Archiv für den Monat März 2010

Obama kommt, Dulmatin liquidiert!

Das Land der 13.000 Inseln und über 200 Millionen Menschen wäre nicht das, was es ist, wenn die Dramaturgie des Schattenspiels nicht auch die Vorlage für die Politik bildete. 12 Tage vor dem Besuch des amerikanischen Staatspräsidenten Barack Obama in Indonesien schlug die dortige Geheimpolizei gnadenlos zu und räumte mit den Hauptfiguren des indonesischen Terrorismus auf. Als ersten hatte es den Top-Terroristen Dulmatin alias Umar Patek, seinerseits prominentes Mitglied der fundamentalistischen Jemaah Islamiyah und einer der Drahtzieher des Bombenanschlags auf Bali im Jahre 2002 erwischt. Weinige Stunden darauf folgten andere. Dulmatin selbst wurde, kurz nachdem er sich in einem Internetcafé in Tangerang in der Nähe Jakartas eingeloggt hatte, von einer Spezialeinheit überrascht. Laut deren Angaben zog Dulmatin eine Waffe und wurde umgehend mit tödlichen Schüssen niedergestreckt. Den anderen Mitgliedern der Jemaah Islamiyah, die wenige Stunden später folgten, erging es nicht anders.

Der bevorstehende Besuch Barack Obamas in Indonesien könnte dazu beitragen, die geopolitische Weltkonstellation erheblich zugunsten der USA zu verändern. Die Voraussetzungen, dass Obama das Kunststück gelingt, die seit Jahrzehnten emotional von den USA zurückweichende größte muslimische Bevölkerung der Welt zurück zu gewinnen, sind nicht schlecht. Obama selbst ging als Kind in Menteng, einem renommierten und geschichtsträchtigen Stadtteil im Herzen Jakartas zur Schule, er genoss eine muslimische Erziehung und dürfte wohl in der Lage sein, seine Botschaften in indonesischer Sprache an seine Gastgeber zu senden. Die Rolle der USA, die seit der Unterstützung des blutigen Soeharto-Putsches im Jahr 1964 mit über zwei Millionen Toten in der Folge zu dem schlimmsten gehört, was sich seit dem II. Weltkrieg ereignete, hat dazu geführt, dass die Chancen auf einen zunehmenden Rückzug in den Islam immer besser wurden. Vor allem die USA der Bush-Ära galten als sombong, d.h. arrogant und ist das schlimmste Adjektiv, das eine Politik in einem vom Javanismus dominierten Denken erhalten kann. Obama könnte diese Entwicklung stoppen und damit dem islamistischen Fundamentalismus mehr schaden als mit allen militärischen Einsätzen zusammen.

Aus diesem Blickwinkel heraus sind die verstärkten Aktivitäten terroristischer Kräfte im Vorfeld des Besuches und die rigorose Vorgehensweise der Geheimpolizei zu sehen. Bambang Susilo Yudhoyono, der Staatspräsident, will den Kurs seiner demokratischen Konsolidierung fortsetzen und er weiß, dass ein Anschlag auf Präsident Obama in seinem Land das Chaos garantieren würde. Die Liquidierung Dulmatins in einem Internetcafé ist eine unmissverständliche Botschaft an das fundamentalistische Lager, bei einer falschen Bewegung zum jetzigen Zeitpunkt die Hölle auf Erden zu riskieren. Die Inszenierung Bambangs, von dem Erfolg bei einem offiziellen Australienbesuch informiert zu werden, ist das symbolische Ausrufezeichen hinter seiner Botschaft. Die bevorstehende Visite Obamas wird dennoch dessen bislang gefährlichste Reise. Und wie so oft, wird im Land der tiefen Schatten, der verborgenen Mächte und der schönen Frauen wieder etwas entschieden, von dessen Tragweite viele noch nichts ahnen.

Missbrauchte Eliten

Das, was in den Nachkriegsjahrzehnten bis in die allerjüngste Vergangenheit an deutschen Internaten geschehen ist, wird in seiner erdrückenden Dimension erst so langsam deutlich. Hatten sich zunächst die Internate und Schulen der Katholischen Kirche in dieses grässliche Licht geworfen, so kommen jetzt noch Knabenchöre und sehr weltliche Reformschulen dazu. Keine Ausgrenzung scheint mehr zulässig zu sein, jede Institution, in der vor allem junge Männer zum Lernzwecke kaserniert waren, egal ob konfessionell oder weltanschaulich geprägt, muss sich mit dem Verdacht und zum Teil eben mit der Gewissheit auseinandersetzen, dass in ihren Mauern junge Männer systematisch gequält, erniedrigt, gezüchtigt und missbraucht wurden. In Anstalten, die meistens als elitäre Kaderschmieden gedacht und konzipiert wurden und in denen sich persönlichkeitszerstörende Exzesse regelrecht eingenistet hatten.

Während sich die Öffentlichkeit mit dem Ungeheuerlichen erst einmal vertraut machen muss, werden von prominenter Seite bereits Runde Tische gefordert, die das Unsägliche zur Sprache bringen sollen. Das mag zwar in dem einen oder anderen Fall gut gemeint sein, ist aber idiotisch. Denn es geht nicht um die Reinwaschung von Kirchen oder einzelnen Einrichtungen, sondern es geht um Aufklärung und Wiedergutmachung, soweit letzteres überhaupt geht. Denn wenn man hört, dass einzelne Opfer mehrere hundert Male vergewaltigt wurden, dann klingt Wiedergutmachung nur noch zynisch. Doch während Kriegverbrechen nicht der Verjährungsfrist anheim fallen, gilt sie für den systematischen und wiederholten Missbrauch von Minderjährigen durchaus.

Das Maß dessen, was in den Eliteinternaten geschah, ist noch gar nicht bekannt und dennoch kann man hochrechnen, wie viele von den Geschändeten und Gedemütigten heute in irgend einer Chefetage sitzen und mit einem hochbrisanten Trauma die Geschicke über Menschen und Werte durch die Ausübung von Macht bestimmen. Psychische Dysfunktionaliät bei der Ausübung von Macht kann verheerende Folgen für die nächsten Wellen von Betroffenen haben. Und es stellt sich in einem anderen Zusammenhang die Frage, warum ein Andreas Baader ganz gezielt unter jungen Männern, die im Heim aufgewachsen waren, für die RAF rekrutierte.

Die Täterschaft von Pädagogen an privaten Schulen hat nicht nur den Individuen, sondern auch der Gesellschaft großen Schaden zugefügt. Die Enthüllung neuer Fälle, so ist immer wieder vernehmbar, wird vor allem von den Schulen selbst versucht zu vereiteln, in Sorge um den aktuellen Ruf. Es ist unbedingt erforderlich, Schulen und Internate, die unter den dringenden Verdacht des Missbrauchs fallen, auf der Stelle zu schließen und den Lehrbetrieb erst dann wieder zu erlauben, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind und der Verdacht sich als unbegründet erwiesen hat. In Fällen der wiederholten und quasi traditionellen Täterschaft sollten die Einrichtungen für immer geschlossen und als Gedenkstätten für Verbrechen gegen die Menschlichkeit genutzt werden.

Kristallin und pittoresk

Jimi Hendrix. Valleys of Neptune

Es ist immer eine gefährliche Angelegenheit, wenn plötzlich, nach Jahrzehnten, irgendwelche Aufnahmen aus dem Nachlass oder sonst woher auftauchen und noch einmal an das anknüpfen sollen, was einstmals sich als Mythos begründet hat. Zu oft schwingt der Verdacht mit, irgendwelche Rechtebesitzer oder Nachkommen wollten noch einmal abkassieren. Bei Jimi Hendrix war das in der Vergangenheit oft nicht anders. Viele Alben erschienen nach seinem Tod, auf denen neben schlechter, manchmal grottenschlechter Aufnahmequalität ein vom Touren erschöpfter und von Drogen gebeutelter Jimi Hendrix zu hören war, der nicht an das heranreichte, was ihn zu einem der großartigsten Akteure der modernen Musik gemacht hatte. Es spricht für seine nicht revidierbare Wirkung mit Alben wie Are You Experienced, Axis, Bold As Love und Electric Ladyland, dass seine musikhistorische Rolle durch diesen Trash keinen Schaden genommen hat.

Nun sind unter dem Titel Valleys Of Neptune Aufnahmen auf den Markt gekommen, die als Titel neu wie bekannt waren und die allesamt nicht als eine sensationelle Entdeckung im Sinne des innovativen Potentials des Ausnahmegitarristen und Komponisten gewertet werden können. Dennoch hat diese Zusammenstellung etwas, das in großem Maße selbst den legendären Alben fehlt. Hört man sich die Sammlung an, dann fällt zunächst auf, dass es sich um eine vollkommen andere Aufnahmequalität handelt, die weniger mit modernen Techniken als mit der eigenen Akribie Hendrix zu tun hat. Wie Klaus Theweleit in seiner unbedingt lesenswerten Biographie beschrieb, verbrachte Hendrix nächtelang seine Zeit in einem New Yorker Studio, um den richtigen Sound zu finden. Ihm schwebte etwas anderes vor als die damals gängigen Aufnahmeverfahren, die ihm zu breiig und unscharf waren. Bei Valleys Of Neptune scheint es sich um Aufnahmen zu handeln, die der Soundvorstellung Hendrix wohl am nächsten kamen. Neben der Gitarre, die sonst immer durch die pure Phonzahl im Vordergrund agierte sind nun das exzellente Schlagzeug Mitch Mitchells und die asynchron zu Hendrix Riffs verlaufenden Basslinien klar und deutlich zu hören. Was dabei heraus kommt, ist eine akustische Befreiung von den heute üblichen Komprimierungsformaten, die Hörer wie Ohr mit epigonalen Weisen zu vergewaltigen drohen.

Die bisher unbekannten Stücke wie der Titelsong Valleys of Neptune, Ships Passing Through The Night, Mr. Bad Luck, Lullaby For The Summer und Crying Blue Rain sind allesamt musikalisch wie textlich so hoch stehend wie die bekannten und in der Aufnahme von Red House, der wohl nie auslöschbaren Liebeserklärung an den Electric Blues erklingen gesanglich bereits erste Avancen an den Soul. Der Mann, der sich die Tonarten in Farben notierte und immer wieder metaphorisch einer kosmischen Poesie verfiel, enttäuscht mit diesem Album keinesfalls. Und das vierzig Jahre nach seinem Tod. Come on, let the good times roll!