Archiv für den Monat März 2010

Die Professionalisierung des Dilettantismus

Die Perfidie der historischen Entwicklung bringt es manchmal mit sich, dass man sich über Erscheinungen in anderen Kulturkreisen wundert, die man aus dem eigenen Erfahrungsbereich weit von sich weisen würde. Wir erinnern uns an die Berichterstattung über die Loya Jirga, das Treffen der Stämme Afghanistans in Kabul 2002 mit über 3000 Teilnehmern, kurz nach dem erzwungenen Sturz der Taliban. Quasi als Starthilfe hatten westliche Hilfsorganisationen das Zusammentreffen der Warlords und Paschtunenführer aus den verschiedenen Teilen Afghanistans logistisch unterstützt. Der Tross der internationalen Presse war selbstverständlich anwesend und über alle Kanäle gingen die erwartungsvollen Botschaften durch den noch von Pulverdampf kontaminierten Äther. Zunächst wartete man, bis alle Eingeladenen eingetroffen waren, was sich aufgrund der widrigen Bedingungen hinzog. Dann stellte man erschrocken fest, dass es gar keine Tagesordnung gab und schließlich überschlug sich so manch eine empörte Reporterstimme, weil gar nichts passierte. Dass dann zum Schluss doch Ergebnisse vorlagen, konnte die versammelte westliche Schar zwar vernehmen, wie das alles zustande gekommen war, blieb jedoch ein Rätsel. Nur soviel: In Asien zählt der Prozess immer mehr als das Ergebnis, und ein gutes Glas Tee kann mehr bewegen als eine gestylte Win-Win-Situation auf einer Power Point Folie. Doch das ist ein anderes Thema.

Wichtig scheint jedoch zu sein, dass mit der Empörung über das seltsame Wirken der Loya Jirga der Mythos über die andersartige Faktizität des Westens mitschwang. Und tatsächlich herrscht die Meinung vor, wir hier im Westen seine diejenigen, die Ergebnisse messen und wiegen, die präzise über das zu verhandelnde Buch führen und das unbestechliche Reich der Fakten regieren. Das mag zwar immer mal wieder, vor allen in den Phasen der Verwissenschaftlichung der Lebenswelten und der Industrialisierung so gewesen sein, aber es hat sich längst zu einem Phänomen entwickelt, das mit dem Mythos nicht mehr korrespondiert. Allzu oft stellt sich die Frage, ob vorliegende Tagesordnungen überhaupt noch abgearbeitet werden, immer wieder bleibt zweifelhaft, aufgrund welcher Faktenlage bestimmte Entscheidungen getroffen wurden und zu oft bleibt im Dunkeln, aufgrund welcher Interessenlage bestimmte Verhaltensweisen prädestiniert waren.

Eine Erklärung liefert der Leitbegriff der Konsensdemokratie, dem die Entwicklung innewohnt, den Kleinsten Gemeinsamen Nenner als Maximalergebnis zu akzeptieren, was prinzipiell dekonturiert und in Beliebigkeit endet. Zum anderen schärft er den Blick extrem für alle Fragen der Verfahrensbeteiligung. Runde Tische, Zukunftsforen, Beteiligungsworkshops und vieles mehr gehören mittlerweile zum Repertoire der Akteure und man kann insofern mit gutem Grund von einer Professionalisierung der Verfahrensweisen sprechen. Nur korreliert diese Art der Professionalisierung leider mit der wachsenden Beliebigkeit der programmatischen Qualität. Entscheidend scheint nicht mehr zu sein, welche Ergebnisqualität am Ende zu begutachten ist, sondern ob sich alle genügend beteiligt gefunden haben. Das ist ein böses Zeichen, welches man nicht verwechseln sollte als eine Annäherung an Phänomene wie der Loya Jirga. Denn die gibt es schon seit Menschengedenken und in diesen Prozessen spielen Dinge eine Rolle, die wir gar nicht wahrzunehmen imstande sind.

Horizonte aufgeklärter Muslime

Verfolgt man die Diskussionen um den Umgang mit islamischen Organisationen und deren Vertretern in unserem Land, so kann einem angst und bange werden. Ohne gleich den Handelnden politische Niedertracht unterstellen zu wollen, kann man das gedankliche Fundament der meisten Diskutanten als im Wesentlichen geprägt von Unkenntnis oder blanker Xenophobie bezeichnen. Dieser Eindruck wird erst recht nicht gemildert durch den Umstand, dass die Seite der Dialogbefürworter meist salbungsvoll bis heilig, die der harten Linie als arische Rabauken daher kommen. Was fehlt und als ein böses Indiz über die intellektuelle Befindlichkeit hierzulande gewertet werden muss, sind aus dem Geist der Aufklärung gespeiste Standpunkte, die in der Lage sind, das Selbstverständnis genauso kühl und bewusst zu formulieren wie das Maß an Toleranz und möglicher Gemeinsamkeit. Oder, um es sehr deutlich zu sagen: Wer Assimilation fordert, der ist nicht aufgeklärt und trägt nichts zu einer Bereicherung der Gesellschaft bei.

Wie wir in Zentraleuropa in unserer Geschichte zu genüge lernen mussten, ist die offizielle Lehre einer Religion, sofern nicht selbst schon durch divergierende Auslegung hinterfragt, in hohem Maß abhängig von den real handelnden Menschen, die sich zu dieser bekennen. Das reicht vom Proselytentum bis zum praktischen Humanismus, von einer gelebten Form der Toleranz bis zur Inquisition. Religion ist und war immer ein Sammelbecken, in der konkrete Individuen in ihrer Praxis darüber entschieden, wie die Idee ausgelegt und begriffen wurde. Insofern wehren sich religiöse Menschen immer wieder zu Recht dagegen, der einen oder anderen Auslegung oder Praxis generell zugeordnet zu werden.

Die Blütezeiten der existierenden Weltreligionen zeichneten sich immer durch ein hohes Maß an Aufklärung und somit einer Toleranz gegenüber konkurrierenden Lehren aus. Oft gingen die Architekten dieser kulturellen Hochphasen noch weiter und setzten auf die jeweiligen Stärken der einzelnen Gemeinden zum Wohle des Ganzen, wozu das Studium des Maurentums eine ganze Schatzkiste an Erkenntnissen bietet. Und so findet man in den aufgeklärten Schichten heutiger vorwiegend islamisch geprägter Gesellschaften immer noch Standpunkte, die dort von großer Relevanz sind, hier und heute aber ignoriert werden.

Aufgeklärte Muslime legen großen Wert darauf, dass sich die Vertreter unterschiedlicher Religionen wie Kulturen zu ihrem Wesen bekennen. Sie halten nichts von einer Assimilation, die die Identitäten verwischt. Ihnen liegt daran, das Trennende wie das Gemeinsame sehr deutlich zu kennen und eine Eintracht herzustellen, die auf Deutlichkeit und Unterschied gerade beruht. Nicht umsonnst stammt der Begriff der Konkordanzdemokratie aus dem Libanon, in dem er einst Hochzeiten feiern konnte und dann von den Barbaren aller drei monotheistischen Weltreligionen zerstört zu werden. Manchmal hülfe der Blick in die Horizonte aufgeklärter Muslime, um zu erkennen, was in der eigenen Welt zu tun wäre.

Nachhaltig schlecht rezipiert, aber immer mit Wirkung

Ralph Bollmann. Reform. Ein deutscher Mythos

Nach seiner vergleichenden Studie über Struktur und die neuralgischen Themen des Imperiums von Rom bis zum heutigen Westen widmete sich Ralph Bollmann mit seinem 2008 erschienenen Buch Reform. Ein deutscher Mythos vorwiegend der im deutschen Sprachraum in Angriff genommenen Reformen und deren Wirkung in der historischen Entwicklung. Er fasste damit ein Eisen an, dessen Temperatur in der deutschen Entwicklung durchweg sehr unterschiedlich empfunden wurde. Aus einer durchweg erlebten Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen wurde das Zauberwort stets mit sehr ambivalenten Erwartungen und Befürchtungen besetzt. Implizierten Reformen immer für einen Teil der Gesellschaft stereotype Ängste vor anstehenden Veränderungen, so projizierten andere wiederum in das Unterfangen der Neuordnung zu hohe Ansprüche, die es mythisierten und dadurch ihrerseits beschädigten.

Bollmann lässt deutsche Reformversuche seit dem 15. Jahrhundert bis heute Revue passieren, von den Konzilen der Römischen Kirche bis zu Schröders Reform der sozialen Systeme, von den Stein-Hardenbergschen Reformen zur Etablierung einer leistungsfähigen Verwaltung bis zu den verschiedenen, bis ins 21. Jahrhundert reichenden Reformen zur Deutschen Sprache und ihrer Rechtschreibung. Der von dem Autor überaus interessante Ansatz argumentiert entlang der jeweiligen Linie der zeitgenössischen wie später historischen Rezeption und entdeckt dabei Analogien, die interessanter kaum sein können. Das Projekt Reform in Deutschland wird über die Epochen hinweg als ein tückisches und antagonistisches Vorhaben im kollektiven Bewusstsein enttarnt.

In der typologischen Abfolge beginnt alles mit einem empfundenen Reformstau, d.h. einer von den jeweiligen Mehrheiten empfundenen Stillstand und einer unterlassenen Anpassung der Verhältnisse an die längst fortgeschrittene historische Entwicklung. Aus dem Reformstau entsteht die Krise, die ihrerseits beklagt und zelebriert wird, aber selten zu einer strategischen Perspektive führt, weil die Beharrungskräfte zumeist überwiegen. Irgendwann jedoch geht ein Ruck durch die Gesellschaft, nämlich dann, wenn einzelne Protagonisten oder Parteien Courage zeigen und mit der nötigen Macht wie einer entsprechenden Konzeption aufwarten, um die Verhältnisse zu verändern. Interessant dabei ist die Rezeption seitens der Mehrheit, die die Idee zumeist goutiert, sich allerdings ergießt in der Kritik an den handwerklichen Fehlern, die dann denen angelastet werden, die sich zu der Ausgestaltung der Reformen bereit erklärt haben. Neben den monierten handwerklichen Fehlern wird zudem ein ausgemachtes Vermittlungsproblem zu einem zentralen Thema. Beides überstrahlt in der Regel die positiven Wirkungen der Reform, die zumeist als gescheitert angesehen wird. Erst viele Jahre oder Dekaden später werden Reformen in Deutschland positiv gewürdigt, zumeist von denen, die sich ihrerseits einem neuen Reformstau gegenüber sehen.

Das kommt einem alles sehr vertraut vor, bis hin zu der Zeitleiste hinsichtlich der Akzeptanzphasen von maximal 2- ½ Jahren, die Bollmann bei allen untersuchten Beispielen identifiziert. Ein Muss für alle, die sich jemals an das heikle Thema wagen wollen.