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Y2K in Jakarta

Was war das für ein Hype im Vorfeld. In allen internationalen Projekten dominierte nur noch eine Frage. Was passiert um Null Uhr zur Jahrtausendwende? Unternehmens- und vor allem Softwareberatungen prophezeiten den totalen Kommunikationszusammenbruch, das informative Desaster an sich, den Absturz aller computergestützten Systeme, die Unterbrechung der Energieversorgung, den Ausfall der Verkehrssysteme, die plötzliche Erkaltung der Fischzuchtbecken, den Streik der Klimaanlagen, den Supergau von Nuklearanlagen, das Versagen der militärischen Überwachungsszenarien, den Crash der Börsen und die Agonie der internationalen Finanzinteraktionen und eigentlich das Ende der Zeit.

Kein Tag, an dem nicht die Zeitungen voll von apokalyptischen Reitern waren, die mit forciertem Ritt auf die Zivilisation von zwei Jahrtausenden zustürmten, um diese dem Erdboden gleichzumachen. Hier ein düsteres Szenario und dort eine böse Prophezeiung. Die Geschäfte ließen nicht auf sich lange warten. Kein großes Unternehmen, keine internationale Organisation, kein Ministerium und keine politische Vereinigung, die sich nicht Experten ins Haus holten, um das drohende Ende, welches unter dem Zeichen des Y2K auf ein digitales Akronym unheilvoll tituliert worden war, zu bekämpfen.

In Jakarta war das nicht anders. Vor allem im Golden Triangle, wie das Finanzviertel in Anspielung auf das Drogenmekka auf dem südostasiatischen Festland genannt wurde, rannte die Brokerseele Amok. Dort war das wahrhafte Y2K-Fieber ausgebrochen und die Emergency Taskforces arbeiteten seit Monaten rund um die noch laufende Uhr. Auch die Jakarta Post, das englischsprachige und qualitativ hoch stehende Tor Indonesiens zur internationalen Pressewelt, widmete täglich die wichtigsten Seiten diesem bevorstehenden Ereignis. In allen internationalen Projekten, derer es viele im Indonesien der Nach-Soeharto-Ära gab, wurde ebenfalls das laufende Geschäft fast komplett eingestellt und man widmete sich exklusiv der Frage, wie die Expertise den Institutionen des Landes zur Vermeidung des Desasters zur Verfügung gestellt werden könne.

In den genuinen Institutionen des Landes sah es allerdings etwas anders aus. Indonesier, und vor allem die alles dominierenden Javaner, ticken anders. Zum einen teilten sie die Ängste, dass etwas gehörig schief gehen könne. Allerdings sahen sie sich nicht in der Lage, dagegen etwas zu tun. Sie haben eine sehr schicksalsdeterminierte Weltsicht und die psychische Stabilität, ein bevorstehendes Unheil mit Haltung und innerer Sammlung zu erwarten. Zum anderen sahen sie doch die eine oder andere Möglichkeit, die internationalen Experten in ihre Arbeitshäuser einzuladen und das eine oder andere gewinnbringende Projekt gegen dieses Y2K ins Leben zu rufen. In solchen Fällen sprang immer etwas ab, also, warum nicht?

Wie die Menschen Jakartas insgesamt mit dieser Situation umgingen, entsprang sehr der seelischen Verfasstheit dieser Stadt. Es wurde immer mit einem Lächeln darüber geredet und man versuchte, Geschäfte damit zu machen. Es gab Y2K-Dinner, Kino- und Diskothekenereignisse, man lud zu Y2K-Fahrten ans Ende der Zeit, es gab T-Shirts, Journale, und Rabattaktionen in allen namhaften Kaufhäusern, Taxifahrer fragten nach einem Y2k-Bonus und man erzählte, dass selbst die Nachtschwärmer in den Bars von den Damen Y2K-Tarife genannt bekamen. Das Geschäft lief, und deshalb empfanden die meisten Bewohner der Stadt das bevorstehende Ereignis als eine insgesamt gute Sache.

In der indonesischen Regierungsinstitution, in der ich damals arbeitete, war man sehr gelassen geblieben und bis auf ein kleines Team, das sich wohl bei gesüßtem Tee und viel fettigem Gebäck in den Computerraum zurückzog, um sich die Sache in aller Ruhe anzusehen, hatte der Rest frei. Meine Kolleginnen und Kollegen planten, ganz traditionell im Kreise ihrer Familien die Jahreswende, und sei es auch eine Jahrtausendwende, zu Hause im Kreise der Familie zu verbringen. Die meisten internationalen Experten nutzten diese Zeit, um entweder in ihre Heimatländer zu fliegen oder Trips nach Australien oder Neuseeland zu unternehmen, um von Asien in eine westliche Zivilisation zu fliehen. Nur wenige blieben, manche, weil sie die unglückliche Karte gezogen hatten, in einem internationalen Projekt das Ereignis an flimmernden Bildschirmen verfolgen zu müssen, andere wiederum, weil sie sich in dem Land wohl fühlten und ihre Refugien gefunden hatten und nach Pelabuhan Ratu oder Pangandaran am indischen Ozean fuhren, um dort unter Palmen in den Nachthimmel der südlichen Halbkugel zu schauen und zu sehen, wie die Welt sich weiter drehte.

Meine Frau und ich hatten vor, in Jakarta zu bleiben, es uns gut gehen zu lassen und zu beobachten, was auf uns zukam. Meine Präferenz für den Sylvesterabend war das JAMZ, ein kleiner, exklusiver Jazzclub im Herzen der Stadt, in dem wir verschont sein würden von der ganzen Hysterie, etwas Gutes essen konnten und die Gewissheit hatten, bei exzellenter Musik eine unvergessliche Nacht zu erleben. Eine Freundin, Ann Madeleine, hatte Besuch von einem Freund aus Deutschland und bat uns, mitkommen zu dürfen, wogegen wir nichts hatten. Also bestellte ich einen Tisch für vier Personen.

Gegen 20.00 Uhr am Sylvesterabend fuhr uns Marsoudi, unser Fahrer, zu viert zum JAMZ. Das JAMZ war ein Jazzclub, den ich zu schätzen gelernt hatte. Von seiner Konzeption her hätte er auch in Los Angeles oder Boston beheimatet sein können. Es handelte sich um ein sehr exklusives Etablissement in Jakartas modernem, durch Hochhäuser geprägten Zentrum und gehörte einem Produzenten und Inhaber eines Fernsehsenders, der sich einen Platz geschaffen hatte, an dem er seinem Steckenpferd, dem Jazz, frönen konnte. Er selbst spielte sehr gut Klavier, hielt sich selbst jedoch, was die Bühne anbetraf, bis auf sehr seltene Gelegenheiten zurück. Stattdessen gab er den renommierten Musikern wie den Nachwuchskräften dieses Genres einen Platz, an dem es an nichts fehlte.

Ich selbst pflegte, wenn es meine Geschäftsreisen auf dem Archipel zuließen, montags dorthin zu gehen, weil immer dann der Musiker Kiboud Maulana, den die Indonesier selbst Raja Blues, den König des Blues nannten, mit seiner All Star Band auftrat, die aus den besten Musikern des Landes bestand und eine Stammformation von sieben Virtuosen hatte. Sie spielten dann immer von Neun bis Eins, zum Teil ihr eigenes Repertoire, zum anderen Teil Stücke, die das Publikum hören wollte und auf kleine Zettel schrieb, die auf die Bühne herauf gereicht wurden. Und immer wieder tauchten an jenen Montagabenden Musikerinnen und Musiker auf, die sich ins Publikum setzten und dann auf die Bühne gerufen wurden, um mitzuspielen. Das waren Highlights, wenn der Trompeter Riu Riu aus Bali, benannt nach einem Singvogel, die Sängerin Berta aus Kalimantan, oder die holländische Band Focus mit auf der Bühne standen und zusammen mit der All Star Band die Zeit stehen ließen. Für mich war das Heimat pur in diesem asiatischen Moloch, der jährlich um eine halbe Millionen Menschen wuchs, in dem ich für die zwölf Kilometer von meinem Haus zur Arbeit täglich zwei bis drei Stunden brauchte, in einer politisch unruhigen Zeit der Straßenschlachten und Plünderungen, der Krisen und immer wieder aufleuchtenden Hoffnungsschimmer. Das JAMZ bot eine feste Größe, hier wurde Musik gemacht, hier, in diesem kleinen Raum, der maximal sechzig bis siebzig Menschen Raum bot, traf man Leute aus allen Teilen des Landes und der ganzen Welt, Politiker, Finanzmogule, Straßenmädchen, internationale Experten, chinesische Händler, indische Köche, türkische Consultants, Leute aus dem Showgeschäft und Militärs. Hier saß man in seinem Ledersessel, nur wenige Meter von der Bühne entfernt, bekam zu einem fairen Preis ein gutes Essen oder einen exotischen Drink, und konnte ganz entspannt der Musik lauschen oder Gespräche führen. Mit der Zeit kannte man alle und hier und da spannen sich Fäden, die nützlich waren, denn in Indonesien ist der persönliche Kontakt alles und öffnet Wege, die formale Zugänge niemals auftun. Oft fuhr ich montags allein in JAMZ und wenn ich nachts zurück durch das niemals schlafende Jakarta zog, war ich wie neu geboren.

Als wir dort, in der kleinen Jalan Garnisun, einem Abzweig von der Residenzstraße Jalan Sudirman, ankamen, war bereits großer Betrieb, vor allem von Besuchern einer Diskothek, die im selben Komplex war. Als ich Marsoudi sagte, er könne auch nach Hause zurück zu seiner Familie, zog er es vor, dort zu bleiben und zu warten und mit all den anderen Fahrern das Treiben zu beobachten. Wir betraten das JAMZ, bekamen unseren Platz zugewiesen und stellten fest, dass das Publikum diesmal etwas weniger international und mehr traditionell javanisch war. Viele Damen trugen seidene Saris mit traditionellen Mustern und die Herren Sarongs. Man saß dort bei einem Fruchtsaft und wirkte sehr beherrscht.

Wir bestellten etwas zu essen, versanken in unseren schweren Ledersesseln und ließen es uns gut gehen. Als erstes spielte eine Rockband aus Yogyakarta, deren Interpretationen sehr lyrisch waren und uns weniger faszinierten. Danach, so gegen zehn, stand die Sängerin Berta auf der Bühne, eine schwergewichtige Balinesin, die einige Jazzstandards mit ihrer wuchtig zarten Stimme darbot und uns mehr in Stimmung versetzte.

Mit Fortschreiten des Abends blieb alles sehr verhalten, das Javanische dominierte und die traditionell gekleideten Gäste benahmen sich wie bei einer Zeremonie. Als dann gegen Elf die Kiboud Maulana All Star Band auf der Bühne erschien, änderte sich das schlagartig. Kiboud Maulana hatte einige traditionelle javanische Lieder verjazzt und vor allem das Stück Es Lilin versetzte das Publikum in Entzücken und alle sangen mit. Für eine Dreiviertelstunde bekamen wir eine Lektion darüber, dass der Jazz zur Weltmusik avanciert war. Maulana riss die traditionelle Fünftonmusik der javanischen Schule in ein Schema von Analogien der Blues Scales, ohne dass es gewalttätig wirkte, die Themen behielten ihre Identität, erhielten aber eine völlig neue Dynamik und die Variationen streiften die unterschiedlichsten Lebensgefühle. Zwinkernd standen er und sein Bruder Ireng auf der Bühne, als würden sie uns zu verstehen geben, dass wir doch alle dieses Geheimnis zu entschlüsseln vermöchten.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht wurde eine Pause angekündigt und Kiboud teilte uns mit, dass wir jetzt alle zusammen die bösen Geister zu vertreiben hätten, um es uns danach im neuen Jahr und Jahrtausend gut gehen zu lassen. In der einsetzenden Pause wurden noch einmal Bestellungen aufgegeben und als es kurz vor Zwölf war, kramten alle hektisch in ihren Taschen und eigenartige Utensilien hervor.

Als das Zeichen gegeben wurde, sprangen plötzlich alle auf und bliesen in bunte Pappinstrumente, die von ihrem Klang her nicht anders als Tröten bezeichnet werden konnten. Ältere javanische Damen im Sari sprangen durch den Raum und bliesen was das Zeug hielt. An der Br stand ein Viersternegeneral in vollem Ornat und rotzte regelrecht wie ein wild gewordener Straßenbengel in ein rosa glitzerndes Hörnchen, das von seinem Klang an ein unreines Ferkel erinnerte. Und ein Mann mit einem Turban aus dem Sultanspalast zwitscherte durch ein giftgrünes Ding wie ein Rohrspatz. Und so plötzlich, wie das alles entstanden war, verstummte nach circa fünf Minuten wie auf ein Signal hin das kakophonische Konzert und die noble Gesellschaft saß wieder gesittet an ihren Tischen, als wäre nichts gewesen.

Wir amüsierten uns noch eine Weile über das Schauspiel, das wir soeben genossen hatten, zeigte es uns doch wie aus dem Lehrbuch, mit welchem Plan die Javaner ihre Rituale durchzogen. Um ca. halb Eins dann tauchte die All Star Band wieder auf, d.h. zunächst erschien der arabisch stämmige Schlagzeuger und der Bassmann, ein junger Mann, von dem ich wusste, dass er aus dem Stamme der Dayak kam, die sich auch als Kopfjäger in Kalimantan einen furchtbaren Namen gemacht hatten. Kahl geschoren, mit einem Stirnband und einer Feder als Kopfschmuck, erschien er drohend wippend allein vor seinem Schlagzeuger und begann in einem Funkrhythmus den Miles Davis Tune So What? Der Groove kam aus dem Innersten des geschundenen Menschen und war ein derartig gezielter und witziger Schlag ins Gesicht der Y2K-Hysterie-Profiteure, dass es uns allen die Sprache verschlug. Yayad, wie der Gift spuckende Bassist hieß, und Achmed am Schlagzeug dachten nicht daran, die Bühne für den Fortgang des Stückes frei zu geben. Drohend und unheilvoll wippte Yayad mit seinem Bass von einer Richtung in die andere, stets eine Partie der Schultern vorziehend, als hole er zum finalen Schlag aus.

Und immer wieder kam der Lauf von unten nach oben, um in einem temporär erlösenden Seufzer die ganze Vergeblichkeit von Spannung und Entspannung zu karikieren. Der drohende Blick und die Bewegungsabläufe dieses funkenden Dayaks hatten etwas animalisch Mortales und immer wieder, bevor der Seufzer mit dem Doppellauf ertönte, geschah es, dass sich erschrockene Zuhörer im Publikum weg duckten. Es war einer der wenigen, großen, bewegenden Momente, in denen offenbar wird, welche existenzielle, kosmische Kraft die Musik entwickeln kann, wenn Menschen ihre Urerfahrung und archetypische Existenzform vermögen in Schwingungen zu versetzen. Das war nicht Y2K, nein, das war das Universalthema überhaupt, was da über die Bühne groovte, und dieses unter dem Titel So What? zu inszenieren, war gigantische Ironie.

Als nach einer Viertelstunde die Band einsetzte, war alles ausgedrückt, was es zu diesem Ereignis zu sagen gab, sämtliche feinen Sarongs und Saris waren trotz der starken Klimaanlage durchgeschwitzt und eine kontemplative Erschöpfung machte sich breit. Wir verließen das JAMZ gegen drei Uhr morgens, kämpften uns durch unzählige Autokorsi nach Hause, von wo Marsoudi sich dann noch aufmachte, um nach Ancol zu fahren, wo der größte Gong Asiens an der javanischen See geschlagen wurde, um die bösen Geister zu vertreiben und sich Millionen versammelt hatten. Wir hingegen fielen in einen traumlosen Schlaf.

Morgens um Acht war Marsoudi immer noch nicht zurück und ich ging in den Garten, über dem bereits unbarmherzig die Tropensonne den neuen Tag zelebrierte und fütterte die Papageien. Dabei pfiff ich ihnen immer wieder den Basslauf des wütenden Dayak vor. Und sie ignorierten ihn. Und ich dachte mir: So What?

An der Themse

Meine schulischen Ergebnisse verbesserten sich und ich näherte mich der Mittleren Reife. Große Aufregung kam auf, als unsere Lehrer und Eltern beschlossen, dass unsere Abschlussfahrt nach London gehen sollte. Das war aus unserer Sicht unglaublich, weil wir mit so etwas nicht gerechnet hatten. London besaß für viele von uns zu jener Zeit eine Ausstrahlung wie keine andere Stadt. Dort war das Zentrum der Rockmusik, dorther kamen die Rolling Stones und The Who, dort wohnten die Beatles, dorther kam die Mode, vor allem natürlich die Miniröcke, die uns zuweilen in verzückte Ekstase und höchste Nöte versetzte. Und nun sollten wir dorthin fahren dürfen. Es war kaum zu glauben. Monate vorher schon verloren wir den Verstand und wurden regelrecht hysterisch. Alles lernte nur noch englische Vokabeln und die wildesten unter uns suchten verzweifelt nach den Wörtern, mit denen sie ihre Gier beschreiben konnten.

Als es soweit war und an die dreißig Jungens im Alter zwischen vierzehn und siebzehn Jahren in Begleitung zweier Lehrer in den Bus stiegen, verabschiedeten uns viele unserer Eltern, als wanderten wir aus nach Übersee. Riesige Fresspakete wurden noch in den Bus nachgereicht, weinende Mütter klopften an die Busfenster und knurrige Väter steckten uns noch Banknoten zu mit Worten wie Macht keinen Unsinn! Ein Vater sagte zu seinem Sohn sogar Hol dir bloß nichts, was sofort zu einem Verzweiflungsaufschrei der nahe stehenden Mütter führte. Als der Bus endlich die Stadt verließ und wir auf der Straße nach Uentrop zur Autobahn war, dachten wir wohl alle, dass vor uns die Welt lag.

Es wurde eine furchtbar lange Fahrt. Wir fuhren bis Oostende in Belgien, gingen dann auf die Fähre. Dort wurde schon ein bisschen heimlich Bier getrunken und die Stimmung wurde immer ausgelassener. Als wir in Dover ankamen und ich in den Zoll kam, begrüßte mich ein stattlicher und sehr freundlicher Beamter in einer blauen Uniform und fragte mich, was ich in Großbritannien wolle. Ich spulte Sätze ab, die ich monatelang in schlaflosen Nächten auswendig gelernt hatte und erzählte ihm, das sei unsere Abschlussfahrt und wir seien auf dem Weg in das unbeschreibliche London, auf das wir uns alle freuten und wir wollten uns soviel ansehen, wie irgend möglich. Er war sehr erfreut und bescheinigte mir, dass ich ein very excellent English spräche, was mir die Brust bis zum Bersten schwellen ließ.

Spät am Abend erreichten wir London und fuhren dennoch über zwei Stunden, bis wir an unserem Quartier ankamen, das in Kensington lag. Da war es still im Bus geworden, weil wir kaum glauben konnten, wie groß diese Stadt war. In unserer Herberge schmissen wir unsere Sachen in die Zimmer und rannten gleich los, um einen Pub zu suchen. Wir fanden auch gleich einen und der erste Abend erfüllte unsere Erwartungen sogleich. Wir sahen schräge Typen und Business People, rauchende Barschlampen und elegante Ladies. Und das alles in einem einzigen Pub, was bei uns unvorstellbar gewesen wäre.

Wir hatten eine Woche Zeit und unsere Lehrer trieben uns durch ein dichtes Programm. Wir sahen die Tower Bridge, den Buckingham Palace, den Trafalgar Square, The Houses of Parliament, Big Ben, den Hyde Park, die Portobello Road, wir besuchten eine Ausstellung im British Museum, in der gerade Tut Anch Amon zu sehen war und wir fuhren nach Greenwich. Abends bekamen wir dann unter strengsten Auflagen frei und manchmal, wenn wir in einen Bluesclub wollten, begleitete uns ein Lehrer. Zweimal gelang es uns und Jopp Ueter, ein ziemlich dicker Knubbel, der immer sehr schnell einen roten Kopf bekam, führte uns in einen Non-Stop-Striptease in Soho.

Der Eintritt betrug ein Pfund und dafür bekam man sogar noch ein Bier. Wir setzten uns ganz dicht an die Bühne und sahen Frauen, die auf die Bühne kamen und sich auszogen, als wollten sie ins Schwimmbad oder seien in der Umkleidekabine eines Kaufhauses. Doch das war uns natürlich völlig egal. Ihre zunehmend nackten, schneeweißen Körper erhielten einen rosigen Teint durch das rote Scheinwerferlicht und wir kämpften mit aller Macht gegen die Auswirkungen des Bluttransfers, der vom Kopf in Richtung Lendengegend stattfand. Jopp Ueter war einer der Tänzerinnen anscheinend schon bekannt und sie stellte sich vor ihn, machte einige laszive Bewegungen und zupfte sich dann ein Schamhaar aus, um es ihm auf den Kopf zu legen. Der Saal tobte und zu Jopps Rettung sah man bei den Scheinwerfern nicht seine knallrote Birne, nur sein unendlich dusselige und bräsiges Grinsen, weil er wohl wirklich meinte, er hätte es der Kleinen, die doppelt so alt war wie er, angetan. Aber es war klar, dass Jopp seitdem der König von Soho war und er zehrte an seinem Weltruhm noch viele Jahre im um Lichtjahre entfernten kleinen Ahlen im Westfälischen.

Als wir die Rückreise antraten, hatten wir eine Welt voller Eindrücke im Gepäck und waren andere Menschen geworden. Wir hatten gesehen, wie entspannt und tolerant es zugehen konnte, obwohl in der Metropole die Probleme alles andere als geringer waren als in unserer wohlbehüteten Provinz.

In mir selbst hatte London etwas ausgelöst, was ich erst viele Jahre später begriff und verarbeitet habe. London vermittelte mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, etwas von einem zu Hause-Sein, das bis heute anhält und mir nur wenige Orte in der Welt vermitteln konnte. Nach meiner Schulzeit besuchte ich bis zum heutigen Tage mit Ausnahme meiner Jahre in Asien London fast jährlich, und ich habe den Wandel der Stadt wie meinen eigenen in trauter Zweisamkeit erlebt. Und obwohl wir beide heute ein anderes, sehr verändertes Gesicht haben, sind wir uns nah geblieben, sehr nah. Die Vertrautheit, das Gelassene, die Toleranz und das Weltoffene, all das hat London zu einem Refugium für meine Seele werden lassen und es ist es bis heute geblieben. Und immer, wenn mich mein Weg mal wieder dorthin führt und ich gleich am ersten Abend in einen meiner beliebten Pubs gehe, zum Beispiel den an der Kreuzung in Hammersmith, noch lange bevor ich ein Hotel im Zentrum aufsuche, sitze ich dort, schaue auf die Lichter dieser Großstadt, sehe in die Gesichter dieser Menschen und lese ihre bewegten Geschichten und es ist, ja es ist like coming home.

Die Bestie im Goldfischteich

Natürlich rauchten wir in den Pausen, natürlich knutschten wir mit den Mädels und natürlich tranken wir an den Wochenenden Alkohol. Aber das war es nicht gewesen und hätte Lehrerschaft und Schulleitung nicht entsetzt. Für große Unruhe und Verwirrung hatte etwas anderes gesorgt. Wir hatten einen Lehrer, den die hart gesottenen Jungens aus unserer Klasse einen Faschisten nannten. Sein Name ist unbedeutend. Auch wenn ich damals mit der Bezeichnung nicht viel anfangen konnte, so war auch mir klar, dass dieser Mann die Ausgeburt all dessen war, was ich verabscheute. Er war cholerisch, rechthaberisch, brutal und ungerecht. Vor allem letzteres widerstrebte mir am meisten. Wir kannten ihn als jemanden, vor dem man nicht sicher war. Es konnte immer, egal, was auch passierte, jeden treffen. Und wenn es einen traf, dann mit einer Grausamkeit, die über den physischen Schmerz der harten Schläge hinausging. Mal traf es einen, weil man schlecht vorbereitet war, mal, weil man lachte und ein anderes Mal wieder, weil man nicht lachte. Es war ein Debakel. Mit der Zeit trug dieser Mann dazu bei, dass unsere Klasse näher zusammen rückte. Es war, wie so oft im Leben, dass ein Feind von außen dazu beitrug, die inneren Widersprüche und Animositäten in einem Sozialgefüge zu übertünchen.

Unsere Klasse war von der sozialen Herkunft sehr heterogen, wir hatten Bergarbeiter-, Bauern- und Bürgerkinder und sogar einen Spross aus einer Familie, die man damals als asozial bezeichnete. So gab es zwischen uns immer wieder Auseinandersetzungen, die auf sozialen Gegensätzen beruhten, sei es wegen verfügbarer Mittel, wegen der Kleidung, wegen der Sprache oder wegen der Haltung oder wegen der Werte, über die wir schon verfügten.

Besagter Lehrer hatte die Fähigkeit, das alles in den Hintergrund zu drängen, weil er diese Unterschiede zwischen uns zunichte machte. Er polarisierte, indem er sich als eine Gefahr für uns alle generierte. Hinzu kam, dass viele unserer Eltern auch nicht viel von ihm hielten. Das lag wohl daran, dass er tatsächlich einen politischen Hintergrund hatte, der das Wort vom Faschisten in unseren Klassenraum getragen hatte. Dennoch waren vor allem unsere Väter der Auffassung, dass man einen solchen Lehrer eben ertragen müsse.

Aber es kam, wie es um das Jahr 1970 herum irgendwann kommen musste. Der Mann, der übrigens von uns die Bestie genannt wurde, betrat eines sonnigen Frühlingsmorgens wieder einmal schlecht gelaunt unser Klassenzimmer und es dauerte nicht lange, dass wieder einer von uns nach vorne zum Vorsingen musste. Sein Name war Manfred Klose. Er war aus der Zechensiedlung, sein Vater Bergarbeiter, er selbst eher schmächtig, ein ausgezeichneter Leichtathlet, schnell wie der Wind, ein netter Junge, den alle mochten. Die Bestie fragte ihn ab, und ehe er den ersten Fehler gemacht hatte, schlug dieses Monstrum ihm ins Gesicht, dass es richtig krachte.

Und das Tier setzte nach, fragte weiter, und Manfred, immer leiser und weinerlicher werdend, verhaspelte sich immer mehr, machte Fehler um Fehler, erhielt weitere Schläge ins Gesicht und in die Magengrube, bis er weinte, so herzzerreißend, weil so hilflos. Und dann verstieg sich die Bestie noch dazu, loszuschreien, dass dieses ganze Gequatsche von Chancengleichheit und Bildung für alle alles ein ausgemachter Scheiß sei, was man an der Dummheit dieses Püttvolks doch sähe, und er beschloss diesen Satz mit einem Schwinger an Manfreds Kinnlade.

Wie auf ein Startsignal erhoben sich in diesem Moment die hinteren Reihen unserer Klasse, dort, wo die großen und älteren saßen. Ich weiß es noch genau, als sei es ein Film, den ich mir immer wieder in meinem Leben angesehen habe. Die Helden, die als erste aufstanden waren Rainer Kaderka, Jochen Bohnekamp, Alfred Adamski, und Manfred Krain. Dann folgten Ulli Superniok, Theo Untiedt und Klaus Sünnemann. Allmählich erhoben wir uns alle, strebten, ohne ein Wort zum Mittelgang und gingen Unheil verkündend nach vorne, auf die Bestie zu. Es herrschte Totenstille. Und der Instinkt sagte wohl der Bestie, dass Flucht der einzige Weg war, der ihr blieb. War zunächst alles in Zeitlupe und ohne Ton erfolgt, so zuckte der Uhrzeiger plötzlich ganz schnell: Die Bestie sprang zum Kippfenster, schlug es mit dem angewinkelten rechten Arm hoch und sprang kurzerhand in den vor dem Klassenzimmer liegenden Goldfischteich.

Da unsere Schule aus zwei rechtwinklig zueinander stehenden Gebäuden bestand, die alle auf die Teich- und Grünanlage wiesen, sprangen sehr schnell von überall die Fenster auf und wie in einem Land Südamerikas, das gegen das Joch einer Militärdiktatur aufbegehrt, kam nun aus allen Richtungen ein gellendes Pfeifen, ein Trommeln und Scheppern und johlender Applaus.

Diese Ereignis hatte ungeheure Folgen: Lehrerkonferenzen, Elternbesprechungen, Abmahnungen an die ganze Klasse, wobei ich selbst zu den schlimmeren Fällen gezählt wurde, weil ich als aus mir unerfindlichen Gründen als Rädelsführer gehandelt wurde und man mir wie einigen anderen, nach positiven Interventionen für uns bis hoch zum Stadtdirektor, doch nur mit dem Schulverweis drohte, wenn sich so etwas wiederholte. Wir waren alle noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen, aber wir waren stark geworden. Unsere Klasse war von diesem Zeitpunkt an eine Macht. Die schulische Laufbahn der Bestie war nach diesem Ereignis übrigens beendet.

Auch nach dreieinhalb Jahrzehnten hat dieser Film nichts von seiner Qualität eingebüßt. Wenn ich ihn mir anschaue, erlebe ich jedes Detail noch so intensiv wie beim ersten Mal und mein Puls schlägt wie eine Buschtrommel. Und wenn ich danach in die Hall of Fame gehe, dann stehen sie noch da wie damals, die Jungs, die damals aufgestanden sind, so jung, so mutig und so entschlossen, und ich höre ganz genau, wenn ich ganz nah vor ihren Figuren stehe, wie sie mir mit ihren Stimmbruchstimmen zuflüstern: Die Bestie ham wa ausgestoppt. Musste sein, oder? Und dann lachen sie ganze leise, und heiser.