Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 107. Kassandra und die Rheinische Verfassung

Der Glaube an die ewige Resilienz resultiert aus einer langen Erfahrung. Er steht sogar in der rheinischen Verfassung: Et hätt noch immer jot jejange! Gemäß dieser Maxime ist vieles möglich. Dagegen steht die ewige Kassandra. Sie ist der Überzeugung, dass jede kleine Eintrübung der Verhältnisse zum Weltuntergang führen wird. Für beide Weisen der Weltsicht existieren in der deutschen Gesellschaft große Lager. Die große Kunst besteht darin, sich aus diesem babylonischen Stimmengewirr einen Reim zu machen. Prophezeiten die einen ein gutes Ende, sind die anderen bereits gefühlsmäßig in der Hölle.

Und nicht, dass der Eindruck entstünde, diese gewaltige Polarisierung sei ein Problem, das sich auf bestimmte Klassen, sonstige Sozialformationen, Berufsgruppen oder Alterskolonnen reduzieren lasse! Nein, die Kluft ragt durch die gesamte Gesellschaft. Und auch die Überlegung, es handele sich um ein neues, historisch bislang unbekanntes Phänomen, ist nichts als der Versuch, mit dem existierenden Wahnsinn in eine Art Kohabitation zu kommen. Es war schon immer so, von den Nibelungen über die Deutschherren, den teutonischen Übermenschen bis hin zu den zeitgenössischen Berliner Zwergen. 

Die Stämme, Bündnisse und Gesellschaften, die sich durch diese mitteleuropäische Geschichte geschlichen haben, mal klamm heimlich, meistens jedoch unter lautem Getöse, waren alle so: mental tief gespalten, getrieben von manch genialem Kopf, aber nie geprägt von einer soliden Staatskunst. Sieht man sich nur die historischen Karten und die auf ihnen angesiedelten kulturellen Zentren an, in denen das deutsche Gedankengut einst eine große Rolle gespielt hat, dann muss festgestellt werden, dass das Terrain immer reduzierter wurde, weil ein kollektiver Pragmatismus fehlte. Entweder verlor man sich in kleinkariertem Gewusel, oder man erstickte an einem überdimensionierten Machthunger, der mit den realen Möglichkeiten und der Existenz anderer Akteure nicht zu vereinen war. 

Und jedes Scheitern wiederum speiste beide Lager: Diejenigen, die mit einem burschikosen Rückblick auf zahlreiches Gelingen sogleich davon zu schwärmen begannen, dass es immer doch wieder gut gegangen sei und die anderen, die seit jeher wussten, dass das alles nicht gut gehen konnte. Sie wussten es immer schon, nur gehört, gehört hat leider niemand auf sie!

Und so wird es weiter gehen, solange die teutonische Uhr zu ticken vermag. Das Leben in dieser Sphäre wird immer geprägt sein von somnambuler Zuversicht und höllischer Verzweiflung zugleich. Kein noch so rationaler Ansatz wird Abhilfe schaffen. Und obwohl es immer zahlreiche kluge Köpfe gab, die das alles gut erklären konnten und die sogar wussten, wie der über Epochen währenden Tragik ein Ende bereitet werden könnte – gehört wurden sie nie. Oder immer erst, wenn es zu spät war. Aber das ist nun einmal das Wesen der Tragik. Kein Weg führt zur Erlösung und kein Wissen verhindert das Scheitern.

Begnügen wir uns mit einem Theaterplatz in einem Stück, in dem wir selbst mitspielen. Unsere Rollen sind festgelegt. Und obwohl wir uns von Rang wie Loge aus so manches Mal zurufen, dass wir das so nicht machen sollten – hören tun es die Akteure nicht. Obwohl wir beides sind, Mimen wie Beobachter. Auch das wird sich nicht ändern. Es ist wohl das Schicksal, wenn man in diesem Areal sein Leben fristet. Nur klagen sollten wir nicht: Unsere Bäuche sind voll, und anderen geht es wahrlich schlechter. Nur unsere Zeit, die ist begrenzt.    

Kassandra und die Rheinische Verfassung

Ostenmauer – 106. Freiheit und Glück

Das bürgerliche Zeitalter drehte sich immer um die Individualisierung. Es ging um die Vervollkommnung des Einzelnen, im Hinblick auf seine Fähigkeiten wie seine Bedürfnisse. Es handelt sich dabei um ein europäisches Modell der Neuzeit und nicht um ein universalistisches Prinzip, das von der Geschichte abgekoppelt ist. Berühmt bleibt der Satz des Chinesen Tschou En-Lai, der davor warnte, schnelle Schlüsse hinsichtlich des Projektes der bürgerlichen Revolution zu ziehen, denn das Ganze läge erst zweihundert Jahre zurück und eine Beurteilung sei etwas vorschnell. Als Chinese hatte er mit diesem Zeitraster zweifelsohne Recht, Europäer oder Amerikaner halten eine derartige Historisierung für weltfremd. Was bleibt, ist die Frage, ob die Individualisierung mehr Glück in die menschliche Existenz gebracht hat. Denn das war das Ziel: Freiheit und Glück.

Das Projekt der bürgerlichen Individualisierung erfährt allein schon dadurch eine Relativierung, als dass es in vielerlei Hinsicht schlicht um eine Metapher und nicht um eine tatsächliche kollektive Existenz ging. Im bürgerlichen Individuum wurde die Fähigkeit des einzelnen, kompetenten und produktiven Menschen gesehen, der in der Lage sein sollte, fern von den Zwängen der feudalen Ordnung auf einem weit agierenden Markt seine Individualität und alles, was daraus resultierte, zu vermarkten und zu einem ökonomischen Prinzip zu machen. Das gelang einem Teil der Kaufleute und zu einem Großteil den späteren Fabrikbesitzern. Diejenigen, die nicht über den Status des bürgerlichen Besitzes verfügten, d.h. diejenigen, die weder Maschinen noch Lagerhallen besaßen, hatten dort im Auftrag der Besitzer zu arbeiten. Ihre Individualität blieb immer nur ein Rechtszustand, real im Sinne wirtschaftlicher Rendite war er nie.

Da Absurde an der kurze Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft ist die immer schnellere Wiederholung des Mantras mit dem Ziel, aus seiner ursprünglichen Aussage einen Massenzustand zu machen. Was das heißt? Der Individualismus wird nicht als reale Existenzform eingelöst, sondern als Kollektivsymbol vermarktet. Der viel gepriesene Individualismus dient lediglich als Label, um die Illusion zu verkaufen, das einzelne Individuum sei kurz vor dem Ziel. Was es in der Realität jedoch nicht ist. Der Vorzug, der in diesem Vermarktungsmechanismus liegt, besteht einerseits im Verkauf der Idee und andererseits in der Verhinderung von Zusammenschlüssen von Menschen in gleicher Lage.

Das Vertreten der eigenen Interessen im Verbund mit anderen Betroffenen kann unter dem Label der Individualität nicht stattfinden, weil jedes Bekenntnis zu einem interessengeleiteten Kollektiv wie ein Verrat an der Freiheit des Einzelnen erscheint. Der jetzige Zustand des bürgerlichen Individualismus ist zu einem mächtigen Fake News degeneriert,  weil die Uniformität der Einzelnen nie größer war als auf dem heutigen Massenmarkt der Globalisierung. Alles, was noch die Note der Individualität hätte beflügeln können, ist von einem sich rasend schnell reproduzierenden Markt verschlungen. Alles, was die Bedürfnisse des einzelnen Menschen befriedigen soll, ist global gleichgeschaltet. Historische, ethnische, kulturelle und sprachliche Diversität ist ersetzt durch Marktstandards in Ware, Sprache und Verhalten. 

Das große Ziel der individuellen Vervollkommnung hat sich zu einer Orgie der Standardisierung entwickelt, in der bestimmte Serien produziert werden, die eine immer kürzere Halbwertzeit auf dem Markt haben. Freiheit und Glück sind im Massenpulsschlag nicht zu haben, wer danach strebt, dem bleibt nur die Eremitage. Für eine Gesellschaft als Modell ist das zu wenig. Für ein Kollektiv, das dennoch eine individuell akzeptable Zukunft anstrebt, auch.   

Freiheit und Glück

Ostenmauer – 105. Dankbar, wenn auch manches schwer fiel…

Wie oft habe ich sie vernommen! Die Stimmen aus dem eigenen Ich wie aus meinem sozialen Umfeld. Die mir rieten, mich doch mit anderen Kräften und Mächten zu vereinigen. Um meinen Wirkungsgrad zu vergrößern. Um meinen Einfluss in einem ganz anderem Ausmaß zu steigern. Um meine eigene Position zu festigen und auszubauen. Ich habe es nie gemacht. Ich weiß nicht, welches Erlebnis es war. Ich weiß nicht, wer mir den Rat gegeben hat. Und ich weiß nicht, wann ich selbst zu dieser Erkenntnis gekommen bin. Aber irgend etwas in mir, das stark war und jeder Versuchung widerstand, hat mir gesagt, dass es besser sei, den steinigen Weg zu gehen, zu verharren, wo ich bin und das Brot zu essen, das auf dem Tisch lag, als mich auf Allianzen einzulassen, die mich dazu gezwungen hätten, meine Unabhängigkeit als Währung in die Zahlschale zu werfen. 

Nicht, dass ich Allianzen per se für etwas Falsches halte! Ganz im Gegenteil. Wenn sich Interessen treffen und alle, die diese vertreten nach eigenem Ermessen für einen bestimmten Zweck bereit sind, einen Tribut zu entrichten, dann bin ich dabei. Aber es gibt auch falsche Allianzen. Sie zwingen dich, irgendwann Dinge zu machen und zu vertreten, die deiner Überzeugung widersprechen. So etwas läßt sich schnell identifizieren. Und wer sich auf so etwas einlässt, ohne lange zu überlegen, um eines Vorteils Willen, der hat diese Gunst mit einer sehr hohen Rendite irgendwann zu bezahlen. 

Ich habe mir diese Menschen zur Genüge ansehen können. Sie reüssierten schnell und viele, die das sahen, raunten mir zu, ich sei ein Dummkopf, weil ich es nicht genauso machte. Aber irgendwann kam der Zahltag. Dann mussten sie Dinge tun oder vertreten, die ihnen peinlich waren. Dann konnten sie dir nicht mehr in die Augen schauen und gingen dir aus dem Weg. Und zum Schluss, wenn die große Kurve der Entwicklung ihrem Ende zuging, dann sah ich zumeist unglückliche Menschen. In einem unglücklichen Umfeld. Und alles Geld und aller Status verhalf zu keinem Trost mehr. 

Deshalb bin ich heute dankbar. Sehr dankbar, dass ich ein Sturkopf war und meiner Unabhängigkeit mehr Wert beimaß als allem Tand der Welt. Wie heißt es so schön im Invictus? Mein Kopf ist blutig, aber ungebeugt. Und wenn ich heute sehe, was viele Menschen, die ich über lange Jahre habe beobachten können und die sehr viel konnten und wollten, wenn ich sehe, was sie heute alles erzählen müssen, um im Geschäft des Lebens zu bleiben, dann erfüllt mich große Trauer. Aber Mitleid, Mitleid habe ich nicht. Oder wie pflegte mein Freund vom Indischen Ozean, der die Welt ohne einen Cent in der Tasche bereist hatte und alle Höhen und Tiefen des Lebens als direkter Zeuge gesehen hatte? Wer mit dem Teufel ins Bett geht, pflegte er zu sagen, darf sich nicht wundern, wenn er die Hölle auf Erden erlebt! 

Dankbar, auch wenn manches schwer fiel…