Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Fehlbar sind immer nur die Anderen!

Kennen Sie diese Menschen? Die, sobald etwas nicht so funktioniert, wie es sollte, jeglichen Zusammenhang zwischen der jetzigen Situation und ihrem eigenen Handeln leugnen? Ich stelle einmal die Behauptung auf, dass ich hier nicht von einigen, verirrten Individuen spreche, sondern von einem Massenphänomen rede. Die meisten Menschen halten ihr eigenes Handeln nur dann für existent, wenn etwas gelingt. Läuft etwas in die falsche Richtung, dann waren es zumeist andere, wie auch immer zu identifizierende Akteure. Oder der große Gott des Unerklärlichen. Aber selbst, selbst hatte man doch alles richtig gemacht, oder?

Trainerinnen und Trainer, die Menschen beibringen, wie sie mit neuen Techniken umgehen können, kennen das Phänomen aus jeder Einheit. Da macht ein Gerät etwas anderes, als es machen soll, und die jeweiligen Teilnehmer leugnen vehement, etwas mit dieser Fehlleistung zu tun zu haben. „Ich hab nichts gemacht!“ heißt es dann, aus dem Brustton der Überzeugung. Etwas, das bei der Fehlersuche natürlich auffliegt. Irgendein Knopf wurde gedrückt, irgend ein Befehl wurde genuschelt oder was auch immer. Das Instrument, seinerseits verpflichtet auf Logik und Befehlsstrukturen, setzt es um und dann stellt sich heraus, dass der so genannte Input unangebracht war und zu dem unerwünschten Resultat geführt hat.

Dass diese Art des individuellen Umgangs zu einem Massenphänomen für alle Lebensbereiche hat anwachsen können, ist ein Mysterium, das unbedingt zu entschlüsseln ist. Weil es letztendlich die Stärke von Gesellschaften, die sich in ihren Ursprüngen einmal auf Aufklärung und Vernunft gegründet haben, erodiert hat. Um es allgemein verständlich zu formulieren: wer jegliches Verschweigen fehlgeleiteten Handelns akzeptiert und jede dumme Ausrede widerspruchslos hinnimmt, steht bereits auf dem Humus totalitärer Gesellschaften. Und wenn dann noch hinzukommt, dass die Klage über die schlechte Entwicklung mit ein bisschen Hass zu einem drallen Feindbild aufgehübscht wird, dann ist der Himmel dieser Gesellschaft dauerhaft bedeckt.

Es ist nicht erforderlich, im eigenen Alltag zu suchen, um diese Entwicklung zu dechiffrieren, obwohl auch das aufschlussreich ist. Nein, es genügt, sich den Umgang mit den vielen Krisen in der uns umgebenden Politik zu beschäftigen, die uns umgeben. Da überfällt plötzlich Russland die Ukraine, da attackiert die Hamas ganz überraschend friedliche Menschen und metzelt sie hin, da schießen Huthi unvermittelt auf Schiffe im Roten Meer, da kommen Afghanen, Iraker, Syrer und Libyer in großen Kohorten und beantragen Asyl, da laufen Menschen Amok im eigenen Land – egal, was man nimmt: ein Zusammenhang mit der eigenen Politik und mit den Aktivitäten all derer, die im eigenen Bündnis beheimatet sind, wird nicht hergestellt. Die Ursache für diese Krisen, in denen unzählige Menschen gequält und getötet, in denen blühende Landschaften in Trümmerwüsten verwandelt und in denen die Zukunft für eine zivilisatorisch erstrebenswerte Entwicklung versiegelt wird, liegt exklusiv am Charakter von Autokraten und den schäbigen Intentionen anderer Entitäten.  

Steht das eigene Handeln in irgend einem Kontext zu dem, was da zu beobachten ist? Hört man sich an, was aus dem öffentlichen Diskurs an unsere Ohren dringt, dann ist die Antwort Nein! Eigene Aktivitäten nicht, eigene Fehleinschätzungen nicht, eigene Schwäche nicht, nicht der eigene Verstand und nicht die eigene Haltung. Ist es die eigene Selbstüberschätzung? Oder die Unterschätzung anderer, die ihrerseits eigene Ziele haben? Kann das sein? Auf keinen Fall? Fehlbar sind immer nur die Anderen. Damit das klar ist!

Die Boshaftigkeit der Wahrheit und der eigene Bauchnabel

Nun wollen wir einmal gemein sein an einem solchen Tag. Oder nein. Sprechen wir einfach von der Wahrheit. Nicht ist erregender, wie wir alle wissen. Menschen, die von morgens bis abends ihr eigenes Ich im Zentrum der Betrachtung haben, mögen in friedlichen Zeiten und unter wohlständigen Verhältnissen durchaus durch den Tag kommen. Und vielleicht sogar durch den Großteil ihres Lebens. Irgendwann jedoch stoßen sie auf Phänomene, von denen sie ein falsches Bild hatten und die ihnen den Weg versperren. Dann sind sie ratlos. Und sie werden aggressiv oder depressiv. Je nach Disposition. Es ist nicht einmal jenes Unbekannte, dessen Opfer sie werden. Nein, es ist der eigene Egozentrismus, der sie an Grenzen geführt hat. Wer seinen Blick nicht weitet, wer das Fremde nicht versucht zu beschreiben und zu verstehen, muss irgendwann sehr irritiert sein. Und die Irritation treibt ihn in einen Zustand, der die Regeln des Sozialen hinter sich lässt. Dann ist es entweder die Krankheit an seiner selbst oder die Feindschaft zum Anderen.

Die Teufel und Hexen haben bei der bisherigen Lektüre längst begriffen, dass es nicht nur um verlorene Individuen geht, sondern auch um Entitäten. Wie zum Beispiel ganze Länder und Kontinente. Immer, wenn der Zentrismus alles überstrahlt, ist die Prognose berechtigt, dass der Verlauf der Geschichte auf ein unschönes Ende hinweist. Die neunmalschlauen Geschichtsbücher sind voll davon. Sie erzählen uns eine Geschichte nach der anderen über den Aufstieg, die Blüte und den Niedergang von Imperien, die letztendlich an verschiedenen Malaisen scheiterten. Zum einen waren sie satt und unersättlich zu gleich. Sie vergaßen die Mühen, die den eigenen Aufstieg garantierten. Und sie sahen nicht die Anstrengungen anderer, die noch auf dem Weg nach oben waren. Sie glaubten, ihre Attraktivität wie Macht währten ewig und sie neigten zu dem, was an einer anderen Stelle in den Journalen die strategische Überdehnung genannt wird. Sie mussten irgendwann mehr Mittel aufwenden, um ihre Macht zu erhalten, als die selbst erwirtschaften  konnten. 

Ihre längst erworbene eigene Schwäche und ihre Unkenntnis gegenüber denen, die auf dem Weg nach oben waren, wurde ihnen zum Verhängnis. Erzählte ich hier die Geschichte über Alexander den Großen, das Römische Reich oder das British Empire, dann widerspräche mir niemand. Erboste ich mich aber, dass es auch eine Skizzierung dessen wäre, was die USA und ihre europäischen Verbündeten beträfe, trüge ich sehr schnell das Prädikat eines Verschwörers und dem Irrsinn Verfallenen. In diesem Kontext erlaube ich mir, auf den Umgang untergehender Imperien mit denen hinzuweisen, die ähnliches von sich gegeben haben. Sie landeten in Kerkern oder im Exil. Ihre Stimme durfte nicht gehört werden. Sie war lebensgefährlich für die, die den Niedergang begleiteten, ihn aber nicht wahrhaben wollten und leugneten. Sie bezogen ihren eigenen kritischen Blick nicht auf die selbst zu verantwortenden Zustände, sondern auf die Boshaftigkeit der Konkurrenz und deren subversiven und intriganten Charakter. 

Letzteres ist der Schlüssel zur Aktualität der Zustandsbeschreibung. Nicht die ernst gemeinte Kritik an Zuständen, die die Dinge zum Besseren wenden könnte, hat den Charakter der Subversion, sondern ihre Kriminalisierung. Und da sind wir in sicheren Händen. Wer allerdings nur auf den eigenen Bauchnabel blickt, kommt aus dieser Falle nicht heraus.

Die Dogs of War erziehen keine Lämmer

So geht es einfach nicht. Aber es geschieht trotzdem. Jeden Tag. Gerade, an einem Sonntag, höre ich die Ausführungen eines Berliner Theologen im Morgenradio, wie er über die Grenze von friedlichem Protest und dem Übergang desselben zu einer Aufforderung zu Straftaten spricht. Nicht, dass nicht jeder Mensch zu jedem Thema seine Meinung sagen dürfte. Einen Fachmann in Sachen Gott und Religion zu einem Grundrecht und dessen Ausübung als Experten zu befragen, grenzt schon an groben Unfug. So ist es jedoch geschehen und so erleben wir es jeden Tag. Entsprechend war auch das Resultat.

Er leitete zum Beispiel aus dem bei den Bauernprotesten häufiger verwendeten Symbol des Galgens, an denen eine Ampel hing, eine Aufforderung zum Lynchen konkreter Personen und verurteilte diese Form des Protestes scharf. Dass die Justiz nicht dieser Meinung war, lässt sich daran ablesen, dass nirgendwo eine Staatsanwaltschaft und keine unabhängigen Rechtspersonen diesen besonderen Aspekt des Protest zum Anlass genommen haben, um Anzeigen zu erstatten oder zu ermitteln. Sie betrachten diese Aktionen als symbolische Handlungen, die als politische Aussagen gemeint waren und verstanden wurden.

Die Signifikanz dieser Episode besteht darin, dass die Form und das Maß der Interpretation in Bezug auf die Ausübung demokratischer Rechte durch Teile der Bevölkerung als harsch und drakonisch bezeichnet werden. Durch die jeweilig politischen Verantwortlichen, durch die meinungsbildende Kommunikationsindustrie wie durch selbst ernannte Experten. Das Phänomen hat seit der Corona-Epidemie absurde Formen angenommen. Widerspruch, so die Devise, ist immer nah an der Aufforderung zum Staatsstreich und der Zerstörung der Demokratie.

Und auch hier sollte nicht vergessen werden, dass ausgerechnet die genannten Vertreter aus Politik, Presse und vermeintlichem Expertentum außenpolitisch einen Verhalten an den Tag legen, dass sie innenpolitisch scharf verurteilen. Da wird eskaliert, da werden Waffen an jeden verkauft, der auf dem Hof erscheint und mit den Scheinen wedelt und da wird kein Gedanke daran verschwendet, zu wieviel Mord und Ungerechtigkeit es führt und – und das ist die Pikanterie an dem Verhalten – welche Rechtsverletzung die Folge ist. 

Wie oft haben wir seit der russischen Invasion der Ukraine gehört, dass es sich bei der Aktion um eine Verletzung des Völkerrechts handelt? Ich habe einmal grob überschlagen, die Formulierung ist mittlerweile mehr als 25.000mal allein aus Kanälen wie der Tagesschau oder dem heute journal ertönt. Und, bleiben wir einmal beim Recht, allein die gestrigen Attacken des Jemens durch amerikanische wie britische Bomben, Drohnen und Raketen, die den Zweck haben, den Seeweg für Transporte durch das Rote Meer gegen Angriffe vom Territorium des Jemen zu sichern. Mit dem Völkerrecht hat diese Intervention in keiner Weise etwas zu tun. Warten wir einmal ab, ob und wann in der politischen Kommentierung, in der Berichterstattung oder in einer Expertenanalyse dieser Sachverhalt benannt wird. Nehmen Sie ruhig ein dickes Buch zur Hand. Und warten Sie bitte nicht bis zum jüngsten Tag.

Die Stabilität eines politischen Systems hängt unter anderem davon ab, inwieweit es gelingt, das Handeln derer, die Funktionen ausüben und derer, die sie kommentieren, in Einklang steht zu dem, was die Bevölkerung von diesen erwartet und umgekehrt, d.h. inwieweit die Appelle an die Bevölkerung in Hinblick auf das der Situation entsprechende Verhalten auch von denen vorexerziert wird, von denen die Appelle kommen. Die Dogs of War, wie es im Englischen so schön heißt, erziehen keine Lämmer. Diesen einfachen Zusammenhang sehen sie nicht.