Archiv der Kategorie: comment

Die Imprägnierten

Gerade noch erhielt ich eine Nachricht von einer mir sehr geschätzten Person, die mir schrieb, wie sehr sie unter dem sich immer mehr ausbreitenden Kriegsgetöse litte. Wem ginge es nicht so? Zumindest allen, die in einer Zeit des Friedens, mag er nun bedroht gewesen sein oder nicht, sozialisiert wurden. Diejenigen, die ihn hier, in unseren Breitengraden, erlebt hatten, existieren fast ausschließlich nicht mehr. Aber diejenigen, deren Väter und Mütter ihn erleiden mussten, haben zumindest noch eine Idee davon, was Kriege anrichten: in der Vernichtung von Menschen, von Werten materieller wie ideeller Natur und was sie an Traumata hinterlassen. Und welche Langzeitwirkung sie bei allen verursachen. Bei denen, deren Existenzen vernichtet wurden und bei denen, die als Soldaten die Werkzeuge waren. Viele der letzteren waren nie mehr in ziviles Leben integrierbar und wurden der Nährboden für den nächsten Totalitarismus.

Der Konsens, der über Jahrzehnte in diesem Land existierte, dass man alles dafür tun müsse, um das große Bacchanal der Zerstörung in Zukunft zu verhindern, ist längst dahin. Und viele von denen, die von diesem Konsens ihr ganzes Leben lang profitiert haben, in dem sie ein Leben ohne Gewalt und Zerstörung führen durften, gehören heute, nach langer, konsequenter und erfolgreicher medialer Behandlung zu denen, die es nicht erwarten können, dass es wieder knallt. Was sie davon abhält, sich auszumalen, wie es ihnen dabei gehen möge, bleibt ein Geheimnis ihres diabolisch Unbewussten. Die Feindbilder, mit denen gehandelt wird, sind nämlich ausgerechnet die, die dem historischen Spuk durch die Begleichung eines immensen Preises ein Ende bereitet haben. Eine Ausblendung der Geschichte in diesem Ausmaß sucht ihres gleichen. 

Die Architekten dieses politischen Desasters sitzen in Washington, in der City of London und in Brüssel, und eskortiert wurden sie durch eine geschickt inszenierte Gefolgschaft in den politischen Organen jener Länder, die in einem solchen Fiasko zugrunde gehen werden. Da kann man nur sagen: Chapeau! Das ist Kriegsstrategie par excellence! Und bei denen, die sich haben instrumentalisieren lassen, ist nur noch, will man nicht seinen natürlichen Ekel zum Ausdruck bringen, der Begriff des Landesverrats angebracht. Aber, es ist, wie es ist. Und für ein Linsengericht finden sich immer Gestalten, die Haus und Hof im Stich lassen.

Die größte Niederlage in der bundesrepublikanischen Gesellschaft manifestiert sich allerdings in der Kohorte, deren sozialer Aufstieg einem sozialdemokratischen Konsens zu verdanken ist: Nämlich dass Frieden und die Perspektive eines bescheidenen, aber gesicherten Wohlstands der Weg sein muss, den dieses Land mit seiner Geschichte zu gehen hat. Dass sich die Partei, der das zu verdanken war, an der Zerstörung des Konsenses maßgeblich beteiligt hat, ist das eine Drama der Geschichte. Dass andere ist die Gleichgültigkeit derer, die von dieser Politik profitiert haben. Sie sitzen wie imprägniert in ihren sozialen Nischen, blenden alles aus, was nach Aufstand schreit, und kommen sich dabei noch wie auch immer fortschrittlich vor. Fast könnte man zu dem Schluss kommen, wie das auch übrigens viele zunehmend tun, dass Frieden und Wohlstand der Psyche derer, die davon profitieren, nicht gut tut. Die Imprägnierten, um ein böses Wort des knorrigen Herbert Wehner in Erinnerung zu bringen, baden gerne lau. Doch wenn sie nicht aus ihrer Saturiertheit aufwachen, werden auch sie verbrühen.

Die Imprägnierten

Der Weg nach unten

Die Geschichte eignet sich für einen Kriminalfilm. Und zwar der Sorte, wo das organisierte Verbrechen im Mafia-Stil unterwegs ist und nicht alles so glatt läuft, wie geplant. Da durchfährt ein Sprinter ein fremdes Land und wird kurz vor der Grenze angehalten und kontrolliert. Was die Zollbeamten finden, lässt den Atem stocken: 40 Millionen US-Dollar und 35 Millionen Euro in Banknoten und 9 Kilo reines Gold. Das Cargo war auf dem Weg in die Ukraine und wurde auf ungarischem Hoheitsgebiet beschlagnahmt. Die das Gut begleitende Mannschaft wurde festgenommen. Der Präsident der Ukraine forderte umgehend die Rückgabe der Valuta und die Freilassung der Transporteure. Geschehe dieses nicht, würde er es bewaffneten Verbänden seines Landes mitteilen und diese würden dann auf ihre Weise das Cargo zurückholen. 

Man könnte diese dem organisierten Verbrechen affine Vorgehensweise in einer Klamotte namens Inkasso Selenskyj dem Genre der Komödie übereignen, oder aber man befasst sich mit den politischen Konsequenzen, die daraus zu folgen hätten, handelte es sich bei der EU um ein seriös funktionierendes Staatenbündnis. Und das Vorgehen ist kein Ausrutscher. Selenskyjs Drohung gegen Ungarn, Militär zu schicken, wenn es nicht einem weiteren Kredit über 90 Milliarden Euro für die Ukraine zustimmt, ist ebenso aktuell. Und da wäre die Frage zu klären, wieso derartige Summen in einem Sprinter durch ein fremdes Land geschmuggelt werden müssen? Und wie es sein kann, dass ein Aspirant auf die Mitgliedschaft der EU dem Staatsoberhaupt eines Mitgliedslandes im Mafia-Style drohen kann, ohne dass beides zu einer akribischen Untersuchung führt? 

Wenn man nach Indizien sucht, inwieweit die Kommission der EU im Kampf gegen ein vermeintliches Ungeheuer selbst zum Ungeheuer wurde und wie sehr der Abgrund, in den man zu blicken glaubte auf diese Organisation mittlerweile zurückschaut, dann reicht nur dieses Ereignis. Das Dramatische dabei ist die Selbstzerstörung. Wer geflissentlich über Methoden hinwegsieht, die dem, was man als Kodex der eigenen Zivilisation versteht, diametral widersprechen, dann hat man den Kampf bereits verloren. Der wie ein Banner vorausgetragene Moralismus hat mit seiner Doppelzüngigkeit bereits in den Untergang geführt.

Wer erinnert sich nicht an die Zeit, als es, nach den ersten asymmetrischen Anschlägen des internationalen Terrorismus hieß, man ließe sich die Lebensweise dadurch nicht zerstören? Und, betrachtet man die heutigen Sicherheitsvorkehrungen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheiten, dann ist zu sehen, was von dieser Hoffnung übrig geblieben ist. Und nun, in einem anderen Fall, ist zu klären, in welchen Allianzen man sich befindet und wessen Kampf man mit allen Mitteln unterstützt. Und, global gesehen, ist es noch schlimmer. Mittlerweile scharwenzelt man um die Brandstifter dieser Welt herum und lässt sich pausenlos demütigen und auf der Nase herumtanzen. Es ist degoutant. 

Und, wenn die Selbstachtung dahin ist, dann ist der Untergang bereits besiegelt. Zumindest unter dieser Regie. Es ist nur noch erbärmlich, wenn aus den Reihen derer, die alles hinnehmen, um an ihren längst überkommenen Gewissheiten festhalten zu können, von allen möglichen Gefahren reden, gegen die man gewappnet sein muss. Diese Politik wappnet gegen gar nichts mehr. Sie ist ein Freifahrtsschein in die Selbstzerstörung und den Ruin. Und das erste Mosaik auf diesem Weg nach unten ist die Inkonsequenz. Wer mit Formen des organisierten Verbrechens kokettiert, sollte seinen Moralismus für sich behalten. Macht allerdings niemand. So geht es weiter bis zum Schluss. 

Der Weg nach unten

Wahl-Halla!

Der Abend und die Stunden nach einer Wahl liefern das beste Material für den Zustand des Gemeinwesens. Normalerweise, und der Unterschied ist bereits erheblich, deklarieren sich die meisten der Bewerber danach als Gewinner, egal, wie sie abgeschnitten haben. Das war diesmal in Baden-Württemberg anders, denn die Trennlinie zwischen den tatsächlichen Gewinnern und den anderen ist sehr deutlich. Daran sieht man, dass andere Zeiten anbrechen. Grüne und CDU sind mit einer winzigen Nuance gleich mit ca. 30 Prozent, die AFD hat ihr Ergebnis verdoppelt. Punkt. Das Ergebnis der SPD gleicht einem Debakel. Mit Ansage. Allerdings weniger aufgrund der Politik, die im Bundesland gemacht wurde, sondern aufgrund der Rolle als Partner einer Kanzler-Union, die sich die sozialpolitische Renaissance der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben hat. 

Und was den Bellizismus des Kalten Krieges anbetrifft, so stehen die Sozialdemokraten in Amt und Funktion dem erratischen Kurs des Kanzlers in nichts nach. In diesem Kontext von Verantwortung zu sprechen, ist der klassischen Stammwählerschaft dann doch zu viel. Die Toleranz des gemeinen Arbeitsmannes wurde schlichtweg seit langem überreizt. Stattdessen läuft man einem Milieu hinterher, das momentan von der globalen Entwicklung wegrationalisiert wird. 

Auch diese Akteure haben das noch nicht bemerkt. Der so gefeierte Cem wird wahrscheinlich das letzte sichtbare Signum einer politisch untergehenden Vorstellungswelt sein. Manche Refugien werden bleiben, die Puppenstuben der schönen neuen Welt, geprägt durch Reformhaus, Feuilleton und geerbte Coupons, wo die hart arbeitende Klasse nicht vorkommt, die es aber noch gibt, die zu Recht um ihre Arbeitsplätze fürchtet und bei denen heute schon die bitter verdienten Mittel nicht mehr ausreichen, um das Notwendigste zu erwerben und ganz zu schweigen von der Teilhabe an dem, was eine Zivilisation ausmacht. Von ihnen wird nicht mehr geredet. Der Zorn darüber reicht weit. Und er manifestiert sich in Wahlergebnissen. 

Im Großen und Ganzen hat nach dieser Wahl die politische Klasse bestätigt, dass sie die Zeichen der Zeit nicht wahrgenommen hat. Ein Weiter so! scheint, zumindest bei den Gewinnern, das Motto einer verloren gehenden Zukunft zu sein. Was bei denen, die es nicht geschafft haben, in den Landtag zu kommen, passieren wird, steht in den Sternen, bis auf die zu erwartende Glatze einer Freien Demokratin. Und ob die SPD, die kurz über dem Todesstreifen landete, noch die Kraft hat, sich programmatisch neu aufzustellen, ist mehr als zweifelhaft. Die Anständigen und Standhaften in dieser Partei stehen auf dem Index der Karrieristen, deren Strategie sich auf den persönlichen Gesichtskreis beschränkt. 

Und, auch das sei wieder einmal beobachtet, den Offenbarungseid lieferten jene Gescheiterten, denen nichts anderes einfiel, als sich über die moralische Verkommenheit oder die Dummheit der Wählerinnen und Wähler auszulassen. Auch das hat Tradition. Und auch in dieser beschämenden Variante ist das Ländle immer vorne weg gewesen. Wenn es nicht läuft, dann war es der nur in Festreden gefeierte, aber ansonsten saudumme Souverän. 

Ja, der Befund ist schrecklich. Wie die Zeiten, in denen wir gerade leben. Aber, warum soll es auch anders sein? Wie heißt es noch so schön? Nach einem Zeitraum relativer Ruhe folgt eine Periode rascher Veränderung. So ist es, und so wird es sein. 

Wahl-Halla!