Archiv der Kategorie: food for thought

Allegorical painting labeled “FREEDOM,” “HAPPINESS,” “GREAT POWERS,” “COMPETITION,” “INFLUENCE,” “CONFLICT,” “RESOURCES.”

Das Märchen von Freiheit und Glück

Bereits vor Jahren beschrieb ein Kabarettist das, was uns hier in Deutschland und Europa erwartet, sehr treffend. Wenn Sie sehen wollen, wohin die seit Jahrzehnten hier praktizierte Politik führt, dann fahren Sie in die USA, so der gute Mann. Und er fuhr fort, dann kommen Sie zwar nicht zurück, aber Sie haben es zumindest gesehen. Das Endstadium eines ungezügelten Kapitalismus, mit der höchsten Zahl an Gefängnisinsassen weltweit, das Leben der einen in bewaffnet bewachten Compounds, während die anderen sich in den Elendsvierteln gegenseitig totschießen, mit Waffen, die ihnen die Reichen noch verkaufen. Und Leistungsträger, die nachts in ihrem Auto schlafen, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können und morgens vom Parkplatz aus ins Büro gehen.

Damals, als der Mann das Szenario beschrieb, wurde im Publikum noch kräftig gelacht. Heute sind einige der beschrieben Details bereits nah an der Realität und die Prognose ist nicht gewagt, dass die Beschreibung heute nicht mehr zu großem Gelächter führen würde. Und man muss konzedieren, dass die Entwicklung von einem Zustand der Systemkonkurrenz zwischen einem sehr fehlerbehafteten, despotischen und trägen Sozialismus und einem Kapitalismus, der sozialdemokratisch gebändigt schien, hin zum Ende der Geschichte, d.h. dem Kapitalismus ohne jegliche Schamgrenze sehr schnell ging. Alles, was Freiheit und Teilhabe derer anbetraf, die die Werte schaffen, wurde weggeputzt von einem gefräßigen Konfetti-Kapitalismus, der das Börsentreiben zum Gradmesser jeglicher politischer Entscheidungen gemacht hat. Das sozialdemokratische Zeitalter des Kapitalismus wurde schleunigst beerdigt. Das Kuriose dabei, quasi als historische Randnotiz, war allerdings, dass sich die Rudimente der Sozialdemokratie dabei noch als Sargträger betätigten.

Womit die Champagner trinkenden Triumphalisten am Tage des Zusammenbruchs des sozialistischen Lagers nicht gerechnet hatten, war die Tatsache, dass noch andere Kräfte in dem globalen Macht-Parallelogramm auftauchten. Zum einen die Volksrepublik China, die mit ihrer Art des Kapitalismus unter einer sozialistischen Ordnungsmacht ungeheure Entwicklungen nahm, eine an die historische Erscheinung der Bewegung der Blockfreien erinnernde Formation, die sich  BRICS nennt mit Staaten wie Brasilien, Südafrika, Indien und, ja, Russland. Letzteres hatte die Anarchie des Zusammenbruchs überwunden und als flächengrößtes und ressourcenreichstes Land des Planeten die Bühne als politische Kraft wieder betreten. Und, ob man es im Zeter und Mordio schreienden Westen hören will oder nicht, dieses Erstarken war einem die staatliche Ordnung wieder herstellenden Präsidenten Putin zu verdanken.   

Während in den Ländern des Kapitalismus der soziale Vorschlaghammer wütete, bildete sich global eine Front gegen die etablierte Form der Weltherrschaft durch den in der Tradition des Kolonialismus stehenden Imperialismus. Und um diese Frage geht es. Bleibt die alte Ordnung, in der die USA das Sagen haben, bestehen, oder drängen die neuen, dynamischeren Kräfte, erfolgreich auf eine andere Ordnung, in der ihre Interessen berücksichtigt werden? Seit formuliert wurde, worum es geht, herrscht Krieg. Und die verschiedenen Kriege, die geführt werden, fügen sich in ein Sinn-Schema ein, wenn man sie unter dieser Frage betrachtet.  Ukraine, Gaza, Libyen, Syrien, Afghanistan, Iran, bei all diesen Auseinandersetzungen, die allesamt von den USA angestiftet wurden, ging und geht es um die Frage, wer den Zugriff auf Ressourcen und  Handelswege hat. 

Die Freiheit und das Glück des spätbürgerlichen Individuums in dem geographisch kleinsten Teil dieser Welt ist das allerletzte Märchen, mit dem man die Satten in einer untergehenden Ordnung zu betäuben sucht.

Das Märchen von Freiheit und Glück
Mosaic of World Imperial Zones map labeled British, Spanish, Roman, Mongol, Russian, Ottoman, Persian, Qing, and other empires

Das Mosaik

So macht man das. Zuerst bezichtigt man ein Land, genauer gesagt dessen Staatsoberhaupt, krimineller Taten. Dann beginnt man, vermeintliche Zeugnisse der unterstellten Machenschaften zu vernichten. Dann, in einer Nacht- und Nebelaktion, überfällt man das Land militärisch und entführt den Präsidenten und holt ihn zu sich nach Hause, um ihn in Fußfesseln einem Richter der eigenen Justiz vorzuführen. Mit den in dem anderen Land nun in der Verantwortung Stehenden, die durch die Aktion eingeschüchtert sind, beginnt man Vereinbarungen zu treffen, die sich auf die Ausbeutung der in dem Land vorhandenen Rohstoffe beziehen und den günstigen Zugriff sichern. Gleichzeitig vereinbart mit einem anderen Land, in dem die Goldreserven des überfallenen Landes liegen, dass diese dem Finanzminister des eigenen Landes zur Verfügung gestellt werden, damit dieser dann „die Hilfen“ für das überfallene Land koordinieren kann.

Was sich anhört wie eine Revolvergeschichte eines unbegabten Autors, ist die im Lager der freien Welt kaum kommentierte, geschweige den kritisierte Räuberpistole einer um den Dominanz kämpfenden Weltmacht. Präsidentenkidnapping, Ressourcen- und Goldraub. Das Golddepot Venezuelas bei der Bank of England umfasst 3,1 Tonnen. Dass die so genannten Verbündeten, denen man, wenn man bei seriöser Berichterstattung bleiben möchte, die Bezeichnung als Komplizen geben muss, nicht nur schweigen, wie die teutonischen Weltstrategen, sondern auch noch aktive Hilfe leisten wie die immer bellizistisch außer Rand und Band geratenen Nachkommen des British Empire, dokumentiert einmal mehr den Charakter des Bündnisses. Es handelt sich um ein Syndikat. Und, unabhängig, was als Grund für die Anwendung von Gewalt auch genannt wird: Es geht immer um Ressourcen und Gold. Nie um Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechte, Selbstbestimmung oder Humanität. 

Im globalen Rahmen vermitteln die zur Zeit virulenten Konflikte der USA oder ihrer Komplizen mit dem Rest der Welt den eigentlichen Sinn. Es geht um die Weltherrschaft. Und dabei geht es neben den genannten Ressourcen auch um geopolitisches Gut wie Handelswege und den Zugang zu maritimen Passagen. Nimmt man alleine das chinesische, multilaterale Projekt der neuen Seidenstraßen, dann wird deutlich, warum es in Weißrussland den Versuch eines Regime-Changes genau zu dem Zeitpunkt gab, als dort ein großer Umschlagbahnhof besagter Seidenstraße fertiggestellt war, warum man in Afghanistan einen Krieg geführt hat, warum seit langem der Iran auf dem Zettel einer militärischen Lösung steht, warum Russland filetiert werden soll, was expressis verbis immer wieder von den Agenten der EU laut und vernehmbar formuliert wird. Und letztendlich, warum die Nervosität in Sachen Taiwan so hoch ist, weil dort das Weltzentrum der Chipherstellung ist und es trotz aller andersartigen Berichte exzellente Wirtschaftsbeziehungen mit der Volksrepublik China gibt.

Gelingt es nicht, das Konzept der neuen Seidenstraße zu konterkarieren, gelingt es nicht, Russland zu einem willenlosen Ressourcenlieferanten zu degradieren und gelingt es nicht, das BRICS-Bündnis zu torpedieren, gelingt es nicht, die arabischen Staaten am Petro-Dollar zu halten, und gelingt es nicht, Resteuropa zu einem Militärstützpunkt zu degradieren, dann sind die Träume von der alleinigen Weltherrschaft ausgeträumt. 

Die Komplexität der Agenda zeigt, wie verzweifelt die Lage sein muss im transatlantischen Hauptquartier. Dass die Lage, so brisant und furchtbar sie auch ist, sich noch so im Rahmen hält, zumindest aus der Sicht der Bewohner westlicher Länder, liegt vor allem an der bis jetzt noch an den Tag gelegten Besonnenheit derer, die unisono als das Lager des Bösen bezeichnet werden. Einfach nur die verschiedenen Aktionen bilanzieren. Dann fügt sich das Mosaik zusammen. 

Das Mosaik
Team using digital devices in neon-lit futuristic Hong Kong

Drei Prinzipien

Manchmal scheint es etwas absonderlich zu sein. Dass man erst bei einem Rückblick auf Ereignisse, an denen man selbst beteiligt war, die Tiefe und Essenz erst richtig begreifen kann. Obwohl alles so geplant, initiiert und gemacht worden war und die Intention deutlich zu entziffern war. Aber im Augenblick der Handlung ist wenig Zeit für eine ausführliche Reflexion. Und so sehr immer betont wird, dass alles, was man in Angriff nimmt, irgendwann auch auf seine Wirkung evaluiert werden muss – meistens geschieht es dann doch nicht. 

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, mich noch einmal zu einem Prozess zu äußern, den wir als großen Veränderungsprozess angekündigt hatten und der sich, aus der heutigen Sicht betrachtet, ganz anders als geplant gestaltete. Das, was wir strukturell verändern wollten, ist mittlerweile den Gravitationskräften der faktischen Macht gewichen. Aber der Geist, mit dem wir zu Werke gingen und die Menschen, die wir gewinnen und fördern konnten, sind geblieben. Und sie gehen heute in ganz anderen Kontexten neue Wege.

Allerdings die Prinzipien, nach denen wir gelebt haben, die, so war auch jetzt nach Jahren mein Resümee, die hatten es in sich und sie sind heute mehr denn je ein Qualitätsmerkmal für eine gute Vorgehensweise, der man durchaus den Begriff von Politik zusprechen kann.

Was waren nun die drei Prinzipien, die sich jeder merken konnte, ohne gleich in einem großen Konvolut nachsehen zu müssen?:

  1. Wir leben den Anspruch und halten den Laden am Laufen. 
  2. Wir sind großzügig in den kleinen Dingen und bleiben konsequent bei den großen.
  3. Wir sind loyal nach unten. 

Punkt eins versuchte deutlich zu machen, dass die Leistungen, die man von uns erwartete, erbracht wurden. Allerdings in einem Geist und in einer Qualität, die der formulierten Strategie entsprachen.

Punkt zwei war die ausdrückliche Abkehr von einem kleinlichen Dogmatismus. Wir wollten menschlich sein und die Fehler, die Menschen machen, wenn sie Neuland betreten, nicht skandalisieren. Anderseits sollten die großen Zielsetzungen nicht verhandelbar sein.

Punkt drei sollte deutlich machen, dass wir uns selbst bei Fehlern und Problemen hinter alle stellten, die mit uns zusammen arbeiteten. Wir stellten uns auch bei schwierigen Situationen hinter diejenigen, die für uns handelten und übernahmen die Verantwortung.

Das alles klingt auf den ersten Blick nicht sonderlich revolutionär, ist aber, bei der Betrachtung aktueller Verhältnisse, nicht das, was man als verbreitetes Phänomen beobachten könnte. Die Resonanz auf diese Erinnerung war überwältigend und die Kritik an bestehenden Verhältnissen wurde sehr deutlich geäußert.

Das Positive bei diesen drei Prinzipien ist ihre universelle Verwendbarkeit. Man kann sie für sich persönlich reklamieren,  in organisatorischen Kontexten, in Betrieben, in Vereinen, in Familien wie in der Politik. Und dieser Verweis hat meines Erachtens besonderes Gewicht. Und es stellt sich die Frage, bei der Betrachtung der aktuell zu beobachtenden Politik hierzulande, ob es den Verantwortlichen gelingt,

  • einen wie auch immer gearteten Anspruch zu formulieren und gleichzeitig den Laden am Laufen zu halten,
  • kleine Fehler und Abweichungen zu tolerieren, aber an den großen Linien festzuhalten und nicht als verhandelbar zu betrachten, und
  • Als Hierarchie loyal nach unten zu sein.

Die Beurteilung dieser Fragen obliegt Ihnen. Ohne sich einer bestimmten politischen Partei oder Richtung verpflichtet zu fühlen, kann die Übung – wieder einmal – Ergebnisse zutage fördern, die es in sich haben.

Drei Prinzipien