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Business Portfolio Classification Scheme: Milk Cows—stable income, low growth; Race Horses—high growth, high potential; Lame Ducks—low growth, low return; Starving Dogs—low return, negative growth; axes show market growth rate and relative market share.

Eine Route ins Nirvana?

Vor langer Zeit machte ein Denkbeispiel einer amerikanischen Unternehmensberatung, genannt Boston Consulting, von sich reden. Es galt als einfach, gut durchführbar und generell praktikabel und wurde deshalb auch schnell von vielen Unternehmen und Organisationen adaptiert. Es hatte den schlichten Titel „Portfolio-Analyse“. Derartige Werkzeuge existierten vorher, aber keines war so einfach und plakativ. Es hantierte mit Begriffen, die sprichwörtlich jedes Kind kennt und deshalb war die Attraktivität besonders groß. Lediglich diejenigen, denen die Komplexität als das Nonplusultra galt, wandten sich diesem Tool nicht zu.

Die Portfolio-Analyse der Boston Consulting arbeitete lediglich mit vier Kategorien, unter die das, was eine Organisation machte, zugeordnet werden mussten. Sie lauteten: Milchkühe, lahme Enten, sterbende Hunde und Rennpferde. Mit Milchkühen waren die Dienste, Leistungen und Produkte einer Organisation gemeint, für die der Erfolg stand, mit denen man von Partnern und Kunden identifiziert wurde und die auch das einspielten, was den Laden am Laufen hielt. Die lahmen Enten waren Leistungen etc., die man zwar für gut erstrebenswert und notwendig hielt, die aber nicht in der Qualität existierten, die notwendig war, um sie zu Milchkühen gedeihen zu lassen. Die sterbenden Hunde wiederum waren Produkte und Tätigkeiten etc., die eigentlich nichts brachten, aber Aufwand bedeuteten und von denen viele nicht einmal wussten, warum man so etwas noch betrieb. Bei der vierten Kategorie, den Rennpferden, handelte es sich um Felder der Zukunft. Dinge, mit denen man angefangen hatte, die sich auf zukünftige Erwartungen bezogen, in die noch gewaltig investiert werden musste. 

Diejenigen, die sich dafür entschieden, dieses Schema anzuwenden, kamen relativ schnell zu einer für die jeweilige Organisation nutzbringenden Strategie. Die Folge war, dass diese Portfolio-Analyse dann in bestimmten Zeitabständen wiederholt wurde. Die Kritiker, die das alles als alberne Vereinfachung bezeichneten, mochten mit anderen Kriterien arbeiten, von praktikablen Strategien waren sie zumeist weit entfernt. Das große Asset der Bostoner Methode bestand darin, dass diejenigen, die die Verantwortung trugen, sich selbst an die Arbeit machten und die Entscheidungen trafen.

Vielleicht ist die große Zeit der Strategieentwicklung vorbei, es scheint zumindest so. Und bis heute existiert kein Argument gegen die Anwendung dieses Modells auch auf die politischen Strategien eines Landes. Man stelle sich vor, man folgte der Überlegung, welche Stärken, Leistungen, Produkte, Zustände als die Milchkühe dieses Landes bezeichnet werden könnten. Man würde sich an die Arbeit machen, die lahmen Enten zu beschreiben, d.h. alles, was notwendig ist, aber nicht in der erforderlichen Qualität vorliegt. Und welchen sterbenden Hunden man Geld und Zeit hinterherwürfe, ohne zu wissen, was das eigentlich noch an Nutzen produziert. Und letztendlich, sich zu überlegen, wie die Rennpferde, sprich die Leistungen, die der Zukunft entsprechen und sie sichern, zu beschreiben sind. 

Sicher ist, dass vieles, was derzeit geschieht mit allem Möglichen korrespondiert, nur nicht mit einem erkennbaren Portfolio und dessen strategischem Charakter. Eine solcher Befund ist keine Seltenheit. Deshalb ist die Anwendung z.B. der hier beschriebenen Methode immer wieder mal erforderlich. Angesichts der gut begreifbaren Kategorien dieser Methode manifestiert sich aber auch, inwieweit das gesamte Land sich auf einer Route bewegt, die ins Nirvana führt. Man könnte auch Ödön von Horváth zitieren: Ich gehe, und weiß nicht wohin, mich wundert, dass ich so fröhlich bin!  

Eine Route ins Nirvana
Allegorical painting labeled “FREEDOM,” “HAPPINESS,” “GREAT POWERS,” “COMPETITION,” “INFLUENCE,” “CONFLICT,” “RESOURCES.”

Das Märchen von Freiheit und Glück

Bereits vor Jahren beschrieb ein Kabarettist das, was uns hier in Deutschland und Europa erwartet, sehr treffend. Wenn Sie sehen wollen, wohin die seit Jahrzehnten hier praktizierte Politik führt, dann fahren Sie in die USA, so der gute Mann. Und er fuhr fort, dann kommen Sie zwar nicht zurück, aber Sie haben es zumindest gesehen. Das Endstadium eines ungezügelten Kapitalismus, mit der höchsten Zahl an Gefängnisinsassen weltweit, das Leben der einen in bewaffnet bewachten Compounds, während die anderen sich in den Elendsvierteln gegenseitig totschießen, mit Waffen, die ihnen die Reichen noch verkaufen. Und Leistungsträger, die nachts in ihrem Auto schlafen, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können und morgens vom Parkplatz aus ins Büro gehen.

Damals, als der Mann das Szenario beschrieb, wurde im Publikum noch kräftig gelacht. Heute sind einige der beschrieben Details bereits nah an der Realität und die Prognose ist nicht gewagt, dass die Beschreibung heute nicht mehr zu großem Gelächter führen würde. Und man muss konzedieren, dass die Entwicklung von einem Zustand der Systemkonkurrenz zwischen einem sehr fehlerbehafteten, despotischen und trägen Sozialismus und einem Kapitalismus, der sozialdemokratisch gebändigt schien, hin zum Ende der Geschichte, d.h. dem Kapitalismus ohne jegliche Schamgrenze sehr schnell ging. Alles, was Freiheit und Teilhabe derer anbetraf, die die Werte schaffen, wurde weggeputzt von einem gefräßigen Konfetti-Kapitalismus, der das Börsentreiben zum Gradmesser jeglicher politischer Entscheidungen gemacht hat. Das sozialdemokratische Zeitalter des Kapitalismus wurde schleunigst beerdigt. Das Kuriose dabei, quasi als historische Randnotiz, war allerdings, dass sich die Rudimente der Sozialdemokratie dabei noch als Sargträger betätigten.

Womit die Champagner trinkenden Triumphalisten am Tage des Zusammenbruchs des sozialistischen Lagers nicht gerechnet hatten, war die Tatsache, dass noch andere Kräfte in dem globalen Macht-Parallelogramm auftauchten. Zum einen die Volksrepublik China, die mit ihrer Art des Kapitalismus unter einer sozialistischen Ordnungsmacht ungeheure Entwicklungen nahm, eine an die historische Erscheinung der Bewegung der Blockfreien erinnernde Formation, die sich  BRICS nennt mit Staaten wie Brasilien, Südafrika, Indien und, ja, Russland. Letzteres hatte die Anarchie des Zusammenbruchs überwunden und als flächengrößtes und ressourcenreichstes Land des Planeten die Bühne als politische Kraft wieder betreten. Und, ob man es im Zeter und Mordio schreienden Westen hören will oder nicht, dieses Erstarken war einem die staatliche Ordnung wieder herstellenden Präsidenten Putin zu verdanken.   

Während in den Ländern des Kapitalismus der soziale Vorschlaghammer wütete, bildete sich global eine Front gegen die etablierte Form der Weltherrschaft durch den in der Tradition des Kolonialismus stehenden Imperialismus. Und um diese Frage geht es. Bleibt die alte Ordnung, in der die USA das Sagen haben, bestehen, oder drängen die neuen, dynamischeren Kräfte, erfolgreich auf eine andere Ordnung, in der ihre Interessen berücksichtigt werden? Seit formuliert wurde, worum es geht, herrscht Krieg. Und die verschiedenen Kriege, die geführt werden, fügen sich in ein Sinn-Schema ein, wenn man sie unter dieser Frage betrachtet.  Ukraine, Gaza, Libyen, Syrien, Afghanistan, Iran, bei all diesen Auseinandersetzungen, die allesamt von den USA angestiftet wurden, ging und geht es um die Frage, wer den Zugriff auf Ressourcen und  Handelswege hat. 

Die Freiheit und das Glück des spätbürgerlichen Individuums in dem geographisch kleinsten Teil dieser Welt ist das allerletzte Märchen, mit dem man die Satten in einer untergehenden Ordnung zu betäuben sucht.

Das Märchen von Freiheit und Glück
Cartoon woman holding a canister above four children and scattered red candies

Mutti hat sie alle sediert!

Im heutigen Spiegel wird die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Satz zitiert: Mir blutet das Herz. Er ist gleichzeitig der Titel der Hauptstory. Und in dieser lässt sich die Frau über das Debakel aus, welches das Wahlergebnis der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt zweifelsohne nicht nur für ihre CDU ist. Allerdings muten diese Tränen doch etwas an wie die absurde Reaktion eines Delinquenten, der mit der durch ihn verursachten Malaise konfrontiert wird und dann ganz entsetzt tut. 

Es geht nicht darum, die vielen Jahre der Kanzlerschaft von Frau Merkel als den direkten Weg ins Verderben aus der Rückschau zu beschreiben. Allzu viel von dem, was in die falsche Richtung in diesen Jahren gelaufen ist, wäre ohne die Mittäterschaft, Bräsigkeit, Charakterlosigkeit, Prinzipienarmut, strategischer Inkompetenz etc. all derer unmöglich gewesen, die sich haben von der Art dieser Frau sedieren lassen. Hauptsache war für viele, dabei zu sein. Posten zu haben, Geld zu bekommen und zu verteilen, im Licht der Sonne zu stehen und sich so immer mehr von dem abzuwenden, was mit dem Gedanken von Demokratie verbunden ist: die Bedürfnisse derer, von denen das Mandat kommt, als Richtschnur für die eigene Politik zu begreifen. 

Es war immer der leichte Weg, den sie zeichnete und der Rest mit beschritt. Und sie selbst, die angefangen hatte als „das Mädchen“ Helmut Kohls, war, nachdem dieser in die Biotonne getreten war, dann selbst am Hebel, von allen noch herablassend Mutti genannt. Aber sie verstand es, die kleinen gierigen Gestalten mit genügend Zucker in der Tasche an sich zu binden und zu lavieren. Vieles von dem, was sie richtig erkannte, z.B. die Ursachen von Flucht bekämpfen zu müssen, um den Strom von immer wieder Hunderttausenden, die aus ihrer Heimaten flohen, zu unterbrechen, hätte zur Folge haben müssen, dem großen Bündnispartner einmal zu sagen, dass er mit seinen ständigen Kriegen, die weder vom Völkerrecht gedeckt noch von irgendwelchen humanistischen Motiven inspiriert waren, doch bitte zu unterlassen. 

Das Profil, das ein souveräner Staat haben muss, gelang ihr nicht zu zeichnen. Immer waren es die Verbündeten, mit denen man die großen Fragen abstimmen musste, denen man aber nicht zu sagen wagte, was im eigenen Interesse ist und was nicht. Das war im Falle Afghanistans so, das war bei dem Debakel um die Ukraine so, das war bei Libyen, dem Irak und Syrien so. Und als die aus amerikanischer Sicht entstandenen Kollateralschäden an Europas Grenzen standen, ja, auch da gab es keines ihrer intern so gefürchteten Donnerwetter gegen den übermächtigen Uncle Sam.

Um auf das Ereignis zurückzukommen, welches ihr Herz so bluten lässt: Hätte Mutti nicht, ja, man muss es ihr konzedieren, es so brillant verstanden, die wechselnden Parteien, die ihr zu Regierungsmehrheiten verhelfen mussten, mit einem Mainstream-Cocktail zu sedieren, dann wäre heute für die Mehrheit der Bevölkerung noch die Option offen, zwischen Regierung und einer Opposition, die tatsächlich eine andere Vorstellung hat, zu unterscheiden und zu wählen. Was, neben den vielen ärgerlichen Petitessen, die eine so lange Regierungszeit hervorbringt, am schlimmsten ist, ist dieses sich selbst als Demokratie definierende Amalgan einer Mitte, die weder mit einer nationalen Strategie noch mit den realen Bedürfnissen dieses Landes korrespondiert. Die Leisetreter ihrer Amtszeit haben einen Friedrich Merz mit seiner Unglaubwürdigkeit, seiner Arroganz, seinem Militarismus und seinem antiquierten Weltbild nicht verhindern können. Und die politischen Trittbrettfahrer auch nicht. Ja, da blutet einem tatsächlich das Herz. Und die Stirnader schwillt.     

Mutti hat sie alle sediert!