Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Tröglitz

Sagen wir, vor zwanzig Jahren, als in Kinofilmen noch Kette geraucht wurde, als der Alkohol in Strömen floss und sexuelle Themen selbst im öffentlichen Diskurs die Regel waren, in dieser aus heutiger Sicht politisch anrüchigen Zeit, wäre eines allerdings nicht passiert: Dass man morgens das Radio einschaltet und eine schnoddrig anmutende Stimme im Nachrichtenteil davon erzählt, wie dreist es doch sei, dass der griechische Staatspräsident ausgerechnet jetzt nach Russland führe. Anscheinend wolle er mit seinem Land, das ja ganz schön marode sei, herum lavieren und Europa spalten. Und es würde ein deutscher Präsident des europäischen Parlaments zitiert, der Griechenland energisch davor warnt, sich zu sehr mit Russland zu arrangieren.

Allein diese Sequenzen hätten dazu geführt, dass sich ein Sturm der Entrüstung gebildet hätte gegen diese Rundfunkanstalt. Und das Wort, das die Runde gemacht hätte, wäre das der Volksverhetzung gewesen. Allein dieses Faktum hätte zu dem beschriebenen Schluss gereicht und die Tiraden, die einige Stunden später ein semi-legitimierter ukrainischer Präsident gegen die griechische Regierung ausgestoßen hat, die hätte vor zwanzig Jahren niemand mehr geglaubt. Aber so ist es, die Zeiten haben sich geändert und das Deutschland, das aufgrund eines großen Vertrauensvorschusses aller Beteiligten sich wieder vereinigen durfte, dieses Deutschland ist auf dem besten Wege, wieder in den Mief zurückzukehren, dem es wenige Jahrzehnte vorher gerade entstiegen war.

Es sind weder Parteiorgane noch im Untergrund erscheinende Subversionsblätter, die hier und heute ihr Unwesen treiben, sondern die öffentlich-rechtliche Sparte einer offiziell politisch korrekten und sich moralisch überlegen fühlenden Nomenklatura des Staates. Das, was dort an emotionaler Aufladung geschieht, ist dem verfassungsmäßigen Anliegen dieses Gemeinwesens diametral entgegengesetzt. Da sind die faulen und dreisten Griechen, die gefährlichen Russen, die überall gefährlich sind, sobald sie außerhalb Russlands leben, die schmuddeligen Bulgaren, die windigen Serben, die lausigen Afrikaner, die über das Meer kommen und uns gleich mit überschwemmen. Und trotzdem: Es ist keine unreflektierte Xenophobie, die uns in großem Maße trifft, sondern eine wohl kalkulierte: Überall, wo die imperialen Interessen der von Deutschland maßgeblich mitgesteuerten Politik Europas auf ihre Grenzen stößt, überall dort trifft das Gute auf barbarische, hinterhältige Horden. Diese sind momentan süd- oder osteuropäischer Provenienz, aber das kann sich ändern.

Der Anspruch und Anschein, in einem Land zu leben, in dem es vorbildlich zugeht, erfordert auch eine zumindest im Pflichtparkur ausführbare Figur, die eine glaubhafte Vision enthält. Und diese ist immer wieder schnell gefunden in einzelnen Übergriffen auf Minderheiten, die zur Regel gehören in diesem Land, die aber noch weit genug vom Pogrom sind, an dem das Land dann doch schaden nähme, wie die Geschichte gelehrt hat. Aber anhand dieser Übergriffe, die mal im Totschlagen eines Individuums und mal im Abfackeln eines Gebäudes bestehen, kann sich die ansonsten die Hassszenarien gegen andere Völker und Regierungen Europas inszenierende Nomenklatura sehr gut verstecken. Zumindest glaubt sie das. Da wird dann von Humanität und Menschlichkeit, von Solidarität und Brüderlichkeit geredet, während im anderen Kanal der faule und korrupte Grieche medial gemobbt wird.

So leid es tun mag, die Wahrheit muss ab und zu raus. Sonst verkümmert sie in diesem dunklen, luft- und lustlosen Raum, der so viel Schlechtes hervorbringt. Nicht nur die Rechte, die in den hehren Kodizes der Menschheit verbrieft sind, sind unteilbar. Auch das Schlechte, der Rassismus, der Fremdenhass und die Ignoranz sind es. Wer die propagandistische Mobilmachung gegen andere Völker in Europa gutheißt, der bekommt seine Rendite in Tröglitz ausgezahlt.

Ein Mythos des Jazz

Die biographischen Daten muten an wie Satans Regie: Geburt in Philadelphia unter ärmlichen Verhältnissen. Umzug nach Baltimore, als Kind bereits vergewaltigt, danach als Botenmädchen in einem Bordell, in dem die Mutter anschaffte. Danach ebendort selbst Prostituierte. Kaum Schule, nie Unterricht. Das Erhebendste war die Musik aus dem Radio. Louis Armstrong. Ella Fitzgerald. Das Mädchen begann, das, was es hörte, nachzusingen. Irgendwie anders, es sang wie die Instrumente, die die Musik spielten. Dieses Kind, das aus dem dunklen Winkel des Lebens kam, wurde zu einer Sternstunde des Jazz.

Billie Holiday, die am 7. April einhundert Jahre alt geworden wäre, verstarb, weltberühmt, arm, vom Heroin zerstört, bereits in ihrem 44sten Jahr, 1959. Da hatte sie bereits die Welt erschüttert mit ihrer einzigartigen Weise, den Jazz zu singen. Noch während ihres Lebens wurde Billie Holiday zu einem Mythos. Geschaffen hat sie ihn selbst. So ist es kein Wunder, dass heute, zu ihrem 100. Geburtstag, wieder einmal eine Kollektion an Titeln auf den Markt gebracht wird.

Billie Holiday. The Centennial Collection, heißt die CD, auf der insgesamt 20 Titel zu hören sind, die von den Produzenten als die wesentlichen bezeichnet werden. Natürlich lässt sich trefflich über die Auswahl streiten, aber letztendlich sollte bei Billie Holiday die Abwegigkeit eines Katecheten-Streits ins Auge stechen. Von What A Little Moonlight Can Do, These Foolish Things, Summertime, Billie´s Blues über I Must Have That Man, Mean To Me und I Can´t Get Started bis hin zu God Bless The Child, Strange Fruit und Lover Man sind durchweg Stücke enthalten, die die Großartigkeit dieser Sängerin unterstreichen.

Die Fähigkeit Billie Holidays, aus den Ungeheuerlichkeiten des täglichen Lebens etwas ganz Normales werden zu lassen und das ganz Normale als etwas Ungeheuerliches anzuklagen, verschaffte ihr eine Ausdruckskraft, die nicht nur bis heute, beim Anhören ihrer Werke, wirkt, sondern die bis heute auch nicht erreicht wurde. Natürlich gab es große Stimmen nach Billie Holiday. Aber bis heute ist es keiner gelungen, das existenziell Fragile, das bestialisch Humane stimmlich so zivilisiert auszudrücken wie Billie Holiday. Die Art und Weise, wie sie Strange Fruit singt, bringt bis heute den Atem zum Stocken, eben weil sie das Meucheln der Schwarzen im Süden der USA so normal klingen lässt. Die Leichen, die an den Pappeln der Alleen hängen, werden dokumentiert wie in einem forstwirtschaftlichen Bericht. Nur Holidays Intonation verrät, was dahinter steckt und sie verursacht dadurch, dass bis heute so mancher das Stück nicht zu Ende hören kann.

The Centennial ist eine CD, die einen Überblick über ein grandioses Werk verschafft. Wer sie hört, ist für eine Weile in einer anderen Welt. In einer Welt, in die nur, wirklich nur Billie Holiday führen kann.

Billie Holiday zum Hundertsten!

Cassandra Wilson. Coming Forth By Day

Exakt zum hundertsten Geburtstag von Billie Holiday erscheint Cassandra Wilsons CD Coming Forth by Day. Natürlich ist das kein Zufall, sondern der Beleg für das Selbstbewusstsein Cassandra Wilsons. Aufgrund ihrer Vita wie ihrer Stimme ist Billie Holiday Legende. Sie, die bereits als Kind in einem Bordell in Baltimore aufwuchs und alles erlebt hatte, was des Menschen Gefühls- und Chakterspektrum bietet, kam nach Harlem und wurde zu einem Gründungsmythos des zeitgenössischen amerikanischen Jazz. Es existierten noch andere, wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan, aber keine, bis heute keine Sängerin des Jazz vermochte ihre Stimme so einzusetzen wie Billie Holiday. Lady Day, wie der Saxophonist und tragische Liebhaber Lester Young sie nannte, instrumentierte ihre Stimme, sie setzte sie ein wie ein Soloinstrument und revolutionierte den Gesang. Es gelang nur ihr. Aber auch sie erlag bereits im Alter von 44 Jahren der Ökonomie des damaligen Jazz und dem Heroin.

Cassandra Wilson, diejenige, die im Jazz unserer Tage schon früh als großes Talent galt und großartige Alben aufgenommen hat, ist mit der besagten Billie Holiday nicht zu vergleichen. Sie überzeugte durch ihre sonore, stets entspannte Ausdrucksfähigkeit, die sich an alles heranwagen konnte, was an anspruchsvollen Standards als große Herausforderung galt. Cassandra Wilson, die Designerin, die am Mississippi aufwuchs, hat ihre Wurzeln nicht im urbanen Jazz, sondern im ruralen Blues. Das kommt immer durch und das ist ist ihr großes Asset. Sie führt den Jazz emotional immer wieder zurück zu seinen Wurzeln und bringt ihn so zur Ruhe, während Billie Holiday ihn in die Metropole brachte und ihm dort nochmal auf die Sprünge half.

Vielleicht ist Coming Forth by Day der Versuch Cassandra Wilsons, den Jazz der Billie Holiday nach Hause zu bringen, in die Arme des Blues, der ihn besänftigt und zur Ruhe bringt. Die Art und Weise, wie sie die eingespielten Stücke interpretiert, spricht dafür. Billie´s Blues, schon vom Titel her ein Indiz dafür, wird so arrangiert, dass die Unrast der Metropole im Hintergrund zu spüren ist, während Cassandra Wilsons Stimme, völlig unaufgeregt, die Ursache des Blues darlegt und das Ganze damit befriedet. Good Morning Heartache, ebenfalls ein Klassiker aus Holidays Repertoire, verliert alles, was den urbanen Rhythmus bei Holiday ausmachte, ohne dass es langsamer wirkt. Die Geschickte Kombination von Wilsons Stimme und einer Bassklarinette erzeugen jedoch eine andere Atmosphäre als im Original.

Das gefährlichste Unterfangen ist jedoch die Interpretation von Strange Fruit. Wenn es ein Song Billie Holiday geben sollte, der die Phase der menschliche Existenz überdauern sollte, dann ist es dieser. Der Bericht über das Meucheln der Schwarzen im Süden der USA erzeugt im Original ein grausiges Schauern und hinterlässt tiefe Trauer. Cassandra Wilson hat das Zeug zu dieser Interpretation. Und ihrer Stimme gelingt eine faszinierende Erzählung, aber sie war dramatisch schlecht beraten, mit einer auf Drama gezielten Filmorchestrierung zu arbeiten. Dadurch entsteht eine Trivialität, die das Stück zerstört.

Insgesamt ist Coming Forth by Day die Hommage einer großen Sängerin an eine bis heute nicht erreichte Stimme des Jazz. Cassandra Wilson hat eine großartige Stimme, die Idee, den Jazz nach Hause in den Blues zu holen, ist in Bezug auf Billie Holiday genial, die Wahl so mancher Orchestrierung und der Zugriff auf Streicher in dem einen oder anderen Fall berauben die Stücke ihrer möglichen Authentizität.