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In eigener Sache

M 7 existiert bereits seit fünf Jahren. Eine Zeit, die Spuren hinterlassen hat, die voller Veränderungen war. Ich selbst habe schon immer gerne die Möglichkeit genutzt, um Dinge, die mich interessieren und bewegen, aufzuschreiben. Es ist ein Prozess, der etwas zu tun hat mit Klärung und Vergewisserung. Und es ist ein Prozess, der gespeist wird von dem Willen, nicht alles so hinzunehmen, wie es daher kommt. Für mich selbst als Individuum ist das sehr viel, für die Leserinnen und Leser hier aber auch nicht mehr. Mir ist bewusst, dass ich auch beim Verfassen der Texte Täuschungen, Fehleinschätzungen und manchen Wünschen erliege. Das ist aus meiner Sicht nicht nur normal, sondern auch legitim.

Die Texte entstehen in der täglichen Routine. Mal kommt mir ein Gedanke morgens auf dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit, mal höre ich die Nachrichten oder ein anderes Mal unterhalte ich mich mit einem Freund oder eine Kollegin erzählt mir eine Geschichte. Es ist alles da, und wenn das Ohr darauf eingestellt ist, kann ich solche Anlässe jeden Tag hören. Und dann folge ich der Maxime Walter Benjamins, ich setzte mich an die Tastatur und beginne mit dem ersten Satz, den ich im Kopf habe und dann geht es weiter, aus dem Lamäng der tief liegenden Psyche webt sich ein Text bis er seine 528 Zeichen erreicht hat, die das normative Maß für mich sind. Das geht relativ schnell und hindert mich nicht, einer aufregenden, aber geregelten Arbeit nachzugehen und mich so zu verhalten, wie die meisten: als ein fehlbares Individuum in einer komplexen Gesellschaft.

Umso mehr freut es mich, dass eine gewisse Anzahl an Menschen regelmäßig auf M 7 dieser Übung folgen und das formulieren, was sie gut finden, das, was sie stört oder mich darauf hinweisen, wenn ich ihrer Meinung nach falsch liege. Das sind für mich sehr wichtige Hinweise, die ich mir sehr zu Herzen nehme, obgleich ich nur in seltenen Fällen darauf antworte, weil ich schlicht diese Zeit nicht habe. Aber wertvoll, sehr wertvoll sind diese Kommentare.

Ich betrachte es als einen Erfolg von M 7, dass es bei aller Brisanz gewisser Themen bis auf wenige Ausnahmen nicht dazu gekommen ist, in diesem Kontext Hass auszuleben, beteiligte Personen zu verunglimpfen oder Angst zu verbreiten. Wie gesagt, sehr selten, aber als sich so etwas anbahnte, musste ich intervenieren und auch einmal jemanden ausschließen. Doch angesichts der heißen Debatten in einer orientierungslos wirkenden Welt haben sich die Interakteure dieses Blogs als sehr weitsichtige, vernünftige und zivilisierte Wesen entpuppt. Das gab und gibt mir Mut. Und so wird M 7 weiter seinen Senf zu den Zeiterscheinungen geben, mal richtig und mal falsch liegen, aber aufrechten Ganges.

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünschen Ihnen und Euch allen ein gutes Jahr, das uns alle inspirieren soll!

Das ritualisierte Fazit und eine strenge Übung

Es lässt sich nicht vermeiden. Zu jedem Jahresende kommen die Rückblicke. Wenn sie nicht im Privaten oder in der Firma stattfinden, wo diese Übung sicherlich in vielerlei Hinsicht Sinn erzeugt und zu einem Dialog über den Sinn und die Ziele überhaupt anregt, so sind die medial groß aufgemachten Resümees oft eine Katastrophe par excellence. Da werden alle Show- und Talkmaster, derer man habhaft wird, eingespannt, um eine emotionale Mischung aus Freude, Anerkennung, Bestürzung und strunzender Sentimentalität zu erzeugen. Da werden dann Helden gefeiert, die zumeist keine sind, Opfer betrauert, die diesen Status auch nicht verdienen und letztendlich das politische Bild, das man dem Mob gerne vorschreiben möchte, wird auch noch transportiert. Schlimmer geht es nicht, es sei denn, man wartet auf die Ausgabe des nächsten Jahres.

Der Blick zurück kann eine wunderbare Übung sein, um die Konsistenz des eigenen Willens und die Zuverlässigkeit des eigenen Bewusstseins zu überprüfen. Waren Ziele formuliert? Mussten die Ziele korrigiert werden? Warum? Lag es an den Rahmenbedingungen? Ober an der eigenen Unzulänglichkeit? Waren manche Ziele aus einer Täuschung formuliert worden? Wie war die Resonanz der Umwelt auf das eigene Agieren? Wo gab es Zustimmung, wo Kritik? Welche Lernprozesse waren die wichtigsten? Was war als wichtig erachtet worden und stellte sich als banal heraus? Was schien anfangs banal und bekam einen gravierenden Stellenwert? Wo will ich mich als Individuum verbessern? Und wo will ich mir als Individuum mehr Freiheiten zubilligen? Natürlich muss man das alles nicht fragen und beantworten, aber es ist eine spannende Übung. Und jeder, der sich auf sie einlässt, wird davon profitieren.

Nun stelle man sich vor, der Kanon dieser Fragen spielte bei den großen Rückblicken, die unser gesellschaftliches Sein betreffen, eine Rolle! Da würde nicht permanent von Schicksal gesprochen oder eitel mit der Bekanntschaft zu scheinbar wichtigen Verstorbenen jongliert, sondern wirklich einmal kritisch überprüft, was da in einem Jahr passiert ist.

Und das Debakel finge bereits mit der ersten Frage an, ob Ziele formuliert waren. Eine Gesellschaft und das aus ihr heraus agierende politische System, das sich vehement gegen eine Debatte um die Konturen der Zukunft stellt, formuliert keine Ziele. Die gegenwärtige Regierung steht gar für die Formulierung „wir fahren auf Sicht.“ Und dann befinden wir uns bereits in der Logik, die immer größere Dissonanzen und Verwerfungen hervorruft. Denn wer keine Ziele formuliert, der braucht sie auch nicht auf dem Weg korrigieren. Und dann sind die Rahmenbedingungen eben so, wie sie sind. Und nicht formulierte Ziele können auch keiner Täuschung entspringen. Und wie die Umwelt reagiert, das ist mittlerweile eine beliebte Übung in der Nomenklatura, das ist eine Frage der Unzulänglichkeit der Umwelt. Denn wer nicht einsieht, dass es Alternativen zu jedem Handlungsplan gibt, der öffnet sich auch keiner Kritik.

Der Kanon von Fragen, die sich mit einem selbstkritischen Rückblick befassen, findet in der Bewertung der gesellschaftlichen Handlungen keine Anwendung. Und es sei bemerkt, dass das kein Muster ist, wo hier die guten Bürger und dort die böse Politik spielt. Es existiert eine tiefe Spaltung zwischen den Mikrokosmen und dem Makrokosmos Politik, die alle Beteiligten zu verantworten haben. Und das bittere Fazit, das in Bezug auf den Makrokosmos Politik gezogen werden muss, ist, dass weder zweck- noch wertneutrales Handeln in großem Maßstab zu identifizieren ist.

Ich gehe gleich auf einen langen Spaziergang und unterziehe mich der Prüfung. Je strenger die Übung, desto befreiender die Wirkung!

By the way…

Ein englischer Freund, der sich schon lange in unseren Gefilden herumtreibt und den ich immer wieder zufällig treffe, kommt jedes Mal, egal, um welches Thema sich das Gespräch dreht, zu einer seiner Schlussfolgerungen aus den langen Jahren, die er hier verbracht hat. Ihr Deutschen, so sagt er dann, ihr Deutschen habt den Drang, alles, jede Kleinigkeit, zu einer dramatischen, existenziellen Frage hochzupeitschen. Wenn hier einer den Müll nicht trennt, oder an der Ampel bei Rot noch hinübereilt, obwohl eine Mutter mit Kind bereits wartet oder sich jemand irgendwo ungefragt eine Zigarette ansteckt, dann brennt es lichterloh. Dann versinkt die Welt im Unrat, dann hat die zukünftige Generation keine Orientierung oder ein rücksichtsloser Teil der Gesellschaft vergiftet den anderen Teil kalten Gemütes. Ganz Unrecht hat der englische Kollege aus meiner Sicht nicht. Ich habe auch schon versucht, mit ihm etwas anderes zu diskutieren, das gar nicht dazu passt. Aber das passt ihm nicht, wer weiß warum.

Verfügen wir auf der einen Seite über das nötige Quantum an Hysterie, wenn es um kleine Unlässlichkeiten geht, so steht auf der anderen Seite, vor allem gegenüber den wirklich existenziellen Dingen, eine Fähigkeit zur Verdrängung, die noch mehr beängstigen muss als das Ausrasten bei Kleinigkeiten. Allein die Politik der letzten Jahre beinhaltete Dinge, die in jedem anderen Land zumindest heftige Debatten entfacht, die die Frage nach dem Selbstverständnis der Nation und ihrem vermeintlichen Willen gestellt hätten. Stichworte wie die Ukraine, Syrien oder Griechenland mögen genügen, um zu demonstrieren, dass das Deutschland, das sich da plötzlich der Welt präsentiert hat, krass von dem Bild abweicht, das in den Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg gezeichnet wurde. Und getragen wurde dieser rasante Wandel aus einem Moralismus heraus, der die neue Überheblichkeit in Reinkultur darstellt.

Letzteres ist übrigens das, was bei allen kontroversen Einschätzungen zur Erweiterung der EU, zur Durchlässigkeit von Migranten, der Finanzpolitik gegenüber überforderten Volkswirtschaften, zu den Waffenlieferungen an Saudi-Arabien etc. am meisten verstören sollte. Diese lächelnde, gegen jeden Anflug von Selbstkritik imprägnierte Arroganz und Selbstgewissheit, diese bar jeglicher Erfahrung bezüglich anderer Lebensumstände an den Tag gelegte Besserwisserei, sie geht vom dumpfen Einpeitscher bis hin in die politischen und medialen Eliten. Und dort, in deren Sphären, wird vorgelebt, wie vermeintlich mit der Welt umgesprungen werden muss. Von der Hygiene, vom Milieu, von der Sprache und von der Engstirnigkeit biete sich dort derweil die größte Analogie zum historischen Faschismus. Insofern sind wir voll auf Kurs und keiner merkt, von wo die Gefahr ausgeht. Die neue Rechte, sozial und numerisch überschaubar, ist ein unappetitlicher Haufen, ja, aber gefährlich? Da sind andere längst unterwegs, und der Bauch spürt es auch, aber der Kopf befindet sich schon in der Falle.

Was der deutsche Michel mit der Zipfelmütze, der sich immer nur die Augen reibt und leicht überfordert erscheint ist in England John Bull. John Bull ist eine treue Seele, die schuftet und schuftet und die sich nach Ruhe und Frieden sehnt. Und nicht selten wird auch dieser John Bull an der Nase herumgeführt und er wird Opfer seiner Gutmütigkeit. Wenn er das jedoch bemerkt, dann schlägt er ziemlich trocken und humorlos zurück, während klein Michel unter dem Tisch liegt, mit den Beinen strampelt und Gott und die Welt, nur sich selbst nicht, für seine Lage verantwortlich macht. Wie schön, wenn er dann einen Nachbarn entdeckt, der den Müll nicht trennt!