Schlüpfte ich in die Rolle des Advocatus Diaboli, dann wäre die Situation eine exzellente. Wie bekannt, ist der Advokat des Teufels nur eine Denkfigur. Sie soll helfen, sich die schlimmste aller Möglichkeiten auszumalen. Nun drängt sich der Verdacht auf, dass dieser satanische Anwalt sich zu einer realen Figur materialisiert. Denn viele Erscheinungen und Dinge, die vor nicht allzu langer Zeit als undenkbar, zu überzeichnet oder irrational gewirkt hätten, sind Bestandteil unserer gesellschaftlichen und politischen Faktizität geworden. Man denke nur an das ekstatische Schwadronieren über den Krieg, man denke an die Schamlosigkeit der Selbstbedienung, man denke an die völlige Orientierungslosigkeit von Parteiführern, die ihren Auftrag vergessen haben, man denke an den verbreiteten Glauben, dass man mit Eskalation von Gewalt Verhältnisse herstellen kann, die nachhaltig sind, man denke an die Frivolität einer grassierenden Doppelmoral. Ja, und man denke an die immer irrer werdende Ich-Bezogenheit einer zur Pandemie gereiften Form eines falsch verstandenen Individualismus.
Da ist von Gemeinsinn keine Spur mehr. Und vielleicht ist es genau das, was die Krise, die mit Gewissheit furchtbar enden wird, so befeuert. Wenn die von jeglichem Konnex gesellschaftlicher Zusammenhänge Abstrahierten nur noch von Work-Life-Balance oder ihrem Biorhythmus faseln oder bei sonstiger Lustlosigkeit zum Besten geben, sie müssten eigentlich mal wieder in die Sonne, dann drängt sich der aus bestimmten Kreisen schon länger formulierte Verdacht auf, dass eine zu lange Phase einer stabil geglaubten und nicht durch Kriege unterbrochenen Periode der Zivilisation die Wertschätzung gegenüber diesem Zustand im Sande hat versickern lassen.
Es gab frühe Warnzeichen, die für viele kritische Glieder dieser Gesellschaft aus der falschen Ecke kamen. Da wurde bereits vor den ersten wirklich großen Einbrüchen mit dem Slogan geworben, man müsse fordern, statt verwöhnen. Und ein schon lange vermisster Journalist schrieb ein ganzes Buch über die Ego-Shooter. Und es kommt auch die von Henry Kissinger erzählte Episode wieder in den Sinn, dass der weise Zhou Enlai ihm bereits in den siebziger Jahren ans Herz legte, mit dem Ausruf, der Individualismus des Westens sei ein Erfolgsmodell, noch einige Zeit zu warten. Es sei für ein endgültiges Urteil zu früh.
Vieles von dem, was heute zu beklagen ist und die Blickrichtung verdunkelt, hat tatsächlich mit den Schattenseiten der freien Entfaltung des Individuums zu tun. Einerseits war es nie als tatsächlicher Akt der Selbstbefreiung, sondern als liberaler Konsumismus gedacht, und andererseits verschwand der Gemeinsinn bei diesem Ziel komplett im Gully. Der so gefeierte Sieg des freien, nicht kontrollierten Kapitalismus war nicht gleichzusetzen mit der Festschreibung einer an Gemeinwohl und Kohäsion verpflichteten Demokratie. Es war der erste Akt im Sterberitual aller wie auch immer gearteten westlichen Demokratien.
Der Prozess zu dieser Erkenntnis war lang und ereignisreich. Und, um auf die eingangs gemachte Bemerkung zurückzukehren, wäre diese Entwicklung von irgendwem z.B. in dem schicksalsträchtigen Jahr 1990 prognostiziert worden, dann hätte man den Verkünder als Advokatus Diaboli gelabelt.
Eine Lehre aus dem Boxsport mag noch einen Funken Hoffnung zutage fördern. K.o. gehst du nur, wenn du den Schlag nicht siehst. Wenn er wie aus dem Nichts kommt, dann ist er fatal. Und eines ist gewiss: Wer jetzt immer noch nicht erkennt, woher die Schläge kommen, geht mit Sicherheit zu Boden. Und steht nicht mehr auf!
