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Es ist nie zu spät

Manchmal sind es die kleinen, ungeplanten Begegnungen, die mehr bewirken als die vielen Geschehnisse des großen, offiziellen Protokolls. Gestern wurde mir wieder einmal ein solches Privileg zuteil. Als ich von einem Termin zurück in mein Büro wollte, lief mir ein Mann in die Arme, den ich sofort als einen ehemaligen Kollegen identifizierte. Er pfiff leise vor sich hin und trug einen Korb, den er auf dem benachbarten Markt gefüllt hatte. Freudig begrüßten wir uns, obwohl wir beruflich nicht immer einer Meinung waren und so machen Zielkonflikt hatten ausfechten müssen.

So dauerte es nach der Begrüßung auch nur wenige Sekunden und wir waren in ein Gespräch vertieft über die gegenwärtige Lage des Unternehmens und die verschiedenen Rollen, die manche darin spielten. Mir selbst war das eher unangenehm, weil ich dachte, dass der ehemalige Kollege damit gar nichts zu tun haben wollte. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Und obwohl er in seiner aktiven Zeit alles andere als ein Duckmäuser gewesen war, zog er jetzt vom Leder, dass es nur noch so krachte. Da waren die Kräfte, die dem Unternehmen mehr schadeten als nützen sehr schnell identifiziert und ich stellte fest, dass es dem ehemaligen Kollegen einen höllischen Spaß bereitete, alles, was nicht so optimal lief, von allen Seiten genüsslich zu beleuchten.

Nach nur wenigen Sätzen war das alles auch gar keine Unterhaltung mehr, sondern ein Monolog. Schnell kam ich mir allenfalls noch vor wie ein Stichwortgeber, aber eigentlich war das auch nicht vonnöten, denn der Kollege war nahezu in narrativer Rage. Nur einmal wurde es etwas besinnlich, als er mir nämlich erzählte, dass er dem Sensenmann nur knapp und durch Zufall von der Schüppe gesprungen und das auch die Ursache für sein vorzeitiges Ausscheiden gewesen sei. Viele, so seine Geschichte, hätten ja vermutet, er sei aus Frust über bestimmte Organisationsentscheidungen gegangen, die seinen Einflussbereich betroffen hätten. Aber das sei weit gefehlt. Und wieder hub er an zu einem neuen Skandal, hinter dem er noch so manch anderes vermutete.

Wie es so ist in Unterhaltungen, in denen man sich irgendwann als Opfer fühlt, so wartete ich auch auf genau den Augenblick, in dem mein Counterpart Luft holen musste, um eine zeitliche Verpflichtung zu benennen, die es mir unmöglich machte, noch weiter zu verweilen und der Trauerarbeit meines Gegenübers weiter zuzuhören. Denn darum schien es sich zu handeln. Ich hatte einen Mann getroffen, dem irgendwann die Macht abhanden gekommen war und der schwer darunter litt. In seiner aktiven Zeit war er bekannt dafür, dass er sich relativ wenig um die Belange anderer gekümmert hatte und sich daran erfreute, seine Sichtweise anderen mit Gewalt aufdrücken zu wollen. Kooperation war ebenso wenig sein Ding wie der Wunsch, die Ziele seiner Mitspieler zu kennen und zu begreifen. Das hatte ihn auf Dauer isoliert und nicht nur sozial einsam, sondern auch weltfremd gemacht. Dann kam die kalte Hand der Veränderung und katapultierte ihn ins Abseits, was er dann nicht lange ertrug und er seinen Hut nahm.

Er hat weder das Resultat seines eigenen Verhaltens verschmerzt noch seinen eigenen Beitrag dazu kritisch gewürdigt. Das tat mit irgendwie weh, denn im Grunde genommen war er kein schlechter Mensch. Als wir uns dann verabschiedeten, rief er mir noch nach, ich solle all jene von ihm grüßen, von denen ich glaubte, sie würden sich darüber freuen. Da fasste ich wieder etwas Mut. Vielleicht war es für ihn doch noch nicht zu spät.

Aller Anfang ist schwer

Du kennst das. Wie ein Fliegerangriff rauscht der Klang des Weckers in dein Schlafzimmer. Mitten aus dem Nichts schnellst du hoch, ohne Orientierung, den kalten Schweiß im Nacken, Herzrasen. Dann, so langsam, während du schluckst und schmatzt wie ein Bär, wird dir bewusst, wo du bist und dass dich ein äußerer Zwang zu irgend etwas treibt. Es ist die Pflicht, die dich ruft, deren Sinn du nicht verstehst.

Langsam schleichst du aus deiner Höhle hinaus und tastest dich ins Badezimmer. Und die ersten Signale, die du empfängst, sagen dir, dass das nicht dein Tag wird. Da ertappst du dich dabei, dass du dir Rasiercreme auf die Zahnbürste drückst oder Zahncreme in den Pinsel jagst, du schneidest dich mit zittriger Hand, und rutschst beim Duschen fast aus. Als wäre das alles nicht genug, als sagte dir das Schicksal nicht jetzt schon: lass es sein!, tastest du dich weiter vor in die Küche und verschüttest prompt den Kaffeesatz, bevor du die Maschine neu befüllen kannst.

Aus dem Radio kommen Nachrichten, die den Weltuntergang nahelegen und ein Wetterbericht, der klingt wie Dantes Inferno. Spätestens jetzt solltest du begriffen haben, dass das nicht dein Tag wird. Aber nein, du bist ein pflichtbewusster Mensch und lässt dich vom geraden Pfad ihrer Erfüllung nicht abbringen. Während du die Zeitung holst, begegnet dir der Nachbar, den du schon immer am Zaun hängen sehen wolltest und du schämst dich, weil du nicht ehrlich bist und ihn zur Strecke bringst, sondern ihn auch noch freundlich grüßt. Da fühlst du dich schlecht, sehr schlecht. Dann setzt du dich an den Küchentisch, schlägst die Zeitung auf und ärgerst dich schon wieder. über die Politik, über die Niederlage deines Vereins und über die Wettervorhersage. Schnaufend faltest du das ohnehin schlechte Blatt, dass du schon vor Jahren kündigen wolltest, zusammen und wirfst es in die Kiste mit dem Altpapier.

So langsam, glaubst du, kommst du auf Betriebstemperatur. Du schreitest mittlerweile majestätisch auf den Kühlschrank zu, öffnest die Tür und holst Eier und Speck heraus. Du bist alleine, sagst du dir, Ökopolizei und Gesundheitsgeheimdienst sind auf Dienstreise, heute kannst du leben wie ein König. Du stellst die Pfanne auf den Herd und machst sie mit echter Butter geschmeidig, wirfst den Speck hinein, wartest, bis er Hymnen singt und goldbraun wird, bevor du zischend die Eier in die Hölle wirfst. Zwei Scheiben Toast aus reinem Weißmehl, die dir entgegen strahlen wie eine Parole auf einer Demonstration, empfangen den Pfanneninhalt wie gierige Kinder. Nun steht alles auf dem Tisch. Zur Krönung holst du dir eine Tasse von dem starken Kaffee, schwarz wie die Nacht. Fast rituell ist erst ein Schluck Kaffee fällig, bevor du das Mahl, dass dich mit dem beginnenden Tag versöhnen soll, zu dir nimmst.

Doch anstatt wohl gefälliges Grunzen entfährt dir ein Laut heiseren Protestes, während du die Brühe Richtung Lampe bläst. Dass dein Gehirn wieder arbeitet, merkst du sofort, du weißt, dass das Elixier nach Essig schmeckt, wofür die große Liebe deines Lebens verantwortlich ist, die die Maschine gereinigt und die Verkalkung bekämpft hat. Doch deine Laune schlägt um, oder genauer, sie kehrt zum morgendlichen Ausgangspunkt zurück. Du stürmst aus der Küche, rennst in dein Arbeitszimmer, reißt die Schublade vom Schreibtisch auf, greifst dir den Revolver und entleerst die ganze Trommel beim Zerschießen des Kronleuchters. Das tut verdammt gut. Und auch dieser Tag kann beginnen.

Brassed Off

Selbst wenn die inszenierte Sentimentalität, die Konsumhysterie und die Gewissensrituale durchschaut sind, bleiben in der deutschen Psyche bestimmte Ereignisse verhaftet, die eine hohe Emotionalität garantieren. Auch mir geht es so. Ein Weihnachtserlebnis, das mir nie aus dem Sinn gehen wird, stammt aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Noch bevor hier in Deutschland die Bastionen der organisierten Arbeiterbewegung gestürmt wurden und der Neoliberalismus Konturen annahm, zerfetzte eine Premierministerin in Großbritannien, die sich selbst eine eiserne Lady nannte, den hoch industriellen englischen Norden wie einen Plüschtiger. Die Bergarbeitergewerkschaften, trade-unionistisch sui generis, halfen da nicht mehr, nur eine kleine, radikale, trotzkistische Union organisierte die Streiks gegen den Untergang. Hier in Deutschland versuchten wir die Streikenden zu unterstützen und schickten von unseren zusammen gekratzten letzten Kröten zu Weihnachten Lebensmittelpakete in die Streikregionen. Es half nichts. In wenigen Jahren wurden mehr als 100 englische Zechen geschlossen und während sich hier die Kumpels noch die Augen rieben über das, was in Deutschland eben erst begonnen hatte und noch verstärkt vor sich gehen sollte, waren die britischen Miners schon Geschichte. Das war sehr bitter, und den Weihnachtsabend, an dem wir uns in meiner Familie wegen der Streikenden in England zu streiten begannen, werde ich nie vergessen.

Jahre später, genauer gesagt 1992, erschien ein englischer Low Budget-Film mit dem Titel Brassed Off. Er erzählte noch einmal die Geschichte der englischen Bergarbeiter am Beispiel einer Blaskapelle. Das Schicksal dieser Blaskapelle und ihrer Protagonisten wurde zur Metapher von Englands Norden, dem Sterben der Zechen und der Mentalität von Bergleuten schlechthin. Für mich, der ich in einer Bergarbeiterstadt aufgewachsen war, fungierte Brassed-Off fast als Nachweis für das soziale Umfeld meiner Herkunft. Wenn Menschen, die aus anderen Regionen oder Milieus kamen und bestimmte Werte oder Verhaltensweisen meinerseits nicht verstanden, dann riet ich ihnen, sich diesen Film anzusehen.

Die Story des Films ist schnell erzählt: Eine Zeche, von der das ganze Gemeinwesen abhängt, ist kurz vor der Schließung. Gleichzeitig kämpft die Blaskapelle der Bergleute gegen ihren Niedergang. Die allgemeine Depression ihrer Mitglieder und die finanziellen Schwierigkeiten aller deuten auf ein schnelles Ende hin. Wäre da nicht zum einen der Dirigent und Mitgründer der Kapelle, der große Autorität besitzt und eine junge Analystin, die die Rentabilität der Zeche prüfen soll, aber aus dem Ort stammt und Enkelin eines Mitbegründers der Kapelle ist. Sie darf in der Kapelle mitspielen, weil sie im Ort geboren ist und das Flügelhorn ihres Großvaters beherrscht und gleichzeitig ihren Auftrag bei der Zeche verschweigt. Und der Dirigent geht seinen Weg ohne sich von seinen Überzeugungen abbringen zu lassen. Über viele Probleme und entsetzliche Schilderungen über den Niedergang des Gemeinwesens und die Zerstörung des Selbstwertgefühls mausert sich die Krisen geschüttelte Kapelle zum Sinnbild von Selbstrespekt und Kampfgeist. Zum Schluss gewinnt die Kapelle einen nationalen Preis in Londons Royal Albert Hall, den sie aber nicht annimmt, um auf Thatchers Politik der Zerstörung von Kohle- und Stahlindustrie hinzuweisen. Auch die Zeche in dem Ort wird geschlossen.

Seit Erscheinen des Films, der mich immer an die eigenen Aktionen in der Weihnachtszeit erinnerte, sehe ich ihn mir um Weihnachten herum an. Einfach weil es ihm so großartig gelingt, das Wesen der Bergarbeiter einzufangen und weil er mir immer wieder furchtbar unter die Haut geht. Im Jahr 2000 wurde Brassed Off auf einem Filmfestival in Jakarta gezeigt. Noch einmal: in Jakarta. Die Lebensbedingungen in dieser schnell wachsenden asiatischen Metropole sind kaum mit denen im alten Europa zu vergleichen. Dennoch interessierte mich gerade die Reaktion der Zuschauer auf den Film. Schon während er lief, in einem Kino mit 1.500 Plätzen, das restlos ausverkauft war, war es still. Als die Lichter angingen, erhob sich das überwiegend junge Publikum und applaudierte, nicht dem Film, sondern den englischen Bergleuten, die es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gab. Der Applaus wollte nicht enden, schweigend standen sie da und hörten einfach nicht mehr auf. Sie machten die bereits untergegangenen Kämpfer zu Helden.