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Besinnt Euch!

Der in diesen Tagen vielfach geäußerte Wunsch nach besinnlichen Tagen reicht nicht aus. Es ist dringend erforderlich, ihn in einen Imperativ zu verwandeln. Angesichts der Entwicklungen und der Lage in der Welt muss das Diktum lauten: Besinnt euch! Und es wäre vermessen, diese Aufforderung in die ganze Welt hinaus zu blasen. Das wurde in der Vergangenheit und wird in der Gegenwart zu oft gemacht. Aus deutschen Lautsprechern, die nur eines dokumentieren. Hierzulande herrscht schon wieder der deutsche Sonderweg, der vor allem aus einem besteht, nämlich aus der Anmaßung. Der Anmaßung, alles besser zu wissen, im Besitz der alles erklärenden Weisheit zu sein und vor allem die Werte zu präsentieren, nach denen sich die ganze Welt richten soll. Das, was aus dieser Anmaßung in der Regel resultiert, ist den meisten nicht mehr so richtig bewusst. Es endet in Verwerfungen und einem Debakel. Bescheidenheit wäre angebracht. Vor allem vor dem eigenen historischen Hintergrund. Aber das setzte voraus, dass gelernt worden wäre aus der eigenen Vermessenheit. Aber davon reden wir nicht mehr. Das einzige, was sich gehalten hat, ist die Verblendung.

Besinnt Euch! Schleicht nicht in ein mehrere Tage dauerndes Refugium, in dem ihr simuliert, die Welt und das eigene Handeln mit ein wenig Kritik und Demut zu betrachten. Stattdessen wird an den prall gedeckten Tischen über die Unzulänglichkeit vom Rest der Welt räsoniert werden: über die uneinsichtigen Amerikaner, die aggressiven Russen, die faulen Griechen, die unsteten Italiener und die irren Nordkoreaner, die renitenten Polen und die egoistischen Ungarn, die blutrünstigen Serben, die wahnsinnigen Araber. Wären da nicht, so die unausgesprochene Vermessenheit, die klugen, weitsichtigen Deutschen, dann wäre es schlimm um die Welt bestellt. Ja, wenn das so ist, dann sind wir doch die Auserwählten. Wir, die wir keine Schulden mehr machen, wir die wir für die Umwelt sorgen, wir, die wir so viel für die freie Entfaltung des Individuums tun, wir, die wir den Schleppern das Handwerk legen und immer den Frieden im Auge haben.

Merkt ihr etwas? Fällt euch noch auf, dass da auch andere Seiten in unserem Land beheimatet sind? Dass von hier aus Waffen in alle Welt geliefert werden, dass hier immer mehr Kinder und Alte in Armut leben, dass wir andere in Schuldknechtschaft treiben, dass wir das Feuer des Krieges schüren, dass wir mit unserem Lebensstil auch im Verbrauch der natürlichen Ressourcen Weltspitze sind, dass wir Innovationen verhindern, die vielen anderen zugute kommen könnten und dass es uns immer wieder gefällt, andere dadurch zu beleidigen, dass wir sie belehren? Dass wir ihnen erklären, wie unzulänglich sie sind, wie dumm, wie rückständig?

Merkt ihr nicht, dass wir Bestandteil der Kriege und der Ungerechtigkeit in dieser Welt sind? Dass wir dabei sind, immer mehr Länder gegen uns aufzubringen, weil wir auf der Kanzel stehen und der Welt erklären, wie sie zu funktionieren hat? Ja, es gibt Alternativen, auch wenn man in bestimmten Kreisen denkt, das sei nicht so. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen bedarf es des Bewusstseins, dass wir selber nicht frei von Fehlern sind und das andere ihre Probleme sehr wohl lösen können. Dass sie das oft sogar so tun, dass wir davon lernen könnten. Seid endlich nicht mehr die Sklaven euerer eigenen Vermessenheit! Besinnt euch!

Die katalanische Episode

„Katalanische Wähler strafen Spaniens Zentralregierung ab“. Unter diesem Tenor wird über die gestrigen Wahlen in Katalonien berichtet und damit dokumentiert, dass der seröse Journalismus keine Chance mehr hat. In den Texten liest sich das dann, sofern überhaupt, doch ein wenig anders. Dann kommt heraus, dass die für eine Abtrennung von Spanien eintretenden Fraktionen im Parlament zwar noch über eine absolute Mehrheit von 70 Sitzen (zwei weniger als bei der letzten Wahl) von 135 Mandaten besitzen, sich aber einiges verändert hat. Richtig ist, dass die Partei Rajoys kräftig gestutzt wurde, richtig ist aber auch, dass die strikt für den Verbleib in Spanien eintretende liberale Bürgerpartei mit der Spitzenkandidatin Ines Arrimadas mit 37 Sitzen stärkste Fraktion wurde. Zudem kommt heraus, dass in absoluten Zahlen 52 % der abgegebenen Stimmen sich gegen eine Trennung von Spanien aussprachen, dass jedoch gezielte Wahlreformen der Separatisten in den letzten Jahren dazu führten, dass die ländlichen, die Abtrennung befürwortenden Gegenden, stärker bewertet werden als die Städte und die Metropole Barcelona, wo eine Mehrheit für den Verbleib bei Spanien ist.

Dass der Putschist Carles Puigdemont von einer schallenden Ohrfeige für Spanien spricht, ist keine Überraschung. Er lässt sich mittlerweile wie der viel geliebte Sohn in der Fremde von den Seinen feiern, die mit großer Bewegung von seinem Exil in Brüssel sprechen. Das steht in krassem Widerspruch zu dem, was die Wahlen tatsächlich zutage gefördert haben. Das, was als Provinz Katalonien bezeichnet werden muss, ist eine zutiefst zerrissene Region, die in nächster Zeit nicht zur Ruhe wird kommen können.

Da ist die ländliche Bevölkerung auf der einen Seite, die zwischen EU-Subventionen für ihre Produkte wie einer tiefen Sehnsucht nach Protektionismus schwankt, sich aber aus traditionellen Gründen der Separierung verschrieben hat und auf der anderen Seite steht eine ihrerseits tief gespaltene Klassengesellschaft in den Städten. Dort existiert auf der einen Seite die Zäsur zwischen Bourgeoisie und Proletariat wie in den goldenen Zeiten des europäischen Klassenkampfes. Das Proletariat ist in starkem Maße andalusisch und pro-Spanisch. Und es existiert ab einer bestimmten Betriebsgröße eine global operierende Bourgeoisie, die den Folklorismus, den sie anfänglich belächelte, mittlerweile als Störung ihrer Wirtschaftsinteressen begreift.

Was bleibt, ist die lokale Bourgeoisie, die für ein eigenständiges Katalonien eintritt, umsäumt von denjenigen, die Opfer und Zeugen einer ignoranten spanischen Zentralregierung und ihrer Taten geworden sind. Da ist guter Rat teuer und es drängt sich eine Formulierung auf, die der Sache nicht ganz gerecht wird, die aber dennoch nicht von der Hand zu weisen ist: Außer Spesen nichts gewesen.

Politisch hat der Regionalismus durch die katalanische Episode wieder etwas Aufmerksamkeit bekommen, eine Perspektive ist daraus nicht entstanden. Die Flucht in den eigenen, regionalen Mikrokosmos, um den Problemen in den größeren, internationalen Zusammenhängen zu entgehen, hat sich als glücklos erwiesen. Die Hypothek, an der die Region sich wird abarbeiten müssen, ist höher als es alle Beteiligten verdient haben. Es wird Jahre dauern, bis sich die Lage normalisiert hat.

Hierosolyma est perdita

Wenn eine Stadt historisch das Zeug dazu hätte, ein Symbol für den Gedanken der Konkordanz zu sein, dann wäre es das gebeutelte Jerusalem. Und wenn eine Stadt die Geschichte lehrt, was Tragik ist, dann heißt sie auf jeden Fall Jerusalem. Der von Lion Feuchtwanger in einem grandiosen historischen Roman ins Leben zurückgeholte Jude und römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus wird zitiert, wie er die Situation im ägyptischen Alexandria beschreibt, als die Nachricht von der Zerstörung Jerusalems bekannt wurde. Sobald auf den Straßen Juden gesichtet wurden, begannen die Menschen rhythmisch zu klatschen und skandierten Hierosolyma est perdita – H.E.P. , Jerusalem ist dahin. Feuchtwanger bemühte die Szene, um die Pogromstimmung gegen Juden, wie sie das Europa des Faschismus erlebte, als historisch tradiert darzustellen.

Die Stimmung in der Region war immer gegen einen eigenständigen jüdischen Staat, die Geschichte der Region führte zu der Existenz von Judentum und Islam. Und die Geschichte des zeitgenössischen Faschismus führte zu dem Absurdum, dass gerade der Holocaust erst einen jüdischen Staat ermöglichte. Die der Ausrottung entkommenen Juden erreichten das in den Schriften gepriesene Land und verdrängten die dort lebenden Palästinenser. Keine Stadt dokumentiert das so wie Jerusalem.

Nach nahezu siebzig Jahren des Kampfes, der Verwerfung und der sich wiederholenden, aber immer wieder gescheiterten Friedensinitiativen ist ein Schluss unabweisbar. Und das ist der, dass es keine haltbare Lösung für den Konflikt geben wird, die die Dominanz einer Seite zur Grundlage hat. Es ist tragisch, weil die Wunden auf beiden Seiten tief sind. Aber es ist logisch, weil sie so tief sind.

Und nun kommt ein amerikanischer Präsident, dem diese Betrachtung fern ist, den es nicht schert, ob es zu einer friedlichen Lösung wird kommen können und der mit einem fait accompli einseitig Jerusalem als die Hauptstadt Israels deklariert. Die weltweiten Reaktionen zeigen, wohin die Reise gehen wird. Die Spirale der Gewalt hat Zukunft, die Strategie der militärischen Lösung gewinnt an Dominanz. Der Waffenhandel gewinnt, die Völker verlieren. Nach Maßgabe aus Washington ist das Zwei-Staaten-Konzept vom Tisch. Nach dem Kalkül wird Palästina von der Bildfläche verschwinden, realiter wird es darauf hinauslaufen, dass nicht nur Palästina, sondern auch Israel das Zeitliche segnen wird. Es ist ein Fiasko.

In einer Kulturregion, in der die Symbolik eine solche Dominanz genießt wie im Nahen Osten, ist der martialische Atavismus, mit dem die US-Administrationen seit langem ihre Strategien formulieren, der Krieg als Dauerzustand festzuschreiben. Das war so im Irak, in Afghanistan, in Syrien, in Libyen, das ist überall so, wo sie mit der Formel des Regime Change auf der Matte stehen. Das ist übrigens auch so in der Ukraine. Der Krieg, seit Clausewitz die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, ist am Potomac längst zum Normalzustand, der mit allen mit allen Mitteln aufrecht erhalten wird, mutiert. Auch wenn die Seichtigkeit der gegenwärtigen Geschichtsschreibung oft etwas anderes suggeriert, die USA sind die kriegstreibendste Nation auf unserem Planeten.

Und Lion Feuchtwanger hatte Recht. Das Pogrom gegen die Juden ist nicht nur historisch tradiert, sondern es wird, solange es mächtige, amöbenhafte Politik gibt, Bestand haben. Hierosolyma est perdita! Es ist zum Schaudern.