Four distressed adults surrounded by four large black-and-tan dogs

Die Furcht der Figuranten

Wenn man sich auf eines verlassen kann, dann ist es die ständige Steigerung der Hetze in dem, was als eine Reminiszenz an bessere Zeiten immer noch Öffentlicher Diskurs genannt wird. Von Diskurs ist da jedoch keine Spur mehr. Ohne bestimmte Akteure benennen zu wollen, auch weil es keinen Sinn macht, ist schon beim jeweiligen Intro völlig klar, wen es diesmal trifft. Und das Arsenal der Feindbilder ist mittlerweile so groß, wie sich das Kriegsminister kaum zu erträumen wagten. Für alles existieren schwarze Schafe. Auch wenn dieser Terminus zu verniedlichend ist. Denn diejenigen, die sich der schweren Verbrechen aus Sicht der Diskutanten schuldig machen, sind allesamt dunkle Gestalten. Ihre Attribute reichen von nicht zurechnungsfähig und mental abgestürzt bis hin zu kriegsverbrecherisch, hochverräterisch und schlichtweg ekelerregend.

Bei der Betrachtung derer, die sich bei diesem kommunikativen Gemetzel mit Wollust beteiligen, kommt großer Zweifel über die Nachhaltigkeit einer jeglichen Zivilisation auf. Und die Erkenntnis schreibt sich fest, dass eine Zivilisation nur so lange hält, wie ein kollektives Bewusstsein über ihre Existenz zu verzeichnen ist. Letzteres ist nicht mehr gegeben. Und der Schlüssel dazu scheint die Tatsache zu sein, dass eine systemische Alternative nicht existiert. Solange die Menschen noch über einen Zaun schauen und betrachten können, wie es beim Nachbarn, der unter anderen Bedingungen lebt, aussieht, müssen sich die Herrschenden auf dem eigenen Terrain in gewisser Weise zusammenreißen. Das ist seit dem schicksalhaften Jahr 1990 nicht mehr der Fall. Das so wollüstig proklamierte Ende der Geschichte, in der der Hegel´sche Weltgeist angeblich zu sich selbst gefunden hat, öffnete alle Schleusen der Selbstregulierung und ließ die Gefräßigsten der eigenen Gattung aus ihren Sicherheitskäfigen.

Viele Faktoren haben zu dem jetzigen Zustand beigetragen. Einerseits die Suprematie der individuellen Bereicherung, andererseits die allgemeine Verfügbarkeit von Kommunikationssystemen bei gleichzeitiger Monopolisierung der Informationsquellen und einem nie vorher da gewesenen Raub geistigen Eigentums bis hin zur Privatisierung des Weltwissens und der Degenerierung der verfügbaren bzw. zugänglichen Bildungseinrichtungen. Ein ganzer Strauß von Fehlentwicklungen schuf das Bild desaströser Blüte. All das vollzog sich außerhalb der Sichtweise der Betroffenen. Die tatsächlichen Akteure betreiben ihre Geschäfte nicht öffentlich. Von vielen dieser tatsächlichen Protagonisten kennt die Öffentlichkeit nicht einmal die Namen.

Um diesen Zustand, der die Verantwortlichen vor der möglichen Begutachtung durch die gesellschaftliche Mehrheit zu schützen, sind, wie auf dem Hundeplatz, Figuranten vonnöten. Diese sitzen in Parlamenten und geben vor, die Geschäfte zu führen. Und sie werden eskortiert von denen, die sich Moderatoren, Talkmaster, Journalisten und Künstler oder was auch immer  nennen. Ihnen gemein ist, dass sie tatsächlich nichts von dem, was Relevanz hat und die Gesellschaft in Gänze betrifft, zu entscheiden haben. Aber sie reden darüber und veranstalten die degoutanten Treibjagden auf alles, was sich nicht im Strom der alles verschleiernden Meinung bewegt.

Das nun eher Belustigende bei diesem Setting ist die Tatsache, dass alle genannten Figuranten mittlerweile um ihre Fortexistenz fürchten. Ein Großteil der politischen Schreihälse, der Talkfürsten und Minnesänger der Mystifikation könnten ihre Mandate und Aufträge verlieren, wenn sich der aus ihren Augen verblödete Mob eines anderen besinnt. Diese Gefahr ist real. Und deshalb schreien sie so laut. Ob es zu einer Beendigung des Debakels führen wird, ist eher fraglich. Dazu ist der Gärungsprozess noch nicht weit genug fortgeschritten. Selbst wenn der Deckel wegfliegt, ist noch keine neue Qualität erreicht. Wie Tolstoi so schön formulierte, sind Geduld und Zeit die mächtigsten Krieger.

Die Furcht der Figuranten

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