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People playing bingo at a fundraiser and a group discussing startup proposals in a town hall meeting

Werte-Bingo und Interesse

Reden wir einmal Tacheles. Man kann sich natürlich zufrieden das Maul lecken, und bei der Meldung, dass zunehmend in Deutschland traditionell ansässige Unternehmen in diesem Land nichts mehr investieren und das Faktum mit der Bemerkung quittieren, manche hätten eben immer etwas zu meckern. Um die eigene Einfalt und Trägheit zu kaschieren, zitiert man den letzten Börsenbericht und schließt sich dem Votum der in Durchhalteparolen verharrenden Regierungsverlautaberungen an. Dort heißt es ja bekanntlich seit Langem, dem Land gehe es besser, als manche Schlechtredner glauben machen wollen. Und schon kann man sich seinen Bauch an der Tischkante zurechtlegen und sich in der eigenen Befindlichkeit schmatzend baden.

Mit der Realität hat das bekanntlich nichts zu tun. Auch wenn täglich in den Nachrichten Statistiken verlesen werden, die wenig aussagekräftig sind, aber deren Zweck es ist, einen tatsächlichen Aufschwung im Lande zu belegen. Allein diese Tatsache zeigt übrigens, wie sehr der kritische, konstruktive Geist in der Nachrichtenbranche in die Tonne getreten wurde. Ein kleiner Film der BASF, der aktuell kursiert und in dem es heißt, nicht die BASF habe sich von Deutschland abgewendet, sondern Deutschland habe die BASF im Stich gelassen, dokumentiert, dass es nicht nur die Kosten für Energie oder die Steuerlast ist, sondern dass zudem die Verleumdung zu einer salonfähigen Methode in der politischen Kommunikation geworden ist und sie den Standort kontaminiert. In dem Spot wird nicht zurück polemisiert, sondern die Zahlen werden auf den Tisch gelegt, die für ein Chemieunternehmen und seine Konkurrenzfähigkeit essenziell sind. Man weiß, warum das Unternehmen in China und nicht hier investiert. Analoges kann man auch bei der Abwanderung von Automobilproduktion sehen. Wenn man es will.  

Aber in vielen Bereichen fällt es zunehmend schwer, die Grundlagen von Wirtschaft und die Motive von Entscheidungen in Unternehmen überhaupt noch zu Identifizieren. Dass Qualität und Preis einer Ware darüber entscheidet, ob sich ein Produkt auf dem Markt durchsetzt, ist nahezu dem ganzen Konsortium der Entscheider wie Kommunikatoren als Erkenntnis nicht mehr zugänglich. Wenn der Markt für hiesige Produkte kriselt, dann haben sich irgendwo Chinesen eingeschlichen, oder der Russe hat uns den Saft abgedreht oder die Industriekapitäne sind unpatriotisch. Dass es vor allem bei denen nun soweit ist, dass sie sich nicht mehr mit diesem Verschwörungsroman auseinandersetzen wollen, sondern Fakten schaffen, ist im Grunde genommen eine völlig logische Angelegenheit. Denn sie machen das, wofür sie bezahlt werden. Das unterscheidet den Kapitalismus von einer Sekte.

Es ist gelungen, im Sumpf schwammiger Werte die wesentlichen Motive menschlichen Handelns aus dem Bewusstsein einer sedierten Öffentlichkeit zu tilgen. Das Interesse, Resultat von realen Bedürfnissen, ob beim einzelnen Individuum, ob bei einem Wirtschaftsunternehmen oder bei einem Staat, ist der Treibstoff, der Bewegung erzeugt. Die Interessen derer, die von den realen Interessen ablenken und das frivole Werte-Bingo betreiben, ist in der Regel das für ein ganzes Land am wenigsten maßgebliche. Da geht es um materielle Nichtigkeiten im Verhältnis zum angerichteten Schaden und zu einem kriminellen Coup gegen das Gemeinwesen. Das sollte man bei der Beobachtung der Vorgänge immer im Auge haben. Und das unzweideutige Ergebnis wird  sein, dass weder das eigene Interesse noch die eigenen Werte mit dem korrespondieren, was von den Protagonisten der Talfahrt der Öffentlichkeit präsentiert wird. 

Werte-Bingo und Interesse
Big Ben clock tower dividing peaceful countryside with shepherd and wartime battlefield with soldiers and explosions

Wem die Stunde schlägt

So absurd wie es sich vor allem für meine Generation anhört: Die Weichen stehen auf Krieg. Unabhängig von den Ursachen, den Zusammenhängen und vor allem den bewussten Unterlassungen, hat sich der geschäftsführende Ausschuss der Bundesrepublik Deutschland, d.h. ein Großteil der politischen Mandatsträger und das Gros der Medien dazu entschlossen, es noch einmal zu versuchen, d.h. die Fackel nach Russland zu tragen. Reden wir nicht mehr von der Vergangenheit. Faschismus, Krieg, Niederlage, Aufteilung. Und jetzt, nach einer Zeit der Regeneration, wird die Reset-Taste gedrückt. Während hierzulande pausenlos von einer Brandmauer geredet wird, versteht man sich seit mehr als einem Jahrzehnt herzlichst mit den Kräften des ukrainischen Faschismus. Und überall dort, wo das Völkerrecht gebrochen wird, wo Zivilbevölkerung dahingemetzelt wird, kumpelt die hiesige politische Nomenklatura kräftig mit.  Natürlich immer mit dem Vorzeichen von Ethos und Wert. Abgeschmackter geht es nicht. Wer es hinnimmt, wird bezahlen müssen. Doch dieser Weitblick ist den Bräsigen im Land nicht mehr vergönnt.

Überall wird gerüstet. Notkrankenhäuser akquiriert, teilweise werden dafür Parkhäuser beschlagnahmt, ukrainische Kriegsverletzte in zivilen Krankenhäusern behandelt, obwohl in Bundeswehrkrankenhäusern Leerstände sind. In den benachbarten Niederlanden wird gegenwärtig ein Lager für potenzielle russische Kriegsgefangene errichtet. Hier die Katastrophenverbände in neuen Kommandostrukturen zusammengefasst und, das die neueste Frivolität, Veteranentage begangen. Wenn dort wenigstens solche Unterfangen wie die 20jährige Intervention in Afghanistan evaluiert würden und diejenigen zu Wort kämen, die die dreckige Seite des Krieges schildern könnten. Stattdessen werden Kinder bespaßt, damit sie romantische Gefühle für das Militärische entwickeln. Und die ganze Bagage, die ganze Dekaden ihre „Nie wieder! – Reden“ gehalten hat, plärrt die neuen Parolen in die Mikrophone. Es scheint, als seien sechzig, siebzig Jahre Republikgeschichte zu einem Amöbenhirn geschrumpft. 

Und sage niemand, vor allem vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Treibens, wir hätten es mit einer Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine zu tun. Der Revanchismus war nie tot, die alten Kämpen der Operation Barbarossa, bei der Millionen Menschen auf beiden Seiten ihr Leben ließen, sie steuern von Neuem auf das Ziel hin, sich die unermesslichen Ressourcen Russlands unter den Nagel zu reißen. Die Zeichen stehen auf Sturm. Wer sich die Mühe macht, die großen Blätter zu lesen oder, noch schlimmer, die Nachrichten und Magazine aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten aufmerksam zu betrachten, wird sehr schnell zu dem Schluss kommen. Manipulativer, unverhohlener und dümmer geht es nicht. Das ganze Ensemble strotzt vor krimineller Energie. Und wer nicht mitspielt, ist raus. Und wer mitspielt, wird für diese Armseligkeit keinen Lohn bekommen.

Dreht man das Geschehen einmal um, dann wird es Zeit, dass sich die tatsächlichen Veteranen, nämlich die, die in einer Epoche groß wurden, in der der Frieden als Ziel internationaler Politik betrachtet wurde, zusammentun und dem revanchistischen Pulk mit Entschlossenheit begegnen. Es darf nichts mehr ausgeklammert werden. Den konturlosen Mitläufern der Kriegsvorbereitung muss das Leben schwer gemacht werden. Es geht nicht, dass sie einer Soldateska, die nach Osten marschieren soll, noch Kränzchen aufs Haupt legen. Und betrachtet man den Umstand, dass Soldaten mittlerweile die Weltpolitik erklären, während die Minister hinterherrennen, weiß man, auf welches Niveau dieses Gemeinwesen hinabgestiegen ist.

Ja, es ist soweit. Es stellt sich wieder einmal die Frage, die jeden Krieg begleitet. Wem schlägt die Stunde?   

Wem die Stunde schlägt
Six tough characters playing poker at a wooden table with cards, poker chips, and weapons

G 7: Apokalyptischer Budenzauber

Im exklusiven Évian-les-Bains, auf der französischen Seite des Genfer Sees, findet das Treffen der G 7 statt. Da die Veranstalter wussten, dass das Treffen nicht ohne Protest würde stattfinden können sprach man gleich ein Demonstrationsverbot aus und verlegte die Proteste in das schweizerische Genf, um die Anwesenden nicht mit dem zu konfrontieren, was, realistisch betrachtet, als die derzeitige globale Realität bezeichnet werden muss. Denn wenn sich die Vertreter der USA, Großbritanniens, Italiens, Deutschlands, Frankreichs, Japans und Kanadas treffen, dann geht es vor allem um eines: Wie kann der Anspruch der betreffenden Länder auf die Ressourcen dieser Welt gesichert werden und nach welchen Konditionen will man untereinander verkehren. Alles andere, d.h. die ganze Litanei von Freiheit, Gleichberechtigung etc. wird durch das Handeln dieser Staatsführungen täglich und zur Genüge als verbale Hülse offenbar. 

Fakt ist, dass das dort versammelte Ensemble ca. 40 Prozent der auf der Welt verfügbaren Ressourcen braucht, um so weiter machen zu können, wie bisher. Und Fakt ist auch, dass, in Bezug auf die Weltpopulation, dort nicht einmal ein Zehntel der Erdbewohner vertreten sind. Da ist es folgerichtig wie deutlich, davon zu sprechen, dass man sich in Évian-les-Bains darüber Gedanken machen wird, wie man an Öl, Gas, Seltene Erden und strategisch relevante Tools wie Halbleiter kommt bzw. den Zugriff sichert. Die Brisanz, die dadurch entsteht, liegt in der zunehmenden Stärke derer, auf deren Kosten in der Vergangenheit die Güter verteilt wurden und deren Strategien, wie eine neue, anders strukturierte Weltökonomie gestaltet werden kann. Chinas unbestrittene Stärke, Indiens Tempo, Russlands und Irans Ressourcen hier, Brasiliens dort, der Anspruch des afrikanischen Kontinents – alles das hat sich bis dato unter der Chiffre des BRICS zusammengefunden und plädiert nicht nur für eine neue Weltordnung, sondern arbeitet bereits seit geraumer Zeit daran.

Wer die Verwerfungen und Kriege in der Ukraine, in Weißrussland, in Afghanistan und im Iran nicht in Kontext mit der von China finanzierten und orchestrierten Neuen Seidenstraße sieht, hat das Wesen nicht erfasst. Seit langem geht es denen, die dort am Genfer See tagen, um die Verhinderung eines Instrumentes, das die Anrainerstaaten an dieser Seidenstraße unabhängig von den bestehenden, unter der Kontrolle des Westens befindlichen Verkehrswege machen würde beziehungsweise bereits gemacht hat. In Afghanistan ging es nicht um den Kampf gegen den Terror, im Iran geht es um kein Atomprogramm, in Minsk ging es nicht um Bürgerrechte und in der Ukraine schon gar nicht um Demokratie. 

Die konsumistisch benebelten Eliten im Westen mögen den apokalyptischen Budenzauber, der von den zumeist von politischen Hinterbänklern veranstaltet wird, die sich ins Rampenlicht deteriorierender Demokratien gedrängt haben, noch glauben. Der Rest der Welt, das heißt die Mehrheit, glaubt diese Geschichte nicht. Und zwar nicht aufgrund staatlicher Propaganda, sondern aus purer Lebenserfahrung. 

Was macht man, wenn man mit Menschen und Parteien zusammenkommt, um sich zu verständigen und um zu sehen, was machbar ist und was nicht? Man formuliert offen und ehrlich seine eigenen Interessen und versucht, mit Mitbewerbern und Konkurrenten einen Modus vivendi zu finden, der – auch mit eigenen Einschränkungen – zum Nutzen aller Bestand hat.  Man achte darauf, was von dieser Essenz vom Genfer See nach außen dringen wird. Je mehr von Demokratie und Freihandel erzählt wird, desto weniger seriös sind die Vorhaben. Und nicht vergessen: wer nicht verhandeln will, führt Kriege.   

G 7: Apokalyptischer Budenzauber