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Medieval-themed rock band performing on stage with a costumed knight and enthusiastic audience outdoors

Albert Einstein und der ESC

Albert Einstein und der ESC

Dass ausgerechnet nach dem Spektakel des ESC, bei dem die für Deutschland ins Rennen geschickte Interpretin wieder einmal durch Juror- wie Publikumsvoten auf die hinteren Ränge verwiesen wurde, die Frage aufkam, woran diese erneut unterstrichene Missachtung liegen mag, vielleicht noch ein Wort zu der Veranstaltung. Die Bewertung ihres Stellenwertes aus der Branche selbst heraus als ein herausragendes Ereignis der europäischen Kultur ist verständlich. Wo das Geld verdient wird, spricht man nicht schlecht über das Angebot. Und wenn sich Prominente aus dem hiesigen Unterhaltungsbetrieb sogar dazu versteigen, diesen Superlativ an Massenkonsum und Hysterie bei gleichzeitiger künstlerischer Trivialität unwidersprochen als ein Signum der Demokratie zu bezeichnen, dann muss man sich über den mentalen Gesamtzustand aller Beteiligten große Sorgen machen. Nichts gegen diejenigen, die diese profane Form des Pomp und Circumstance zelebrieren wollen, jedem Tierchen sein Pläsierchen, aber auf dem Boden bleiben ist immer ein guter Rat. Und den gilt es zu befolgen.

Zum anderen existiert kein Ereignis und keine Gegebenheit, die nicht auch den Keim in sich trüge, durch richtig gestllte Fragen in einen produktiven Prozess geraten zu können. Und so ist die Frage, warum viele der Beteiligten so viel Missachtung gegenüber den Vertretern dieses Landes mit sich bringen, eine vernünftige. Man kann in Handlungsweisen und Auftreten eine Antwort suchen, es bietet sich aber auch an, vielleicht einmal positiv zu denken.

Dabei handelt es sich um die Betrachtung von Attraktivität. Was macht dieses schwer fassbare, jedoch stets wirkende Phänomen eigentlich aus? Dabei muss man vielleicht nicht gleich an ein Land, sondern zunächst an ein Individuum denken. Attraktive Menschen strahlen etwas aus. Auch das klingt zunächst mysteriös und bezieht sich auf so etwas wie Charme im Umgang, eine Art der Pflege seiner selbst, was wiederum einhergeht mit Selbstachtung wie Selbstbewusstsein. Und diese Ausstrahlung suggeriert vielleicht so etwas wie Ungewissheit im Sinne möglicher Reize,  um  Möglichkeiten, an die man noch gar nicht so recht gedacht hat, was dazu verleitet, Träume entstehen zu lassen. Träume, die nur deshalb zustande kommen, weil sich beim Überbringer des Reizes  ein durchaus sichtbares Können manifestiert. Umgang, Form, Selbstbild und Fähigkeit sind die Überschriften, hinter denen sich Attraktivität verbirgt.

Natürlich hat das alles mit der Kaufhausnummer und der unter den einzelnen Produkten angefteten Preisschilder eines ESC nichts zu tun. Dieses Discount-Bingo lässt man am besten hinter sich. Aber die Frage, was geschehen müsste, um dieses Land attraktiv zu machen, ist dennoch eine schöne Ableitung aus der angesprochenen Malaise, die doch viele bewegt.

In welcher Art geht dieses Land mit anderen um? In welcher Form präsentiert es sich in der Welt? Wie sieht es sich selbst? Existiert überhaupt ein kollektiv gezeichnetes Selbstbild? Und mit welchen Fähigkeiten kann es tatsächlich glänzen? Allein diese Aufreihung verrät, was beantwortet, erarbeitet und erledigt werden müsste, um mit einem attraktiven Profil in der internationalen Gemeinde auftauchen zu können. So hat jedes Debakel auch etwas Gutes. Oder, jedes Debakel kann etwas Gutes mit sich bringen. Man muss es nur wollen. Um den guten Einstein zu bemühen, wer immer wieder dasselbe macht und glaubt, er könne damit bessere Ergebnisse erzielen, dem ist nicht zu helfen!

Albert Einstein und der ESC
Man kneeling by lake with prayer book, drinking wine and praying for blessing

So kalt kann Logik sein!

Alle, die politisch aktiv sind oder einmal aktiv waren, kennen das. Da tauchen in der gleichen Partei oder Organisation Menschen auf, die einem weder durch ihr Auftreten, noch durch ihre Haltung und auch nicht unbedingt durch ihre Ansichten sympathisch sind. Mehr noch, man fragt sich, was diese Figuren eigentlich dort machen, wo man sich selbst aus vielleicht idealistischen Motiven, vielleicht aus rationalem Kalkül verortet hat. Und spricht man die Personen an und verweist darauf, dass das, was sie da von sich geben oder wie sie sich verhalten nicht mit dem übereinstimmt, was man als Geist der Organisation bezeichnen könnte, dann verweisen sie auf ihre Loyalität zum Programm, wie immer es auch aussieht. 

Viele von den Menschen, die irgendwann aus dem politischen Geschäft ausgestiegen sind, nennen diese Erfahrung als den Grund ihrer Enttäuschung. Und ihre Lehre benennen sie genau damit. Sie sagen, dass sie bei welchem Ziel auch immer, nie wieder mit Personen zusammenarbeiten werden, die eine große Diskrepanz zwischen dem formulierten Ziel und ihrem an den Tag gelegten Verhalten aufweisen. Nimmt man die Zwänge abhängiger Beschäftigung aus der Überlegung einmal heraus.

Im Grunde handelt es sich bei dem beschriebenen Phänomen um die Quelle von Doppelmoral. Wer Gutes propagiert und Schlechtes tut, zerstört das hohe Gut der Wahrhaftigkeit und damit das Vertrauen derer, um die es geht. Wie so oft, hat der zwischen vielen Welten stehende und scharf beobachtende Heinrich Heine die Erscheinung so gut beschrieben, dass sich die Formulierung bis heute eines großen Zuspruches erfreut:

„Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn' auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“

Übertragen auf die heutigen aktuellen Verhältnisse, so finden sich viele Fälle, anhand derer man den Eindruck gewinnt, dass eine Überzahl von Menschen sich in Positionen befinden, bei denen sich redliche Menschen gezwungen sehen, die Reißleine des Vertrauens zu ziehen. Die großen Worte von Freiheit, Humanität und Selbstbestimmung korrespondieren in keiner Weise mit den an den Tag gelegten Taten. Krieg, Vertreibung, Massenmord, Umweltzerstörung, Folter, Drogen- und Waffenhandel, Korruption, die Beschneidung von Rechten, all diese Geiseln der Zeit werden legitimiert mit der Bewahrung von Freiheit und Recht.

Im engen, privaten Kreis würden derartige Verhöhnungen des eigenen Urteils schnell geklärt werden. Da reicht es, zu sagen, dass man mit derartigen Marodeuren der Vernunft nichts mehr zu tun haben will. Und man meidet sie und gut ist es. In großem Rahmen jedoch, in Politik, Wirtschaft oder Kultur, da geht das nicht so einfach. Da sind große Koalitionen vonnöten, die mit geballter Kraft dem Unwesen entgegen treten. Und die klassischen, historisch einmal erfolgreich gewesenen Organisationen, sind mental ebenso degeneriert wie der Geist in vielen Chefetagen. 

Die erste Reaktion auf die immer größer werdende Diskrepanz zwischen Wort und Tat ist die kollektive Abwendung, die Aufkündigung des Vertrauens. Und, wie Jean Paul Sartre es so treffend formulierte, Vertrauen gewinnt man tropfenweise und man verliert es in Eimern. Das ist der Zustand, in dem wir uns befinden. Das Vertrauen ist dahin. Und die, die es zerstört haben, werden es nicht zurück gewinnen. So kalt kann Logik sein.  

So kalt kann Logik sein!
Group of protesters demanding justice and law rights, man in front holding book and whip

Das Prinzip von Regel und Sanktion

Ist erst einmal eine Art mentale Aufweichung erreicht, fällt es schwer, über einige Entwicklungen noch ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen. Dann wird gleich gezetert, wenn nur der eine oder andere Begriff genannt wird, weil dieser auf dem Index steht, der von den Menschen, die in großen Kohorten immer mehr den Hunden des russischen Physiologen Iwan Pawlow gleichen, bis in die Tiefen verinnerlicht wurde. Dann springen sie auf und beißen, und sie verweisen auf die vielen Bedrohungen und Feindbilder, die ihnen von ausgerechnet denen eingebläut wurden, die immer mehr, bis hin zur optischen Erscheinung, denen gleichen, die George Orwell so treffend in seiner Parabel „Animal Farm“ gezeichnet hat. 

Nehmen wir ein Beispiel, das mit dem Rest der Welt erst einmal sehr wenig zu tun hat. Reden wir über die Aussage, die Bundesrepublik Deutschland sei ein Rechtsstaat. Der Begriff, der auch im Text der Hymne mit der Formulierung „Einigkeit und Recht und Freiheit“ umschrieben wurde. Nähme man gegenwärtig die drei dort erwähnten Gütezeichen eines Staatswesens und überprüfte sie mit dem gegenwärtigen Zustand, dann ist, so bitter die Erkenntnis, weder etwas von Einigkeit, noch von Recht und immer weniger von Freiheit zu spüren.

Doch der Reihe nach! Die Vorstellung, dass ein Staatswesen auf dem Recht basiert, impliziert, dass die Bürgerinnen und Bürger, die in ihm leben, vor allem mit Rechten ausgestattet sind. Was banal klingt, ist in unseren Tagen jedoch essenziell. Denn das Rechtsverständnis, das sich in den letzten Dekaden durchgesetzt hat, ist die Limitierung von Rechten, um deren Missbrauch zu verhindern. Die Logik ist alt und immer eine Gewährleistung für den Verfall von Recht, Freiheit und die Einbuße der Einigkeit. 

Sieht man sich die Gesetze an, die in großer Anzahl in den letzten Dekaden verabschiedet wurden, so sind nahezu keine dabei, die die Entscheidungsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger erweitert hätten. Es handelte sich immer um deren Einschränkung, und nicht selten, indem vorher das Grundgesetz geändert wurde, um dies tun zu können. Und selbst wenn es um den Wunsch der Verhaltensänderung geht, muss entweder ein Gesetz her, das sanktioniert, oder, noch besser, eine Steuer, die die Freiheit, sich für etwas zu entscheiden oder zu tun zu einem sozialen Privileg macht. Wer über die nötigen Mittel verfügt, kann die Freiheit ausleben, wer sie nicht hat, muss leider passen. Betrachtet man die derzeitigen Pläne für erneute und erhöhte Steuern auf Zucker, Nikotin und Alkohol, wie auch beim Benzin, dann ist genau dieses dokumentiert. 

Deutlich wird mit jeder aus dem Parlament geborenen Initiative, dass in keinem Fall mehr auf die Entscheidungskompetenz der Bürgerschaft gesetzt wird. In Aufklärung und Überzeugung zu investieren, wird als vergebene Liebesmüh abgetan. Stattdessen setzt man, und zwar kollektiv, auf das bewährte und undemokratische Prinzip von Regel und Sanktion. 

Insofern ist es richtig, nicht von einem Rechtsstaat zu sprechen, wenn der gegenwärtige Zustand beschrieben werden soll, sondern von einem Gesetzesstaat. Der Text der Nationalhymne ist pure Illusion. Dass es allerdings Initiativen gibt, diesen Text zu ändern, um die woke Illusion zu füttern, macht gar nichts besser. Ein weiteres Indiz für die mentale Verwahrlosung. Das Recht, das auf Freiheit basiert und in seiner Einschränkung allen Freiheit gibt, ist durch keine Sanktion zu ersetzen.

Das Prinzip von Regel und Sanktion