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Older man and woman drinking tea at a table contrasted with young man and woman working on laptops in a café

Der Herbst hat auch noch schöne Tage!

Das Schicksal kann einem schon schlecht gesonnen sein. Da ist man in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts politisch sozialisiert worden und wird plötzlich mit den Herausforderungen, die das neue Jahrtausend mit sich bringt, brutal konfrontiert. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die Lebensweise der Menschen hat sich verändert, angefangen von der Art, sich zu ernähren bis hin zur Einstellung zur Arbeit. Die Arbeit selbst wurde mittlerweile revolutioniert, in ihr wird mit Techniken gearbeitet, die einmal als utopische Phantasien galten. Die Vorstellungswelten der Menschen, die mit ihnen arbeiten, haben sich ebenfalls geändert.  Das Sein, zumindest das konnte man bereits vor langer Zeit lernen, das Sein bestimmt nun einmal das Bewusstsein. Das Wandeln auf der Oberfläche ersetzte den Drang nach Tiefe. Die Rollen der Geschlechter haben sich ebenfalls geändert. Und mit diesem Wandel kamen andere gesellschaftliche Prioritäten zum Vorschein. Die Beziehungen wurden wichtiger als die Ergebnisse.  Der immer mehr zur Vollendung drängende Individualismus hat das Denken in gesellschaftlichen, kollektiven Zusammenhängen ersetzt.

Die Welt insgesamt hat neue Konturen bekommen. Die einstigen Verbündeten sind zu knallharten Konkurrenten mutiert, die, mit denen man meinte auf einer rationalen Ebene auszukommen, stehen in einem vermeintlich feindlichen Lager. Die große Utopie der engen Freunde, sich zusammen zu einem gedeihlichen Ganzen zu entwickeln, ist zu einer martialischen, zuchtmeisterlichen Administration degeneriert. Das Volk, der Plebs, der Mob, der Souverän, je nach Tageslaune und Betrachtungsweise, ist über alles informiert oder falsch gefüttert, ganz nach Sichtweise und, schlimmer noch, der gibt auch noch zu allem seinen Senf dazu. Und die Kodizes, die einmal in der Kooperation über so elementare Dinge wie die Diskretion bestanden, gelten nicht mehr. Jeder Flatulenz wird durchgestochen an die Megaphone der medialen Geschwätzigkeit.

Was, so fragen sich die Führerinnen und Führer der Geschäfte, ist noch machbar, welche Utopie ist noch angebracht, mit wem lässt sich noch zusammenarbeiten und welche Perspektiven machen noch Sinn? Das Konvolut der Unlösbarkeiten hat immense Dimensionen und, um einen alten Song der eigenen frühen Jahre zu zitieren, der Nervenarzt weiß auch nicht mehr, wie es weiter geht.

Was sagte der alte, weiße Mann, der in seinen späten Jahren noch einmal in die Arme einer jungen Frau fand, wenn sich diese etwas über seine Behäbigkeit und von ihm gepflegte Kontemplation beklagte? Der Herbst hat auch noch schöne Tage! 

Vielleicht liegt darin der Rat, den man den am Zustand der Welt Verzweifelten geben kann. Die schönen Tage, die verblieben sind, einfach zu genießen und zurückzutreten, um den Jungen die Möglichkeit zu geben, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Mit allen Fehlern, die benötigt werden, um etwas substanziell Wertvolles lernen zu können.  

Jede Zeit braucht ihre eigenen Konzepte. Und diejenigen, die ihre Jugend hinter sich gelassen haben, sollten die Größe besitzen, das Ruder an diejenigen zu übergeben, deren Zeit noch vor ihnen liegt. Es ist eine alte Weisheit, dass Schmerz und Verlust gute Lehrer sind, und selbst jede noch so gut gemeinte Fürsorge verhindert auch diese Lektionen, die so wichtig für ein erfolgreiches Leben sind. Loslassen ist ein guter Rat für diejenigen, die aus einer anderen Zeit stammen. Der Herbst hat auch noch schöne Tage! 

Der Herbst hat auch noch schöne Tage!
Black and white historic steamship with German and European flags on calm water

Auf dem falschen Dampfer

Wäre es nicht brandgefährlich, so könnte man kopfschüttelnd darüber schmunzeln. Die unwidersprochen vertretene Position von EU wie Bundesregierung zu dem Vorschlag des russischen Präsidenten Putin, Gerhard Schröder als Moderator für einen Prozess mit dem Ziel der Beendigung der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine einzusetzen, wird übersetzt als das Ansinnen Putins, Schröder als Vertreter der EU zu benennen. Schlüsselt man diesen Übersetzungsfehler auf, dann wird das ganze politische wie mentale Dilemma deutlich. 

Vielleicht noch einmal zum Verständnis. Russlands Motive, militärisch in der Ukraine zu intervenieren, ist in einer Abfolge von Aktivitäten seitens der EU, der NATO und dort vor allem der USA zu suchen. Das Ansinnen der Ukraine, Mitglied der EU zu werden, war nicht die Ursache.  Das von der EU zur Bedingung gemachte Junktim, wenn EU, dann auch NATO, schon. Der damalige, immerhin gewählte ukrainische Präsident wurde, nachdem er diesem Junktim widersprach, durch einen lancierten Putsch, bei dem auch anwesende US-Senatoren mit hochgehaltenen Waffen wie marodierende Faschistenverbände glänzten, gestürzt. Die Folge waren unter anderem Terror der neuen Regierung im mehrheitlich von Russen besiedelten Donbas und eine Besetzung der Krim durch Russland. In der Folge positionierten sich EU wie NATO auf der Seite der neu installierten Regierung und seit der russischen Intervention 2022 als aktive Kriegsverbündete der Ukraine. Vor allem aus der EU-Kommission wird seitdem immer wieder als Ziel formuliert, Russland zerschlagen und in kleinere Einheiten aufteilen zu wollen.

Wer nun glaubt, Russland würde, in welcher Form auch immer, Vertreter der EU als Moderatoren akzeptieren, hat die Zusammenhänge nicht verstanden. Die EU ist aktive Kriegspartei. Darum scheint es jedoch nicht zu gehen. Und wer glaubt, Russland werde direkt mit der EU verhandeln, um die Kampfhandlungen in der Ukraine zu beenden, irrt ebenso. Wer das Ziel ausgibt, nicht die Interessen der Ukraine zu vertreten, sondern Russland zu zerschlagen, hat das Interesse, den Krieg zu perpetuieren. Eigene Vorschläge für die Moderation eines Friedensprozesses existieren nicht. Dazu reicht über das nicht vorhandene Interesse auch die Phantasie nicht. Ein Lula da Silva hätte das Zeug. 

Dass ein Präsident Selenskij, der kein demokratisches Votum mehr besitzt und den nach Angaben eines amerikanischen Meinungsforschungsinstituts 30 Prozent der ukrainischen Bürger wegen Korruption vor einem Untersuchungsausschuss sehen wollen, kein Interesse an einer Beendigung der Kampfhandlungen hat, ist folgerichtig. Er will, darauf weisen die Militärschläge in Russland hin, die NATO mit in diesen Konflikt ziehen. Solange die Drohnen fliegen, rollen die Euros wie von selbst in die Kassen.

Koinzidenz dabei ist die seit dem Konflikt mit Russland und der Energieverteuerung schlingernde Industrie in Deutschland, die nun gelockt wird mit Militäraufträgen, und Unternehmen wie VW und Mercedes sind bereit anzubeißen oder haben bereits angebissen. Weitere Lobbys kommen aus der Rüstungsindustrie. Ein weiters makabres Signal ist der Börsengang eines deutschen Prothesenunternehmens. 

Dass die immer wieder an die Wand gemalte militärische Bedrohung der EU-Staaten durch Russland eine Trigger ist, um diese Geschäfte am Laufen zu halten, ist nachvollziehbar. Dass die Gefahr real ist, nicht. Daran ändert auch nichts die ständige Eskalationsrhetorik hiesiger Globalstrategen aus den Wahlkreisen Aalen-Heidenheim oder dem Rhein-Sieg-Kreis, und vom Verteidigungsministerium bis zum Kanzleramt setzt sich das Provinzielle und Eindimensionale fort. 

Die Einschätzung, die in den Metropolen dieser Welt geteilt wird, ist die, dass sich EU wie die Bundesrepublik Deutschland auf dem falschen Dampfer befinden, und konsequent Kurs auf seichte Gewässer halten.  

Auf dem falschen Dampfer
Medieval-themed rock band performing on stage with a costumed knight and enthusiastic audience outdoors

Albert Einstein und der ESC

Albert Einstein und der ESC

Dass ausgerechnet nach dem Spektakel des ESC, bei dem die für Deutschland ins Rennen geschickte Interpretin wieder einmal durch Juror- wie Publikumsvoten auf die hinteren Ränge verwiesen wurde, die Frage aufkam, woran diese erneut unterstrichene Missachtung liegen mag, vielleicht noch ein Wort zu der Veranstaltung. Die Bewertung ihres Stellenwertes aus der Branche selbst heraus als ein herausragendes Ereignis der europäischen Kultur ist verständlich. Wo das Geld verdient wird, spricht man nicht schlecht über das Angebot. Und wenn sich Prominente aus dem hiesigen Unterhaltungsbetrieb sogar dazu versteigen, diesen Superlativ an Massenkonsum und Hysterie bei gleichzeitiger künstlerischer Trivialität unwidersprochen als ein Signum der Demokratie zu bezeichnen, dann muss man sich über den mentalen Gesamtzustand aller Beteiligten große Sorgen machen. Nichts gegen diejenigen, die diese profane Form des Pomp und Circumstance zelebrieren wollen, jedem Tierchen sein Pläsierchen, aber auf dem Boden bleiben ist immer ein guter Rat. Und den gilt es zu befolgen.

Zum anderen existiert kein Ereignis und keine Gegebenheit, die nicht auch den Keim in sich trüge, durch richtig gestllte Fragen in einen produktiven Prozess geraten zu können. Und so ist die Frage, warum viele der Beteiligten so viel Missachtung gegenüber den Vertretern dieses Landes mit sich bringen, eine vernünftige. Man kann in Handlungsweisen und Auftreten eine Antwort suchen, es bietet sich aber auch an, vielleicht einmal positiv zu denken.

Dabei handelt es sich um die Betrachtung von Attraktivität. Was macht dieses schwer fassbare, jedoch stets wirkende Phänomen eigentlich aus? Dabei muss man vielleicht nicht gleich an ein Land, sondern zunächst an ein Individuum denken. Attraktive Menschen strahlen etwas aus. Auch das klingt zunächst mysteriös und bezieht sich auf so etwas wie Charme im Umgang, eine Art der Pflege seiner selbst, was wiederum einhergeht mit Selbstachtung wie Selbstbewusstsein. Und diese Ausstrahlung suggeriert vielleicht so etwas wie Ungewissheit im Sinne möglicher Reize,  um  Möglichkeiten, an die man noch gar nicht so recht gedacht hat, was dazu verleitet, Träume entstehen zu lassen. Träume, die nur deshalb zustande kommen, weil sich beim Überbringer des Reizes  ein durchaus sichtbares Können manifestiert. Umgang, Form, Selbstbild und Fähigkeit sind die Überschriften, hinter denen sich Attraktivität verbirgt.

Natürlich hat das alles mit der Kaufhausnummer und der unter den einzelnen Produkten angefteten Preisschilder eines ESC nichts zu tun. Dieses Discount-Bingo lässt man am besten hinter sich. Aber die Frage, was geschehen müsste, um dieses Land attraktiv zu machen, ist dennoch eine schöne Ableitung aus der angesprochenen Malaise, die doch viele bewegt.

In welcher Art geht dieses Land mit anderen um? In welcher Form präsentiert es sich in der Welt? Wie sieht es sich selbst? Existiert überhaupt ein kollektiv gezeichnetes Selbstbild? Und mit welchen Fähigkeiten kann es tatsächlich glänzen? Allein diese Aufreihung verrät, was beantwortet, erarbeitet und erledigt werden müsste, um mit einem attraktiven Profil in der internationalen Gemeinde auftauchen zu können. So hat jedes Debakel auch etwas Gutes. Oder, jedes Debakel kann etwas Gutes mit sich bringen. Man muss es nur wollen. Um den guten Einstein zu bemühen, wer immer wieder dasselbe macht und glaubt, er könne damit bessere Ergebnisse erzielen, dem ist nicht zu helfen!

Albert Einstein und der ESC