Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer / 113. Dem Paradies sehr nahe

Ein Tag im späten August in Ostholstein. Es war kühl, wechselhaft. Wenn die Sonne schien, tauchte sie die Landschaft in Altgold. Da ich einige Jahre kaum Gelegenheit hatte, schwimmen zu gehen, entschied ich mich, den Aufenthalt in der Nähe eines Binnensees dazu zu nutzen. Zur Kühle kam ein gleichmäßiger Wind. Als ich das Areal betrat, von dem aus ein Steg auf den See führte, war es menschenleer. Ich hielt mich nicht lange auf und warf mich vom Steg aus ins kalte Wasser und zog meine Bahnen. Sonne, Wolken, kleine Wellen, ein Horizont ohne Anzeichen von Besiedlung. Nur ich und der See. 

Als ich zurück auf den Steg kam, begegnete ich einem alten Herrn, der im Bademantel daher kam und wie ein Seebär wirkte. Wir grüßten uns mit der Mine derer, die um eine Gemeinsamkeit wissen. Ich: „Das hier kommt dem Paradies sehr nahe!“ Er: „Ich weiß!“ Und wir gingen unserer Wege.

Dem Paradies sehr nahe

Ostenmauer – 112. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“

Von Bertolt Brecht stammt das kluge Wort, Fortschritt bedeute nicht, fortgeschritten zu sein, sondern fortzuschreiten. Wem es an dieser Stelle bereits zu kompliziert ist, möge gleich aussteigen. Das ist kein arroganter Hinweis, sondern ernst gemeint. Tatsächlich ist die Frage der Erneuerung und Veränderung eine sehr komplizierte. Das, was zunächst schlicht aussieht, wird schwierig angesichts fast als archetypisch anzusehender Verhaltensmuster des Menschen. Denn selbst die, die einer gewissen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben, aufgeschlossen gegenüber stehen, wünschen sich schon bald nach der Anstrengung etwas Ruhe. Sei es, um das Veränderte zu erleben und zu bewerten, bevor sie sich erneut Gedanken über die Notwendigkeit weiterer Veränderungen machen, sei es, weil sie die neuen Verhältnisse so nach ihrem Vorteil geraten sehen, dass sie befürchten, nach weiteren Veränderungen in eine schlechtere Position zu kommen. 

Ja, alles steht auf dem Prüfstand, wenn die Veränderung namens Fortschritt in die bestehenden Verhältnisse rauscht und das Leben der Menschen durcheinander wirbelt. Wichtig ist, dass die Menschen, die davon betroffen sind, mit sich im Reinen sind. Sie sollten wissen, dass es sich um einen Prozess handelt, in dem sie Subjekt und nicht Objekt sind. Ist das gegeben, dann kann sich etwas Vernünftiges entwickeln. Aber, und diese Überlegung drängt sich mit aller Macht auf, wie können Menschen, die seit langer Zeit als Objekte ge- und behandelt wurden, plötzlich zu Subjekten werden? Um es gleich zu sagen: Gar nicht. Es sei denn, sie wähnen sich in einer solchen Lage, dass sie bereit wären, der Maxime der Bremer Stadtmusikanten zu folgen: Was Besseres als den Tod findest du überall!

Die Perspektive, die die vielleicht ungewollten Veränderungen des Fortschritts zeichnet, muss so verheerend sein, dass sich ein Großteil der Menschen nicht mehr getraut, darüber nachzudenken. Dann werden jene Selbsterhaltungskräfte mobilisiert, die aus Objekten Subjekte machen. Diese Subjekte sind jedoch nicht die mit dem Plan für eine vernünftige Veränderung. Nein, bei ihnen handelt es sich um Angst gesteuerte, in ihrer Existenz bedrohte Menschen, die vermeintlichen Konzepten der schnellen Lösung folgen. Das, was normalerweise dann auch verheerend wirkt, ist nicht notgedrungen alles nur emotional, irreal und destruktiv. Im Kern befindet sich auch bei dieser Gruppe eine durchaus als sehr real empfundene Vorstellung von dem, was ist, und dem, was nicht sein darf.

Die jahrzehntelange Entmündigung großer Teile der Gesellschaft durch eine zunächst als Fürsorgeideologie zu bezeichnende Bevormundung hat dazu geführt, dass nahezu die einzige verändernde Kraft aus den Reihen der großen Masse in einem Kampfdenken gegen das besteht, was vielleicht am besten als die rasende tägliche Veränderung bezeichnet werden kann. Diese Kräfte spüren, dass da etwas in die falsche Richtung gegangen ist und geht und nichts mit dem zu tun hat, was als die große Chance der Veränderung von einigen Kreisen propagiert wird. 

In diesem Kontext von Fortschritt zu sprechen, fällt schwer. Richtig wäre es, von Veränderungsprozessen auszugehen, die die Gesellschaft überrollen. Mit gemeinsamem Fortschreiten hat das wenig zu tun. Da werden Verhältnisse geschaffen, die angeblich keine Zeit lassen, darüber zu reflektieren und sich Zeit zu nehmen. Das ist das Wesen der Technokratie. Sie schafft Verhältnisse, die nur wenigen Nutzen bringen, aber die als unausweichlich charakterisiert werden. Ein falsches Spiel. Und ein böses Ende.

Etwas Besseres als den Tod findest du überall

Ostenmauer – 111. Hoffnung und Trauer

Eine Art mentaler Bipolarität durchzieht die menschliche Existenz. Ob in historischer Hinsicht oder bei jeder Momentaufnahme. Immer stehen sich zwei Gemütszustände gegenüber, die um die Vorherrschaft kämpfen. Da ist die Zuversicht, die Hoffnung und der Wille, positiv nach vorne zu blicken und auf der anderen Seite steht der Pessimismus, die Trauer, und die Verzweiflung. Bei der historischen Betrachtung fällt auf, dass das sich gegenseitige Abwechseln von hoffnungsvollen und gestaltenden Perioden auf der einen Seite und denen der Resignation und Restauration auf der anderen Seite nahezu gesetzmäßig vonstatten geht. Dem Wachstum folgt Blüte. Diese wiederum stirbt ab und welkt und hinterlässt nichts von der alten Schönheit. Es ist eines der Gesetze menschlichen Daseins.

Daher ist es klug und ratsam, sich beiden Gemütszuständen, die wir als soziale Wesen immer wieder durchleben, zu gewissen Anlässen bewusst zu stellen. Dem Fest des Lebens wie der Trauer um den Tod. Denn das Wissen um dieses Gesetz gibt uns etwas, das von unschätzbarem Wert ist. Wir können unser eigenes Schicksal nicht über die Gesetze des Lebens hinaus steuern, aber wir können innerhalb dieser Gesetze zu einer Form der Selbstbestimmung kommen, die beglückt. Der Engländer William Ernest Henley schrieb in seinem jedes Herz erreichenden Gedicht Invictus:

I ´m the Master of my Fate,

I ´m the Captain of my Soul!

Ich bin der Herr meines Schicksals,

Ich bin der Kapitän meiner Seele.

Im Wissen um die Begrenztheit der eigenen Existenz wie des eigenen Einflusses sind wir in die Lage versetzt, Vieles, und zum Teil Großes zu bewirken, wenn wir die Zeit nicht vergeuden mit dem Rauschhaften des Positiven und der Verzweiflung über das Negative. Beides findet statt, solange der Mensch Mensch ist. Und deshalb ist es nicht nur wichtig, die Perioden der Hoffnung zu feiern, sondern auch die Phasen der Trauer und Verzweiflung sehenden Auges zu durchleben.

Das Gedicht Invictus schrieb Henley, als er seinerseits im Krankenhaus lag und ihm drohte, sein zweites Bein auch noch amputiert zu bekommen. Es wurde weltberühmt und diente in den USA bei zum Tode Verurteilten in manchen Fällen als deren niedergeschriebener letzter Wille. Nicht zu vergessen die Rezitation des Invictus durch Nelson Mandela.

Trotz des Bewusstseins der eigenen Vergänglichkeit und der damit verbundenen existenziellen Trauer wird mit diesen Zeilen in Worte gefasst, dass es eine lebenswichtige Lehre aus dem gesetzmäßigen Auf und Ab der menschlichen Existenz gibt. Es handelt sich dabei um die Einsicht, innerhalb der materiellen Grenzen wie der mentalen Zwänge eine Freiheit finden zu können, die jedes Individuum nur selbst für sich reklamieren kann. Anders kann nicht erklärt werden, das eigene Desaster oder Ende vor Augen, davon sprechen zu können, Herr des eigenen Schicksals zu sein und die Navigation der eigenen Seele nicht aus der Hand geben zu wollen.

Das rituelle Nachsinnen über Verlust und Tod ist ein Schlüssel, um die Unwägbarkeiten des Lebens mit einer gewissen Distanz taxieren zu können. Wer das Prinzip Hoffnung, das die Menschheit treibt, richtig verstehen will, muss die Krisen der Hoffnung, die Phasen von Trauer und Verzweiflung, nicht nur kognitiv kennen, sondern selbst durchlebt haben, um den Reifegrad zu erreichen, der erforderlich ist, um zur Hoffnung zurück zu gelangen. Auch wenn diese wiederum begrenzt sein wird.  

Invictus

Out of the night that covers me,

      Black as the pit from pole to pole,

I thank whatever gods may be

      For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance

      I have not winced nor cried aloud.

Under the bludgeonings of chance

      My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears

      Looms but the Horror of the shade,

And yet the menace of the years

      Finds and shall find me unafraid.

It matters not how strait the gate,

      How charged with punishments the scroll,

I am the master of my fate,

      I am the captain of my soul.

Hoffnung und Trauer