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Group of people laughing and celebrating with fireworks and explosions in city behind

Es kommt, was kommen muss!

Man kann das alles auch einmal so sehen: an allem, was die selbst ernannte liberale politische Mitte, die sich als die rettende Gruppe der Demokratie bezeichnet, so von sich gibt, ist vieles falsch, aber auch manches Wahre. Wenn ständig davon schwadroniert wird, dass Russland im Jahr 2028 soweit sei, um Rest-Europa militärisch anzugreifen, dann ist es von der Logik zwar nicht soweit her, dass man dort drüben im Kreml solange warten sollte, bis EU und NATO sich genügend darauf vorbereitet hätten. Aber die Jahreszahl mag stimmen. Und allen, die noch wichtige Dinge zu erledigen haben, sei geraten, sich zu sputen. Denn bis 2028 bleibt nicht mehr viel Zeit. 

Warum das Datum stimmen kann? Weil der Globalstratege aus dem Sauerland von der jüngsten NATO-Tagung in Ankara freudestrahlend zurückkam und als Erfolg vermeldete, dass er erreicht habe, dass Deutschland Tomahawk-Raketen in den USA kaufen und auch hier stationieren dürfe. Dabei handelt es sich um Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von 1600 Kilometern, d.h. ihre Wirkung auf Ziele wie Moskau ist garantiert. Er nannte diese Maßnahme das Schließen einer Sicherheitslücke. Nun mag man auch hier sagen, die Sonne der Erkenntnis käme im nebelig-düsteren Sauerland nur selten zum Vorschein, aber für derartigen Sarkasmus ist die Lage zu ernst. Denn, im Gegensatz zur proklamierten Zielsetzung, handelt es sich um die Bewerkstelligung Deutschlands als garantiertes Angriffsziel. 

Geht man nun davon aus, dass die derzeitige selbst ernannte liberale politische Mitte nicht das Bollwerk der parlamentarischen Demokratie, sondern eher deren Konkursmasse darstellt, weil sie vieles repräsentiert, nur nicht den Volonté générale, den Willen des Volkes, denn das hat den militaristisch-imperialen Kurs gehörig satt, und in wessen Auftrag auch immer handelt, dann muss man alles, was derzeit von dort aus als Zielsetzung formuliert wird, mit höchster Vorsicht zur Kenntnis nehmen. Mit einer am Gemeinwohl orientierten Strategie hat das alles gar nichts mehr zu tun. Vielmehr erinnert es an die Diktion von Priestern, die den kollektiven Selbstmord predigen.

Zurück zum Datum. Die jetzt erreichte Zustimmung zum Kauf der Tomahawk-Raketen, der Abschluss der Verträge, der Bau und die Anlieferung aus den USA wird einen Zeitraum bis 2028 in Anspruch nehmen. Und wenn sie denn kommen, dann sind die russischen Raketen ihrerseits längst justiert und programmiert, um zu verhindern, dass die vom imperialen Wahnwitz Ergriffenen nicht die Gelegenheit erhalten, noch einmal Mütterchen Russland anzugreifen. Heute bereits tönen Bundestagsabgeordnete wie die ewig von Vernichtungsphantasien faselnde außenpolitische Sprecherin der EU-Kommission offen vom Ziel einer russischen Kapitulation. Dass man dort alles tun wird, um eine Operation Barbarossa 2.0 zu verhindern, liegt auf der Hand.

Neben dem ganzen Nebel, den die als Strategie kaschierten Phantastereien einer unzurechnungsfähigen Bundesregierung verbreitet, kommt noch eine weitere Dummheit hinzu: Unterschätze nie diejenigen, die du vernichten willst. Und vor allem, wenn sie in der Geschichte bewiesen haben, allen im wahren Sinne des Wortes heimzuleuchten, die sich auf ihrem Territorium in böser Absicht verirren.

2028! Da bleibt nur noch ein Epitaph von Shakespeare übrig: 

Wir wissen nicht mal, wer wir sind. Es kommt, was kommen muss. Und das geschwind!  

Es kommt, was kommen muss!

Die Hohe Schule der Diplomatie und das lokale Banausentum

„Have more than you show 

Say less than you know.“ 

Der Satz entstammt der Feder William Shakespeares. Er kann nicht nur als eine kluge Lebensdevise, sondern auch als eine thematische Einführung in die hohe Kunst der Diplomatie gelesen werden. Fragte man zu diesem Thema noch andere, historisch als einzigartig eingestufte Diplomaten, wie den in allen Farben schillernden Kardinal Richelieu, der alle politischen Wetter überstand, die seine Zeit erlebte, dann könnte man als Lektion II noch hinzufügen:

„Diplomaten regen sich nicht auf. Sie machen sich Notizen.“

Die beiden Sätze allein wirken wie Kontrastmittel für den Zustand, den die internationale Diplomatie seit der Revitalisierung des Kreuzzuggedankens in unseren Tagen erlebt. Da wird nicht mehr im Schutz der Stille einander zugehört, da wird nicht bedachtsam austariert, wo sich selbst unterschiedliche Interessen treffen könnten, um vielleicht einen Modus Vivendi zustande zu bringen. Da ist von vornherein klar, mit welcher Agenda die Bugfiguren des Äußeren anreisen. Da sind die Kommuniqués bereits formuliert, bevor man sich die Hand geschüttelt hat oder die unterschiedlichen Standpunkte pressereif formuliert für den Fall, dass man nicht doch wider Erwarten zu einem Konsens kommt. Man fragt sich, warum man sich überhaupt noch trifft. Alles ist klar, zu verhandeln gibt es nichts. Und wer sich dennoch zu Wort meldet und Fragen stellt, ist ein umstrittener Querulant, den man am liebsten durch Mehrheitsbeschlüsse zum Schweigen bringen möchte. 

Das vor allem im aufmerksamkeitsabhängigen Westen auszumachende Schrumpfen diplomatischer Kompetenz hat erschreckende Ausmaße angenommen und sägt beharrlich an der Reputation aller Staaten, die sich diesem hirnrissigen wie schädlichen Kommers hingegeben haben. Ja, es soll vorkommen, dass die Oberhäupter einst geachteter Staaten, die bei Besuchen mit allen Feinheiten eines Protokolls empfangen wurden, jetzt nur noch vom Küchenpersonal begrüßt und mit gebücktem Haupt unter den Abzugshauben in den Speisesaal geleitet werden. Das liegt, damit kein Missverständnis aufkommt, nicht an der Boshaftigkeit der Gastgeber, sondern and deren Befürchtung, dass unter dem Staatsbanner und im Fokus der eigenen Öffentlichkeit unflätig in die Mikrophone gerülpst wird. Die Banausen bleiben draußen.

Dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wurde jüngst bei seinem China-Besuch eine doppelte Lektion zuteil. Zum einen merkte er bei seiner Ankunft, dass das große Protokoll ausblieb und ihm ein kühler Ostwind entgegenschlug. Und dann, bei einem Treffen mit dem als strategischem Rivalen ausgemachten Staatspräsidenten der Volksrepublik Chinas, Xi Jinping, erhielt er doch noch eine Vorstellung von den Möglichkeiten, die ein Denken in diplomatischen Kategorien und in der Verwendung kluger Metaphern beinhalten. Angesprochen auf die Aussichten eines Friedens in der Ukraine formulierte Xi Jinping es folgendermaßen:

„Bei Friedensverhandlungen müssen alle an einem Tisch sitzen und niemand darf auf der Speisekarte stehen.“

Von der Macht des Bildes, von der Klugheit im Sinne diplomatischer Gepflogenheiten gehört es zu der Hohen Schule dessen, was mit Shakespeare und Richelieu bereits angedeutet wurde. Man lasse den Satz auf sich wirken und denke an die Möglichkeiten politischen Handelns, die er birgt!

Und man denke bitte nicht an das lokale Banausentum, das täglich seinen vulgären Unrat an die Außenwände dieses Staates schmiert! Das zu dulden, ist eine schlechte Referenz für die Selbstachtung.

Der Formalismus ist die große Falle

Wenn ein Trugschluss unsere gegenwärtige Epoche beherrscht, dann ist es die Vorstellung, bei Beibehaltung der Form entspräche man automatisch dem Inhalt. Formalismus ist die große Falle, in der nahezu alle verfangen sind. Und der Unmut, der sich über die ganze Gesellschaft ausbreitet, ist dem Instinkt geschuldet, dass da irgend etwas mächtig aus dem Ruder gelaufen ist.  Und, das versteht sich nahezu von selbst, am gravierendsten ist das Missverhältnis auf dem Feld der Politik zu spüren. Das meiste, was dort vonstatten geht, entspricht den Erfordernissen der Form. Mehrheiten sind Mehrheiten und Beschlüsse sind Beschlüsse. Und dennoch sind die anderen Mehrheiten, auf die es in jeder Gesellschaft ankommt, nämlich die Mehrheiten aus der Gesellschaft, mit den Mehrheiten, die in den Parlamenten die Beschlüsse fassen, nicht zufrieden. Wie das kommt? 

Zum einen spielt sicherlich eine Tendenz eine nicht unerhebliche Rolle, und das ist die der egozentristischen Entartung. Viele Menschen sind nach einer über Jahrzehnte währenden Entwicklung dahin gehend geprägt worden, dass nur das, was sie direkt, im konkreten eigenen Bereich und Heute betrifft, von Interesse ist. Was darüber hinausgeht, gilt als uninteressant. Das mag ein gelungener Ausdruck individueller Fresssucht sein, ein Zeichen von gesellschaftlicher Weitsicht ist es nicht. 

Und der andere, wesentlich gravierendere Grund ist allerdings die Verselbständigung der Politik. Sie findet in einer von allen störenden gesellschaftlichen Partikeln des Alltags chemisch gesäuberten Atmosphäre statt, in der das Volk, in dessen Auftrag man eigentlich unterwegs ist, nur als präparierte Kulisse vorkommt.  Wenn das dann dennoch gleich einem Unfall tatsächlich zu den Mandatsträgern vordringt, wird es zumeist peinlich. Dann, so die Ferndiagnose der abgekapselten Politik, kann es sich nur um U-Boote der immer zahlreicher werdenden äußeren  Feinde oder um mit dem Irrsinn verbandelte Sonderlinge handeln. 

Die tiefe Überzeugung aller, sie handelten richtig, wenn sie nur der Form entsprächen, ist ein Symptom einer Zeit, in der Wesen und Inhalt immer mehr zu einem Arrangement verkommen sind, in dem das Dekors eine wesentlich größere Rolle spielt als der Kern. Der Italiener Alessandro Barrico hat das in einem lesenswerten Essay in der Zeitschrift La Republica beschrieben, über die Musik bis zum Fußball und zur Frikadelle, hat er die Oberflächlichkeit umrissen, mit der wir es epistemologisch zu tun haben. Die Tiefe und damit das Wesen ist längst passé und die Welt des Westens, der seinerseits zu seiner Blüte durch die Aufklärung gekommen ist, zerfleischt sich in einem Kampf um Schachtelaufschriften und ist nicht mehr in der Lage, sich über das zu streiten, auf das es wirklich ankommt.

Wie damit umgehen? Vielleicht am besten mit Shakespeare: 

„Wir wissen nicht einmal, wer wir sind,

Es kommt, was kommen muss,

Und das geschwind!“

Neben der erkenntnistheoretischen Eintrübung, die die Digitalisierung mit sich gebracht hat, kommt in Deutschland noch das bis heute wabernde Trauma der bösen Tat hinzu. Da ist guter Rat teuer, außer dem Hinweis an alle, die noch etwas Verstand und Zuversicht in sich tragen, zu appellieren, niemals dem Unrecht den Rücken zu kehren und auf sich selbst zu achten. Das ist, angesichts der gewohnten Vollmundigkeit aus chronischer Selbstüberschätzung, vielleicht nicht viel. Aber es kann viele Leben retten. Und das ist schon wieder der Mühe allemal wert.