Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 104. Den Anspruch leben und den Laden am Laufen halten!

Ein Slogan hat, bereits lange bevor er mir bewusst war, mein Leben in erheblicher Weise bestimmt. Selbst in Phasen meines Berufslebens, wenn es um gravierende Veränderungsprozesse ging – und um die ging es fasst immer, denn ein Konsolidierer war ich nie – stand er in großen Lettern auf meiner mentalen Leinwand: den Anspruch leben und den Laden am Laufen halten! Das hört sich einfach an, und, ehrlich gesagt, mir fiel es aber nicht sonderlich schwer. Teilt man den Slogan auf und lässt die einzelnen Teile isoliert für sich stehen, dann fällt sehr schnell auf, dass die Sätze für sich das eigentliche Lebenselixier der meisten Menschen sind.

Die einen entscheiden sich dafür, den Laden am Laufen zu halten, d.h. dem Tagesgeschäft mit seinen eigenen Gravitationskräften nachzugehen und die Ordnung, die sich daraus ergibt, zu konservieren. Diese Fraktion erwehrt sich auch mit dem Argument, dass die Geschäfte weiterlaufen müssen, gegen jedes Ansinnen auf Veränderung. Die andere Seite orientiert sich vollends auf das Mantra, den Anspruch leben zu wollen und blendet dabei die Notwendigkeit einer alltäglich Ordnung aus. Oft werden die Tagesgeschäfte sogar beargwöhnt und als überflüssig bezeichnet, solange nicht der Anspruch zur gelebten Wirklichkeit wird. 

So stehen sich, in der real existierenden Welt, zumeist zwei Fraktionen gegenüber, die sich gegenseitig befehden und denunzieren. Die einen werden als Verhinderer beschrieben, während die anderen mit dem Attribut der Phantasten leben müssen. Das Gefährliche dabei ist, dass  tatsächlich nicht wenige Prototypen für beide Seiten existieren. Das Resultat ist in der Regel Stillstand und Verwerfung.

Es war immer mein Bemühen, den Widerspruch dieser beiden Welten durch Symbiose zu verbinden. Nur, wenn ich glaubte, in der Lage zu sein, die Tagesgeschäfte, egal welchen Charakters, zu führen, erlaubte ich mir, einen Anspruch, der futuristischen Charakter hatte, zu formulieren und das Tagesgeschäft auf diese Zielrichtung auszurichten. Alles, was du heute tust, muss auch morgen, unter veränderten Bedingungen, Bestand haben können. 

Es ist keine Überraschung, dass die Überlegungen zu Strategie und Taktik mit dieser Lebensauffassung sehr eng verwandt sind. Die Taktik widmet sich den konkreten Bedingungen des Jetzt und die Strategie formuliert den gewünschten Zustand im Morgen. 

Ich war immer der Auffassung, dass das Attribut des Strategen oder Visionärs nur dann einen Wert hat, wenn es einher geht mit dem Wissen, auch das Tagesgeschäft gut zu beherrschen. Und ich liebe die Formulierung, dass der im Vorteil ist, der weiß, was morgen ist.

Den Anspruch leben und den Laden am Laufen halten!

Ostenmauer – 103. Der Mann im Parka

Er bot der Strömung die Stirn. Immer. Schon in den siebziger Jahren, als viele noch mit einem Parka bekleidet waren. Er trug den zwar auch, aber er blieb dabei. Als die Rebellen sich ihre Formen suchten, fand er seine eigene. Ihm war es fremd, sich einem Dogma zu unterwerfen. Als alle noch dachten, Computer seien Teufelszeug, setzte er, der Soziologe, sich damit auseinander und wurde ein Fachmann. Gefragt von den eigentlichen Profis, wenn die nicht mehr weiter wussten. Er kam dann und löste ihre Probleme. Für sehr viel Geld. Als diese seine Fähigkeiten erkannten und ihn zu kaufen suchten, zeigte er ihnen den Mittelfinger. Er spazierte in den Etagen ein und aus, in denen man maßgeschneiderte Anzüge trug und in handgemachten Schuhen über dicke Teppiche schritt, aber er hatte keine Lust, dort zu verweilen. Mit dem Geld fuhr er in die Welt, aß und trank gut, aber lebte ansonsten einfach. Kein Kontinent, den er nicht wie ein Penner betrat und als geschätzter Gesprächspartner wieder verließ.

Zu Silvester, wenn die Feste gefeiert wurden, pflegte er in die Sahara zu gehen, weil dort die Skyline so prachtvoll sei und er sich Inspirationen holen konnte. In Japan saß er in den Fresstempeln der Sumo Ringer und diskutierte mit ihnen über die Mitte. In Chile kochte er mit den Müttern derer, die nach dem Putsch gegen Allende in den Fußballstadien zu Tode gefoltert wurden. In den USA kannten sie ihn auf jeder Greyhound Station und in den Diners, die sonst nur die Trucker unter sich und vorgehaltener Hand empfahlen. Er tauchte in China auf und hielt vor tausenden wissbegierigen Studenten in einem Fußballstadion einen Vortrag über empirische Sozialwissenschaften. Er verschiffte Jeeps nach Afrika und Taxis in den Libanon. Er reiste nach Kurdistan, als viele noch gar nicht wussten, dass es dieses Volk überhaupt gab. Als Khomeini noch in Paris weilte, pilgerte er nach Teheran und in die persische Wüste. Und natürlich fuhr er mit dem Zug die komplette transsibirische Eisenbahn. Wenn er zurück war, in Deutschland, dann kaufte er sich Festivalpässe. Für den Film, für Jazz und elektronische Musik. Dann war er komplett absorbiert. Der Mann mit dem Parka kannte alles aus diesen Genres. Was es ihm antat, das war immer das Innovative, die Avantgarde, das Unregelmäßige und Rebellische. Er sprach schon von der Verbürgerlichung des Jazz, dem er eine ähnlich verhängnisvolle Entwicklung prognostizierte wie der Oper, als dort die Großen alle noch in der Blüte standen. 

Seine Sprache war ein breiter pfälzischer Dialekt, den er nie ablegte. Sein Englisch war perfekt, nur mit dieser unverkennbaren pfälzischen Intonation. Zwischendurch, wenn er nicht wieder etwas erkunden wollte oder einen dieser kniffligen Jobs machte, von dem das technische Gelingen einer Bundestagswahl oder die Logistik eines Weltkonzerns abhing, räsonierte er über die Zeit, wenn er einmal alt wäre. Mal plante er sein Alter in Japan, natürlich wegen der Spiritualität seiner Bewohner, mal in der Schweiz, wegen der grandiosen Landschaft. Ab und zu wollte er auch zurück in die Pfalz. Jeder, der ihn kannte, verlor ihn immer wieder mal für ein oder mehrere Jahre aus den Augen. Aber wenn er wieder auftauchte, auch im 21. Jahrhundert immer noch im Parka und mit zerschlissenen Jeans, dann griff er in die zeitgenössischen Debatten mit einer Kraft und Präsenz ein, die ungemein inspirierte. 

Allmählich jedoch verschwand er aus den Städten, nur wenige wussten, dass er zurück in das Dorf gegangen war, woher er kam. Und obwohl er erkrankte und die Ärzte ihm geraten hatten, seine Lebensweise umzustellen, ging er seinen alten Gewohnheiten nach, aß zu üppig und liebte den Wein. Die letzten, die ihn sahen, sprachen davon, dass er innerhalb weniger Monate ein alter Mann geworden sei. Grau sei er geworden und am Stock sei er gegangen. Den letzten, zu denen er Kontakt gehabt hatte, erzählte er, er ginge demnächst ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen. Kürzlich wurde er gefunden. Tot in einem leeren Haus. Sein letzter Wille stand auf einem Blatt geschrieben, bitte keine Todesanzeige, keine Zeremonie, nur verbrannt wollte er werden. Diejenigen, die sich von ihm verabschiedeten, spielten schweigend einige Free-Jazz-Platten ab, die neben seinem Leichnam gelegen hatten. Der Mann im Parka wurde 63 Jahre alt.

Der Mann im Parka

Ostenmauer – 102. Nur wir selbst!

September 2018

Wie bei so vielen Weckrufen wird auch nun wieder die alles bewegende Frage gestellt, was sich denn ändern müsse, um die Verhältnisse zu verbessern. Nicht wenige suchen nach einem ausgeklügelten Konzept, das in die Lage versetzt, die vielen Sackgassen, in denen Politik und Gesellschaft stecken, zu überwinden. Die Erwartung wird enttäuscht werden, weil sie bereits einen Teil des Problems mit eingebaut hat. Die Lösung führt in diesem Falle nicht über die Komplexität, sondern über die Vereinfachung. Und sie führt nicht über den Kopf, sondern über den Bauch. Und, das wird für alle aus dem Lager der politischen Couch potatoes, von denen es so viele gibt, das Bitterste, es wird Mut und Aktivität erfordern.

Jeder Mensch ist für das verantwortlich, was er macht und genauso für das, was er unterlässt. Eine Regel aus Moderationsprozessen, die, einmal erklärt, und als Konsens für den Prozess akzeptiert, die Beteiligten in die Lage versetzt, Ungeheuerliches zu produzieren. Stellen Sie sich nun einmal vor: Bei wie vielen Gelegenheiten, bei denen wir uns mit Unsinn, mit Ideologie, mit Propaganda oder mit Fallenstellerei konfrontiert sehen, bei wie vielen solcher Gelegenheiten nehmen wir uns den Mut und die Zeit, und stellen die Frage nach Wahrheit und Klarheit? Sie werden es sehen, wir alle schweigen zu oft, aus Bequemlichkeit, aus Angst und aus Überdruss. Dem ist der Kampf anzusagen, der eigenen Unwilligkeit und Unzulänglichkeit zum zwingenden Diskurs. Alles ist erlernbar, und wer sich dem verweigert, der wird an keiner Lösung aktiv beteiligt sein.

Das zweite Feld, in dem es um die Wahrheit geht, ist das beliebtere, weil es vom eigenen Handeln weit weg zu sein scheint. Ist aber nicht so! Der Anspruch, bei den großen Themen mitsprechen zu dürfen, nährt sich aus der Erfahrung, dass vor der Bäckerstheke oder im Sportverein auch tun zu können. Nur wer sich einmischt, ist dabei. Die Erkenntnisse, die sich auf dem zweiten Feld erweisen, werden niederschmetternd sein, denn sie werden enthüllen, wie viel Unrat wir werden aus dem Weg räumen müssen, um zu dem zu kommen, was Wahrheit und Klarheit genannt werden muss.

Nehmen wir ein griffiges, weil aktuelles Beispiel: Der in in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wie in der politischen Klasse betrauerte Senator McCain aus den USA. Einer der schlimmsten Kriegstreiber und Unterstützer des internationalen Terrorismus wird dargestellt als ein Beispiel für die demokratischen Werte des Westens schlechthin. Nehmen wir das einfach so hin? Finden wir uns damit ab, dass der Chefredakteur des Heute-Journals so einen Unsinn zur Prime Time erzählt? Und nehmen wir es hin, dass der deutsche Außenminister den gleichen Quatsch von sich gibt? Wir wissen, wofür McCain stand, nämlich die Mobilmachung gegen Russland bei Einbeziehung Europas in kriegerische Handlungen.

Wollen wir das? Stellen wir irgend jemanden zur Rede? Wenn nicht, wie glaubwürdig sind wir dann selbst? Und wie viele Beispiele fallen uns ein, bei denen wir seit Jahr und Tag schweigen, obwohl wir alle wissen, dass  die, die diese Geschichten erzählen, zwar einen Zweck im Auge haben, es aber mit der Wahrheit gar nicht so haben. Es wird niemanden geben, der diese Fragen stellt, wenn wir es nicht tun. Es wird niemanden geben, der der Spur nach dem Richtigen folgen kann, wenn nicht wir selbst. Wie gesagt, jeder Mensch ist verantwortlich für das, was er tut und für das, was er unterlässt. Klingt simpel. Ist aber gar nicht so einfach. 

Nur wir selbst!