Archiv der Kategorie: food for thought

German flag flying on a hill with sunbeams shining through cloudy sky

Der Preis ist noch nicht bezahlt

Es mutet eigentümlich an. Da ist ein Land, das sich nicht nur vor kaum 100 Jahren dazu berufen fühlte, die ganze Welt zu unterwerfen, sich dabei allerdings überschätzte und dennoch nach der Niederlage zumindest zu einem Teil wieder insofern erholen konnte, dass es wirtschaftlich wiederauferstand. Das, nachdem sich zwei der Siegermächte, die sich nach dem Gemetzel dann gegenseitig bedrohten, erschöpft hatten und eine davon in die Knie ging, dann sogar das Geschenk einer Wiedervereinigung bekam. Das es dann allerdings versäumte, sich auf eigene Beine zu stellen, sondern im Windschatten des vermeintlichen universalen Siegers zu verweilen. Inklusive seiner imperialen Interessen. Aber im Windschatten, versteht sich. Das Land hatte gelernt. Bloß nicht mit der Fahne voraus, immer schön in der Etappe halten, aber an den Früchten der Weltherrschaft an einem schattigen Plätzchen teilhaben. 

Die frommen und ernst gemeinten Wünsche, aus dem eigenen Debakel zu lernen und sich zu bemühen, zu verhindern, dass das Land erneut in Kalamitäten gerät, blieben Luftschlösser. Wer mit einem aggressiven, die Welt beherrschenden Imperium unterwegs ist, ist nicht neutral. Und wer nichts dafür tut, souverän zu werden, der darf sich nicht wundern, wenn die Schutzmacht irgendwann die Rechnung präsentiert. Und wer die Geschichtsbücher nie aufgeschlagen hat und nicht einmal den Paten von Francis Ford Coppola geschaut hat, der kann wahrlich überrascht werden, wenn der Don kommt, und um einen Gefallen bittet.

Und so ist es gekommen. Das politische Wiedererstarken des einstigen Konkurrenten im Osten war dem Imperium ein Dorn im Auge. Und deshalb wurde das im Krieg unterworfene Land nach einer sehr langen Zeit, in der es sich auf vielen Feldern selbst als Weltmeister sah, nur nicht auf dem der militärischen Gewalt, darum gebeten, bei Provokationen gegen die konkurrierende „Familie“ mitzuwirken, koste es, was es wolle. Und das Debakel kam, wie es eben kommen musste. Die schöne Fassade von der eigenen Größe erwies sich als Fata Morgana. Man kann den Eindruck gewinnen, dass das Land mit seiner Leistungskraft und seine spirituellen Befindlichkeit sang- und klanglos implodiert. 

Wenn man so will, ist das Land mit den fehl geschlagenen Weltmachtplänen aus einem Traum erwacht. Der Anblick schmerzt. Und die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Während die einen so tun, als wäre alles noch in bester Ordnung, wollen andere die vorherrschende Verwirrung nutzen, um selbst noch einen Vorteil zu erzielen. Was aber gefragt wäre, ist eine realistische Einschätzung der eigenen Lage. 

Dazu gehört eine schonungslose Analyse der eigenen Schwächen und Stärken, dazu gehört eine Bilanz der bisherigen politischen Führung des Landes, wie die Prozesse und Institutionen untersucht werden müssen, die den Willen unterstützen sollen, der in den feiertäglichen Sonnenstunden als Volonté Générale bezeichnet wird.

Bei näherer Betrachtung findet sich niemand, der sich nur annähernd mental dieser Aufgabe auch nähert. Stattdessen werden die Aktionen des Imperiums, das sich längst global anders fokussiert, lauthals beklagt. Selbst die Ankündigung, seine militärische Präsenz in dem besiegten Land geringfügig zu verringern, führt zu Zeter und Mordio. Was dem selbstbewussten Akteur eine Freude wäre, wird dem Untertanen zum Verhängnis. So, wie es aussieht, ist der Preis für die Anmaßung, sich die ganze Welt unterwerfen zu wollen, bis heute noch nicht bezahlt. 

Der Preis ist noch nicht bezahlt
Man holding remote control powering off TV displaying 'Powering Off' message

Einordnen? Selber machen!

Eine Vokabel, die so oft zu hören ist wie nie zuvor, ist die des „Einordnens“. Ob in den gestelzt arrangierten Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, ob bei vielen Privaten, in den Zeitungen und Magazinen. Was die Inflation des Begriffs dokumentiert, ist das schiere Bedürfnis nach Orientierung, oder auch, anders herum, ist der Versuch, das Publikum bloß nicht auf die Idee kommen zu lassen, die Kategorisierung einer Nachricht selbst vorzunehmen. Wie dem auch sei: der Wunsch, Ereignisse und Begebenheiten in ein bereits existierendes Weltbild einzufügen, und zwar in dem Sinne, ob es in die Kategorie Gut oder Böse passt, ist ein Indiz für die Festgefahrenheit der vorherrschenden Denkweisen.

Und vielleicht ist das ein bis jetzt zu wenig beachteter Aspekt der Krise unserer Hemisphäre, dass wir nicht mehr in der Lage sind, etwas zunächst unvoreingenommen wahrzunehmen, es dann zu beschreiben zu versuchen, es abzuklopfen nach positiven wie negativen Aspekten und erst dann eine Annäherung an eine Bewertung zu wagen. Aber wenn Zeit Geld ist und Millisekunden das Maß des Taktes, dann kann man sich nicht mehr leisten, einen längeren Prozess der Erkenntnisbildung zu durchlaufen. Hinzu kommt, dass der Anteil der unmittelbaren Erfahrung immer mehr zugunsten dessen der mittelbaren schrumpft und damit die besten Voraussetzungen dafür gegeben sind, sich auf das schnelle Urteil sich anbietender Experten zu verlassen. Dass die Experten zumeist keine sind, sondern nur als solche ausgewiesen werden und dass das, was sie an Einordnung in der Mehrzahl bieten, nichts anderes ist als die Reproduktion eines interessengeleiteten Weltbildes, sei der Vollständigkeit halber erlaubt hier anzumerken. 

Der Rat, der sich an diese Feststellung anschließt, kann nur der sein, sich auf seine eigenen Sinne, sein eigenes Bauchgefühl, das als eine Resonanz aus den eigenen, selbst gemachten Erfahrungen zu sehen ist und sich letztendlich auf den eigenen Verstand zu verlassen, um Begebenheiten, Ereignisse, Taten und Aktionen in das einzuordnen, was am besten als der eigene Kompass des Lebens bezeichnet werden muss, scheint ein guter zu sein. 

Betrachtet man das Portfolio derer, die in den unterschiedlichsten Medien und Formaten als Experten angeboten werden, so fällt nicht nur auf, dass ihre Expertise in den meisten Fällen an Armseligkeit kaum zu überbieten ist und – das eine hängt mit dem anderen zusammen – sie im Laufe der Zeit zu sehr unterschiedlichen Themen immer wieder mit der Maske des Experten auftreten.  Dass es sich bei dieser Geschichte um nichts anderes handelt als eine Rolle, die gespielt wird, ist evident. In den Zeiten, in denen wir leben, geht es aber nicht darum zu bewerten, wer in einem Stück der durchtriebenen Mystifikation die beste schauspielerische Leistung an den Tag legt, sondern, da es sich oft um Phänomene handelt, die über Leben und Tod entscheiden, wie z.B. Kriege, sollte das eigene Interesse der Kompass sein. Und zwar nach sozial verantwortlichen und nicht hedonistisch-egoistischen Aspekten. 

Analog zum Expertentum verhält es sich bei denen, die die Stücke inszenieren. Was hielte man von einem Theaterregisseur, der früher Kochkurse gegeben hat, dann als Gaukler in einer Show auftrat und letztendlich als Analyst von Politik ins Rampenlicht zu treten bereit war? 

Nicht, dass es keine Multitalente gäbe. Aber manchmal ist vieles auch einfach zu viel. An Dilettantismus. An Impertinenz. Und an Idiotie. Lassen Sie sich nicht beirren! Ihr eigenes Vermögen, Phänomene zu beurteilen ist in den meisten Fällen qualitativ höher als das der lauten Industrie! 

Einordnen? Selber machen!
Politician giving a speech with banners and signs questioning truth and promises

Politik und paradoxe Intervention

Es wird zwar ständig beklagt, dass die herrschenden Gedanken in den von einem großen Teil der Bevölkerung als repräsentativ angesehenen Medien exklusiv als die Ultima Ratio dargestellt werden, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Natürlich stimmt die Behauptung, denn, und da können noch so viele Kritiker in dem Glauben hausieren gehen, sie wären im Vollbesitz der Entschlüsselung, der  Satz von Karl Marx, dass die herrschenden Gedanken immer die Gedanken der Herrschenden sind, konnte noch nie so leicht verifiziert werden wie heute. Militarismus und Sozialabbau sind alte Werkzeuge des Kapitalismus in der Krise, und wer das als neue Erkenntnis feiert, verfügt über eine schlechte Zukunftsprognose.

Aber, es existieren neben den herrschenden Gedanken auch noch andere, die den tatsächlich Herrschenden ein Dorn im Auge sind und mit zunehmend brachialen Methoden bekämpft werden. Unter allerlei Vorwänden, die immer mit so giftigen Pralinés wie Sicherheit, Schutz oder Werten vorgetragen werden, werden Rechte einkassiert und wird Zensur betrieben. Die Mechanismen sind differenzierter als zu Kaisers Zeiten, aber in der Quintessenz läuft es auf das Gleiche hinaus. Rufmord und finanzieller Ruin haben in beunruhigend häufigen Fällen längst Schloss und Riegel ersetzt.

Und dennoch: Dank der Unerschrockenheit vieler Menschen in diesem Land, das auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, als sei es bereits komplett sediert, ist vieles von dem, was das Reaktionäre und Kriegslüsterne entlarvt, bereits im Wissen vieler Menschen vorhanden. Was fehlt, sind die Organisationen, die helfen könnten, die destruktive Politik zu beenden. Die in den Parlamenten vertretenen Parteien sind es jedenfalls nicht. 

Das Einzige, was in der momentanen Situation, die sich akzelerierend verschlechtert, noch helfen könnte, wäre ein Ereignis, das dazu führen könnte, die Loyalität zum Gewohnten, das täglich als die einzige Alternative bzw. das Alternativlose vorgespielt wird, aufzukündigen. Ein richtiger Kracher, der alles elektrisiert und allen vor Augen führt, dass es so, wie es läuft, einfach nicht mehr weiter gehen kann! Der dann auch jene mitreißt, die längst das Wissen um Lösungsansätze in sich tragen, die wissen, wie man Dinge umsetzt und die die Kompetenz besitzen, das auch zu tun. Und glaube niemand, die gäbe es nicht in diesem Land! Die sitzen nur in ihren Kellern und warten auf den Augenblick, an dem sie endlich etwas Vernünftiges gestalten können.

Da allerdings die Argumente, die für einen radikalen Kurswechsel sprechen, längst artikuliert sind   und sich dennoch nichts tut, ist etwas anderes vonnöten. Es könnte zum Beispiel eine paradoxe Intervention sein. In einem Lexikon der Psychologie wird die paradoxe Intervention wie folgt beschrieben:

„Eine paradoxe Intervention ist eine therapeutische Methode, bei der Klienten aufgefordert werden, ihr problematisches Verhalten bewusst zu verstärken oder herbeizuführen. Durch diese „umgekehrte Psychologie“ wird der Veränderungsdruck genommen, das Symptom kontrollierbar gemacht und ein Perspektivwechsel erzwungen, was oft zur Auflösung festgefahrener Muster führt.“ (Dorsch – Lexikon der Psychologie)

Als typische Beispiele könnten gelten, von allem, was in die falsche Richtung weist, viel mehr zu fordern, die Ängste bis ins Hysterische zu übertreiben, die höchsten Ämter für die schlimmsten Chargen zu fordern und die Feindbilder auf die Spitze zu treiben. Manches davon wird bereits von einigen praktiziert und es ist kein Wunder, dass ausgerechnet diese kleinen Übungen bereits auf große Resonanz stoßen. Es ist also sicherlich kein Fehler, sich mit den Möglichkeiten paradoxer Interventionen näher zu befassen. Denn eines scheint sicher zu sein: mit Rationalität kommt man den hiesigen Verhältnissen nicht mehr bei.

Und auch wenn manches, was als normales Prozedere der Politik beschrieben wird, bereits erscheint wie eine paradoxe Intervention – Steigerungen sind immer möglich!