Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Klimabewegung: Stillstand!

Was sind die Geiseln der Menschheit im beginnenden 21. Jahrhundert? Da ist der in einer nie zuvor existierenden Weise ausgetragene Kampf von Reich gegen Arm. Die Besitzverhältnisse und die ihnen innewohnenden Triebkräfte, die Maximierung von Gewinn durch Markwachstum, haben nicht nur zunehmend Milliarden von Menschen in die Verelendung getrieben, sondern auch durch die Absurdität von Lieferketten auf der anderen Seite eine Ressourcenverschwendung sondergleichen hervorgebracht. Da ist die Zuspitzung des Konkurrenzkampfes durch Kriege um Einflussgebiete und Rohstoffe, die zunehmend das Zeug haben, aus lokalen globale kriegerische Auseinandersetzungen zu provozieren. Da ist der in diesem Zusammenhang zu erwähnende Versuch, die weitgehend im 20. Jahrhundert dekolonisierte Welt von neuem zu kolonisieren. Und da ist der mit den genannten Faktoren direkt zusammenhängende Trend, die globalen klimatischen Verhältnisse in eine Richtung zu entwickeln, dass die humane Besiedlung des Planeten auf Sicht einem Ende zutreibt.

Können die genannten Erscheinungen voneinander getrennt werden? Nein. Denn alles hängt mit allem zusammen. Man kann nicht gegen den Klimawandel sein, ohne sich mit den Produktionsverhältnissen und ihrer Logik, ohne die Verschwendung hier und die mangelnde Möglichkeit zu ökologischem Verhalten dort zu betrachten. Genauso wenig kann die rabiate Bergung von Ressourcen davon getrennt werden und ohne die verheerende Wirkung von Kriegen damit zu verknüpfen. Der Konnex von Produktion, Rohstoff, Ausbeutung, Zerstörung und Vernichtung ist offensichtlich. Wer die Welt verändern will, kann davor die Augen nicht verschließen.

Umso enttäuschender ist die Erkenntnis, dass die Bewegung gegen den Klimawandel in den Metropolen der so genannten Ersten Welt genau damit begann und in dieser Position verharrt. Seit den ersten Demonstrationen im letzten Jahr hat sich anscheinend in der Analyse der Verhältnisse aus dieser Bewegung heraus nichts getan. Der groß angekündigte Klimastreik in der letzten Woche wirkte wie ein Remake der ersten Tage. Nach dem Winter, dem Corona-Lockdown im Frühjahr und einem anscheinend sorgenfrei gestalteten Sommer kamen die gleiche Parolen wie in den Anfängen zu Vorschein. Die Kritik aus den eigenen Reihen, dass es sich immer noch um einen Protest aus einem saturierten Milieu handelt, scheint sich leider zu bewahrheiten. Es ist schon ein starkes Stück, dass eine Bewegung, die Dynamik versprach, in der Analyse auf der Stelle tritt. Abgesehen von den unsäglichen Spaltungsparolen, bei denen die älteren Generationen ins Visier genommen werden, ist der Verweis auf die im eigenen Sozialmilieu präferierten Konsumgewohnheiten eine armselige Offerte. Der Vorwurf an die Gesellschaft, seit dem letzten Sommer hätte sich leider nichts getan, trifft auf die eigene Bewegung ebenso zu. Eine Weiterentwicklung der Analyse hat nicht stattgefunden.

Kürzlich veröffentlichte ein Mitglied der Bewegung seine Kritik, in dem er auf die Milieubezogenheit hinwies, seine eigenen Erfahrungen in anderen sozialen Welten schilderte und daraus genau die Schlussfolgerungen zog, die eigentlich auf der Hand liegen: die Kluft zwischen Arm und Reich, die aus dem Produktionssystem resultierende Wachstumsideologie, die Kluft zwischen Stadt und Land und die Verwüstungen durch Kriege. Er bewies, dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, den Horizont zu erweitern. Eher enttäuscht verwies er darauf, dass es wohl den Protagonisten darum geht, die eigenen Karriereaussichten innerhalb des kritisierten Systems zu verbessern. 

Eben jenen Aspekt griff der Grünen-Politiker Robert Habeck auf, indem er anbot, aussichtsreiche Listenplätze seiner Partei den Protagonisten der Bewegung bei der nächsten Bundestagswahl zur Verfügung zu stellen. Geht doch! Die Karriere winkt, die Bewegung weilt im Stillstand.   

Russland = Putin. Der Dämon und der Todestrieb

Hat man erst einmal einen Dämon ausgemacht, erübrigt sich weiteres Nachforschen nach den Ursachen der Kalamitäten, mit denen man konfrontiert ist. Alles, was Verdruss erzeugt, erscheint dann auf der Rechnung des definierten Missetäters. Das entlastet. Weitere Beobachtung ist nicht nötig. Die Empörung bleibt, aber der Genuss, eine eindeutige Erklärung für das Übel zu haben, entlastet auch wieder. Denn wenn alles erklärt ist, kann man sich voll drauf konzentrieren, den Dämon direkt zu bekämpfen. Das schöne Konstrukt bricht jedoch zusammen, wenn sich herausstellen sollte, dass einiges, oder sogar vieles, das man dem Delinquenten zugeschrieben hat, aus anderen Quellen stammt. Ob man es weiß oder nicht, auf einmal wird aus dem schönen Dämon ein armer Sündenbock, der dafür gerade stehen muss, was sich die mit dem selbst verordneten eingeschränkten Blick nicht erklären können. Dann ist alles viel komplizierter als gedacht und der Schaden, der zu beklagen ist, wird größer als jemals befürchtet.

Die Formel Putin = Russland ist zum Standard der hiesigen Darstellung aller Geschehnisse geworden, die die Gemüter erhitzen. Es wird suggeriert, dass alles, was in dem riesigen Russland geschieht und was in unseren Breitengraden ein Gefühl des Unbehagens auslöst, nur eine Ursache haben kann: Putin. Putin hier und Putin dort. Wendete man eine solche Banalisierung des politischen Blickes auf unsere eigenen Verhältnisse an, dann wäre man mitten drin im Sprachgebrauch der neuen, radikalen Rechten. Da heißt es auch, Merkelland, Merkel ist für alles verantwortlich, was irgendwem nicht schmeckt. Dass eine solche Betrachtung und Erklärung gerade von denen moniert wird, die es selbst im Blick auf Russland genau so tun, dokumentiert zweierlei: bei einem Teil den Grad der Verblendung, bei einem anderen Teil eine nahezu agentenhafte, propagandistische Vorgehensweise. Ob das noch mit der eigenen Staatsdoktrin korrespondiert?

Und jetzt wird es brisant. Nehmen wir einmal an, nein, nicht, dass amerikanische oder sonstige Geheimdienste, die auch und nachweislich über das Nervengift Nowitschok verfügen, hätten etwas mit dem Attentat an dem nationalistischen Oppositionspolitiker Nawalny zu tun, sondern bestimmte, in Opposition zu Präsident Putin stehende russische Kräfte, die sich ganz woanders befinden als im Spektrum der politischen Parteien. Das könnten in ihrem Treiben von diesem beschnittene Oligarchen sein, aber auch Hardliner aus den eigenen bewaffneten Formationen, die sich nach den Zeiten der messerscharfen Konfrontation mit dem Westen sehnen. Letztere waren es, deren Ansehen und Einfluss in den letzten drei Jahrzehnten schwer gelitten hat und die, aufgrund der unentwegten Ostexpansion des Westens Richtung russischer Grenze, wieder Morgenluft wittern. Sie hätten gute Gründe, Öl ins Feuer zu gießen und die Konfrontation mit dem Westen weiter anzufachen.

Der Totschläger namens Verschwörungstheorie ist genauso einfältig wie das Mittel der exklusiven Dämonisierung. Beides versperrt die Sicht auf komplexe Strukturen und ihre inneren Widersprüche.  Gesetzt den Fall, es wäre so, wie gedanklich angeboten, was hieße das dann? Es bedeutete, dass der Dämon Putin sogar en Verbündeter sein könnte gegen weitaus gefährlichere Gefährder des bereits mehr als fragilen Friedens. Die Banalität, die hinter dem Verbot in diese Richtung zu denken steht, ist der mögliche Gesichtsverlust der Dämonsierer. 

Und schon wird deutlich, in welchem Tal des politischen Denkens wir uns mittlerweile befinden. Die ganze Corona, und dieser Begriff ist bewusst gewählt, der politischen Scharfmacher gegen Russland und Putin hat anscheinend kein Interesse daran, alle Möglichkeiten der Erklärung durchzuspielen. Wie schön ist es doch, den Dämon bis ins eigene Grab zu pflegen. So selbstvergessen macht der eigene Todestrieb!