Spiel gespielt wurde und wer sich damit durchgesetzt hat. Um mit dem Sport selbst zu beginnen: Spanien hat sich durchgesetzt und ist Weltmeister, nach 16 langen Jahren der Rekonvaleszenz, was viele vergessen. Da kann man gratulieren. Mehr aber auch nicht. 

Ein kluger Sportjournalist, der die Berufsbezeichnung noch verdient, beschrieb das spanische Spiel als ein Gefängnis für den Gegner ohne sichtbare Gitterstäbe. So kann man es sehen und daran ist Wahres. Mir allerdings scheint die Art und Weise eher dem traditionellen Stierkampf zu entsprechen, weil der Gegner so lange provoziert wird, bis er die Contenance verliert und dann erfolgt der tödliche Stoß. So war es auch diesmal. Es hatte Erfolg. Schön anzusehen ist das nicht.

Ja, aber Argentinien, werden viele einwenden. Ja, Argentinien spielt, wenn es darauf ankommt, immer so. Hart, nahezu kriegerisch. Wer sich über den Auftritt der Mannschaft im Endspiel gegen Spanien aufregte, hatte das Finale 2014 gegen Deutschland vergessen. Da hatte man den deutschen Spieler Schweinsteiger als die zentrale Figur ausgemacht und wollte ihn unbedingt aus dem Spiel nehmen. Und er wurde, weil er das wusste und am Kopf blutend weiter spielte, zum Helden. Er blieb trotz massiver Attacken auf dem Platz und Deutschland wurde Weltmeister.

Wenn ein Torero auf einen Krieger trifft, wird das kein lustiges Bühnenstück. Das Spiel war eine Zumutung für die nicht parteiischen Zuschauer. Genau wie die gesamte Inszenierung. Mit einem Infantino, der dem amerikanischen Präsidenten zu gefallen suchte, einem Trump, der wie ein verwöhntes dickes Kind glaubte, es sei seine Geburtstagsparty und einer Halbzeitshow, die mit dem Attribut einer spätrömischen Dekadenz noch wohlwollend beschrieben ist. Der ganze Rotz, von den Eintrittspreisen bis hin zu den abgetakelten Showgrößen, auch noch eskortiert von übergewichtigen ehemaligen Idolen des Genres in leuchtender Ballonseide bis hin zu dem ganzen Schmu zum Schluss – das Spektakel war ein Debakel für den Sport.

Und bleibt man bei der These, dass ein Konnex zwischen Fußball und Politik existiert, dann war das ein Trauerspiel für den europäischen Kontinent, auch wenn, oder gerade weil Spanien, das Land, das sich bei der europäischen Einhelligkeit einen eigenen Standpunkt zutraut, den Titel holte. Der Rest scheiterte früh oder spektakulär, Köpfe rollten und Feindbilder wurden bemüht. Der globale Süden reüssierte weiter, noch hat es nicht gereicht, aber die Prognose ist berechtigt, dass der Tag nicht mehr in so weiter Ferne liegt.

Die mediale Performance passte zum Gesamtzustand. Viel Geschwätz, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und eine mächtige Kohorte von Besserwissern, die nie in der Verantwortung standen. Ach ja, auch Sündenböcke gab es en bloc, und da waren sich die Finalisten von 1966 wieder einmal einig, denn bei diesem Geschäft, bei der Suche nach Sündenböcken und der Verbreitung nationalistischer Hetze konnten die englischen wie deutschen Boulevards wieder glänzen.  

Was bleibt? Eine Tartan Army und norwegische Fans, die jenseits der Spiele amerikanische Herzen eroberten, scheidende Helden in Tränen, Tränen des Abschieds, Tränen in der Niederlage und Tränen der Freude, 2, 3 wirklich spektakuläre Spiele, hohe Umsätze, die Kassen klirrten, von der Substanz jedoch wenig Neues. Die Discounter führten Regie.

Die Discounter führten Regie
Cyberpunk city street with neon signs, two futuristic figures, one controlling holograms, another leaping over a glowing console

WM 2026 – Von Raum und Zeit, Zeter und Mordio

Eigentlich müsste man von morgens bis abends ausschließlich über die politische Entwicklung schreiben, weil sich der Eindruck verdichtet, dass selbst das freie Schreiben bald unterbunden wird. Wäre da nicht die Selbstverpflichtung, eine gewisse Aktualität zum fußballerischen Großereignis WM 2026 zu liefern. Doch, da winkt rettend wieder die These, dass Fußball und Politik gar nicht voneinander zu trennen sind. Die Halbfinals haben wieder einmal gezeigt, wie sehr die These stimmt.

Das so hoch gelobte Frankreich, das bis zum Aufeinandertreffen mit Spanien so brillieren konnte, wirkte matt und zahnlos gegen die spanische Art, den Ball zu führen. Die Solisten der Equipe Tricolore kamen zumeist gar nicht an den Ball, weil Spanien in bewährter Weise, als technisch versiertes Kollektiv und mit Nerven wie Drahtseilen den Gegner so lange zermürbte, bis dieser sich Unachtsamkeiten erlaubte, die gleich dem Gemetzel in einer Stierkampfarena zu tödlichen Stößen führte. Spanien bildet mit der Art und Weise, wie es Fußball spielt, ein konturiertes Gegenbild zum sonstigen Fußball. Es ist ein eigenes System, das auf Geschlossenheit, Perfektion und Geduld setzt und im Grunde das manifestiert, was der legendäre argentinische Trainer und Philosoph Louis Caesar Menotti einst so auf den Punkt brachte: Worin geht es beim Fußball? Ganz einfach, worum es immer und überall geht: um Raum und Zeit. Das hat man in Spanien beherzigt, begriffen und implementiert. Bis dato handelt es sich um ein Erfolgsrezept. Und, bleiben wir bei dem Konnex: Wüßten dies die aktuellen Außenpolitiker des schlingernden Westens, bliebe der Welt sehr viel Ungemach erspart. Den virtuosen Artisten des ehemaligen Kolonialreichs Frankreich blieb angesichts dieser Wucht nur der Untergang der metaphorischen Galeere. 

Beim anderen Duell, in dem das seit sechzig Jahren nach altem Glanz dürstende England auf Argentinien traf, waren Erscheinungsformen zu beobachten, die erneut an Louis Caesar Menotti erinnerten. Diesmal an seinen damals legendären Aufsatz mit dem Titel „Der Fußball und die Dritte Welt.“. Dort hatte er die damalige mentale Verfasstheit der argentinischen Nationalmannschaft als gezeichnet vom anti-imperialistischen Kampf bezeichnet. Und auch jetzt, mit dem Hinweis beider Seiten auf den Falkland-Krieg von 1982, in dem die britischen Streitkräfte die Hoheit über eine kleine Inselgruppe vor der argentinischen Küste verteidigten und das argentinische Schiff General Belgrano mit 649 Besatzungsmitgliedern versenkte, war nicht nur genug emotionaler Sprengstoff im Spiel, sondern auch gleich noch ein weiteres Lehrstück. Da versuchte das alte Empire den  Besitzstand bis zum Ende zu verteidigen und unterlag schließlich dem unbändigen Willen, der Dominanz eines alten Imperiums ein Ende zu bereiten. 

Dass dort, in der City of London, nach einer Niederlage, die vielleicht nicht zu vermeiden war, der imperiale Nationalismus sogleich aufkochte und sich diesmal gegen einen ausgerechnet deutschen Trainer richtete, verwies auf die Analogie hierzulande nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft. Auch da war gleich ein solitärer Sündenbock da. Es scheint sich als ein böses Symptom im Westen etabliert zu haben, nach dem eigenen Scheitern Zeter und Mordio zu schreien und nach Bösewichtern zu suchen und sich damit dagegen zu imprägnieren, nach Ursachen suchen zu müssen, die tiefer liegen. Das verleitet zu keiner guten Prognose.

Davon befreit sind nun die beiden aufeinander treffenden Teams aus Spanien und Argentinien, denn beide Länder gehen derzeit auch politisch ihre eigenen Wege. Spanien mutig und selbstbestimmt, Argentinien wild geladen und erratisch. Beide schlecht beäugt vom westlich dominierten Konsortium, aber, zumindest in diesem Turnier, zwei Favoriten für den Sieg.

WM 2026 – Von Raum und Zeit, Zeter und Mordio
Man counting money on rainy football field with shark near goal and crow

WM 2026 – Blinde Krähen, Money-Kokser und Blut witternde Haie

Rituale sind Vorgehensweisen, die sich wiederholen und von der entsprechenden Gemeinschaft als Sinn stiftend betrachtet werden. Nach dem Scheitern der deutschen Mannschaft gegen Paraguay griff man auf ein alt bewährtes dieser Rituale zurück. Der exklusive Sündenbock wurde öffentlich verbrannt. Das ist nicht typisch deutsch, aber in dieser Hinsicht ist man hierzulande allerdings ganz oben in der Ranking-Skala. Der Trainer hatte alles falsch gemacht und, abgeschwächt, die Spieler haben einfach nicht das Zeug. Jede noch so blinde Krähe meldete sich krächzend zu Wort. Kaum Erklärungsversuche, keine Vergleiche, die vielleicht Türen zu einer Relativierung geöffnet hätten, wie z.B. der Verweis auf Spanien, das auch drei Weltmeisterschaften nach dem Titel sehr schlecht abgeschnitten hat, oder, jetzt, auf die Mühe Frankreichs mit dem Gegner, der Deutschland nach Hause geschickt hat. Hat man den Bock gefunden, dann ist alles in Ordnung. 

Dass das DFB-Management nicht zum ersten Mal vor einem Turnier Verträge verlängert hat, kann man dem Trainer beim besten Willen nicht vorwerfen. Dass die Polit-Funktionäre dieses Verbandes die Gelegenheit nutzen, um von ihrem Dilettantismus abzulenken und in das Trainer-Bashing mit einstimmen, zeigt ihren Charakter. Und dass jetzt nahezu die gesamte Inquisitionsgemeinschaft in ein Hosianna auf den zu erwartenden Nachfolger einstimmt, zeigt das amöbenhafte kollektiver Strategie. Dieser nämlich hatte seine Kommentatorenrolle während des Turniers bereits dazu genutzt, um den verantwortlichen Trainer zu demontieren, was ihn charakterlich als nicht geeignet ausweist. Zudem hat man es bei ihm mit dem neuerlich auch in der internationalen Politik etablierten Money-Kokser zu tun. Auch das fällt nicht sonderlich auf im manischen Wunsch nach einer schnellen Lösung. Ja, der Fußball und alles um ihn herum, zeigt wieder einmal deutlich, wo der Hase im Pfeffer liegt. Selbstkritik, analytisches Denken und eine Strategie sind nicht zu finden. Schön kompensiert von kollektiver Hysterie. 

Dass der in den alten Kolonialmächten so gerne genannte globale Süden bis dato gezeigt hat, dass die Zeiten der leichten Kost vorbei sind wurde hingegen deutlich.  Alle vermeintlich Großen haben sich bis jetzt schwer getan und manche südlichen Lichter scheinen immer noch auf und es ist durchaus keine verwegne Prognose, dass vielleicht am Schluss jemand aus einem ausgeplünderten Kontinent die Trophäe in den Himmel heben wird.

Von der Art und Weise, wie das Spielgerät bewegt wird, ist vom System her nicht viel Neues zu berichten. Die Systeme sind etabliert und werden variiert. Den Unterschied machen Gladiatoren, die bei den großen, erfolgreichen und monetär potenten Vereinen ihr Geld verdienen und zur artistischen Weltklasse gehören.  Das ist, in Bezug auf eine Massensportart, ein Grund, um sich große Sorgen zu machen. Genauso wie der Ausschluss der schauenden Massen über den Preis. Wohin diese Entwicklung führt? Only Time will tell!

Zumindest ein Deutscher ist noch im Rennen, und zwar als Trainer der englischen Nationalmannschaft. Er zeigte auch, dass in seinem Heimatland nicht nur der Fußball, sondern auch das Wort einmal groß war. Er nämlich beschrieb diese international operierenden hochklassigen Unterschiedsspieler mit Haifischen, die, wenn sie Blut wittern, sofort da sind und sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. 

Was für ein Satz! Und was für ein Turnier, wenn ein solcher Satz zu den bisherigen Highlights gehört!

Blinde Krähen, Money-Kokser und Blut witternde Haie