Missbrauchte Eliten

Das, was in den Nachkriegsjahrzehnten bis in die allerjüngste Vergangenheit an deutschen Internaten geschehen ist, wird in seiner erdrückenden Dimension erst so langsam deutlich. Hatten sich zunächst die Internate und Schulen der Katholischen Kirche in dieses grässliche Licht geworfen, so kommen jetzt noch Knabenchöre und sehr weltliche Reformschulen dazu. Keine Ausgrenzung scheint mehr zulässig zu sein, jede Institution, in der vor allem junge Männer zum Lernzwecke kaserniert waren, egal ob konfessionell oder weltanschaulich geprägt, muss sich mit dem Verdacht und zum Teil eben mit der Gewissheit auseinandersetzen, dass in ihren Mauern junge Männer systematisch gequält, erniedrigt, gezüchtigt und missbraucht wurden. In Anstalten, die meistens als elitäre Kaderschmieden gedacht und konzipiert wurden und in denen sich persönlichkeitszerstörende Exzesse regelrecht eingenistet hatten.

Während sich die Öffentlichkeit mit dem Ungeheuerlichen erst einmal vertraut machen muss, werden von prominenter Seite bereits Runde Tische gefordert, die das Unsägliche zur Sprache bringen sollen. Das mag zwar in dem einen oder anderen Fall gut gemeint sein, ist aber idiotisch. Denn es geht nicht um die Reinwaschung von Kirchen oder einzelnen Einrichtungen, sondern es geht um Aufklärung und Wiedergutmachung, soweit letzteres überhaupt geht. Denn wenn man hört, dass einzelne Opfer mehrere hundert Male vergewaltigt wurden, dann klingt Wiedergutmachung nur noch zynisch. Doch während Kriegverbrechen nicht der Verjährungsfrist anheim fallen, gilt sie für den systematischen und wiederholten Missbrauch von Minderjährigen durchaus.

Das Maß dessen, was in den Eliteinternaten geschah, ist noch gar nicht bekannt und dennoch kann man hochrechnen, wie viele von den Geschändeten und Gedemütigten heute in irgend einer Chefetage sitzen und mit einem hochbrisanten Trauma die Geschicke über Menschen und Werte durch die Ausübung von Macht bestimmen. Psychische Dysfunktionaliät bei der Ausübung von Macht kann verheerende Folgen für die nächsten Wellen von Betroffenen haben. Und es stellt sich in einem anderen Zusammenhang die Frage, warum ein Andreas Baader ganz gezielt unter jungen Männern, die im Heim aufgewachsen waren, für die RAF rekrutierte.

Die Täterschaft von Pädagogen an privaten Schulen hat nicht nur den Individuen, sondern auch der Gesellschaft großen Schaden zugefügt. Die Enthüllung neuer Fälle, so ist immer wieder vernehmbar, wird vor allem von den Schulen selbst versucht zu vereiteln, in Sorge um den aktuellen Ruf. Es ist unbedingt erforderlich, Schulen und Internate, die unter den dringenden Verdacht des Missbrauchs fallen, auf der Stelle zu schließen und den Lehrbetrieb erst dann wieder zu erlauben, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind und der Verdacht sich als unbegründet erwiesen hat. In Fällen der wiederholten und quasi traditionellen Täterschaft sollten die Einrichtungen für immer geschlossen und als Gedenkstätten für Verbrechen gegen die Menschlichkeit genutzt werden.

Ein Gedanke zu „Missbrauchte Eliten

  1. Avatar von krismonkrismon

    das ist das eine – das andere, was mir beim öffentlichen geschrei über diese verbrechen auffällt ist, dass es offenbar einfacher ist dorthin zu schauen als in den eigenen bekanntenkreis. man geht von 20-30% misshandelten und missbrauchten kindern in deutschland aus; in den meisten fällen ist der täter dem kind vorher bekannt. zeit, auch mal im eigenen umfeld genauer hinzuschauen und ggf. entschlossener einzuschreiten.

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