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Survivors in lifeboats near the sinking Titanic with crew signaling and dark stormy sky

Das Logbuch der Titanic

Man kann ihm ja vieles nachsagen. Dass er erratisch an die Dinge herangeht. Dass er bereits vor vierzig Jahren ein politisches Auslaufmodell war. Dass er sich dem Populismus verschrieben hat. Dass er lügt. Dass er betrügt. Dass er keine Vorstellung davon hat, wie der Großteil der Bevölkerung lebt. Dass er nur an sich und seine Interessen denkt. Dass er bei aller Vollmundigkeit in seinem tiefsten Inneren auch durch Angst gesteuert wird. Aber einmal, und zwar vor wenigen Tagen, da hatte er einen lichten Moment. Oder, um es anders auszudrücken, da war er der Wahrheit ganz nahe. 

Da war er einmal wieder eingeladen in so eine Polit-TV-Manege, da, wo er nichts zu befürchten hatte. Quasi in die Wohlfühl-Zone der politischen Selbstreflexion. Mit einem affirmativen Visa-vis in post-juveniler Frauengestalt, das ihm garantiert nicht auf den Leib rücken würde, selbstverständlich im rein politischen Sinne. Da konnte er sich wieder selbst darstellen, wie es ihm an diesem Abend opportun erschien. Da konnte er die grundlegenden Fehlannahmen seiner Politik reproduzieren. Da konnte er die Zweckentfremdung des größten Schuldenpaketes in der Geschichte dieses Landes schönreden. Da konnte er sein Credo wiederholen, dass die Anstrengungen derer, die den Laden am Laufen halten, gesteigert werden müssten, dass sich die Leistungen für diejenigen, die die Kassen füllten, auf dem Niveau sich nicht würden halten lassen, dass die Kosten, um das basale Leben zu bezahlen, wohl würden steigen müssen. Und dass der Staat trotzdem, wegen der Feinde ringsum, dennoch mehr Geld benötige. 

Das alles wurde so hingenommen, als gehöre es zur Normalität. Was bei genauerer Betrachtung seit vielen Jahren bereits stimmt. Die Effektivität staatlicher und para-staatlicher Leistungen lässt nach, die Legitimität des politischen Systems wird schwächer und schwächer und die propagierte Alternativlosigkeit einer fehlerhaften Politik hat etwas hervorgebracht, das an Absurdität die Klimax darstellt: Die alternativlose Politik hat einen Zustand erwirtschaftet, dass es so erscheint, als gäbe es zu dieser Form der Politik keine Alternative. Vielleicht ist das der einzige Punkt, in dem diese Art der Politik erfolgreich war.

Und genau da, an diesem Punkt, traf der König der Selbstverblendung ins Schwarze. Als ihn die Gesprächsmamsell dann doch einmal fragte, ob die gegenwärtige Regierung in ihrer Koalitionsform noch länger durchhalte, replizierte er völlig richtig, dass ihr Sturz auf keinen Fall etwas Besseres hervorbringen könne. 

Was wie ein parlamentarischer Treppenwitz klang, transportierte die traurige Wahrheit. Nämlich die Tatsache, dass die im Parlament Vertretenen zu keinem Kurswechsel fähig sind und dass selbst bei Neuwahlen wohl nichts zustande käme, was die Verhältnisse substanziell zu ändern in der Lage ist.

Der Besagte hatte damit nicht nur Recht, sondern er validierte damit das Testat, dass dieses Land es nicht nur mit einer Parteien-, sondern mit einer ausgewachsenen Systemkrise zu tun hat. Die Protagonisten, verfangen in alten Gewissheiten und verliebt in überkommene Lösungsansätze, werden den Kurs auf den Eisberg nicht mehr ändern können. Und – auch nicht wollen! 

Man muss sich nicht mehr echauffieren über die vielen Kübel Gift, die die verschiedenen Kontrahenten aus dem Lager der Überforderung übereinander ausschütten. Dabei kommt nichts mehr heraus. Die Lektüre, der wir uns widmen müssen, ist das Logbuch der zeitgenössischen Titanic. Niedergeschrieben in germanischen Runen.

Das Logbuch der Titanic