Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Zentraleuropa hat den Verstand verloren

Die Nächte sind nicht still und auch nicht heilig. Auch in der nächsten Woche nicht. In Europa geht wieder ein Gespenst um. Aber es schleicht nicht unbemerkt durch die Landschaft, sondern es poltert recht laut bei seinen Verrichtungen. Es ist das Gespenst des Krieges. Ja, für alle, die seit Jahren sediert sind durch die Droge, mit der nicht nur die ewige Jugend, sondern auch der ewige Frieden und natürlich die ewige Freiheit verabreicht wird: Die Lage ist ernst und wird immer ernster, denn mittlerweile basteln Regierungen, die über den ganzen staatlichen Apparat verfügen, an einer Aggression gegen Russland. Neben den kürzlich im Kontext zum Syrienkonflikt erlebten Vorkommnissen zwischen der Türkei und Russland, sind es immer wieder Provokationen der Ukraine und nun eine Art Generalmobilmachung in Polen. Polen tritt dabei an, das düsterste Kapitel eines europäischen Roll Backs in die Finsternis von Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiislamismus zu schreiben.

Nun könnte der Blick aus Zentraleuropa gelassen bleiben, wenn es sich bei diesen Konflikten tatsächlich um bilaterale Angelegenheiten handelte. Denn dann wären die Konfliktkurse insofern begrenzt, als dass Russland sie sehr schnell zu seinen Gunsten lösen könnte. Das Problem aus hiesiger Sicht entsteht dadurch, dass die Mitgliedschaft in der NATO alle Konflikte bei militärischer Eskalation zu einem Bündnisfall machen würde, in dem die Bundesrepublik dann ebenso präsent ist wie Frankreich und Großbritannien. Das birgt die Gefahr eines sich sehr schnell verbreitenden Krieges.

Wer immer noch zu Gelassenheit mahnt, hat nicht begriffen, was derzeit bereits passiert. Der Abschuss eines russischen Kampfbombers, der 17 Sekunden über türkischen Territorium war, gehörte zu dem Kalkül des immer wilder werdenden Despoten vom Bosporus, um Resteuropa in seinem Nötigungsspiel in Sachen Flüchtlinge und EU-Mitgliedschaft an die Kandare zu nehmen, was nachweislich gelang. Die EU betreibt unter deutscher Federführung Appeasement und belohnt den Konfrontationskurs der Türkei.

In der Ukraine, die kürzlich erst einen 40-Milliarden-Kreditpaket von EU und IMF erhielt, weigert sich momentan, russische Gasrechnungen für 2 Milliarden Euro für bereits erhaltene Lieferungen zu begleichen. Die dortige Regierung, bei der es sich um renommierte Vertreter jener Oligarchen handelt, denen in Russland das Handwerk gelegt wurde, unternimmt alles, um den bewaffneten Konflikt im Donez-Becken am Köcheln zu halten.

Und in Polen putscht die neue nationalistische Regierung momentan gegen das gesamte Volk. Das Land ist tief gespalten, der Casino-Kapitalismus hat in den Städten eine neue Klasse von Reichen geschaffen, die nicht wissen, wohin mit dem Geld, gleichzeitig fristet dort ein mittelloses Proletariat, das im Strukturwandel ignoriert wurde, eine soziale wie eine Daseinskrise. Und auf dem Land lebt ein Polen, das von allem nichts mitbekommen hat außer der Wahrnehmung, das es keine Rolle mehr spielt. Da sind viele Ängste unterwegs, die zu einer neuen Variante des europäischen Fundamentalismus geführt haben. Seit ihrer Regierungsübernahme besetzt die nationalistische Rechte zielstrebig alle strategischen Positionen in Staat, Justiz, Medien und im Militär, um für ihren Feldzug gegen die Demokratie wie den erklärten Erzfeind Russland gerüstet zu sein. Lech Walesa, die Ikone der polnischen Gewerkschaftsbewegung, warnt vor einem heißen Bürgerkrieg. Fast ist dieser zu wünschen, um Schlimmeres zu verhindern.

NATO bedeutet zunehmend Kriegsgefahr. Die Großmacht USA kann ihre Aggression gegen Russland nicht verbergen und die Vasallen, die aufgenommen wurden, legen pausenlos Lunte. Und in Zentraleuropa, namentlich in Deutschland, Frankreich und etwas westlicher, in Großbritannien, hat man anscheinend den Verstand verloren, sonst weilte man nicht mehr in diesem Bündnis.

Ein fataler Dualismus

Der Verweis, dass in deutschen Landen besonders auf Organisation und Konzeption geachtet wird, führt längst zu keiner Überraschung mehr. Was das Interesse an der Frage steigern kann ist die Frage, wie sich die Fokussierung auf Organisation und Konzept auf die allgemeine gesellschaftliche Praxis auswirkt. Ja, da existiert auch noch eine weitere Komponente, the German Angst, die zu einer Form des Legalismus führt, die der russische Revolutionär Lenin einmal mit den Worten umschrieb, wenn sie denn, die Deutschen, eine Revolution machten und dabei aus strategischen Gründen den Bahnhof einnehmen wollten, dann kauften sie vorher ordnungsgemäß die Bahnsteigkarten. Der Hang zum Konzeptionellen, durchaus keine irrationale Marotte, sondern in bestimmtem Kontext auch eine ungeheure Stärke, weist aber auch Paralysierendes auf.

In jeder Diskussion, die sich um notwendige gesellschaftliche Veränderungen dreht, ob im öffentlichen Raum, im privaten Gespräch wie hier auf dem Blog, irgendwann taucht immer die Frage auf, was der Einzelne denn schon bewirken könne. Und das immer in dem Kontext einer – vielleicht auch zu recht – negativen Einschätzung hinsichtlich der Veränderungsfähigkeit der großen Strukturen. Bei der Verneinung beider Möglichkeiten, die zumeist am Ende steht, bleibt ein dumpfer Defätismus, der allerdings nie die Konsequenz des Suizids nach sich zieht, sondern immer in einer Form des kleinbürgerlichen Eskapismus überlebt. Da sind es dann die exklusiven Hobbys, die die eigene Inaktivität kompensieren.

Es geht nicht darum, die Beobachteten zu verurteilen, es geht darum herauszufinden, wo die tödliche Sackgasse ihren Ursprung hat. Vieles spricht dafür, dass sich in diesem Kulturkreis ein Dualismus von Geist und Seele, von Spiritualismus und Sensualismus, von spontaner Aktion und Programm eingenistet hat, der in dieser exklusiven Dichotomie anderen Völkern fremd ist. Da muss erst eine Philosophie entwickelt werden, die jede, aber auch jede Frage beantwortet, bevor die kollektive Methodenpolizei sie freigibt für den allgemeinen Verkehr im Diskurs. Überväter wie Fichte, Kant, Schelling und Hegel, die immer im Dialog mit dem Göttlichen selbst standen, beflügelten die Kollektivsymbolik bis zum heutigen Tag. Da blieb kein Platz für die Kleinen, die morgens von der Pritsche rutschen, um einen profanen Tag hinter sich zu bringen, an dessen Ende ein Auskommen steht, das für ein Stückchen Fleisch und eine Flasche Bier reicht. Nein, in den Sphären der göttlichen Logik herrschen andere Gesetze, vor allem die, die das Leben, aus dem sich doch alle Gedanken speisen, ausschließt.

Und so ist sie geblieben, die Phantasie von der eigenen Bedeutungslosigkeit. Die Vorstellung, dass etwas Großes getan werden müsse, das sich für die Geschichtsbücher eignet und alles andere nicht zählt. In der Bilanz, ganz unten, stellt sich jedoch heraus, dass gerade dieses Diktum die Welt in ihrer immer wieder reproduzierten Ungerechtigkeit stabilisiert. Die Trennung von Großem und Kleinem ist die Zementierung jeder Herrschaft, es ist ein Unterdrückungstheorem schlechthin, dem selbst viele kritische Geister anhängen. Nichts gegen die großen Theorien! Aber sie taugen nichts, wenn sie sich nicht dem widmen, was zählt: der menschlichen Existenz in ihrer wirklichen Form. In jenen sechzehn oder mehr Stunden am Tag, in denen jedes Individuum auf die Welt einwirkt, in seiner Praxis, die mehr verändert als der Diskurs im Elfenbeinturm. Faktisch und real. Gar nicht klein, sondern ganz groß. Es muss nur begriffen werden.

Europa schaut nicht in den Spiegel!

Die Geschehnisse lassen sich nicht bremsen, ein politisch gewichtiges Ereignis wird bereits durch das nächste abgelöst. Zeit für eine Rast existiert nicht und die notwendige Reflexion über Ereignisse bleibt wegen des Tempos aus. So ist in vielem der Lauf der Dinge, es sei denn, man hätte einen gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit der Reflexion. So ist es aber nicht. Und so ist es normal, dass die Chance, aus den Prozessen, die uns beherrschen auch noch zu lernen, vergeben wird. Und so geht das Leben weiter, von Verhängnis zu Verhängnis, von Blackout zu Blackout, von Fehleinschätzung zu Fehleinschätzung. Herrschen Defizite im Innern, so ist der Blick auf das Außen gerichtet, das von einem schärferen Blick wahrgenommen wird als das Innere.

So wird deutlich, warum die Verhältnisse von Afghanistan bis in den Sudan, vom Jemen bis nach Syrien und von Mali bis Nigeria, von der Ukraine bis zum Kosovo immer wieder die Gemüter der Gazetten erregen, aber die Mordanschläge im eigenen Land irgendwie bagatellisiert werden und der Zustand im Bündniseuropa so langsam registriert werden. Dabei wäre es, zur eigenen Positionierung, von großem Nutzen, den Zustand Europas zu analysieren, bevor dasselbe auf hohem Thron zu Gericht über die Restwelt sitzt.

Im Norden, in Skandinavien, wo die Welt in normalen Zeiten in Ordnung zu sein scheint, ist die wirtschaftliche wie politische Lage im Großen und Ganzen stabil, aber wegen konkreter Anschläge auf ihre demokratischen Traditionen mental destabilisiert, existieren Anzeichen einer Abschottungspolitik. In den Niederlanden, einst Blaupause für eine multi-kulturelle Gesellschaftsorganisation, haben sich die Fronten verhärtet und ist die Sanftheit aus dem Alltag gewichen. In Belgien, dem Land ohne Regierung, wird deutlich, wie lange dort bereits eine nicht staatliche, im Schattendasein existierende Parallelgesellschaft auf den Countdown mit der formalen Demokratie wartet. In Frankreich kämpft eine alte Kolonialmacht mit der Moderne einen Kampf, der durch großen Strukturkonservatismus ebenso geprägt ist wie durch die Nach-Generationen des Ancien Regime. In Spanien, Portugal und in Griechenland versuchen die Finanzmagnaten des modernisierten Nordens die Gemeinwesen zu auktionieren und es formen sich Gegenbewegungen, die politisch noch eine große Rolle spielen werden.

Italien ist vielleicht der Staat, der, wäre er nicht traditionell mit einem Krisenmanagement behaftet, die Rolle des Moderators spielen könnte, nämlich durch den eigenen Pragmatismus und die fehlenden Mittel, um von der Schwäche der anderen profitieren zu können. Mehr als 2000 Jahre der Erfahrung von heikler politischer Gestaltung liegen dort quasi auf der Straße. Rational wäre dieses Management nicht, aber es ließe sich mit ihm leben, außer im Zentrum, wo die Dogmatiker derweilen ihr Unwesen treiben.

Im Osten hingegen, vom Süden bis in den hohen Norden, musste als Eintrittspreis der Offenbarungseid geleistet und danach die harte Schule der liberalen Wirtschaftstheorie durchlaufen werden. Sie haben ihren Preis bezahlt, sie haben vieles verloren von dem Wenigen, das lebenswert war vermutlich sogar alles. Nun, nach der Radikalkur für ihr Gemeinwesen und dem Verlust letzter Sicherheiten, sollen sie sich Experimenten aussetzen, die im fetten, butterhaltigen Norden bereits für Aufsehen sorgen. Dass sich dort der Widerstand regt und dass dieser recht spröde und provinziell vor der Tür erscheint, ist alles andere als überraschend.

Angesichts der sehr spärlich beschriebenen Zustände in den einzelnen europäischen Staaten wäre es in hohem Maße verdienstvoll, sich dieser Probleme anzunehmen, bevor der Blick in der großen Welt herumschweift und Lösungsmodelle entworfen werden, die allenfalls aus dem Offizierscasino stammen könnten.