Cartoon woman holding a canister above four children and scattered red candies

Mutti hat sie alle sediert!

Im heutigen Spiegel wird die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Satz zitiert: Mir blutet das Herz. Er ist gleichzeitig der Titel der Hauptstory. Und in dieser lässt sich die Frau über das Debakel aus, welches das Wahlergebnis der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt zweifelsohne nicht nur für ihre CDU ist. Allerdings muten diese Tränen doch etwas an wie die absurde Reaktion eines Delinquenten, der mit der durch ihn verursachten Malaise konfrontiert wird und dann ganz entsetzt tut. 

Es geht nicht darum, die vielen Jahre der Kanzlerschaft von Frau Merkel als den direkten Weg ins Verderben aus der Rückschau zu beschreiben. Allzu viel von dem, was in die falsche Richtung in diesen Jahren gelaufen ist, wäre ohne die Mittäterschaft, Bräsigkeit, Charakterlosigkeit, Prinzipienarmut, strategischer Inkompetenz etc. all derer unmöglich gewesen, die sich haben von der Art dieser Frau sedieren lassen. Hauptsache war für viele, dabei zu sein. Posten zu haben, Geld zu bekommen und zu verteilen, im Licht der Sonne zu stehen und sich so immer mehr von dem abzuwenden, was mit dem Gedanken von Demokratie verbunden ist: die Bedürfnisse derer, von denen das Mandat kommt, als Richtschnur für die eigene Politik zu begreifen. 

Es war immer der leichte Weg, den sie zeichnete und der Rest mit beschritt. Und sie selbst, die angefangen hatte als „das Mädchen“ Helmut Kohls, war, nachdem dieser in die Biotonne getreten war, dann selbst am Hebel, von allen noch herablassend Mutti genannt. Aber sie verstand es, die kleinen gierigen Gestalten mit genügend Zucker in der Tasche an sich zu binden und zu lavieren. Vieles von dem, was sie richtig erkannte, z.B. die Ursachen von Flucht bekämpfen zu müssen, um den Strom von immer wieder Hunderttausenden, die aus ihrer Heimaten flohen, zu unterbrechen, hätte zur Folge haben müssen, dem großen Bündnispartner einmal zu sagen, dass er mit seinen ständigen Kriegen, die weder vom Völkerrecht gedeckt noch von irgendwelchen humanistischen Motiven inspiriert waren, doch bitte zu unterlassen. 

Das Profil, das ein souveräner Staat haben muss, gelang ihr nicht zu zeichnen. Immer waren es die Verbündeten, mit denen man die großen Fragen abstimmen musste, denen man aber nicht zu sagen wagte, was im eigenen Interesse ist und was nicht. Das war im Falle Afghanistans so, das war bei dem Debakel um die Ukraine so, das war bei Libyen, dem Irak und Syrien so. Und als die aus amerikanischer Sicht entstandenen Kollateralschäden an Europas Grenzen standen, ja, auch da gab es keines ihrer intern so gefürchteten Donnerwetter gegen den übermächtigen Uncle Sam.

Um auf das Ereignis zurückzukommen, welches ihr Herz so bluten lässt: Hätte Mutti nicht, ja, man muss es ihr konzedieren, es so brillant verstanden, die wechselnden Parteien, die ihr zu Regierungsmehrheiten verhelfen mussten, mit einem Mainstream-Cocktail zu sedieren, dann wäre heute für die Mehrheit der Bevölkerung noch die Option offen, zwischen Regierung und einer Opposition, die tatsächlich eine andere Vorstellung hat, zu unterscheiden und zu wählen. Was, neben den vielen ärgerlichen Petitessen, die eine so lange Regierungszeit hervorbringt, am schlimmsten ist, ist dieses sich selbst als Demokratie definierende Amalgan einer Mitte, die weder mit einer nationalen Strategie noch mit den realen Bedürfnissen dieses Landes korrespondiert. Die Leisetreter ihrer Amtszeit haben einen Friedrich Merz mit seiner Unglaubwürdigkeit, seiner Arroganz, seinem Militarismus und seinem antiquierten Weltbild nicht verhindern können. Und die politischen Trittbrettfahrer auch nicht. Ja, da blutet einem tatsächlich das Herz. Und die Stirnader schwillt.     

Mutti hat sie alle sediert!

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