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You´ll never walk alone!

Für zwanzig vor Acht hatten wir uns verabredet. Das Spiel der Saison, Dortmund gegen die Bayern, und wahrscheinlich die Vorentscheidung. Auch wenn wir im Südwesten leben, wer sich für Fußball interessiert, der muss sich das direkt ansehen. Wir wählten eine Sky Kneipe bei uns in der Nähe. Als ich um die Ecke bog und in die untergehende Sonne blinzelte, sah ich schon, wie Fahrräder vor dem Eingang einfach an die Wand geknallt wurden und die Leute hineinströmten. Als wir das Lokal betraten, war es bereits brechend voll. Keine Sitzplätze mehr, Stehplätze Mangelware.

Wir drückten uns an einer Ecke an die Theke. Schon jetzt, vor Spielbeginn, konnte man nur noch durch Rauchschwaden die Monitore ansteuern. Der Laden war nicht nur voll, sondern er war bis auf die Bedienung ausschließlich von Männern besucht, die alle um die Wette rauchten und tranken. Humpenweise wurde das Bier zu den durstigen Kehlen geschleppt, Tabletts voller Schnäpse schaukelten durch die Menge wie Barkassen im atlantischen Wind. Dazu wurde geraucht, was das Zeug hielt, Markenzigaretten, Selbstgedrehte und Zigarren. Es herrschte ein Lärm, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Viel lautes Lachen und eine Vorfreude, wie sie selten zu erleben ist. Niemand beschwerte sich, weder über den Krach, noch über den Rauch oder die ständig über die Köpfe wandernden Pizzaschachteln, die angeliefert wurden, weil immer wieder über Handy der Slogan Man Hungry? – Ding Dong Pizza!!! geordert wurde. Das war wie in der Zeitmaschine, wie früher, als der Fußball noch in der Lage war, den Lebenstakt zu bestimmen und sich kein Arsch darum scherte, was irgendwelche Wichtigtuer an Sprechblasen für die Nachrichten produzierten.

Und die ganze Sozialtypologie war wieder versammelt: Da der Ausfahrer vom Thai Delivery, dort der Maler, den die Abstraktion quält und der Postbote, der seit vierzig Jahren Frank Zappa hört, und natürlich der smarte Geschäftsführer aus der Edelgastronomie, der sich hier Schwarzen Krauser dreht, der Rentner, der sich die Chose mit dem Walkman auf ansieht und dabei Rock´n Roll hört, der Bäcker mit der Mehlstauballergie, der Mathematiker mit der chronischen Ehekrise, der Frührentner mit dem Cowboyhut, der Automatenkönig aus der Innenstadt und der Waschmaschinenhändler, der dem alternativen Buchhändler mal wieder den Vogel zeigt.

Der erste Eindruck ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, wem sich das Publikum zugeneigt fühlte. Alles war für Dortmund, die Anhänger der Südvereine genauso wie selbst Schalker, was wiederum verdeutlichte, dass es nicht um ein Für, sondern ein Gegen ging. Bayern München und Ulli Hoeneß, die Marken, die als Inbegriff von Arroganz und Großmannssucht gelten, hatten an diesem Abend den Gegenentwurf Borussia Dortmund vor der Brust, den Club aus dem Kohlenpott, der sich nur schwer erholt vom wirtschaftlichen Niedergang und dabei ist, sich neu zu erfinden. Das war es, worum es ging und deshalb war das Ende auch so, wie es bejubelt wurde.

Bei den Dortmundern sah man eine neue Art, Fußball zu denken und folglich auch zu spielen, in der der Prozess an sich eine große Rolle spielt und das Ergebnis die logische Folge der Prozessqualität ist, während bei den Bayern, hoch professionell, exerziert von den teuersten Artisten des Marktes, eine Spielweise präsentiert wurde, bei der nur das Ergebnis zählt und nur das als Erfolg gilt, was die eigene Überschätzung weiter nach oben treibt. Der Verein der Titel und Requisiten, der Trophäen und immensen Kollateralschäden schlich wie eine langweilige Komparse über den Platz und kam dann doch, nach dem Geniestreich des Polen auf Dortmunder Seite, fast noch einmal ans Ziel, weil simuliert und inszeniert wurde, um wieder einmal, zumindest gefühlt, kurz vor Schluss ein Elfmeter geschunden werden sollte. Das wiederum ging schwer daneben, gewonnen haben dann die schwarzen Hälse und gelben Zähne, der Kindergarten aus dem proletarischen Humusboden, und Spaß hat es gemacht.

Die Kneipe glich zu Ende des Spiels einem Dampfer auf hoher See, die vereinzelten Signale an die zeitgenössische Vernunft und das Mantra der Achtsamkeit wurden in den Wind geschrieben, längst erkannte man die Besatzung auf der anderen Seite der Planken nicht mehr, zu verschlungen lag man sich in den Armen mit Fremden und zu laut waren die Chöre, die den Sturm besangen wie den Partner des Lebens und die Zeit verlachten wie ein lästiges Insekt im kosmischen Kontext!

Auswärtsspiel

Wenn die Saison noch jung ist, sind die Hoffnungen auf den zukünftigen Titel noch sehr demokratisch verteilt. Alle glauben, diesmal könne es vielleicht klappen, mit etwas Fortune auf der eigenen Seite und der entsprechenden Pechsträhne auf der anderen, vor allem bei jenen, die sowieso immer gesetzt sind: den Bayern. Das ist auch dieses Jahr so. Im ersten Spiel ein lausiges Unentschieden in Hoffenheim, im zweiten ein mageres 1:1 zuhause gegen Bremen. Da kommt doch Freude auf, vor allem, wenn der eigene Verein sich wider Erwarten von Anfang an gut präsentiert. Mit der Verpflichtung des neuen Trainers wurden natürlich enorme Hoffnungen verbunden, vor allem nach der letzten Saison. Aber niemand hat ernstlich geglaubt, dass der neue Mann mit so vielen jungen, unerfahrenen Spielern einen so blitzsauberen Bundesligastart hinlegte. Ein sicheres 2:1 in Nürnberg und ein souveränes 3:0 zuhause gegen Bochum. Das lief gut, verdammt gut. Und dann auch gleich Tabellenerster zusammen mit dem Meister der Vorsaison und, als gefühlter Höhenmesser, Bayern nach zwei Spielen auf Platz 11!

Ich habe einen Erbfehler. Das hat was mit dem Herzen zu tun. Als Jugendlicher musste ich darüber lachen, denn es betraf da noch meinen Vater. Der litt am Herzen und ging zum Arzt, den er seit Jahrzehnten kannte und der ihm nach eingehender Untersuchung ganz freundschaftlich riet, ein bisschen weniger fett zu essen, das eine oder andere Bierchen durch ein schönes Mineralwasser zu ersetzen und öfters mal spazieren zu gehen. Nur bei einem Thema wurde er rigoros: Schalke. Der gute Hausarzt verbot meinem Vater mit erhobenem Zeigefinger, je wieder nach Gelsenkirchen zu fahren, und sich Schalke im Stadion anzusehen. „Heinrich!“, so der gute alte Arzt, „wenn du das machst, garantiere ich für nichts. Da kann sein, dass dich der Sensenmann aus dem Stadion holt!“ Zu unser aller Erstaunen hielt sich mein Vater gerade an diesen Rat, alles andere ignorierte er. Wahrscheinlich hatte er einen guten Instinkt und wusste, was ihn wirklich gefährdete. Von da an fieberte er am Radio mit, was auch schon schlimm genug war. Hatte Schalke verloren, war das Wochenende gelaufen. Und wenn meine Tante, seine ältere Schwester, sich mit dem Satz exponierte, dass der Verein der Familie mehr Elend und Schicksalsschläge beschert hätte, als beide Weltkriege zusammen, bezeichnete der jüngere Bruder seine Schwester sogar ganz respektlos als „dummes Luder.“

Das wäre alles nichts anderes als eine kleine Anekdote aus der Vergangenheit, wenn es mich nicht auch erwischt hätte. Eigentlich habe ich eine robuste Gesundheit, treibe Sport, betätige regelmäßig ein Blasinstrument und lebe, bis auf die eine oder andere Zigarre, ganz gesund. Ich verfüge auch über eine solide Portion Selbstsicherheit, weil ich schon einiges erlebt habe und mich so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Selten beschleunigt sich mein Puls, nur wenn ich in Rage gerate, aber das ist eher selten. Es gibt allerdings eine große Ausnahme: Schalke 04. Sobald ich ein Spiel von Schalke im Fernsehen verfolge, bin ich ein anderer Mensch.

Dann rast mein Puls und ich kann keine Tasse mehr halten. Ich rauche dann alles, was ich greifen kann und inhaliere die schwärzesten Tabake. Geschieht eine Ungerechtigkeit auf dem Platz, d.h. wird ein Schalker gefoult, dann fange ich aus Empörung an zu schreien und finde ganz spontan betrüblich klingende Formulierungen, die mir sonst nicht in den Sinn kommen. Die Form emotionaler Aufwallung und gesundheitlicher Gefährdung wird nur noch übertroffen durch ein Spiel im Stadion. Dann gehe ich schon mit dem Sensenmann Hand in Hand auf meinen Platz und ich spüre, wie mir das Herz den schaurigen Makabré in der Halsgegend tanzt. Ich sehe dann auch kaum noch etwas, immer wieder bekomme ich ein Flackern in den Blick, das ein guter Freund mit dem harten Wort der hysterischen Erblindung bezeichnet.

Jahrelang hatte ich die Stadien gemieden, in denen je eine Schalker Mannschaft auftauchen könnte und dann ließ es sich nicht mehr verhindern. Mit dem kometenhaften Aufstieg der TSG Hoffenheim und ihrem vorläufigen Stadionmangel. Da sprang dann Mannheim, die Stadt in der ich lebe, bereitwillig ein, um ihrer entwöhnten Bevölkerung einmal wieder Bundesligafußball zu bieten. Und prompt bekam ich auch noch eine Karte für das letzte Spiel der Hinrunde und damit der TSG Hoffenheim in Mannheim. Der Gegner war Schalke.

Nach vielen Jahren der Abstinenz sah ich also wieder ein Spiel direkt im Stadion. Leider war Schalke in dieser Saison alles andere als gut und den Stoff für das notwendige Adrenalin lieferte recht schnell das Verhalten der Spieler auf dem Platz und ein Schiedsrichter namens Wackelmann, der systematisch versuchte, mich in die Arme vom Sensenmann zu treiben, der natürlich mit seinem breiten Grinsen neben mir stand. Zunächst, und dieser Einwurf sei mir erlaubt, obwohl er nicht direkt etwas mit der Geschichte zu tun hat, fiel mir auf, dass die in der Presse seit Wochen gelobte junge und dynamische Hoffenheimer Mannschaft, die als Beweis für den Erfolg einer gut angelegten Jugendarbeit allerorts zitiert wurde, vom Aussehen den Eindruck einer verspäteten Werbung für die Bewegung der Blockfreien aussah. Die eine Hälfte der Spieler kam aus Afrika, die andere vom Balkan. Das wäre was für Tito gewesen, nach Jugendfußball im Kraichgau sah das aber nicht aus. Aber egal. Schließlich stand ich jetzt an diesem kalten Septembersonntag im Mannheimer Carl-Benz-Stadion und musste mir ansehen, wie die Hoffenheimer den Schalker Spielern in die Beine sensten, dass es bis hinauf auf die Tribüne krachte, ohne dass Herr Wackelmann auch nur einmal reagiert hätte. Setzte sich hingegen ein Hoffenheimer spielerisch nicht gegen einen Schalker durch, fiel sofort ein Pfiff und Hoffenheim bekam einen Freistoß. Bei so vielen gepfiffenen Fouls bleiben die gelben Karten nicht aus und es dauerte nicht lange, bis ein Schalker Rot sah. Da lief ich schon schreiend die Tribünentreppe hoch und wieder runter, hatte einen Zwanzigeuroschein in der Hand und rieb ihm immer zwischen Daumen und Zeigefinger, um dem Publikum zu erklären, wer hier wohl für diese grausame Parteilichkeit bezahlt worden war. Als dann kur vor dem Pausenpfiff das 1:0 für Schalke fiel, war ich bereits heiser und zitterte am ganzen Körper und der mich immer genau beobachtende Sensenmann ging nicht einmal auf die Toilette, um ja nichts zu verpassen.

Die zweite Halbzeit hatte noch nicht richtig begonnen, als der Herr Wackelmann von neuem die Rote Karte einem Schalker ins Gesicht hielt, und zwar wieder für etwas, dass sonst nicht einmal beim Federball geahndet worden wäre. Wieder verschlug es mir die Sprache, wieder rannte ich laut gestikulierend herum und mein Herz drohte zu bersten. Dieses Mal beruhigte mich ein älterer Herr mit einem Ruhrgebietsakzent, den es ebenfalls nicht auf seinem Sitz hielt und der jetzt dem Anhang des „Wunders von Hoffenheim“ laut und deutlich erklärte, um was für eine Sportart es sich beim Fußball handelte und warum sie sich gewaltig irrten, wenn sie glaubten, sie spielten mit den von ihnen dargestellten Mitteln auf Dauer in diesem Sport eine Rolle. Das tat gut und war so souverän, dass ich mich aufgrund meiner Toberei ein wenig schämte, aber andererseits konnte ich ja nichts dafür. Es überkam mich einfach, das Schalke Syndrom, wie meine engsten Freunde es nennen.

Jenes Spiel im Dezember endete übrigens 1:1, es war keine Werbung für den Fußball und nicht nur ich hatte den Eindruck, man habe Hoffenheim den Punkt einfach geben müssen, damit diese Mannschaft doch noch Herbstmeister wurde. Mir war es egal, ich fand es eher peinlich und abstoßend, aber sei´s drum, nach dem Spiel bin ich ja gleich wieder ein Bürger wie alle anderen auch und weiß, wie man sich benimmt. Als ich das Stadion verließ, fiel mir nur auf, dass einige bekannte Gesichter meinen Blicken auswichen und man so tat, als kenne man mich nicht. Erst zwei Wochen später wagte es eine Kollegin, die mich beobachtet hatte, mich darauf anzusprechen, indem sie mir lachend bedeutete, sie hätte gar nicht gewusst, dass ich beim Fußball so emotional werden könne. Ich tat so, als sei von mir gar nicht die Rede.

Der Rest der Saison war alles andere als schön, diesmal wurde Schalke nur Achter, dann wurden der Manager und danach der Trainer entlassen. Aber das ließ mich alles relativ kalt, denn wer sich einmal auf Schalke eingelassen hat, der kennt das, Schalke ist kein Verein, wo alles glatt läuft. Es ist ein Club, der wie kein anderer geprägt ist von Leidenschaft und Hoffnung und, ehrlich gesagt, vielleicht ist es auch das, was den Verein davon abhält, wieder einmal die Meisterschale ins Revier zu holen, denn die meisten Mitglieder würden das wohl kaum überleben.

Jedenfalls, und auch das kennen die Schalker sehr genau, wenn eine Saison schlecht gelaufen ist, man die Schuldigen zum Teufel gejagt und ein paar Neue geholt hat, dann sind alle vor dem ersten Spieltag wieder voller Hoffnung und es ist völlig normal, dass die ganze Fangemeinde fest daran glaubt, in der bevorstehenden Saison Meister zu werden. Dann schlagen die Herzen wieder höher und die Welt leuchtet für wenige Wochen in Blau-Weiß. Und vor dieser Saison kam hinzu, dass man einen Trainer verpflichtet hatte, der erst mit den Bayern zweimal hintereinander das Double gewonnen hatte, dann zum Außenseiter Wolfsburg gegangen war und mit diesem Verein in kurzer Zeit die Bayern gedemütigt und den Meistertitel geholt hatte. Sein Name wirkte wie ein Fanal, mit ihm, ja nur mit ihm konnte Schalke wieder einmal dass ganz große Ding drehen.

Die Saison begann auch richtig gut, man gewann auswärts in Nürnberg und bezwang zuhause mühelos Bochum Und dann ging es zu einem Freitagsspiel nach – Hoffenheim. Nun muss ich sagen, dass ich, sobald der Spielplan für die neue Saison bekannt gegeben worden war, versucht hatte, eine Karte für das Spiel im neuen Stadion in Sinsheim zu bekommen. Doch dank einer nicht mehr erklärlichen, aber immer noch anhaltenden Euphorie und dank einer wahrscheinlich dilettantischen Organisation war da nichts zu machen gewesen. Gut so, dachte ich, da schonst du dein Herz. Dennoch war ich regelrecht angriffslustig geworden, weil man anscheinend so mühelos die ersten beiden Spiele gewonnen hatte und bei einem Sieg in Hoffenheim sich erstmal an der Tabellenspitze festsetzen konnte. Also entschied ich mich, es zu wagen und in das italienische Restaurant „Adria“ in meinem Viertel zu gehen, um mir das Spiel live im Fernsehen anzusehen.

Das Adria ist eine Institution in der Mannheimer Neckarstadt. Es handelt sich um einen Nachkriegspavillon, der als kleine Eisdiele am verkehrsreichen Alten Messplatz errichtet worden war und von dem es so lange ich mich entsinnen kann, in jedem Jahr hieß, das sei nun wirklich die letzte Saison, im Herbst würde der Schuppen abgerissen. Doch der Zustand Adria, und anders kann man das, was sich dort abspielt, wirklich nicht beschreiben, dieser Zustand hält nun schon seit über vierzig Jahren an. Die Rindone-Zwillinge aus Caltanisetta, Sizilien, kamen als junge Männer, fingen mit der Eisdiele an, machten zusätzlich ein Restaurant daraus mit Pizza und Pasta, Wein und Bier und expandierten mit vielen kleinen Tischen fast bis auf die Straße. Generationen von jungen Sizilianern wurden als Kellner so auf Deutschland vorbereitet, fast jeden Sommer kam frisches Fleisch, das sich bald in der Neckarstadt etablierte und eine Familie gründete. Dass Adria wurde eine Institution, wenn du etwas wissen willst über Leute , Möglichkeiten, Skandale und Affären, dann setzt du dich einfach dazu, bestellst im Gegensatz zu allem anderen den besten Kaffee der Welt und stellst die Lauscherchen. Nach einer halben Stunde bist du im Bilde und kannst wieder deiner Wege gehen und beim Metzger oder im Penny hast du dann einen Typen vor dir stehen, dem die Frau weg gelaufen ist oder der in der letzten Nacht sein ganzes Gehalt verzockt hat, wie du aus dem Adria weißt. Man ist also, nach einem Adriabesuch für weitere Exkursionen ins Viertel bestens präpariert und nichts kann dich mehr überraschen.

Direkt neben dem Adria war ein zweiter, angrenzender Pavillon, in dem über Jahre ein Café mit dem Namen Melange residierte, eher ein übler Suffbunker als ein Café und irgendwann war dessen Betreiber so weit, dass er nicht mehr verlängerte, oder verlängern konnte oder nicht mehr verlängert wurde. Jedenfalls schlugen die Rindone-Brüder zu, pachteten auch diesen Laden und das Adria war plötzlich doppelt so groß. Trotzdem reichte der Platz nie, das Adria war immer überfüllt, drinnen wie draußen, denn an welcher Informationsbörse bekam man zu derartig moderaten Preisen auch noch etwas zu essen und zu trinken. Da verkehrte alles aus dem Viertel, junge Studentinnen aus gutem Hause, fußballverrückte Italiener, ergraute Rocker, angeranzte Freiberufler, jede Menge Musiker, manche mit großem, manche mit gar keinem Erfolg, ehrliche Trinker seit einer Ewigkeit, ins zivile Leben reintegrierte Nutten, die Nagelstudios oder Ethnoläden betrieben, Frisösen, die

Schlagerstars werden wollten, Handwerker, die einfach nur gerne ein Weizen tranken, Architekten, die den Duktus der Postmoderne in den Himmel zeichneten, Kroaten, die vom Weltmeistertitel träumten, Serben, die schon ganz präzise planten, wie sie den Kosovo zurück bekämen, ein steinalter höherer Mathematiker, der Vogelfutter verkaufte und immer einen Wellensittich auf der Schulter trug, während er Studenten für ein Schnäpschen so alt aussehen ließ wie er selbst, in dem er ihnen Lösungswege für ihre Examensaufgaben auf Bierdeckel kritzelte, eine Model aus Ghana, das die nach Pizza duftende Luft immer wieder knistern ließ und Krankenschwestern, die vom Schwimmen kamen.

Der ältere der beiden Zwillinge war irgendwann zurück nach Sizilien gegangen, um den ordnungsgemäßen Verlauf der von ihm und seinem Bruder dort getätigten Investitionen zu überwachen. Der jüngere und kleinere Rindone hielt weiter die Stellung in der Neckarstadt und baute sie noch weiter aus, als Deutschland begann, mit aller Vehemenz dem Regulierungswahn von Brüsseler C-Klasse-Bürokraten zu folgen. Kaum war das Rauchverbot verhängt, verwandelte der wendige Rindone einen Riesenraum aus dem alten Café Melange in einen Fußball- & Fernsehraum, den er abtrennte, klimatisierte und wo er das Rauchen erlaubte. So schuf er im Handumdrehen ein Refugium für alle, die den Fußball liebten und auch gerne mal eine rauchten. Seitdem ging auch ich immer mal wieder gerne dorthin, um mir allerdings jedes Mal danach zu schwören, mir das nie wieder anzutun, weil es mich nervlich total aufgerieben und mein Herz sich wieder an der Sollbruchstelle abgearbeitet hatte.

Aber, so redete ich mir diesmal ein, das war ja in der letzten, seit acht Jahren schlechtesten Saison meines Vereins gewesen und diesmal stand er nach zwei Spielen auf Platz Eins, ungeschlagen und überzeugend. Also beschloss ich an diesem Freitagabend ins Adria zu gehen und mir das, übrigens einzige Spiel dieses Abends und daher in voller Länge übertragenen, Spektakel gegen Hoffenheim zu gönnen. Ohne Prophylaxe ging das natürlich nicht und so fuhr ich nach der Arbeit noch schnell in mein Sportstudio, um beim Eisenbiegen und Rudern etwas Adrenalin abzubauen. Alles klappte wie am Schnürchen, ich war früh genug da, um mir einen wunderbaren Platz auf der Seite auszusuchen und mir noch eine Pizza Siciliana zu bestellen, die ich gerade noch schaffte, als die illustre Fußball- und Calciogemeinde den Raum betrat und sich mit Bestellungen zu präparieren trachtete. Manche bestellten auch noch etwas zu essen, die meisten jedoch beließen es bei Bier oder Wein und an den Tischen wurde schon kräftig gefachsimpelt. Das war bereits so laut, dass man den Bericht aus dem Stadion, der über eine Lautsprecherbox in den Raum übertragen wurde, nur noch als unidentifizierbaren Geräuschpegel identifizierte. Bei diesem Zustand blieb es übrigens bis zum Schluss. Niemand im Adria kam auf die Idee, sich stimmlich oder thematisch zurückzunehmen, um dem übertragenen Fußballspiel folgen zu können. Die gezeigten Bilder reichten und warum niemand den doch recht lauten Ton abschaltete, um gewährleisten zu können, dass man nicht so schreien musste, diese Frage wird wohl bis ans Ende unser aller Tage niemand der Beteiligten beantworten können.

Kaum war das Spiel angepfiffen, betraten drei Männer und eine Frau den Raum. Einer davon trug ein Gazprom-Trikot von Schalke und ich dachte mir, da bist du nicht so allein, denn bis auf einige Italiener, die mit Schalke sympathisierten, waren die meisten Besucher erwiesenermaßen auf Seiten von Hoffenheim. Die Gesellschaft setzte sich an den Tisch neben mich, der zwischen mir und der Leinwand war. Kaum saßen sie, war ich jedoch sehr ernüchtert. Es stellte sich heraus, dass diese Herrschaften bereits einiges getankt hatten und in einem Zustand waren, der ein konzentriertes Folgen der Partie ausschloss. Sogleich wurden Lagen bestellt und sie besaßen die unangenehme Angewohnheit immer gleich bezahlen zu wollen. Beim Abkassieren stand der Kellner dann jedes Mal vor der Leinwand. Da häufig und schnell bestellt wurde, war das Kellnerphantom öfters zu sehen, als mir lieb war. Außerdem schrieen die vier was das Zeug hielt. Allerdings hatte ihre ramponierte Konversation nichts mit dem Spiel zu tun. Es wurde ziemlicher Blödsinn durch die Gegend geschrieen, dem ich nicht folgen konnte noch wollte, denn das Spiel zerrte bereits gehörig an meinen Nerven.

Wie schon bei dem Aufeinandertreffen der beiden Vereine vor einem halben Jahr spielte Hoffenheim aggressiv, was natürlich nicht zu beanstanden ist und dazu gehört, aber sie foulten mit einer Hemmungslosigkeit, die ein Schiedsrichter zu ahnden hat, was auch dieser Herr nicht tat, obwohl es sich nicht um Herrn Wackelmann handelte. Auf der anderen Seite schrieen die Hoffenheimer Spieler, vor allem die Trainerbank und das ganze Stadion, wenn ein eigener Spieler zu Boden ging, was sehr oft aufgrund einer gezielten Dramaturgie geschah. Zudem forderten dann immer alle gelbe und rote Karten, was einfach eine unsportliche Attitüde und abstoßend ist. Das Spiel selbst war dadurch hektisch und schlecht, gute Torchancen gab es weder vor noch nach der Halbzeit. Und es war nach einer Viertelstunde relativ klar, dass das Spiel torlos und unentschieden ausgehen würde.

Hätte ich nicht mit meinem kardialen Morbus Schalke zu kämpfen gehabt, hätte ich mich sicherlich auch mehr auf meine Nachbarn konzentrieren können, die sich zu einem immer intensiveren Schauspiel aufschwangen. Es wurde gesoffen, was das Zeug hielt, es wurde geschrieen, immer wieder telefoniert und geraucht, als ob es am Folgetag kein Tabak mehr auf der Welt gäbe. Es stellte sich heraus, dass die Herrschaften wohl irgendwo vom Balkan kamen, irgendwann gab ein immer wieder genannter Ivo der Blondierten eine Kopfnuss, was diese zu einem fürchterlichen Geschrei veranlasste. Der wohl zu ihr gehörende Gazprom-Ritter hatte aber gar keine Absicht, seinen Saufkumpanen zur Räson zu rufen und telefonierte noch ein Haserl herbei, die dann auch noch durchs Bild lief. Auch sie war eine Sonnenbankschönheit mit stahlblonden Haaren und zirka vierzig Ohrringen. Sie küsste immer wieder alle drei Herren aufs Innigste, was die schon mit der Kopfnuss gestrafte Rivalin alles andere als amüsierte. Das neue Blondchen bot jedoch auch ihr immer ganz lieb ein neues Zigarettchen an, schien diese aber als alleinige Geste nicht sonderlich zu beruhigen.

Auch die neue soff kräftig mit und vor allem der Dritte im Bunde der Herren, kahl geschoren, spärliche Frontzähne und Narben von ausgedrückten Zigaretten auf den Unterarmen bekam von dem neuen Zuckerchen immer wieder feuchte Küsse auf die Glatze, was er mit einer aufgrund seiner ramponierten Wahrnehmungsfähigkeit großzügigen Geste mit gesenkten Augenliedern wohlwollend zur Kenntnis nahm. Wobei Ivo, der mit der Kopfnuss, eine seltsame Doppelstrategie fuhr. Zum einen sagte er immer wieder zu der Neuen, das könne nichts werden, Frauen und Fußball seien einfach unvereinbar. Dabei zwinkerte er der Kleinen aber immer wieder verheißungsvoll zu und gab sich mehr als generös, indem er ihr immer wieder anbot, für sie bei der nächsten Runde auch gerne etwas Schärferes spendieren zu wollen. Auch sein lachendes Gesicht offenbarte den Verlust von Teilen seines Beißwerkzeuges, den Anlass konnte man sich durchaus zusammenreimen. Die so Beehrte blieb aber bei jeder Runde sehr bescheiden und wollte immer nur eine kleine Schorle.

Während auf dem Platz alles seinen Gang ging, indem es zunehmend hektischer, spielerisch aber nicht besser wurde, setzte sich auch noch ein älterer Herr an meinen Tisch, der zwar aufgrund seines Äußeren einen soliden Eindruck machte, den er aber sogleich verwarf, indem er mir in einem breiten Sächsisch zu verstehen gab, dass er Huffenhoim kräftig die Daumen drücke und den Scholkern nichts zutraue. Mein Blick traf ihn allerdings so hart, dass er sich von mir abwandte und mit dem Balkanclan anbändelte, was dieser mit einem ausgegebenen Getränk honorierte. Dort verabschiedete sich die später Hinzugekommene frühzeitig, indem sie darauf hinwies, sie müsse sich zuhause noch nützlich machen. Kaum hatte sie den Raum verlassen, stänkerte die andere kräftig, indem sie grölte, es handele sich bei dieser sicherlich um eine nette Frau, aber ihr Aussehen lasse doch sehr zu wünschen übrig. Bei aller Neutralität fand ich diesen Kommentar allerdings sehr deplaziert. Diejenigen, die sie angesprochen hatte, nahmen es aber wohl auch nicht mehr zur Kenntnis. Es fiel nur auf, dass Ivo wenige Minuten später verschwunden war.

Als das Spiel, das unentschieden ausging, abgepfiffen wurde, hatte ich nicht nur meine wie immer in solchen Fällen hohe Herzfrequenz, sondern zudem ein furchtbares Rauschen im Ohr. Nach langem Warten, das ich meditativ zu überbrücken suchte, konnte ich endlich zahlen. Währenddessen schrieen sich meine Tischnachbarn immer noch kettenrauchend und saufend an. Als ich das Lokal verließ, erblickte ich Ivo und die andere Blonde, die sich noch im Haushalt nützlich machen wollte, Händchen haltend an einem kleinen Tisch im Freien sitzend und musste lachen. Ich ging nach Hause, und da ich an diesem Wochenende allein war, setzte ich mich in einen Sessel und wartete gut eine Stunde, bis der Pulsschlag wieder normal war. Dann sagte mir meine Vernunft, dass das das letzte Mal war. Was sie immer tut, auch darin ist sie geübt.

Samstagsfieber

Als wir an diesem Samstag am späten Vormittag aus dem Schulgebäude strömten und uns in die hinter der Sporthalle liegenden Fahrradständer ergossen, um noch eine zu rauchen, segelte bereits Päule B., unser Kunstlehrer und Meister der Radierung, mit einer mächtigen Schnapsfahne auf seinem viel zu kleinen Fahrrad an uns vorbei und brüllte unter seiner schief sitzenden Baskenmütze zu uns herüber, wir sollten der Avantgarde den Weg frei machen und unsere Eltern nicht wieder am Wochenende enttäuschen. Benno hielt mir eine Reval hin, kniff mir ein Auge zu und meinte, Päule hätte den ganzen Morgen zusammen mit unserem Deutschlehrer Gruske gut Gas gegeben, in seiner Werkstatt hinter dem Kunstsaal, letzterer sei ziemlich auf seinen VW-Käfer zugewankt und schon auf dem Weg nach Münster zu seiner Alten, die sich bestimmt das Wochenende anders vorgestellt habe.

Wir standen in einem Kreis, rauchten und unterhielten uns über unsere Pläne. Bohne, der Hüne, erzählte, er führe mit einem Kumpel nach Dortmund, dort gäbe es eine Diskothek mit Damenwahl, da würde sich mal richtig ausgetobt. Pollux brüllte laut los und bedauerte Bohne, weil er meinte, dass ihn wohl keine Damen ansprächen, weil er ein bisschen dusselig aussähe und er solle nicht so strunzen. Daraufhin schlug ihm Bohne in den Nacken, woraufhin Pollux nur noch lauter lachte und uns ansteckte. Und schon hatten wir das wichtigste Thema eingekreist, denn die Frage, wer am Wochenende eine Frau treffen würde, bewegte uns immer und überall, und das meiste, was erzählt wurde, kam aus dem Reich der Phantasie. So wie wohl Bohnes Geschichte, obwohl er aufgrund von zwei Ehrenrunden älter war als wir und erst kürzlich zugezogen, sodass wir keine Erfahrungswerte über ihn hatten. Die Mädels unserer Schule allerdings fanden ihn abscheulich, die schöne Sabine sagte über ihn, mit seinem dunklen Wuchs sähe er aus wie ein Affe und die von allen Mopedfahrern verehrte Anita meinte, er sei ein dämlicher Johann. So fiel es uns schwer zu glauben, er tauchte im großen Dortmund in einer Disko auf und die Ruhrgebietsmiezen verlören den Verstand, nur weil Bohne mit der dicken Brille eintrat und sich wichtig machte.

„Mensch Bohne, erzähl doch, wie ihr die Sache dann so schaukelt,“ meinte Theo, der immer gutgläubig und skeptisch zugleich war und von dem wir wussten, dass er auf keinen Fall je den Mut gehabt hatte, eine Frau auch nur anzusprechen.
„Der Jupp, mit dem ich da hin fahre, der hat erstmal nen weißen BMW! Wir machen uns ein bisschen schick und dann rauschen wir mit der Kiste vor den Silvermoon und parken direkt vor dem Laden. Das ist schon mal die halbe Miete. Dann gehen wir da lässig rein, erstmal an die Bar und bestellen zwei Fiffi und stecken uns eine an. Der Rest geht wie von selbst!“

„Ich werd nicht mehr“, schrie Pollux, „erzähl doch keinen Scheiß! Im Silvermoon verkehren doch richtig schwere Jungs aus dem Pott und dann kommen Jupp und Bohne mit so ner weißen Viehzüchterschaukel vorgefahren, steigen mit ihren Tortenärschen und Rollkragenpullovern aus, stecken sich an der Theke ne Lux ins ungewaschene Maul und bestellen Coca mit Fuselschnaps und die ganze Erotik des Ruhrgebiets liegt ihnen zu Füßen! Mensch Bohne, erzähl doch kein Stuss! Wahrscheinlich fahrt ihr nach Beckum in die Eisdiele und drückt stundenlang die Equals in der Musikbox und ladet irgendwelche Bauerntrienchen zu so nem türkisfarbenen Eisbecher ein und fühlt euch wie die Kings!“

Und wieder holte Bohne zu einem Schwinger aus, den Pollux aber aushebelte, indem er sich wegduckte, was zur Folge hatte, dass dem dahinter stehenden Brungsbach die Brille von der Nase flog.

„Sach ma Bohne, hast du noch alle Schweine im Rennen?“ schrie dieser den Missetäter an, „Wat kann ich dafür, dat du hier mit deine Märchen auffliegst?“
Jetzt wurde es Bohne so langsam zuviel. „Komm mir jetzt bloß nicht auch noch blöd Brungsbach, sonst gibt’s erst so richtig was in die Schnauze! Außerdem hab ich keine Lust, mit so Zipfelmützen wie euch meine Zeit hier zu verplempern! Guckt ihr mal schön morgen Abend den goldenen Schuss mit Vico Toriani, während ich im Silvermoon das Ruhrgebiet entjungfere!“ Sprachs, schnappte seine speckige Ledertasche, sprang recht ungraziös über den Fahrradständer und verschwand unter lautem Gejohle.

„So Unrecht hat er ja nicht, meinte der dicke Ballauf. Irgendwie is Wochenende doch immer scheiße. Nix los, Glotze und dreimal am Tach mit den Alten essen.“
„Ja, Dicker“, meldete sich Olli zu Wort, „ dann hau doch mal auf den Tisch und mach ne Ansage!“
„Ja, wat denn, du Klugscheißer?“
Jetzt schaltete sich Brungsbach wieder ein:
„Mensch Dicken, bis du blöd? Sach ma deine Mammi, du hättest eine Braut in der Zechensiedlung und die wollte dich heute Nacht im Reihenhaus vorm Pütt mal testen, bevor se sich mit dich verlobt!“

Wir juchten vor Freude, war der Dicke doch Sohn des Stadtdirektors und seine Mutter als eine Furie bekannt, der nichts gut genug für ihren Prinzensohn war.
„Und wenn deine Alte zickt, sach ruhig, du hättest die Kleine schon zwei, dreima aufe Kirmes geknutscht und könntest jetz nich mehr zurück!“
„Brungsbach, du bist doch völlig bekloppt, dir ist wirklich nicht mehr zu helfen“, so der Dicke, ohne dass ihm irgendeine andere Antwort einfiel.
„Ich jedenfalls,“ so meldete sich nun Alfred, werde heute Fußball spielen, dann höre ich Bundesliga im Radio, Sonntagmorgen spiel ich wieder selber und nachmittags geh ich zum ASV, das Wochenende ist gerettet“.

Nun meldete sich wieder Pollux zu Wort, „Mensch Alfred, treibs nicht zu doll, du siehst ja jetzt schon aus wie ein lebender Rasenmäher, guck dir mal deine Beine an! Und deine Frisur ist eh schon wie ein englischer Rasen!“
„Dann hat der Dicke“, schrie jetzt Brungsbach, „ne englische Hecke aufm Kopp!“

In dem Moment näherten sich drei aus der Mädchenklasse, die Sport gehabt hatten und etwas später dran waren. Ganz plötzlich wurde es still und wir rauchten ganz lässig unsere Revals.

„Na Jungs“, meinte die Langbeinige in der Mitte, „alles klar zum Wochenende?“.
„Wenn ihr mit uns mitkommt“, konterte Benno, „dann kann nichts mehr schief gehen:“
„Geht leider nicht,“ kam prompt die Antwort, „wir sind bei Bernhard im Partykeller, der macht heute ein kleines Fest.“
„Denn braucht ihr ja keine Schlaftabletten, bei dem feurigen Elias geht´s bestimmt zur Sache!“ bäumte sich Benno nochmals auf, doch die drei Schönen hatten uns schon längst hinter sich gelassen, lachten jetzt nur noch dämlich und drehten sich ein letztes Mal um, um uns die Zunge raus zu strecken.
„Gott sei Dank hab ich den Fußball“, kommentierte Alfred das gerade Erlebte und irgendwie mochte ihm keiner widersprechen. Außer dass wir alle noch ein bisschen über den blonden Bernhard mit seinem Partykeller lästerten, den Honigmann, der alles hatte, ein Musterschüler war und den wir nur nicht in der Pause verdroschen, weil er ein kränklicher Typ war und immer irgend etwas hatte.

Nachdem wir unsere Kippen in den Vorgarten des immer schreienden Hausmeisters geschnippt hatten, wünschten wir uns ein schönes Wochenende und gingen unserer Wege. Ich lief direkt am Stadion entlang, wo auch ich am Sonntag das Spiel des ASV sehen wollte, bog dann ab in die Allee, auf der ich noch zirka zehn Minuten zu laufen hatte, bevor ich zuhause war. Immer wieder rasten Schüler auf ihren Fahrrädern an mir vorbei, manche grüßten oder klopften mir beim Vorbeifahren auf die Schulter. Karl Schnitzmeier, der Wirt vom Nordstern, stand rauchend vor seiner Kneipe und nickte mir zu, schräg gegenüber kam Frau Wilmes aus dem Metzgerladen und Theo Siggemann verschwand beim benachbarten Frisör.

Zuhause angekommen, warf ich meine Schultasche in den Flur und lief in die Küche, wo meine Tante saß und mir sogleich Kartoffelsalat und Bockwürste auftischte und fragte, ob ich es für heute auch geschafft hatte. Ich bejahte und verschlang alles auf dem vor mir stehenden Teller.
„Außerdem musst du jetzt nicht mehr beim Kundendienst helfen, der Jupp hat schon alles erledigt“ informierte mich meine Tante. „Dein Vater hat mich gebeten, es dir auszurichten, bevor er in die Sauna ist. Du darfst weg, sollst heute Abend aber nicht zu spät zurück sein.“
Ich aß noch schneller und war in wenigen Minuten fertig. Holte meine Jacke, steckte Geld und Zigaretten ein und schon war ich wieder auf der Allee, um Autos anzutrampen, um aus der Stadt zu meinem Ziel in fünfundzwanzig Kilometern Entfernung zu kommen. Ich hatte mich auf Verdacht mit meinem Kumpel vom See verabredet, der dort zur Schule ging und hinterher samstags immer noch in dem Jugendcafé „Pot“ am Fluss anzutreffen war. Dass der Schuppen nur mit einem T geschrieben wurde, sahen alle Pfahlbürger der bornierten Nachbarschaft als Dummheit der Jugendlichen an, ohne zu bemerken, dass sie es waren, die dort auf den Arm genommen wurden.

Die Flucht aus meiner Stadt, und waren es nur wenige Stunden, waren das einzige, was mich die Woche über aufrecht hielt. Ich empfand die Atmosphäre und alles dort, den Trott, die Routine, die Verbohrtheit und die Ignoranz als unerträglich, ohne dass ich hätte groß mit Worten ausdrücken können, was es eigentlich war. Immer umschlich mich eine tiefe Trauer, vor allem, wenn ich mich langweilte, weil ich nichts zu tun hatte. Dann wurde es besonders schlimm, denn ich hatte Zeit zum Nachdenken, was allerdings zu nichts führte, außer dass ich mir unendlich verloren vorkam in einer Welt ohne Sinn.

Umso mehr trieb es mich an, raus zu kommen aus der Stadt, an andere Orte, wo ich bereits andere Freunde hatte, die alle irgendwie ein wenig weiter waren und die den ganzen Stumpfsinn, der auch sie umgab, in Worte fassen konnten.

Ich schlenderte die Allee bis zum Farbengeschäft Stricker, von wo aus die Wahrscheinlichkeit größer war, dass überhaupt jemand die Stadt mit dem Auto verließ und nicht doch irgendwo vorher abbog, um nur die Oma zu besuchen oder Einkaufen zu gehen. Samstagmittags herrschte reger Verkehr und es dauerte nicht lange, bis der erste Wagen anhielt. Und ich hatte Glück, es war der Bruder eines entfernten Bekannten mit seiner Ente, der eine selbst gedrehte Zigarette im Mundwinkel hatte und zurück zur Universität wollte, die ihn durch den Ort führte, in dem der „Pot“ lag. Er ließ mich einsteigen und wir zuckelten dann ganz gemächlich durch die Gegend, der Typ war ganz nett, aber irgendwie auch ein bisschen durch den Wind, alles fand er bärenstark oder affengeil, jovel oder knorke, er hatte lange Haare, trug eine Nickelbrille und seine rechten Zeige- und Mittelfinger waren vom Rauchen dunkelgelb. Der Tabak, den er rauchte, roch nach verbrannter Baumwolle. Unter dem Aschenbecher hing ein völlig abgenudelter Cassettenrecorder, auf den er immer wieder mal einschlug, wenn er stotterte oder streikte und aus dem ein entsetzliches Gedudel drang.

Da ich ein weit bereister Tramper war, wusste ich natürlich, wie man Gespräche mit denen führte, von deren gutem Willen es abhing, wie schnell man sein Reiseziel erreichte und so fragte ich den Typen auch, was das denn für eine wahnsinnige Musik sei. „Livin´Bllues! Das ist das Größte, ich sag dir, der hat ne Transzendenz in seiner Gitarre, das gibts gar nicht.“ Spätestens jetzt hielt ich den Typen für total meschugge, tat aber so, als hätte er mich soeben erleuchtet. Wir zuckelten von Dorf zu Dorf, und in jeder Ortschaft steckte er sich eine neue Zigarette an und hörte nicht auf zu reden.

„Soziologie, ich sag dir, das ist das Fach, mit dem du alles erklären kannst. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind der Schlüssel zur Erklärung der menschlichen Existenz! Nichts, was sich da nicht zeigen würde. Hast du zum Beispiel gewusst, das psychische Verhaltensweisen in bestimmte soziologische Muster münden?“

„Nee!“ antwortete ich, ohne zu wissen, worüber er nun sprach. Für meine Verhältnisse war der Typ doch ärmer dran, als ich dachte.
„Doch, doch! Ich bin da gerade in einem Seminar, wo das genau erklärt wird!“

Ich versuchte, durch eine interessierte Miene und Nachfragen an der richtigen Stelle, ihn in seinem Redeschwall zu halten und hoffte, dass er nicht noch anfing, mir unangenehme Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten konnte.
Als wir schließlich den Ort erreichten, ließ ich ihn an der erstbesten Kreuzung anhalten, obwohl er protestierte und mir anbot, mich bis zum „Pot“ zu bringen. Ich log irgendwas zusammen, ich müsse noch kurz hier in der Gegend was abgeben und war heilfroh, als ich aus dem versifften Aschenbecher mit dem neunmalklugen Fahrer aussteigen konnte.

Mit der Zeit hatte ich eine Typologie derer entwickelt, die mich beim Trampen mitnahmen. Da waren die Neugierigen, die einen ständig ausfragten wie bei einem Verhör, dann die Schweigsamen, die immer sehr konzentriert in den Rückspiegel sahen, die halbwegs Normalen, mit denen man sich unterhalten konnte oder auch nicht, je nach beidseitiger Laune, und dann die Mitteilsamen, die meinten, sie hätten die Weisheit mit Schaumlöffeln gefressen und sie müssten einem die Welt erklären. So einer fuhr jetzt in seiner weinroten Ente weiter und ich spazierte in aller Ruhe in Richtung „Pot“.

Als ich über den mittelalterlichen Marktplatz schlenderte und mich damit meinem Ziel näherte, blickte ich herauf zur Uhr der Laurentiuskirche und sah, dass es bereits halb Drei war und las den Spruch, den mir mein Freund, der aufs Gymnasium ging und dort Latein lernte, übersetzt hatte: Una Tua Erit, Eine wird Deine sein! Weil ich diesen Satz als Bedrohung empfand, beschleunigte ich meinen Schritt, ließ die Kirche hinter mir und war bald in der Gasse am Fluss und betrat den „Pot“.

Wie immer war es ziemlich dunkel, Tageslicht schien nur durch eine grüne Scheibe am Ende des Schlauchs. An den Tischen saßen Junge Leute, spielten Schach oder Mühle und unterhielten sich dabei. Es rauchten fast alle und meistens selbst Gedrehte, was einen Geruch erzeugte, der an brennende Felder erinnerte. Mein Freund saß in einer der Bänke und winkte mir zu. Er hatte eine Langspielplatte auf dem Schoß und zeigte mir sie gleich sehr stolz. Es war Axis: Bold as Love von Jimi Hendrix und ich wurde sogleich nervös, weil ich sie hören wollte.

„Jetzt mal nicht gleich so fickerig, Junge, ich hab schon mit Sklave gesprochen, er hat mir gesagt, er legt sie auf, wenn der Kindergarten weg ist.“
Ich wusste, dass Sklave der Typ genannt wurde, der samstags die Platten auflegte und mit dem Kindergarten meinten sie die meisten Mädels, die noch da waren. Im Gegensatz zu meinen Schulfreunden in meiner Stadt, bei denen sich alles um die Mädels drehte und jede Platte, jedes Moped und jede neue Frisur ausschließlich dazu dienten, die eigenen Chancen zu erhöhen, um mit Sabine, Anita oder Monika mal irgendwo hin gehen zu können, war es beim Publikum im Pot anders. Da galten die Mädels als eher geistig und kulturell minderbemittelt, weil sie so genannte kommerzielle Musik hörten und eigentlich keine Ahnung hatten. Ich selbst hatte schon einmal miterlebt, wie eine sehr hübsche Blondine den Sklaven gefragt hatte, ob er die Beatles auflegen könne und er mit einer Stimme, die nicht hätte verächtlicher sein können geantwortet hatte: „Wenn du tanzen willst, schöne Maid, dann musst du aufs Schützenfest gehen!“ Es kam einer Exekution gleich.

Überhaupt unterschieden sich die Welten sehr, obwohl zwischen diesen beiden Städten nur fünfundzwanzig Kilometer lagen. Meine Freunde in der Schule hörten lieber harten Rock, spielten mit den Muskeln, fuhren Moped, tranken Bier und interessierten sich für Frauen und hier, etwas weiter nördlich, die Freunde meines Freundes, hörten experimentelle Musik, waren eher schlaksig, trugen Brillen, rauchten Selbstgedrehte, tranken Tee und hatten immer so einen arroganten, herablassenden näselnden Unterton. Mir ging es eigentlich nur um meinen Freund, den ich im Sommer regelmäßig am See traf, wo wiederum andere Gesetze herrschten, nämlich die unseren. Wir trafen uns nur manchmal hier im Pot, weil es in der Mitte lag und er hier zur Schule ging. Dennoch beeindruckte mich immer wieder die Musik, die hier aufgelegt wurde. Es war für mich eine neue Welt, die mich ansprach, weil sie schlicht und ergreifend anders war als mein grauer Alltag.
Wir tranken den furchtbaren Tee, rauchten und unterhielten uns über unsere gemeinsamen Bekannten vom See, die wir im Winter kaum sahen und die genauso wie wir irgendwo in Dortmund, Münster oder Bielefeld ungeduldig darauf warteten, dass der Frühling kam und wir uns an den Wochenenden wieder treffen konnten. Irgendwann gingen dann auch die Mädels und Sklave am Plattenspieler rieb sich schon freudig die Hände. Er nahm die Hendrix-Langspielplatte in Empfang und legte sie andächtig auf den Plattenteller, hob vorsichtig den Arm und setzte ihn ab. Als die ersten Klänge zu hören waren, wurde es ganz still im Pot. Und plötzlich roch es auch danach. Niemand unterhielt sich mehr, alles lauschte und wir sahen uns bedeutungsvoll an. Ich hatte noch das Album Are You Experienced im Kopf und tat mich deshalb ein wenig schwer mit dem einen oder anderen Stück, aber mir war sehr schnell klar, dass wieder eine Musik entstanden war, die nicht nur neu, sondern revolutionär war. Von den Texten verstand ich nur Bruchstücke und ich hütete mich, in diesem Kreis danach zu fragen, blickten diese gescheiten Gymnasiasten doch alle sehr intelligent hinter ihren Nickelbrillen hervor. Was mir im Kopf blieb war der Vers castles made of sand fall into the sea, eventually…

Als es immer dunkler im Pot wurde, verabschiedete ich mich von meinem Freund, weil ich zum Abendessen zurück sein musste. Ich schlenderte wieder an dem unheilvollen Kirchturm vorbei, lief über den mittelalterlichen Markt, kam an dem Furcht einflößenden Laurentianum vorbei, in welchem die Pot-Insassen zumeist zur Schule gingen und erreichte die Hauptstraße Richtung Süden, wo ich in der Dämmerung den Daumen heraushielt. Zwar fuhren noch genügend Autos, aber keines hielt an. Es wurde nicht nur dunkel, sondern es begann auch zu winden und später zu regnen. Da ich nicht auf Regen eingestellt war, wurde ich nass und meine Chancen, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen sanken dramatisch. Mehr als eine Stunde musste ich warten, bis mich ein Lieferwagen mitnahm. Er fuhr zu einer Bauernkneipe cirka fünf Kilometer vor meiner Stadt. Als wir dort ankamen, ging ich mit hinein. Es roch nach Stall, an der Theke standen zwei Typen, die sich die Sportschau ansahen und das Bier zapfte eine dicke Blonde in einem weißen Küchenkittel. Ich bestellte mir ein Pils und eine Mettwurst und fragte, ob ich mal telefonieren könne.

„Klar, komm hinter de Theke, siehste ja, wos steht, koss zwanzich Pfennich.“ Ich drehte die schwarze Wählscheibe und rief zuhause an. Mein Vater nahm nach kurzer Zeit ab. „Ich bin in Friekens, hoffe, mich nimmt gleich einer mit, wollte nur, dass du weißt, wo ich bin!“
„Ist gut, gleich kommt Schalke, machs gut.“ Und er legte auf.
Einer der Sportschaugucker vorm Tresen hatte zugehört und sagte, „Nache Sportschau kann ich dich mitnehmen, fahr bis zur Nordstraße. Wenne wills kanns noch in Ruhe n Pilsken trinken, dann chait dat los!“
„Tofte!“ gab ich zurück und zögerte auch nicht, seinem Rat zu folgen und nickte der Dicken mit ihrem Wasserstoffdutt zu. Zischend kam das Pils aus der Leitung und ich sah mir an, wie Manni Kreuz einen Elfer in die Maschen haute. Das hob kurzfristig meine Stimmung. Bis wir fuhren waren es drei Pils, weil mein Chauffeur meinte, er müsste noch einen Piccolo mit der dicken Küchenschürze trinken.

Der Typ fuhr einen alten Mercedes Diesel, der auch im Innenraum nach Treibstoff roch. Außerdem stank er sehr stark nach Schnaps. Es regnete wieder und dauerte zum Glück auch nicht mehr lange, bis er mich in der Nordstraße, wo ich auch wohnte, herausschmiss. Zuhause angekommen, ging ich gleich in die Küche, machte mir ein paar Brote mit Schinken, holte Gurken aus dem Keramikfass und gesellte mich zu meinem Vater ins Wohnzimmer. Wir unterhielten uns noch etwas über den Spieltag, er fragte mich, was ich gemacht hätte und wie es meinem Freund ginge. Wir sahen noch einen Film zusammen und dann ging ich ins Bett.

Draußen regnete es jetzt in Strömen und Windböen drückten im Hof immer wieder heftig gegen das große Tor. Lange noch lag ich wach, ich dachte an Sandschlösser, die allmählich im Meer versinken träumte vom nächsten Sommer.