Archiv der Kategorie: comment

Group of protesters demanding justice and law rights, man in front holding book and whip

Das Prinzip von Regel und Sanktion

Ist erst einmal eine Art mentale Aufweichung erreicht, fällt es schwer, über einige Entwicklungen noch ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen. Dann wird gleich gezetert, wenn nur der eine oder andere Begriff genannt wird, weil dieser auf dem Index steht, der von den Menschen, die in großen Kohorten immer mehr den Hunden des russischen Physiologen Iwan Pawlow gleichen, bis in die Tiefen verinnerlicht wurde. Dann springen sie auf und beißen, und sie verweisen auf die vielen Bedrohungen und Feindbilder, die ihnen von ausgerechnet denen eingebläut wurden, die immer mehr, bis hin zur optischen Erscheinung, denen gleichen, die George Orwell so treffend in seiner Parabel „Animal Farm“ gezeichnet hat. 

Nehmen wir ein Beispiel, das mit dem Rest der Welt erst einmal sehr wenig zu tun hat. Reden wir über die Aussage, die Bundesrepublik Deutschland sei ein Rechtsstaat. Der Begriff, der auch im Text der Hymne mit der Formulierung „Einigkeit und Recht und Freiheit“ umschrieben wurde. Nähme man gegenwärtig die drei dort erwähnten Gütezeichen eines Staatswesens und überprüfte sie mit dem gegenwärtigen Zustand, dann ist, so bitter die Erkenntnis, weder etwas von Einigkeit, noch von Recht und immer weniger von Freiheit zu spüren.

Doch der Reihe nach! Die Vorstellung, dass ein Staatswesen auf dem Recht basiert, impliziert, dass die Bürgerinnen und Bürger, die in ihm leben, vor allem mit Rechten ausgestattet sind. Was banal klingt, ist in unseren Tagen jedoch essenziell. Denn das Rechtsverständnis, das sich in den letzten Dekaden durchgesetzt hat, ist die Limitierung von Rechten, um deren Missbrauch zu verhindern. Die Logik ist alt und immer eine Gewährleistung für den Verfall von Recht, Freiheit und die Einbuße der Einigkeit. 

Sieht man sich die Gesetze an, die in großer Anzahl in den letzten Dekaden verabschiedet wurden, so sind nahezu keine dabei, die die Entscheidungsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger erweitert hätten. Es handelte sich immer um deren Einschränkung, und nicht selten, indem vorher das Grundgesetz geändert wurde, um dies tun zu können. Und selbst wenn es um den Wunsch der Verhaltensänderung geht, muss entweder ein Gesetz her, das sanktioniert, oder, noch besser, eine Steuer, die die Freiheit, sich für etwas zu entscheiden oder zu tun zu einem sozialen Privileg macht. Wer über die nötigen Mittel verfügt, kann die Freiheit ausleben, wer sie nicht hat, muss leider passen. Betrachtet man die derzeitigen Pläne für erneute und erhöhte Steuern auf Zucker, Nikotin und Alkohol, wie auch beim Benzin, dann ist genau dieses dokumentiert. 

Deutlich wird mit jeder aus dem Parlament geborenen Initiative, dass in keinem Fall mehr auf die Entscheidungskompetenz der Bürgerschaft gesetzt wird. In Aufklärung und Überzeugung zu investieren, wird als vergebene Liebesmüh abgetan. Stattdessen setzt man, und zwar kollektiv, auf das bewährte und undemokratische Prinzip von Regel und Sanktion. 

Insofern ist es richtig, nicht von einem Rechtsstaat zu sprechen, wenn der gegenwärtige Zustand beschrieben werden soll, sondern von einem Gesetzesstaat. Der Text der Nationalhymne ist pure Illusion. Dass es allerdings Initiativen gibt, diesen Text zu ändern, um die woke Illusion zu füttern, macht gar nichts besser. Ein weiteres Indiz für die mentale Verwahrlosung. Das Recht, das auf Freiheit basiert und in seiner Einschränkung allen Freiheit gibt, ist durch keine Sanktion zu ersetzen.

Das Prinzip von Regel und Sanktion
Man petting a bear at poker table with soldier playing cards

Gerhard Schröder und die Diplomatie

Wie verloren das Land ist, kann an den Reaktionen auf den Vorschlag des russischen Präsidenten Putin, den ehemaligen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Gerhard Schröder, als Vermittler in einem den Frieden suchenden Prozess zwischen Russland und der Ukraine einzusetzen, gut gelesen werden. Nicht, dass es keine ehemals aktiven wichtigen Politiker gäbe, an deren Wirken auch im Nachhinein nicht Kritik geübt werden könnte. Und nicht, dass man sich der Illusion hingäbe, mit der Benennung eines solchen sei das Ziel nahezu erreicht. Doch, das ist bereits der erste Hinweis, den man sowohl der gegenwärtigen Bundesregierung als auch den krakeelenden Hinterbänklern, die sich im Konflikt des Krieges sonnen, geben muss, darum geht es gar nicht.

Wenn Konflikte einen Zustand erreicht haben, in denen es für beide Seiten keine sonderlich verbesserte Perspektive mehr geben kann, dann ist die Stunde gekommen, sich an einen Tisch zu setzen und alle Karten zu zeigen. Dass, bei allem, was an Verlust, Ressentiment, Verleumdung und Hinterhalt in einem Krieg geschehen ist, nicht jemand aus einer der beiden Parteien einen solchen Prozess moderieren kann, liegt auf der Hand. Wladimir Putin hat nun einen Vorschlag gemacht. Nun wäre auf ukrainischer Seite zu prüfen, ob dieser Vorschlag für sie akzeptabel ist oder nicht. Niemand sonst kann diese Entscheidung treffen. Und die Ukraine wäre, bei aller Anmaßung, gut beraten, wenn sie nicht auf diejenigen hören würde, die diesen Krieg mit verursacht und in die Länge gezogen haben, indem sie Friedensmöglichkeiten bewusst torpediert hätten. Der Brite Boris Johnson hat sich dabei bekanntlich besonders profiliert.

Unter diesem Aspekt der Betrachtung ist das unqualifizierte Gejohle der offiziell deutschen Seite unter anderem ein Zeichen für die längst vollzogene Entmündigung der Ukraine. Weder die deutschen Lobbyisten der Rüstungs- und Prothesenindustrie, noch die diplomatischen Einzeller aus den Parteien haben das Recht wie die Kompetenz, den Vorschlag der russischen Seite zu bewerten. Und, auch das ist ein Indiz für den Unwillen der selbst ernannten Fraktion der Willigen, existiert nur ein einziger wohl und ernst gemeinter Vorschlag für eine Moderation zwischen den beiden Kriegsparteien?

Nein. Das ganze Gerede, oder besser, das komplette bellizistische Gestammel von Bundesregierung, Hinterbänklertum und offiziellem EU-Funktionärskonsortium repliziert bis zum Erbrechen das Ziel der vollständigen Unterwerfung Russlands. Es basiert auf der internalisierten Lüge einer einseitigen Verursachung des Konflikts durch den russischen Präsidenten in Person, was wiederum zeigt, in welchen infantilen Regionen sich die Polit-Elite eines schlingernden Gemeinwesens befindet. Wenn sich Geldgier und politischer Dilettantismus paaren, spielt man international keine Rolle mehr.

Und damit ist der entscheidende Aspekt bei der Erwägung des russischen Vorschlags, ob Gerhard Schröder nun wird vermitteln oder nicht, bereits geklärt. Die deutsche, offizielle Seite, spielt bei der Entscheidung darüber keine Rolle. Wie in vielen anderen Punkten auch nicht. Nicht mehr. Der Verweis auf ein nun bereits seit einer halben Dekade andauernden diplomatischen Desasters sollte genügen, um darauf hinzuweisen, dass es hier und heute höchste Zeit wäre, aus dem diplomatischen Totalschaden einer realitätsfernen, größenwahnsinnigen und die Welt bekehren wollenden Politik so schnell wie möglich herauszukommen.

Übrigens: dass Gerhard Schröder etwas von dem Geschäft versteht, für das er vorgeschlagen wurde, sieht man daran, dass er bis heute schweigt. Das ist eine gute Referenz!   

Gerhard Schröder und die Diplomatie
Survivors in lifeboats near the sinking Titanic with crew signaling and dark stormy sky

Das Logbuch der Titanic

Man kann ihm ja vieles nachsagen. Dass er erratisch an die Dinge herangeht. Dass er bereits vor vierzig Jahren ein politisches Auslaufmodell war. Dass er sich dem Populismus verschrieben hat. Dass er lügt. Dass er betrügt. Dass er keine Vorstellung davon hat, wie der Großteil der Bevölkerung lebt. Dass er nur an sich und seine Interessen denkt. Dass er bei aller Vollmundigkeit in seinem tiefsten Inneren auch durch Angst gesteuert wird. Aber einmal, und zwar vor wenigen Tagen, da hatte er einen lichten Moment. Oder, um es anders auszudrücken, da war er der Wahrheit ganz nahe. 

Da war er einmal wieder eingeladen in so eine Polit-TV-Manege, da, wo er nichts zu befürchten hatte. Quasi in die Wohlfühl-Zone der politischen Selbstreflexion. Mit einem affirmativen Visa-vis in post-juveniler Frauengestalt, das ihm garantiert nicht auf den Leib rücken würde, selbstverständlich im rein politischen Sinne. Da konnte er sich wieder selbst darstellen, wie es ihm an diesem Abend opportun erschien. Da konnte er die grundlegenden Fehlannahmen seiner Politik reproduzieren. Da konnte er die Zweckentfremdung des größten Schuldenpaketes in der Geschichte dieses Landes schönreden. Da konnte er sein Credo wiederholen, dass die Anstrengungen derer, die den Laden am Laufen halten, gesteigert werden müssten, dass sich die Leistungen für diejenigen, die die Kassen füllten, auf dem Niveau sich nicht würden halten lassen, dass die Kosten, um das basale Leben zu bezahlen, wohl würden steigen müssen. Und dass der Staat trotzdem, wegen der Feinde ringsum, dennoch mehr Geld benötige. 

Das alles wurde so hingenommen, als gehöre es zur Normalität. Was bei genauerer Betrachtung seit vielen Jahren bereits stimmt. Die Effektivität staatlicher und para-staatlicher Leistungen lässt nach, die Legitimität des politischen Systems wird schwächer und schwächer und die propagierte Alternativlosigkeit einer fehlerhaften Politik hat etwas hervorgebracht, das an Absurdität die Klimax darstellt: Die alternativlose Politik hat einen Zustand erwirtschaftet, dass es so erscheint, als gäbe es zu dieser Form der Politik keine Alternative. Vielleicht ist das der einzige Punkt, in dem diese Art der Politik erfolgreich war.

Und genau da, an diesem Punkt, traf der König der Selbstverblendung ins Schwarze. Als ihn die Gesprächsmamsell dann doch einmal fragte, ob die gegenwärtige Regierung in ihrer Koalitionsform noch länger durchhalte, replizierte er völlig richtig, dass ihr Sturz auf keinen Fall etwas Besseres hervorbringen könne. 

Was wie ein parlamentarischer Treppenwitz klang, transportierte die traurige Wahrheit. Nämlich die Tatsache, dass die im Parlament Vertretenen zu keinem Kurswechsel fähig sind und dass selbst bei Neuwahlen wohl nichts zustande käme, was die Verhältnisse substanziell zu ändern in der Lage ist.

Der Besagte hatte damit nicht nur Recht, sondern er validierte damit das Testat, dass dieses Land es nicht nur mit einer Parteien-, sondern mit einer ausgewachsenen Systemkrise zu tun hat. Die Protagonisten, verfangen in alten Gewissheiten und verliebt in überkommene Lösungsansätze, werden den Kurs auf den Eisberg nicht mehr ändern können. Und – auch nicht wollen! 

Man muss sich nicht mehr echauffieren über die vielen Kübel Gift, die die verschiedenen Kontrahenten aus dem Lager der Überforderung übereinander ausschütten. Dabei kommt nichts mehr heraus. Die Lektüre, der wir uns widmen müssen, ist das Logbuch der zeitgenössischen Titanic. Niedergeschrieben in germanischen Runen.

Das Logbuch der Titanic