Jimi Hendrix. Valleys of Neptune
Es ist immer eine gefährliche Angelegenheit, wenn plötzlich, nach Jahrzehnten, irgendwelche Aufnahmen aus dem Nachlass oder sonst woher auftauchen und noch einmal an das anknüpfen sollen, was einstmals sich als Mythos begründet hat. Zu oft schwingt der Verdacht mit, irgendwelche Rechtebesitzer oder Nachkommen wollten noch einmal abkassieren. Bei Jimi Hendrix war das in der Vergangenheit oft nicht anders. Viele Alben erschienen nach seinem Tod, auf denen neben schlechter, manchmal grottenschlechter Aufnahmequalität ein vom Touren erschöpfter und von Drogen gebeutelter Jimi Hendrix zu hören war, der nicht an das heranreichte, was ihn zu einem der großartigsten Akteure der modernen Musik gemacht hatte. Es spricht für seine nicht revidierbare Wirkung mit Alben wie Are You Experienced, Axis, Bold As Love und Electric Ladyland, dass seine musikhistorische Rolle durch diesen Trash keinen Schaden genommen hat.
Nun sind unter dem Titel Valleys Of Neptune Aufnahmen auf den Markt gekommen, die als Titel neu wie bekannt waren und die allesamt nicht als eine sensationelle Entdeckung im Sinne des innovativen Potentials des Ausnahmegitarristen und Komponisten gewertet werden können. Dennoch hat diese Zusammenstellung etwas, das in großem Maße selbst den legendären Alben fehlt. Hört man sich die Sammlung an, dann fällt zunächst auf, dass es sich um eine vollkommen andere Aufnahmequalität handelt, die weniger mit modernen Techniken als mit der eigenen Akribie Hendrix zu tun hat. Wie Klaus Theweleit in seiner unbedingt lesenswerten Biographie beschrieb, verbrachte Hendrix nächtelang seine Zeit in einem New Yorker Studio, um den richtigen Sound zu finden. Ihm schwebte etwas anderes vor als die damals gängigen Aufnahmeverfahren, die ihm zu breiig und unscharf waren. Bei Valleys Of Neptune scheint es sich um Aufnahmen zu handeln, die der Soundvorstellung Hendrix wohl am nächsten kamen. Neben der Gitarre, die sonst immer durch die pure Phonzahl im Vordergrund agierte sind nun das exzellente Schlagzeug Mitch Mitchells und die asynchron zu Hendrix Riffs verlaufenden Basslinien klar und deutlich zu hören. Was dabei heraus kommt, ist eine akustische Befreiung von den heute üblichen Komprimierungsformaten, die Hörer wie Ohr mit epigonalen Weisen zu vergewaltigen drohen.
Die bisher unbekannten Stücke wie der Titelsong Valleys of Neptune, Ships Passing Through The Night, Mr. Bad Luck, Lullaby For The Summer und Crying Blue Rain sind allesamt musikalisch wie textlich so hoch stehend wie die bekannten und in der Aufnahme von Red House, der wohl nie auslöschbaren Liebeserklärung an den Electric Blues erklingen gesanglich bereits erste Avancen an den Soul. Der Mann, der sich die Tonarten in Farben notierte und immer wieder metaphorisch einer kosmischen Poesie verfiel, enttäuscht mit diesem Album keinesfalls. Und das vierzig Jahre nach seinem Tod. Come on, let the good times roll!
