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Der Club von Tarifa

Die geographischen Schnittpunkte auf dieser Welt fristen oft unbemerkt ihr Dasein. Selten sind sie Regierungssitz oder Zentrum einer dominanten Kultur. Vielmehr liegen sie am Saum der einen und an der Schwelle zu einer anderen Zivilisation. Nicht selten gilt ihnen über ganze Epochen nicht einmal das Augenmerk. Ihre Randlage bewahrt sie vor der schnelllebigen Vermarktung und ihre Entdeckung bleibt meist jenen vorbehalten, die ein Gespür für Bewegungen und Substanzen haben, die unter der Fassade verborgen liegen. Aber auch jene geraten oft durch einen eher abwegigen Zufall dorthin und brauchen einige Zeit, um das zu entdecken, was den verborgenen Reichtum ausmacht.

Der Ort Tarifa liegt im Süden Andalusiens, direkt am Atlantik, etwas westlich und nahe der Meerenge von Gibraltar. Obwohl er über einen Hafen verfügt, der historisch einige Wichtigkeit besaß, um ins gegenüberliegende marokkanische Tanger zu gelangen, wurde er nie zu einem Knotenpunkt der Moderne. Hatte Tarifa während der maurischen Herrschaft über den Süden Spaniens noch eine gewisse Bedeutung, so schwand diese nach der Reconquista, nach der die Spanier den Schwerpunkt auf Algeciras im Mittelmeer legten. Tarifa versank zu einem kleinen Fischerort, von dem aus noch ab und an eine Schiff nach Tanger ging, ansonsten litt es unter dem Fluch der Winde. Abwechselnd suchen der starke Westwind des Atlantiks und der aus dem Süden kommende Mistral Nordafrikas diese Stadt heim. An kaum einem Ort Europas blasen die Winde so stark und Neuankömmlinge, die dort etwas verweilen wollen, klagen über Unruhe und Schlaflosigkeit, weil sie sich an die Heftigkeit der Stürme, die auch wegen der Sogwirkung der Straße von Gibraltar nie nachlassen, erst gewöhnen müssen.

Irgendwann entdeckten Surfer das Fleckchen, weil, so man es kann, dort paradiesische Voraussetzungen für diese Sportart herrschen. Eine kleine, verschworene Gemeinschaft von Aficionados trifft sich hier zwischen Mai und Oktober und sie beweisen ihr Können auf den mächtigen Wellen. Den Charakter der Stadt hat dies kaum verändert, liegen doch die meist schlichten Herbergen der Surfer außerhalb der Stadt entlang der westlichen Küste. Ab und zu durchziehen kleine Gruppen von Touristen den Ort hin zum Hafen, um einen Tagestrip nach Tanger zu machen, aber sonst ist Tarifa ein Hafenstädtchen im Süden Andalusiens, das nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit.

Irgendwann tauchten in Tarifa zwei Männer auf, die sich nicht in die Surferkolonien begaben, sondern ganz bewusst direkt in der Stadt ein kleines Hotel aufsuchten und dort einige Zeit blieben. Man sah sie einige Wochen immer wieder im Ort umherlaufen, sie saßen in den Tapabars, unterhielten sich mit den Einheimischen, verweilten abends auf der Plaza, von der man über das Meer auf das gegenüberliegende Atlasgebirge schauen konnte, rauchten dabei ihre Zigarren und, so wie es schien, schmiedeten Pläne.

Sie mieteten sich einen Jeep und fuhren herum, mal nach Osten, mal nach Westen, immer am Meer entlang. Dann sah man sie an den Stränden in den Bars, wo sie sich mit den Surfern unterhielten. Abends hatten sie immer wieder das Meer und den Atlas im Blick und betrachteten den regen Schiffsverkehr zwischen Mittelmeer und Atlantik, die mächtigen Containerschiffe, die Passagierschiffe, die Fischerboote, die Zerstörer und die Flugzeugträger. Dann fuhren sie nach Tanger, wo sie einige Tage blieben, um wieder nach Tarifa zurückzukehren. Beobachter aus der Stadt stellten fest, dass die beiden Männer immer wieder um eine alte, verlassene Villa am westlichen Stadtrand schlichen, gestikulierten, sich gegenseitig dieses oder jenes Detail zeigten, um sich dann wieder umzudrehen und auf das Meer mit seinem Panorama zu schauen.

In der Stadt begannen sie zu fragen, wem die alte Villa gehöre. Die Antworten, die sie in den Bars, beim Bäcker, dem Metzger oder den Fischern bekamen, war immer die gleiche. Man wusste es nicht, irgend eine Familie aus dem fernen Madrid hatte dort einmal gewohnt und vor vielen Jahren wären irgendwann einmal die Schlagläden nicht mehr geöffnet worden und das gute Stück wäre vom salzigen Wind im Laufe der Jahre wie ein altes Schiff verrottet. Dann saßen die beiden, von denen die Leute erzählten, es seien ganz angenehme Zeitgenossen, die einen merkwürdigen Akzent aus dem Norden hätten, wieder auf der Plaza und blickten versunken auf das Meer und den Atlas, und sie wirkten, als seien sie in Trance. Eines Tages dann waren sie wieder verschwunden und niemand wusste, wohin sie der Wind getrieben hatte.

Wie es so ist in einer kleinen Stadt, Neuankömmlinge werden registriert, genau beobachtet, man redet mal mit ihnen, versucht sich so seinen Reim auf sie zu machen, irgendwann gehören sie dazu, aber wenn sie verschwinden, dann wundert man sich vielleicht ein bisschen, zuckt die Achseln und kehrt zurück zum Tagesgeschäft, backt sein Brot, fängt seine Fische oder betreibt sein kleines Restaurant, schließt abends die Läden wegen des Windes, hört die Nachrichten im fernen Madrid und lebt sein Leben.

Das Erzählenswerte bei diesen beiden Männern war jedoch der Umstand, dass sie, als es kaum noch jemanden in Tarifa gab, der sich ihrer erinnerte, nach vielen Jahren wieder auftauchten. Sie waren grau, aber nicht alt geworden und saßen eines Abends wieder auf der Plaza, rauchten immer noch ihre kubanische Zigarren und blickten wieder aufs Meer. Und wie in den vielen, vielen Jahren vorher, schienen sie wieder wie hypnotisiert zu sein. Und dann berichteten Leute, die sie an der alten, jetzt noch verfalleneren Villa gesehen hatten, wie sie mit Handwerkern und Bauarbeitern geredet und allerlei Anweisungen gegeben hätten. In der Bar an der Plaza erzählte der Hotelier, bei dem sie sich für einen längeren Zeitraum einquartiert hatten, sie hätten die Villa gekauft und wollten dort einziehen, aber auch einen Club aufmachen. Die Gäste rätselten herum, was für ein Club das wohl sein könne, doch hoffentlich kein Bordell! Doch der Hotelier beruhigte die Anwesenden sofort, indem er

sein Wissen kundgab, es werde ein Musikclub. Das beruhigte zwar, barg jedoch nicht weniger Rätsel. Währenddessen gingen die Arbeiten weiter. Ungeheure Mengen an Gerümpel, altem Mobiliar und Bauschutt türmten sich vor dem Haus am Strand und LKWs holten das alles ab und brachten Neues. Die beiden Männer waren jetzt jeden Tag an der neuen Stelle ihres Wirkens, abends gingen sie im Ort essen und gaben auf Fragen auch bereitwillig Auskunft. Sie bestätigten, dass sie einen Musikclub planten und wollten, dass viele Musiker aus der Gegend, aber auch das eine oder andere Ensemble aus der Ferne auftreten sollte. Auf die Frage, welche Art der Musik denn dort gespielt werden solle, antworteten sie stets, es solle etwas Neues sein, das die Seele träfe und neue Motive hervorbringe. Für die meisten klang das doch sehr kryptisch, aber das Misstrauen hielt sich in Grenzen, zumal die beiden Herren großen Wert darauf legten, dass die ansässigen Handwerker aus Tarifa Aufträge bekamen. Diese wiederum berichteten, dass der Keller mit seinem soliden Gemäuer das Zentrum des Clubs werden würde, mit kleinen Tischen und einer niederschwelligen Bühne, im Parterre hingegen eine große Bar geplant sei und viele Nischen, wo man in kleinen Gruppen in großen, bequemen Sessels sitzen, der Musik lauschen oder sich unterhalten und von überall aus den Blick auf das Meer und den gegenüberliegenden Atlas genießen könne. Gleiches könne man auf der großen Veranda erleben, die ja bekanntlich direkt zum Strand hingehe und auf der schöne Palmen bereits Platz genommen hätten. Im Geschoß über der Bar planten die beiden Herren mit ihren Frauen zu wohnen, die irgendwann nachkämen. Die Musiker wolle man in örtlichen Hotels unterbringen, um die lokale Wirtschaftskraft zu stärken, wie auch mit den Restaurants schon Verträge abgeschlossen worden seien, die sie verpflichteten, den Club mit den besten hier erhältlichen Speisen zu beliefern. Nur beim Wein und den Spirituosen behielten die beiden Besitzer es sich vor, auch überregional einzukaufen. Im Großen und Ganzen gab man sich in Tarifa dann doch mit der Entwicklung zufrieden und nicht wenige sehnten sogar den Tag herbei, wann endlich der Club seinen Betrieb aufnähme.

Nachdem die Villa, die vom Stil her an die alten Kolonialzeiten erinnerte, renoviert und weiß getüncht worden war, wirkte sie wie ein Juwel in ihrer sandigen Umgebung, eingesäumt von hergebrachten Palmen und vorne, zur Straße geschützt von kräftigen Zedern und Zypressen. Ganz im Stile der Fassade leuchtete eines Abends zum ersten Mal der Name. Der neue Club stellte sich in großer, roter Leuchtschrift als „A Los Vientos“, „Zu den Winden“ vor, und darunter stand in ganz modernen Lettern noch „Crossroads“. Abends erklärten die beiden Männer auf der Plaza, was sie damit meinten, nämlich das Zusammentreffen vieler Einflüsse an diesem wunderbaren Ort und alle waren damit zufrieden.

Kurze Zeit später trafen die Sachen der beiden aus dem Norden ein und, obwohl der Club noch gar nicht geöffnet hatte, konnte man sie manchmal nachmittags auf der Terrasse sitzen und zu zweit mit ihren Saxophonen spielen hören. Für die, die es mitbekamen, hörte sich das nicht nach dem Norden, sondern nach was Amerikanischem an, aber schlecht war es nicht.

Dann begannen die beiden, Leute aus der Stadt für den neuen Club einzustellen, junge Frauen für die Bar, zwei Tapakünstler für die Snacks, Musiktechniker, zwei ältere Herren für die Kasse, drei junge Männer als Security, zwei Hausmeister und eine ältere Dame für die Bücher. Mit jeder neuen Einstellung kamen neue Informationen in den Ort und irgendwann stieg die Spannung dann doch sehr. So empfanden es viele als eine Erlösung, als überall Plakate angeklebt wurden, die verkündeten, am 1. Mai eröffne der Club Los Vientos und alle Bürgerinnen und Bürger Tarifas seien eingeladen. Zwar stellten sich viele die Frage, wie denn, wenn nur ein Bruchteil käme, die Platz finden sollten in dem kleinen Keller, aber hin gingen sehr viele dann doch.

Schon am späten Nachmittag zog eine regelrechte Prozession von der Plaza heraus aus der Stadt, die Küstenstraße entlang zum Club. Dort war das ganze Areal geschmückt, es wurden Getränke gereicht, leichte Weine und kühle, fruchtige Cocktails. Es gab sogleich überall Tapas, mit allem was das Herz begehrte und die Region zu bieten hatte. Chipriones en su tinta, boquerones en vinagre, Fleischlößchen in Tomate, Ziegenkäse mit Trauben, feurige Chorizos, ölig-scharfe Garnelen und vieles mehr, was sofort die Stimmung beflügelte. Als die Villa von der Menschenmenge verschlungen und von weitem nur noch als eine Monstranz in einem Menschenzug wahrgenommen werden konnte, stiegen die beiden Männer auf die Eingangstreppe und richteten sich an die Menge, indem sie sich immer wieder abwechselten:

„Liebe Freunde und Bewohner von Tarifa, vor vielen Jahren sind wir schon einmal hier gewesen und waren begeistert von dieser Stadt, seinen Menschen und dieser einzigartigen Lage. Wenn man so will, trifft hier das alte, königliche Spanien auf Afrika und der Kulturkreis des ganzen Mittelmeeres auf die Neue Welt jenseits des Atlantiks, die uns jeden Tag gehörig anbläst. Wir haben uns damals, vor vielen Jahren geschworen, dass wir an diesen Ort einmal wieder zurückkommen werden, um hier einen Musikclub aufzumachen, um das Aufeinandertreffen der verschiedenen Welten hier hörbar zu machen. Dann sind wir zurück in den Norden, haben dieses und jenes gemacht, kamen in der Welt herum und immer, wenn wir uns wieder trafen, haben wir beraten, ob wir zwischenzeitlich einen besseren Ort für unseren Traum gefunden hatten. Hatten wir aber nie, und so sind wir unserer Vereinbarung treu geblieben und hierher, nach Tarifa zurückgekommen. Wir wollen hier nicht unser Ding machen, das heißt einen Club, in der wir die Musik nach Tarifa bringen, die wir gut finden, sondern wir wollen die vier Welten, die sich hier treffen, zum Klingen bringen. Und wir wollen, dass ihr diesen Klängen lauscht und euch daran beteiligt. Mögen uns die Winde hold sein und unserem Plan das nötige Glück bescheren!“

Wie auf ein Zeichen schoss Pedro, der Polizeimeister von Tarifa mit seiner Dienstpistole dreimal in den Himmel und der Club Los Vientos war eröffnet. Man hatte sich noch nicht richtig zugeprostet, als schon von der aufgebauten Holzbühne auf der Terrasse die Absätze zu einem langsam ansetzenden und immer schneller

werdenden Flamencorhythmus hörbar wurden. Begleitet wurden die Tänzerinnen von Paco auf der Gitarre und schon begannen die vielen Besucher im Takt zu klatschen. Und so wurde die Stimmung sehr schnell so gut, dass es kein Halten mehr gab. Schnell lag über der Menschenmasse ein Geruch von Wein und Gebratenem, immer wieder wurden alle mit Getränken gutem Essen versorgt. Und die hereinbrechende Nacht wurde zu einem Ereignis, von dem heute noch alle erzählen, die dabei waren und, so wurde berichtet, von der die beiden Clubbesitzer meinten, sei es nur diese eine Nacht gewesen, ihre ganzen Mühen wären allein dadurch reichlich belohnt worden.

Als bereits alle in einer wilden Trance waren und der Flamenco das Unterbewusstsein fest im Griff hatte, tauchte ein pechschwarzer Bluesgitarrist aus Louisiana auf und spielte einfach mit, wobei Paco und er sich musikalisch ständig darum stritten, wohin die Reise ging. Mal klang es bluesig, mal nach Flamenco und irgendwann war das ein andalusischer Blues, den noch niemand vorher so gehört hatte. Abgelöst wurden die beiden durch ein Jazztrio mit Trompete, Bass und Schlagzeug, und sie begannen mit Coltranes Olé und verjazzten danach die Folklore des Mittelmeeres. Es folgte eine Sängerin aus Cadiz, die den ganzen Weltschmerz auf den Atlantik schrie und sich dabei nur von Kongas tragen ließ. Der Abend wurde zu einem Rausch, an dem der Alkohol den geringsten Anteil hatte. Gegen Mitternacht stand ein leibhaftiger Kabilenprinz aus dem Hohen Atlas auf der Bühne, der, begleitet von einer elektrischen Rockgitarre, auf seiner Holzflöte der Berberfolklore gewaltig auf die Sprünge half. Die Gäste waren nicht mehr zu halten und es flaute nicht mehr ab, nicht nach Mitternacht, nicht in den frühen Morgenstunden. Erst als am späten Vormittag des 2. Mai die Sonne zu stechen begann, zogen singende und lachende Menschentrauben nacheinander zurück in den Ort, verschwanden in ihren Häusern, klappten die Läden zu und schliefen bis zum nächsten Morgen.

Das liegt nun auch schon einige Jahre zurück. Das Experiment der beiden Männer kann als gelungen gelten, denn Los Vientos ist ein Begriff in vielen Himmelrichtungen geworden. Immer wieder entstehen einzigartige Begegnungen dort unten auf der kleinen Kellerbühne und alle, die das Glück haben, dann anwesend zu sein, haben etwas, wovon sie bis an das Ende ihrer Tage zehren können, denn sie hören die Harmonie des Gegensätzlichen oder Unterschiedlichen, und das geschieht leider sehr selten.

Die beiden Männer sitzen regelmäßig nachmittags in ihren Schaukelstühlen auf der Veranda und spielen ein bisschen mit ihren Saxophonen, mal den Blues und mal was Maurisches, wie sie es nennen. Zuweilen nicken sie auch mal ein und sie wippen im Wind, weht der Mistral, dann legt sich ein feiner Sandfilm über ihre Instrumente und an die eisgefüllten Gläser, die neben ihnen auf dem Holztisch stehen, und manchmal weiß der Beobachter nicht, ob sie schlafen und träumen, oder ob sie schon in einer anderen Welt sind. Es ist auch egal, denn gesehen haben sie das Jenseits schon, sonst hätten sie das alles nicht vollbracht.

New York City IV – The Bitter End

Es gibt Orte, die bei der ersten Wahrnehmung nicht viel hermachen, von denen man glaubt, sie seien uninteressant und eher zufällig und ihre Wirkung auf das Umfeld von keiner Bedeutung. Lässt man sie nicht einfach aus dem Blickfeld wieder entweichen, sondern ehrt sie durch einen intensiveren Blick, obwohl sie es eigentlich nicht verdient haben, dann entwickeln manche Orte dieser Art eine Magie, die bis ins Herz dringt. Man geht näher heran, man tritt in ihn herein, und immer noch passieren Dinge, die weder schön noch geheuer sind, und dennoch fühlt man sich wie von einer unsichtbaren Hand angezogen und nicht mehr losgelassen. Und je mehr man sich dem Abenteuer hingibt, desto mehr ist man ihm verfallen und irgendwann übt dieser Ort eine Faszination aus, die vieles überstrahlt.

Mir ging es mit dem Club The Bitter End im Village, genauer gesagt in der Bleeker Street so. Stand man dem Club gegenüber auf der Straße, so glaubte man den Namen sofort, denn von außen wirkte er wie die allerletzte Adresse. Tatsächlich lag das Bitter End am Ende einer Straße mit vielen Clubs und tatsächlich war er der letzte Ort, der sich an eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit wandte. Danach kamen nur noch dunkle Wohnblocks, zerschlagene Straßenlaternen und irgendwann hörte man dann nur noch den schwarzsilbernen East River rauschen. Das Reklameschild, auf dem der Name in grünen Neonlettern flackerte, hing schief, die Fenster zum Souterrain, in dem sich der Club befand, waren eisenvergittert und die ankommenden Gäste wurden von Gestalten gemustert, die andernorts nur den Wunsch nach der sofortigen Präsenz des FBI ausgelöst hätten.

In den achtziger Jahren, vor allen den späten, begab sich New York in eine neue Ära. Das ganze Revoltenpublikum der siebziger Jahre sowie die alte, tradierte Unterwelt bekamen das sehr deutliche Gefühl, dass sie nicht mehr so willkommen waren. Ein Bürgermeister wie Ed Koch wollte die Kriminalität in der Stadt bekämpfen und ging dabei ganzheitlich vor, d.h. er versuchte die Sümpfe trocken zu legen, aus denen Gewaltkriminalität und Drogenkonsum gekrochen kamen. So wurde der Tod der 42. Straße, dem Rotlichtzentrum Manhattans ebenso eingeläutet wie die schleichende Sanierung von Greenwich Village, um Wohnraum für die coffeinfreien Yuppies zu schaffen und die vielen kleinen Junkies los zu werden. Einher mit den administrativen Maßnahmen ging ein Machtwechsel in der Unterwelt, die italienische Mafia wurde immer mehr verdrängt von chinesischen Gangs und es gab nicht wenige saturierte New Yorker, die sich nach den guten, alten Zeiten der Mafia zurücksehnten, weil die Brutalität und Rigorosität der chinesischen Gangs alles sprengte, was man sich bis dahin hatte vorstellen können.

Die ganze Stadt diskutierte zu dieser Zeit heftig über die Zukunft. Die einen wollten mehr Sicherheit und gerne dafür den Preis strikterer Kontrolle und weniger Farbe bezahlen, die anderen wollten den Melting Pot am leben halten, plädierten für noch mehr Liberalität und waren bereit, darüber die Sorgen vieler New Yorker Bürger zu ignorieren.

Die Frage nach der Zukunft des Big Apple war Tagesthema und es verging auch kein Tag, an dem man nicht irgendwo, bei welcher Gelegenheit auch immer, in ein Gespräch verwickelt worden war, in dem sie eine Rolle gespielt hätte. Jede Aktion der Stadtverwaltung wurde kritisch beäugt, es knisterte gewaltig an der Oberfläche und die Zeichen standen auf Sturm.

Die Mechanismen, die wirken, wenn etwas in Gährung ist, wirken vielfältig, sie reichen bis in die Profanität des Alltags und bringen zuweilen Wunderliches zutage, aber es gibt auch zuverlässige Konstanten. Eine der zuverlässigsten Größen New Yorks war immer die Musik das wurde auch in dieser Zeit deutlich. Überall drang sie aus den Häusern und von den Straßen, und es gab auch in ihrer Sphäre kaum eine Zeit, in der nicht soviel zu Ende ging, soviel Neues entstand und so eigenartige Verbindungen auftraten. Die New Yorker Musikszene brodelte gewaltig, auch wenn das aus der Ferne gar nicht so aussah.

Im schwarzen Harlem etablierten sich die Hip Hop und Rap-Klänge, der Groove blieb, aber die Poesie der Straßenrebellen nahm Einzug in den neuen Sound und löste die tradierten Textchiffren ab, die kaum noch etwas aussagten. Die neue Musik Harlems war Ausdruck dafür, dass man sich zu Wort meldete, und zwar sehr deutlich, ohne ästhetische Camouflage. Spanish Harlem kam zu einem völlig neuen Bewusstsein. Die Latinorhythmen donnerten Tag und Nacht über den Harlem River, die Zeiten des romantisierenden Musicals, in dem die Integration in der Neuen Welt gefeiert wurden, war längst passé, Rumba und Meringue waren out und Salsa wie Samba wurden so stark, dass sie im Pop, Blues und Rock ihren Einfluss sichern konnten. Im Jazz der Stadt, der durch den Bebop Weltgeschichte geschrieben hatte, kamen Akteure einer neuen Generation zum Zug, die auf den etablierten Purismus pfiffen und ihrerseits dem Genre mit dem Funk einen neuen Pulsschlag verliehen.

Auf den Straßen wurde musiziert und getanzt, und zwar flächendeckend. Die Latinos von Queens bis nach Spanish Harlem und die Bronx, die Schwarzen von Harlem bis in die Bronx und ins Village, die Jazzer über ganz Manhattan und Brooklyn. Am Times Square und am Washington Square trafen sie sich alle, da kamen dann noch die Iren, Italiener und Mexikaner dazu und man hatte dort jeden Abend den Eindruck, direkt am Nabel der Musikwelt zu verweilen.

Greenwich Village war nicht die Wiege des Neuen, aber das Bollwerk gegen die Nivellierung. Es war das Forum für alles, was entstand und dort wurde zu einem Gutteil entschieden, was sich durchsetzen würde und was nicht. Die Clubszene war eher handgemacht, kaum etwas extravagantes, sondern die schon fast inszenierte Normalität zeugte von einem immensen Selbstbewusstsein. Manche Clubs lebten vom Namen aus den Zeiten eines Jimi Hendrix und Bob Dylon, was eine Art Clubtourismus zur Folge hatte und jene Clubs eher davon abhielt, innovative Wege einzuschlagen. Interessanter waren da dann die kleinen, unscheinbaren Spots, wo man für fünf Dollar hereinkam und Bands spielten, die neu in der Stadt ankamen und deren Marktwert noch nicht beziffert war.

Das Bitter End war ein solcher Club. Irgendwann hatte ich mich dorthin verirrt und ich war ihm sofort verfallen. Im Grunde handelte es sich um ein Kellerloch, das sehr an einen Jugendclub der siebziger Jahre auch in der deutschen Provinz erinnerte. Überall brannten Kerzen, nette, hübsche, aber völlig unprofessionelle Bedienungen brachten einem das Flaschenbier und auf der Bühne erschienen blutjunge Musiker, die zunächst mal erzählten, woher sie kamen und wie der Weg nach New York verlaufen war.

So verlief und verläuft bis heute die Qualitätsprüfung in den USA. Kommt eine Band aus Kansas City oder St. Louis, dann muss sie eine Referenz von mindestens zwanzig Städten in mindestens zehn Staaten aufweisen, wo sie bereits gespielt hat und für gut befunden wurde, bevor sie auch nur in dem letzten Bums in New York City die Erlaubnis bekommt, sich in die Nähe der hauseigenen Bühne zu begeben. Als eigentliche Referenzen galten aber nur New Orleans, Memphis und Chicago, der Rest wurde nicht so ernst genommen und eine zu starke Präsenz an der Westküste war schon fast ein Malus.

Dann saß man im Bitter End, das eigentlich für viele der Anfang sein sollte, nippte an seinem Budweiser, taxierte die Gestalten im Publikum und dann erschien ein Junge auf der Bühne und erzählte vom Chitlin Circus, den sie gerade hinter sich hätten, eine legendäre Bandroute durch die Südstaaten, aber eigentlich kämen sie oben von den Lakes, aber jetzt endlich wären sie hier, und das zähle. Und dann brach ein Orkan los, ein gewaltiger Rock blies fast die Kerzen aus und dazu knarzten trockene, unbarmherzige Gitarrenriffe, die wie die Gesichtslinien der Rebellion in persona wirkten. Und der Junge sang mit ehrlicher Empörung gegen den ganzen Mainstream und die Langeweile an, schlitzte die Bäuche der Satten auf und warf sie den Fischen zum Fraß ins Meer vor.

Oder eine kleine Latina erschien auf der Bühne, sichtlich nervös, und bat immer wieder Madre Mia um Beistand, das mache ihr hier alles zuschaffen, denn davon hinge doch soviel ab, und dann riss sie einem mit ihrer Stimme das Herz entzwei, weil sie einfach den Nerv traf, genau da, wo die Liebe die Arterie der Romantik berührt und man froh war, dass nur die Kerzen brannten. Begleitet wurde sie von einem unrasierten, tätowierten Bullen am Klavier, und der heulte beim Spielen und man sah ihm an, dass er die Kleine bereits vergötterte.

Zu einer anderen Gelegenheit wiederum traten ein paar Jungs aus Harlem auf und verrapten Muddy Waters, dass man Herzrasen bekam und an die Unsterblichkeit des Blues glaubte, obwohl das alles ganz anders klang. Die Jungs wirkten so selbstsicher, als predigten sie das Wort des Herrn und sie traten so auf, weil es für sie das weiße Village war, dem sie zeigen wollten, wo die Seele in New York eigentlich zuhause war. Sie spielten hier für die schönen Blonden aus der Welt des WASPs, und sie spielten mit dem unauslöschlichen Instinkt der Machos, weil sie den doch etwas verstört dreinblickenden jungen Frauen sehr deutlich herüberbrachten, dass sie sie meucheln würden, wenn sie sie nicht liebten. Und wie sie sie liebten, denn es wurde eine jener Nächte, die man nie mehr im Leben vergisst.

Das Bitter End war nicht der einzige Club dieser Art, aber es war sicherlich der markanteste. Kein Abend konnte voraus geplant werden, jeder Abend verlief anders, mal war es heiß, mal eiskalt, mal anstößig, mal melancholisch, mal obszön und mal exotisch, nur langweilig, langweilig wurde es im Bitter End nie. Und nach ein paar Besuchen war auch klar, dass es ein Leben in Manhattan ohne Bitter End gar nicht geben konnte. Und diese Wahrheit hatte aufgrund des Namens sogar eine poetische Dimension.

Noch nach mehr als zwei Jahrzehnten sind die Erinnerungen an New York an diesen kleinen, von außen eher unscheinbaren Club in starkem Masse gebunden. Es liegt schlicht daran, dass der Geist der damaligen Zeit, das Lebensgefühl und die Bewegungsrichtung einer ganzen Gesellschaft dort auf den Bühnenbrettern zum Ausdruck kam. Im Bitter End wusste man, was sich durchsetzen würde und im Bitter End wusste man ebenso genau, was zu Ende ging und keine Zukunft mehr hatte. Und manche Frau gab ihrem Freund den Laufpass mit den Worten, beim nächsten Mal würde sie nie wieder auf etwas setzen, was im Bitter End begonnen habe. Und am nächsten Abend schon brach sie ihren Schwur, weil sie von der Atmosphäre und den Menschen dort nicht loskam.

Der einzige Trost, der bleibt, wenn man gehen muss aus einer Stadt, in der man einen derartigen Club entdeckt hat, ist dass man die Gewissheit haben kann, woanders wieder etwas zu finden, wo man sein Dasein und das Leben an sich erneut zelebrieren kann. Die große Kunst großer Clubs besteht darin, den Hauch der Geschichte auf ein paar Quadratmetern einzufangen, ihn das kleine Publikum spüren zu lassen und es damit zu inspirieren. Dafür gibt es keine Gebrauchsanweisungen, das ist eine Dimension, die eher an hohe Kunst oder Magie erinnert. Dazu gehört viel Wissen um Gastronomie, um Personal, um Arrangement, um Psychologie, um Politik und natürlich auch Musik. Und dazu gehört eine Besessenheit, die sich nicht in wirtschaftlichen Dimensionen abgleichen lässt.

Die großen Helden dieser Clubs sind ihre Besitzer, die etwas Großartiges schaffen, ohne je dafür bezahlt zu werden, die wie die Maniaks an ihrer Clubidee arbeiten, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, die weltweit den ignoranten Ordnungsbehörden trotzen, die Musiker aus den Knästen oder Ausnüchterungszellen holen, die morgens um drei Instrumentenbauer aus den Betten klingeln, verletzte Gäste zu eben solcher Stunde noch mit dem eigenen alten Auto in die Notaufnahme fahren oder der Kellnerin, die beklaut worden war, ihr letztes Geld pumpen, damit sie aufhört zu weinen.

Wenn dann so ein Augenblick ist und eine Band den Blick in das Kosmische gewährt, dann sieht man sie, wie sie hinter der Bar stehen, mit leuchtenden Augen, voller Freude und Dankbarkeit, dass sie so etwas mit schaffen durften. Die Clubbesitzer, die so etwas kreieren wie das Bitter End sind große Magier und ohne sie wäre die Welt bedeutend ärmer!

Meinen letzten Abend im New York jener Zeit verbrachte ich im Bitter End. Ich war furchtbar traurig, einige wussten, dass ich nicht mehr kommen würde. Die Mädels spendierten mir viel Budweiser, der Barbesitzer dankte mir, dass ich durch meine Anwesenheit zum Erfolg so mancher Veranstaltung beigetragen hätte. Das war alles sehr nett, aber es half mir wenig. Ich hing da wie ein Schluck Wasser und hatte einen Kloß im Hals. Irgendwann ging eine Kellnerin zur Bühne und redete mit der Band, die Electric Blues spielte, und wies dabei immer wieder auf mich. Und schon sprach der Gitarrist und Sänger ins Mikrophon, dass der nächste Song für einen Freund sei, der für einige Zeit verreise. Und dann legten sie los und spielten Be careful with a fool! Mir ging es schlagartig besser, das war New York wie es leibte und lebte und das war das Bitter End, dass ich nie vergessen werde.

New York City III – Unterwegs mit Mary Rosenberg

Was machen Immigranten, wenn sie in dem Land ihrer Bestimmung, ob freiwillig oder unfreiwillig, angekommen sind? Sie suchen sich eine Bleibe, eine Arbeit, versuchen sich zu orientieren und dann legen sie los. Sind einmal die Grundbedürfnisse gestillt und der Erwerb gesichert, dann wägen sie ab. Sie vergleichen das Neue mit dem Alten und Gewohnten aus der Heimat und ziehen die erste Bilanz. Was ist in der neuen Welt besser, was schlechter, worauf freut man sich und was wird wohl immer schwer fallen? Irgendwann beginnt man sich zu arrangieren und versucht, die angenehmen Seiten des neuen Lebens mit den lieb gewonnenen Gewohnheiten des alten zu kombinieren, der Mensch ist und bleibt ein unverbesserlicher Lüstling. Bei den Legionen von Immigranten, die es nach New York verschlug, kann man diesen Prozess sehr gut beobachten und gewinnt dabei Einsichten in das Psychogramm ganzer Völker. Die Italiener etablierten ihre Küche und ihre Familien, die Iren ihre Pubs und ihr Liedgut, die Polen ihre Wurst und ihren Schnaps, die Russen ihre Literatur, die Juden ihre Tradition und die Schwarzen ihre Musik. Die Angelsachsen haben das Sterile mit in die Neue Welt gebracht, was nur durch die heißen Rhythmen der Latinos kompensiert werden konnte. Die Deutschen, die bis 1933 nach New York kamen, hatten es mit ihrem Handwerk und ihrer Küche und den damit verbundenen Zünften und sie gründeten Vereine.

Bei den Deutschen, die im Zusammenhang mit dem Faschismus ihr Land verließen und die es dann nach New York verschlug, war das etwas anders. Erstens kamen sie nicht freiwillig, sondern sie waren auf der Flucht. Zweitens waren es keine Handwerker, sondern entweder Juden oder Intellektuelle oder beides. Und daher stand ihnen auch nicht gleich der Sinn nach Schweinsbraten mit Knödeln, sondern nach guter Literatur.

Mary Rosenberg war Jüdin und Intellektuelle zugleich. Als sie in den dreißiger Jahren ihr Schiff an den Hudsondocks verließ, wurde ihr sehr schnell klar, dass es hier Menschen gab, die am verhungern und in bedrohlichem Zustand waren, sie brauchten nämlich geistige Nahrung. Agil und intelligent wie sie war, kaufte sie gelesene Bücher deutscher Sprache auf und veräußerte sie auf Treffen der deutschen Emigration. Später mietete sie bescheidene Räume und ließ auch das eine oder andere drucken. Nach dem Krieg importierte sie sogar. Während des Krieges sah sie, wenn sie nach dem Ertönen der Ladentür aufblickte, Kunden wie Berthold Brecht, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf, Stefan Zweig, George Gross, Will Schaber, Karl Otto Paetel, Franz Jung und wie sie alle hießen, nur Thomas Mann, der kam nicht zu ihr in den Laden. Sie suchten nach Büchern, tauschten Neuigkeiten aus, tranken starken Kaffee, den Mary pausenlos kochte, sprachen über Schicksale und Jobs, Hitler und bezahlbare Wohnungen, den Kuchen vom Bäcker Tannenbaum und den letzten Ausflug nach New Jersey, die neueste Konzert in der Met oder Inszenierungen auf dem Broadway, skurrile Filme aus Hollywood oder die Umtriebe des Herrn McCarthy, das dazu passende Stück von Henry Miller oder den neuen Roman von Franz Werfel oder die Aktivitäten von den Frankfurtern, d.h. Horkheimer

und Adorno, die hier in Amerika Theorien formulierten, die so befremdlich waren. Sie tranken Kaffee, rauchten wie die Schlote und zum Schluss verließen sie Marys Laden mit einem abgegriffenen Faust, einer zerfledderten Dreigroschenoper, einem angekokelten Marx oder einem welligen Schiller unterm Arm. Mary Rosenberg organisierte Bücher, baute eine Werbung auf, kochte Kaffee und inszenierte Lesungen. Sie hielt das Exil literarisch in Schwung, gewährte Kredit, den sie selbst nicht bekam.

Als ich Mary Rosenberg zum ersten Mal besuchte, residierte sie mit ihrem Buchladen im siebten Stock in einem Hochhaus am Columbus Circle, unweit des Central Parks. Der Laden war klein, aber nicht so winzig wie Mary, die mich durch eine dicke Brille mit einem lebendigen Blick ansah und forsch fragte, was ich wolle.

Mich umsehen und mit ihnen sprechen!
Na dann mal los, junger Mann.

Zunächst sah ich mich in dem Buchladen um und war eher enttäuscht. Er hätte in dieser Form in jeder mittleren Stadt der Bundesrepublik gefunden werden können, dasselbe Sortiment und dieselbe Anordnung. Die großen Zeiten des Exils waren vorbei, die Kundschaft bestand nicht mehr aus Literaturproduzenten erster Ordnung, sondern aus wenigen überlebenden Deutschen und amerikanischen Bildungsbürgern, die lesen wollten, was man drüben, über dem großen Teich auch las. Als ich damit begann, Mary Löcher in den Bauch zu fragen über das Exil und die Exilanten, reagierte sie doch etwas unwirsch, ja, ja, natürlich waren sie alle in meinem Laden, der früher drüben am East River war, aber das ist lange her, Gott sei Dank! Von denen hätte sie doch nicht leben können und es wären immer so schreckliche Geschichten gewesen, die da erzählt worden seien, von Deportationen, Selbstmorden und Finanzpleiten. Sie sei froh, dass das alles vorbei sei.

Mary Rosenberg wollte lieber über das Heute lesen, über die Erschließung neuer Kundengruppen und die Etablierung einer neuen Leserschaft in New York, über entsprechendes Marketing und Auftreten. Ich entzog mich der Diskussion nicht und es dauerte nicht lange, bis ich ein Gespräch mit einer New Yorker Buchhändlerin führte, die im Hier und Jetzt lebte und für die Zukunft plante. Wissen Sie was, so unterbrach sie unser Gespräch irgendwann, am besten Sie kommen morgen Abend um Sieben hier vorbei, dann gehen wir in aller Ruhe etwas essen und unterhalten uns dann.

Als ich zum vereinbarten Zeitpunkt vor dem Haus am Columbus Circle stand, kam mir Mary schon entgegen, eleganter gekleidet als am Vortag, ihre glitzernde Brille an einer Goldkette um den Hals gehängt, parfümiert und bester Dinge. Nach einem lauten Hallo bedeutete sie mir, der Wagen müsse gleich kommen, sie habe den Boy schon mal in die Tiefgarage geschickt, damit er vorfahre. Ich müsse wissen, sie sei noch gut unterwegs mit dem Auto, nur das Ein- und Ausparken sei ihr ein Gräuel.

Und schon fuhr der Boy vor, der sich als ein ausgewachsener Afroamerikaner mittleren Alters herausstellte und Mary den Schlüssel des wartenden Autos übergab. Da rief Mary mir auch schon ganz aufgeregt zu, jetzt ginge es los, ich solle schnell einsteigen, während der Boy ihr hinter das Steuer half. Und ehe ich mich versah stotterte ich zusammen mit der alten Dame in ihrem fetten Buick durch die Schluchten von Manhattan, mal kurz vorm Abwürgen, mal Bock springend. Während dessen konversierte Mary in aller Ruhe, als handele es sich bei dieser Achterbahnfahrt um dass selbstverständlichste Ereignis dieser Welt.

Nachdem wir dreimal den Columbus Circle umkreist hatten, fand Mary endlich die Passage nach Osten und es dauerte nicht lange, bis wir in Yorkville waren, auch German Town und während des Krieges von vielen New Yorkern scherzhaft das Vierte Reich genannt, weil man dachte, die dort lebenden Exilanten würden aufgrund ihrer Opposition und Prominenz nach dem Krieg die neue deutsche Regierung stellen. In einer Seitenstraße hielt Mary plötzlich an und sagte mir, jetzt sei ich an der Reihe, es gelte einzuparken. Unter wildem Gehupe der anderen Verkehrsteilnehmer wechselten wir die Seiten und nach einigen Gewöhnungsversuchen gelang es mir, das schaukelnde Monster direkt vor einem Restaurant mit dem Namen Kleine Konditorei einzuparken.

Es handelte sich tatsächlich um eine Restaurant und keine Konditorei, denn wir wurden in einem Raum geleitet, in dem es sehr gut nach Deutscher Küche roch. Mary hatte einen Tisch bestellt, an den uns eine schwarz gekleidete Bedienung geleitete. Mein Einfluss auf die Bestellung war gering, oder genauer gesagt, ich hatte keinen. Mary Rosenberg agierte wie ein Feldwebel, orderte eine Flasche Rotwein, Kasseler Braten, Sauerkraut und Püree und sie dokumentierte schon allein damit, wie amerikanisch sie auf der einen Seite geworden und wie deutsch sie auf der anderen Seite geblieben war.

Nachdem serviert wurde, forderte mich Mary auf, kräftig zuzulangen, sie selbst pickte eher lustlos in der Speise herum und nippte nur ab und zu an ihrem Wasserglas. Mir hingegen ließ sie permanent Fleisch auflegen und goss mir pausenlos Wein nach. Während dadurch meine Konzentration auf immer stärkere Proben gestellt wurde, begann Mary Rosenberg mir ihre Geschichte zu erzählen.

Sie stammte aus dem Fränkischen und kannte aus ihrer Zeit dort sogar noch Henry Kissinger, als er ein kleiner Junge war. Ihr Mann war Wissenschaftler, den die Nazis wegen seines Judentums verfolgt, festgenommen, deportiert und umgebracht hatten. Ihr Mann war so weitsichtig gewesen, seine junge Frau vor den Schergen der Faschisten in Sicherheit zu bringen und so gelangte die Witwe über Marseille und Lissabon auf dem Seeweg Anfang der dreißiger Jahre nach New York City. Sie hatte entfernte Verwandte dort, bei denen sie zunächst Unterschlupf fand, aber nicht lange blieb. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen und schnell unabhängig werden. Mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten fand sie schnell Jobs, zumeist in Büros, wo ihr die Schreibmaschinen und Stenokenntnisse halfen. Ihr Englisch war schon nicht

schlecht, als sie hier ankam, schnell wurde es regelrecht elaboriert. Sie machte viele Versuche, in die New Yorker Gesellschaft einzudringen, aber das Exil holte sie immer wieder ein. Sie arbeitete in Hilfsorganisationen, half Neuankömmlingen bei der Wohnungssuche, vermittelte Jobs, gab Rat, übersetzte, korrespondierte, suchte Angehörige und Bekannte und pflegte Kontakte zu vielen Organisationen. Früh fiel ihr auf, dass die Deutschen in der Neuen Welt, die vor den Barbaren hatten fliehen müssen, nach Büchern hungerten.

Da Mary eine Frau der Tat war, überlegte sie nicht lange und begann, einen Buchhandel aufzuziehen. Sie kaufte gebrauchte Bücher auf, ergatterte hier und da ein neues, warb um Unterstützer und es dauerte nicht lange und sie hatte ein erstes Sortiment, mit dem sie auf bestimmten Veranstaltungen der Emigration erschien, sie legte Werbezettel beim New Yorker Aufbau, bei den Hungerküchen und den Wohnungsmaklern aus. Sie machte Hausbesuche bei den etwas besser gestellten Emigranten und so langsam etablierte sich ihr Name als Buchhändlerin. Leben konnte sie davon dennoch lange nicht, sie hatte nebenher Bürojobs bei den unterschiedlichsten Arbeitgebern.

Mit Ende des Krieges änderte sich der Charakter des deutschen Exils schlagartig. Viele, und darunter vor allem Intellektuelle aus den Bereichen Philosophie und Literatur, gingen zurück nach Europa. Die Geschäftsleute und Naturwissenschaftler blieben, weil sie schon längst in die US-Wirtschaft integriert waren. Der Kundenstamm wie die Kundenwünsche änderten sich, Mary Rosenberg konnte zum ersten Mal von ihrer Buchhandlung leben. Die Jahre vergingen, sie wurde zu einer überzeugten Amerikanerin, die anderen Neuamerikanern etwas Nervennahrung aus der alten Heimat beschaffte. Erst in den siebziger und achtziger Jahren kamen junge US-Amerikaner, für die Deutsch eine Fremdsprache war, und interessierten sich für deutsche Literatur im Original.

Und jetzt, jetzt bin ich eine alte Frau und gerade jetzt, da kommt die große Chance, sich hier mit der Buchhandlung so richtig zu etablieren.

Mary sah mich eindringlich an und ich wusste trotz der intensiven Arbeit von Kraut, Kassler und Rotwein, was jetzt kam. Ich könnte so einen jungen Mann wie dich – wir waren schön längst beim Du – jetzt gut gebrauchen. Du bist jung, du bist gebildet, du kannst was vertragen und dich bewegen. Steig doch bei mir ein! Erst als Juniorpartner und in drei bis fünf Jahren als Chef. Die Affidavits für dich dürften kein Problem sein, in der Community sind einige, die für dich bürgen würden. Was meinst du?

Letztendlich kam diese Offerte doch sehr überraschend und da ich in meinem Leben noch nie daran gedacht hatte, Buchhändler zu werden, war ich ziemlich verwirrt, was durch den vielen Rotwein noch verstärkt wurde. Folglich schilderte ich Mary, wie zumindest meine Planung für die nächsten zwei bis drei Jahre aussah, sagte ihr aber zu, mir ihr Angebot in den nächsten Tagen durch den Kopf gehen zu lassen und ihr

Bescheid zu geben. Das war für Mary völlig OK und sie winkte die Bedienung herbei, um zu zahlen. Mit diskreter Geste beglich sie die Rechnung und wir verließen das lokal. Sie wies mich an, auszuparken, was ich artig tat, schwang sich dann ans Steuer und ließ mich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Dann sprang der Buick wieder wie eine hungrige Raubkatze nach vorne und griff die New Yorker Nacht an. Kreischend bewegte sich der Wagen nach vorn und Mary fragte mich, ob sie mich wieder am Columbus Circle absetzen könne, was ich bejahte. Als ich mich bei ihr für den schönen Abend beim Aussteigen bedankte, mahnte sie mich noch einmal, es mir gut zu überlegen.

Ich ging die Achte Straße hinunter, es roch nach heißem Asphalt, ein paar Jugendliche schlugen einen unglaublichen Groove auf alten Farbeimern, Straßenhändler boten Zaubergum an, junge Latinas tanzten Samba und während ein Zug der New York Firebrigade an mir vorbei heulte, traf ich eine Entscheidung.