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Ungarn und Max Liebermann

Gestern hatte ich eine interessante Korrespondenz mit einer jungen Ungarin, die vor einigen Jahren bei uns ein Praktikum gemacht hatte und sich seitdem in ihrer Heimat beruflich sehr gut entwickelt hat. Sie schrieb mir bereits am Morgen des Wahltags, ich solle ihrem Land die Daumen drücken. Ich ahnte, dass sie damit meinte, nämlich dass der Regierung Orban ein Ende gesetzt werden solle. Als ich ihr, nach dem Viktor Orban seine Niederlage eingestanden hatte, die Frage stellte, ob sie nun zufrieden sei, antwortete sie mit einem Ja. Ich gratulierte ihr und wünschte ihr alles Gute, versäumte es aber als alter weißer Mann nicht, ihr einen Rat zu geben. Nämlich nicht nur darauf zu achten, was die neue Regierung tut, sondern auch genau zu beobachten, wie sich die städtischen Milieus, die Arbeiter, die Menschen auf dem Land und auch die Superreichen verhielten. Denn an ihnen zeige sich, unabhängig von der Regierung, wohin die Reise gehe. Und natürlich fehlte auch nicht der Satz, dass sie sich Gedanken darüber machen solle, was sie persönlich, in ihrem konkreten Umfeld, tun könne, um die Verhältnisse in ihrem Sinne zu verbessern. Letztendlich wünschte ich ihr Kraft und Erfolg.

Betrachtete ich dagegen die hiesigen Reaktionen von Regierung, Qualitätsmedien, Brüsseler Funktionären und europäischen Parlamentariern, dann wurde mir schlecht. Es mutete an, als gäbe es in der europäischen Politik nur ein Qualitätsmerkmal. Nämlich das, ob man die Lösung des Konflikts mit Russland exklusiv militärisch lösen könne oder nicht. Und weil der neu gewählte Kandidat wohl dafür steht, die nächste Tranche an die Ukraine für den Krieg von 90 Milliarden Euro mitzuzeichnen, kannten Jubel und die Genugtuung keine Grenzen. Dass mit dieser spärlichen Hoffnung die europäische Demokratie und die damit verbundenen Werte verteidigt würden, ist eine dieser Perversionen des aktuellen Geisteszustands, die man erst einmal verkraften muss. 

Und alle, die noch einen Restverstand besitzen, sollten bestimmten Fragestellungen nicht aus dem Wege gehen. Wie kann es sein, dass ein ausgewiesener Autokrat oder gar Diktator schon früh am Wahlabend vor die Presse tritt, und seine Niederlage eingesteht? Wie kann es sein, dass sein Nachfolger, der als ebenso konservativ wie sein Vorgänger gilt, für eine Transition von einer illiberalen zu einer liberalen Demokratie steht? Und, auch das würde, handelte es sich um einen politisch weniger genehmen Kandidaten, wohl bei einer kritischen Betrachtung nicht ausgespart werden, wie steht es um den Leumund eines Mannes, der sich gegen den Vorwurf gewalttätiger Übergriffe seitens seiner ExFrau und der Teilnahme an Sexparties erwehren muss? Oder kommen diese Enthüllungen erst dann auf den Tisch, wenn der neue Mann nicht mehr nach der Brüsseler Pfeife tanzt?

Ehrlich gesagt, hat mich die Haltung der jungen Frau sehr zum Grübeln gebracht. Und ich wünsche ihr und ihrem Land viel Kraft, Mut und Phantasie, um einen guten Weg zu finden, in einer brisanten politischen Lage, die uns alle betrifft. Über das, was die Reaktionen aus meinem Land wieder einmal in den Äther geblasen wurde, schweige ich lieber. Da schaue ich mir lieber einige Bilder von Max Liebermann an, der seine Verachtung für totalitäres Gedankengut auf seine Berliner Art sehr treffend geäußert hat.

Ungarn und Max Lieberman
Man holding head overwhelmed with surrounding destruction including volcanic eruption, burning Earth, tornado, viruses, dice, and protests

Alles auf Null?

Nachdem nach us-amerikanischen Angaben deutlich wurde, dass der Iran um eine Waffenruhe gebettelt hat und nachdem nach iranischen Erklärungen die Schäden des US-Militärs so groß waren, dass ihrerseits die USA sich einen Waffenstillstand gewünscht haben, nachdem deutlich wurde, dass es nicht mehr um einen Regime-Change im Iran ginge, nachdem allerdings der selbst ernannte Nachfolger des iranischen Regimes, der in Washington weilende Schah, das iranische Volk mehrmals aufgefordert hat, dem Regime endlich ein Ende zu bereiten, um den Weg für ihn frei zu machen, nachdem die Europäische Union sich nicht auf eine gemeinsame politische Linie zu einigen in der Lage war, nachdem Spanien, Frankreich und Italien ihre Lufträume für die amerikanische Luftwaffe geschlossen haben, nachdem vom deutschen Ramstein nach wie vor amerikanische Schläge im Iran gesteuert werden, nachdem der Kanzler Friedrich Merz in einem Schreiben an die pakistanische Regierung bekundet hat, dass Frieden nur durch Diplomatie erreicht werden kann, nachdem der ukrainische Präsident Selenskyj den USA als auch Israel und einigen Golfstaaten militärische Hilfe angeboten hat, nachdem in Spanien und in Italien die Mineralölsteuern gesenkt wurden, nachdem die deutsche Regierung und ihre Berater haben verlauten lassen, dass das im eigenen Land nicht gewünscht ist, nachdem die Außenbeauftragte der EU, Kallas, hat wissen lassen, dass Russland komplett am Boden liegt und wirtschaftlich wie politisch ruiniert ist, nachdem die iranische Regierung hat verlauten lassen, dass Tanker, deren Cargo in chinesischen Yuan bezahlt wurde, die Straße von Hormus passieren dürften, nachdem Russland und China die amerikanischen Staatsanleihen, die sie besaßen, zurück auf den Markt geworfen haben, nachdem die deutsche Wirtschaftsministerin beschlossen hat, Teile ihres eigenen Ministeriums zu privatisieren, nachdem der deutsche Finanzminister begonnen hat, Sanierungspläne auf den Tisch zu legen, die seiner eigenen Partei den Kopf kosten werden, nachdem in den Politshows des deutschen Fernsehens nach nach wie vor die Expertinnen und Experten auftreten, die bisher mit jeder Prognose falsch lagen, nachdem Teile des Libanons in Trümmern liegen und Millionen ihrer Heimat beraubt sind und sich auf den Weg nach Europa machen werden, nachdem alle Vorstellungen von internationalem Recht zerschossen sind, nachdem Sänger und Komödianten die Deutung politischer Zusammenhänge übernommen haben, nachdem die Springer-Presse mehr Mitleid mit einem einzelnen Wal zeigt als mit tausenden Toten im Osten und vor einem Hitzesommer mit Blutregen warnt…

Nach all dem, und noch viel mehr, gehen die meisten Menschen morgens zur Arbeit, schütteln den Kopf und denken sich, am besten stellte man alles auf Null und finge nochmal ganz von vorne an. Dass das nicht geht, wissen sie auch. Das sollte niemand versuchen, ihnen zu erklären. Aber dass es nicht mehr so weiter geht, wie bisher, diese Erkenntnis nimmt ihnen keiner mehr!

Alles auf Null?
Roman soldiers in armor holding spears and shields with burning ruins behind them

Légion Étrangère Ukrainienne?

Zunächst klingt es etwas bizarr. Oder vielleicht auch nur deplatziert. Da meldet sich ein ukrainischer Präsident bei einem Konflikt zu Wort, der weit weg von dem zu sein scheint, womit er sich befassen müsste. Im eigenen Land herrscht, was die Frontlinien anbetrifft, ein militärischer Stillstand, der irreversibel zu sein scheint. Das heißt, nichts spricht dafür, dass die Ukraine, soviel militärische Unterstützung sie auch von NATO-Staaten bekommt, die Gebiete, die sie an Russland verloren hat, zurück erobern könnte. Was auffällt, ist die Entwicklung der ukrainischen Kriegsstrategie hin zur Asymmetrie. Vereinzelte Schläge auf logistische Einrichtungen der russischen Streitkräfte. Auch die verursachen nicht zu unterschätzende Schäden, ändern am Gesamtergebnis werden sie allerdings nichts.

In dieser Situation muss Selenskyj feststellen, dass die USA nicht nur mit ihrem Angriff auf den Iran von der Unterstützung der Ukraine mehr und mehr abrückt und das mehr als frivole Argument bemüht, der Krieg in der Ukraine ginge die USA nichts an, er sei Sache der Europäer. Letztere, bzw. diejenigen in Europa, die in ihrer Verblendung glauben, sie seien der exklusive Repräsentant des europäischen Kontinents, halten sich in Sachen einer notwendigen Replik zurück, weil sie  sich ansonsten von dem Märchen des grundlosen Angriffskrieges Russlands verabschieden müssten. Und militärisch sind auch sie, d.h. die selbst ernannte Koalition der Willigen innerhalb der EU, nicht in der Lage, die Ukraine dauerhaft in diesem Krieg am Leben zu halten.    

Und in dieser Gemengelage bietet sich Selenskyj als Helfer in dem Krieg gegen den Iran an. Mit den Mitteln, die an die Ukraine geliefert und den Fähigkeiten, die seinen Streitkräften durch NATO-Hilfe zuteil wurden. Zu den Kontakten, die er bis dato aufgenommen hat, zählen nicht nur die USA und Israel, sondern auch eine Reihe von Golfstaaten, die seit dem Angriffskrieg auf den Iran unter Gegenmaßnahmen des letzteren gelitten haben.

Einmal abgesehen von der semantischen Absurdität, dass ein Präsident, der seit mehr als vier Jahren sein Militär gegen einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu Felde ziehen lässt, nun seine Hilfe denen anbietet, die in einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg als Verursacher verwickelt sind, um damit die Gunst seines einstigen amerikanischen Unterstützers gegen Russland zurück zu gewinnen, plädiert er damit für einen Flächenbrand. Und es steckt noch ein anderer Plan dahinter.

So wie es aussieht, will sich Selenskyj mit seinen ukrainischen Streitkräften den europäischen Kräften anbieten, um nicht nur das Ziel der Vernichtung Russlands weiter zu verfolgen, sondern ihnen auch in Zukunft die Verfügbarkeit einer militärischen Schlagkraft zu garantieren. Immerhin verfügt die Ukraine, im Gegensatz zu dem post-heroischen Personal westeuropäischer Streitkräfte, über eine Soldateska, die im Blutbad gestählt wurde. 

Das, was sich abzeichnet, scheint die Geburtsstunde einer neunen Art der Fremdenlegion nach französischem Vorbild zu sein. Einer Truppe, die die Finten des Krieges kennt, sowieso in kein ziviles Leben mehr integrierbar sein wird und bereit ist, für Ausrüstung, entsprechendes Salär und die Ignorierung eigener Straftaten alles zu tun. In solchen Formationen redet niemand mehr von Recht und Gesetz. Ihr Auftrag ist das Töten, ohne nachzufragen. Und vielleicht kokettieren die hierzulande so kriegslüsternen Politiker sogar mit dem Aufscheinen einer Légion Étrangère Ukrainienne?   

Legion Etrangere Ukrainienne