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Monsieur Voltaire und das Grundgesetz

Jetzt wird alles noch schöner und bunter. Nicht die Lebensformen. Vertun Sie sich da nicht. Wenn wir uns alle einmal vor den Spiegel stellen und uns ansehen, müssen wir leider zu dem Ergebnis kommen, dass von Diversität keine Rede sein kann. Im Alltag, der uns prägt, ist vom Dress Code bis hin zur Ernährung das meiste Massenware und recht einheitlich. Das sieht, wenn sich jetzt Widerspruch meldet, in anderen Ländern durchaus anders aus. Wir hier, in Germanistan, stechen nicht so gerne hervor. Aus der großen Masse. Dass sich die Warenanbieter das zunutze machen, versteht sich von selbst. Zumal die Abweichung vom Standard heute noch an den Verdacht gekoppelt ist, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Nur an den verordneten Events, bei denen Diversität gefeiert wird, ist alles erlaubt. Aber wehe, dort hält sich niemand an den Dress Code! 

Ja, es ist schwierig. Aber schlimmer noch als die Kleidung, die Art und Weise, wie man sich fortzubewegen gedenkt, was man isst oder trinkt, ist die Uniformität der Meinung. Nicht, dass es nicht erlaubt wäre, einen Blickwinkel öffentlich zu machen, der vom Gros der monopolisierten Meinungsmache abweicht. Das steht sogar im Grundgesetz, dessen Geburtstag gerade noch durch schreiende Reden derer gefeiert wurde, die noch vor kurzem Grundrechte einschränkten und heute ihre Motive hinter Druckerschwärze zu verbergen suchen. Du darfst alles sagen, du darfst das öffentlich machen, du darfst gehen, wohin du willst und du darfst dich verbünden, mit wem du willst. 

Was nicht in diesem ehrwürdigen Schriftstück steht, ist die Notwendigkeit, die Freiheit von anderen aushalten zu müssen. Das ist sogar die Grundbedingung, damit so ein Gesetz wirken kann. Ein Voltaire wusste das bereits, als man die Ideen für eine neuzeitliche Demokratie verschriftlichte. Heute will man davon nichts mehr wissen. Das martialische Gekeife, das aufkommt, sobald einmal eine Meinung auftaucht, die der veröffentlichten Version von Wahrheit zuwiderläuft, dokumentiert eine andere Analyse, die ebenfalls von Voltaire stammt. Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, dann betrachte das, was du nicht sagen darfst. 

Menschen, die gelernt haben, gesellschaftliche Prozesse zu analysieren, können mit dieser These etwas anfangen. Sie sammeln seit einiger Zeit alles, was momentan als demokratiefeindlich von Regierung wie Pressemonopol bezeichnet wird. Was dabei herauskommt, ist ein Bild, das die Form von Herrschaft umreißt, mit der wir es zur Zeit zu tun haben. Einer dieser Analytiker drehte das Bild vor kurzem in einer Publikation um. Er nannte, um aus den gegenwärtigen Dilemmata herauszukommen, drei strategische Ziele, die genau das beschreiben, was die gegenwärtig Herrschenden hassen wie den Leibhaftigen: Frieden, Souveränität und Wohlstand.

Das klingt harmlos, was es auch in Zeiten einer entspannt handelnden Zivilisation wäre. Es beschreibt jedoch genau das,  was schmerzlich vermisst wird, wenn man an das gerade so gerne missbrauchte Grundgesetz denkt. Das steht nichts von Krieg, es sei denn zur Verteidigung, da steht nichts davon, dass man die nationalen Interessen fremden Mächten unterordnen müsse und da steht nichts von einer krassen Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich! Lassen Sie sich das durch den Kopf gehen! Die Verfassungsfeinde sind unter uns. Und sie zeigen mit dem Finger auf alle, denen das bewusst wird und es auch noch laut sagen. Aber Vorsicht! Da sei noch einmal Monsieur Voltaire zitiert:

„Alles was du sagst, sollte wahr sein, aber nicht alles, was wahr ist, solltest du auch sagen.“

Aushalten! Weitermachen!

Der Philosoph Herbert Marcuse, dessen Biographie sich liest wie ein gelungener Duktus zur Charakterisierung der neueren deutschen Geschichte, liegt nach einer langen Reise auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Berlin war seine Heimatstadt, dort hatte er sich blutjung in einem Arbeiter- und Soldatenrat engagiert, hatte später studiert und ging, wie sollte es anders sein, wenn das Leben eines intellektuellen Juden nicht in irgendwelchen Folterkellern oder in einem Vernichtungslager endete, ins Exil nach New York. Dort arbeitete er, lehrte er, war eine Inspiration für die studentische Protestbewegung Ende der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts und blieb. Herbert Marcuse wurde Amerikaner. Bei einem Besuch in Deutschland 1979, ausgerechnet bei Jürgen Habermas, verstarb er an einem Hirnschlag am Starnberger See. Seine Überreste wurden in Österreich verbrannt, die Asche ging zurück in die USA und die Urne  verschwand irgendwo, bis sie seine Söhne fanden und 2003 beschlossen, sie dorthin zu bringen, wo für Marcuse alles begonnen hatte. Der Grabstein Marcuses ist schlicht gehalten. Was ihn außergewöhnlich macht, ist die dort in Stein gemeißelte Aufforderung: Weitermachen! 

Die Vorstellung, das Leben aus einem Zustand der Unterdrückung und Bevormundung zu befreien, heißt, das wissen alle, die sich diesem Unterfangen gewidmet haben, dass es immer wieder Zustände gibt, die nicht dazu geeignet sind, euphorisch zu werden. Man kann die Geschichte der Emanzipation auch so sehen: sie ist eine Anreihung von Rückschlägen, von Widrigkeiten und Niederlagen. Wer dabei stehen bleibt und sich nicht verdeutlicht, dass das Werk in seiner Dimension vielleicht die eigene Existenz übersteigt, hat alle Voraussetzungen, um in einen Zustand der Depression zu verfallen. Wer allerdings von Beginn an nicht der Illusion verfällt, dass das Werk der Emanzipation mit seiner eigenen Biographie kongruent ist, für den ist es nichts besonderes, wenn auf dem eigenen Grabstein die Parole steht, die Herbert Marcuses Grab in Berlin ziert: Weitermachen! Ohne Bitterkeit, ohne Ressentiment und vor allem ohne Selbstmitleid. 

Das Weitermachen bezieht sich auf den verbleibende Zeitraum der eigenen Vita wie auf die Aufforderung an alle, auch danach aktiv zu bleiben. Und der Zustand, der immer, jeden Tag und überall, erreicht werden muss, um überhaupt an das Weitermachen zu denken, ist der des Aushaltens. Im Sport existiert die Formulierung, dass manche Akteure auch dorthin gehen, wo es weh tut. Es beschreibt, um es kurz zu fassen, so etwas wie ein Löwenherz. Zu wissen, dass etwas schmerzt, es dennoch zu tun, auch wenn man selbst Schaden und Schmerz erleidet. Die Sprache ist von Nehmerqualitäten. Die Formulierung wird im Sport zumeist mit großer Hochachtung benutzt, im gesellschaftlichen Leben ist sie etwas außer Mode gekommen. Bleibt man im Sport und führt sich die Menschen vor Augen, die nahezu Heldenstatus erlangt haben, dann sind es genau die, die dorthin gingen, wo es weh tat, die Giganten des Aushaltens waren. Ihr Heldenstatus dokumentiert, was wir bewundern. 

Das, was heute als smart gilt, hat damit nicht mehr viel zu tun. Es klingt wie eine post-heroische Attitüde. Obwohl auch das eine wertvolle Eigenschaft ist, aber ob sie ausreicht, um die bestehenden Verhältnisse mit ihren Mächten und Besitzständen zu ändern, ist nicht erwiesen. In Zeiten wie diesen, in denen alles im Fluss ist, in denen sich so etwas offenbart wie ein finaler Kampf zwischen Tyrannei und Befreiung, können die Maximen, denen sich jedes Individuum verschreiben muss, das von der Selbstbestimmung überzeugt ist, nicht oft genug wiederholt und beherzigt werden: Aushalten! Weitermachen! 

In der Epoche der rauschhaften Spekulation

Nichts ist nicht doch noch steigerungsfähig. Im Rausch der Superlative ist alles möglich. Es geht jedoch weder um bezaubernde Strategien, die einen gut gelaunten Blick in die Zukunft erlaubten, noch um intelligente Vorstellungen hinsichtlich der Lösung gravierender Probleme. Auf diesen Feldern existiert nicht einmal mehr der Komparativ. Da herrscht das beredte und betretene Schweigen. Alles, was nach vorne weist, alles, was Perspektiven eröffnen würde, ist in das  Nirvana des kollektiven Bewusstseins entfleucht. Die Kompensation für dieses kollektive Versagen findet woanders statt. Auf dem Feld der Spekulation befinden wir uns in tatsächlich weltmeisterlichen Zeiten. Keine Sottise ist zu plump, kein Click Bait zu unsinnig, als dass es nicht eine schnelle, lauffeuerartige Verbreitung fände. In der medizinischen Fachsprache bemühte man für dieses Phänomen den Begriff des Sprühstuhls.

Von der Politik bis zum Sport, von der Welt der Prominenten bis hin zum Prekariat – die Hausse der Spekulation stellt alle Orgien der Börsengeschichte in den Schatten. Und nicht, dass es die Regenbogenwelt wäre, die bei diesem Spiel heraussticht, nein, ganz oben auf der Skala steht die Politik. Unerreicht auf dem Podest steht da ein Kollektiv, das in Hochzeiten der Zivilisation allenfalls als Gurkenauslese bezeichnet worden wäre, und donnert seine Spekulationen über die Motive des politischen Handelns vermeintlicher Feinde heraus, ohne auch nur einen Schimmer von den jeweils tatsächlichen Verhältnissen zu besitzen. Desavouierte Politikkarrieristen reichen sich in Talk Shows, in denen mit ihnen Schiffbrüchige des Journalismus sitzen, reihenweise die Hand. Auffällig ist nur, dass es sich lediglich um eine Handvoll von Akteuren handelt, die in dieser unglücklichen Zeit alle verfügbaren Bühnen beherrschen.

Im Sport ist es nicht anders. Dort buhlen die ehemaligen Klassenbesten um die exklusiven Plätze niederster Spekulation. Vor allem das Profi-Geschäft, welches sich bereits durch die Dimension der jonglierten Summen seit langem zu einer Zockerwelt etabliert hat, bringt täglich unzählige Tratschgeschichten hervor, die mit allem zu tun haben, aber nichts mit der eigentlichen Zweckbestimmung. Die Kolportage ist die Königin der Nacht. Und des Tages. Und überhaupt.

Und von den so genannten kulturellen und geistigen Größen der Gesellschaft soll erst gar nicht berichtet werden.  Die Klugen, die etwas zu sagen hätten, haben Schutz in der Dunkelheit öffentlicher Wahrnehmung gesucht. Nur die Knallchargen tummeln sich noch auf den öffentlichen Plätzen und tröten ihre Zustimmung zum kollektiven Niedergang noch in schlechter Qualität hinaus. Nichts, absolut nichts ist trivial genug, um daraus nicht noch eine Titelgeschichte zu machen.

Blüht auf der einen Seite die Spekulation, die die herrschende Ahnungslosigkeit dokumentiert, so ist parallel die Diffamierung zur Hochkonjunktur gelangt. Wer sich dem Chor der Spekulanten verweigert, wird des Feldes verwiesen, der hat im gesellschaftlichen Albtraum nichts mehr verloren. Das ist, für alle, die noch einen Rest gesellschaftlicher Selbstreflexion besitzen, die gute Nachricht. Wer jetzt keine Hommagen verdient, hat, wenn er sich einigermaßen an den eigenen Verstand hält und seinen politischen Kompass noch nicht auf dem Dilettantenmarkt verhökert hat, noch eine Option auf die Zukunft in der Tasche. All denen sei geraten, gut darauf aufzupassen. Denn die Feinde einer wie auch immer gearteten, aber vernünftig gestalteten Zukunft lauern überall. In der Epoche rauschhaftem Spekulation.