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Niemand sonst!

Wenn ein Satz Geltung besitzt, dann ist es der: Die Demokratie wird nicht am Hindukusch oder in der Ukraine verteidigt, sondern in der Hauptschule. Mehr noch, nicht nur eine Staatsform, sondern die Zukunft eines Landes wird in dem für alle verpflichtenden Schultypus entworfen. Dort wird Wissen vermittelt, werden erste Fertigkeiten herausgebildet und es wird gesellschaftlich sozialisiert. Historisch lässt sich diese These sehr gut belegen. Die Gesellschaften, in denen in die Bildung von Kindern und Heranwachsenden investiert wurde, konnten Phasen des Aufschwungs in vielerlei Hinsicht verbuchen. Und dort, wo nichts als Monotonie und Kaserne herrschte, war der Weg nach unten vorgezeichnet.

Vor wenigen Tagen war zu lesen, dass in diesem Jahr alleine in Baden-Württemberg 62.000 Schulabgänger ohne Abschluss zu verzeichnen sind. Es handelt sich dabei um einen neuen Rekord. Während eine Fraktion der Politik nichts anderes als Kriegsgerät im Kopf hat, träumen andere davon, den Fachkräftemangel durch Importe aus Aleppo oder Beirut kompensieren zu können. Und Dritte wiederum sind sich sicher,  dass alles bestens bestellt wäre, wenn man die hier Lebenden, aber nicht Geborenen wieder aus dem Land schmisse. Alle drei Varianten sind aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ein Offenbarungseid.

Seit einiger Zeit rebellieren Vertreter der Generation Z. Nicht hier, aber in Frankreich, in Spanien und in Chile. Es handelt sich, vor allem in Frankreich, um Massenbewegungen. Gemein haben diese Bewegungen, dass sich eine Jugend um ihre Zukunft sorgt und sie weiß, dass eine gute Bildung der Schlüssel dazu ist. Während dem französischen Präsidenten Macron nichts Besseres einfällt, als mit massiven Polizeieinsätzen zu reagieren, die Zahl der Festnahmen für das Bemühen um bessere Bildungschancen nähert sich der Zahl von 7.000, vereinigen sich zunehmend andere Teile der Gesellschaft mit dem Protest. 

Und während die europäische Kriegsfraktion schweigt, sehen andere wiederum in allem die Schuld bei arabischen Talahons, die nichts als Randale im Kopf haben. Dass dabei kein Lösungsansatz entstehen kann, der eine nachhaltige gesellschaftliche Relevanz besitzt, liegt auf der Hand.  

Sieht man sich, wiederum vor allem in Frankreich, die Proteste genauer an, dann überraschen sie den teutonischen Beobachter vor allem durch ihren teilweise festiven Charakter. Da dominiert nicht das Geschrei von Parolen und die gesuchte Konfrontation mit den Ordnungskräften. Da mischen sich Jugendorchester unter die Demonstrierenden, da wird gesungen und getanzt. Große Teile des französischen Protestes, ohne die gewalttätige Seite zu ignorieren, sind eine Referenz für die Phantasie einer Jugend, die unter den gegebenen Umständen keine Zukunft sieht. Wer das ignoriert, dem geht es nicht um die eine gute Perspektive für die Gesellschaft. Und es zeigt, dass in unserem Nachbarland Demokratie ein Fest sein kann.

In Madrid begann der Protest aufgrund eines Einzelschicksals hinsichtlich der Wohnsituation. Neben allen, die unter der Frage leiden, tauchten immer mehr Schülerinnen und Schüler auf, die das Thema Bildung mit auf die Agenda nahmen. Auch in Spanien entstand daraus eine Massenbewegung. Und in Chile ging es direkt um geplante Kürzungen im Bildungsbereich.  

Und in Deutschland? Soviel scheint festzustehen: Wenn sich die Jugend sich nicht erhebt, wird sich im Bildungsbereich nichts bewegen. Dann wird die Zukunft des Landes einer Mangelverwaltung unterstellt, der weder der Wille noch die Fähigkeit zu Innovation und Inspiration unterstellt werden kann. Jugend gestaltet Zukunft. Niemand sonst.

Niemand sonst!
Five-person team studies a glowing holographic tactical map in a futuristic workshop

Wenn ich könnte, wie ich wollte…

Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich in uralte Bibliotheken gehen, dort, wo noch keine Computer standen und mich nach Büchern umsehen, die aus heutiger Sicht hilfreiche Erkenntnisse und Botschaften enthielten, die zum Teil Eingang in die Praxis fanden und dann wieder in der Vergessenheit verschwanden. Das hört sich etwas mysteriös an. Mir hilft da eine Erinnerung. 

Als ich 1990 mit einem Kollegen, seinerseits ein ausgewiesener Pädagoge, nach Dresden fuhr, um mich dort mit Menschen zu treffen, die aus allen möglichen Berufen kamen, und nun eine Kommunalverwaltung aufbauen sollten. Die, welche wir dort trafen, waren zuständig für Personal und seine Qualifizierung. Da wir vermuteten, dass trotz unterschiedlicher Inhalte der Unterricht in der DDR analog zu dem in der BRD vonstatten gegangen war, sprich, die so genannte Musik von vorne, gleiche Zeiten, gleiche Pausen etc., entschieden wir uns für die Mitnahme eines Buches. Es handelte sich um Frederic Vester, Denken, Lernen Vergessen. Es war 1975 erschienen und war eine Anleitung zur methodischen Revolutionierung des Unterrichts. Wir diskutierten den Inhalt im Vorfeld und kamen dabei zu dem enttäuschenden Resümee, dass das, was dort an Erkenntnissen und Methoden beschrieben war,  weit davon entfernt war, sich im westdeutschen Unterricht  etabliert zu haben. Die Inhalte hielten wir dennoch für richtig. Deshalb nahmen wir es mit. Und wir kommunizierten, dass die Erkenntnisse vorlägen, die bundesrepublikanische Praxis jedoch weit davon entfernt war, diese umzusetzen.

Wenn ich heute, fast vier Jahrzehnte später über das Buch nachdenke, komme ich im Großen und Ganzen zu dem gleichen Schluss. Und wenn ich mir die Lage ansehe, in denen sich dieses Land befindet und darüber nachdenke, was alles erforderlich wäre, um es aus dieser tiefen systemischen Krise wieder herauszubringen, dann fallen mir noch viele andere Ideen und Methoden ein, die durchaus vorhanden waren, mit denen in Betrieben und Organisationen gearbeitet worden ist und die sich in der jeweiligen Praxis als durchaus hilf- und erfolgreich erwiesen haben. Bei der Analyse der Verhältnisse, bei der Benennung von Handlungsfeldern, bei Fragen der Priorisierung, bei der Beschreibung von Lösungsansätzen,  bei der Zuordnung von operativer Verantwortlichkeit und bei der Beschreibung möglicher und zu erwartender Widerstände. 

Eingang in die gesellschaftliche Praxis, d.h. als Hilfen bei der Entwicklung von politischen Strategien und als Vehikel bei herausfordernden Entscheidungsprozessen fanden diese Werkzeuge nicht. Dass Politik, auch wenn das viele Verantwortliche nicht gerne hören mögen, ein populistischer Abklatsch gesellschaftlich durchaus vorhandener Erkenntnisse ist, ist eine Wahrheit, mit der man leben muss. Dass jedoch die kommunikative, manipulative und affirmative Vermarktung von Partikularinteressen es fertig gebracht hat, durchaus vorhandene und dringend benötigte Potenziale zum Schweigen zu bringen, ist nicht hinnehmbar. 

Einmal abgesehen davon, dass im politischen Überbau diese Methoden nicht internalisiert sind, besteht auch kein Interesse, mit diesen zu arbeiten und man feilt mit Hochtouren daran, ihre Existenz zu verschweigen. Die Schlussfolgerung ist nämlich, dass alles furchtbar kompliziert und komplex ist und wir letztendlich machtlos sind. Sind wir aber nicht. Die Erkenntnisse, die dabei behilflich sind, eine Krise zu beschreiben und wie der Weg aussieht, wieder herauszukommen, sind vorhanden. Man muss nur wollen, sie auch anzuwenden. Und das ist nicht der Fall. Es ist ein Herrschaftskalkül. Mit fatalen Folgen. 

Zum vielleicht folgenden Gedankengang, sollte vielleicht mit der Frage begonnen werden: wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich… 

Das wäre mal ein Anfang. 

Wenn ich könnte, wie ich wollte…
Winged guardian with a staff above neon waters and aquatic creatures

Der Gott Kairos und die schwimmenden Felle

Jetzt wird es kurios. Die USA, maßgeblich für den Vorstoß verantwortlich, die Ukraine in die NATO aufzunehmen und damit den Casus Belli mit Russland auszulösen, sieht, nach mehr als vier Jahren Krieg, nicht mehr die Möglichkeit, Russland aus dem Feld der weltpolitisch agierenden Konkurrenten zu verbannen. Nun, selbst strategisch durch den Konkurrenten China und erratische Abenteuer im Nahen Osten in Bedrängnis geraten, suchen sie zumindest die selbst aufgemachte Front wieder zu schließen. Trump und Putin haben sich auf Dieseltreibstoffliieferungen geeinigt und der amerikanische Präsident rät der Ukraine, den Krieg mit Russland mit einem Deal zu beenden. Dass ein solcher der schlechteste sein wird, der jemals zur Debatte gestanden hätte, liegt unter anderem daran, dass die Verbündeten der Ukraine, von den USA angefangen bis hin zu Großbritannien und Deutschland, immer von einem solchen abgeraten haben. Ohne die Erfüllung der Maximalziele, so das Konsortium, sei es falsch, überhaupt zu verhandeln. Wer so etwas rät, hat unter dem Strich nichts für die tatsächlichen Akteure übrig, die im Krieg die Rechnung bezahlen.

Gut, die USA scheren nun, taktisch, aus, was nicht heißt, dass sie nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder umschwenken könnten. Insofern ist Skepsis angebracht. Allerdings die Option eines Deals generell auszuschlagen, scheint noch um einiges verderblicher zu sein. Dass ein Selenskij nicht darauf eingehen kann, ist klar. Seine Zeit wäre mit der Unterschrift unter ein Dokument, das die Waffen schweigen lässt, definitiv vorbei. Dass vor allem Großbritannien gegen jede Art des Konfliktendes ist, liegt an ihrem trotz des kläglichen Endes des Empires immer verfochtenen strategischem Ziel, Deutschland und Russland zu entzweien. 

Dass Deutschland an dem Konflikt festhalten will, hängt mit dem alten Ressentiment, das aus der Niederlage im II. Weltkrieg resultiert und an der Vorstellung von Berlin bis Brüssel reichenden Fieberphantasie zusammen, man könne Russland schlagen und in kleine Häppchen aufteilen. Sieht man sich das handelnde Personal an, wird allerdings auch noch deutlich, dass nahezu niemand der Protagonisten einem Profil entspricht, das die ihnen übertragende Aufgabe rechtfertigte. Nicht fachlich, nicht methodisch, nicht kommunikativ, nicht ethisch und nicht strategisch. Insgesamt muss beklagenswerterweise konstatiert werden, dass das gegenwärtige politische Personal keine beeindruckende Referenz für das politische System des Westens darstellt.

Trotz aller Skepsis, was die immer zu Krieg und Eskalation neigenden Figuren der militärischen Mächte darstellen, wäre nun ein Zeitpunkt, im Sinne eines kurzen Hauchs, in denen jener legendäre Gott Kairos nach dem greift, das Erlösung böte. Es geht darum, Tod und Zerstörung zu beenden. In jeder Hinsicht. Das, was angerichtet wurde, wird jetzt schon mindestens eine, wenn nicht gar zwei oder drei Generationen benötigen, um es für ein friedliches Miteinander zu richten. In jeder Hinsicht.  Politisch, moralisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell. Und alle, die an diesem Werk der Vernichtung beteiligt waren, gehören vor das Gericht der Geschichte. Und wer bei diesem Gedanken nur nach Osten blickt, dem hat der Hammer der Infiltration bereits das Denkvermögen zertrümmert. Diejenigen, die jetzt gegen die Möglichkeit einer Beendigung des Krieges geifern, sitzen bereits auf der Anklagebank. Und genau das wissen sie. Ihnen ist bewusst, dass ihre Geschichte mit einem Ende des Krieges auserzählt ist. So profan sieht es aus. Ihre Felle schwimmen weg.

Der Gott Kairos und die schwimmenden Felle