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New York City II – Hätte Chruschtschow doch Harry Ascher gefragt

Menschliche Schicksale haben ihren eigenen Verlauf. Ist es bei den einen so, dass sie am Ende ihres Lebens auf einen aktiven Aktionsradius von vielleicht einem Kilometer zurück blicken, so hat es andere um den halben Erdball getrieben. Selten ist so etwas geplant, meistens sind es kleine Momente, in denen der Verlauf und der Verbleib von Jahrzehnten entschieden werden. Im Nachhinein tendieren die Menschen zwar dazu, diese Momente und die völlig aus dem Unbewussten getroffenen Entscheidungen zu heroisieren oder zu genialisieren, bei näherer Betrachtung kommt man aber meistens zu dem Schluss, dass das alles gar nicht reflektiert war, eher dem Affekt oder einem dummen Zufall entsprach.

Manchmal ist es aber auch so, dass der Affekt und der dumme Zufall zum Massenphänomen werden, und zwar dann, wenn eine Gesellschaft sich kollektiv so verhält wie ein unreflektiertes Individuum. Dann wird es meistens unschön, weil die Folgen eben nicht auf einen einzelnen Menschen beschränkt sind, sondern ein ganzes Volk betreffen. Das nennt man dann ein historisches Desaster, in dessen Folge wiederum viele Menschen etwas machen müssen, was sie gar nicht geplant hatten, es aber notwendig wird, genau das zu tun, weil man sonst nicht überlebt.

In der deutschen Exilforschung der siebziger und frühen achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war ein starker Trend, alle, die infolge der faschistischen Diktatur ins Exil gegangen waren, als geniale Strategen, Antifaschisten und das eigentlich andere und bessere Deutschland zu bezeichnen. Ich befasste mich zu jener Zeit mit dem bayrischen Schriftsteller Oskar Maria Graf, der 1933 nach Wien, 1934 nach Brünn und 1938 nach New York gegangen war, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1967 auch blieb. Von Graf wusste ich, dass er ein wilder, undogmatischer Zeitgenosse gewesen war, ein Rebell par exzellence, aber heroisch oder gewollt waren seine Fluchten nicht gewesen. Eher widerwillig hatte er München und Wien verlassen, die süddeutsche Lebensart war ihm Programm und die bayrischen Umgangsformen sollte er bis an sein Lebensende vermissen.

Ich begann mich für das wahre Leben im Exil zu interessieren, jenseits der Konferenzen und Deklarationen. Mich interessierte, wie kam ein z.B. in Deutschland etablierter Schriftsteller auf einem fremden Kontinent in eine fremde Stadt, deren Sprache er nicht sprach und wo ihn niemand kannte. Was machte er dort, mit wem trieb er sich herum, wovon lebte er und was hielt ihn seelisch am Leben. Oskar Maria Graf gehörte zu den Schriftstellern aus der mündlichen Erzähltradition, d.h. in der Regel verarbeitete er das, was er selbst erlebt hatte, auf die eine oder andere Weise zu Romanen oder Erzählungen. Seine Zeit in Deutschland war produktiv, in Brünn hatte er die Muße für seinen größten Roman, aber in New York wurde es schwierig. Obwohl er in den dort verbrachten 29 Jahren noch zahlreiche Bücher schrieb, handelte nur eins von den dortigen Erlebnissen, alle anderen speisten sich von der Erinnerung, und ein Roman beschäftigte sich mit der Zukunft. Der New Yorker Roman hatte den Titel „Die Flucht ins Mittelmäßige“ und handelte vom Elend der

Exilierten in New York. Hauptfigur ist, wie sollte es anders sein, ein Schriftsteller, der kein Publikum mehr hat, oder, der um ein kleines in der Gemeinde des Exils kämpft. Der Roman beginnt mit einer Szene in einem Penthouse mit Blick auf den Centralpark zur einen und zum Hudson River auf der anderen Seite. In dem Penthouse wohnte ein ehemaliger jüdischer Prager Kommunist und im Exil zum Konvertiten und Reklamefachmann Gemauserten zusammen mit seiner ebenfalls jüdischen Frau und Ballettlehrerin. Er gab Abende, an denen sich die deutsche Emigration traf und der Schriftsteller aus seinen neuen Werken las.

Nachdem ich heraus gefunden hatte, dass es sich bei dem Gastgeberehepaar um die tatsächlich existierenden Harry und Lea Ascher handelte und diese sogar noch in dem Penthouse lebten, wollte ich mit ihnen sprechen. Der New Yorker Aufbau, die bis in die achtziger Jahre hinein aktive Zeitung des deutschen Exils, half mir bei vielem und gab mir auch die Telefonnummer von Harry Ascher.

Das war zwar nicht so einfach, weil ich zunächst eine äußerst rau wirkende Sekretärin, die alle nur Hilde nannten, für meine Sache gewinnen musste. Mrs. Hilde rauchte Kette und berlinerte, dass es in den Ohren knarzte. Na, Kleener, wat willste? Wills ma nach dat olle Exil kieken, wa? Wenn ik da behülflich sein soll, musste ma beim näksten Mal aber Sülze von mein Lieblingsmetzger aus Moabit mütbringen, wa? Ich versprach Hilde das Blaue vom Himmel und gackernd rückte sie die Informationen raus.

Als ich Harry Ascher anrief, erkundigte er sich mit einem breiten New Yorker Akzent nach meinem Ansinnen, und als ihm klar war, worum es ging, dröhnte ein kurzes „Sure“ in mein Ohr und wir machten einen Termin aus. An dem vereinbarten Abend stand ich zur verabredeten Zeit vor einem Apartmenthaus aus den sechziger Jahren. Als ich mich über die Gegensprechanlage identifiziert hatte, ging der Türdrücker auf und ich fuhr mit dem Aufzug bis aufs Dach. Die Aschers lebten dort in einem Zweieinhalbzimmerapartment, um das rings herum nur Dachfläche war, auf der man herumlaufen konnte. Ich wurde herein gebeten und ein älterer Herr, den ich als typischen Amerikaner bezeichnet hätte, bot mir einen Platz an. Er war in Begleitung einer ebenfalls älteren Frau, die sehr europäisch wirkte. Harry Ascher war zum amerikanischen Geschäftsmann geworden, seine Frau Lea hielt es mit dem Ballett.
Ich saß den beiden gegenüber und nach einigen Bekanntmachungsfloskeln und konversatorischen Freundlichkeiten legte Harry bereits los und begann zu erzählen.

Er erzählte von Prag, wo er aufwuchs, von Wien, wo er als Kommunist politisch tätig war und von seinem Weg nach New York, auf dem er sein ganzes europäisches Leben verloren habe. Mit einem No, Harry, mischte sich Lea ein, weil sie das nicht so sah, aber er wischte den Einwand mit einer weiten Handbewegung weg und bedeutete, wie meschugge doch die ganze europäische Linke gewesen sei, von ihren Forderungen angefangen, über ihre diktatorischen Parteistatuten bis hin zu ihrem völligen Versagen gegenüber dem deutschen Faschismus. Aber, so Harry, er sei kein Revanchist und auch nicht verbittert, eigentlich interessiere ihn das alles gar nicht mehr, er sei schon Jahrzehnte Amerikaner und hier zuhause.

Lea hatte während der ersten Suada Harrys das Wohnzimmer, übrigens sehr funktional und amerikanisch, verlassen und kehrte nun mit einem Tablett voller Schnittchen zurück, das sie zwischen uns mit einem freundlichen Kopfnicken und Es ist alles koscher auf einen Teewagen zwischen uns stellte. Dann erhob sich noch mal Harry, ging in die Küche und kam mit zwei Dosen Budweiser zurück, die er zischend aufriss und mir eine davon hinhielt.

Ja, der Oskar, fuhr er fort. Schad, dass er ist so früh gegangen von uns, aber hat er gelebt schnell, viel Zigaretten, viel Bier und viel Frauen, aber schreiben konnt er ja, nur hier in New York, da war er leider falsch. Und es folgte eine sehr nüchterne, erbarmungslose und dennoch von Sympathie geprägte Analyse zunächst des Schriftstellers im Exil und dann des Exilierten an sich. Beim Schriftsteller war Harrys Mitgefühl, weil er wusste, dass mit dem Verlust des Berufsfeldes auch die Identität verschwand.

Bei allen anderen aber war er hart. Man muss nämlich wissen, so Harry, dass denjenigen, die in den dreißiger Jahren hierher kamen, doch gar nichts Besseres hat geschehen können. Heraus aus dem miefigen, krisengeschüttelten Europa in diese Weltmetropole, wo du alles machen konntest. Kennst du die Stelle, so fragte er mich, in Manhattan Transfer von John Dos Passos, wo das junge Paar auf einer Parkbank am Battery Park sitzt und er ihr erklärt, warum New York ihre Stadt ist, bei allen Schwierigkeiten, bei aller Härte, bei aller Brutalität! Weil New York alles schätzt, was nützlich ist und weil es keine Tabus gibt, die dich lähmen.

Viele kamen hier ins Exil mit einem Auftreten wie verkannte Konzertpianisten, sie verlangten, dass man sie kannte und verehrte und sie verkannten, dass das hier eine andere Welt ist, die ihre eigenen Größen hat und das in New York keiner von selbst groß wird. Du musst dich erst durch die amerikanische Provinz beißen, bis du hier eine Chance bekommst und wenn du sie bekommst, so triffst du hier auf die härteste Konkurrenz der ganzen Welt. Und viele, die mit uns kamen, kamen bereits aus einem Europa, dass hier keiner mehr verstand und auch nicht verstehen wollte. Die New Yorker sahen nicht mehr auf Europa, sie machten ihr eigenes Ding und das ziemlich gut. Viele Exilierte, die heute noch hier sind, haben das nie kapiert, weil sie einfach meschugge sind. Das ist hier kein Ort für den Hochmut, das ist ein Ort für harte Menschen, die nicht winseln, wenn sie eins ausgewischt kriegen.

Als ich endlich in New York war, nach einer langen Reise mit dem Schiff, ohne Geld in der Tasche, ohne zu wissen, was jetzt kommen würde und ich im Hafen an den Tisch zum Immigration Officer kommen musste, und ich Angst hatte, ich würde wieder abgewiesen, weißt du, was er gemacht hat? Er nahm meine Hände in die seinen, betrachtete sie genau und fragte dann „political reasons?“ und als ich nickte, bereits mit Tränen in den Augen, weil ich so am Ende war, da nahm er mich in seine Arme und streichelte meinen Kopf und flüsterte Welcome in America. Das musst du dir vorstellen, er hat sich meine Hände angesehen und wusste, ich war kein Arbeiter, der hier zu Job und Geld kommen wollte!

Well, aber als wir hier ankamen, wusste ich zumindest sehr schnell, dass das mit der ganzen Hitlerei nicht mehr lange dauern konnte. Und weißt du warum, noch in der Nacht nach der Kriegserklärung begannen die Konvois hier am Hudson Drive Richtung Hafen zu rollen, Panzer, Kriegsmaterial, alles, was du dir denken kannst,
alles aus dem Hinterland und diese Konvois wurden mehr als anderthalb Jahre nicht für eine Minute unterbrochen. Kannst du dir das vorstellen, eineinhalb Jahre, vierundzwanzig Stunden am Tag, Material für diesen Krieg gegen Hitler. Ich habe es von hier oben gehört und wusste, das ist das Aus für die Nazis. Aber ich war da schon raus, ich wollte damals schon nicht mehr zurück. Weißt du, ich bin nicht sentimental, Lea und ich sind vor den Nazis geflohen, weil wir Juden sind und ich Kommunist war, wir wollten unser Leben leben, und das haben uns die Nazis verwehrt. Wir sind hier gut aufgenommen worden, wir haben nichts erwartet und
wir haben es geschafft. Wir sind New Yorker geworden und wir sind Amerikaner geworden. Wir sind jetzt fast fünfzig Jahre hier, unsere Kinder sind hier geboren, wir haben hier eine wirtschaftliche Existenz und hier sind unsere Röntgenbilder, so what?

Harry Ascher war ein Pragmatiker und seine Gesellschaft tat sehr gut, wenn man sich im leidvollen Tal der Exilliteratur bewegte. Im folgenden erhielt ich viele nützliche Hinweise, wie ich an wen heran käme, wer noch lebte und bei wem schon lange nichts mehr zu finden war. Harry gab mir aber auch Tipps für New York, nannte mir interessante Plätze und Stätten und war sehr schnell ein väterlicher Freund.

Als ich ihn Jahre später noch einmal besuchte war Lea bereits in einem Pflegeheim. Ich nahm meine spätere Frau mit, damit sie diesen Mann noch kennen lernte. Harry Ascher war sehr gebrechlich geworden, ging am Stock und forderte uns auf, für uns selbst zu sorgen. Und wieder erlebten wir einen Parcourritt durch das zwanzigste Jahrhundert und eine Hommage an die Neue Welt. Irgendwann rief er Renate zu sich, sie möge ihm aufhelfen. Dann hakte er sich bei ihr ein und ging mit ihr aufs Dach. Und schon begann er mit seinem Stock in die eine, dann in die andere Richtung zu zeigen. Hier, schöne Frau, im Dakotahaus, da ist nicht nur John Lennon, da unten am Eingang, erschossen worden, nein, in dem Apartment da, da hat Leonard Bernstein gewohnt. Und da drüben, siehst du, dort in dem Hotel, da ist immer Toscanini abgestiegen, wenn er hier in New York war und dort unten, hier um die Ecke, da haben sie die West Side Story gedreht…

Da lief er umher, ein Greis, eingehakt bei einer großen Blonden, und gewann ihr Herz im Sturm, weil er so begeistern konnte. Der Prager, der über Wien hierher gekommen war, der das alles gar nicht geplant hatte, aber das Leben so genommen hatte, wie es sich ihm zeigte. Das hier war sein New York, für das er immer noch brannte. Und sein Stock mit dem Silberknauf schweifte über Manhatten, als wolle er es segnen und von dem Nikita Chruschtschow einmal gesagt hatte, selbst ein Stein könne hier schwermütig werden. Chruschtschow wusste nicht, wovon er sprach, er hätte Harry Ascher fragen sollen!

New York City I – Blarney´s

Der Melting Pot, gewaltig und pittoresk, irrwitzig und sanft, verschroben und ziseliert, luzide und verwaschen, verlangt von dem Eindringling ausgeprägteste Toleranz. Wer das Überschaubare, Schlüssige oder wieder Erkennbare sucht, der sollte sich dort nicht hin begeben. New York City gehörte im Jahr 1984 noch zu den ersten Adressen für diejenigen, die sich in den wohl geordneten Quartieren dieser Welt langweilten, denen die Übersichtlichkeit ein Gräuel und das Tradierte eine Zumutung war. Mit den größten Hoffnungen auf unbeschränkte Freiheit und das Ausleben jenseits gesellschaftlich tabuisierter Grenzen bewaffnet, reisten bereits seit 150 Jahren die Outcasts dieses Planeten an, zunächst mit dem Schiff, später mit dem Flugzeug. Das es hart werden würde wussten sie und diejenigen, die es geschafft hatten, sangen diese Lehre in die Welt. If you can make it there, you can make it anywhere war aber gleichzeitig die neue Droge, die versprach, immunisiert zu werden gegen jede Unbill auf der Welt, egal wo. New York City, das Irrenhaus, die Brandruine, die Lustmaschine blieb erste Adresse für den unruhigen Geist.

Dennoch kam es häufig vor, dass die Pilger zum Big Apple sich die Augen reiben mussten, bevor es so richtig losging. An den Immigrationsschaltern bekamen sie zum ersten mal das Fell über die Ohren gezogen, wenn sie meinten, sie reisten in ein Land der Libertinage ein und müssten schon auf dem Flughafen den Verhaltensformen der Zivilisation entsagen. Zumeist afroamerikanische Immigration Officer schnarrten sie dann an und wiesen sie zurecht. Russische Taxifahrer beschissen sie nach Strich und Faden und die Hotels waren unbezahlbar und wenn nicht, Kakerlakenburgen mit angeschlossenem Bordellbetrieb und einer gleichzeitigen Residenz kleiner Schieber und Dealer. Die Betten waren hart und stanken, das Frühstück war pappig und Fett, der Kaffee hatte das Aroma von Spülwasser und die Menschen waren schnell und schroff. Wer da nicht gefestigt war, konnte ganz rapide einbrechen und einer gewaltigen Depression verfallen.

Wir trieben uns in dieser Stadt gezielt herum und kamen nicht ausschließlich, um das Abenteuer zu suchen. Wir hatten Anlaufpunkte, Adressen und Ansprechpartner, die sich in dem Moloch auskannten, von denen wir etwas wollten und die eine Menge zu sagen hatten. Insofern erlebten wir vieles nicht in der Dimension der Desillusionierung, sondern registrierten es als Härte, die uns zur Bewunderung jener trieb, die es tatsächlich geschafft hatten und geblieben waren. Sie waren für uns die Helden, nicht die Stadt an sich, mit ihrem ganzen Wirrwar, mit ihrer ekelhaften Ungerechtigkeit, mit ihrer Kriminalität, die viele ein- und Exklusivität, die viele ausschloss. Freudig besuchten wir die Veteranen der Immigration, führten lange Gespräche mit ihnen, registrierten genau ihre Spleens, ihre Verletzungen und Verdrängungen und empfanden ihre Narben wie Auszeichnungen aus einem großen Krieg. Schnell hatten wir den Eindruck gewonnen, dass New York City harte, ganz harte Arbeit war, dass es Disziplin wie nirgends sonst auf der Welt forderte, ebenso wie Charakterstärke, ungeheure Nehmerqualitäten und eine Überdosis Lebenswille. Für den seichten Charakter der Libertinage, so merkten wir schnell, war dies kein Pflaster.

Dennoch waren wir jung, glaubten an das Gute im Menschen und hatten unsere Ideale, sodass auch wir von den schroffen Formen des New Yorker Alltags manchmal abgestoßen wurden.

Wie überall auf der Welt gab es sogenannte Ketten in New York City. Morgens gingen wir meist zu Howard Johnson´s, wo wir zu einem vernünftigen Preis frühstücken konnten und vor allem die Pancakes genossen, die so sättigend waren, dass sie bis zum Abend vorhielten. Unsere bevorzugte Filiale lag direkt am Times Square, sodass wir während unserer Frühstückszeremonie immer einen wunderbaren Blick auf das Treiben hatten, schon mal Franz Beckenbauer mit einer reizenden Asiatin am Fenster vorbei flanierte oder einer der fliegenden Händler, bei gutem Wetter für Sonnenbrillen, bei schlechtem schnell auf Regenschirme umschaltend, von einem wütenden Konkurrenten attackiert wurde oder ein jüdischer Diamantenhändler mit Schillerlocken verdächtig trällernd eine Plastiktüte durch die Luft wirbelte. Dort stopften wir uns mit dem dazu gehörenden Ahornsirup und Litern Kaffee voll und planten den Tag. Je nachdem, was wir vorhatten und ob sich unsere Wege trennten, mittags gab es oft eine New York Pretzel von einem der fahrenden Stände, aber spätestens am frühen Abend traf man sich, und zwar bei Blarney´s.

Blarney´s war eine durch und durch irische Pubkette, die über ganz Manhattan verteilt ihre Dependancen hatte und eben wirkte, wie ein richtig schöner irischer Pub. Es gab große und es gab kleine, in de einen war das Publikum eher upper, in der anderen eher lower class. Gemeinsam hatten sie im Dekor die irischen Farben, viele Flaschen Paddy und Bushmills im Regal, Giunness vom Fass und viele rote und rotblonde Gäste. Und alle, in denen wir verkehrten hatten einen dicken Ölschinken an der Wand, mit einem lachenden, Zuversicht ausstrahlenden John F. Kennedy auf einem Schaukelstuhl auf einer Holzveranda sitzend und aufs Meer blickend. Der legendäre Präsident des jüngeren amerikanischen Traums hatte irische Wurzeln und machte ihn folgerichtig zu einem edlen Sohn der grünen Insel.

Wenn man Blarney´s betrat, durchschritt man im Zeitraum eines Augenaufschlags den Atlantik und erreicht Irland, wie es immer war. Ein wildes, biergenährtes Geschrei umgab einen sogleich, der Zigarretten- und Zigarrenqualm verhinderte während der ersten Schritte noch die freie Sicht auf den Tresen und der Groove kam von einer Musik, der zumeist von Banjos und Stiefelabsätzen geschlagen wurde. Selbst der Akzent der ersten Wortfetzen, die man aufnahm, ließ Gäste aus Dublin, Waterford oder Cork und nicht aus Manhattan, Bookleen oder Queens vermuten. Auf den vielen Bildschirmen in Blickhöhe liefen andauern Pferde- oder Hunderennen und immer wieder flogen ausgefranste Dollarscheine von der einen zur anderen Hand, weil eifrig gewettet wurde. Wer Irland mochte, der mochte Blarney´s und wer Blarney´s mochte, der hatte akzeptiert, dass Irland ein Teil New Yorks war und vielleicht zusammen mit einigen italienischen Enklaven zu den westlichsten Bollwerken des Katholizismus in der protestantischen Welt der Vereinigten Staaten von Amerika zählte. Bei Blarney´s soff und zockte das alte Europa, es sang seine dreckigen Lieder und rülpste laut, wenn es zurück torkelte in die Straßenschluchten von Manhattan.

Der Sommer 1984 schlug in New York City mit voller Wucht zu, permanent 36 bis 38 Grad Celsius, eine Luftfeuchtigkeit von 80-90 Prozent, ein Präsident Reagan, der im Herbst für eine zweite Amtszeit kandidierte und die Olympiade im eigenen Land, genauer gesagt in Los Angeles. Das Zusammenwirken dieser Faktoren führte dazu, dass bereits in den späten Nachmittagsstunden die Bars überfüllt waren, weil dort die Klimaanlagen auf Hochtouren liefen, man eisgekühlte Getränke serviert bekam und zudem noch, ohne sich groß unterhalten zu müssen, auf die Bildschirme starren und sich ansehen konnte, wie die Jungs und Mädels aus den USA eine Goldmedaille nach der anderen abräumten.

An einem solchen Nachmittag trafen wir uns in einem Blarney´s an der Westside, nicht weit vom Hudson River, um das zu tun, was alle dort taten. Wir tranken im Schutze der Kühle unsere ersten Biere und sahen uns an, wie patriotisch die amerikanischen Medaillengewinner, meist eingehüllt in die Fahne des Landes, bei Ehrenrunden die Ovationen des Publikums entgegen nahmen. Immer, wenn so etwas geschah, klang aus dem sich immer mehr füllenden Raum ein zustimmendes He did it, um dann recht laut und impulsiv den Barkeeper anzumaulen, er solle sich ein Beispiel an den Athleten nehmen und ein bisschen schneller die Bestellungen ausführen. Dieser reagierte mit wütenden Beschimpfungen, den Bestellern steige anscheinend der Anblick dieser Scheißflagge mehr ins Hirn als das Bier oder der Gin.

Wir mochten diese Atmosphäre, schien sie uns doch sehr entspannt und grundehrlich, ohne die Manierismen und Etikette einer Weltmetropole. Der ländlich irische Stil und Witz lag und imponierte uns, war er uns doch allzu bekannt aus heimatlichen Gefilden. Während ich mit meinem Freund an der Theke zunächst den erlebten Tag besprach und wir dann doch ziemlich herum blödelten, sahen wir aus den Augenwinkeln, dass unsere Damenbegleitung sich weiter hinten prächtig untereinander unterhielt und wie fast immer, nach kurzer Zeit schon in Herrenbegleitung war, die ihnen aufmunternd zuprostete und irgendwelche Snowballs und Screwdriver ausgab.

Manfred und ich hatten es von den Chancen Ronald Reagans und dem Einfluss der Olympiade auf seine Umfragewerte. Wir hielten die ganze Sache für eine sehr durchsichtige Propagandainszenierung, damit dieser Hardliner und Kriegstreiber aus Kalifornien eine zweite Amtszeit in den Sack bekam. Nach jeder an US-Athleten verliehenen Goldmedaille sah man in einem Spot den Präsidenten, wie er die Hand aufs Herz legte und sehnsüchtig hinauf zu einer Stars and Stripes-Fahne blickte. Auf uns wirkte das abgeschmackt und wir verdrehten nur die Augen.

Irgendwie war es aber einer jener ausgehenden Tage, wo man zufrieden auf den ausklingenden Tag blickt, sich im Kühlen an den Sonnenstrahlen auf der Straße ergötzt und so gute Laune hat, dass man mehr und öfters eine Bestellung aufgibt, als der Durst es nötig hätte. Den anderen im Blarney´s ging es nicht anders, denn die Keeper kamen trotz der AC ziemlich ins Schwitzen.

Wir hatten bereits eineinhalb bis zwei Stunden in der Bar verbracht und uns in immer wildere Gespräche verstrickt, als wir feststellten, dass unsere beiden Damen mehr und mehr von einem pechschwarzen Afroamerikaner in ein äußerst intensives Gespräch gezogen wurden. Es wurde zuweilen so laut, dass der irische Kellner den Bruder aufforderte, sein Organ zu bändigen.

Manfred und ich begannen Interesse an dem Gespräch zu entwickeln. Gott sei Dank stellten wir recht schnell fest, dass es keinesfalls feindseligen Charakter hatte, weil mindestens eine der beiden Frauen des öfteren lauthals und herzlich lachte. Und uns fiel ebenfalls auf, dass die Cocktails für unsere Begleitung in kürzer werdenden Intervallen geordert wurden. Der Gesprächspartner lief zunehmend zur Höchstform auf, riss Witze, die gut ankamen und genehmigte sich auch eine Menge scharfer Getränke, sodass der irische Keeper ihn mit einem höhnischen Halte ein Auge auf dein Maß, Bruder, zu Verlangsamung des Konsums anhielt.

Manfred und ich wechselten das eine oder andere Wort mit anderen Gästen an der Bar, wobei uns ein schweigsamer Eskimo auffiel, der den Gesprächspartner unserer Frauen glasig anstarrte und immer irgendetwas nicht sonderlich Freundliches labial von sich gab, dass wir nicht identifizieren konnten. Ein anderer, der sich mit DiFonzo vorstellte, erzählte von der alten Allianz zwischen Italienern und Iren, die eigentlich die Wiege der amerikanischen Zivilisation darstelle. Mister DiFonzo vertrug anscheinend den Grappa besser als den Gin, denn er lallte gewaltig und seine Thesen stießen bei den Gästen irischer Domäne nur auf lautes Gelächter und ein dröhnendes Oh, shit! Als dann noch auf dem Bildschirm ein Puerto Ricaner eine Goldmedaille für die USA gewann, war es ganz aus, die Freude war nicht groß, von überall her kamen böse Hinweise, die ganze Olympiade wäre scheiße, es sei eine Blamage, diese halbkriminellen Arschlöcher da hinzuschicken und die Medaillen abräumen zu lassen. Das sei das einzige, wozu diese windigen Zeitgenossen taugten, sie lägen den ganzen Tag faul in der Ecke herum, würden vollgedopt dumm glotzen und jetzt dort die große patriotische Nummer abziehen. Eigentlich sei es an der Zeit, dass der ganze Unsinn endlich vorbei sei und man sich mal wieder in Ruhe einen guten Boxkampf ansehen könne, vor allem der Butcher, ein junger Ire aus New York, gäbe allen Anlass zur Hoffnung.

Wir glaubten so langsam nicht mehr, was wir da so alles hörten und verfielen dem schleichenden Wahnsinn, als wir den Troubadour unserer beiden Damen immer mehr über die fucking Jews herziehen hörten. Er sei aus Oklahoma, so schrie er nunmehr lauthals in die Runde, und das Judenpack hätte mit seinen miesen Grundstücksspekulationen ganz Oklahoma kaputt gemacht. Der Barkeeper, von dem wir mittlerweile wussten, dass er noch gar nicht lange in New York war, aus dem schönen Galway kam und selbst bei größter Toleranz als Illegaler bezeichnet werden musste, schrie den armen Bruder aus Oklahoma nun an, er solle endlich den Rand halten. Ich sag nur eins, schrie dieser zurück, die scheiß Juden reißen sich alles unter den Nagel, auch euer verficktes Irland ist bald dran.

Das hätte der gute Mann besser nicht gesagt, denn plötzlich war es totenstill im Blarney´s. Als selbst unsere Frauen von der armen Seele weg sprangen, merkte er trotz des vielen Gins, dass er etwas grundlegend Falsches gesagt hatte. Das einzige, was zu hören war, war die Berichtertattung von den Screens und ein fast geheultes Mamma Mia von Mister DiFonzo.

Unser Mann aus Galway nahm ein Glas, stellte es auf die Bar, füllte es mit Gin und winkte den Mann aus Oklahoma heran. Trink das Bruder, das ist dein Farewell, und dann verschwinde hier und lass dich nie wieder blicken. Der arme Mann war folgsam, schüttete den Gin in sich herein und torkelte aus dem Lokal.

Während der Geräuschpegel der Gespräche wieder anschwoll, sah uns der Keeper an und fragte uns, was wir eigentlich mit dem dämlichen Nigger hier gewollt hätten. Wir machten auch nicht mehr lange, sammelten unsere Frauen auf, zahlten und gingen hinaus auf die Straße, es war eine feucht heiße Nacht, im Melting Pot.

Als russischer Botschafter in Malaysia

Ich saß in meinem Büro bei Lembaga Administrasi Negara, wo ich seit sechs Wochen arbeitete. Das Gebäude der ehrwürdigen Regierungsinstitution lag direkt hinter dem Präsidentenpalast im Herzen Jakarta in der Jalan Veteran. Konzentriert auf ein Konzept zur Dezentralisierung der indonesischen Staatsverwaltung, starrte ich auf den Bildschirm meines Computers, als das Telefon klingelte. Es war Ibu Sri, eine Abteilungsleiterin, mit der ich eng zusammenarbeitete. Haben Sie schon mal aus dem Fenster geschaut?, fragte sie mich. Als ich verneinte, drängte sie mich, dies zu tun. Ich traute meinen Augen nicht, als ich herausblickte. Ich sah brennende Autoreifen, einen wild umherfahrenden Panzer, der immer wieder wendete und tausende von aufgebrachten Menschen, die mit allem nach dem Panzer warfen, was sie auftreiben konnten. Am besten, so Ibu Sri, Sie gehen sofort zu ihrem Fahrer und lassen sich auf dem schnellsten Weg nach Hause fahren, wo Sie bitte bleiben. Alles weitere erfahren Sie von mir, gehen Sie nicht aus dem Haus! Und schon legte sie auf. Angesichts der Bilder aus der Jalan Veteran musste ich nicht lange überlegen. Ich packte mein Laptop, schaltete die Klimaanlage aus und lief auf den Hof. Dort fuhren bereits die ersten Busse mit den Beschäftigten in rasantem Tempo ab, mein Fahrer saß bereits im laufenden Wagen und winkte aufgeregt.

Bapak, Bapak, rief er, cepat, cepat, disini terlalu berbahaya, schnell, schnell, mein Herr, hier ist es zu gefährlich. Als Kind Jakartas kannte er die Jalan Tikus, die Mäusestraßen, wie sie hier genannt wurden, Schleichwege also, auf denen wir uns so schnell es ging aus dem Zentrum bewegten. Überall sahen wir, wie Menschen in Panik umher- und vor allem davon liefen. Zum Teil wurde geplündert und überall stiegen Rauchsäulen auf. Obwohl wir immer wieder durch die Kampungs fuhren, dorfähnliche Siedlungen aus Blech und Holz, mit denen sich die indonesische Metropole durchzog, ließ es sich nicht vermeiden, dass wir immer wieder auf oder über eine der großen Protokollstraßen mussten, um weiter zu kommen. Eko, mein Fahrer, erzählte mir, dass im Norden, in Chinatown, Tanjung Priok und am Hafen die Hölle los sei. Überall würde geplündert, Militär sei massiv unterwegs und Kaufhäuser, in denen sich die aufgebrachte Menge bediente, würden wie lebende Fackeln von der Armee in Brand gesetzt. Wir mussten in den Süden, fuhren ein Stück die Jalan Thamrin entlang, wo die großen Hotels waren, die bereits durch eigene Securities abgesichert wurden und bogen dann am Bundaran H.I., wo die britische und deutsche Botschaft residierten, in die Jalan Sudirman ein. Im Gegensatz zu sonst ging es schnell, viele Menschen benutzten schon nicht mehr das Auto. An der katholischen Universität standen auf der einen Seite tausende von Studenten, die Parolen riefen und auf der anderen Seite bis an die Zähne bewaffnetes Militär. Wir schafften es relativ schnell, in den Stadtteil zu kommen, in dem wir wohnten, Kebayoran Lama. Meine Frau schaute bereits CNN. Wir wohnten zu dieser Zeit in einem Apartmenthaus, oben, im letzten Stock und hatten eine große Terrasse, die um den ganzen Wohnbereich herumführte. So konnten wir sehen, wo es brannte, es zog sich ein Ring um das Zentrum, die dicksten Rauchwolken waren tatsächlich in Glodok zu sehen, dem Chinesenviertel. Seltsamerweise waren wir sehr ruhig.

Obwohl ich als Einzelkämpfer über eine deutsche Regierungsinstitution in Indonesien tätig war, übernahm die GTZ die Koordination der Sicherheit der deutschen Expats in öffentlichem Auftrag, was sich als Segen herausstellen sollte. Noch während wir mit angehaltenem Atem die Nachrichten auf CNN verfolgten, lief das erste Fax der GTZ bei uns ein, in welchem wir nützliche Verhaltenshinweise und Ansprechpartner genannt bekamen. Zu unserem Glück war auch noch unsere Nachbarin die Verwaltungsleiterin des GTZ-Büros, und diese klärte uns am Abend über vieles auf.

Was war geschehen? Die Zeit von Präsident Soeharto, der seit 32 Jahren im Amt war und selbst durch einen blutigen Putsch, in dessen Folge 1964 zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen waren, ging an diesem Tag zu Ende. Sein bis in die Haarwurzeln korruptes Familienimperium hatte abgewirtschaftet und das Volk, Teile des Militärs und der Mittelstand wollten nicht mehr. Eine Auslandsreise des Präsidenten nach Kairo hatte dazu geführt, dass von verschiedenen Punkten des Unwillens aus das Feuer entfacht wurde. Wie immer, so möchte ich sagen, und leider in der jungen indonesischen Geschichte üblich, sind das dann die Momente, in denen jeder mit jedem abrechnet und eine überschaubare Arithmetik nicht zustande kommt. Alles wirkt verworren, mysteriös und vor allem sehr blutig. Das Feuer lodert überall, es riecht nach Menschenfleisch und Köpfe werden aufgespießt. An diesem einen Tag im Mai 1998 kamen Tausende in brennenden Kaufhäusern um, fast die gleiche Anzahl chinesischer Frauen wurden im Norden Jakartas von marodierenden Soldaten vergewaltigt, Soldaten schossen auf Soldaten oder auf Studenten. Es war die Hölle auf Erden in einem der schönsten Länder der Welt. Einen kühlen Kopf behielt Jenderal Wiranto, ein ehemaliger Adjutant des fallenden Präsidenten, denn er übernahm die Regie und löste für kurze Zeit den großen Dalang, den Schattenspieler, wie der scheidende Präsident genannt wurde, ab.

Als das Inferno ausbrach, wurde es weltweit zum Tagesthema Nummer Eins und die ausländische Community kam schnell in Bewegung. Wie immer in solchen Fällen, organisierten die USA die sofortige Ausreise ihrer Staatsbürger und die ersten Flugzeuge standen Stunden später bereit. Sie eskortierten ihre Bürger mit einem paramilitärischen Konvoi auf dem gefährlichen Weg zum Flughafen. Kurze Zeit später folgten die Briten, dann die Franzosen, die Niederländer etc. Und die Deutsche Botschaft? Sie gab die Devise aus, es sei alles halb so schlimm und man solle Ruhe bewahren. Der damalige Botschafter war mit der in der Auflösung begriffenen und morbiden Elite nämlich verfilzt und wollte seine Loyalität beweisen. So kam es, dass wir uns von unserem Dach aus fünf Tage lang ein brennendes Jakarta ansehen durften. Allerdings, so muss ich hinzufügen, es fehlte uns an nichts. Das lag aber nicht an der Deutschen Botschaft, sondern an den Indonesiern direkt im benachbarten Kampung, an unserem Fahrer Eko, der uns täglich unter Lebensgefahr besuchte und Reis mitbrachte und an Ibu Sri, die immer wieder anrief und sich nach unserem Befinden erkundigte. Und, was die Informationen seitens der GTZ anbetraf, die ein famoses Krisenmanagement hinlegte, trotz der Deutschen Botschaft.

Irgendwann setzte sich wohl beim Auswärtigen Amt in Berlin die Erkenntnis durch, dass es ein zu großes Risiko sei, das deutsche Personal weiterhin als Schutzschild für den stürzenden Mammon zu missbrauchen. Und so bekam die GTZ nach einer Woche das Go, uns zu evakuieren. Alles verlief ruhig, wir fuhren in einem Konvoi zum Flughafen Soekarno Hatta, wo es furchtbar hektisch zuging, weil viele Chinesen um ihr Leben kämpften und für ein Ticket nach Singapur jeden Preis zahlten. Da bereits alle anderen Expats ins nahe gelegene, sichere Ausland evakuiert worden waren, ging nichts mehr nach Singapur, weil dort alle Hotels ausgebucht waren, flogen wir spät in der Nacht in die malaiische Metropole Kuala Lumpur. Dort wurden wir am Flughafen am frühen Morgen vom dortigen Deutschen Botschafter und seinem Staff in Empfang genommen und auf verschiedene Hotels verteilt. Wir landeten im Hotel Radisson direkt im Zentrum der Hauptsstadt, gegenüber den Twin Towers. Trotz der frühen Stunde gab der Deutsche Botschafter dort noch einen Empfang für uns, bot seine Hilfe an und machte den Eindruck, als wolle er sich für seinen in Jakarta residierenden Kollegen entschuldigen. Irgendwann sanken wir ohnmächtig in unsere Luxusbetten und träumten gar nichts mehr.

Von unserem Flugzeug waren ca. 60 Personen in das Radisson Hotel in Kuala Lumpur kontingentiert worden. Beim Frühstück trafen wir uns alle beim Buffet und die Atmosphäre war aufgeladen. Die vielen unterschiedlichen Experten hatten in allen Teilen Indonesiens gearbeitet und hielten den Kontakt zu ihren Projekten und Häusern. Die Gerüchteküche brodelte, dort war die Lage ruhig, an anderer Stelle wurde von einem Massaker berichtet und woanders wieder war geplündert worden. Zudem gab es fast stündlich Nachrichten aus Deutschland, vom Auswärtigen Amt und den einzelnen Entsendeorganisationen. Ich hatte morgens um 8.00 Uhr bereits einen Anruf von einem Freund und Barbesitzer, der seinen Jazzclub morgens um 3.00 Uhr geschlossen und mich dann angerufen hatte. Woher er wusste, wo ich mich aufhielt, blieb immer ein Rätsel. Zum Teil waren wir alle sehr aufgeladen, andererseits ging einem dieses furchtbare Geschnatter auch auf die Nerven. Meine Frau und ich beschlossen, uns Kuala Lumpur anzusehen und wir verließen nach dem Frühstück das Hotel Richtung Twin Towers. Das Zentrum Kuala Lumpurs ähnelt von seiner Regulierung dem Singapurs und folglich hat es mit einer asiatischen Metropole wenig zu tun. Überdimensionierte Shopping Malls, in denen die Edelmarken dieser Welt zu Preisen wie überall in der Welt in exklusiven Boutiquen anzusehen sind. Während vor allem die Frauen der einheimischen Eliten aus Zeitvertreib mit Dienern im Schlepptau diese Läden leer kaufen, gehen diejenigen, die es sich nicht leisten können dorthin, weil diese Malls gut klimatisiert sind und sie frönen der Disziplin des Window Shopping, d.h. sie drücken sich an den Schaufenstern die Nasen platt und träumen von dem Tag, an dem sie sich das alles auch leisten können. Auf den Straßen standen überall Verbotsschilder und die entsprechend drakonischen Strafen, wenn man irgendwo rauchte oder eine Zigarette oder ein Kaugummi weg warf. Es herrschte noch der Präsident Mahatir, der autokratisch das Land regierte und mit einer gelenkten Wirtschaftsentwicklung und strengen Sanktionen das Land nach vorne zu bringen glaubte. Die Liberalität, von anderen Anarchie genannt, die das Straßenbild in Jakarta vermittelte, war in Kuala

Lumpur mit keiner Geste zu finden. Wir kehrten relativ schnell gelangweilt in unser Hotel zurück, wo uns erneut eine Welle von Gerüchten entgegen schlug. Ich ging aufs Zimmer und ich rief meinen Auftraggeber in Frankfurt an. Dort bekam ich von der für mich zuständigen Frau den Hinweis, dass wir zunächst in Kuala Lumpur bleiben sollten, da man auf eine Beruhigung der Lage in Jakarta hoffe. Man wolle zunächst eine Woche bis zehn Tage abwarten und nicht voreilig alle Berater nach Deutschland zurück holen. Danach rief ich meinen Kollegen Gero von Harder in Indonesien an, unser Mann in Jakarta, wie wir ihn scherzhaft nannten. Er war geblieben, weil er de facto als permanent resident galt. Aufgrund seiner guten Kontakte zur indonesischen Nomenklatura war er zusammen mit seiner achtzigjährigen Mutter, die zu Besuch war, in einer spektakulären Aktion aus seinem Viertel in Jakarta, in dem es heftig zuging, von Militärs heraus geholt und nach Pangandaran am Indischen Ozean gerettet worden. Er besaß dort eine gute Infrastruktur und riet mir, da es seiner Ansicht nach noch mindestens zehn Tage bis zu einer offiziellen Entscheidung aus dem Auswärtigen Amt dauern würde, so schnell wie möglich mein Bündel zu packen und aus dem sterilen Kuala Lumpur zu verschwinden. Er empfahl mir die Insel Penang vor der thailändischen Grenze.

Wir saßen in der Lobby und unterhielten uns mit dem Pädagogen Dr. Klaus Weber und seiner Familie, die wir vor einigen Monaten in Jakarta bei einem kurios verlaufenden Gespräch auf einem Empfang kennen gelernt hatten, in dem wir fest stellten, dass wir alle Patienten beim gleichen Zahnarzt in Mannheim waren. Im Laufe des Gespräches erzählte ich von meiner Unterhaltung mit von Harder und Klaus und vor allem seine Töchter waren gleich von der Idee begeistert, auf eine Insel zu fahren und dort abzuwarten, wie man sich in Deutschland entschied. Nun rief ich meine indonesischen Kollegen an, die schließlich am besten informiert waren, da sie das Machtgeflecht in Jakarta am besten kannten. Ich rief Muhammad Idris an, einen von mir sehr geschätzten Direktor meiner Organisation, die direkt den Präsidenten beriet, der aber mit mir schon in einem Vorgespräch zu meiner Tätigkeit über die Notwendigkeiten für die Zeit danach diskutiert hatte. Er war ein Mann aus Makassar und gehörte zu einer überaus einflussreichen Lobby in dem Riesenreich. Bapak Idris machte eine klare Ansage: Heute Nacht hat der ehemalige Gouverneur Ali Sadikin ein Blutbad verhindert und die Generäle Wiranto und vor allem Prabowo zur Räson gebracht. Die Lage wird sich ohne Präsidenten Soeharto in den nächsten ein bis zwei Woche stabilisieren, seine Zeit ist vorbei. Fliegen Sie bitte nicht nach Deutschland und kommen Sie, sobald es Ihre Regierung Ihnen erlaubt, zurück, wir werden viel zu tun haben, um unser Land zu dezentralisieren und zu demokratisieren.

Mit dieser Information schlenderte ich nun zum Manager des Radisson Hotels, einem jungen, sehr professionell wirkenden Österreicher. Er interessierte sich sehr für das Erlebte in Indonesien, bestellte Tee und wir hatten ein langes Gespräch, in dem ich auch einiges über Malaysia erfuhr, was ich in der Presse nicht hätte lesen können. Als ich ihm berichtete, dass ich die Zeit nutzen und vielleicht etwas vom Land sehen wolle, bot er sogleich seine Hilfe an. Er empfahl auch ein Hotel auf der Insel Penang

und bot sich an, meine Frau und mich dort anzumelden und für einen Mietwagen zu sorgen. Also trafen wir uns wieder in der Lobby und unterhielten uns mit Webers, die noch zwei Tage warten, dann aber uns nach Penang folgen wollten. Meine Frau und ich beschlossen, am nächsten Morgen zu fahren.

Nach dem Frühstück bestiegen wir eine recht brauchbare Limousine der Firma Proton, Made in Malaysia, und machten uns auf den Weg. Wir fuhren direkt auf die Autobahn Richtung Norden und kamen zügig voran. Während der Fahrt sahen wir, dass das ganze Land zugunsten von riesigen Palmölplantagen gerodet worden war und von der ursprünglichen Landschaft war nicht mehr viel zu sehen. Wir hatten den Eindruck, als hätten Technokraten den gesamten Dschungel dem Erdboden gleichgemacht und nur noch das gepflanzt, was derzeit auf dem Weltmarkt zu einem einträglichen Preis verkauft werden konnte. Aber alles wirkte trotz seiner Symmetrie und Akribie irgendwie trostlos und marode und wir konnten geradezu spüren, dass Malaysia wie seine südostasiatischen Nachbarstaaten auch in eine tiefe Krise gestürzt war. Der Börsenhype war einem gewaltigen Crash gewichen und auch das Fell des malaiischen Tigers war sehr stumpf geworden.

Gegen Mittag machten wir auf einer Autobahnraststätte halt und erlebten eine Feindseligkeit, die beängstigend wirkte. Wir bekamen schlechtes Essen und wurden vom Personal argwöhnisch beäugt. Später erfuhren wir, dass wir in einer Region angehalten hatten, in der noch die Scharia als Rechtsform galt und ein extremer, intoleranter Islam das Leben regelte. Da wirkte es wie eine Befreiung, als wir abends endlich auf der Insel Penang ankamen, die schon in Zeiten des britischen Kolonialismus von Reisenden aus der ganzen Welt aufgrund ihrer Mondänität großes Ansehen genossen hatte. Zwar korrespondierte das Weltläufige in der Architektur überhaupt nicht mit den Bauten aus der neuen malaiischen Zeit, die mehr an die siebziger Jahre der DDR erinnerten, aber die Natur sprach ein mächtiges Wort mit und machte vieles wieder gut.

Wir hielten direkt am Meer vor einem großen, regelrecht üppigen und modernen Hotel und gingen zur Rezeption. Kami disini langsung dari Ibu Kota Kuala Lumpur y ingin salamkan Anda dari Bapak Pimpinang dari Hotel Radisson. Ich berichtete auf Malaii von der Empfehlung des Radissonchefs aus Kuala Lumpur und wir wurden sehr herzlich als die erwarteten Gäste from the Embassy empfangen. Wir dachten uns nichts bei der Erwähnung der Botschaft, waren wir doch als Gäste des Deutschen Botschafters im Radisson in Kuala Lumpur dort gebucht worden. Wir nahmen unseren Schlüssel in Empfang und staunten nicht schlecht, als wir in uns in einer riesigen Suite mit Empfangs- Arbeits- und Wohnbereich sowie einem atemberaubenden Meerblick wieder fanden. Da wir aber den Preis, der für unsere Verhältnisse durchaus bezahlbar war, kannten, fassten wir das als ein Resultat der Finanzkrise auf und nahmen den Umstand dankbar an. Also richteten wir uns ein und machten uns etwas frisch. Ich rief Gero an, der nichts Neues aus Indonesien berichten konnte und so gingen wir hinunter zum Abendessen. Das Personal war überaus freundlich und das Hotel verdächtig leer, so dass wir den

Eindruck gewannen, die Freude über neue Gäste wäre das Motiv für diese ausgesuchte, an die Grenze der für unsere Verhältnisse verdaubaren Aufmerksamkeit. Wir nahmen es hin, aßen eine Menge exotischen Fisch und machten danach noch einen Strandspaziergang. Recht zufrieden gingen wir dann in unser fürstliches Gemach, blickten noch einmal aufs Meer und löschten das Licht.

Am nächsten Morgen, auf dem Weg zum Frühstücksraum, wurde ich stutzig, als mich eine der überaus hübschen Kellnerinnen gleich in Empfang nahm und Mister Ambassador, we have already arranged the most convenient place for you and your wife. Ich war so perplex, dass ich mich von der Kleinen an einen üppig gedeckten Tisch mit Meerblick auf die Terrasse führen ließ. Meine Frau kam etwas später und war ganz angetan von dem Service. Als ich ihr jedoch erzählte, was vorgefallen war, blickte sie mich ernst an und riet mir, das Missverständnis bitte sofort zu bereinigen. Obwohl mir nicht danach war, genoss ich zunächst den gebratenen Reis mit King Prawns, die geräucherten kleinen Fische, die in den Tropen immer edlen Fruchtsäfte und den starken, pechschwarzen Kaffee und lauschte dazu den Affen, die nicht weit von uns entfernt in den Palmen und Stromleitungen herum sprangen und ihr morgendliches Gezeter abhielten. Als sichtbar wurde, dass sich unser Frühstück dem Ende näherte, kam die kleine seidengewandete Kellnerin wieder an den Tisch, Mister Ambassador, is there anything else I can do for you? Als ich sie fragte, ob ich den Direktor des Hotels sprechen könne, war sie sehr erschrocken und fragte, ob etwas nicht zur Zufriedenheit des Herrn Botschafter erfolgt sei. Ich beruhigte sie mit meinem ganzen Charme, schwärmte vom Zimmer, von den Speisen und besonders von ihrem tadellosen Service und zwinkerte ihr zu, es handele sich quasi um eine kleine politische Angelegenheit, die ich mit dem Herrn Direktor in aller Diskretion zu besprechen hätte. Sehr erleichtert sicherte sie mir zu, den Kontakt sofort herzustellen.

Kurz darauf fand das Treffen statt und ich saß mit einem älteren Chinesen in seinem Kontor mit dicken Teppichen, großen Möbeln aus Tropenholz und einer bis zum Zähneklappern herunter gekühlten Klimaanlage. Wir befanden uns in Asien und bevor dort ein Gespräch zum Kern dringt, unterhält man sich in entspannter Atmosphäre bei einer guten Tasse Tee über das gegenseitige Befinden, die Familie, das Wetter, das Land, die Wirtschaft und die Kultur. Das taten wir denn auch recht exzessiv. Irgendwann kam ich dann auf mein Problem zu sprechen und bedeutete meinem Gegenüber, dass wohl eine Verkettung von Kommunikationsunschärfen dazu geführt hätte, mich für den Deutschen Botschafter zu halten, was allerdings nicht der Fall sei. Wissend nickte der chinesische Hoteldirektor, lächelte das asiatische Lächeln und gab mir als Rückmeldung, ich sei ein kluger Mann, dem man anmerke, wie diplomatisch und diskret er mit der Welt umgehe. Die Botschaft sei bei ihm angekommen und ich solle mir keine Sorgen machen. Dementsprechend erleichtert ging ich zurück in unsere Gemächer, berichtete meiner Frau von der Klärung und machte meine Rundrufe nach Indonesien und Deutschland. In Indonesien waren die blutigen Auseinandersetzungen auf den Straßen zu Ende, aber es herrschte Ausgangssperre und hinter den Kulissen wurde verhandelt. Meine deutsche

Ansprechpartnerin hingegen machte mir die Hölle heiß, weil ich ohne Erlaubnis Kuala Lumpur verlassen hätte. Dass ich in ständigem Kontakt mit meiner indonesischen Organisation stand und in dessen Einverständnis handelte, besänftigte sie nicht, obwohl ich offiziell Beschäftigter einer indonesischen Regierungsinstitution war.
Nach dem Telefonat gingen wir zunächst an die Rezeption und teilten mit, dass wir für den Nachmittag Freunde erwarteten, die aus Kuala Lumpur einträfen und machten uns an den Strand zum Schwimmen und blieben dort den ganzen Tag.

Als wir am frühen Abend von unsrem Zimmer kamen, lief Familie Weber freudig auf uns zu und Klaus fragte mich lauthals, was denn hier passiert sei, sie seien als Gäste des russischen Botschafters Willkommen geheißen worden. Nun war ich völlig perplex. In der Folge wurde ich immer vom Personal mit einem lauten Hallo begrüßt, worauf dann zwinkernd ein leises Mister Ambassador folgte, als hätten wir ein gemeinsames Geheimnis. Ich konnte mir das alles nur so erklären, als dass der chinesische Hoteldirektor meine Botschaft so aufgefasst hatte, dass ich hier incognito weilen wollte, weil ich entweder meine Ruhe haben wollte oder in geheimer Mission unterwegs war. Warum aus mir plötzlich der russische Botschafter geworden war, konnten wir uns alle nicht erklären. Meine Frau mutmaßte gleich es sei mein Körperbau oder der grimmige Blick, Webers meinten, mein westfälisches R gleiche dem russischen.

Wie dem auch sei, während die anderen sich köstlich amüsierten, wurde ich zunehmend ungehalten und so langsam baute sich auch die Befürchtung auf, das ganze Spiel könne sich zu einem furchtbaren Desaster ausweiten. Was, wenn irgendwann die malaiische Polizei auftauchte und meine Legitimation sehen wollte? Ich stellte mir bereits vor, wie ich in einem fauligen Kerker lag und monatelang auf einen Prozess wegen schweren Betrugs und Irreführung der malaiischen Behörden wartete und nach dem Absitzen meiner dortigen Haft nach Russland ausgeliefert würde, um bis an das Ende meiner Tage in Sibirien Zwangsarbeit zu leisten. In der Folge legte ich Wert darauf, dass wir früh morgens das Hotel verließen und abends erst zurückkehrten. Wir sahen uns alles auf der Insel an, was es zu sehen gab und aßen ständig in irgendwelchen indischen oder pakistanischen Garküchen am Straßenrand. Doch wenn wir abends ins Hotel zurückkehrten, stand das Personal schon im Pulk vor der Eingangstür, nahm uns das Gepäck ab, begleitete uns auf die Zimmer und fragte andauernd, ob der Herr Botschafter irgendwelche Wünsche habe.

Eines abends kam der chinesische Direktor und bat mich an einen Tisch, an dem die ganzen lokalen Honoratioren saßen, zumeist chinesische Geschäftsleute, die sich mit dem Ihrer Exzellenz, dem russischen Botschafter, über die Planungen seines Landes in der Region und die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung unterhalten wollten. Der Hotelchef zwinkerte mir wissend zu und mir blieb nichts anderes übrig, als die Rolle zu spielen, so meinte ich zumindest, weil ich den armen Mann nicht im Regen stehen lassen wollte. Die finanzkräftigen Herren hingen immer an meinen Lippen, wenn ich in die Kiste der geopolitischen Floskeln griff und die Welt- und Regionallage aus meiner Sicht beschrieb. Ich prophezeite dem Land Malaysia eine schnelle Erholung von der Finanzkrise und rekurrierte auf den derzeitigen eigenen

Slogan der dortigen Regierung The Bull is bouncing back! Und gab vor allem einen exzellenten Ausblick für die Insel Penang. Man war überaus angetan und lobte die Weitsicht des Herrn Botschafter. Champagner und sogar eisgekühlter russischer Wodka wurden aufgefahren und der Abend endete in ausgezeichneter Stimmung. Völlig durchgedreht ging ich auf mein Zimmer, duschte kalt und legte mich ins Bett, fand jedoch keinen Schlaf. Bei jedem Motorengeräusch, das ich von der Küstenstraße her hörte, dachte ich an den malaiischen Geheimdienst, der jetzt käme, um mir dreistem Hochstapler so richtig heimzuleuchten. Als ich morgens aufstand, war ich völlig durchgeschwitzt und bekam regelrechte Fieberphantasien. Die anderen rieten mir, cool zu bleiben, was leicht gesagt, aber schwer getan war, vor allem, wenn ich schon beim Frühstück gefragt wurde, Mister Ambassador, is it convenient for you that we serve the scambled eggs with king prawns now or do you prefer to wait and have coffee and juice beforehand?

Es war ein Kreuz. Ich wurde paranoid und ungeduldig. Nun rief ich zweimal täglich in Frankfurt, Jakarta, Kuala Lumpur und Pangandaran an, um zu erfahren, wie es denn stünde mit der Entscheidungsfindung. Und das mit einer Emphase, dass sogar meine Ansprechpartnerin in Frankfurt zu witzeln begann, warum ich denn so dränge, ich sei doch auf einer herrlichen Ferieninsel. Nach einigen Tagen war klar, dass wir nicht nach Deutschland zurück beordert würden, sondern man nun auf den geeigneten Zeitpunkt warte, wann wir zurück nach Indonesien könnten. Irgendwann kam allerdings der Zeitpunkt, da wurde mir alles egal. Zu oft hatte ich in meiner Phantasie den Absturz durchlebt, sodass ich nun sogar meinen Status genoss. Webers nahmen die Geschichte nie sonderlich ernst und Klaus schrie manchmal am Strand, ob der Herr Botschafter mit ihm im Meer schwimmen gehe. Abends schritt ich dann würdevoll mit meiner Zigarre an den Tischen vorbei, an denen sich alle verbeugten und tuschelten.

Doch meine dennoch immer wieder verspürte Pein hatte bald ein Ende, wir bekamen das Go vom Auswärtigen Amt, nach Indonesien zurück reisen zu können. Ich telefonierte sogleich mit dem Sicherheitsbeauftragten in Kuala Lumpur, der mir sagte, wann unsere Maschine ging. Wir packten und zahlten an der Rezeption. Bevor wir das Hotel verlassen wollten, erschien der Direktor mit dem gesamten Hotelpersonal zu einem kleinen Farewell. Es gab einen Fruchtsaft und eine Rede seinerseits, in der er sich lauthals, so dass es alle anwesenden Gäste hören konnten, für die Ehre des Besuchs des russischen Botschafters und seiner Begleitung bedankte und auf ein baldiges Wiedersehen hoffte. Dann war die Reihe an mir. Ich ließ mich, wahrscheinlich aus Erleichterung, dass diese ganze Mär nun vorbei war, nicht lumpen. Ich bedankte mich für die exorbitante Gastfreundschaft, den unvergessenen Service und die Herzlichkeit, mit der wir empfangen und behandelt worden waren, bescheinigte dem Hotel, der Insel wie dem Land brillante Perspektiven und erwähnte, in wie vielem auch mein Land von dieser Professionalität noch lernen könne. Die Rede kam wie erwartet gut an und mit Blumen im Arm bestiegen wir unsere Autos. Als wir der Höflichkeit genüge getan hatten, brauste ich mit einem Kick down vom Parkplatz und blickte mich nicht mehr um.

Von der Rückfahrt nach Kuala Lumpur weiß ich nur noch, dass meine Frau mich ständig ermahnte, nicht so zu rasen. Dort angekommen, gaben wir schnell den Wagen ab und machten uns auf zum Flughafen, von wo die Maschine am frühen Abend losging. Das fast serienmäßige Gerumpel über Sumatra erschien mir wie eine Meditation über die Sicherheit und als wir in Jakarta landeten, war ich ein glücklicher Mensch. Im Taxi rauschten wir durch diesen uns bereits ans Herz gegangenen Moloch, an der Ampel standen junge Männer, die Gitarre spielten und von den Winds of Change sangen. Unsere Neugier über das, was hier passiert war, wuchs mit jeder Sekunde und die Vorfreude auf den Neuaufbau mit meinen indonesischen Kollegen kannte keine Grenzen. Bei offenem Fenster schrie ich immer wieder unseren Slogan Jackie, cintamu!, eine Codierung von Jakarta, ich liebe dich, die ganze Last fiel von mir ab, der Taxifahrer bot mir eine Kretekzigarette an und beim Inhalieren wusste ich, jetzt fing das Leben an und der russische Botschafter ruhte im Affentempel von Penang.