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Als russischer Botschafter in Malaysia

Ich saß in meinem Büro bei Lembaga Administrasi Negara, wo ich seit sechs Wochen arbeitete. Das Gebäude der ehrwürdigen Regierungsinstitution lag direkt hinter dem Präsidentenpalast im Herzen Jakarta in der Jalan Veteran. Konzentriert auf ein Konzept zur Dezentralisierung der indonesischen Staatsverwaltung, starrte ich auf den Bildschirm meines Computers, als das Telefon klingelte. Es war Ibu Sri, eine Abteilungsleiterin, mit der ich eng zusammenarbeitete. Haben Sie schon mal aus dem Fenster geschaut?, fragte sie mich. Als ich verneinte, drängte sie mich, dies zu tun. Ich traute meinen Augen nicht, als ich herausblickte. Ich sah brennende Autoreifen, einen wild umherfahrenden Panzer, der immer wieder wendete und tausende von aufgebrachten Menschen, die mit allem nach dem Panzer warfen, was sie auftreiben konnten. Am besten, so Ibu Sri, Sie gehen sofort zu ihrem Fahrer und lassen sich auf dem schnellsten Weg nach Hause fahren, wo Sie bitte bleiben. Alles weitere erfahren Sie von mir, gehen Sie nicht aus dem Haus! Und schon legte sie auf. Angesichts der Bilder aus der Jalan Veteran musste ich nicht lange überlegen. Ich packte mein Laptop, schaltete die Klimaanlage aus und lief auf den Hof. Dort fuhren bereits die ersten Busse mit den Beschäftigten in rasantem Tempo ab, mein Fahrer saß bereits im laufenden Wagen und winkte aufgeregt.

Bapak, Bapak, rief er, cepat, cepat, disini terlalu berbahaya, schnell, schnell, mein Herr, hier ist es zu gefährlich. Als Kind Jakartas kannte er die Jalan Tikus, die Mäusestraßen, wie sie hier genannt wurden, Schleichwege also, auf denen wir uns so schnell es ging aus dem Zentrum bewegten. Überall sahen wir, wie Menschen in Panik umher- und vor allem davon liefen. Zum Teil wurde geplündert und überall stiegen Rauchsäulen auf. Obwohl wir immer wieder durch die Kampungs fuhren, dorfähnliche Siedlungen aus Blech und Holz, mit denen sich die indonesische Metropole durchzog, ließ es sich nicht vermeiden, dass wir immer wieder auf oder über eine der großen Protokollstraßen mussten, um weiter zu kommen. Eko, mein Fahrer, erzählte mir, dass im Norden, in Chinatown, Tanjung Priok und am Hafen die Hölle los sei. Überall würde geplündert, Militär sei massiv unterwegs und Kaufhäuser, in denen sich die aufgebrachte Menge bediente, würden wie lebende Fackeln von der Armee in Brand gesetzt. Wir mussten in den Süden, fuhren ein Stück die Jalan Thamrin entlang, wo die großen Hotels waren, die bereits durch eigene Securities abgesichert wurden und bogen dann am Bundaran H.I., wo die britische und deutsche Botschaft residierten, in die Jalan Sudirman ein. Im Gegensatz zu sonst ging es schnell, viele Menschen benutzten schon nicht mehr das Auto. An der katholischen Universität standen auf der einen Seite tausende von Studenten, die Parolen riefen und auf der anderen Seite bis an die Zähne bewaffnetes Militär. Wir schafften es relativ schnell, in den Stadtteil zu kommen, in dem wir wohnten, Kebayoran Lama. Meine Frau schaute bereits CNN. Wir wohnten zu dieser Zeit in einem Apartmenthaus, oben, im letzten Stock und hatten eine große Terrasse, die um den ganzen Wohnbereich herumführte. So konnten wir sehen, wo es brannte, es zog sich ein Ring um das Zentrum, die dicksten Rauchwolken waren tatsächlich in Glodok zu sehen, dem Chinesenviertel. Seltsamerweise waren wir sehr ruhig.

Obwohl ich als Einzelkämpfer über eine deutsche Regierungsinstitution in Indonesien tätig war, übernahm die GTZ die Koordination der Sicherheit der deutschen Expats in öffentlichem Auftrag, was sich als Segen herausstellen sollte. Noch während wir mit angehaltenem Atem die Nachrichten auf CNN verfolgten, lief das erste Fax der GTZ bei uns ein, in welchem wir nützliche Verhaltenshinweise und Ansprechpartner genannt bekamen. Zu unserem Glück war auch noch unsere Nachbarin die Verwaltungsleiterin des GTZ-Büros, und diese klärte uns am Abend über vieles auf.

Was war geschehen? Die Zeit von Präsident Soeharto, der seit 32 Jahren im Amt war und selbst durch einen blutigen Putsch, in dessen Folge 1964 zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen waren, ging an diesem Tag zu Ende. Sein bis in die Haarwurzeln korruptes Familienimperium hatte abgewirtschaftet und das Volk, Teile des Militärs und der Mittelstand wollten nicht mehr. Eine Auslandsreise des Präsidenten nach Kairo hatte dazu geführt, dass von verschiedenen Punkten des Unwillens aus das Feuer entfacht wurde. Wie immer, so möchte ich sagen, und leider in der jungen indonesischen Geschichte üblich, sind das dann die Momente, in denen jeder mit jedem abrechnet und eine überschaubare Arithmetik nicht zustande kommt. Alles wirkt verworren, mysteriös und vor allem sehr blutig. Das Feuer lodert überall, es riecht nach Menschenfleisch und Köpfe werden aufgespießt. An diesem einen Tag im Mai 1998 kamen Tausende in brennenden Kaufhäusern um, fast die gleiche Anzahl chinesischer Frauen wurden im Norden Jakartas von marodierenden Soldaten vergewaltigt, Soldaten schossen auf Soldaten oder auf Studenten. Es war die Hölle auf Erden in einem der schönsten Länder der Welt. Einen kühlen Kopf behielt Jenderal Wiranto, ein ehemaliger Adjutant des fallenden Präsidenten, denn er übernahm die Regie und löste für kurze Zeit den großen Dalang, den Schattenspieler, wie der scheidende Präsident genannt wurde, ab.

Als das Inferno ausbrach, wurde es weltweit zum Tagesthema Nummer Eins und die ausländische Community kam schnell in Bewegung. Wie immer in solchen Fällen, organisierten die USA die sofortige Ausreise ihrer Staatsbürger und die ersten Flugzeuge standen Stunden später bereit. Sie eskortierten ihre Bürger mit einem paramilitärischen Konvoi auf dem gefährlichen Weg zum Flughafen. Kurze Zeit später folgten die Briten, dann die Franzosen, die Niederländer etc. Und die Deutsche Botschaft? Sie gab die Devise aus, es sei alles halb so schlimm und man solle Ruhe bewahren. Der damalige Botschafter war mit der in der Auflösung begriffenen und morbiden Elite nämlich verfilzt und wollte seine Loyalität beweisen. So kam es, dass wir uns von unserem Dach aus fünf Tage lang ein brennendes Jakarta ansehen durften. Allerdings, so muss ich hinzufügen, es fehlte uns an nichts. Das lag aber nicht an der Deutschen Botschaft, sondern an den Indonesiern direkt im benachbarten Kampung, an unserem Fahrer Eko, der uns täglich unter Lebensgefahr besuchte und Reis mitbrachte und an Ibu Sri, die immer wieder anrief und sich nach unserem Befinden erkundigte. Und, was die Informationen seitens der GTZ anbetraf, die ein famoses Krisenmanagement hinlegte, trotz der Deutschen Botschaft.

Irgendwann setzte sich wohl beim Auswärtigen Amt in Berlin die Erkenntnis durch, dass es ein zu großes Risiko sei, das deutsche Personal weiterhin als Schutzschild für den stürzenden Mammon zu missbrauchen. Und so bekam die GTZ nach einer Woche das Go, uns zu evakuieren. Alles verlief ruhig, wir fuhren in einem Konvoi zum Flughafen Soekarno Hatta, wo es furchtbar hektisch zuging, weil viele Chinesen um ihr Leben kämpften und für ein Ticket nach Singapur jeden Preis zahlten. Da bereits alle anderen Expats ins nahe gelegene, sichere Ausland evakuiert worden waren, ging nichts mehr nach Singapur, weil dort alle Hotels ausgebucht waren, flogen wir spät in der Nacht in die malaiische Metropole Kuala Lumpur. Dort wurden wir am Flughafen am frühen Morgen vom dortigen Deutschen Botschafter und seinem Staff in Empfang genommen und auf verschiedene Hotels verteilt. Wir landeten im Hotel Radisson direkt im Zentrum der Hauptsstadt, gegenüber den Twin Towers. Trotz der frühen Stunde gab der Deutsche Botschafter dort noch einen Empfang für uns, bot seine Hilfe an und machte den Eindruck, als wolle er sich für seinen in Jakarta residierenden Kollegen entschuldigen. Irgendwann sanken wir ohnmächtig in unsere Luxusbetten und träumten gar nichts mehr.

Von unserem Flugzeug waren ca. 60 Personen in das Radisson Hotel in Kuala Lumpur kontingentiert worden. Beim Frühstück trafen wir uns alle beim Buffet und die Atmosphäre war aufgeladen. Die vielen unterschiedlichen Experten hatten in allen Teilen Indonesiens gearbeitet und hielten den Kontakt zu ihren Projekten und Häusern. Die Gerüchteküche brodelte, dort war die Lage ruhig, an anderer Stelle wurde von einem Massaker berichtet und woanders wieder war geplündert worden. Zudem gab es fast stündlich Nachrichten aus Deutschland, vom Auswärtigen Amt und den einzelnen Entsendeorganisationen. Ich hatte morgens um 8.00 Uhr bereits einen Anruf von einem Freund und Barbesitzer, der seinen Jazzclub morgens um 3.00 Uhr geschlossen und mich dann angerufen hatte. Woher er wusste, wo ich mich aufhielt, blieb immer ein Rätsel. Zum Teil waren wir alle sehr aufgeladen, andererseits ging einem dieses furchtbare Geschnatter auch auf die Nerven. Meine Frau und ich beschlossen, uns Kuala Lumpur anzusehen und wir verließen nach dem Frühstück das Hotel Richtung Twin Towers. Das Zentrum Kuala Lumpurs ähnelt von seiner Regulierung dem Singapurs und folglich hat es mit einer asiatischen Metropole wenig zu tun. Überdimensionierte Shopping Malls, in denen die Edelmarken dieser Welt zu Preisen wie überall in der Welt in exklusiven Boutiquen anzusehen sind. Während vor allem die Frauen der einheimischen Eliten aus Zeitvertreib mit Dienern im Schlepptau diese Läden leer kaufen, gehen diejenigen, die es sich nicht leisten können dorthin, weil diese Malls gut klimatisiert sind und sie frönen der Disziplin des Window Shopping, d.h. sie drücken sich an den Schaufenstern die Nasen platt und träumen von dem Tag, an dem sie sich das alles auch leisten können. Auf den Straßen standen überall Verbotsschilder und die entsprechend drakonischen Strafen, wenn man irgendwo rauchte oder eine Zigarette oder ein Kaugummi weg warf. Es herrschte noch der Präsident Mahatir, der autokratisch das Land regierte und mit einer gelenkten Wirtschaftsentwicklung und strengen Sanktionen das Land nach vorne zu bringen glaubte. Die Liberalität, von anderen Anarchie genannt, die das Straßenbild in Jakarta vermittelte, war in Kuala

Lumpur mit keiner Geste zu finden. Wir kehrten relativ schnell gelangweilt in unser Hotel zurück, wo uns erneut eine Welle von Gerüchten entgegen schlug. Ich ging aufs Zimmer und ich rief meinen Auftraggeber in Frankfurt an. Dort bekam ich von der für mich zuständigen Frau den Hinweis, dass wir zunächst in Kuala Lumpur bleiben sollten, da man auf eine Beruhigung der Lage in Jakarta hoffe. Man wolle zunächst eine Woche bis zehn Tage abwarten und nicht voreilig alle Berater nach Deutschland zurück holen. Danach rief ich meinen Kollegen Gero von Harder in Indonesien an, unser Mann in Jakarta, wie wir ihn scherzhaft nannten. Er war geblieben, weil er de facto als permanent resident galt. Aufgrund seiner guten Kontakte zur indonesischen Nomenklatura war er zusammen mit seiner achtzigjährigen Mutter, die zu Besuch war, in einer spektakulären Aktion aus seinem Viertel in Jakarta, in dem es heftig zuging, von Militärs heraus geholt und nach Pangandaran am Indischen Ozean gerettet worden. Er besaß dort eine gute Infrastruktur und riet mir, da es seiner Ansicht nach noch mindestens zehn Tage bis zu einer offiziellen Entscheidung aus dem Auswärtigen Amt dauern würde, so schnell wie möglich mein Bündel zu packen und aus dem sterilen Kuala Lumpur zu verschwinden. Er empfahl mir die Insel Penang vor der thailändischen Grenze.

Wir saßen in der Lobby und unterhielten uns mit dem Pädagogen Dr. Klaus Weber und seiner Familie, die wir vor einigen Monaten in Jakarta bei einem kurios verlaufenden Gespräch auf einem Empfang kennen gelernt hatten, in dem wir fest stellten, dass wir alle Patienten beim gleichen Zahnarzt in Mannheim waren. Im Laufe des Gespräches erzählte ich von meiner Unterhaltung mit von Harder und Klaus und vor allem seine Töchter waren gleich von der Idee begeistert, auf eine Insel zu fahren und dort abzuwarten, wie man sich in Deutschland entschied. Nun rief ich meine indonesischen Kollegen an, die schließlich am besten informiert waren, da sie das Machtgeflecht in Jakarta am besten kannten. Ich rief Muhammad Idris an, einen von mir sehr geschätzten Direktor meiner Organisation, die direkt den Präsidenten beriet, der aber mit mir schon in einem Vorgespräch zu meiner Tätigkeit über die Notwendigkeiten für die Zeit danach diskutiert hatte. Er war ein Mann aus Makassar und gehörte zu einer überaus einflussreichen Lobby in dem Riesenreich. Bapak Idris machte eine klare Ansage: Heute Nacht hat der ehemalige Gouverneur Ali Sadikin ein Blutbad verhindert und die Generäle Wiranto und vor allem Prabowo zur Räson gebracht. Die Lage wird sich ohne Präsidenten Soeharto in den nächsten ein bis zwei Woche stabilisieren, seine Zeit ist vorbei. Fliegen Sie bitte nicht nach Deutschland und kommen Sie, sobald es Ihre Regierung Ihnen erlaubt, zurück, wir werden viel zu tun haben, um unser Land zu dezentralisieren und zu demokratisieren.

Mit dieser Information schlenderte ich nun zum Manager des Radisson Hotels, einem jungen, sehr professionell wirkenden Österreicher. Er interessierte sich sehr für das Erlebte in Indonesien, bestellte Tee und wir hatten ein langes Gespräch, in dem ich auch einiges über Malaysia erfuhr, was ich in der Presse nicht hätte lesen können. Als ich ihm berichtete, dass ich die Zeit nutzen und vielleicht etwas vom Land sehen wolle, bot er sogleich seine Hilfe an. Er empfahl auch ein Hotel auf der Insel Penang

und bot sich an, meine Frau und mich dort anzumelden und für einen Mietwagen zu sorgen. Also trafen wir uns wieder in der Lobby und unterhielten uns mit Webers, die noch zwei Tage warten, dann aber uns nach Penang folgen wollten. Meine Frau und ich beschlossen, am nächsten Morgen zu fahren.

Nach dem Frühstück bestiegen wir eine recht brauchbare Limousine der Firma Proton, Made in Malaysia, und machten uns auf den Weg. Wir fuhren direkt auf die Autobahn Richtung Norden und kamen zügig voran. Während der Fahrt sahen wir, dass das ganze Land zugunsten von riesigen Palmölplantagen gerodet worden war und von der ursprünglichen Landschaft war nicht mehr viel zu sehen. Wir hatten den Eindruck, als hätten Technokraten den gesamten Dschungel dem Erdboden gleichgemacht und nur noch das gepflanzt, was derzeit auf dem Weltmarkt zu einem einträglichen Preis verkauft werden konnte. Aber alles wirkte trotz seiner Symmetrie und Akribie irgendwie trostlos und marode und wir konnten geradezu spüren, dass Malaysia wie seine südostasiatischen Nachbarstaaten auch in eine tiefe Krise gestürzt war. Der Börsenhype war einem gewaltigen Crash gewichen und auch das Fell des malaiischen Tigers war sehr stumpf geworden.

Gegen Mittag machten wir auf einer Autobahnraststätte halt und erlebten eine Feindseligkeit, die beängstigend wirkte. Wir bekamen schlechtes Essen und wurden vom Personal argwöhnisch beäugt. Später erfuhren wir, dass wir in einer Region angehalten hatten, in der noch die Scharia als Rechtsform galt und ein extremer, intoleranter Islam das Leben regelte. Da wirkte es wie eine Befreiung, als wir abends endlich auf der Insel Penang ankamen, die schon in Zeiten des britischen Kolonialismus von Reisenden aus der ganzen Welt aufgrund ihrer Mondänität großes Ansehen genossen hatte. Zwar korrespondierte das Weltläufige in der Architektur überhaupt nicht mit den Bauten aus der neuen malaiischen Zeit, die mehr an die siebziger Jahre der DDR erinnerten, aber die Natur sprach ein mächtiges Wort mit und machte vieles wieder gut.

Wir hielten direkt am Meer vor einem großen, regelrecht üppigen und modernen Hotel und gingen zur Rezeption. Kami disini langsung dari Ibu Kota Kuala Lumpur y ingin salamkan Anda dari Bapak Pimpinang dari Hotel Radisson. Ich berichtete auf Malaii von der Empfehlung des Radissonchefs aus Kuala Lumpur und wir wurden sehr herzlich als die erwarteten Gäste from the Embassy empfangen. Wir dachten uns nichts bei der Erwähnung der Botschaft, waren wir doch als Gäste des Deutschen Botschafters im Radisson in Kuala Lumpur dort gebucht worden. Wir nahmen unseren Schlüssel in Empfang und staunten nicht schlecht, als wir in uns in einer riesigen Suite mit Empfangs- Arbeits- und Wohnbereich sowie einem atemberaubenden Meerblick wieder fanden. Da wir aber den Preis, der für unsere Verhältnisse durchaus bezahlbar war, kannten, fassten wir das als ein Resultat der Finanzkrise auf und nahmen den Umstand dankbar an. Also richteten wir uns ein und machten uns etwas frisch. Ich rief Gero an, der nichts Neues aus Indonesien berichten konnte und so gingen wir hinunter zum Abendessen. Das Personal war überaus freundlich und das Hotel verdächtig leer, so dass wir den

Eindruck gewannen, die Freude über neue Gäste wäre das Motiv für diese ausgesuchte, an die Grenze der für unsere Verhältnisse verdaubaren Aufmerksamkeit. Wir nahmen es hin, aßen eine Menge exotischen Fisch und machten danach noch einen Strandspaziergang. Recht zufrieden gingen wir dann in unser fürstliches Gemach, blickten noch einmal aufs Meer und löschten das Licht.

Am nächsten Morgen, auf dem Weg zum Frühstücksraum, wurde ich stutzig, als mich eine der überaus hübschen Kellnerinnen gleich in Empfang nahm und Mister Ambassador, we have already arranged the most convenient place for you and your wife. Ich war so perplex, dass ich mich von der Kleinen an einen üppig gedeckten Tisch mit Meerblick auf die Terrasse führen ließ. Meine Frau kam etwas später und war ganz angetan von dem Service. Als ich ihr jedoch erzählte, was vorgefallen war, blickte sie mich ernst an und riet mir, das Missverständnis bitte sofort zu bereinigen. Obwohl mir nicht danach war, genoss ich zunächst den gebratenen Reis mit King Prawns, die geräucherten kleinen Fische, die in den Tropen immer edlen Fruchtsäfte und den starken, pechschwarzen Kaffee und lauschte dazu den Affen, die nicht weit von uns entfernt in den Palmen und Stromleitungen herum sprangen und ihr morgendliches Gezeter abhielten. Als sichtbar wurde, dass sich unser Frühstück dem Ende näherte, kam die kleine seidengewandete Kellnerin wieder an den Tisch, Mister Ambassador, is there anything else I can do for you? Als ich sie fragte, ob ich den Direktor des Hotels sprechen könne, war sie sehr erschrocken und fragte, ob etwas nicht zur Zufriedenheit des Herrn Botschafter erfolgt sei. Ich beruhigte sie mit meinem ganzen Charme, schwärmte vom Zimmer, von den Speisen und besonders von ihrem tadellosen Service und zwinkerte ihr zu, es handele sich quasi um eine kleine politische Angelegenheit, die ich mit dem Herrn Direktor in aller Diskretion zu besprechen hätte. Sehr erleichtert sicherte sie mir zu, den Kontakt sofort herzustellen.

Kurz darauf fand das Treffen statt und ich saß mit einem älteren Chinesen in seinem Kontor mit dicken Teppichen, großen Möbeln aus Tropenholz und einer bis zum Zähneklappern herunter gekühlten Klimaanlage. Wir befanden uns in Asien und bevor dort ein Gespräch zum Kern dringt, unterhält man sich in entspannter Atmosphäre bei einer guten Tasse Tee über das gegenseitige Befinden, die Familie, das Wetter, das Land, die Wirtschaft und die Kultur. Das taten wir denn auch recht exzessiv. Irgendwann kam ich dann auf mein Problem zu sprechen und bedeutete meinem Gegenüber, dass wohl eine Verkettung von Kommunikationsunschärfen dazu geführt hätte, mich für den Deutschen Botschafter zu halten, was allerdings nicht der Fall sei. Wissend nickte der chinesische Hoteldirektor, lächelte das asiatische Lächeln und gab mir als Rückmeldung, ich sei ein kluger Mann, dem man anmerke, wie diplomatisch und diskret er mit der Welt umgehe. Die Botschaft sei bei ihm angekommen und ich solle mir keine Sorgen machen. Dementsprechend erleichtert ging ich zurück in unsere Gemächer, berichtete meiner Frau von der Klärung und machte meine Rundrufe nach Indonesien und Deutschland. In Indonesien waren die blutigen Auseinandersetzungen auf den Straßen zu Ende, aber es herrschte Ausgangssperre und hinter den Kulissen wurde verhandelt. Meine deutsche

Ansprechpartnerin hingegen machte mir die Hölle heiß, weil ich ohne Erlaubnis Kuala Lumpur verlassen hätte. Dass ich in ständigem Kontakt mit meiner indonesischen Organisation stand und in dessen Einverständnis handelte, besänftigte sie nicht, obwohl ich offiziell Beschäftigter einer indonesischen Regierungsinstitution war.
Nach dem Telefonat gingen wir zunächst an die Rezeption und teilten mit, dass wir für den Nachmittag Freunde erwarteten, die aus Kuala Lumpur einträfen und machten uns an den Strand zum Schwimmen und blieben dort den ganzen Tag.

Als wir am frühen Abend von unsrem Zimmer kamen, lief Familie Weber freudig auf uns zu und Klaus fragte mich lauthals, was denn hier passiert sei, sie seien als Gäste des russischen Botschafters Willkommen geheißen worden. Nun war ich völlig perplex. In der Folge wurde ich immer vom Personal mit einem lauten Hallo begrüßt, worauf dann zwinkernd ein leises Mister Ambassador folgte, als hätten wir ein gemeinsames Geheimnis. Ich konnte mir das alles nur so erklären, als dass der chinesische Hoteldirektor meine Botschaft so aufgefasst hatte, dass ich hier incognito weilen wollte, weil ich entweder meine Ruhe haben wollte oder in geheimer Mission unterwegs war. Warum aus mir plötzlich der russische Botschafter geworden war, konnten wir uns alle nicht erklären. Meine Frau mutmaßte gleich es sei mein Körperbau oder der grimmige Blick, Webers meinten, mein westfälisches R gleiche dem russischen.

Wie dem auch sei, während die anderen sich köstlich amüsierten, wurde ich zunehmend ungehalten und so langsam baute sich auch die Befürchtung auf, das ganze Spiel könne sich zu einem furchtbaren Desaster ausweiten. Was, wenn irgendwann die malaiische Polizei auftauchte und meine Legitimation sehen wollte? Ich stellte mir bereits vor, wie ich in einem fauligen Kerker lag und monatelang auf einen Prozess wegen schweren Betrugs und Irreführung der malaiischen Behörden wartete und nach dem Absitzen meiner dortigen Haft nach Russland ausgeliefert würde, um bis an das Ende meiner Tage in Sibirien Zwangsarbeit zu leisten. In der Folge legte ich Wert darauf, dass wir früh morgens das Hotel verließen und abends erst zurückkehrten. Wir sahen uns alles auf der Insel an, was es zu sehen gab und aßen ständig in irgendwelchen indischen oder pakistanischen Garküchen am Straßenrand. Doch wenn wir abends ins Hotel zurückkehrten, stand das Personal schon im Pulk vor der Eingangstür, nahm uns das Gepäck ab, begleitete uns auf die Zimmer und fragte andauernd, ob der Herr Botschafter irgendwelche Wünsche habe.

Eines abends kam der chinesische Direktor und bat mich an einen Tisch, an dem die ganzen lokalen Honoratioren saßen, zumeist chinesische Geschäftsleute, die sich mit dem Ihrer Exzellenz, dem russischen Botschafter, über die Planungen seines Landes in der Region und die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung unterhalten wollten. Der Hotelchef zwinkerte mir wissend zu und mir blieb nichts anderes übrig, als die Rolle zu spielen, so meinte ich zumindest, weil ich den armen Mann nicht im Regen stehen lassen wollte. Die finanzkräftigen Herren hingen immer an meinen Lippen, wenn ich in die Kiste der geopolitischen Floskeln griff und die Welt- und Regionallage aus meiner Sicht beschrieb. Ich prophezeite dem Land Malaysia eine schnelle Erholung von der Finanzkrise und rekurrierte auf den derzeitigen eigenen

Slogan der dortigen Regierung The Bull is bouncing back! Und gab vor allem einen exzellenten Ausblick für die Insel Penang. Man war überaus angetan und lobte die Weitsicht des Herrn Botschafter. Champagner und sogar eisgekühlter russischer Wodka wurden aufgefahren und der Abend endete in ausgezeichneter Stimmung. Völlig durchgedreht ging ich auf mein Zimmer, duschte kalt und legte mich ins Bett, fand jedoch keinen Schlaf. Bei jedem Motorengeräusch, das ich von der Küstenstraße her hörte, dachte ich an den malaiischen Geheimdienst, der jetzt käme, um mir dreistem Hochstapler so richtig heimzuleuchten. Als ich morgens aufstand, war ich völlig durchgeschwitzt und bekam regelrechte Fieberphantasien. Die anderen rieten mir, cool zu bleiben, was leicht gesagt, aber schwer getan war, vor allem, wenn ich schon beim Frühstück gefragt wurde, Mister Ambassador, is it convenient for you that we serve the scambled eggs with king prawns now or do you prefer to wait and have coffee and juice beforehand?

Es war ein Kreuz. Ich wurde paranoid und ungeduldig. Nun rief ich zweimal täglich in Frankfurt, Jakarta, Kuala Lumpur und Pangandaran an, um zu erfahren, wie es denn stünde mit der Entscheidungsfindung. Und das mit einer Emphase, dass sogar meine Ansprechpartnerin in Frankfurt zu witzeln begann, warum ich denn so dränge, ich sei doch auf einer herrlichen Ferieninsel. Nach einigen Tagen war klar, dass wir nicht nach Deutschland zurück beordert würden, sondern man nun auf den geeigneten Zeitpunkt warte, wann wir zurück nach Indonesien könnten. Irgendwann kam allerdings der Zeitpunkt, da wurde mir alles egal. Zu oft hatte ich in meiner Phantasie den Absturz durchlebt, sodass ich nun sogar meinen Status genoss. Webers nahmen die Geschichte nie sonderlich ernst und Klaus schrie manchmal am Strand, ob der Herr Botschafter mit ihm im Meer schwimmen gehe. Abends schritt ich dann würdevoll mit meiner Zigarre an den Tischen vorbei, an denen sich alle verbeugten und tuschelten.

Doch meine dennoch immer wieder verspürte Pein hatte bald ein Ende, wir bekamen das Go vom Auswärtigen Amt, nach Indonesien zurück reisen zu können. Ich telefonierte sogleich mit dem Sicherheitsbeauftragten in Kuala Lumpur, der mir sagte, wann unsere Maschine ging. Wir packten und zahlten an der Rezeption. Bevor wir das Hotel verlassen wollten, erschien der Direktor mit dem gesamten Hotelpersonal zu einem kleinen Farewell. Es gab einen Fruchtsaft und eine Rede seinerseits, in der er sich lauthals, so dass es alle anwesenden Gäste hören konnten, für die Ehre des Besuchs des russischen Botschafters und seiner Begleitung bedankte und auf ein baldiges Wiedersehen hoffte. Dann war die Reihe an mir. Ich ließ mich, wahrscheinlich aus Erleichterung, dass diese ganze Mär nun vorbei war, nicht lumpen. Ich bedankte mich für die exorbitante Gastfreundschaft, den unvergessenen Service und die Herzlichkeit, mit der wir empfangen und behandelt worden waren, bescheinigte dem Hotel, der Insel wie dem Land brillante Perspektiven und erwähnte, in wie vielem auch mein Land von dieser Professionalität noch lernen könne. Die Rede kam wie erwartet gut an und mit Blumen im Arm bestiegen wir unsere Autos. Als wir der Höflichkeit genüge getan hatten, brauste ich mit einem Kick down vom Parkplatz und blickte mich nicht mehr um.

Von der Rückfahrt nach Kuala Lumpur weiß ich nur noch, dass meine Frau mich ständig ermahnte, nicht so zu rasen. Dort angekommen, gaben wir schnell den Wagen ab und machten uns auf zum Flughafen, von wo die Maschine am frühen Abend losging. Das fast serienmäßige Gerumpel über Sumatra erschien mir wie eine Meditation über die Sicherheit und als wir in Jakarta landeten, war ich ein glücklicher Mensch. Im Taxi rauschten wir durch diesen uns bereits ans Herz gegangenen Moloch, an der Ampel standen junge Männer, die Gitarre spielten und von den Winds of Change sangen. Unsere Neugier über das, was hier passiert war, wuchs mit jeder Sekunde und die Vorfreude auf den Neuaufbau mit meinen indonesischen Kollegen kannte keine Grenzen. Bei offenem Fenster schrie ich immer wieder unseren Slogan Jackie, cintamu!, eine Codierung von Jakarta, ich liebe dich, die ganze Last fiel von mir ab, der Taxifahrer bot mir eine Kretekzigarette an und beim Inhalieren wusste ich, jetzt fing das Leben an und der russische Botschafter ruhte im Affentempel von Penang.

Broken Heart

Eigentümlich, aber es war so. Wir hatten uns eine eigene Welt geschaffen, die den Schutz gegen die bot, die wir nicht mehr wollten, weil sie uns quälte. So wurden wir Grenzgänger, die täglich mehrmals von der einen in die andere entfleuchten, virtuos, geschmeidig, schnell. Wir beherrschten die Rollen, die wir in der einen zu spielen hatten und in der anderen spielen wollten.

Früh morgens wurden wir geweckt, mein Vater, der mehr als ein Jahrzehnt inklusive den großen Krieg als Offizier überlebt hatte, weckte uns mit rauer Stimme und mahnte, dass es Zeit sei, die Schule warte nicht. Wir hatten es so verinnerlicht, dass wir uns nicht quälen mussten. Schnell saßen wir am Frühstückstisch, den der Vater gedeckt hatte und tranken mit ihm Kaffee. Dabei lief das Radio, WDR II, und wir bekamen Berichte von Rhein und Ruhr und der restlichen Welt. Morgens redeten wir viel über Fußball, da gab es auch Streit, aber es war unverfänglich im Gegensatz zur Politik, da schlugen gleich die Funken über den Tisch und ich wäre schon ganz schlecht gelaunt aus dem Haus gegangen. Schalke war immer ein Thema.

Nach dem Frühstück jagte ich die Treppe herunter und durch den langen dunklen Flur, an dessen Ende ich die schwere Korridortür aufdrückte und auf die Nordstraße trat. Schon auf dem Weg zur Schule, den ich meistens zu Fuß zurück legte, weil es nicht weit war, überholten mich Freunde, die entweder auf dem Fahrrad oder mit der Mofa an mir vorbei jagten. Zuweilen sah ich Peule Briest, unseren Kunstlehrer, wie er auf einem viel zu kleinen Fahrrad dahin schlich. Die Baskenmütze grotesk ins Gesicht gezogen, saß dieser Bär auf seinem Gefährt und nicht selten hatte ich den Eindruck, er käme gerade aus der Kneipe, weil er so unsicher herum eierte.

Meistens trafen wir uns vor der Schule am Fahrradständer, wo schon kräftig geraucht wurde und die etwas älteren Helden mit ihren Kreidler Florett oder Zündapmopeds wilde Beschleunigungs- und Bremsmanöver vollführten, um den Mädels zu imponieren. Wir, die noch zu jung waren oder kein Geld hatten oder von zuhause aus so etwas nicht durften, machten uns dann meistens über die Intelligenz der motorisierten lustig und betonten, wie dumpf diese Typen doch eigentlich seien. Die Mädels lachten zwar über unsere Witzeleien, was sie aber nicht abhielt, nach der Schule mit auf die Böcke aufzusteigen, sich an den dummen Geiern lasziv von hinten festzuhalten und mit ihnen abzurauschen, ohne zu vergessen, uns beim vorbei fahren lächelnd ein Auge zuzukneifen, was dazu führte, dass wir dann über die Ladies abzogen, wie dusselig sie doch eigentlich auch seien und dick der eine Hintern, wie scheel das andere Auge oder wie schmalbrüstig der dritte Oberbau war.

Was uns blieb waren dann die Gespräche über Musik. Ich favorisierte Jimi Hendrix und Jeff Beck, stand damit in gewisser Hinsicht alleine, weil die anderen mehr die Stones goutierten, aber man verstand sich und konnte heftig lachen über die dumpfen Kreidlerfreaks, die mit ihren Miezen Zu I´m a Tiger von Lulu auf der Kirmes in der Raupe saßen, knutschten, bis ihnen das bisschen verbliebene Hirn auslief und bei den anderen Karussels, der Zuckerwatte und der obligatorischen Currywurst ausgenommen wurden wie die Weihnachtsgänse.

Mangels Gelegenheit sparten wir hingegen auf Langspielplatten, die wir hörten, bis unsere einarmigen Plastikplattenspieler müde wurden. Schon nach dem ersten Ton kannten wir alles, ebenso wie jede Textzeile, was bei unserem Englischlehrer, Karl Hosselmann, immer wieder in dem einen oder anderen Fall große Bewunderung auslöste. Wenn wir ein Wort wie Retaliation kannten, weil die Band von Ansley Dunbar so hieß, war er regelrecht verzuckert und pries unsere Initiative. Als mein Nachbar, den wir alle Pollux nannten, allerdings einmal Anita Danzer als fucking Bitch bezeichnet hatte, war Karl Hosselmann völlig durchgedreht. Pollux bekam eine schwere Rechte mitten auf die Nase, musste nachsitzen und bekam eine Strafarbeit auferlegt, die ihn sicherlich lange davon abhalten sollte, wieder so einen abgrundtiefen Schund zu hören. Wir verstanden das allerdings gar nicht, denn warum sollten wir im Englischen nicht Worte benutzen, die in ihrer deutschen Übersetzung in unserer Stadt nicht unbedingt zu den selten gewählten gehörten. Nach solchen Erlebnissen verlegten wir uns darauf, den zudem passionierten Jäger Hosselmann eher dadurch abzulenken, dass wir zum Beispiel aus dem Fenster wiesen, auf einen in der Sonne über dem Pappelhain kreisenden, roten Raubvogel zeigten und fragten, ob das ein besonderer Bussard sei. Nein, schrie er dann wie von Sinnen, dass ist doch ein Roter Milan, aber gut, dass ihr auf so etwas achtet. Das ist ein besonders schönes Exemplar. Dumm berechnend fragten wir wie die Kleinkinder weiter nach, fragten, was denn so ein Roter Milan fresse und die Stunde war mit Sicherheit gelaufen.

Am Fahrradständer nach der Schule ging es aber auch um die eigenen Frauengeschichten, obwohl wir wussten, dass die meisten Geschichten frei erfunden waren, ergötzten wir uns an den wildesten Erlebnissen und absurdesten Wendungen. Irgendeiner, der dabei stand, wurde während einer solchen Hatz dann ausgekuckt und plötzlich wendete sich alles gegen ihn. Ihm wurde bescheinigt, dass er ja wohl bei solchen Themen gar nicht mitreden könne, weil er noch eine kleine Jungfrau sei. Wir brüllten dann vor lachen und versprachen dem Opfer, ihm am nächsten Wochenende eine richtig scharfe Braut zu besorgen, die sich dann barmherzig seiner annähme. Wir übertünchten damit unseren eigenen, furchtbar monotonen Alltag, der aus der Schule bestand, in der es sehr streng zuging und einem Elternhaus, das in der Regel in Sachen Härte mit der Schule konkurrierte. Was blieb waren meistens ein oder zwei Stunden am Tag, wo wir uns mit dem Ohr an unsere Plattenspieler verzogen und ihm lauschten, wie Oppositionelle einem freien Radiosender in einer Diktatur. Das waren auch für mich die großen Momente des Tages, wenn ich in dem kleinen Zimmer auf Jimi Hendrix lauschte, seinen irrsinnigen Gitarrenriffen und noch exzentrischeren Texten, in denen er sich dafür entschuldigte, dass er den Himmel küsste oder wie die Schlösser, die aus Sand gebaut sind, allmählich ins Meer gespült werden. Das waren Chiffren für meine Phantasie und nicht selten saß ich vor meinem Dualgerät und weinte in mich hinein, weil mich das alles so rührte.

Aber waren die Wochentage schon schlimm, weil sie nur aus Schule, Lernen, im elterlichen Betrieb helfen und früh zu Bett gehen bestanden, so waren die Wochenenden meistens das nackte Grauen. Es gab nichts.

An den Wochenenden hingen wir in unseren Elternhäusern herum, hörten uns völlig bescheuerte Radiosendungen über die Weltpolitik an und dösten vor uns hin. Wir hatten kein Geld, es gab keine Orte, wo wir uns hätten treffen können außer der Kirche, und privat konnte niemand mit viel Platz aufwarten. Das einzige, was uns rettete, war, dass wir etwas mehr Zeit hatten, um Musik zu hören. Die einzige Abwechslung war das Fußballspiel am Nachmittag, wenn TUS, der ASV oder Blau-Weiß spielten und wir uns dort treffen konnten, während die Väter direkt vom Frühschoppen dorthin auf den Platz kamen und etwas in Geberlaune waren. Wir sahen dann die Spiele und rätselten, wer es schaffen würde zu den großen Vereinen im Ruhrgebiet, schließlich gelang das hin und wieder mal einem, ansonsten sahen wir Partien, die von Härte und viel Unvermögen geprägt waren. Wir hörten uns die faden Witze der angetrunkenen im Publikum zum tausendsten Mal an und rissen unsererseits Zoten über die Witzereißer. Nach den Spielen gingen wir schlendernd nach Hause, manchmal saß noch ein Eis bei der Diele des Italieners Gamba drin und mit viel Glück saßen da noch ein paar Mädels aus der Schule, die einem dann verstohlen zuzwinkerten. Dann ging es nach Hause, Sportschau ansehen, Abendbrot, das Wort zum Sonntag der Eltern, Bett.

Die Zeit verging, wir wurden größer, begieriger nach Leben, aber es tat sich nichts. Die Sommer waren besser, da ging es an den Wochenenden und in den Ferien an den vierzig Kilometer entfernten Heidesee, wo wir eine Hütte hatten. Dort traf ich Leute meines Alters aus anderen, auch größeren Städten, die mir erzählten, was in Münster und Bielefeld oder sogar in Dortmund los war. Die Jungs aus diesen Städten hatten natürlich schon viel mehr erlebt, waren aber sehr unterschiedlich geprägt. Münsteraner wirkten hochnäsig und bildungsbürgerlich, hatten die längsten Haare und coolsten Sprüche und kannten die abgefucktesten Bands, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Sie rauchten Pot und tranken nicht und Frauen waren für sie nur ein marginales Thema. Die Brüder aus Dortmund und dem Ruhrgebiet waren ganz anders. Sie liebten die härtesten Rockbands, und je lauter und wuchtiger sie waren, desto größer war die Verehrung. Frauen waren das Thema Nummer Eins und ihr Jägerlatein trieb mir die Schamröte ins Gesicht. Sie hatten es alle schon getrieben, heftig, wild und an den unmöglichsten Orten. Sie rauchten filterlose Zigaretten, soffen gallonenweise Bier und Schnaps und donnerten dann in ihren Feuerstühlen durch die Gegend. Manchmal fuhren wir nachts in das nahe gelegene Bielefeld, dort gab es mehrere Clubs, in denen Livemusik gespielt wurde. Am Heidesee sammelte ich meine ersten Erfahrungen mit den Mädels und ich verband von da ab meine ganze Sehnsucht mit dem Heidesee.

Waren die Sommer vorbei, trat die Leere wieder ein, der Trott, die Monotonie, das dunkle Dasein. Wenn sich die Möglichkeit bot, trampte ich an den Wochenenden zu meinen neuen Bekannten vom Heidesee in deren Städte. Oder zur Freundin nach Bielefeld oder Dortmund. Dort saßen wir dann in schlechten Kneipen oder Cafés, sahen uns in die Augen und schworen uns ewige Gemeinschaft. Die Fahrten zurück empfand ich wie eine Deportation gegen meinen Willen und das ganze Elend stieg in mir auf wie ein bösartiger Saft. Fuhr ich sonntags mit dem Zug zurück, traf ich auf

Bahnhöfen Unmengen Soldaten, die in die Züge stiegen, um auf die große Panzerschlacht gegen die Russen in der norddeutschen Tiefebene gedrillt zu werden. Meistens waren sie schwer alkoholisiert und sangen Lieder vom Sterben und der Revolution, flachsten aus den Abteilen heraus und sobald eine Frau auftauchte, erscholl ein Schrei wie bei einem Tor im Fußballstadion.

Manchmal trampten wir samstags zu einem Händler auf dem Land, in Herzebrock, der hatte Parka und Jeans, verkaufte Pot und Westernhemden mit Rüschen, Ledergürtel und Springerstiefel. Der Typ war völlig durchgeknallt und schätzte seine Kunden regelmäßig falsch ein. Den langhaarigen Intellektuellen wollte er Cowboyhemden oder Springerstiefel verkaufen, den Prols lieber Pot oder Levis. Alle signalisierten ihm, er habe eine Vollmeise, aber alle kamen wieder. Hinterher standen wir stundenlang vor seinem Laden, rauchten, tranken Cola und betrachteten die abfahrenden Busse, bis der letzte gefahren war. Dann stellten wir uns an die Straße und hielten den Daumen in den Wind.

In der Schule wurde zunehmend die Politik ein Thema. Wir diskutierten über den Vietnamkrieg, den wir seitens der USA nicht für gerechtfertigt hielten. Die ersten Flugblätter der RAF zirkulierten unter den Schülerpulten, deren Sprache schreckte uns jedoch ab und diejenigen, die sich für den Sektenjargon erwärmen konnten, gingen uns am Arsch vorbei. Der Putsch der Junta in Chile war da etwas anderes, die Ermordung Pinochets traf uns sehr und wir redeten davon, dass es mal wieder Zeit sei, Internationale Brigaden zu bilden. Wir lasen vermehrt und aus Interesse, studierten die politische Literatur und wurden dadurch besser in der Schule.

Das Leben änderte hingegen nichts. Immer mehr setzte sich die Erkenntnis durch, dass diese Verhältnisse, in denen wir lebten, in dieser furchtbaren, bizarren und rückständigen Provinz, dass diese Verhältnisse nicht zu ändern waren. Und es wurde immer deutlicher, dass das alles, was wir hier durchmachten, nur der Auftakt war für das endgültige Ende. Wer blieb, würde zugrunde gehen und wer ging, hatte zumindest eine Chance. Und als Hendrix und Joplin starben, konnten wir nicht einmal mehr nachts das Radio der freien Welt hören. Der Entschluss zu gehen wuchs und die Widerstände dagegen auch. Die Auseinandersetzungen mit den Elternhäusern wurden unappetitlicher, die eigene Rigorosität stieg. Die letzten zwei, drei Jahre wurden zu einem einzigen Finale. Der Blick ging nach draußen, ins Leere, irgendwohin, wo die Hoffnung ein Zuhause hatte und nicht der Muff den Tag dominierte. Es waren die großen Städte, die reizten, ich las Hemingway und liebte den Matador. Drei Jahre vor dem Abitur verliebte ich mich in ein Mädchen meiner Schule, auch sie wollte gehen, das war es, was uns verband. Als es später soweit war, trennten sich unsere Wege. Sie ging auch, blieb aber nicht lang und kehrte zurück. Als ich das Abitur gemacht hatte, arbeitete ich noch ein paar Monate in der Fabrik. Dort lernte ich einen LKW-Fahrer kennen, der irgendwann nachts vor unserem Haus vorfuhr. Wir luden meine Habseligkeiten auf die Ladefläche und ab ging es in den Süden. In den Folgezeiten kam ich noch manchmal zu Besuch. Es zog mich immer mehr runter, jedes Mal bekam ich den Blues. Jahrzehnte liegen nun dazwischen, ein Freund ist mir geblieben. Vor kurzem fuhr ich mal wieder durch die Gegend, auf dem Weg von A nach B, nichts ist mehr so wie es war, es ist schlimmer. Ich kam auch durch Herzebrock, da, wo wir den Bussen zuschauten, wenn sie weg fuhren. Ich wollte es nicht glauben, mein Herz brach schon wieder, aber es tat nicht mehr weh.

Verborgene Mächte

Es war ein herrlicher Tag im Mai 1987, als wir uns an einem Spätnachmittag zum Mannheimer Bahnhof begaben. Die Sonne schien, es war warm und wir hatten noch etwas Zeit. So setzten wir uns am Bahnhof ins Freie und tranken in bester Laune ein Weizenbier. So nach und nah gesellten sich andere Bekannte zu uns, die ebenfalls zu unserer Reisegesellschaft gehörten. Aufgeregt war niemand, aber eine gewisse freudige Vorspannung war doch zu vernehmen. Die Reisegesellschaft stellte sich schon bei diesem kleinen Umtrunk als pittoresk dar. Neben uns, den so genannten Seiteneinsteigern, die meist einen akademischen und radikaleren politischen Hintergrund hatten, waren doch die meisten Mitarbeiter der Verwaltung, vor allem aus dem Sozial- und Jugendbereich. Hier und da dann jemand noch aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis mitgebracht wurde und so war es kein Zufall, dass verschiedene Welten aufeinander prallten. Noch war nicht absehbar, ob die Gruppenzusammensetzung mit Blick auf das Reiseziel Spannungen würde mit sich bringen. Wir genossen unser Weizenbier, rauchten noch eine Zigarette und machten uns dann auf den Weg zum Bahnsteig.

Dort konnten wir abschätzen, dass wir es mit einer Reisegruppe von ungefähr 50 Leuten zu tun hatten. Wir, d.h. meine damalige Begleitung Sonja und mein Arbeitskollege Bernhard, bildeten sogleich einen kleinen Kern, damit wir gegen die Invasion von Mitreisenden verschont wurden, die uns vielleicht schon auf der Reise auf die Nerven gehen konnten, weil sie in Erwartung unseres Zieles bereits dermaßen euphorisiert waren, dass es uns als Außenstehenden peinlich zu werden begann. Bernhard hatte noch eine weitere Arbeitskollegin akquiriert, die zwar verheiratet war, aber Bernhards Begierde dadurch nicht weniger gefährlich machte. Er schlich schon auf dem Bahnsteig um sie herum und drängte sie durch geschickte Rhetorik und das Tragen ihres Gepäcks sehr geschickt zu unserem Warteplatz. Sonja und mir war das gar nicht so unrecht, hatten wir doch dadurch einen natürlichen Schutzwall gegen die mitreisenden Missionare oder die gefährlichen Funktionäre, mit denen man zwar über alles reden konnte, nicht aber über durch sie verbreitete Langeweile.

Gut, da waren noch die eine oder der andere, die nicht in diesen Mainstream passten, und auf diese hatten wir auch gezählt, als wir uns zu der Reise angemeldet hatten. Zum Beispiel der Baujurist, politisch zwar schon immer dem sehr pragmatisch und vielleicht zu pragmatisch orientierten Lager zuzurechnen, aber durch seinen Charakter und Habitus immer für einen Fauxpas oder einen Skandal gut. Dann der Organisator der Reise, ein Sachbearbeiter aus dem Sozialamt, der immer die Gratwanderung zwischen Legalität und Kleinkriminalität unternahm von seinem Naturell her eher in die Welt der Schieber und Luden gepasst hätte. Auch er war ein Garant für Amüsement, denn die Einhundertfünfzigprozentigen aus der Gruppe und die zu erwartenden Betreuer am Reiseziel waren bekannt für ihre zur Schau getragene Pietät, ihre scharfkantige Moral und ihre Aversion gegen jeden von der

Finesse geprägten Humor. Besagte von Bernhard umworbene Christiane gehörte auch zum Kreis der Farbtupfer, sie war über jede Art der Eingeschworenheit erhaben, jung, hübsch und spontan wie sie war, wirkte sie als reale contradicio in adjecto zu den Menschen- und Schönheitsidealen der meisten Reisejünger.

Als unser Zug einlief, waren wir alle in guter Stimmung und in hoher Erwartung. Ein gewisser Teil in Bezug auf die Reise selbst, ein großer Teil in Bezug auf das Reiseziel und ein kleiner Teil, zu dem wir gehörten, in Bezug auf die zu erwartenden unvorhergesehenen Ereignisse und die sozialen Bewegungen innerhalb der Gruppe. Als wir einstiegen, fehlte irgendwie die Marschmusik, denn dann hätten schon einige feuchte Augen bekommen, bevor es so richtig losging. Doch so war es einfach nur still.

Doch wer sich nach etwas sehnt und es schnell erreichen will, der wird nicht selten vom Schicksal zur Vernunft erzogen. Zunächst trottete unser Zug nämlich in aller Seelenruhe Richtung Nord-Nordwest. Und für uns alle, die wir uns gar nicht erst großartig in den Abteilen eingerichtet hatten, weil wir doch schon in 250 Kilometer Entfernung wieder umsteigen mussten, kam es jetzt doch sehr langsam vor und wir stellten fest, dass wir in einem keuchenden, bummelnden und auch öfters ruhenden Interregio saßen, der sich alle Zeit der Welt ließ.

Christiane, Sonja, Bernhard und ich hatten uns in ein Abteil geflüchtet und lauschten belustigt den vernehmbaren Gesprächen der anderen Teilnehmer aus unserer Gruppe. Wir hatten unseren Spaß, weil wir hören konnten, wie sich Menschen, die eigentlich vor einer Reise sehr aufgeregt waren oder die sich sogar davor fürchteten, sich Mut machten. Während sich die einen versicherten, es werde sicherlich alles gut verlaufen und alles sei in besten Händen, machten die anderen sich gegenseitig eine Heidenangst, indem sie den jeweils anderen ein Ende mit Schrecken prognostizierten, was mit wieherndem Gelächter begleitet wurde, stets ein ganz verlässliches Indiz für die gewünschte Verdrängung.

Als wir Köln erreichten, war es bereits dunkel. Wir hatten den Bahnsteig zu wechseln und bestiegen nun den Zug, in dem wir uns bis zu unserem fernen Reiseziel aufhalten sollten. Als wir ihn betraten, waren einige aus der Gruppe bereits zum zweiten Mal euphorisiert, weil es sich um eine klassische Eisenbahn aus dem Land unserer Zielbestimmung handelte. In den Farben des Landes gestrichen, mit den großen Symbolen, die die Ideologie verrieten versehen, wirkte das Vehikel sogleich als Pulsbeschleuniger. Beim Betreten der Waggons bemerkten wir signifikante Unterschiede zu den funktionalen und eher massendemokratisch wirkenden Zügen der Bundesrepublik. Die Abteile wirkten exklusiv und üppig, sie waren gepolstert, natürlich ebenfalls in der Landesfarbe und insgesamt hinterließen die Abteile den Eindruck eines Wohnzimmers, zumal sie auch noch optisch sehr wirkungsvoll durch glitzerndes Gerät der Getränkeaufbereitung dekoriert waren. Außerdem konnten die Sitze in regelrechte Betten umgewandelt werden, was auch vonnöten war, da uns bekanntlich eine sehr lange Reise bevorstand.

Dieser Erkenntnis Rechnung tragend, beschlagnahmte ich mit Sonja ein solches Abteil, während Bernhard das Glück hatte, gleich nebenan mit besagter Christiane zu logieren. Beim näheren Hinsehen erkannten wir, wie sehr der zunächst augenscheinliche Pomp eine Fassade aus besseren Tagen war. Vieles war verdreckt oder defekt und die olfaktorischen Signale sprachen für eine ferne Vergangenheit. Nichtsdestotrotz machten wir es uns bequem und es dauerte nicht lang, dass ein uniformierter Bahnbediensteter der fremdländischen Eisenbahngesellschaft erschien und uns Rotwein aus seinem Land offerierte. Wir griffen zu, luden unsere Abteilnachbarn ein und verbrachten noch zwei nette Stunden in angeregter Unterhaltung.

In anderen Abteilen verfuhr man ähnlich, nur dass dort schon kräftig gesungen und gepriesen wurde. Da waren Lieder aus dem Krieg zu hören, die eigentlich so gar nicht zu einer Reise passten, die offiziell von einer Gewerkschaft veranstaltet worden waren. An den Stimmen war jedoch zu erkennen, dass es sich um Leute handelte, die eben sehr mit dem angesteuerten Land sympathisierten und dessen nationale Interessen als die ihren und ureigensten betrachteten. Anhand des Timbres war auch jetzt zu erkennen, dass sie selbst sehr bewegt waren und so manche Tonlage erinnerte mich an die Frohlockungen zu besonderen Festtagen in Sankt Marien.

Einer der wohl durch eine Bekanntschaft Angeheuerten, der auf dem Gang direkt vor unserem Abteil stand, ziemlich schwäbelte und seiner mitgebrachten Freundin Vorträge hielt, fiel aus dem bisher wahrgenommenen Rahmen. Dieser Zeitgenosse mäkelte an allem herum. Es begann mit dem Zustand der Waggons, sprang dann auf die Hygiene der Toiletten, von denen er behauptete, sie würden den Nutzer mit AIDS infizieren, um dann auf das Zugpersonal zu kommen, das er als verdreckt und dumm bezeichnete und zudem des Spitzeltums verdächtigte. Wir sahen uns nur an und schmuntzelten, denn da zeichnete sich schon ein kleiner Eklat ab, weil diese Ansichten nun gar nicht mit denen der imbrünstigen Sänger aus den anderen Abteilungen korrespondierten. Der einzige Schutz, auf den dieser Lästerkönig hoffen konnte, war der seines atemberaubend ausgeprägten Dialektes, den vielleicht kaum jemand würde verstehen können.

Nach Mitternacht verließen die anderen beiden unser Abteil und wir funktionierten es in ein doch recht bequemes Schlafzimmer um. Mittlerweile rollte der eiserne Hahn Richtung Osten und es dauerte nicht lange, bis wir einschliefen. Geweckt wurden wir morgens gegen sechs, als der Zug langsamer wurde und zunehmend rumpelte. Wir näherten uns Berlin. Vor unserem Abteil stand schon wieder oder immer noch der selbsternannte schwäbelnde Politjournalist, der wieder etwas davon in den Äther trompetete, dass doch klar sei, wie das Regime das Schienennetz habe verkommen lassen und jede Gelegenheit nutze, um durch die Nötigung mittels schlechter Qualität die Devisenspritze wieder einmal injiziert zu bekommen. Mit seinen breiten Ähs und Ehs konterkarierte er akustisch den preußisch verregneten Nachthimmel ins Bizarre und ich hatte große Lust, dem vermeintlichen Gernegroß einen harschen Hinweis zu geben, beherrschte mich dann aber doch, weil ich glaubte, dass es lustiger wäre,

wenn dieses Projekt von denen durchgeführt würde, die gestern Abend noch so schön gesungen hatten. Da kam auch schon der nicht Deutsch sprechende Bellboy und brachte uns schwarzen Tee, der wunderbar schmeckte und sehr belebte, während sich der Zug durch das morgendliche Westberlin schlängelte, aber nicht am Bahnhof Zoo hielt, sondern direkt Schleichkurs auf Ostberlin nahm. Dort angekommen, tat sich erstmal gar nichts. Überall standen graue Uniformen, die argwöhnisch in unseren Zug spähten, als suchten sie nach illegalem, feindlichem Cargo. Und obwohl wir sehr selbstbewusste Passagiere mit an Bord hatten, verstummte doch alles und es wurde nur noch im Flüsterton geredet. Vielleicht handelt es sich auch um ein deutsches Gen, das auf Autorität und Uniform reagiert. Die Reaktionen auf derartige Erscheinungen sind sicher vorhersehbar!

Mehr als eine Stunde tat sich überhaupt nichts. Dann tauchten irgendwann Offiziere der Nationalen Volksarmee auf, die im Dreierpack von Abteil zu Abteil gingen und die Reisedokumente kontrollierten. Das Ganze geschah in der Atmosphäre ausgeprägtesten Argwohns. Hatte man angenommen, die Herren seien erfreut darüber, das Interessierte aus dem Westen sich vorgenommen hatten, das große Mutterland des Sozialismus, den großen Bruder und das Vaterland aller Werktätigen zu besuchen, um doch den einen oder anderen Aspekt der Sympathie mit nach Hause zu bringen, so bemühten sich die Beamten des Staates, der im eigenen Lager immer als der des Musterschülers bezeichnet wurde, alles daran zu setzen, um die Interessierten zumindest emotional weit zurück zu setzen. Mit schnarrendem Ton wurden jedes Mal die Pässe eingefordert, auch wenn diese von allen Reisenden seit geraumer Zeit schon in den verschwitzten Händen bereitgehalten wurden. Wie auch anders erwartet, hörten wir es in sächsischem Dialekt balfern Der Reisepass!,um dann alles laut und unangenehm abzufragen, was sowieso darin stand. Die offiziellen Vertreter des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates schafften es binnen weniger Minuten, alle Mitreisenden einzuschüchtern und in eine schlechte Stimmung zu versetzen. Wir glaubten uns in einem Film über eine Diktatur vor dem letzten großen Krieg zurück versetzt.

Während die Herren mit ihren Filzmützen und grünen Tressen ihren furchtbaren Auftritt fortsetzten, mussten wir doch an der einen oder anderen Stelle schmunzeln. So passte es zum Beispiel gar nicht, dass der Kollege von der russischen sozialistischen Eisenbahngesellschaft sehr derangiert durch die Gänge schlich. Der arme Teufel hatte wohl in der letzten Nacht zu tief ins Glas geschaut. Seine grüne Ballonmütze saß mehr als schief, darunter verbarg sich kaum eine ungekämmte Frisur, aus der überall die Wirbel lugten. Und es reichte, dass er nur auf Höhe des Abteils auf dem Gang herumstolperte, um die starken olfaktorischen Vorboten reinsten russischen Wodkas deutlich zu vernehmen. Gleichzeitig gingen Mitglieder unserer Gruppe, deren Abteil jeweils kurz vor der Kontrolle war, noch schnell auf die Toilette, um die Nervosität auf den Boden des Bahnhofs Ostberlin zu spülen, was selbstverständlich auch verboten war. Selbst unsere Apologeten der Weltrevolution konnten sich aufgrund des herzlichen Empfangs in der Hauptstadt der DDR nicht zurückhalten und flohen aufs Klo.

Nachdem diese Prozedur hinter uns lag, hatten wir wieder zu warten. Wahrscheinlich saßen jetzt Dutzende von Mitarbeitern des Sicherheitsapparates vor großen Karteikästen und überprüften, ob es vielleicht doch einem Topspion des Westens gelungen war, sich in unsere Reisegruppe einzuschleichen und den Husarenritt zu wagen, mit der Eisenbahn in Moskau einzufliegen, um ein hinterhältiges Attentat auf den Kreml zu verüben. Nach weiteren eineinhalb Stunden stellte sich jedoch heraus, dass dieser Verdacht zumindest nach Geheimaktenlage nicht bestätigt werden konnte. Es war mittlerweile Mittag und nicht verwunderlich, dass die Regungen, die das Gefühl aufkommen ließen, sich auf einer freiwilligen Reise zu befinden, als die rote Lok sich langsam mit knirschendem Stöhnen in Bewegung setzte und Ostberlin Richtung Osten verließ. Hier und da hörte man sogar ein Lachen. Als ich aus dem Abteil herauskam, um mir auf dem Gang die Beine zu vertreten, sah ich doch einige blasse Mitreisende, die mit bleichen Gesichtern an einer Zigarette sogen und sich hier und da sogar ein Schlückchen Schnaps gönnten. Wenn sie allerdings geglaubt hatten, sie hätten das schlimmste hinter sich gebracht, so hatten sie sich getäuscht.

Bekanntlich ist die polnische Grenze von Berlin nicht weit und so dauerte es nicht lange, bis unsere sozialistische Maschine wieder schnaubend zum Stehen kam, und zwar auf Seiten der DDR. Wieder kamen jeglicher Freundlichkeit beraubte Seriennummern an Bord und wiederholten die ganze Prozedur von neuem. Alles ging seinen Gang, und der war sehr langsam. Nun fiel auf, dass die Wiederholung eines solchen Ereignisses dazu führt, sich selbst zu immunisieren. Plötzlich hörten wir bei der einen oder anderen Kontrolle, die doch mehr an ein Verhör erinnerten, wie auch mal geflachst wurde. Zwar gingen die Beamten nicht darauf ein und reagierten auch unwirsch. Es fiel auf, dass aber auch die Beamten anders reagierten, als sie auf selbstbewusstere Reisende stießen. Dieses war ihnen wohl unbekannt und hier und da wirkten jetzt diese leicht verunsichert. Alles, was man über die Psychologie von Unterdrückung und Widerstand wusste, zeigte sich hier bereits in ersten Konturen.

Den Vogel schoss der Baujurist ab, der zwar dafür bekannt war, dass er sowieso sein Herz auf der Zunge trug, nun aber noch dadurch ermutigt wurde, dass er anscheinend bereits kräftig am vom russischen Bahnpersonal erworbenen russischen Wodka gekostet hatte. Er ketzterte immer etwas herum und brachte die Beamten ziemlich aus der Fassung, was allerdings ohne Folgen blieb.

Nach diesem Stillstand ging es weiter, so ungefähr nach einem Kilometer Bewegung war aber wieder Schluss. Nun standen wir auf der Seite der Volksrepublik Polen und warteten erneut. Nach mehr als einer Stunde betraten dann die polnischen Grenzbeamten unseren Zug. Diese wiederum unterschieden sich erheblich von ihren deutschen Kollegen, denn sie wirkten regelrecht freundlich und sie legten durch die Art und Weise, wie sie ihrer Pflicht nachkamen, nahe, dass sie das alles als eine unvermeidliche Aufgabe ansahen, für die sie nichts konnten. Sie signalisierten mit jeder Bewegung, dass sie das alles als lästig empfanden und mit ihrer Mimik entschuldigten sie sich bei den Reisenden. Die Kontrollen gingen so auch nicht schneller, aber sie waren alles in allem wesentlich angenehmer.

Nachdem das polnische Personal den Zug verlassen hatte, setzte sich dieser nach relativ kurzer Zeit wieder in Bewegung. Langsam rollte das Museumsstück durch eine flache, trostlos wirkende Landschaft, um nach gut einer Stunde stehen zu bleiben. Dort verharrten wir zwei Stunden lang, ohne den Grund zu erfahren. Danach ging es dann endlich weiter und die Reise verlief für den Rest des Tages ohne Komplikationen. Durch die Fensterscheiben wirkte Polen öde und arm. Der Bahnhof von Warschau war ein typisches Produkt der in den siebziger Jahren vorherrschenden Ostblockarchitektur, irgendwie hatte man das Gefühl, die Tiefgarage sei der Inbegriff geglaubter Modernität.

In der Reisegruppe stabilisierten sich während des Tages die einzelnen Interessengruppen. Im Grunde konnte sie in drei Hauptfraktionen aufgeteilt werden. Diejenigen, die sich amüsieren wollten, andere, für die das Ganze eine Wallfahrt war und eine dritte Gruppe, die offen für das war, was auf sie zukam und dennoch das Gefühl mitbrachte, in Urlaub zu sein und es sich trotz aller Reisestrapazen gut gehen zu lassen. Zur letzten Fraktion rechneten wir uns.

Gemäß der genannten Fraktionierung hörte man aus einigen Abteilen regelrechte Vorträge über Geschichte und Vorzüge der Sowjetunion nebst nahezu euphorische Reaktionen über den extravagant anders schmeckenden Tee, den beeindruckenden Komfort des Zuges, die Intelligenz des Zugpersonals und die in den angebotenen, recht faden Speisen innewohnende Idee höchster Demokratie. Aus anderen Abteilen wiederum vernahm man heftiges Werben von Männern und Frauen und eine Ausgelassenheit, die auf kräftigen Alkoholkonsum zurückzuführen war. Wir selbst unterhielten uns über vieles, vor allem die von uns erlebte Ambivalenz unseres Reiselandes. Der Krieg in Afghanistan war ebenso ein Thema wie die Kredite der Bundesrepublik, die ausgerechnet ein Franz-Josef Strauß eingestielt hatte, Auf- und Abrüstungsfragen und Prognosen über den zukünftigen Kurs des Landes.

Die Stunden vergingen und allmählich hüllte die Dunkelheit die Landschaft, die wir durchfuhren ein. Am späten Abend dann kam Hektik aus den Abteilen der Apologeten auf, denn unser eiserner Hahn verlangsamte das Tempo und schlich sich an die polnisch-russische Grenze. Als er auf polnischer Seite zum Stehen kam, bestiegen wiederum Grenzbeamte unser Gefährt und kontrollierten in der gleichen ruhigen und lässigen Art wie ihre Kollegen auf der westlichen Seite. Dann kam der große Augenblick und wir liefen in Brest-Litowsk ein. Uns war bekannt, dass wir hier einen längeren Aufenthalt haben würden, da die Fahrwerke des Zuges breiter gemacht werden mussten, da die russischen Schienen nicht der sonstigen europäischen Norm entsprachen. Doch zunächst betrat das russische Personal den Zug und es unterschied sich sehr von den deutschen Grenzern, die wir erlebt hatten. Zwar ließen sie mit ihrem Auftreten und ihren imposanten Uniformen keinen Zweifel aufkommen, wer hier das Sagen hatte, doch eine gewisse Freundlichkeit war nicht zu leugnen. Sie begrüßten uns in der Sowjetunion und wünschten uns eine interessante Reise, entschuldigten sich sogar für die Unannehmlichkeiten, die das Warten wegen der technischen Arbeiten mit sich bringen würde und verabschiedeten sich mit einem schmissigen Fingerzeig an ihrer Schirmmütze.

Als wir den Brest-Litowsker Bahnhof betraten, dachten wir zunächst, wir stünden in einem Museum. Es handelte sich um ein monumentales Gebäude mit Marmorwänden, groß angelegten Treppen, edlen Holzbänken und vielen Bildern und Skulpturen. Das Genre war sozialistischer Realismus und man hatte keinen Zweifel, wo man sich befand. Überall liefen Uniformierte herum, die sich gegenseitig mit der Eleganz und Protzigkeit ihres Tenues übertrafen. Obwohl sie nicht wie lustige Zeitgenossen wirkten, vermittelten sie dennoch nicht eine Atmosphäre der Bedrohung. Ganz im Gegenteil, wir hatten zunehmend das Gefühl, hier ganz gut aufgehoben zu sein.

Ich hatte jedoch meinerseits eigenartige Anwandlungen, weil ich glaubte, ich stünde auf einem Schiffsdeck bei hoher See. Ständig glaubte ich, mich irgendwo festhalten zu müssen, weil ich das Gefühl hatte, der Boden unter meinen Füßen schwanke. Was ich zunächst als eine gehörige, ungekannte Kreislaufschwäche meinerseits deutete, stellte sich als das Resultat der langen Zugfahrt heraus. Anderen ging es ähnlich, obwohl einige aus unserer Gruppe tatsächlich schwankten, was allerdings nicht nur von der langen Zugfahrt herrührte, sondern auch auf den stetigen Wodkagenuss zurückzuführen war. Wie dem auch sei, wir setzten uns zu viert in eines der Bahnhofcafés, bestellten uns Tee und belegte Brote, die von dicken Salzgurken eskortiert wurden, und betrachteten interessiert das Treiben.

Uns wurde schnell klar, dass wir uns bereits in einer anderen Welt befanden. Neben den vielen Offiziellen in Uniform sahen wir auch ganz normale Sowjetbürger, die schlicht gekleidet waren. Sie gingen sehr direkt, aber nicht rauh miteinander um und strahlten eine Art würdiger Bescheidenheit aus. Meist aßen sie etwas Mitgebrachtes und tranken dazu Tee aus Thermoskannen, hier und da rauchte jemand die eigenartig geformten russischen Zigaretten mit Machorkatabak. Aber selbst wie sie mit der Zigarette umgingen, deutete auf eine andere Existenz hin. Sie zelebrierten regelrecht das Entzünden und Inhalieren und sie ließen sich Zeit, sehr viel Zeit. Bis zum letzten Glimmen, behielten sie die Zigarette in der Hand und dann entsorgten sie sie mit der gleichen Ruhe und Beschaulichkeit. Und es fiel noch auf, dass fast alle das Warten auf diesem Bahnhof damit verbrachten, etwas zu lesen. Ob Zeitungen oder Bücher, auch die Art und Weise, wie diese Menschen mit ihrer Lektüre umgingen, erweckte den Eindruck, als seien sie alle Leseratten. So wie es schien, lasen sie langsam, bedächtig, sahen immer mal wieder auf und ließen ihren Blick schweifen, folgten den imposanten Bahnhofswänden entlang ihren Gedanken und nahmen dann sehr konzentriert die Lektüre wieder auf. Liebevoll blätterten sie um, um fortzufahren, manchmal auch zurück, um sich noch einmal zu vergewissern, wie die Textur konzipiert war und miteinander zusammenhing. Sie hatten eine ungeheure Geduld bei diesem Vorgang und ich konnte mich nicht der Assoziation erwehren, dass sie nicht nur konsumierten, was sie da lasen, sondern mit den physisch gar nicht anwesenden Autoren auch kommunizierten, und zwar in ganz gepflegter, zivilisierter und respektvoller Weise. Diese Beobachtungen machten mich sehr neugierig und bewegten mich tief, zeugten sie doch von einer hohen Kultur, die andernorts schon längst nicht mehr als Massenerscheinung erlebt werden konnte.

Als wir irgendwann nach Mitternacht unseren Zug wieder bestiegen, waren wir alle sehr müde und schalteten das Licht in unserem Abteil schon bald aus. Bevor ich einschlafen konnte, ging mir vieles durch den Kopf, denn mir war klar, dass ich auf dieser Reise noch einiges erleben sollte, dass die Bilder und Vorstellungen, mit denen ich aufgebrochen war, in Frage stellen und vieles als Trug verwerfen sollte.

Und das ging gleich damit an, als wir am nächsten Morgen aufwachten und aus dem Fenster sahen. Wir hatten irgendwie gedacht, alles ginge nach dem Grenzübertritt in Brest-Litowsk doch gar nicht mehr so lange. Nun war der Zug bereits wieder acht Stunden gefahren und als ich mich auf der Karte vergewisserte, wie weit es noch bis Moskau war, wurde mir klar, dass noch ein gutes Stück vor uns lag. Während wir unseren Tee tranken und das Frühstück einnahmen, sahen wir die Landschaft Weißrusslands, eine riesige Ebene, die immer nur durch große Birkenwälder aufgelockert wurde. Die Dimension wurde uns bewusst, weil wir Stunde um Stunde fuhren und sich an dem Ausblick nichts änderte. Natürlich wussten wir das aus Atlanten und Büchern, aber es zu erleben, war eine andere Geschichte. Hier und da erblickten wir ein kleines Dorf aus bunt bemalten Holzhäusern und es schälte sich aus den optischen Eindrücken eine Kulisse, die in den Büchern der großen russischen Romanciers des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts eine Rolle gespielt hatte. Die Sowjetunion, die große Weltmacht und Gegenspielerin der USA, hier zeigte sie uns ihren weißrussischen Vorhof, der wohl auch so aussah, als Tolstoi den französischen Feldzug Napoleons gegen Moskau beschrieb und den die Wehrmacht bei ihrem Angriff erlebt hatte. Aus der Retrospektive gerann der Eindruck, dass die auch aus den Aspekten der Zivilisation unveränderte Weite per se eine demoralisierende Wirkung auf jeden Eindringling haben muss. Vielleicht ist die Präferenz der Amerikaner auf den interkontinental-ballistischen Krieg auch auf diese Erkenntnis zurückzuführen. Soldaten, und sei es auch mit modernen Fahrzeugen, die in feindlicher Absicht diese Weite durchqueren müssen, werden unweigerlich in ihrer Psyche schwer geprüft. Kilometer um Kilometer müssen sie denken, sie liefen ins Leere. Die Uniformität der Landschaft ist ein gewaltiger Feind, die Leere und Gleichgültigkeit der Besiedlung muss wirken wie eine schallende Ohrfeige. Alles vermittelt den Eindruck der Vergeblichkeit und Unüberwindbarkeit.

Wir ließen das alles auf uns wirken, gut gelaunt und wohl wissend, dass wir nicht als Invasoren, sondern als Neugierige mit friedlicher Absicht in die Sowjetunion eindrangen. Die Ebene, die Birkenwälder, die verträumten Dörfer und der grandiose Himmel, der ein einzigartiges Gegenstück zu der Monotonie der irdischen Erscheinungen abgab, versetzten uns in einen Zustand der gelassenen Reflexion und Unterhaltung.

Erst als wir bemerkten, dass die Birkenwälder verschwanden, vermehrt städtische Ansiedlungen auftauchten und der Himmel bedächtig das Tageslicht aus seinem Auftritt verbannte, wurde uns bewusst, dass wir unserem Ziel näherten. Unsere Reisegruppe wurde reger und eine gewisse Aufregung machte sich breit.

Und schließlich drosselte unsere rote Lok das Tempo und schlich sich durch trostlose Steinwüsten an den Kern Moskaus heran. In der Abenddämmerung liefen wir in den weißrussischen Bahnhof der Metropole ein. Wir wurden am Zug von einer russischen Delegation empfangen und sogleich unserer Reiseleiterin Nina vorgestellt, die sehr reizend wirkte und auffallend gelassen daher kam, wenn man bedenkt, dass mehrere Dutzend und sehr unterschiedlich auftretende Westler laut spektakelnd auf den Bahnsteig strömten und durch ihr Auftreten die eigene Verunsicherung zu übertünchen suchten.

Der weißrussische oder auch manchmal Minsker genannte Bahnhof, in dem die Züge aus dem Westen eintreffen, machte großen Eindruck durch seine Dimension und Architektur. War schon der von Brest-Litowsk für unsere Gewohnheit eine ungewöhnliche Erscheinung, so hatte dieser etwas durch Form und Material von einem klassischen Tempel. Wie wir später auch anhand der Moskauer Untergrundbahn sehen sollten, steckte auch dahinter ein tieferer Sinn. Das neue Russland hatte der Mobilität regelrechte Tempel gebaut, dem Bewusstsein geschuldet, dass ohne die Überwindung der Weite durch Massentransport- und Kommunikationssysteme der Wettlauf mit dem infrastrukturell überlegenen Westen eine einseitige Angelegenheit bleiben würde. Die rote Lokomotive wurde zu einem frühen Kollektivsymbol, ebenso wie das Telefon.

Als wir den Bahnhof verließen und zu einem Bus geleitet wurden, der uns zu unserem Hotel bringen sollte, blickte ich mich noch einmal um und sah diesen Tempel und den über ihm stehenden Abendhimmel, eine Komposition, die bezauberte und einen Stich der Melancholie setzte, für die dieses Land so bekannt ist.

Das Hotel, in dem wir untergebracht waren, war zur Olympiade sieben Jahre zuvor gebaut und eingeweiht worden. Seitdem gehörte es einer russischen Einzelgewerkschaft, die es dazu nutzte, dort internationale Gäste unterzubringen. Es fiel auf, das vieles nach den wenigen Jahren bereits in einem sehr schlechten Zustand war. Fensterrahmen waren undicht, Wasserleitungen tropften, Farbe blätterte ab, ein Aufzug fuhr nicht und manche Lampen hatten den Geist aufgegeben. Es handelte sich um ein 30stöckiges Hochhaus und auf jeder Etage saß eine uniformierte ältere Dame, die einen kleinen Kiosk betrieb und wohl darüber wachte, dass nichts Unrechtes geschah, was immer das auch sein sollte. Wir waren alle froh, endlich angekommen zu sein und regten uns bis auf den ewig krittelnden Schwaben nicht über die kleinen Misslichkeiten auf. Nachdem wir unsere Sachen in den Zimmern deponiert hatten, trafen wir uns alle im Speisesaal, wo wir zunächst offiziell von einem Gewerkschaftsfunktionär begrüßt wurden, der viel von Internationalismus, Frieden und Völkerverständigung sprach. Dann gab es ein deftiges Abendessen mit Blutwurst, Bratkartoffeln, Gurken, Roter Beete, dunklem Brot, leichtem Bier und sehr würzigem Wodka, wie der Baujurist bemerkte. Dieser ließ sich das Gesöff immer wieder reichen und zwinkerte bereits mit schwerer Zunge einigen Damen aus unserer Gruppe recht unzweideutig zu, was sogar bei der einen oder anderen auf äußerst positive Resonanz stieß.

Da wir wussten, dass uns eine sehr anstrengende Zeit bevorstand, hielten wir uns nicht mehr lange nach dem Essen auf und gingen auf unser Zimmer. Es war eine Wohltat, kein Zugrollen zu hören und nicht das Gefühl zu haben, unaufhörlich fortbewegt zu werden.

Am nächsten Morgen trafen wir uns alle wieder im Speisesaal zum Frühstück, das sich nicht sonderlich vom Abendessen unterschied. So waren wir wie zu einem Ernteeinsatz vorbereitet, als wir zum Bus gingen. Zunächst stand eine Stadtrundfahrt auf dem Programm. Es war ein sehr kalter Tag im Mai, aber die Sonne schien und durch die klare Luft war alles sehr scharf konturiert. Es wurde sehr schnell deutlich, dass Moskau eine gewaltige und aufregende Stadt ist. Nicht nur, dass wie in anderen großen Metropolen die Dimension und die Existenz unterschiedlichster Gesichter und Formen beeindrucken, nein, hinter jeder Erscheinung lauerte etwas Geheimnisvolles und Gewaltiges. Ob es große Sportstadien waren, die Wolkenkratzer aus der Stalinära, die klassizistischen Gebäude aus der Zarenzeit oder die großen Wohnblocks der Jahrhundertwende. Zentral für jedes urbane Erscheinungsbild sind und bleiben aber die Menschen. Und sie unterstrichen den Eindruck, dass hier eine ungeheure Ruhe und Kraft und jede Menge Energie zuhause war. Es wurde ebenfalls deutlich, dass Moskau die Hauptstadt eines Vielvölkergebildes war. Menschen unterschiedlichsten Aussehens, unterschiedlicher Kleidung und unterschiedlichen Habitus beherrschten die Straßen und Plätze. Von letzteren gab es unzählige und von der Größe gewaltige, was in Kombination zu den großen Paradestraßen, die man hier Prospekte nennt, von einer Hauptstadtarchitektur zeugt, in der das Militär und seine logistischen Bedürfnisse die primordiale Rolle gespielt hat. Durch die Breite der Straßen und die großen Plätze liegen die Gebäude, so groß sie auch sein mögen, immer weit auseinander und Moskau ist dadurch eine Stadt, die immer und überall sehr viel Himmel bietet. Die Weite des Landes wird den Menschen, die in dieser Stadt wandeln, stets durch die ungeheure Dimension des wahrnehmbaren Himmels widergespiegelt. Alleine diese sinnlichen Wahrnehmungen trugen dazu bei, Moskau als etwas andersartiges zu erleben, als wir es in Deutschland kennen, vielleicht mit der nach Anstrengung auffindbaren Analogie zum Konzept Berlins.

Meine Begeisterung war jedenfalls groß, entsprachen doch diese Wahrnehmungen einem Gefühl und Bedürfnis meinerseits von Licht, Größe und Klarheit. Umso enttäuschter war ich, als wir endlich den Kreml erreichten, der zwar von seiner Dimension her auch beeindruckte, aber durch die Architektur eher an das Design einer verträumten Puppenstube erinnert. Der Rote Platz jedoch war eine Erscheinung, die den vorherigen Bildern entsprach und seine Inszenierung war grandios. Zunächst das ewige Feuer für die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges, jenes Gemetzels, das letztendlich dazu beitrug, Deutschland und Europa von dem faschistischen Größenwahn und Völkermord zu befreien. Es wurde bewacht von Elitesoldaten und umrandet von einem Meer von Blumen, die von Menschen jeder Altersklasse niedergelegt wurden. Junge Paare, die sich an den Händen hielten, alte Frauen, die viel besungenen russischen Mütterchen, ärmlich gekleidet

und gebückt vielleicht ihrem ehemaligen Liebsten einen Besuch abstatteten, der ihr irgendwo in der russischen Weite genommen worden war, als sie noch ein junges Mädchen war und die Veteranen! Alte, stolze Männer, dekoriert mit Orden aus diesem bluthungrigen Krieg, die es überlebt hatten und davon zehrten, Akteure wirklich großer Geschichte gewesen zu sein. „Moskau glaubt nicht an Tränen!“

Die Ruhe und Würde, die hier vor diesem Mahnmal herrschten, erzeugten ein seltsames Gefühl der Erhabenheit. Und das Verhalten der Menschen, die ich in ihren Handlungen und Gesten beobachten konnte, verriet weniger Zeichen klassischer Trauer, die mehr von Verzweiflung und Selbstmitleid geprägt ist, sondern von einem Gefühl, eine große, wenn auch schmerzhafte Rolle mitzuspielen, die in dem großen Plan von Bedeutung war. Die Trauer vor diesem ewigen Feuer am Roten Platz war eine Geste der Macht.

Im Gegensatz dazu wirkte das Lenin-Mausoleum grotesk. Ebenfalls bewacht von Elitesoldaten, die sich im Stechschritt ablösen ließen, beherbergt es die pergamentene, artifizierte Hülle des großen Revolutionärs. Wie in Rom vor dem gewaltigen Dom oder in Mekka vor dem schwarzen Stein standen unzählige Menschen aller Herren Länder an. Auch wenn aus dem Verhalten der meisten Menschen hier Andacht sprach, kam mir unweigerlich der Spott Oskar Maria Grafs ins Gedächtnis, der bereits 1934 anlässlich des Vierten Allunionskongresses der Sowjetschriftsteller eine Einladung nach Moskau erhalten hatte und bei Ansicht des Leninkadavers im Mausoleum zum Entsetzen aller ausgerufen hatte „Da liegt ja euer Schneewittchen!“ Da ich mir selbst ähnliche Gemütsregungen zutraute, verzichtete ich darauf, mich anzustellen.

Eine weitere Attraktion am Roten Platz, vis-a-vis von der Kremlmauer, ist das große Kaufhaus GUM. Wir hatten bereits in Reiseführern davon gelesen und es war dort gepriesen worden als ein Eldorado der Einkaufsmöglichkeiten. Letzteres stellte sich als eine ungehörige Übertreibung heraus, zu registrieren war eher das Sortiment und die Güte eines mittleren Kaufhauses irgendwo im Westen. Es war zwar voll, aber teilweise gestapelt mit den gleichen Waren bis zur Decke, d.h. es konnte die Tücken der Planwirtschaft kaum verbergen. Von der Architektur war das GUM allerdings ein Leckerbissen, weil es sich in das Ensemble des Roten Platzes sehr gut einfügte und sogar den Eindruck zuließ, als gäbe es eine Symbiose von Ästhetik und Konsum. Dieses am Roten Platz in Moskau vermittelt zu bekommen, war schon bemerkenswert. Darüber hinaus konnten wir eine Beobachtung machen, die an Signifikanz kaum zu überbieten waren.

Nachdem wir etwas gekauft hatten, gingen wir zur Kasse, an der stämmige Russinnen mittleren Alters saßen, die die Waren aus dem Korb nahmen und den Preis in eine elektronische Kasse eintippten. Anscheinend waren diese Kassen neu und das non plus ultra in der Sowjetunion. Jedenfalls schienen die Damen diesem digitalen Hexenwerk noch nicht so recht zu trauen, denn sie checkten den elektronisch berechneten Betrag manuell an einem daneben aufgestellten Abakus in alt bewährter Weise gegen.

Die ersten Eindrücke Moskaus hatten uns bereits gefangen, als uns dahin gehend die Rechnung präsentiert wurde, als dass wir in den folgenden Tagen immer einmal wieder von einer Gewerkschaft, einem Verband, einer Assoziation oder sonst etwas empfangen wurden. Meist in recht funktionalen Räumen mit viel Revolutionssymbolik an den Wänden, erbärmlich schlechten Vorträgen mit eine grausamen Rhetorik, langweiligen Diskussionen und schrecklich dürftigen Fragen, die unser Interesse dokumentieren sollten. Spannend hingegen war alles, was uns die Möglichkeit gab, das Leben der Russen in dieser Metropole unter die Lupe zu nehmen. Und wenn es auf dem Friedhof war.

Ein Besuch, der uns auf einen so genannten Heldenfriedhof führte, zeigte uns nicht nur sehr viele Kuriosa, sondern auch ein Verhalten, das dem sehr nahe kam, was in der Weltliteratur als die Russische Seele bezeichnet wird. Erstere bestanden aus der Grabarchitektur mit den dazu gehörenden Symbolen. Zu den hier gepriesenen Helden gehörten selbstverständlich viele Militärs und Generäle aus dem Großen Vaterländischen Krieg. Sie hatten sich Grabmale errichten lassen, auf denen Panzer rollten, über die Flugzeuge jagten oder hervorpreschende Soldaten mit Sturmgewehren in der Hand zu sehen waren. Dort war die Büste eines telefonierenden Parteisekretärs, an einem anderen Grab wiederum konnten wir eine Lokomotive bewundern. Bis hin zu einem E-Werk waren alle Symbole der frühen Sowjetrepublik vertreten und die Helden waren wahrhaft heroische Rauhbeine, die selbst nach Segnung des Zeitlichen noch mit triumphalem Blick und herrschaftlicher Geste das Totenreich regierten.

Immer wieder aber sahen wir Gräber, die zu der Aura des Wehrhaften und Hervorstürmenden gar nicht passten. Es waren die Stätten, die in einem Blumenmeer ertranken und an denen sich die meisten Menschen versammelten. Dort hatten Schriftsteller, Opernsängerinnen, Balletttänzerinnen und Regisseure ihre letzte Ruhe gefunden. In Bezug auf die Resonanz der Anwesenden auf dem Friedhof handelte sich bei diesen um die wahren Helden des russischen Volkes. Ähnlich wie am Grabmal des Unbekannten Soldaten versammelten sich an den Gräbern der großen Worte, Stimmen und Gesten Moskaus die meisten Menschen, alle brachten etwas mit und niemand derer, die hier erschienen, war in Eile. Sie alle warteten mit der großen Tugend dieses Landes, der Zeit, auf, und schenkte dem Gedenken an diese Toten und der Meditation über ihr Wirken uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Nichts konnte sie stören und man sah ihnen an, dass sie sich wohl fühlten und ihre imaginären Dialoge mit der Schattenwelt sichtlich gut taten. Die ungeheure Dimension dieses Landes wie seiner Geisteswelt wurde wiederum deutlich, genauso wie die Nichtigkeit des Aktuellen, schnell Verbrennenden, im Rausch der Moden Entstandenen oder im Lotterbett der Kolportage Erzeugten. Mit der Referenz an die verstorbenen Künstler zeigten diese Menschen, wie universal doch die Kunst und wie banal doch die den Tag bestimmende Politik war. So grotesk es auch anmutete, wieder tat sich eine neue Sphäre auf, in der ganz andere Machtverhältnisse aufschienen, als die, die wir bei unseren Besuchen und Diskussionen vermittelt bekommen sollten. Selbst hier in Moskau konnte man innerhalb weniger Tage bereits des zweite Mal sehen, das es eine Macht jenseits des Unmittelbaren gab, die eigentlich das Land bestimmte.

Wir hatten wieder einmal einen programmreichen Tag hinter uns gebracht, als mich der illustre Reiseorganisator unserer Gruppe beiseite nahm und mir zuraunte „Heute Abend im Hotel Rossija, ich zähl auf dich.“ Was immer er auch damit gemeint haben mag, ich wusste sofort, worum es ging. Nach dem Abendessen saßen wir noch etwas zusammen im Speisesaal, tranken Bier und Wodka und unterhielten uns, während eine bestimmte Gruppe bereits zwinkernd Richtung U-Bahn gegangen war. Als sich dann meine Gesprächsrunde aufzulösen begann, fragte ich, ob mich jemand ins Rossija begleiten wolle, weil ich mir dort mal ansehen wollte, was die anderen dort trieben. Nachdem aber alle verneint hatten, ich aber auch bereits genug Wodka getrunken hatte, um mich als stärkster Mann der Welt zu fühlen, verließ ich das Hotel, stellte mich an eine sehr befahrende Straße und begann zu trampen.

Wahrscheinlich war ich der erste Mensch, der sich in Moskau auf diese Weise auf die Reise begab und so war es umso erstaunlicher, dass schon nach kurzer Zeit ein Auto hielt, welches sich als Taxi heraus stellte. Der Fahrer winkte mich zu sich und zeigte, dass er die Uhr abstellte. Also stieg ich ein und wir begannen, nachdem ich mein Reiseziel genannt hatte, eine Konversation, die sich auf sehr brüchigem Englisch bewegte und somit nichts sonderlich Gravierendes hervor brachte. Der Fahrer war einfach ein netter Mann, der einem Ausländer aus dem Westen weiter helfen wollte. Wir fuhren recht schnell durch das nächtliche Moskau, ich hatte ihn so verstanden, dass er sich auf dem Heimweg nach seiner Schicht befand und ab und zu deutete er auf ein Gebäude und nannte seinen Namen. Als er die Lubianka zeigte, ein gewaltiges Monument des Misstrauens und Sitz des KGB, da wurde sein immerwährendes Lächeln durch betretenes Schweigen ersetzt. Ich vermied es, mich durch irgendwelche Nonchalance meinem hilfsbereiten Fahrer gegenüber zu blamieren und mir wurde für einen Augenblick bewusst, dass dieser Mann mich wiederum uneingeschränkt in seinen Händen hatte. Da war es mehr als angebracht, dass Symbol der Diktatur und Unterdrückung durch nichts zu kommentieren.

Insgesamt jedoch war die Fahrt eine nette, trotz aller Verständigungsschwierigkeiten unterhaltsame Angelegenheit und als die Moskwalimousine vor dem Rossija hielt, tat es mir schon fast leid, den Mann alleine nach Hause fahren lassen zu müssen.
Das Hotel selbst war wohl eines der größten Moskaus und wirkte sehr westlich. Nachdem ich die Empfangshalle durchschritten hatte, griff mich ein Livrierter auf und führte mich Richtung „Club“, der diskret außerhalb der ersten optischen Wahrnehmung verborgen war. Als ich dann dort eintrat, wurde ich unter lautem Hallo unserer gewerkschaftlichen Avantgarde begrüßt, alle ziemlich angetrunken, in wildester Art gestikulierend und mit der ein oder anderen russischen Parteigenossin im Arm, gekleidet in transparente Bustiers, Hotpants und Strumpfbändern in Parteifarbe. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Delegation der Sensualistischen Internationale, die den Genossen aus dem kapitalistischen Westen die Vorzüge der direkten Sexualdemokratie hautnah spüren lassen wollte, gegen Devisentransfer versteht sich. Die Delegation war hübsch, diskret, wirkte durchtrainiert und regelrecht athletisch, während die Genossen aus dem Westen meist fettleibig, angetrunken, ausfallend und sehr leistungsgemindert daher kamen.

Ich setzte mich zu den Schreihälsen, was blieb mir schon übrig, und versuchte für den kürzest möglichen Zeitpunkt gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und schon hatte ich eine sehr nette Nachbarin, die es mir tatsächlich mit ihren ungewöhnlichen Avancen schwer machte, die Contenance zu wahren und mich auf anderes zu konzentrieren. Dafür schoben einige Mitglieder aus unserer Reisegruppe immer mal wieder mit einer reizenden Eskorte unter großem Gejohle in ein Separee ab. Sah man genau hin, so wurde auch klar, dass immer mal wieder ein Gast dabei war, der mit dem geübten Auge der Staatsmacht das treiben verfolgte und sich so seine Gedanken machte, wer aus der Schar es wohl wert war, näher betrachtet oder gar angesprochen zu werden. Die ganze Situation wirkte grotesk, war andererseits aber auch sehr treffend. Sie zeigte das Dilemma eines Systems, das zur Erreichung der Macht und des Einflusses immer wieder die Moral bemühte, aber hier, im eigenen Zentrum, die Schöße der eigenen Töchter feilbot, um die Devisen zu bekommen, die als Preis für den Konkurrenzkampf immer wieder in Rechnung gestellt wurden. Wie immer in solchen Situationen, fiel mir ein schönes Zitat ein, mit dem ich gerne den Zugang zu den Separees geschmückt hätte, natürlich Berthold Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“

Als unser allseits geschätzter Baujurist mit zwei Schönen an seiner Seite auf einen der roten Salons zusteuerte und lauthals die Weltrevolution pries, machte ich mich daran, einige der Angeschlagenen einzusammeln und diesmal ein reguläres Taxi zu bestellen. Ich war froh, als wir das Hotel verließen, diese Seite der Revolution war mir doch zu profan und ich schämte mich für manche Reisegenossen, die alles bewiesen hatten, nur keine Klasse.

Als wir am nächsten Morgen das Frühstück einnahmen, konnten wir auf manchem Gesicht die Faustschläge des Genusses der letzten Nacht noch sehr deutlich sehen. Uns war es wurscht, weil Sonja und ich uns quasi von der Gruppe frei genommen hatten und vorhatten, einen Privatbesuch zu machen. Sonja hatte aus ihrer Verwandtschaft eine Adresse von einem Ehepaar, das irgendwie zur Familie gehörte und die sehr nett sein sollten. Da wir wirklich einmal in einen echten, normalen, unpräparierten russischen Haushalt blicken wollten, hatten wir uns nicht davon abbringen lassen, von der Besichtigung eines weiteren Kombinats abzusehen.

Wir verließen unser Hotel, die Sonne schien und Moskau lag uns zu Füßen. Wir machten uns zu Fuß auf zur nächsten U-Bahnstation und versuchten uns in diesen Kathedralen der Bewegung zurecht zu finden. Das schwierigste war natürlich die Dechiffrierung des Kyrillischen auf den Linienplänen, die Hallen und Wege selbst waren sehr klar konzipiert und durchdacht. Erstaunt waren wir von dem Tempo, in dem alles vonstatten ging, die Russen jagten in atemberaubender Geschwindigkeit und großen Horden durch ihre Metro, sie waren sehr bestimmt und fokussiert und als Wankelmütiger hatte man kaum eine Chance. Dennoch fanden wir unseren Weg, stiegen zweimal um und landeten in einem vielleicht zehn Kilometer vom Zentrum gelegenen Stadtteil, wuchtig, urban, unaufgeregt und außerhalb des Präsentationsspektrums.

Da wir schneller dorthin gekommen waren als beabsichtigt, schlenderten wir noch etwas durch das Viertel, um einen Eindruck zu bekommen. Auch hier hatten wir es mit sehr breit angelegten Straßen zu tun, die alle von Bäumen gesäumt wurden , die wiederum den Abschluss sehr geräumiger Fußgängerbereiche andeuteten, die an den symmetrischen Wohnblocks entlang liefen. Im Parterre dieser Blocks, die aus den dreißiger Jahren zu stammen schienen, waren Läden, die das anboten, was man immer mal gut gebrauchen kann, ohne eine längere Reise in Kauf nehmen zu wollen. Aber im Gegensatz zu dem Sortiment der Kleinhändler solcher Komplexe in unseren Breitengraden konnte man nach genauerem Hinsehen und längerem Ablaufen das Sortiment auf vier Begriffe reduzieren: Bücher, Zeitungen, Tabak, Tee. Alles andere suchte man vergeblich. Wenn das, so witzelten wir für uns, den häuslichen Grundbedarf des typischen russischen Haushalts ausmachte, dann hatten wir es mit einem Literatenvolk par excellence zu tun. Die Menschen, die uns begegneten hingegen konnten alles sein, sie wirkten von der Kleidung eher ärmlich, von ihren Gesichtern her aber kultiviert und gebildet.

Nach einem herrlich bitteren Tee im Stehen aus einem verbeulten Samowar auf der Straße wagten wir uns endlich an das Haus von Wassili und Helena, wie die Bekannten aus Sonjas Familie hießen. Als wir das Haus erreicht hatten, wurde uns bewusst, wie viele Wohnungen tatsächlich in solch einem Block waren und wir mussten ewig suchen, bis wir den Namen in diesem kyrillischen Meer auf Messing gefunden hatten. Wir läuteten aufgeregt und es dauerte nicht lange, bis ein knarrendes Summen uns das Einverständnis signalisierte, uns der Wohnung zu nähern, denn die Tür war bereits offen und war wohl nie zu. Wir durchquerten lange Flure und stiegen immer wieder ausladende Treppen hinauf, bis wir endlich am Ende eines Flures vor einer Abschlusstür einen etwas gebeugten, ergrauten Mann sahen, der uns anlächelte und zuwinkte.

Wir blickten in ein schlaues, faltiges Gesicht mit sehr wachen, grünen Augen. Wassili begrüßte uns herzlich, schüttelte uns immer wieder die Hand und Sonjas ließ er gar nicht mehr los. Er sprach ein gutes Deutsch mit einem deutlich russischen Akzent, vor allem unser H kam als rauhes CH aus seinem knarrenden Kehlkopf. Wassili führte uns wiederum durch einen dunklen Flur, der flankiert war mit Bücherregalen vom Fußboden bis an die Decke in ein kleines Zimmer, in dem die Wände ebenfalls einer antiken Bibliothek glichen und nur ein kleiner quadratischer Tisch stand, auf dem Zeitungen, Bücher, Skripte und Notizzettel lagen, die Wassili sorgfältig in seine Hände nahm und in kongruenter Ordnung in einer Zimmerecke auf den Boden legte. Er bat uns, doch an dem Tisch Platz zu nehmen und während er noch mit der Ablage seines Skriptenberges beschäftigt war, betrat seine Frau Elena mit einem Tablett in beiden Händen der Raum, auf dem Gläser mit dampfendem, schwarzen Tee, dicken, bleichen Salzgurken und einem eisgekühlten Fläschchen Wodka standen und das sie vorsichtig, unter einem warmen Lächeln auf den Tisch stellte. Auch sie begrüßte uns in gutem Deutsch und erkundigte sich sogleich bei Sonja nach dem Befinden der Mutter. Elena und Wassili setzten sich zu uns an den Tisch und wie von einer übermächtigen Regie geführt, entspann sich ein zwangloses,

sehr vertrautes Gespräch. Es begann damit, dass sich die beiden nach unserer Reise und dem erkundigten, was wir bereits unternommen und gesehen hatten und ging dann zurück auf unsere Lebensverhältnisse in Deutschland. Ehe wir uns versahen, hatten sich unsere Gastgeber durch ihre unauffällige, behutsame Art und ihre dezenten Fragen in die Rolle derer gebracht, die sich über uns und unser Land erkundigten, obwohl wir es doch waren, die dieses machen wollten. Sie taten das sehr klug und erfuhren von uns alles, was sie wissen wollten. Was uns etwas befremdete war die Kenntnis, die sie selbst von Details aus der bundesdeutschen Tagespolitik hatten, obwohl sie doch über keinerlei Zeitungen, Fernsehsender oder sonstiges verfügten, denen sie derartige Informationen hätten entnehmen können. Als wir so langsam unruhig wurden und danach trachteten, das Gespräch in die Bahnen zu lenken, die mehr unser Interesse erregten, klatschte Elena in die Hände und rief

„Aber ihr mösst chungrig sein, kostet doch von den solzigen Jurken und nähmt was von dem Brott! Und geniert euch nächht, nämt ruhig ein Schlückchhen Wadka, das wärmt das Härz. Und außerdäm: Lasst ons von Mötterchen Rossland sprächen, deschalb seid ihr doch chier!“

Wir nahmen diese Angebote gerne an und begannen damit, unsere Gastgeber zu löchern. Schon bald wussten wir, dass beide Lehrer waren, die ihren Beruf allerdings nicht ausübten und sich irgendwie mit Arbeiten über Wasser hielten, die in gewisser Weise ihrem Bildungsstand entsprachen. Sie erzählten uns nicht, weshalb sie nicht in ihrem eigentlichen Beruf arbeiten konnten und sie klagten nicht. Sie lebten hier in einer kleinen Zweizimmerwohnung, eingerahmt in abgegriffene Dokumente der Weltliteratur, tranken viel Tee, rauchten Machorka, aßen mäßig, lasen, bis die müden Augen brannten und schrieben, bis die kalten Fingerknöchel schmerzten. Das war ihr Leben, das war ihre Bestimmung. Es dauerte natürlich nicht lange, bis uns weder die Bundesrepublik noch die Sowjetunion mehr interessierten und wir uns in der Welt der Literatur befanden.

Die Diskussion drehte sich nicht um die Wahrheit, was man in einem Land wie der UdSSR hätte vielleicht erwarten können, sondern um die Wahrhaftigkeit, was einem tiefsinnigen Menschen näher liegen musste, einem Westler meiner Generation aber zunächst nicht gleich in den Sinn kam. Wassili gab mir eine Lektion, die ich mein Leben lang nicht vergessen sollte. Denn die Wahrheit, das sei eine zu bestechliche Größe, da wirkten viel zu viele Einflusse und Sinnestrübungen mit, um ihr Wesen noch erkennen zu können. Die Wahrhaftigkeit hingegen, das sei etwas, wo jeder Einzelne die Probe aufs Exempel geben müsste, sozusagen die Adaption des Faustischen im Guten. Wenn du wahrhaftig sein willst, so kannst du am Ende jeden Tages dein Werk und dein Tun überprüfen und zu einem untrüglichen Ergebnis kommen. Literatur sollte nach Wahrhaftigkeit streben, sie sollten die kleinen Dinge zum Maß erheben, das Profane zur kosmischen Philosophie, das Erleben zum Leben und das Einfache zum Sein. Das Große, so Wassili, das liegt im Kleinen, der Mikrokosmos ist das eigentliche Geschehen, aus dem die Weltliteratur ihren

Reichtum schöpfen muss. Das habe der Westen nie so richtig begriffen. Dort sei die Proklamation des Globalen schon Globalität, die Ankündigung des Universalen schon Universalität und die Verkettung unscharfer Attribute schon Tiefe. Hingegen verachte man oft das Detail, man drücke ständig auf den Handlungsstrang und ertrage keine Stille. Das sei nicht das Format der menschlichen Existenz, welches die Literatur liefern müsse. Das Menschsein mit seiner so genannten Trivialität sei genau das, was die Welt ausmache. Die wahren Turbulenzen der menschlichen Existenz seien nur durch das scharfe Auge des unaufgeregten Beobachters zu erspähen.

Was, so fuhr Wassili fort, indem er wieder einmal diesen bitteren Tee eingoss, was siehst du denn, wenn du mit deinen westlichen Augen hier nach Moskau kommst? Du siehst die UdSSR, wie sie derzeit organisiert ist und das gesellschaftliche Leben regelt. Aber genau das ist nicht das Sein. Das wahre Russland führt eine andere Existenz, die russischen Menschen haben andere Werte, sie organisieren ihr Leben anders und sie sehen die Welt durch ganz andere Augen. Was euch im Westen nervös machen würde, wird von der Ruhe und Kraft der Menschen hier zugedeckt, sie wissen, weil sie wahrhaftig sind und weil sie dadurch näher an dem sind, was ihr die Wahrheit nennt. Für uns ist das aber nur der Schein, in dem sich die eine oder andere Herrschaftsform sonnt, aber nicht das tiefe Sein. Weißt du, die Russen treffen das alles in ganz einfachen Sätzen. Da gibt es ein Sprichwort, das das alles ausdrückt:

Tausend Rubel sind kein Geld
Eine Flasche Wodka ist kein Getränk
Und ein Jahr ist keine Zeit!

Das, mein Lieber, das ist Russland und denk an meine Worte, wenn du in nächster Zeit die Zeitung in Deutschland aufschlägst und Neues aus diesem Land hier erfahren wirst.

Wir hatten den Eindruck, dass Elena und Wassili keine unglücklichen Menschen waren und das sie etwas am Leben hielt und inspirierte, das uns fremd war, wir aber erahnen konnten und erst später begriffen. Während unserer Diskussion wurde immer wieder herzlich gelacht und ab und zu ein Wässerchen getrunken. Ab und zu verschwand Elena in der Küche und kehrte mal mit sauren Heringen, mal mit dunklem Brot und mal mit weiteren Gurken oder eingelegter Roter Beete zurück. Die beiden kannten den Westen und dessen Literatur sehr gut, wollten vieles wissen und wir taten, was wir konnten, um den Hunger unserer Gastgeber zu stillen. Wir selbst aber waren nicht weniger gierig, wir sprachen über Tolstoi und Dostojewski, über Puschkin und Turgenjew, über Bulgakow und Majakowski, über Cechov und den eben erst im Westen gefeierten Rybakow. Es war ein Parforceritt durch die Literatur. Und es wurde deutlich, wie sehr die große epische Erfahrung dieses Volkes alles prägte, was es tat. Die Weite, die Nichtigkeit des Individuums und die Dimension der Zeit waren die Sozialisationsfaktoren eines ganzen Volkes und bestimmten die Bilder, in denen es kommunizierte.

Wir blieben, bis es dunkel wurde und wir uns wieder Richtung Hotel aufmachen mussten. Nicht eine Sekunde war es langweilig gewesen und allein für das, was wir an diesem Tag mit den beiden erlebt hatten, hätten wir die ganze Fahrt hierher unternommen, weil es sich einfach lohnte und eine Erinnerung war, die nicht nur von Bestand war, sondern immer wieder zum Denken anregte.

Die letzten Tage in Moskau fielen von diesem Ereignis sehr ab. Vieles wiederholte sich auch und die Freundschaftsrhetorik der uns immer wieder empfangenden gleichgeschalteten Gewerkschaften wurde auch nicht besser. Lediglich der Abschiedsabend im Russischen Staatszirkus lies noch einmal aufleuchten, was wir begonnen hatten zu begreifen. Auch in dessen Programm dominierte nicht das Spektakuläre und Aufdringliche, sondern die kleinen Gesten, die die Beziehung von Mensch und Tier charakterisierten oder eine Artistik, die das Sein reflektierte und nicht die Exhibition seiner Teilaspekte.

Am Tag vor der Abreise dann stürmten wir noch sämtliche Buchhandlungen im Zentrum Moskaus und sorgten dafür, dass wir mit wesentlich mehr Gepäck abreisten als wir mitgebracht hatten.

Als wir nach einer doch anstrengenden Zeit wieder zu Weißrussischen Bahnhof gebracht wurden hatte ich begonnen, mich auf die Schwingungen dieses Landes einzulassen und ich wurde sehr sentimental. Ich versuchte es mit Wodka, was die Sache aber nur noch verschlimmerte. Von der wiederum doch langen Rückreise weiß ich nicht mehr viel, vielleicht lag es am Wodka, vielleicht dachte ich auch in Dimensionen, die ich sonst nicht gewohnt war.

Wir kamen an einem Sonntagmorgen in Mannheim an und es war kalt. Ich fuhr vom Bahnhof mit dem Taxi zu meiner Wohnung in der Neckarstadt, es war relativ kühl, ich war verkatert und schlecht gelaunt. Als ich mich doch noch einmal zur Ruhe begeben wollte, klingelte es an meiner Haustür. Als ich, missmutig, unrasiert und mit einer Alkoholfahne die Tür öffnete, stellte sich eine junge Dame vor, sie käme von der Volkszählung und wolle mir helfen, das Formular auszufüllen. Stattdessen raunzte ich sie an, ich käme gerade aus Moskau und sei zu müde, um jetzt zu kooperieren. Als sie das hörte, ergriff sie die Flucht und stürzte regelrecht die Treppen herunter. Über diese Inszenierung machte ich mir aufgrund meiner allgemeinen Erschöpfung keine Gedanken mehr und legte mich, knurrend wie ein russischer Bär, ins Bett.