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New York City III – Unterwegs mit Mary Rosenberg

Was machen Immigranten, wenn sie in dem Land ihrer Bestimmung, ob freiwillig oder unfreiwillig, angekommen sind? Sie suchen sich eine Bleibe, eine Arbeit, versuchen sich zu orientieren und dann legen sie los. Sind einmal die Grundbedürfnisse gestillt und der Erwerb gesichert, dann wägen sie ab. Sie vergleichen das Neue mit dem Alten und Gewohnten aus der Heimat und ziehen die erste Bilanz. Was ist in der neuen Welt besser, was schlechter, worauf freut man sich und was wird wohl immer schwer fallen? Irgendwann beginnt man sich zu arrangieren und versucht, die angenehmen Seiten des neuen Lebens mit den lieb gewonnenen Gewohnheiten des alten zu kombinieren, der Mensch ist und bleibt ein unverbesserlicher Lüstling. Bei den Legionen von Immigranten, die es nach New York verschlug, kann man diesen Prozess sehr gut beobachten und gewinnt dabei Einsichten in das Psychogramm ganzer Völker. Die Italiener etablierten ihre Küche und ihre Familien, die Iren ihre Pubs und ihr Liedgut, die Polen ihre Wurst und ihren Schnaps, die Russen ihre Literatur, die Juden ihre Tradition und die Schwarzen ihre Musik. Die Angelsachsen haben das Sterile mit in die Neue Welt gebracht, was nur durch die heißen Rhythmen der Latinos kompensiert werden konnte. Die Deutschen, die bis 1933 nach New York kamen, hatten es mit ihrem Handwerk und ihrer Küche und den damit verbundenen Zünften und sie gründeten Vereine.

Bei den Deutschen, die im Zusammenhang mit dem Faschismus ihr Land verließen und die es dann nach New York verschlug, war das etwas anders. Erstens kamen sie nicht freiwillig, sondern sie waren auf der Flucht. Zweitens waren es keine Handwerker, sondern entweder Juden oder Intellektuelle oder beides. Und daher stand ihnen auch nicht gleich der Sinn nach Schweinsbraten mit Knödeln, sondern nach guter Literatur.

Mary Rosenberg war Jüdin und Intellektuelle zugleich. Als sie in den dreißiger Jahren ihr Schiff an den Hudsondocks verließ, wurde ihr sehr schnell klar, dass es hier Menschen gab, die am verhungern und in bedrohlichem Zustand waren, sie brauchten nämlich geistige Nahrung. Agil und intelligent wie sie war, kaufte sie gelesene Bücher deutscher Sprache auf und veräußerte sie auf Treffen der deutschen Emigration. Später mietete sie bescheidene Räume und ließ auch das eine oder andere drucken. Nach dem Krieg importierte sie sogar. Während des Krieges sah sie, wenn sie nach dem Ertönen der Ladentür aufblickte, Kunden wie Berthold Brecht, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf, Stefan Zweig, George Gross, Will Schaber, Karl Otto Paetel, Franz Jung und wie sie alle hießen, nur Thomas Mann, der kam nicht zu ihr in den Laden. Sie suchten nach Büchern, tauschten Neuigkeiten aus, tranken starken Kaffee, den Mary pausenlos kochte, sprachen über Schicksale und Jobs, Hitler und bezahlbare Wohnungen, den Kuchen vom Bäcker Tannenbaum und den letzten Ausflug nach New Jersey, die neueste Konzert in der Met oder Inszenierungen auf dem Broadway, skurrile Filme aus Hollywood oder die Umtriebe des Herrn McCarthy, das dazu passende Stück von Henry Miller oder den neuen Roman von Franz Werfel oder die Aktivitäten von den Frankfurtern, d.h. Horkheimer

und Adorno, die hier in Amerika Theorien formulierten, die so befremdlich waren. Sie tranken Kaffee, rauchten wie die Schlote und zum Schluss verließen sie Marys Laden mit einem abgegriffenen Faust, einer zerfledderten Dreigroschenoper, einem angekokelten Marx oder einem welligen Schiller unterm Arm. Mary Rosenberg organisierte Bücher, baute eine Werbung auf, kochte Kaffee und inszenierte Lesungen. Sie hielt das Exil literarisch in Schwung, gewährte Kredit, den sie selbst nicht bekam.

Als ich Mary Rosenberg zum ersten Mal besuchte, residierte sie mit ihrem Buchladen im siebten Stock in einem Hochhaus am Columbus Circle, unweit des Central Parks. Der Laden war klein, aber nicht so winzig wie Mary, die mich durch eine dicke Brille mit einem lebendigen Blick ansah und forsch fragte, was ich wolle.

Mich umsehen und mit ihnen sprechen!
Na dann mal los, junger Mann.

Zunächst sah ich mich in dem Buchladen um und war eher enttäuscht. Er hätte in dieser Form in jeder mittleren Stadt der Bundesrepublik gefunden werden können, dasselbe Sortiment und dieselbe Anordnung. Die großen Zeiten des Exils waren vorbei, die Kundschaft bestand nicht mehr aus Literaturproduzenten erster Ordnung, sondern aus wenigen überlebenden Deutschen und amerikanischen Bildungsbürgern, die lesen wollten, was man drüben, über dem großen Teich auch las. Als ich damit begann, Mary Löcher in den Bauch zu fragen über das Exil und die Exilanten, reagierte sie doch etwas unwirsch, ja, ja, natürlich waren sie alle in meinem Laden, der früher drüben am East River war, aber das ist lange her, Gott sei Dank! Von denen hätte sie doch nicht leben können und es wären immer so schreckliche Geschichten gewesen, die da erzählt worden seien, von Deportationen, Selbstmorden und Finanzpleiten. Sie sei froh, dass das alles vorbei sei.

Mary Rosenberg wollte lieber über das Heute lesen, über die Erschließung neuer Kundengruppen und die Etablierung einer neuen Leserschaft in New York, über entsprechendes Marketing und Auftreten. Ich entzog mich der Diskussion nicht und es dauerte nicht lange, bis ich ein Gespräch mit einer New Yorker Buchhändlerin führte, die im Hier und Jetzt lebte und für die Zukunft plante. Wissen Sie was, so unterbrach sie unser Gespräch irgendwann, am besten Sie kommen morgen Abend um Sieben hier vorbei, dann gehen wir in aller Ruhe etwas essen und unterhalten uns dann.

Als ich zum vereinbarten Zeitpunkt vor dem Haus am Columbus Circle stand, kam mir Mary schon entgegen, eleganter gekleidet als am Vortag, ihre glitzernde Brille an einer Goldkette um den Hals gehängt, parfümiert und bester Dinge. Nach einem lauten Hallo bedeutete sie mir, der Wagen müsse gleich kommen, sie habe den Boy schon mal in die Tiefgarage geschickt, damit er vorfahre. Ich müsse wissen, sie sei noch gut unterwegs mit dem Auto, nur das Ein- und Ausparken sei ihr ein Gräuel.

Und schon fuhr der Boy vor, der sich als ein ausgewachsener Afroamerikaner mittleren Alters herausstellte und Mary den Schlüssel des wartenden Autos übergab. Da rief Mary mir auch schon ganz aufgeregt zu, jetzt ginge es los, ich solle schnell einsteigen, während der Boy ihr hinter das Steuer half. Und ehe ich mich versah stotterte ich zusammen mit der alten Dame in ihrem fetten Buick durch die Schluchten von Manhattan, mal kurz vorm Abwürgen, mal Bock springend. Während dessen konversierte Mary in aller Ruhe, als handele es sich bei dieser Achterbahnfahrt um dass selbstverständlichste Ereignis dieser Welt.

Nachdem wir dreimal den Columbus Circle umkreist hatten, fand Mary endlich die Passage nach Osten und es dauerte nicht lange, bis wir in Yorkville waren, auch German Town und während des Krieges von vielen New Yorkern scherzhaft das Vierte Reich genannt, weil man dachte, die dort lebenden Exilanten würden aufgrund ihrer Opposition und Prominenz nach dem Krieg die neue deutsche Regierung stellen. In einer Seitenstraße hielt Mary plötzlich an und sagte mir, jetzt sei ich an der Reihe, es gelte einzuparken. Unter wildem Gehupe der anderen Verkehrsteilnehmer wechselten wir die Seiten und nach einigen Gewöhnungsversuchen gelang es mir, das schaukelnde Monster direkt vor einem Restaurant mit dem Namen Kleine Konditorei einzuparken.

Es handelte sich tatsächlich um eine Restaurant und keine Konditorei, denn wir wurden in einem Raum geleitet, in dem es sehr gut nach Deutscher Küche roch. Mary hatte einen Tisch bestellt, an den uns eine schwarz gekleidete Bedienung geleitete. Mein Einfluss auf die Bestellung war gering, oder genauer gesagt, ich hatte keinen. Mary Rosenberg agierte wie ein Feldwebel, orderte eine Flasche Rotwein, Kasseler Braten, Sauerkraut und Püree und sie dokumentierte schon allein damit, wie amerikanisch sie auf der einen Seite geworden und wie deutsch sie auf der anderen Seite geblieben war.

Nachdem serviert wurde, forderte mich Mary auf, kräftig zuzulangen, sie selbst pickte eher lustlos in der Speise herum und nippte nur ab und zu an ihrem Wasserglas. Mir hingegen ließ sie permanent Fleisch auflegen und goss mir pausenlos Wein nach. Während dadurch meine Konzentration auf immer stärkere Proben gestellt wurde, begann Mary Rosenberg mir ihre Geschichte zu erzählen.

Sie stammte aus dem Fränkischen und kannte aus ihrer Zeit dort sogar noch Henry Kissinger, als er ein kleiner Junge war. Ihr Mann war Wissenschaftler, den die Nazis wegen seines Judentums verfolgt, festgenommen, deportiert und umgebracht hatten. Ihr Mann war so weitsichtig gewesen, seine junge Frau vor den Schergen der Faschisten in Sicherheit zu bringen und so gelangte die Witwe über Marseille und Lissabon auf dem Seeweg Anfang der dreißiger Jahre nach New York City. Sie hatte entfernte Verwandte dort, bei denen sie zunächst Unterschlupf fand, aber nicht lange blieb. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen und schnell unabhängig werden. Mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten fand sie schnell Jobs, zumeist in Büros, wo ihr die Schreibmaschinen und Stenokenntnisse halfen. Ihr Englisch war schon nicht

schlecht, als sie hier ankam, schnell wurde es regelrecht elaboriert. Sie machte viele Versuche, in die New Yorker Gesellschaft einzudringen, aber das Exil holte sie immer wieder ein. Sie arbeitete in Hilfsorganisationen, half Neuankömmlingen bei der Wohnungssuche, vermittelte Jobs, gab Rat, übersetzte, korrespondierte, suchte Angehörige und Bekannte und pflegte Kontakte zu vielen Organisationen. Früh fiel ihr auf, dass die Deutschen in der Neuen Welt, die vor den Barbaren hatten fliehen müssen, nach Büchern hungerten.

Da Mary eine Frau der Tat war, überlegte sie nicht lange und begann, einen Buchhandel aufzuziehen. Sie kaufte gebrauchte Bücher auf, ergatterte hier und da ein neues, warb um Unterstützer und es dauerte nicht lange und sie hatte ein erstes Sortiment, mit dem sie auf bestimmten Veranstaltungen der Emigration erschien, sie legte Werbezettel beim New Yorker Aufbau, bei den Hungerküchen und den Wohnungsmaklern aus. Sie machte Hausbesuche bei den etwas besser gestellten Emigranten und so langsam etablierte sich ihr Name als Buchhändlerin. Leben konnte sie davon dennoch lange nicht, sie hatte nebenher Bürojobs bei den unterschiedlichsten Arbeitgebern.

Mit Ende des Krieges änderte sich der Charakter des deutschen Exils schlagartig. Viele, und darunter vor allem Intellektuelle aus den Bereichen Philosophie und Literatur, gingen zurück nach Europa. Die Geschäftsleute und Naturwissenschaftler blieben, weil sie schon längst in die US-Wirtschaft integriert waren. Der Kundenstamm wie die Kundenwünsche änderten sich, Mary Rosenberg konnte zum ersten Mal von ihrer Buchhandlung leben. Die Jahre vergingen, sie wurde zu einer überzeugten Amerikanerin, die anderen Neuamerikanern etwas Nervennahrung aus der alten Heimat beschaffte. Erst in den siebziger und achtziger Jahren kamen junge US-Amerikaner, für die Deutsch eine Fremdsprache war, und interessierten sich für deutsche Literatur im Original.

Und jetzt, jetzt bin ich eine alte Frau und gerade jetzt, da kommt die große Chance, sich hier mit der Buchhandlung so richtig zu etablieren.

Mary sah mich eindringlich an und ich wusste trotz der intensiven Arbeit von Kraut, Kassler und Rotwein, was jetzt kam. Ich könnte so einen jungen Mann wie dich – wir waren schön längst beim Du – jetzt gut gebrauchen. Du bist jung, du bist gebildet, du kannst was vertragen und dich bewegen. Steig doch bei mir ein! Erst als Juniorpartner und in drei bis fünf Jahren als Chef. Die Affidavits für dich dürften kein Problem sein, in der Community sind einige, die für dich bürgen würden. Was meinst du?

Letztendlich kam diese Offerte doch sehr überraschend und da ich in meinem Leben noch nie daran gedacht hatte, Buchhändler zu werden, war ich ziemlich verwirrt, was durch den vielen Rotwein noch verstärkt wurde. Folglich schilderte ich Mary, wie zumindest meine Planung für die nächsten zwei bis drei Jahre aussah, sagte ihr aber zu, mir ihr Angebot in den nächsten Tagen durch den Kopf gehen zu lassen und ihr

Bescheid zu geben. Das war für Mary völlig OK und sie winkte die Bedienung herbei, um zu zahlen. Mit diskreter Geste beglich sie die Rechnung und wir verließen das lokal. Sie wies mich an, auszuparken, was ich artig tat, schwang sich dann ans Steuer und ließ mich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Dann sprang der Buick wieder wie eine hungrige Raubkatze nach vorne und griff die New Yorker Nacht an. Kreischend bewegte sich der Wagen nach vorn und Mary fragte mich, ob sie mich wieder am Columbus Circle absetzen könne, was ich bejahte. Als ich mich bei ihr für den schönen Abend beim Aussteigen bedankte, mahnte sie mich noch einmal, es mir gut zu überlegen.

Ich ging die Achte Straße hinunter, es roch nach heißem Asphalt, ein paar Jugendliche schlugen einen unglaublichen Groove auf alten Farbeimern, Straßenhändler boten Zaubergum an, junge Latinas tanzten Samba und während ein Zug der New York Firebrigade an mir vorbei heulte, traf ich eine Entscheidung.

New York City II – Hätte Chruschtschow doch Harry Ascher gefragt

Menschliche Schicksale haben ihren eigenen Verlauf. Ist es bei den einen so, dass sie am Ende ihres Lebens auf einen aktiven Aktionsradius von vielleicht einem Kilometer zurück blicken, so hat es andere um den halben Erdball getrieben. Selten ist so etwas geplant, meistens sind es kleine Momente, in denen der Verlauf und der Verbleib von Jahrzehnten entschieden werden. Im Nachhinein tendieren die Menschen zwar dazu, diese Momente und die völlig aus dem Unbewussten getroffenen Entscheidungen zu heroisieren oder zu genialisieren, bei näherer Betrachtung kommt man aber meistens zu dem Schluss, dass das alles gar nicht reflektiert war, eher dem Affekt oder einem dummen Zufall entsprach.

Manchmal ist es aber auch so, dass der Affekt und der dumme Zufall zum Massenphänomen werden, und zwar dann, wenn eine Gesellschaft sich kollektiv so verhält wie ein unreflektiertes Individuum. Dann wird es meistens unschön, weil die Folgen eben nicht auf einen einzelnen Menschen beschränkt sind, sondern ein ganzes Volk betreffen. Das nennt man dann ein historisches Desaster, in dessen Folge wiederum viele Menschen etwas machen müssen, was sie gar nicht geplant hatten, es aber notwendig wird, genau das zu tun, weil man sonst nicht überlebt.

In der deutschen Exilforschung der siebziger und frühen achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war ein starker Trend, alle, die infolge der faschistischen Diktatur ins Exil gegangen waren, als geniale Strategen, Antifaschisten und das eigentlich andere und bessere Deutschland zu bezeichnen. Ich befasste mich zu jener Zeit mit dem bayrischen Schriftsteller Oskar Maria Graf, der 1933 nach Wien, 1934 nach Brünn und 1938 nach New York gegangen war, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1967 auch blieb. Von Graf wusste ich, dass er ein wilder, undogmatischer Zeitgenosse gewesen war, ein Rebell par exzellence, aber heroisch oder gewollt waren seine Fluchten nicht gewesen. Eher widerwillig hatte er München und Wien verlassen, die süddeutsche Lebensart war ihm Programm und die bayrischen Umgangsformen sollte er bis an sein Lebensende vermissen.

Ich begann mich für das wahre Leben im Exil zu interessieren, jenseits der Konferenzen und Deklarationen. Mich interessierte, wie kam ein z.B. in Deutschland etablierter Schriftsteller auf einem fremden Kontinent in eine fremde Stadt, deren Sprache er nicht sprach und wo ihn niemand kannte. Was machte er dort, mit wem trieb er sich herum, wovon lebte er und was hielt ihn seelisch am Leben. Oskar Maria Graf gehörte zu den Schriftstellern aus der mündlichen Erzähltradition, d.h. in der Regel verarbeitete er das, was er selbst erlebt hatte, auf die eine oder andere Weise zu Romanen oder Erzählungen. Seine Zeit in Deutschland war produktiv, in Brünn hatte er die Muße für seinen größten Roman, aber in New York wurde es schwierig. Obwohl er in den dort verbrachten 29 Jahren noch zahlreiche Bücher schrieb, handelte nur eins von den dortigen Erlebnissen, alle anderen speisten sich von der Erinnerung, und ein Roman beschäftigte sich mit der Zukunft. Der New Yorker Roman hatte den Titel „Die Flucht ins Mittelmäßige“ und handelte vom Elend der

Exilierten in New York. Hauptfigur ist, wie sollte es anders sein, ein Schriftsteller, der kein Publikum mehr hat, oder, der um ein kleines in der Gemeinde des Exils kämpft. Der Roman beginnt mit einer Szene in einem Penthouse mit Blick auf den Centralpark zur einen und zum Hudson River auf der anderen Seite. In dem Penthouse wohnte ein ehemaliger jüdischer Prager Kommunist und im Exil zum Konvertiten und Reklamefachmann Gemauserten zusammen mit seiner ebenfalls jüdischen Frau und Ballettlehrerin. Er gab Abende, an denen sich die deutsche Emigration traf und der Schriftsteller aus seinen neuen Werken las.

Nachdem ich heraus gefunden hatte, dass es sich bei dem Gastgeberehepaar um die tatsächlich existierenden Harry und Lea Ascher handelte und diese sogar noch in dem Penthouse lebten, wollte ich mit ihnen sprechen. Der New Yorker Aufbau, die bis in die achtziger Jahre hinein aktive Zeitung des deutschen Exils, half mir bei vielem und gab mir auch die Telefonnummer von Harry Ascher.

Das war zwar nicht so einfach, weil ich zunächst eine äußerst rau wirkende Sekretärin, die alle nur Hilde nannten, für meine Sache gewinnen musste. Mrs. Hilde rauchte Kette und berlinerte, dass es in den Ohren knarzte. Na, Kleener, wat willste? Wills ma nach dat olle Exil kieken, wa? Wenn ik da behülflich sein soll, musste ma beim näksten Mal aber Sülze von mein Lieblingsmetzger aus Moabit mütbringen, wa? Ich versprach Hilde das Blaue vom Himmel und gackernd rückte sie die Informationen raus.

Als ich Harry Ascher anrief, erkundigte er sich mit einem breiten New Yorker Akzent nach meinem Ansinnen, und als ihm klar war, worum es ging, dröhnte ein kurzes „Sure“ in mein Ohr und wir machten einen Termin aus. An dem vereinbarten Abend stand ich zur verabredeten Zeit vor einem Apartmenthaus aus den sechziger Jahren. Als ich mich über die Gegensprechanlage identifiziert hatte, ging der Türdrücker auf und ich fuhr mit dem Aufzug bis aufs Dach. Die Aschers lebten dort in einem Zweieinhalbzimmerapartment, um das rings herum nur Dachfläche war, auf der man herumlaufen konnte. Ich wurde herein gebeten und ein älterer Herr, den ich als typischen Amerikaner bezeichnet hätte, bot mir einen Platz an. Er war in Begleitung einer ebenfalls älteren Frau, die sehr europäisch wirkte. Harry Ascher war zum amerikanischen Geschäftsmann geworden, seine Frau Lea hielt es mit dem Ballett.
Ich saß den beiden gegenüber und nach einigen Bekanntmachungsfloskeln und konversatorischen Freundlichkeiten legte Harry bereits los und begann zu erzählen.

Er erzählte von Prag, wo er aufwuchs, von Wien, wo er als Kommunist politisch tätig war und von seinem Weg nach New York, auf dem er sein ganzes europäisches Leben verloren habe. Mit einem No, Harry, mischte sich Lea ein, weil sie das nicht so sah, aber er wischte den Einwand mit einer weiten Handbewegung weg und bedeutete, wie meschugge doch die ganze europäische Linke gewesen sei, von ihren Forderungen angefangen, über ihre diktatorischen Parteistatuten bis hin zu ihrem völligen Versagen gegenüber dem deutschen Faschismus. Aber, so Harry, er sei kein Revanchist und auch nicht verbittert, eigentlich interessiere ihn das alles gar nicht mehr, er sei schon Jahrzehnte Amerikaner und hier zuhause.

Lea hatte während der ersten Suada Harrys das Wohnzimmer, übrigens sehr funktional und amerikanisch, verlassen und kehrte nun mit einem Tablett voller Schnittchen zurück, das sie zwischen uns mit einem freundlichen Kopfnicken und Es ist alles koscher auf einen Teewagen zwischen uns stellte. Dann erhob sich noch mal Harry, ging in die Küche und kam mit zwei Dosen Budweiser zurück, die er zischend aufriss und mir eine davon hinhielt.

Ja, der Oskar, fuhr er fort. Schad, dass er ist so früh gegangen von uns, aber hat er gelebt schnell, viel Zigaretten, viel Bier und viel Frauen, aber schreiben konnt er ja, nur hier in New York, da war er leider falsch. Und es folgte eine sehr nüchterne, erbarmungslose und dennoch von Sympathie geprägte Analyse zunächst des Schriftstellers im Exil und dann des Exilierten an sich. Beim Schriftsteller war Harrys Mitgefühl, weil er wusste, dass mit dem Verlust des Berufsfeldes auch die Identität verschwand.

Bei allen anderen aber war er hart. Man muss nämlich wissen, so Harry, dass denjenigen, die in den dreißiger Jahren hierher kamen, doch gar nichts Besseres hat geschehen können. Heraus aus dem miefigen, krisengeschüttelten Europa in diese Weltmetropole, wo du alles machen konntest. Kennst du die Stelle, so fragte er mich, in Manhattan Transfer von John Dos Passos, wo das junge Paar auf einer Parkbank am Battery Park sitzt und er ihr erklärt, warum New York ihre Stadt ist, bei allen Schwierigkeiten, bei aller Härte, bei aller Brutalität! Weil New York alles schätzt, was nützlich ist und weil es keine Tabus gibt, die dich lähmen.

Viele kamen hier ins Exil mit einem Auftreten wie verkannte Konzertpianisten, sie verlangten, dass man sie kannte und verehrte und sie verkannten, dass das hier eine andere Welt ist, die ihre eigenen Größen hat und das in New York keiner von selbst groß wird. Du musst dich erst durch die amerikanische Provinz beißen, bis du hier eine Chance bekommst und wenn du sie bekommst, so triffst du hier auf die härteste Konkurrenz der ganzen Welt. Und viele, die mit uns kamen, kamen bereits aus einem Europa, dass hier keiner mehr verstand und auch nicht verstehen wollte. Die New Yorker sahen nicht mehr auf Europa, sie machten ihr eigenes Ding und das ziemlich gut. Viele Exilierte, die heute noch hier sind, haben das nie kapiert, weil sie einfach meschugge sind. Das ist hier kein Ort für den Hochmut, das ist ein Ort für harte Menschen, die nicht winseln, wenn sie eins ausgewischt kriegen.

Als ich endlich in New York war, nach einer langen Reise mit dem Schiff, ohne Geld in der Tasche, ohne zu wissen, was jetzt kommen würde und ich im Hafen an den Tisch zum Immigration Officer kommen musste, und ich Angst hatte, ich würde wieder abgewiesen, weißt du, was er gemacht hat? Er nahm meine Hände in die seinen, betrachtete sie genau und fragte dann „political reasons?“ und als ich nickte, bereits mit Tränen in den Augen, weil ich so am Ende war, da nahm er mich in seine Arme und streichelte meinen Kopf und flüsterte Welcome in America. Das musst du dir vorstellen, er hat sich meine Hände angesehen und wusste, ich war kein Arbeiter, der hier zu Job und Geld kommen wollte!

Well, aber als wir hier ankamen, wusste ich zumindest sehr schnell, dass das mit der ganzen Hitlerei nicht mehr lange dauern konnte. Und weißt du warum, noch in der Nacht nach der Kriegserklärung begannen die Konvois hier am Hudson Drive Richtung Hafen zu rollen, Panzer, Kriegsmaterial, alles, was du dir denken kannst,
alles aus dem Hinterland und diese Konvois wurden mehr als anderthalb Jahre nicht für eine Minute unterbrochen. Kannst du dir das vorstellen, eineinhalb Jahre, vierundzwanzig Stunden am Tag, Material für diesen Krieg gegen Hitler. Ich habe es von hier oben gehört und wusste, das ist das Aus für die Nazis. Aber ich war da schon raus, ich wollte damals schon nicht mehr zurück. Weißt du, ich bin nicht sentimental, Lea und ich sind vor den Nazis geflohen, weil wir Juden sind und ich Kommunist war, wir wollten unser Leben leben, und das haben uns die Nazis verwehrt. Wir sind hier gut aufgenommen worden, wir haben nichts erwartet und
wir haben es geschafft. Wir sind New Yorker geworden und wir sind Amerikaner geworden. Wir sind jetzt fast fünfzig Jahre hier, unsere Kinder sind hier geboren, wir haben hier eine wirtschaftliche Existenz und hier sind unsere Röntgenbilder, so what?

Harry Ascher war ein Pragmatiker und seine Gesellschaft tat sehr gut, wenn man sich im leidvollen Tal der Exilliteratur bewegte. Im folgenden erhielt ich viele nützliche Hinweise, wie ich an wen heran käme, wer noch lebte und bei wem schon lange nichts mehr zu finden war. Harry gab mir aber auch Tipps für New York, nannte mir interessante Plätze und Stätten und war sehr schnell ein väterlicher Freund.

Als ich ihn Jahre später noch einmal besuchte war Lea bereits in einem Pflegeheim. Ich nahm meine spätere Frau mit, damit sie diesen Mann noch kennen lernte. Harry Ascher war sehr gebrechlich geworden, ging am Stock und forderte uns auf, für uns selbst zu sorgen. Und wieder erlebten wir einen Parcourritt durch das zwanzigste Jahrhundert und eine Hommage an die Neue Welt. Irgendwann rief er Renate zu sich, sie möge ihm aufhelfen. Dann hakte er sich bei ihr ein und ging mit ihr aufs Dach. Und schon begann er mit seinem Stock in die eine, dann in die andere Richtung zu zeigen. Hier, schöne Frau, im Dakotahaus, da ist nicht nur John Lennon, da unten am Eingang, erschossen worden, nein, in dem Apartment da, da hat Leonard Bernstein gewohnt. Und da drüben, siehst du, dort in dem Hotel, da ist immer Toscanini abgestiegen, wenn er hier in New York war und dort unten, hier um die Ecke, da haben sie die West Side Story gedreht…

Da lief er umher, ein Greis, eingehakt bei einer großen Blonden, und gewann ihr Herz im Sturm, weil er so begeistern konnte. Der Prager, der über Wien hierher gekommen war, der das alles gar nicht geplant hatte, aber das Leben so genommen hatte, wie es sich ihm zeigte. Das hier war sein New York, für das er immer noch brannte. Und sein Stock mit dem Silberknauf schweifte über Manhatten, als wolle er es segnen und von dem Nikita Chruschtschow einmal gesagt hatte, selbst ein Stein könne hier schwermütig werden. Chruschtschow wusste nicht, wovon er sprach, er hätte Harry Ascher fragen sollen!

New York City I – Blarney´s

Der Melting Pot, gewaltig und pittoresk, irrwitzig und sanft, verschroben und ziseliert, luzide und verwaschen, verlangt von dem Eindringling ausgeprägteste Toleranz. Wer das Überschaubare, Schlüssige oder wieder Erkennbare sucht, der sollte sich dort nicht hin begeben. New York City gehörte im Jahr 1984 noch zu den ersten Adressen für diejenigen, die sich in den wohl geordneten Quartieren dieser Welt langweilten, denen die Übersichtlichkeit ein Gräuel und das Tradierte eine Zumutung war. Mit den größten Hoffnungen auf unbeschränkte Freiheit und das Ausleben jenseits gesellschaftlich tabuisierter Grenzen bewaffnet, reisten bereits seit 150 Jahren die Outcasts dieses Planeten an, zunächst mit dem Schiff, später mit dem Flugzeug. Das es hart werden würde wussten sie und diejenigen, die es geschafft hatten, sangen diese Lehre in die Welt. If you can make it there, you can make it anywhere war aber gleichzeitig die neue Droge, die versprach, immunisiert zu werden gegen jede Unbill auf der Welt, egal wo. New York City, das Irrenhaus, die Brandruine, die Lustmaschine blieb erste Adresse für den unruhigen Geist.

Dennoch kam es häufig vor, dass die Pilger zum Big Apple sich die Augen reiben mussten, bevor es so richtig losging. An den Immigrationsschaltern bekamen sie zum ersten mal das Fell über die Ohren gezogen, wenn sie meinten, sie reisten in ein Land der Libertinage ein und müssten schon auf dem Flughafen den Verhaltensformen der Zivilisation entsagen. Zumeist afroamerikanische Immigration Officer schnarrten sie dann an und wiesen sie zurecht. Russische Taxifahrer beschissen sie nach Strich und Faden und die Hotels waren unbezahlbar und wenn nicht, Kakerlakenburgen mit angeschlossenem Bordellbetrieb und einer gleichzeitigen Residenz kleiner Schieber und Dealer. Die Betten waren hart und stanken, das Frühstück war pappig und Fett, der Kaffee hatte das Aroma von Spülwasser und die Menschen waren schnell und schroff. Wer da nicht gefestigt war, konnte ganz rapide einbrechen und einer gewaltigen Depression verfallen.

Wir trieben uns in dieser Stadt gezielt herum und kamen nicht ausschließlich, um das Abenteuer zu suchen. Wir hatten Anlaufpunkte, Adressen und Ansprechpartner, die sich in dem Moloch auskannten, von denen wir etwas wollten und die eine Menge zu sagen hatten. Insofern erlebten wir vieles nicht in der Dimension der Desillusionierung, sondern registrierten es als Härte, die uns zur Bewunderung jener trieb, die es tatsächlich geschafft hatten und geblieben waren. Sie waren für uns die Helden, nicht die Stadt an sich, mit ihrem ganzen Wirrwar, mit ihrer ekelhaften Ungerechtigkeit, mit ihrer Kriminalität, die viele ein- und Exklusivität, die viele ausschloss. Freudig besuchten wir die Veteranen der Immigration, führten lange Gespräche mit ihnen, registrierten genau ihre Spleens, ihre Verletzungen und Verdrängungen und empfanden ihre Narben wie Auszeichnungen aus einem großen Krieg. Schnell hatten wir den Eindruck gewonnen, dass New York City harte, ganz harte Arbeit war, dass es Disziplin wie nirgends sonst auf der Welt forderte, ebenso wie Charakterstärke, ungeheure Nehmerqualitäten und eine Überdosis Lebenswille. Für den seichten Charakter der Libertinage, so merkten wir schnell, war dies kein Pflaster.

Dennoch waren wir jung, glaubten an das Gute im Menschen und hatten unsere Ideale, sodass auch wir von den schroffen Formen des New Yorker Alltags manchmal abgestoßen wurden.

Wie überall auf der Welt gab es sogenannte Ketten in New York City. Morgens gingen wir meist zu Howard Johnson´s, wo wir zu einem vernünftigen Preis frühstücken konnten und vor allem die Pancakes genossen, die so sättigend waren, dass sie bis zum Abend vorhielten. Unsere bevorzugte Filiale lag direkt am Times Square, sodass wir während unserer Frühstückszeremonie immer einen wunderbaren Blick auf das Treiben hatten, schon mal Franz Beckenbauer mit einer reizenden Asiatin am Fenster vorbei flanierte oder einer der fliegenden Händler, bei gutem Wetter für Sonnenbrillen, bei schlechtem schnell auf Regenschirme umschaltend, von einem wütenden Konkurrenten attackiert wurde oder ein jüdischer Diamantenhändler mit Schillerlocken verdächtig trällernd eine Plastiktüte durch die Luft wirbelte. Dort stopften wir uns mit dem dazu gehörenden Ahornsirup und Litern Kaffee voll und planten den Tag. Je nachdem, was wir vorhatten und ob sich unsere Wege trennten, mittags gab es oft eine New York Pretzel von einem der fahrenden Stände, aber spätestens am frühen Abend traf man sich, und zwar bei Blarney´s.

Blarney´s war eine durch und durch irische Pubkette, die über ganz Manhattan verteilt ihre Dependancen hatte und eben wirkte, wie ein richtig schöner irischer Pub. Es gab große und es gab kleine, in de einen war das Publikum eher upper, in der anderen eher lower class. Gemeinsam hatten sie im Dekor die irischen Farben, viele Flaschen Paddy und Bushmills im Regal, Giunness vom Fass und viele rote und rotblonde Gäste. Und alle, in denen wir verkehrten hatten einen dicken Ölschinken an der Wand, mit einem lachenden, Zuversicht ausstrahlenden John F. Kennedy auf einem Schaukelstuhl auf einer Holzveranda sitzend und aufs Meer blickend. Der legendäre Präsident des jüngeren amerikanischen Traums hatte irische Wurzeln und machte ihn folgerichtig zu einem edlen Sohn der grünen Insel.

Wenn man Blarney´s betrat, durchschritt man im Zeitraum eines Augenaufschlags den Atlantik und erreicht Irland, wie es immer war. Ein wildes, biergenährtes Geschrei umgab einen sogleich, der Zigarretten- und Zigarrenqualm verhinderte während der ersten Schritte noch die freie Sicht auf den Tresen und der Groove kam von einer Musik, der zumeist von Banjos und Stiefelabsätzen geschlagen wurde. Selbst der Akzent der ersten Wortfetzen, die man aufnahm, ließ Gäste aus Dublin, Waterford oder Cork und nicht aus Manhattan, Bookleen oder Queens vermuten. Auf den vielen Bildschirmen in Blickhöhe liefen andauern Pferde- oder Hunderennen und immer wieder flogen ausgefranste Dollarscheine von der einen zur anderen Hand, weil eifrig gewettet wurde. Wer Irland mochte, der mochte Blarney´s und wer Blarney´s mochte, der hatte akzeptiert, dass Irland ein Teil New Yorks war und vielleicht zusammen mit einigen italienischen Enklaven zu den westlichsten Bollwerken des Katholizismus in der protestantischen Welt der Vereinigten Staaten von Amerika zählte. Bei Blarney´s soff und zockte das alte Europa, es sang seine dreckigen Lieder und rülpste laut, wenn es zurück torkelte in die Straßenschluchten von Manhattan.

Der Sommer 1984 schlug in New York City mit voller Wucht zu, permanent 36 bis 38 Grad Celsius, eine Luftfeuchtigkeit von 80-90 Prozent, ein Präsident Reagan, der im Herbst für eine zweite Amtszeit kandidierte und die Olympiade im eigenen Land, genauer gesagt in Los Angeles. Das Zusammenwirken dieser Faktoren führte dazu, dass bereits in den späten Nachmittagsstunden die Bars überfüllt waren, weil dort die Klimaanlagen auf Hochtouren liefen, man eisgekühlte Getränke serviert bekam und zudem noch, ohne sich groß unterhalten zu müssen, auf die Bildschirme starren und sich ansehen konnte, wie die Jungs und Mädels aus den USA eine Goldmedaille nach der anderen abräumten.

An einem solchen Nachmittag trafen wir uns in einem Blarney´s an der Westside, nicht weit vom Hudson River, um das zu tun, was alle dort taten. Wir tranken im Schutze der Kühle unsere ersten Biere und sahen uns an, wie patriotisch die amerikanischen Medaillengewinner, meist eingehüllt in die Fahne des Landes, bei Ehrenrunden die Ovationen des Publikums entgegen nahmen. Immer, wenn so etwas geschah, klang aus dem sich immer mehr füllenden Raum ein zustimmendes He did it, um dann recht laut und impulsiv den Barkeeper anzumaulen, er solle sich ein Beispiel an den Athleten nehmen und ein bisschen schneller die Bestellungen ausführen. Dieser reagierte mit wütenden Beschimpfungen, den Bestellern steige anscheinend der Anblick dieser Scheißflagge mehr ins Hirn als das Bier oder der Gin.

Wir mochten diese Atmosphäre, schien sie uns doch sehr entspannt und grundehrlich, ohne die Manierismen und Etikette einer Weltmetropole. Der ländlich irische Stil und Witz lag und imponierte uns, war er uns doch allzu bekannt aus heimatlichen Gefilden. Während ich mit meinem Freund an der Theke zunächst den erlebten Tag besprach und wir dann doch ziemlich herum blödelten, sahen wir aus den Augenwinkeln, dass unsere Damenbegleitung sich weiter hinten prächtig untereinander unterhielt und wie fast immer, nach kurzer Zeit schon in Herrenbegleitung war, die ihnen aufmunternd zuprostete und irgendwelche Snowballs und Screwdriver ausgab.

Manfred und ich hatten es von den Chancen Ronald Reagans und dem Einfluss der Olympiade auf seine Umfragewerte. Wir hielten die ganze Sache für eine sehr durchsichtige Propagandainszenierung, damit dieser Hardliner und Kriegstreiber aus Kalifornien eine zweite Amtszeit in den Sack bekam. Nach jeder an US-Athleten verliehenen Goldmedaille sah man in einem Spot den Präsidenten, wie er die Hand aufs Herz legte und sehnsüchtig hinauf zu einer Stars and Stripes-Fahne blickte. Auf uns wirkte das abgeschmackt und wir verdrehten nur die Augen.

Irgendwie war es aber einer jener ausgehenden Tage, wo man zufrieden auf den ausklingenden Tag blickt, sich im Kühlen an den Sonnenstrahlen auf der Straße ergötzt und so gute Laune hat, dass man mehr und öfters eine Bestellung aufgibt, als der Durst es nötig hätte. Den anderen im Blarney´s ging es nicht anders, denn die Keeper kamen trotz der AC ziemlich ins Schwitzen.

Wir hatten bereits eineinhalb bis zwei Stunden in der Bar verbracht und uns in immer wildere Gespräche verstrickt, als wir feststellten, dass unsere beiden Damen mehr und mehr von einem pechschwarzen Afroamerikaner in ein äußerst intensives Gespräch gezogen wurden. Es wurde zuweilen so laut, dass der irische Kellner den Bruder aufforderte, sein Organ zu bändigen.

Manfred und ich begannen Interesse an dem Gespräch zu entwickeln. Gott sei Dank stellten wir recht schnell fest, dass es keinesfalls feindseligen Charakter hatte, weil mindestens eine der beiden Frauen des öfteren lauthals und herzlich lachte. Und uns fiel ebenfalls auf, dass die Cocktails für unsere Begleitung in kürzer werdenden Intervallen geordert wurden. Der Gesprächspartner lief zunehmend zur Höchstform auf, riss Witze, die gut ankamen und genehmigte sich auch eine Menge scharfer Getränke, sodass der irische Keeper ihn mit einem höhnischen Halte ein Auge auf dein Maß, Bruder, zu Verlangsamung des Konsums anhielt.

Manfred und ich wechselten das eine oder andere Wort mit anderen Gästen an der Bar, wobei uns ein schweigsamer Eskimo auffiel, der den Gesprächspartner unserer Frauen glasig anstarrte und immer irgendetwas nicht sonderlich Freundliches labial von sich gab, dass wir nicht identifizieren konnten. Ein anderer, der sich mit DiFonzo vorstellte, erzählte von der alten Allianz zwischen Italienern und Iren, die eigentlich die Wiege der amerikanischen Zivilisation darstelle. Mister DiFonzo vertrug anscheinend den Grappa besser als den Gin, denn er lallte gewaltig und seine Thesen stießen bei den Gästen irischer Domäne nur auf lautes Gelächter und ein dröhnendes Oh, shit! Als dann noch auf dem Bildschirm ein Puerto Ricaner eine Goldmedaille für die USA gewann, war es ganz aus, die Freude war nicht groß, von überall her kamen böse Hinweise, die ganze Olympiade wäre scheiße, es sei eine Blamage, diese halbkriminellen Arschlöcher da hinzuschicken und die Medaillen abräumen zu lassen. Das sei das einzige, wozu diese windigen Zeitgenossen taugten, sie lägen den ganzen Tag faul in der Ecke herum, würden vollgedopt dumm glotzen und jetzt dort die große patriotische Nummer abziehen. Eigentlich sei es an der Zeit, dass der ganze Unsinn endlich vorbei sei und man sich mal wieder in Ruhe einen guten Boxkampf ansehen könne, vor allem der Butcher, ein junger Ire aus New York, gäbe allen Anlass zur Hoffnung.

Wir glaubten so langsam nicht mehr, was wir da so alles hörten und verfielen dem schleichenden Wahnsinn, als wir den Troubadour unserer beiden Damen immer mehr über die fucking Jews herziehen hörten. Er sei aus Oklahoma, so schrie er nunmehr lauthals in die Runde, und das Judenpack hätte mit seinen miesen Grundstücksspekulationen ganz Oklahoma kaputt gemacht. Der Barkeeper, von dem wir mittlerweile wussten, dass er noch gar nicht lange in New York war, aus dem schönen Galway kam und selbst bei größter Toleranz als Illegaler bezeichnet werden musste, schrie den armen Bruder aus Oklahoma nun an, er solle endlich den Rand halten. Ich sag nur eins, schrie dieser zurück, die scheiß Juden reißen sich alles unter den Nagel, auch euer verficktes Irland ist bald dran.

Das hätte der gute Mann besser nicht gesagt, denn plötzlich war es totenstill im Blarney´s. Als selbst unsere Frauen von der armen Seele weg sprangen, merkte er trotz des vielen Gins, dass er etwas grundlegend Falsches gesagt hatte. Das einzige, was zu hören war, war die Berichtertattung von den Screens und ein fast geheultes Mamma Mia von Mister DiFonzo.

Unser Mann aus Galway nahm ein Glas, stellte es auf die Bar, füllte es mit Gin und winkte den Mann aus Oklahoma heran. Trink das Bruder, das ist dein Farewell, und dann verschwinde hier und lass dich nie wieder blicken. Der arme Mann war folgsam, schüttete den Gin in sich herein und torkelte aus dem Lokal.

Während der Geräuschpegel der Gespräche wieder anschwoll, sah uns der Keeper an und fragte uns, was wir eigentlich mit dem dämlichen Nigger hier gewollt hätten. Wir machten auch nicht mehr lange, sammelten unsere Frauen auf, zahlten und gingen hinaus auf die Straße, es war eine feucht heiße Nacht, im Melting Pot.