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Charles Spencer Chaplin

Wir kannten ihn alle, als Kinder. Er war die Figur, die uns in ferne Welten fliehen ließ, die unser Dasein kannte und uns Trost spendete. Und die uns lehrte, das Tragische des Alltags auch mit einem lachenden Auge zu sehen. Helden von Kindern sind schnell verblichen. Er blieb. Weil er es vermochte, uns nicht nur als Kindern etwas mitzuteilen, sondern auch später noch sehr viel Stoff bot, sich mit ihm zu befassen. Da waren die große Stadt und die Fabrik, da war die Liebe und das Leben unterwegs. Alles das waren unsere Themen. Wir flohen vom Land in die großen Städte, wir jobbten in Fabriken und wir verliebten uns über soziale Barrieren hinweg. Das alles war uns von ihm schon in unserer Kindheit erzählt worden, ohne dass wir es bewusst registriert hätten. Das ist Kunst. Das ist große Kunst.

Viele Jahre später, als ich unterwegs war, da traf ich ihn wieder. In London. Soho. In einem kleinen Park inmitten des täglichen Trubels waren neben den Bänken die Büsten von britischen Literaten, Dickens, Yeats, unter ihren mächtigen Köpfen standen der jeweilige Name und die Lebensdaten. Und dann war da noch eine Skulptur, der kleine Mann mit dem eigenwilligen Schnurrbart, dem feinen Spazierstock und den ausgelatschten Schuhen. He gave so much fun to so many people. Das war alles, was zu lesen war. Mehr brauchte es nicht in Soho, dem pulsierenden Theaterviertel Londons. Charles Spencer Chaplin war über seine Heimatstadt weltweit bekannt.

Charlie Chaplin eroberte Hollywood, als es noch kein Hollywood war, in Zeiten des Stummfilms und der erbärmlichen Drehbücher, in denen in der Regel ein Polizist mit einem Knüppel einen armen Teufel versohlte, woher auch dann der Name des Genres, Slapstick, stammte. Chaplin kam, schlüpfte in das Klischee der komischen Figur und inszenierte eine der wohl wirkungsvollsten Kulturkritiken der Moderne. Er thematisierte die Ausbeutung und Entfremdung (Modern Times), die Entwurzelung in Zeiten der Kapitalakkumulation (The Tramp), der Vereinsamung (City Lights) und sozialen Verarmung (The Kid). Dass er später noch den großen Diktator seiner Epoche persiflierte, und zwar vertont, ist nur eine Randnotiz eines vermeintlichen Komikerlebens, das nicht hätte politischer sein können. Chaplin war Europäer, und das blieb er auch in den langen Jahren seines Erfolges in den USA. Sein Demokratieverständnis gehorchte keinen Wellen, sondern es blieb stabil, auch nachdem Hitler längst auf dem Misthaufen der Geschichte lag und sich in den USA der McCarthy-Ära der Kalte Krieg formierte. Chaplin pflegte nach wie vor auch Kontakt zu Kommunisten und blies nicht in das Horn des Neonationalismus.

So konnte er nach einer Europareise nicht wieder in die USA einreisen und wählte als letztes Domizil die Schweiz. Da war er aber schon eine Legende. Durch sein künstlerisches Schaffen hatte er es vermocht, Bewegendes und Geistreiches für alle Bildungsgrade zu inszenieren und zu transformieren. Das können nur wenige. Charlie Chaplin war ein Großmeister dieser wenigen. Denn wer denkt schon daran, wenn er sich heute noch einmal diese Wackelfilme anschaut, dass diese es vermochten, dem Publikum eine Intuition dafür zu verschaffen, dass zum Glück das Unglück, zur Macht das Joch, zum Gigantischen die kleine Sorge und zum Strahlenden der Schatten gehört? Ich habe ihn vor Augen, wie er vor mir steht, in Soho, ohne seinen Namen zu nennen, weil das auch gar nicht nötig ist. Heute hätte er Geburtstag.

Es ist nie zu spät

Manchmal sind es die kleinen, ungeplanten Begegnungen, die mehr bewirken als die vielen Geschehnisse des großen, offiziellen Protokolls. Gestern wurde mir wieder einmal ein solches Privileg zuteil. Als ich von einem Termin zurück in mein Büro wollte, lief mir ein Mann in die Arme, den ich sofort als einen ehemaligen Kollegen identifizierte. Er pfiff leise vor sich hin und trug einen Korb, den er auf dem benachbarten Markt gefüllt hatte. Freudig begrüßten wir uns, obwohl wir beruflich nicht immer einer Meinung waren und so machen Zielkonflikt hatten ausfechten müssen.

So dauerte es nach der Begrüßung auch nur wenige Sekunden und wir waren in ein Gespräch vertieft über die gegenwärtige Lage des Unternehmens und die verschiedenen Rollen, die manche darin spielten. Mir selbst war das eher unangenehm, weil ich dachte, dass der ehemalige Kollege damit gar nichts zu tun haben wollte. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Und obwohl er in seiner aktiven Zeit alles andere als ein Duckmäuser gewesen war, zog er jetzt vom Leder, dass es nur noch so krachte. Da waren die Kräfte, die dem Unternehmen mehr schadeten als nützen sehr schnell identifiziert und ich stellte fest, dass es dem ehemaligen Kollegen einen höllischen Spaß bereitete, alles, was nicht so optimal lief, von allen Seiten genüsslich zu beleuchten.

Nach nur wenigen Sätzen war das alles auch gar keine Unterhaltung mehr, sondern ein Monolog. Schnell kam ich mir allenfalls noch vor wie ein Stichwortgeber, aber eigentlich war das auch nicht vonnöten, denn der Kollege war nahezu in narrativer Rage. Nur einmal wurde es etwas besinnlich, als er mir nämlich erzählte, dass er dem Sensenmann nur knapp und durch Zufall von der Schüppe gesprungen und das auch die Ursache für sein vorzeitiges Ausscheiden gewesen sei. Viele, so seine Geschichte, hätten ja vermutet, er sei aus Frust über bestimmte Organisationsentscheidungen gegangen, die seinen Einflussbereich betroffen hätten. Aber das sei weit gefehlt. Und wieder hub er an zu einem neuen Skandal, hinter dem er noch so manch anderes vermutete.

Wie es so ist in Unterhaltungen, in denen man sich irgendwann als Opfer fühlt, so wartete ich auch auf genau den Augenblick, in dem mein Counterpart Luft holen musste, um eine zeitliche Verpflichtung zu benennen, die es mir unmöglich machte, noch weiter zu verweilen und der Trauerarbeit meines Gegenübers weiter zuzuhören. Denn darum schien es sich zu handeln. Ich hatte einen Mann getroffen, dem irgendwann die Macht abhanden gekommen war und der schwer darunter litt. In seiner aktiven Zeit war er bekannt dafür, dass er sich relativ wenig um die Belange anderer gekümmert hatte und sich daran erfreute, seine Sichtweise anderen mit Gewalt aufdrücken zu wollen. Kooperation war ebenso wenig sein Ding wie der Wunsch, die Ziele seiner Mitspieler zu kennen und zu begreifen. Das hatte ihn auf Dauer isoliert und nicht nur sozial einsam, sondern auch weltfremd gemacht. Dann kam die kalte Hand der Veränderung und katapultierte ihn ins Abseits, was er dann nicht lange ertrug und er seinen Hut nahm.

Er hat weder das Resultat seines eigenen Verhaltens verschmerzt noch seinen eigenen Beitrag dazu kritisch gewürdigt. Das tat mit irgendwie weh, denn im Grunde genommen war er kein schlechter Mensch. Als wir uns dann verabschiedeten, rief er mir noch nach, ich solle all jene von ihm grüßen, von denen ich glaubte, sie würden sich darüber freuen. Da fasste ich wieder etwas Mut. Vielleicht war es für ihn doch noch nicht zu spät.

Aller Anfang ist schwer

Du kennst das. Wie ein Fliegerangriff rauscht der Klang des Weckers in dein Schlafzimmer. Mitten aus dem Nichts schnellst du hoch, ohne Orientierung, den kalten Schweiß im Nacken, Herzrasen. Dann, so langsam, während du schluckst und schmatzt wie ein Bär, wird dir bewusst, wo du bist und dass dich ein äußerer Zwang zu irgend etwas treibt. Es ist die Pflicht, die dich ruft, deren Sinn du nicht verstehst.

Langsam schleichst du aus deiner Höhle hinaus und tastest dich ins Badezimmer. Und die ersten Signale, die du empfängst, sagen dir, dass das nicht dein Tag wird. Da ertappst du dich dabei, dass du dir Rasiercreme auf die Zahnbürste drückst oder Zahncreme in den Pinsel jagst, du schneidest dich mit zittriger Hand, und rutschst beim Duschen fast aus. Als wäre das alles nicht genug, als sagte dir das Schicksal nicht jetzt schon: lass es sein!, tastest du dich weiter vor in die Küche und verschüttest prompt den Kaffeesatz, bevor du die Maschine neu befüllen kannst.

Aus dem Radio kommen Nachrichten, die den Weltuntergang nahelegen und ein Wetterbericht, der klingt wie Dantes Inferno. Spätestens jetzt solltest du begriffen haben, dass das nicht dein Tag wird. Aber nein, du bist ein pflichtbewusster Mensch und lässt dich vom geraden Pfad ihrer Erfüllung nicht abbringen. Während du die Zeitung holst, begegnet dir der Nachbar, den du schon immer am Zaun hängen sehen wolltest und du schämst dich, weil du nicht ehrlich bist und ihn zur Strecke bringst, sondern ihn auch noch freundlich grüßt. Da fühlst du dich schlecht, sehr schlecht. Dann setzt du dich an den Küchentisch, schlägst die Zeitung auf und ärgerst dich schon wieder. über die Politik, über die Niederlage deines Vereins und über die Wettervorhersage. Schnaufend faltest du das ohnehin schlechte Blatt, dass du schon vor Jahren kündigen wolltest, zusammen und wirfst es in die Kiste mit dem Altpapier.

So langsam, glaubst du, kommst du auf Betriebstemperatur. Du schreitest mittlerweile majestätisch auf den Kühlschrank zu, öffnest die Tür und holst Eier und Speck heraus. Du bist alleine, sagst du dir, Ökopolizei und Gesundheitsgeheimdienst sind auf Dienstreise, heute kannst du leben wie ein König. Du stellst die Pfanne auf den Herd und machst sie mit echter Butter geschmeidig, wirfst den Speck hinein, wartest, bis er Hymnen singt und goldbraun wird, bevor du zischend die Eier in die Hölle wirfst. Zwei Scheiben Toast aus reinem Weißmehl, die dir entgegen strahlen wie eine Parole auf einer Demonstration, empfangen den Pfanneninhalt wie gierige Kinder. Nun steht alles auf dem Tisch. Zur Krönung holst du dir eine Tasse von dem starken Kaffee, schwarz wie die Nacht. Fast rituell ist erst ein Schluck Kaffee fällig, bevor du das Mahl, dass dich mit dem beginnenden Tag versöhnen soll, zu dir nimmst.

Doch anstatt wohl gefälliges Grunzen entfährt dir ein Laut heiseren Protestes, während du die Brühe Richtung Lampe bläst. Dass dein Gehirn wieder arbeitet, merkst du sofort, du weißt, dass das Elixier nach Essig schmeckt, wofür die große Liebe deines Lebens verantwortlich ist, die die Maschine gereinigt und die Verkalkung bekämpft hat. Doch deine Laune schlägt um, oder genauer, sie kehrt zum morgendlichen Ausgangspunkt zurück. Du stürmst aus der Küche, rennst in dein Arbeitszimmer, reißt die Schublade vom Schreibtisch auf, greifst dir den Revolver und entleerst die ganze Trommel beim Zerschießen des Kronleuchters. Das tut verdammt gut. Und auch dieser Tag kann beginnen.