Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die Party der journalistischen Libertinage

Obwohl es viele Menschen in die Verzweiflung treibt. Und obwohl es sich anfühlt wie die letzte Entleerung vor dem Gang zum Schafott. Die Libertinage, die der deutsche Journalismus zur Zeit zulässt, kann auch angesehen werden wie ein letztes Bacchanal der freien Formulierung. Voraussetzung zum Gelingen ist das bewusste Vergessen all dessen, was einmal in den Lehrbüchern der Zunft stand. Dass es die Aufgabe ist, sich auf Fakten zu berufen, die nicht einmal oder zweimal, sondern unzählige Male auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden sollen, bevor sie das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Dass es eine Verpflichtung zur Enthaltung von Ansichten und Gefühlen dessen gibt, der sich dazu berufen fühlt, mit einer Meldung die Öffentlichkeit zu suchen. Dass eine Logik zu befolgen ist, die auf den Grundsätzen der Kausalität fußt. Dass Bilder benutzt werden, die nicht nur allgemein verständlich sind, sondern auch die keine bösen Gefühle und Ressentiments wecken. Dass den Konsumenten des eigenen Berichtes zugetraut wird, dass sie in der Lage sind, sich selbst eine Meinung zu bilden. Und vieles mehr. Nachzulesen in den früheren Lehrbüchern eines Journalismus, der in einer aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft idealerweise gepflegt wird.

Das alles ist passé. Da regiert die anzügliche Kolportage, die Emotionalisierung, die Personalisierung, die Feindbilder, der Tratsch und der Klatsch, da tauchen ständige Zeugen auf, die keine sind, da trumpfen Experten auf, die keinen blassen Schimmer haben, da werden kausale Zusammenhänge in ihr Gegenteil verdreht, da wird Stimmung gemacht und diskreditiert, ausgegrenzt, schlecht beleumundet und schlicht gelogen, dass sich die sprichwörtlichen Balken biegen. Da man in einer monopolisierten Blase unter sich ist, glaubt man, das alles machen zu können, ohne jemals dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Chefs wollen das so, die Kollegen zucken mit den Schultern und machen mit und die Auftraggeber verteilen das eine oder andere Zuckerstückchen. 

Und da baden sie nun im Lotterbett der Kolportage, wie Stefan Zweig es einmal in einer ähnlichen historischen Situation so trefflich ausgedrückt hat. Sie fühlen sich sicher und im Recht, das keines ist, sondern nichts anderes als das Hirngespinst von finsteren Mächten, die daran verdienen, dass eine gewisse Systematik an Zerstörung gewahrt wird. An der heißen Fronten des Krieges, im Verschrotten alter Militärtechnik an menschlichen Existenzen, am großartigen Verbrennen von Werten, an den sozialen Sicherungssystemen, an der Infrastruktur, an den Bildungsinstituten, an den Gesundheitseinrichtungen. Die Täterschaft aller, die sich an diesem Feldzug beteiligen, ist längst bekannt, und die Fieberphantasie der Sicherheit wird schneller einer harten Realität weichen, als sich die Lüstlinge des falschen Wortes erträumen können. 

Selbst in der antiken Mythologie gehört es zu den Standards, dass zunächst die Boten gemeuchelt werden, bevor die tatsächlich Bösen dran glauben müssen. Aber das den Klatschpropagandisten erklären zu wollen, ist vergebliche Liebesmüh. Schon beklagen sie den scharfen Wind, der ihnen immer öfter entgegenbläst. Er ist nichts, verglichen mit dem, was sie täglich veranstalten. So lustig die Party der journalistischen Libertinage im Moment noch ist. Ein eisiger Wind wird das Ende dieses Festes ankündigen.  Das ist sicher. Denn im richtigen Leben lässt sich die Kausalität nicht vertreiben.

Vergiss nie, woher du kommst

Die mediale Monopolisierung hat auch im Kulturbereich gewütet. Vieles, was vor Jahren nur Insidern bekannt war, gilt heute als öffentliches Gemeingut. Zum Beispiel, dass viele aus Film und Fernsehen bekannte Schauspieler eigentlich von der Bühne kommen. Dort haben sie ihr Handwerk gelernt, dort haben sie ihre Talente entwickelt und dort erleben sie ihre großen Momente. Wenn man die Rolle aus einem Shakespeare oder Brecht zu spielen hat unterscheidet sich das doch gravierend von der eines Tatortkommissars. Und deshalb tauchen gerade in dem letztgenannten Format viele auf, die weitaus mehr zu bieten haben, als das Millionenpublikum gewahr wird. Einer davon ist sicherlich der aus Herdecke stammende Jörg Hartmann. 

Das Interessante an ihm ist, dass er auf der Bühne gelernt hat, als Tatortkommissar (und natürlich einer Serie wie Weißensee) einem großen Publikum bekannt ist und zudem seine Selbstvermarktung mit einer Art Autobiographie selbst in die Hand genommen hat. Mit dem Titel „Der Lärm des Lebens“ hat er ein Buch veröffentlicht, das gleichzeitig als ein von ihm gesprochenes Hörbuch erhältlich ist. Selbstverständlich gehört dazu noch der eine oder andere Auftritt in den zahlreichen Talkshows, die sich zunehmend als Influencer-Partys etablieren. 

Nichts für ungut. Jörg Hartman ist ein ernst zu nehmender deutscher Schauspieler, der ein Buch abgeliefert hat, das alles andere als trivial ist. Er beschreibt darin seine Herkunft und Familiengeschichte, in der sich der Wandel der Bundesrepublik in den letzten Dekaden spiegelt, er erzählt von seinen Anfängen auf diversen kleinen Bühnen, bis er es zur Berliner Schaubühne geschafft hat. Beeindruckend ist, dass er, wie viele andere, die aus dem Ruhrgebiet stammen, die Ruhrpott-DNA nicht in der Lage ist abzustreifen. Immer denkt er an die Kleinen, die Wehlosen und Schutzbedürftigen, und immer fühlt er sich diesen verpflichtet. Und er bringt der Leserschaft nahe, wie oft sich bei einer erfolgreichen Karriere die Frage stellt, inwieweit die professionelle Verpflichtung mit dem eigenen, geerdeten Menschenbild und den damit verbundenen Passionen korrespondiert, oder eben auch nicht.

So vermittelt die Lektüre einen alles andere als geschlossenen, mit sich selbst im Reinen befindlichen Charakter, sondern einen Zerrissenen, dessen Produktivität gerade in diesem Dauerzustand begründet liegt. Irgendwie wurde ich bei der Lektüre den Gedanken nicht los, dass der Kommissar Faber, der aufgrund seines Auftretens das Publikum tief spaltet, nicht ein reales Abbild des Rebells aus dem Ruhrgebiet zeigt, der die Versöhnung sucht, aber das Rebellieren nicht sein lassen kann. Das ist ein wichtiges Stück Geschichte dieser Republik, das viele mit erzählen können, aber kaum irgendwo geschrieben steht.

Was die Einblicke in die Sozialisation auf den Bühnen dieser Republik betrifft, so werde ich das Buch gleich einer Schauspielerin aus dem Nebenhaus zukommen lassen und sie um ihre Meinung fragen. Was den Autor und das Buch anbetrifft: ich fand es unterhaltsam und bei bestimmten biographischen Passagen markant. Was bläuen sie dir im Ruhrgebiet von Kindesbeinen ein? Wohin du auch gehst, vergiss nie, woher du kommst! Jörg Hartmann hat das verinnerlicht.