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Brassed Off

Selbst wenn die inszenierte Sentimentalität, die Konsumhysterie und die Gewissensrituale durchschaut sind, bleiben in der deutschen Psyche bestimmte Ereignisse verhaftet, die eine hohe Emotionalität garantieren. Auch mir geht es so. Ein Weihnachtserlebnis, das mir nie aus dem Sinn gehen wird, stammt aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Noch bevor hier in Deutschland die Bastionen der organisierten Arbeiterbewegung gestürmt wurden und der Neoliberalismus Konturen annahm, zerfetzte eine Premierministerin in Großbritannien, die sich selbst eine eiserne Lady nannte, den hoch industriellen englischen Norden wie einen Plüschtiger. Die Bergarbeitergewerkschaften, trade-unionistisch sui generis, halfen da nicht mehr, nur eine kleine, radikale, trotzkistische Union organisierte die Streiks gegen den Untergang. Hier in Deutschland versuchten wir die Streikenden zu unterstützen und schickten von unseren zusammen gekratzten letzten Kröten zu Weihnachten Lebensmittelpakete in die Streikregionen. Es half nichts. In wenigen Jahren wurden mehr als 100 englische Zechen geschlossen und während sich hier die Kumpels noch die Augen rieben über das, was in Deutschland eben erst begonnen hatte und noch verstärkt vor sich gehen sollte, waren die britischen Miners schon Geschichte. Das war sehr bitter, und den Weihnachtsabend, an dem wir uns in meiner Familie wegen der Streikenden in England zu streiten begannen, werde ich nie vergessen.

Jahre später, genauer gesagt 1992, erschien ein englischer Low Budget-Film mit dem Titel Brassed Off. Er erzählte noch einmal die Geschichte der englischen Bergarbeiter am Beispiel einer Blaskapelle. Das Schicksal dieser Blaskapelle und ihrer Protagonisten wurde zur Metapher von Englands Norden, dem Sterben der Zechen und der Mentalität von Bergleuten schlechthin. Für mich, der ich in einer Bergarbeiterstadt aufgewachsen war, fungierte Brassed-Off fast als Nachweis für das soziale Umfeld meiner Herkunft. Wenn Menschen, die aus anderen Regionen oder Milieus kamen und bestimmte Werte oder Verhaltensweisen meinerseits nicht verstanden, dann riet ich ihnen, sich diesen Film anzusehen.

Die Story des Films ist schnell erzählt: Eine Zeche, von der das ganze Gemeinwesen abhängt, ist kurz vor der Schließung. Gleichzeitig kämpft die Blaskapelle der Bergleute gegen ihren Niedergang. Die allgemeine Depression ihrer Mitglieder und die finanziellen Schwierigkeiten aller deuten auf ein schnelles Ende hin. Wäre da nicht zum einen der Dirigent und Mitgründer der Kapelle, der große Autorität besitzt und eine junge Analystin, die die Rentabilität der Zeche prüfen soll, aber aus dem Ort stammt und Enkelin eines Mitbegründers der Kapelle ist. Sie darf in der Kapelle mitspielen, weil sie im Ort geboren ist und das Flügelhorn ihres Großvaters beherrscht und gleichzeitig ihren Auftrag bei der Zeche verschweigt. Und der Dirigent geht seinen Weg ohne sich von seinen Überzeugungen abbringen zu lassen. Über viele Probleme und entsetzliche Schilderungen über den Niedergang des Gemeinwesens und die Zerstörung des Selbstwertgefühls mausert sich die Krisen geschüttelte Kapelle zum Sinnbild von Selbstrespekt und Kampfgeist. Zum Schluss gewinnt die Kapelle einen nationalen Preis in Londons Royal Albert Hall, den sie aber nicht annimmt, um auf Thatchers Politik der Zerstörung von Kohle- und Stahlindustrie hinzuweisen. Auch die Zeche in dem Ort wird geschlossen.

Seit Erscheinen des Films, der mich immer an die eigenen Aktionen in der Weihnachtszeit erinnerte, sehe ich ihn mir um Weihnachten herum an. Einfach weil es ihm so großartig gelingt, das Wesen der Bergarbeiter einzufangen und weil er mir immer wieder furchtbar unter die Haut geht. Im Jahr 2000 wurde Brassed Off auf einem Filmfestival in Jakarta gezeigt. Noch einmal: in Jakarta. Die Lebensbedingungen in dieser schnell wachsenden asiatischen Metropole sind kaum mit denen im alten Europa zu vergleichen. Dennoch interessierte mich gerade die Reaktion der Zuschauer auf den Film. Schon während er lief, in einem Kino mit 1.500 Plätzen, das restlos ausverkauft war, war es still. Als die Lichter angingen, erhob sich das überwiegend junge Publikum und applaudierte, nicht dem Film, sondern den englischen Bergleuten, die es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gab. Der Applaus wollte nicht enden, schweigend standen sie da und hörten einfach nicht mehr auf. Sie machten die bereits untergegangenen Kämpfer zu Helden.

Bus Number Tirteen

In zwei Stunden bist du da. Von Frankfurt. Im November. Du steigst aus dem Flugzeug und fühlst sommerliche Milde. Der Charme kleiner Flughäfen ist die Geschwindigkeit, mit der du sie verlassen kannst. Nach nicht einmal zwanzig Minuten sitzt du im Taxi und unterhältst dich mit dem Fahrer auf Englisch. Es ist die Amtssprache. Malti, dieses Konglomerat aus geläufigen Buchstaben und arabischen Idiomen verstehst du nie. Und natürlich, Taxifahrer wissen immer, wo du unterkommst jenseits der großen Hotels. Da, wo die normalen Leute wohnen. Denn Taxifahrer haben, wie überall auf der Welt hier eine Cousine oder dort einen Schwager, die alle gerne mal was vermieten. Und bereits eine Stunde nach der Landung siehst du dir ein nettes Zimmer an, mitten in der antiken Steinwüste, mit Blick auf Valletta und das Meer. Die Kulisse inspiriert, sie beruhigt und sie gibt dir das Gefühl, weit weg zu sein von den Magnetfeldern der Geschäftigkeit. Die Vermieterin gibt dir Tipps zur Infrastruktur. Das Leben kann beginnen.

In der nächsten Gasse ist die empfohlene Gastronomie. Ich starte mit einer Maltese Platter, einer ziemlich gelungenen Fusion aus mediterraner Leichtigkeit und orientalischer Intensität. Getrocknete Tomaten, mit Kardamom verfeinerte Schweinswürste, öliger Oktopussalat, getoastetes helles, mit Olivenöl getränktes Brot, Ftira genannt, das nach Knoblauch duftet, Tomatenmark, Humus, Oliven und Ziegenkäse. Nach dem Genuss übemannt dich die Gravitationskraft und es regt sich der Wunsch, das neue Domizil auf seine entspannende Wirkung zu begutachten.

Malta im November hat den Vorteil, die Maske des Sommertourismus abgelegt zu haben. Wer jetzt kommt, der hat das Recht auf Ursprünglichkeit. Morgens, beim Betreten des Busses, fragt der Fahrer auch sogleich, wie eilig es denn sei, in die Hauptstadt, nach Valletta? Auf meine konsternierte Replik hin die prompte Erklärung. Er könne, so der selbst gut genährte Mann, ganz normal die Linie fahren, dann dauere es ungefähr 45 Minuten bis zu einer Stunde, das hänge vom Verkehr ab. Eine Einschränkung, wie ich sie übrigens immer wieder erfahre. Oder ich bring dich in zwanzig Minuten hin. Auf meine Frage, wie er das denn mache, die frappierende Antwort: „Ich lade zuerst die fetten Mädels ein und lasse die dürren Gestelle zurück. Wenn der Bus voll ist, ist er voll. Dann muss ich nicht mehr halten und fahre durch.“ Ich äußere mich nicht, but he picks up the fat girls first and leaves the skinny crab behind. Und es gelingt ihm. Er will mir wohl zeigen, was er kann.

Natürlich dominieren die Briten das Bild der Inselgäste. Und überall, wo sie auftauchen, schillern die einstige imperiale Arroganz und das Elend von vierhundert Jahren Kapitalismus. Eine kuriose Mischung aus Seifenoper und Grandezza, elaborierter Sprache und Kutscherflüchen, derber Impertinenz und entwaffnender Liebenswürdigkeit. Die Malteser, nett, hilfsbereit und längst nicht so firm im Englischen, wie es die Residenz der vielen Sprachschulen vermuten lässt. Die Frauen wirken bereits wie im Orient als die Dominanten aus dem Hintergrund, die Männer spielen gern mit ihren Muskeln und Bäuchen. Der Stahlkamm der EU-Integration scheint seine Arbeit gemacht zu haben. Die nostalgischen Busse mit dem schönen englischen Design sind spurlos verschwunden. Nach der Erneuerung und dem Ausbau des Straßennetzes wurden sie ersetzt durch nagelneue Mercedes-Busse. Wie vieles andere bezahlt mit Krediten, deren Tilgung noch aussteht. Hoffentlich greift das Muster nicht, das andere mediterrane Länder bereits ereilt hat. Doch wahrscheinlich ist die Hoffnung unberechtigt.

Mein Viertel entpuppt sich als wunderbares Quartier, durchsetzt von denkwürdigen Erscheinungen. Da sind die allabendlichen maltesischen Body Builder mit tätowierten Tigern und Löwen, die in das Fitness-Studio des Hotels strömen, aus dem dann Schreie dringen, als liefe ein Hardcore Porno. Dann sind da die Besucher eines Kongresses, der etwas Esoterisches vermuten lässt, in dessen Pausen die Frauen sich die Handflächen von irgendwelchen Scharlatanen auf Brust- oder Schambein legen lassen, in Tränen ausbrechen und etwas von intensiver Energie faseln. Scheiternde Liebespaare, denen auffällt, wie ungleich ihre Lebenspläne sind. Und Randolph aus Southampton, der die Wolken am Himmel immer mit dem Wetter während der Suez-Krise vergleicht. Beruhigend hingegen die Polizisten, die sich an der Hafenmauer treffen, um zu rauchen, etwas Wein zu trinken und sich anscheinend gegenseitig ausgestellte Strafzettel verkaufen. Ältere Herrschaften, die feierlich gekleidet mittags in das Restaurant schreiten, um das Menu des Tages mit einem Achtel Roten zu verspeisen. Zwei hanseatische Tanzbären, die sich als Paar geoutet haben, das Coupons schneidet und das Dasein genießt. Etwas versnobt, aber distinguiert natürlich. Ein Schwede, der die Eifersucht seiner älteren Frau stündlich zu beschwichtigen sucht und dabei den Humor nicht verliert und dem Kellner aufträgt, sich seine Adresse zu merken, damit er ihm nach der zweiten Flasche Wein sagen könne, wohin er zu laufen habe. Dänische Pietisten, die hier untertauchen wollten, sich aber mit der katholischen Lebensweise der Malteser nicht nur nicht anfreunden können, sondern wohl auch an ihr scheitern werden. Und dann ist da noch Rita, die Straßenhändlerin, die immer rät, den Bus Number Tirteen zu nehmen und bis zur Endhaltestelle zu fahren, dann sähe man die ganze Schönheit Maltas. Natürlich sind die Tickets bei Rita erhältlich, zu einem speziellen Preis, versteht sich.

Malta im November, das ist weit weit weg. Mal regnet es, mal scheint die Sonne. Und obwohl es dicht, sehr dicht besiedelt ist und brodelt, merkst du erst, wie ruhig es war, wenn du wieder in Frankfurt gelandet bist.

Der Mann im Parka

Er bot der Strömung die Stirn. Immer. Schon in den siebziger Jahren, als viele noch mit einem Parka bekleidet waren. Er trug den zwar auch, aber er blieb dabei. Als die Rebellen sich ihre Formen suchten, fand er seine eigene. Ihm war es fremd, sich einem Dogma zu unterwerfen. Als alle noch dachten, Computer seien Teufelszeug, setzte er, der Soziologe, sich damit auseinander und wurde ein Fachmann. Gefragt von den eigentlichen Profis, wenn die nicht mehr weiter wussten. Er kam dann und löste ihre Probleme. Für sehr viel Geld. Als diese seine Fähigkeiten erkannten und ihn zu kaufen suchten, zeigte er ihnen den Mittelfinger. Er spazierte in den Etagen ein und aus, in denen man maßgeschneiderte Anzüge trug und in handgemachten Schuhen über dicke Teppiche schritt, aber er hatte keine Lust, dort zu verweilen. Mit dem Geld fuhr er in die Welt, aß und trank gut, aber lebte ansonsten einfach. Kein Kontinent, den er nicht wie ein Penner betrat und als geschätzter Gesprächspartner wieder verließ.

Zu Silvester, wenn die Feste gefeiert wurden, pflegte er in die Sahara zu gehen, weil dort die Skyline so prachtvoll sei und er sich Inspirationen holen konnte. In Japan saß er in den Fresstempeln der Sumo Ringer und diskutierte mit ihnen über die Mitte. In Chile kochte er mit den Müttern derer, die nach dem Putsch gegen Allende in den Fußballstadien zu Tode gefoltert wurden. In den USA kannten sie ihn auf jeder Greyhound Station und in den Diners, die sonst nur die Trucker unter sich und vorgehaltener Hand empfahlen. Er tauchte in China auf und hielt vor tausenden wissbegierigen Studenten in einem Fußballstadion einen Vortrag über empirische Sozialwissenschaften. Er verschiffte Jeeps nach Afrika und Taxis in den Libanon. Er reiste nach Kurdistan, als viele noch gar nicht wussten, dass es dieses Volk überhaupt gab. Als Khomeini noch in Paris weilte, pilgerte er nach Teheran und in die persische Wüste. Und natürlich fuhr er mit dem Zug die komplette transsibirische Eisenbahn. Wenn er zurück war, in Deutschland, dann kaufte er sich Festivalpässe. Für den Film, für Jazz und elektronische Musik. Dann war er komplett absorbiert. Der Mann mit dem Parka kannte alles aus diesen Genres. Was es ihm antat, das war immer das Innovative, die Avantgarde, das Unregelmäßige und Rebellische. Er sprach schon von der Verbürgerlichung des Jazz, dem er eine ähnlich verhängnisvolle Entwicklung prognostizierte wie der Oper, als dort die Großen alle noch in der Blüte standen.

Seine Sprache war ein breiter pfälzischer Dialekt, den er nie ablegte. Sein Englisch war perfekt, nur mit dieser unverkennbaren pfälzischen Intonation. Zwischendurch, wenn er nicht wieder etwas erkunden wollte oder einen dieser kniffligen Jobs machte, von dem das technische Gelingen einer Bundestagswahl oder die Logistik eines Weltkonzerns abhing, räsonierte er über die Zeit, wenn er einmal alt wäre. Mal plante er sein Alter in Japan, natürlich wegen der Spiritualität seiner Bewohner, mal in der Schweiz, wegen der grandiosen Landschaft. Ab und zu wollte er auch zurück in die Pfalz. Jeder, der ihn kannte, verlor ihn immer wieder mal für ein oder mehrere Jahre aus den Augen. Aber wenn er wieder auftauchte, auch im 21. Jahrhundert immer noch im Parka und mit zerschlissenen Jeans, dann griff er in die zeitgenössischen Debatten mit einer Kraft und Präsenz ein, die ungemein inspirierte.

Allmählich jedoch verschwand er aus den Städten, nur wenige wussten, dass er zurück in das Dorf gegangen war, woher er kam. Und obwohl er erkrankte und die Ärzte ihm geraten hatten, seine Lebensweise umzustellen, ging er seinen alten Gewohnheiten nach, aß zu üppig und liebte den Wein. Die letzten, die ihn sahen, sprachen davon, dass er innerhalb weniger Monate ein alter Mann geworden sei. Grau sei er geworden und am Stock sei er gegangen. Den letzten, zu denen er Kontakt gehabt hatte, erzählte er, er ginge demnächst ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen. Kürzlich wurde er gefunden. Tot in einem leeren Haus. Sein letzter Wille stand auf einem Blatt geschrieben, bitte keine Todesanzeige, keine Zeremonie, nur verbrannt wollte er werden. Diejenigen, die sich von ihm verabschiedeten, spielten schweigend einige Free-Jazz-Platten ab, die neben seinem Leichnam gelegen hatten. Der Mann im Parka wurde 63 Jahre alt.