Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Papiertiger

In Phasen der großen Ratlosigkeit ist es klug, sich ähnliche Situationen aus der Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Wann war es schon einmal so, wie im Moment? Was habe ich da gemacht? Was hat mir geholfen? Mit wem habe ich mich beraten? Was hat mir Erleichterung verschafft? Und wer konnte mir weiterhelfen?

Diesen Rat gab ich vor wenigen Tagen einem alten Bekannten, der zu mir kam und bekannte, dass er nicht mehr weiter wüsste. Er verwies auf den ihn umgebenden Allgemeinzustand und sprach von einem Krisengeflecht. Und als ich ihm die obigen Fragen nahelegte, winkte er enttäuscht ab und beteuerte, dass er das alles bereits durchgespielt habe. Das Problem sei nur, dass er noch nie so ratlos gewesen sei, wie im Moment. Immer habe er einen Funken Hoffnung in sich getragen, damit sei es aber seit geraumer Zeit vorbei.

Und als ich ihn fragte, was ihn denn konkret so umtriebe, sah er mich an, als sei ich ich ganz bei Sinnen. 

„Da fragst du noch? Na hör mal! Da ist eine Politik, die sich nur noch um Krieg und seine Befeuerung dreht, da ist eine Öffentlichkeit, die das auch noch feiert, da ist keine Stimme, die sich erhebt und dagegen aufsteht. Da wird alles Geld der Welt in die Vernichtung von Mensch und Umwelt gesteckt und immer mehr Rentner leben aus der Mülltonne, immer mehr Kinder gehen ohne Frühstück in die Schule, immer mehr Menschen können von einem Job nicht mehr leben, immer mehr Menschen stehen irgendwann ohne Ausbildung da, der öffentliche Verkehr funktioniert nicht mehr, die Straßen sind kaputt, und immer mehr Menschen müssen die wenigen Oasen des Luxus und der Selbstergötzung umschiffen wie feindliche Riffe. Und nichts tut sich: Ein moralischer Aufschrei reicht, und alle blasen ins gleiche Horn. Und wer seinen eigenen Verstand gebraucht, der wird gemobbt und für unzurechnungsfähig erklärt. Und da fragst du mich, was denn los ist? Hast du irgend etwas verpasst?“

Ich muss gestehen, dass ich seine Beschreibung tatsächlich zu einem Großteil teilen musste. Und dass die Verhältnisse so sind, ist für viele weder ein Geheimnis noch das Resultat einer Verirrung in Verschwörungstheorien. Und, indem ich meinem Bekannten gut zusprach und es mit Humor versuchte, ging ich die Fragen, die ich ihm zuerst zur Orientierung gegeben hatte, noch einmal für mich durch. Die Antworten halfen doch. Ich kann mich zugegebenermaßen auch nicht daran entsinnen, dass die Lage bereits schon einmal in meinem bewussten Miterleben so war wie heute. Zwar hatte ich krisenhafte Situationen bereits erlebt und da hatte mir immer geholfen, mir ein Ziel zu setzen und direkt auf es zuzugehen, egal, wie groß der Widerstand war. Denn Krisen, so mein Resümee, sind durch Mutlosigkeit nicht zu überwinden. Und beraten hatte ich mich immer mit meinem konkreten Umfeld. Und dann wurden Beschlüsse gefasst und gehandelt. Egal, was andere sagten oder dachten. Und weiterhelfen konnten mir diejenigen, die in so etwas erfahren waren und ihren Biss nicht verloren hatten. Die Zauderer und Relativierer halfen da nie, nur die Mutigen konnten die eigene Entschlusskraft befeuern. Und jeder aktive Schritt verschaffte Erleichterung. Das bloße Betrachten führte dagegen zu Mutlosigkeit und Defätismus.

Das alles erzählte ich dann meinem Bekannten. Und wir waren uns einig, dass das Aussprechen dessen, was ihn so verdross, der erste Schritt gewesen war, um sich auf den Weg zu begeben und aktiv zu werden. Und dann betrachteten wir noch die Papiertiger, die in jeder Vitrine stehen und den Zustand in seiner ganzen Fragwürdigkeit und Erbärmlichkeit repräsentieren. Und dann mussten wir sogar lachen. Unterschätzen, das haben wir uns dann versprochen, wollten wir sie nicht. Aber Angst, das war uns klar, wäre zu viel des Guten. Das wäre lächerlich. Ein Papiertiger bleibt nun einmal ein Papiertiger. 

Highgate

Manche Menschen trifft man, irgendwo umgeben vom Alltag, und sie sind so schnell aus dem Blickfeld, wie sie erschienen. Andere wiederum kommen, und teilen alles mit dir. Eine gewisse Zeit. Und es muss nicht einmal ein übermäßig langer Zeitraum sein. Und wenn sie wieder gehen, dann weißt du, dass sie etwas Bleibendes hinterlassen haben. Das muss nichts Spektakuläres sein. Sie waren einfach da. Sie teilten mit dir die Zeit, sie signalisieren dir, dass das wichtig ist, was ihr zusammen machtet. Und sie zeigten Interesse. Über den konkreten Anlass hinaus. Und als sich dann die Wege trennten, war da weder Wehmut noch Vorwurf. Es war ein kaltes Entgegennehmen des Laufs der Dinge. Man machte kein Aufhebens. Man blieb miteinander verbunden. Auch wenn die Richtung entgegengesetzt war. Auch wenn die Entfernung weit war. Auch wenn es keine Anlässe mehr gab, den Kontakt zu suchen. Man blieb dennoch verbunden.

Derartiges Aufeinandertreffen gibt es nicht oft. Es ist eher eine rare Angelegenheit. Und weil alles so unspektakulär und ohne große Emotion vonstatten geht und weil das Leben immer weiter seinen Lauf nimmt. Mir wurde bei verschiedenen Wendungen meines Lebens klar, dass besonders diese Begegnungen und die daraus resultierenden Bindungen nicht nur ein großes Geschenk sind, sondern auch eine Beständigkeit aufwiesen, die andere, wesentlich intensivere soziale Arrangements nicht hatten. Oft waren sie weitaus weniger stabil. Diese jedoch hielten über Jahrzehnte und Kontinente.  Irgendwo, ganz tief im Innern, sind sie vielleicht sogar die Säulen, die dem eigenen Leben eine bestimmte Gewissheit verleihen. Jenseits der sichtbaren Fassade.

Vor kurzem meldete sich bei mir eine ehemalige Kollegin, die zu dieser Gattung gehörte. Sie kam damals in mein Arbeitsfeld, war lebensälter als der Rest, fügte sich ein, half uns mit ihrer Erfahrung und war an allem, was wir ausprobierten, interessiert. Wir machten Fehler und sie lachte, wir scheiterten und sie spendete Trost. Es gab nichts, was wir nicht teilten. Die Arbeit wie die Freizeit. Wir feierten zusammen und fuhren zusammen nach London. Eine Szene, die mir nie wieder aus dem Gedächtnis ging: Sie und ich auf dem Friedhof Highgate, allein, weil der Rest an diesem Tag etwas anderes vorhatte. Später saßen wir in einem Pub, sie trank einen Portwein und schilderte mir, wie groß das Geschenk des Lebens ist. 

Unsere Wege trennten sich. Wir wurden in alle Winde verstreut, nur sie blieb. Und der Kontakt zu ihr. Immer lose, unregelmäßig, aber nie lästig oder langweilig. Sie verfolgte unser aller Wege mit großem Interesse und war, auch aus sehr großer Ferne, das Bindeglied zwischen allen. 

Vor wenigen Wochen meldete sie sich bei mir. Sie sei über etwas gestolpert, was sie mir noch sagen wollte, ich solle sie doch einmal anrufen, was ich sofort tat. Dabei erzählte sie mir, dass sie erst kürzlich an eine Episode denken musste, die dreißig Jahre zurück lag und von unserer beider Rolle dabei. Damit öffnete sie noch einmal unser gemeinsames Kapitel.  Und dann erfuhr ich, dass sie eine schwere Krankheit ereilt hatte, sich aber nun wieder besser fühlte. Und dass sie in zwei Tagen einen runden Geburtstag habe. 

Ich rief sie zwei Tage später noch einmal an, um ihr zu gratulieren. Sie erzählte mir, dass ihre Tochter und die Enkel kämen und sie zu einem Lokal essen gehen würden und sie sich sehr freue. Und dass ich sie in nächster Zeit besuchen solle. Auf einen Kaffee. Kurze Zeit später erfuhr ich von ihrem Tod. Sie hat das Regiebuch tiefer Menschlichkeit nie aus der Hand gelegt.   

Der Formalismus ist die große Falle

Wenn ein Trugschluss unsere gegenwärtige Epoche beherrscht, dann ist es die Vorstellung, bei Beibehaltung der Form entspräche man automatisch dem Inhalt. Formalismus ist die große Falle, in der nahezu alle verfangen sind. Und der Unmut, der sich über die ganze Gesellschaft ausbreitet, ist dem Instinkt geschuldet, dass da irgend etwas mächtig aus dem Ruder gelaufen ist.  Und, das versteht sich nahezu von selbst, am gravierendsten ist das Missverhältnis auf dem Feld der Politik zu spüren. Das meiste, was dort vonstatten geht, entspricht den Erfordernissen der Form. Mehrheiten sind Mehrheiten und Beschlüsse sind Beschlüsse. Und dennoch sind die anderen Mehrheiten, auf die es in jeder Gesellschaft ankommt, nämlich die Mehrheiten aus der Gesellschaft, mit den Mehrheiten, die in den Parlamenten die Beschlüsse fassen, nicht zufrieden. Wie das kommt? 

Zum einen spielt sicherlich eine Tendenz eine nicht unerhebliche Rolle, und das ist die der egozentristischen Entartung. Viele Menschen sind nach einer über Jahrzehnte währenden Entwicklung dahin gehend geprägt worden, dass nur das, was sie direkt, im konkreten eigenen Bereich und Heute betrifft, von Interesse ist. Was darüber hinausgeht, gilt als uninteressant. Das mag ein gelungener Ausdruck individueller Fresssucht sein, ein Zeichen von gesellschaftlicher Weitsicht ist es nicht. 

Und der andere, wesentlich gravierendere Grund ist allerdings die Verselbständigung der Politik. Sie findet in einer von allen störenden gesellschaftlichen Partikeln des Alltags chemisch gesäuberten Atmosphäre statt, in der das Volk, in dessen Auftrag man eigentlich unterwegs ist, nur als präparierte Kulisse vorkommt.  Wenn das dann dennoch gleich einem Unfall tatsächlich zu den Mandatsträgern vordringt, wird es zumeist peinlich. Dann, so die Ferndiagnose der abgekapselten Politik, kann es sich nur um U-Boote der immer zahlreicher werdenden äußeren  Feinde oder um mit dem Irrsinn verbandelte Sonderlinge handeln. 

Die tiefe Überzeugung aller, sie handelten richtig, wenn sie nur der Form entsprächen, ist ein Symptom einer Zeit, in der Wesen und Inhalt immer mehr zu einem Arrangement verkommen sind, in dem das Dekors eine wesentlich größere Rolle spielt als der Kern. Der Italiener Alessandro Barrico hat das in einem lesenswerten Essay in der Zeitschrift La Republica beschrieben, über die Musik bis zum Fußball und zur Frikadelle, hat er die Oberflächlichkeit umrissen, mit der wir es epistemologisch zu tun haben. Die Tiefe und damit das Wesen ist längst passé und die Welt des Westens, der seinerseits zu seiner Blüte durch die Aufklärung gekommen ist, zerfleischt sich in einem Kampf um Schachtelaufschriften und ist nicht mehr in der Lage, sich über das zu streiten, auf das es wirklich ankommt.

Wie damit umgehen? Vielleicht am besten mit Shakespeare: 

„Wir wissen nicht einmal, wer wir sind,

Es kommt, was kommen muss,

Und das geschwind!“

Neben der erkenntnistheoretischen Eintrübung, die die Digitalisierung mit sich gebracht hat, kommt in Deutschland noch das bis heute wabernde Trauma der bösen Tat hinzu. Da ist guter Rat teuer, außer dem Hinweis an alle, die noch etwas Verstand und Zuversicht in sich tragen, zu appellieren, niemals dem Unrecht den Rücken zu kehren und auf sich selbst zu achten. Das ist, angesichts der gewohnten Vollmundigkeit aus chronischer Selbstüberschätzung, vielleicht nicht viel. Aber es kann viele Leben retten. Und das ist schon wieder der Mühe allemal wert.