Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Es wird nicht besser

Es wird nicht besser. Es bleibt martialisch. Und manch groteske Figur taucht sogar wieder auf. Der bundesrepublikanische Nachrichtenhimmel hat, nach dem ekstatischen Intermezzo um den Todescrash der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen, sich wieder in den alten Modus justiert. Auf der einen Seite weiterhin wilde Geschichten über die Person Wladimir Putin, dem Satan aus dem dunklen Moskau, und auf der anderen Seite die Glorifizierung hiesiger Lebensformen, von der noch viele lernen müssen. Notfalls mit Gewalt, doch dieser Satz wird noch nicht so offen ausgesprochen, aber er wird kommen, darauf kann gewettet werden.

Nehmen wir die Geschichte mit der Befreiung vom Faschismus. Zu Recht werden nun in Auschwitz und Buchenwald die Orte besucht, die für die Systematisierung der Menschenverachtung und Menschenzerstörung stehen. Die Organisatoren dieser Feierstunden haben es sich nicht nehmen lassen, ihre neue propagandistische Ausrichtung zum Besten zu geben und damit vor der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren, dass sie aus der Geschichte gar nichts gelernt haben. Stellvertretend hierfür die Süddeutsche Zeitung, die verdeutlichte, wie das Feuilleton an sich den Geist vernebelt. Putin, so die Diktion, habe sich geweigert, an den Feierlichkeiten in Auschwitz teilzunehmen. Um es genau zu sagen: Die Rote Armee hat Auschwitz befreit. Rechtsnachfolger der damaligen Sowjetunion ist das heutige Russland. Das polnische Veranstaltungskomitee hat keine Einladung an Russland ausgesprochen, dafür aber den Präsidenten der Ukraine, Poroschenko, den Oligarchen, persönlich eingeladen. Es ist zum Schämen! Die kleinen Trolle des Münchner Blattes sollten sich zudem fragen, ob es großartiger russischer Propaganda noch bedarf, um das russische Volk aufzubringen. Dieser Unsinn muss nur kommuniziert werden, und das Ressentiment auf der anderen Seite wächst und gedeiht.

Und natürlich, parallel dazu, wieder einmal ein mediales Hoch auf die Liberalität und political correctness. In einer ARD-Talkrunde ging es um Menschen wie Conchita Wurst und noch einige andere nicht eindeutig sexuell definierte Zeitgenossen. Das ist schön und gut und gehört zum demokratischen Selbstverständnis im 21. Jahrhundert. Aber dieses Thema zu nehmen, um die Steuerverbrecherin und Rechtsstaatsfeindin Alice Schwarzer wieder gesellschafts- und medienfähig zu machen, zeugt von der Chuzpe, mit der sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten über alles hinwegsetzen, was in nationalen Binnendiskurs eigentlich schon gelaufen ist. Die Fortsetzung lässt sich bereits absehen. Es ist eine Frage der Zeit, bis der ehemalige Bayernmanager wieder als Mahner für innere Werte präsentiert werden wird.

Und, in einem Atemzug mit der medialen, abermaligen Mobilmachung, rauscht Frau von der Leyen durch das Baltikum und deklariert die Bündnistreue gegen das aggressive Russland. Zwar wird nun täglich über eine eigene europäische Armee räsoniert, aber der Trumpf, auf den die Kanzlerin wie ihre Waffenministerin spekulieren, liegt in der Drohnentechnologie. Das wäre eine saubere Lösung, schöne, medial aufbereitete Bilder über präzise Treffer ohne eigenes Risiko. Zivile Kollateralschäden auf Feindesseite und keine Zinksärge mit dem Ziel Bundesrepublik. Man wird ja noch träumen dürfen. 

Was nicht thematisiert wird, sind die handfesten Ziele, die die Politik selbst verfolgt und die die mediale Kommunikation bezweckt. Ob es die allgemeine Diffusion ist, die ohne Ziele auskommt und nur der ethischen Überlegenheit folgt, oder ob der Weizen und das Öl, von dem Hitler so gerne schwadroniert hat, nun noch als Bilder viel zu heiß sind? Beides wird stimmen, denn Eindeutigkeit ist das letzte, was in diesen Tagen plagt. Weder auf Seiten der Akteure noch auf Seiten einer Öffentlichkeit, die sich so kritisch wähnte und so naiv endete. 

Leicht erzählte Systemtheorie

J.J. Voskuil, Das Büro. Direktor Beerta

Der Niederländer J.J. Voskuil, 1926 – 2008, seinerseits über dreißig Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Institut zur Erforschung der Volkskunde beschäftigt, hatte, nachdem einige literarische Versuche nicht sonderlich großen Erfolg gebracht hatten, nach Beendigung seines Wissenschaftslebens die Idee, sein Berufsleben in Form eines Romans zu verarbeiten. Was daraus entstand war ein sieben Bände umfassender Monumentalroman von mehr als 5000 Seiten unter dem Titel Das Büro. Er verfasste das Werk im Zeitraum von 1996 bis 2000. In den Niederlanden erreichte das Werk in kurzer Zeit Kultstatus. In Deutschland liegen bereits die ersten beiden Bände in deutscher Übersetzung vor.

Schon der erste Band mit dem Namen Das Büro. Direktor Beerta, ist dazu geeignet, das Rätsel um ein Phänomen zu lösen, dessen Wirkung zunächst absurd erscheint. Wie, so die vielerorts gestellte Frage, kann es sein, dass ein Roman, der sich mit dem profanen Alltag eines Wissenschaftsbüros mit dem eher trivialen Aktionskreis niederländischer Volkskunde beschäftigt, eine derartige Resonanz auslösen. Die Lektüre gestaltet sich zunächst eher genauso profan wie die Anziehungskraft der Ausrichtung des Büros. Ein eher altbacken daher kommender, konservativer Direktor des Büros beginnt, eine Institution aufzubauen. Da ist sehr viel Provisorisches und Profanes, die Figuren der ersten Stunde werden vorgestellt, unter ihnen auch Marten Koning, das alter ego des Autors Voskuil. Verschiedene Wissenschaftler werden vorgestellt und so langsam etablieren sich Arbeitsbeziehungen und es konturiert sich ein erstes Soziogramm der Beziehungen untereinander. 

Die Geschichte beginnt im Jahr 1957 und die stetige Vergrößerung und Erweiterung des Büros schleicht sich im ersten Band durch die Jahre bis 1965. Ohne an analytische Reflektoren appellieren zu müssen, gelingt Voskuil eine sehr präzise Nachzeichnung systemischer Theorie am Beispiel des Büros. Der systemtheoretische Grundsatz, dass der erste und dominante Zweck von Systemen darin besteht, sich selbst zu erhalten, wird deutlich. Marten Koning, der nicht mit Illusionen in diese Anstellung gegangen ist, wird dennoch durch diese Erkenntnis mächtig irritiert und hat zu lernen, dass die wissenschaftliche Ausrichtung des Büros allenfalls als sekundärer Zweck zu deuten ist.

Eine weitere, mit Fortschreiten der Lektüre sich immer mehr in den Vordergrund drängende Erkenntnis ist die allmähliche Veränderung von Gesellschaft und Arbeit durch technische Innovation wie einen schleichend vonstatten gehenden Wertewandel. Allein die Einführung von Tonbandgeräten, natürlich durch eine Frau, die die Arbeit bei der volkskundlichen Recherche revolutionieren, mutet aus heutiger Sicht an wie eine Blaupause menschlichen Verhaltens gegenüber technisch-revolutionären Prozessen. Die Reaktion variiert von technologisch verklärender Idealisierung bis hin zu inquisitorischer Verteufelung. Hinzu kommt ein Einblick in die in Europa nicht unbedingt stereotype Entwicklung der Niederlande: Einem strammen, aus dem Protestantismus generierten Konservatismus stellt sich eine die Lebensformen fokussierende Liberalität entgegen, ohne dass daraus unüberbrückbare gesellschaftliche Verwerfungen resultierten. 

Die große Anziehungskraft, die das Buch bei selbst vorhandener Anfangsskepsis entwickelt, resultiert aus der genauen Beobachtung und dem Verzicht auf eine zu große Verpflichtung auf Handlungsdetails. Immer, wenn der Eindruck entsteht, es ginge zu sehr in die mikroskopische Begutachtung, setzt sich die Handlung auf einem anderen, eher profan wirkenden Feld fort. Das große Pfund, auf das der Autor Voskuil setzen konnte, war die kollektive Erfahrung der Leserschaft in Bezug auf das Büro, seine Arbeitsabläufe und seine sozialen Beziehungen. Jede bürokratische Absurdität, jede menschliche Schrulle und jeder noch so irrsinnige Widerstand gegen Innovation lösen bei der Leserschaft Deja vu-Erlebnisse aus, die die eigene Erfahrung reflektieren. Deshalb, so die Prognose, wird die Wertschätzung dieses Werkes stetig zunehmen. Zu Recht. 

Madame Lagarde und das Eigentum

Die veränderten Eigentumsformen vor allem in der Industrie haben die Wirtschaft mehr revolutioniert als zunächst angenommen. Der Übergang des kleinen Privatbetriebs, der von den Eigentümern geführt wurde, hin zu Gesellschaften oder anderen Eigentumsformen, in denen angestellte Manager die täglichen Entscheidungen treffen, hat zu einem erheblichen Kulturwandel geführt. Die Loyalität gegenüber dem eigenen Unternehmen, die zwangsläufig aus familiärem Privatbesitz resultiert, war dahin. Und die damit verbundene Reflexion des eigenen Verhaltens hinsichtlich des Ansehens des Unternehmens ebenso. Es war natürlich ein schleichender Prozess, sonst wäre er, im negativen Sinne, nicht so erfolgreich gewesen. Kein Eigentümer hätte es zugelassen, dass sich von ihm beauftragte Führungskräfte so aufführten, wie sie das oft tun, hätte er ein direktes Monitoring über die Außenwirkung besessen.

Große Organisationen wie die öffentliche Verwaltung und Verbände kennen das Phänomen weitaus länger. Da gab es nie die direkte Identifikation der Akteure mit der eigenen Organisation wie im Falle des Privatbesitzes. Es sei denn, der ideelle Wert der jeweiligen Funktion ersetzte die familiäre Identifikation. Die Hochachtung vor dem öffentlichen Amt und die notwendige Demut des Amtsträgers wurden bereits von Seneca unvergessen reflektiert. Ihm gelang es, die Notwendigkeit der Loyalität gegenüber der Organisation von Res Publica sehr anschaulich zu begründen. Der Lohn des Amtes, schrieb er in Bezug auf manche Stimmen, die nach höherer Vergütung riefen, der Lohn des Amtes ist das Amt selbst. Das ist wahre, gesellschaftlich verantwortliche Tiefe. Aber es ist auch lange her.

Nicht, dass hier der allgemeine Verfall der Sitten beklagt werden sollte. Das ginge zu weit. Vieles funktioniert, in großen Unternehmen wie großen Organisationen. Aber manches läuft auch schief, weil sich manche Akteure in eine Richtung entwickeln, die, wird ihrem Treiben kein Einhalt geboten, durchaus in der Lage sind, die Existenz ihrer Organisation zu gefährden. Auf sie trifft das Bonmot zu, das unter Beratern gepflegt wird: Sie führen sich auf, als sei es ihr eigener Laden. Aber im eigenen Laden führt sich niemand so auf. Das trifft es sehr genau.

Christine Lagarde, die gegenwärtige Präsidentin des Internationalen Währungsfonds (IWF), seinerseits ebenso ein Derivat der Vereinten Nationen wie die Weltbank, führte sich gestern in einer Pressekonferenz auf, wie in dem Zitat beschrieben. Befragt, ob die griechische Regierung einen IWF-Kredit über 450 Millionen Euro getilgt habe, antwortete sie: I´ve got my money back. Sie spielte dabei auf ein Zitat Margaret Thatchers an, die mit dem Satz I want my money back die EU auf die Anklagebank setzen wollte. Mit der Bemerkung ironisierte Frau Lagarde die Vertragsloyalität der griechischen Regierung und offenbarte ihre Enttäuschung darüber, dass es keinen Anlass zur Skandalisierung gab.

Es war eine kleine Episode am Rande, aber sie offenbarte etwas über das Ego derer, die zur Zeit in leitenden Funktionen wichtiger Organisationen sind. Das Geld, über das Frau Lagarde so nonchalant flapste, sind international eingesammelte Steuermittel, mit der sie treuhänderisch umzugehen hat. Das scheint ihr nicht bewusst zu sein, was nicht groß wundert, weil sich der IWF im Laufe der Jahrzehnte zu einer Propagandaabteilung marktliberalistischer Ansätze mit eigenen Projektmitteln gemausert hat. Die Rezepte sind ur-alt, sie laufen immer hinaus auf die Bezahlung gesellschaftlicher Allgemeinkosten durch die Bevölkerung und die Privatisierung öffentlicher Funktionen, sobald eine Rentabilität in sich ist. Oder einfach ausgedrückt: Es ist der Kampf von Reich gegen Arm, den der IWF zugunsten der Begünstigten organisiert. Wer das macht, verliert schon einmal die Proportionen: Schließen Sie die Augen, Frau Lagarde! Was Sie dann sehen, das gehört Ihnen!