Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Infektionsgeschehen

Es existiert keine Lebenssphäre mehr, in der der Begriff nicht auftaucht. Seit einer gefühlt unendlich langen Zeit, immer wieder und sogar zunehmend. Das Infektionsgeschehen, wie es so vieldeutig heißt, bestimmt das Leben. Oder besser gesagt, das Infektionsgeschehen bestimmt, inwieweit sich die politische Administration dazu ermächtigt fühlt, grundsätzliche Freiheitsrechte einzuschränken. Der Streit, der darum entsteht, ist ein uralter im rechtsphilosophischen Sinne. Ist, in Anbetracht der abzuwehrenden Gefahr, die Einschränkung der Freiheit verhältnismäßig? Und angesichts dieser Frage, die so kühl und kalkulatorisch verhandelt werden müsste, entfacht sich ein Feuer, das eher als Indiz für unsere aus den Fugen geratene Zeit gehalten werden kann. Die einen werfen den anderen vor, die Gefahr zu überhöhen, um die Freiheitsrechte zu stürmen. Die anderen wiederum bezichtigen die Gegner der Maßnahmen der Verharmlosung der Gefahr und deklarieren sie selbst damit zum gesellschaftlich unsolidarisch handelnden Gefahrenherd. Ja, das Infektionsgeschehen hat es in sich.

Was bei den Debatten um Maskenschutz, Abstandsregeln, Desinfektion und der Reduktion von Sozialkontakten eher verloren geht, ist die nachhaltige Veränderung, die mit dem Krisenmanagement einhergeht und noch weiter einhergehen wird. Schon jetzt ist zu sehen, dass die Spaltung der Gesellschaft in extrem Reich und extrem Arm beschleunigt wird. Das allein reicht aus, um sich grundsätzliche Fragen zu stellen. Denn eines ist klar: die Armen sterben häufiger als die Reichen. Die einen sitzen eingepfercht in kleinen Wohnungen eng aufeinander, während die anderen in ihren parkähnlichen Gärten flanieren und in großen Räumen vor dem wärmenden Kamin sitzen. Klischees? Ja! Treffen sie zu? Ja, mehr denn je! 

Es wäre hilfreich, die Faktoren, die momentan zum öffentlichen Diskurs gehören, auf dem Sozialatlas zu analysieren. Das immer präsente Infektionsgeschehen wird verstärkt in der Unterschicht ausgeprägt sein ebenso wie die Übersterblichkeit. Es handelt sich zwar nur um eine Prognose, sie ist jedoch ohne großes Risiko. Wer nichts hat, so die bittere Quintessenz nach Jahrzehnten des Wirtschaftsliberalismus, verliert schnell alles, und wer bereits hat, gewinnt schnell dazu. Der globale Markt wird es schon regeln, denn billige Arbeitskräfte lassen sich aus jedem „Shithole“ (Zitat des amerikanischen Präsidenten) so schnell importieren wie Zitronen oder Seltene Erden. Das Modell, mit dem das Infektionsgeschehen konfrontiert ist, ist das Produkt von vierzig Jahren kapitalistischen Triumphgeheuls. Entsprechend human wirkt es sich aus. Wer diese Auswirkungen nur einer Regierung, und zwar der jetzt amtierenden, anlastet, bewegt sich leider nur auf der phänomenologischen Ebene. 

Jenseits der epidemiologischen Dimension bezeichnet das Infektionsgeschehen also auch noch etwas anderes. Es handelt sich dabei um ein bereits langes, aber nicht wirklich bekämpftes Virus. Es ist ein Derivat der kapitalistischen Krankheit, das besonders heimtückisch ist. Es wurde entwickelt in den Labors der Chicago School of Economics, die Laboranten nannten sich kokett die Chicago Boys. Die ersten Mutationen waren gedacht, um Staaten in Südamerika zu destabilisieren und beherrschbar zu machen. Das gestaltete sich als so erfolgreich, dass sie das Virus isolierten und als Prototypen für globale Infektionsvorhaben weiter kultivierten. Heute ist die Krankheit in allen Ländern, in denen der Westen operiert, prächtig entwickelt. Sie bildet die Grundlage für die Zweitindikation namens Corona. Letztere kann sich so verheerend auswirken, weil das erste Virus, das des Wirtschaftsliberalismus, bereits hervorragende Vorarbeit geleistet hat. 

Wenn der Begriff „Infektionsgeschehen“ fällt, sei bitte daran gedacht, dass es sich nicht nur um eine epidemiologische und medizinische Dimension, sondern auch und vor allem um eine politische handelt.

Heraus aus dem bellizistischen Feuilleton!

Jean Bricmont. Humanitarian Imperialism. Using Human Rights to Sell War. 

Da muss ein Professor für Theoretische Physik von der Katholischen Universität Löwen aus Belgien kommen, um den geschredderten Pazifisten, den sedierten Linken und den assimilierten Intellektuellen Europas die sprichwörtlichen Leviten zu lesen. Der Mann heißt Jean Bricmont und war bis zum Erscheinungsjahr des vorliegenden Buches als Hochschullehrer in seinem Fach mit den dazu gehörenden Publikationen bekannt. Irgendwie reichte das ihm, der sich immer für Politik interessiert hatte, nicht mehr aus und er setzte sich mit einer Entwicklung auseinander, die Europa als politischen Faktor lähmt und zu einem postkolonialen Gebilde gemacht hat, ohne Perspektive in einer sich verändernden Welt. Unter dem nichts im Ungewissen lassenden Titel „Humanitarian Imperialism. Using Human Rights to Sell War“ landete er im Jahr 2005 einen Coup, der noch Folgen haben wird. 

Wie der Titel es bereits ankündigt, nimmt Bricmont kein Blatt vor den Mund und benennt das Problem beim Namen. Benannte Kohorten, von den Pazifisten über die Linken bis hin zu den Intellektuellen als amorphe Masse sind alle der Kriegspropaganda auf den Leim gegangen. Der Clou, den die Befürworter des Neokolonialismus und des Imperialismus landeten, ist die Bezugnahme auf die Menschenrechte. Und zwar die der im Jahr 1948 von den Vereinten Nationen angenommenen. Es handelt sich dabei um 30 Artikel, die in der Begründung und Legitimierung von imperialen Interventionen vor allem durch die USA sehr selektiv angewendet werden. Während die Presse- und Meinungsfreiheit immer im Zentrum der Kriegsbegründung stehen, fallen alle anderen zumeist unter den Tisch. Gute Bezahlung, soziale Absicherung, Wohnen, medizinische Versorgung und Bildung, alles ebenso fixierte Rechte, spielen keine Rolle und werden sogar als Wunschliste für den Weihnachtsmann diskreditiert.

Das alles hindert die Intelligentsia im saturierten Westen nicht daran, sich mit echten oder inszenierten Oppositionen in sturmfreien Ländern solidarisch zu erklären. Virtuell, versteht sich. Denn Bricmont stellt gleich die alles entscheidende Frage: Hat das Bekenntnis der hiesigen Intellektuellen zu den rudimentär interpretierten Menschenrechten irgend einen Einfluss auf das, was dann bei der Realisierung durch das Militär in den betroffenen Ländern geschieht? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Hatte es noch nie. 

Das Buch ist eine reiche Quelle für viele Absurditäten in der Begründung von Kriegen und deren Nachsorge. Denn, sind die schlimmen Diktatoren aus der Dritten Welt erst einmal liquidiert, kommen Weltbank und Internationaler Währungsfonds und zwingen die Befreiten zu Privatisierungsprogrammen, die vor allem eines zur Folge haben. Die systematische Gefährdung essenzieller Menschenrechte wie Lohn, Wohnung, Krankenhaus und Schule. Um Bricmonts Quellen zu verifizieren, muss man sich nur die Folgen anschauen. In Afghanistan, wo es bei der Begründung des Krieges propagandistisch um das Recht junger Frauen ging, die Schule besuchen zu dürfen. Spricht noch irgend jemand davon? Hat sich nach eineinhalb Jahrzehnten der militärischen Intervention irgend etwas geändert? Oder, hat der unter bewusst lancierten falschen Annahmen statt gefundene Irak-Krieg dem Land die Demokratie gebracht? Funktionieren die Institutionen des Landes wieder? 

Es spricht für das Buch Jean Bricmonts, dass er in ihm seine Thesen prägnant und präzise formuliert und dann stets quellengesicherte Belege vorlegt. Die Konsequenz, die auf dem Silbertablett präsentiert wird, ist einfach wie gefährlich. Hört auf, Kriege zu legitimieren und fangt an, die Menschenrechte in Gänze als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit euren eigenen Regierungen zu nehmen. Das hat Konsequenzen. Und mit dem guten Gewissen ist es dann vorbei.