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Der Krieg und die unmittelbare Erfahrung

Eins ist mit und seit der Digitalisierung gelungen. Die weitgehende Zurückdrängung unmittelbarer Erfahrung. Die Schulen geben das beste Beispiel. Schülerinnen und Schüler sammeln ihre Erkenntnisse über die digitalen Medien. Das beginnt bei ganz basalen Geschichten. Da fällt kaum noch jemand hin und hat Schmerzen, da wird mit dem eigenen Körper nichts mehr ausprobiert, da klettert niemand mehr auf den Baum. Wir kennen das. Und das, was sich nachweislich als ein großes Handicap bei der sozialen wie biologischen Sozialisation herausgestellt hat, erfasste die ganze Gesellschaft. Immer mehr expandieren die Möglichkeiten, die die digitalisierte Welt bietet. Und immer mehr Aufgaben, die die menschliche Existenz braucht, um überleben zu können, werden heute anders gemanagt. Das geht bis zum täglichen Einkauf. Man muss nicht mehr ins Geschäft gehen, trifft niemanden auf dem Weg dorthin, muss sich nicht bei der Auswahl von Waren beraten lassen, steht nicht an der Kasse, beobachtet keine anderen Menschen mehr, sieht nicht, was sie kaufen, hört nicht, wie sie kommunizieren und macht sich kein unmittelbares Bild von den Verhältnissen im eigenen Quartier. Einfach online bestellen und ein schlecht bezahlter armer Teufel liefert alles direkt an der Haustür ab. Und auch mit dem findet kein Gespräch mehr statt. Es scheitert zumeist schon an der Sprachkompetenz.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: es ist so, wie es ist. Aber es erklärt, dass immer mehr Menschen im wahren Sinne der Formulierung kein Gefühl mehr für die sozialen Umstände haben, in denen andere leben. Unser Leben ist in hohem Maße abstrahiert und synthetisiert. Die Schmerzen, die man als Jugendlicher nach einer Schlägerei auf der Straße verspürte, sind für viele nicht mehr existent. Die, die diese unmittelbare Erfahrung noch machen dürfen, gelten als Prekariat oder als die „Bedauernswerten“. Und da die unmittelbare, direkte Erfahrung nicht mehr stattfindet, wundert es nicht, wie viele Meldungen über Kriege und Kriegsverbrechen bei vielen abperlen, als seien sie dagegen imprägniert. Schlimmer noch, eine wachsende Anzahl so genannter Strategen, die sich in das Gewand des Moralismus gehüllt haben, schwadronieren auf dem Feld der Rechthaberei daher, ohne auch nur eine Sekunde über die Kalamitäten nachzudenken, die ihre Positionen verursachen. Den Rest, oder das unbeteiligte Publikum, schweigt dazu und hat allenfalls noch so ein dumpfes Gefühl, dass da etwas ganz fürchterlich in die falsche Richtung läuft.

Dagegen zu protestieren, lohnt sich aus der Perspektive vieler nicht, weil man sich den Schmerz nicht mehr vorstellen kann und weil man nicht riskieren will, ausgegrenzt und beschimpft zu werden. In einer solchen Gemengelage mutet es an wie eine Binsenweisheit, dass sich diese emotionale Distanz gegenüber dem mörderischen Treiben aufgrund von Machtansprüchen erst dann justiert, wenn im direkten Umfeld das Blut spritzt und die Schreie menschlichen Leids ohne technische Verstärkung in die Ohren dringt. Zumindest das sollten sich diejenigen, die heute noch unbeteiligt mit den Achseln zucken, durch den Kopf gehen lassen, ehe sie die nächste Online-Bestellung aufgeben.

Und die militanten Zuckerschnuten, die medial gehypten Priester der Gewalt, die wahrscheinlich nach einer ganz profanen Maulschelle schon in lautes Klagen ausbrächen, sollten eingesammelt und als soldatisches Futter an die jeweilige Front gebracht werden, die sie als alternativlose Angelegenheit anpreisen. Noch besser formulierte es kürzlich ein russischer General. Er bat, ihm die Kinder der Eliten auf beiden Seiten der Front zum Kampf frei zu geben, und er prognostizierte das Ende des Krieges in wenigen Tagen. Soviel zur unmittelbaren Erfahrung.

Aus den Werkstätten der Propaganda

Noch gestern gab eine Vize-Präsidentin des deutschen Bundestages zum besten, es sei für die Demokratie gefährlich, Licht in das Dunkel der Verfügungen und Beschlüsse während der Corona-Episode einzufordern. Damit hat sie sich und ihr Verständnis von Demokratie – einmal wieder – geoutet. Demnach ist so genannte Souverän ein unmündiges Etwas und die Gewählten kuratieren nach Belieben die dümmliche Masse. Und heute morgen wurde ein weder beim Namen genannter noch in seiner Funktion ausgewiesener Experte bei den Nachrichten des SWR eingespielt, der seiner Überzeugung Ausdruck gab, Russland sei militärisch durchaus bezwingbar. Das Land selber spiele mit einem Mythos, um uns einzuschüchtern. Und jeder, der darüber nachdenke, sei bereits ein Opfer der Propaganda.

Die Reihe derartiger Beispiele kann täglich komplettiert werden und findet derzeit kein Ende. Der Totalitarismus hat die Vorherrschaft erlangt. Und es sind, wie immer in totalitären Zeiten, nicht unbedingt Intelligenzbestien, die uns ein falsches Bild der Welt vorspiegeln. Nein, es handelt sich eher um bescheiden flackernde Lichter, die sich für das sprichwörtliche Linsengericht instrumentalisieren lassen und alles daher plappern, was die Angreifer auf Demokratie, Rechtsstatt und Frieden ihnen ins Regiebuch schreiben. Und sie sitzen überall. In den Redaktionsbüros der großen Tageszeitungen, in den Nachrichtenportalen, in den Ministerien und Schulen wie Universitäten. Der intellektuelle Mob hat die Herrschaft – scheinbar – übernommen und treibt es von Tag zu Tag schlimmer. Ein Ende ist nicht in Sicht, es sei denn, der Aufstand gewinnt an Fahrt.

Was zunächst befremdet, ist die Tatsache, dass viele Menschen, die genug berufliche Erfahrung aufweisen, die ihr bisheriges Leben durchaus reflektiert haben und die selbst in der Lage sind, ab und zu einen Blick auf den Globus zu werfen, vor dieser Suada der dümmlichen Demagogie auf die Knie zu gehen scheinen. Womit das erklärt werden kann, wird vor allem späteren Generationen vorbehalten bleiben. Was meines Erachtens jedoch in die Augen sticht, ist die Erkenntnis, dass eine allzu lange Passivität auf dem Feld des aktiven Widerstands den Faktor Angst vehement vergrößert, sodass er selbst die kognitiven Fähigkeiten überblendet. Anstatt den Mund aufzumachen, anstatt auf den Tisch zu schlagen, was sie noch vielleicht vor einem Jahrzehnt gemacht hätten, wenn sie mit einem derartigen intellektuellen, ideologischen Müll konfrontiert worden wären, reden sie sich heute die Lüge schön, kaprizieren sich auf so genannte Nebenkriegsschauplätze und blenden die großen Gefahren und Generalattacken auf die eigene Existenz aus. Das hilft den Aggressoren und sonst niemandem.

Nur wenige bleiben unbeirrt. Nicht, dass sie die sprichwörtliche Weisheit mit Schaumlöffeln gefressen hätten. Aber sie haben das, was sie vor allem bei der Beurteilung politischer Prozesse gelernt haben, nämlich was Ursache und Wirkung ist oder wem welche Entwicklung Nutzen bringt, weder verdrängt noch verlernt. Und sie sind es, die momentan täglich erleben müssen, dass ein Konsortium von Scharlatanen, Demagogen und charakterlich mehr als fragwürdigen Gestalten den Raum des gesellschaftlichen Diskurses dominieren. Beziehungsweise, den Raum, in dem einmal ein gesellschaftlicher Diskurs stattgefunden hat. Er ist mutiert zu Werkstätten der Propaganda, in denen Charaktermasken auftreten, in denen Tautologien und plumpe Lügen erdacht und Scheinmanöver einstudiert werden.

Mit der gesellschaftlichen Realität hat das nichts mehr zu tun. Und verwirrt, erzürnt und gleichzeitig erleuchtet werden alle sein, die jetzt wie die Kaninchen vor der Schlange verharren, wenn der Schein einmal verflogen ist. Denn, auch da hatte der kluge Bertolt Brecht Recht:

„Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität.“

Ostermärsche und jene, die den Frieden hassen wie die Pest

Traditionen haben eine Eigenart. Auf der einen Seite vermitteln sie Zuversicht und das Gefühl von Kontinuität. Auf der anderen Seite können sie das Gefühl eines falschen Beharrens auf gestrigen Vorstellungen hervorrufen. Insofern sind Tradition und Dialektik ein auf Lebenszeit vermähltes Paar. Denn in ihnen wohnt tatsächlich immer beides. Historische Kontinuität und Beständigkeit und das Baden in alten Bildern und Metaphern.

Allerdings existieren auch Traditionen, die von Menschen gepflegt werden, die sich glücklich schätzen würden, wenn sie sie nicht mehr bedienen müssten. Eine solche Tradition sind die Ostermärsche. Sie sind immer unter dem Motto der Friedensmahnung gelaufen. Und man kann ohne Abstriche allen zugestehen, die zum Teil bereits seit Jahrzehnten die Märsche aktiv gestalten, dass es ihnen mehr als Recht wäre, wenn sie nicht mehr nach Frieden rufen müssten. Wenn Friede herrscht, muss man ihn nicht fordern. Da global gesehen dieser Befriedungszustand nie in Sicht war, stellt sich die berechtigte Frage, ob die Tradition der Ostermärsche nicht allein deshalb ein Evergreen bleiben muss, weil in der Geschichte der Menschheit, unabhängig von bestimmten Gesellschaftsordnungen, immer irgendwelche Imperien untereinander oder mit Aufständischen Krieg führten. Wer sich damit nicht abfinden will und der Auffassung ist und bleibt, dass das Wort immer wichtiger ist als das Beil oder der Schuss, ist also in einer solchen Tradition gut aufgehoben.

Was seit einigen Jahren auffällt, ist die biologische Konsistenz derer, die auf den Ostermärschen unterwegs sind. Es mutet mehrheitlich an wie eine Seniorenveranstaltung, auf die sich die Jugend nicht verirrt. Das kann damit zu tun haben, dass die verheerenden Geschichten des Kriegs im kollektiven Gedächtnis aufgrund einer relativ langen hiesigen Friedensphase nahezu erloschen sind. Und es ist kein Wunder, dass in einer solchen Situation das Wort der Zyniker wieder laut wird, es sei mal wieder Zeit für einen heißen Krieg, damit die friedensverwahrlosten Generationen einen Eindruck von existenziellen Verheerungen bekommen könnten. 

Trotz dieser Tendenz, die sich durch die Anzahl der Teilnehmer wie deren Haarfarbe wird festmachen lassen, sollte man heilfroh sein, dass es noch Menschen gibt, die sich nicht davon abbringen lassen, den Finger in die Wunde zu legen. Und, ganz aktuell, aufgrund der im geopolitischen Maßstab abgehaltenen Gefechte, in denen auch in Deutschland unverantwortliche Bellizisten unter der Lampe der Aufmerksamkeit stehen und ihre blutrünstigen Pläne in den Äther bellen, ist es umso wichtiger, Zeichen zu setzen. Damit nicht der Eindruck entsteht, dass dieses Land mit seinem gesamten Personalportfolio nichts aus dem Desaster der Vergangenheit gelernt hat. Denn hört man die Lobbyisten des militärisch-industriellen Komplexes schreien, dann ist der Imperialismus und der Krieg für Ressourcen wieder salonfähig. Da hilft auch nicht der Versuch, das alles mit einem Angriff auf die hehren Ideale der liberalen Demokratie zu kaschieren. Eine Kurze Betrachtung der Bündnispartner zeigt, wie verlogen das alles ist.

Eines dürfte klar sein. Wenn sich die verborgenen Tore zu einer den Frieden im Sinn habenden  Diplomatie wieder öffnen sollten, dann wird die Stunde der Schreihälse schnell abgelaufen sein. Dann sind sie verbrannt wie die Motten im Licht. Und deshalb, bitte achten Sie auf die Verlautbarungen der nächsten Tage, werden sie Gift und Galle gegen die Ostermärsche spucken. Keine Unverschämtheit, keine Beleidigung und keine Beschuldigung wird ihnen zu dumm sein, als dass sie sie nicht hinausschreien. Achten Sie nur darauf, und Sie werden eine wunderbare Liste von Namen haben, die nur dann von Bedeutung sind, solange der Krieg tobt. Danach wird niemand mehr von ihnen reden. Deshalb hassen sie den Frieden wie die Pest.