Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Auf dem Trail des Krieges

Das einstige wie das heutige See-Imperium, die beide nach eigener Lesart für den Gedanken der liberalen Demokratie stehen, haben, um die Seeweg von Asien nach Europa zu sichern, Teile des Jemens bombardiert. Von dort aus waren Containerschiffe von Huthi-Rebellen beschossen worden, von denen diese ausgingen, dass sie Fracht für Israel enthielten. Das Fass mit Explosiva steht in dieser Region in der Sonne. Der Konnex von Huthi-Iran-Syrien-Russland steht dem von Israel-USA-Teilen der EU gegenüber. Damit China nicht wieder wie ein lachender Dritter dasteht, ist unsere Außenministerin der Bundesrepublik Deutschland auf ihrer Südostasien-Reise auf den Philippinen deutlich geworden und hat die Volksrepublik dafür gerügt, im vor der eigenen Küste liegenden südchinesischen Meer mit Kriegsschiffen herum zu manövrieren. Das Recht auf freie Fahrt gilt für amerikanische Flugzeugträger, britische Kriegsschiffe wie neuerdings auch eine deutsche Fregatte, aber nicht für den größten lokalen Anrainer. Und, das sollte nicht vergessen werden, aus der Ukraine wird mit weitergehenden Waffensystemen wie dem britischen Storm Shadow russisches Territorium angegriffen. 

Man sieht, die Zeichen stehen auf Sturm. Zwar melden sich zunehmend Länder zu Wort, die durchaus Gewicht haben, aber an dem waffenklirrenden Vergnügungsspiel der bisher Beteiligten werden sie wohl nichts ändern können. Es geht um nichts Geringeres als die bestehenden Machtverhältnisse. Das maritime, liberal-demokratische Imperium will sich nicht von den aufsteigenden Kontinentalmächten, die wie selbstverständlich dem Autoritatismus frönen, das Heft aus der Hand nehmen lassen. Und dass in Zeiten des Krieges, in denen wir bereits leben, ohne den strengen Geruch der Front bereits vernehmen zu müssen, in diesen Zeiten ist erst mal Schluss mit den wunderbaren Freiheiten der bürgerlichen Demokratie. Da muss hart durchgegriffen werden und es wird, quasi aus erzieherischen Mitteln, der ständig quengelnden Bevölkerung eine kleine Kostprobe davon gegeben, wie ihr Leben aussähe, wenn die barbarischen Horden aus dem Osten tatsächlich erfolgreich wären.

Wir sind auf dem Trail. Dem des Krieges. Es macht keinen Sinn mehr, über die Rationalität des einen oder anderen Akteurs zu setzen und zu hoffen, dass irgend ein Vertreter der in diesen Kampf  verwickelten Parteien sein Verhalten ändert und mit dem völlig aus der Mode gekommenen Mittel der Diplomatie versuchen wird, Tempo aus dem Schnellzug der Zerstörung zu nehmen. So, wie es aussieht, liegt die einzige Möglichkeit, die Spur des Krieges zu verlassen, im Aufbegehren der jeweiligen Bevölkerung. Das hoffen die Strategen der Kriegsparteien von der jeweils feindlichen Seite. Es muss aber von allen Seiten kommen. Aufstand und Streik gegen den Krieg, egal in welcher Form und wo er auftritt. Und es muss international sein. Das klingt verwegen, aber eine andere Form der Befriedung ist nicht in Sicht. 

Ackergäule, Rennpferde und die Beratungsbranche

Kennen Sie das? Da spricht ein Mensch zu Ihnen, der vieles kritisiert und die Meinung vertritt, er oder sie wüsste, wie man es besser machen könnte? Und in vielen Worten werden die Gegenstände und ihre Dysfunktionalitäten erklärt und ganz zum Schluss kommt dann die Formulierung: Aber mich fragt ja keiner! 

Eine solche Situation haben wir sicherlich alle schon einmal erlebt und, ehrlich gesagt, hinterlässt sie immer auch ein Schmunzeln. Denn dass man, auch wenn man glaubt, man wisse es besser, nicht gefragt wird, hat in der Regel damit zu tun, dass man selbst nicht in der Verantwortung steht, aus der die gegenwärtige Situation resultiert. Warum das so ist, sollte sich jeder oder jede selbst fragen. Für gesellschaftliche Zustände ist es jedoch von keiner Relevanz.

Viel interessanter ist, dass diejenigen, die in besagter Verantwortung stehen, durchaus sehen, dass sie in dem einen oder anderen Fall Hilfe benötigen. Und es existiert eine Branche, die in solchen Fällen ihre Dienste offeriert. Es ist die der Beratung. Und sie hat sich ausdifferenziert spezialisiert auf Wirtschaftsunternehmen, Organisationen unterschiedlichster Art und die Politik. 

Dass es in dieser Branche nicht nur unterschiedliche Qualitäten gibt, ist so normal wie in jedem anderen Segment, in der Arbeitsleistung erbracht wird. Dass dort U-Boote herumfahren, die unter der Flagge Beratung Lobby-Interessen durchzusetzen versuchen, ist bekannt. Und dass die unterschiedlichen Beratungsunternehmen auch mit sehr unterschiedlichen Denkansätzen unterwegs sind, kann sogar als Bereicherung angesehen werden. Und wenn Beratungsunternehmen kompetent sind und sich während eines solchen Prozesses immer ihrer Rolle bewusst sind und darauf achten, dass sie dieser treu bleiben, dann kann ein solches Engagement sehr hilfreich sein und helfen, bestimmte Probleme zu lösen. 

Entscheidend ist meines Erachtens die Frage, ob die angefragte Beratung sich gleich daran macht, die Produkte eines Unternehmens oder die Inhalte einer Politik zu beeinflussen oder ob sie sich darauf konzentrieren, die Akteure Vorgehen wie Ausrichtung selbst bestimmen zu lassen und ihnen bestimmte methodologische, soziale, kommunikative und strategische Werkzeuge in die Hand geben und ihnen helfen, diese anzuwenden. Bei letzterem, so mein Rat, im Falle dass mich jemand fragen sollte, sind die Hilfe und Unterstützung Suchenden gut beraten. Im ersten Fall, so mein Rat, geleiten Sie die Anbieter persönlich und in aller Höflichkeit direkt zum Ausgang und wünschen ihnen alles Gute.

Da wir uns in Zeiten befinden, in denen die Branche der Beratung sehr gefragt ist, ist es sinnvoll, sich genau anzuschauen, wer aus diesem Segment wo unter Vertrag steht und ob die eingesetzten Mittel tatsächlich zu einem Ziel führen. Was festzustellen ist, sind erhebliche Defizite in den Zentren der Verantwortung, die nichts zu tun haben mit den Zielen und Ausrichtungen, sondern in der Analyse des Bestehenden und der handwerklichen und methodischen Vorgehensweise. Da dümpelt vieles dahin. 

Und, zu dieser Erkenntnis bedarf es keines Beratungsunternehmens, sondern da reicht es, auf den Erfahrungsschatz des kollektiven Bewusstseins zurückzugreifen. Man kann aus einem Ackergaul kein Rennpferd machen. Und bei denen, die das wissen, ist das alles andere als despektierlich gemeint.

Das heißt, wenn irgend jemand fragen sollte: Was sind die Stärken, mit denen wir identifiziert werden und die wir erhalten müssen, um Selbstwert und Identifikation wie Kraft bewahren zu können? Wo hakt es, wo ist zwar vieles vorhanden, was gut läuft, aber wo müssen wir da nacharbeiten? Des Weiteren, auf welchem Feld verkünsteln wir uns, bringen nichts so richtig zustande und vergeuden Ressourcen und sollten einen Schlussstrich ziehen? Und letztendlich, welche Ideen haben wir für die Zukunft und was müssen wir tun, um dahin zu kommen?

Diese vier Fragen gehören zusammen. In der angesprochenen Branche nennt man so etwas eine Portfolio-Analyse. Gut aufgestellte Organisationen wenden diese in bestimmten Intervallen immer wieder an. Hilfe dabei zu holen, kann nie falsch sein. Das alles zu ignorieren schon. 

Ungefragt zu Papier gebracht. 

Die Sonnenfinsternis der Diplomatie und die Heiligsprechung der Einfalt

Auf welcher Schule wird eigentlich das Fach Eskalation gelehrt? Ich kann mich nicht entsinnen, je eine Institution in unseren Breitengraden kennengelernt zu haben, in der das der Fall war. Ganz im Gegenteil, in Schulen und Universitäten wurde zumindest meiner Generation vermittelt, dass die unreflektierte, grenzenlose und durch Gier oder Hass gespeiste Eskalation zu nichts Gutem führt. Und während meines gesamten Arbeitslebens verging kein Jahr, in dem es keine Seminare gab, in denen man Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben konnte, wie man mit Eskalation umgeht und sie wegen ihres kontraproduktiven Charakters neutralisieren kann, um wieder zu einem vernunftgeleiteten Handeln zu kommen. Und, seien wir gerecht, die Generationen nach mir haben das auch nicht anders vermittelt bekommen. Ich hatte eher den Eindruck, dass Konfrontation und Widerstand fälschlicherweise immer mit etwas exklusiv Negativem und mit destruktiven Eskalationsgelüsten gleichgesetzt wurde. Was zu einer Verzerrung und einem Verlust von diskursiver Kompetenz führte.

Umso erstaunlicher ist es, dass wir in allen Sphären der Gesellschaft von Eskalationsgelüsten belästigt werden. Von dem Versuch, kleine Probleme damit zu lösen bis zu internationalen Konflikten, in denen die Handelnden exklusiv nur über das Instrument der Eskalation verfügen. Das Kapitel des Krieges in der Ukraine ist mehr als beredt, eine Eskalationsstufe folgte der nächsten, obwohl es nachweislich Korridore der De-Eskalation gab. Und das Resultat wird immer deutlicher: man hat sich von dem Ziel, der Ukraine zu helfen, immer weiter entfernt. 

Das Gleiche zeigt sich jetzt im Nahen Osten. Noch gestern verkündete die Außenministerin, ihrerseits eine Allegorie für die Sonnenfinsternis der Diplomatie, dass sie, um Israel zu schützen, den Weg frei machen würde für die Lieferung von Kampfjets nach Saudi Arabien. Dass dieses Land seit Jahren einen Krieg gegen den Jemen führt, der seinerseits starke Bande in den Iran hat und dass dadurch der Konflikt zu einem Flächenbrand werden kann, der bereits in der ganzen Region schwelt, spielt bei dieser Kalkulation keine Rolle und dokumentiert, dass die Eskalation per se das einzige Besteck zu sein scheint, über das diese Figur, wie viele andere eben auch, verfügt. 

Es hilft auch nicht, einen Begriff wie die Zeitenwende in den Äther zu blasen, um alle Prinzipien von Vernunft und Diplomatie über Bord zu werfen und wie eine politische Klasse in der Analphase überall, wo man gerade daherstolziert, seine stinkenden Haufen abzusetzen. Gefragt ist das, was Millionen Menschen in diesem Land täglich tun: bei der Arbeit, im sozialen Umfeld, bei ihrem Engagement in welchen Kreisen auch immer. Sie hören zu, sie bringen Argumente vor, sie geben denen, die sich daneben benehmen, das Signal, dass sie sie wahrnehmen. Sie lassen sie ausreden, sie unterstellen ihnen erst einmal gar nichts und sie arbeiten an Vorschlägen, wie man zu einem Weg finden kann, auf dem man sich für eine bestimmte Zeit unter bestimmten Bedingungen arrangieren kann. Stattdessen wird jede Form der Eskalation mit Hass und Rache gespeist, Öl ins Feuer gegossen und die Lunten in Brand gesetzt.

Wer sich in einer solchen Situation, die seit einigen Jahren als Normalität verkauft wird, darüber wundert, dass es so langsam auch im Innern ungemütlich wird, ist in seiner Einfalt kurz vor der Heiligsprechung.