Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Es ist Zeit für Bilanzen

Es ist die Zeit für Bilanzen. Oder das, was als Bilanz bezeichnet wird. Meistens ist das, was als Bilanz präsentiert wird, nichts anderes als eine unkritische Chronologie. Da wird ein Ereignis nach dem anderen aneinandergereiht und dem Publikum mit einem phänomenologischen Seufzer übergeben. Es wäre auch sehr viel verlangt, vor allem von jenen, die das ganze Jahr ohne eigenen Widerstand aktiv an der Mystifikation arbeiten. Das, was sie als Nachrichten aufbereiten, verdient in vielen Fällen den Namen nicht. Es handelt sich um Manipulation der einfachsten Machart, oft zu einem Zweck, der den Produzentinnen und Produzenten der falschen Nachricht gar über den Horizont geht. Wie sagen noch die westfälischen Bauern? Alle Menschen leben unter einem Himmel, doch die Horizonte sind verschieden!

Und nun sollen diese Protagonisten eines schlechten Traums allen Ernstes das Jahresgeschehen im Land und auf der Welt bilanzieren! Und auch hier hilft ein wunderbares Zitat. Es stammt von Marcel Reich-Ranicki und bezieht sich auf die Provinz. Provinz, so Reich-Ranicki, beginnt dort, wo kein Maßstab existiert. Das ist regelrecht weise und lädt zum Deklinieren vieler Verhältnisse ein. Doch allein angewendet auf die Nachrichten aus den großen Häusern dieses Landes ist damit bereits ein wertvoller Schlüssel vorhanden. Denn dort existiert kein Maß, weder in Bezug auf die reale Einschätzung der eigenen Position im großen Weltgefüge noch in Bezug auf die Relativität der Kräfte. Da herrschen nur die eigene Vorstellung und eine Selbsteinschätzung, die hybride Züge trägt.

Die Welt ist ein komplexes Gebilde. Auf dieser Welt existieren unterschiedliche Kulturen und sehr spezifische politische Modelle, die aus einer historischen Entwicklung hervorgingen, die allesamt immer wieder geprägt waren durch Konflikte, Kriege und Vernichtung. Es wäre hilfreich, in den Annalen der globalen Geschichte etwas zu blättern, um bestimmte Muster zu identifizieren, die dazu beitrugen, die Menschheit als kollektive Weltbevölkerung zivilisatorisch weiter zu bringen. Sich diesen Mustern zu widmen würde bedeuten, eine Programmatik für das eigene Verhalten zu formulieren, die die positiven Grundzüge dieser Muster trägt. Anders herum täte es ebenso gut, die verhängnisvollen, destruktiven Potenziale der Vergangenheit zu betrachten, um zu einer Auffassung darüber zu kommen, was nicht geschehen und vermieden werden sollte.

Selbst bei unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen kollektiven Wahrheiten käme bei einer solchen Rückschau heraus, dass es nie zu einem guten Ende führt, an Bildern über andere Mächte zu arbeiten, die diese in einen negativen emotionalen Kontext stellen, die ihnen Adjektive verleihen, die emotionalisieren und ihnen Interessen zu unterstellen, die eher den eigenen als denen der Beschriebenen ähneln. Kurz, es zahlt sich nicht aus im Weltgeschehen, an Feindbildern zu arbeiten. Ebenso wenig hilfreich ist es, das eigene Weltbild den Realitäten anderen, schwächeren Nationen aufzuoktroyieren, ob jene es wollen, oder nicht. Und historisch fatal ist es nahezu immer gewesen, die Geschicke eines Staatswesens so ganz ohne Strategie und Plan lenken zu wollen, sondern nur nach dem Bedarf der Stunde.

Das hört sich alles theoretisch an, ist aber die Beschreibung dessen, was sich aus bundesrepublikanischer Sicht im Jahre 2015 ereignet hat. Es wurde an Feindbildern gearbeitet, vor allem an einem griechischen und einem russischen, in Europa wurde der dogmatische Wirtschaftsliberalismus à la Schäuble rigoros gegen andere Staaten durchgedrückt. Und gefahren wurde, nach eigenen Aussagen, exklusiv auf Sicht. Da muss bei der Bilanzierung nicht lange gerechnet werden. Das Ergebnis ist vernichtend.

Die spanische Blaupause

Sie leugnen es nicht einmal. Um die Gier nach ständigen Superlativen zu befriedigen, sprechen die Welterklärer von einer historischen Zäsur in Spanien. Die eine große Veränderung nach dem Ende der Franco-Ära, die royalistische Einführung einer parlamentarischen Demokratie, basierte auf einem Zweiparteiensystem. Es war die vom Rest Europas mitgetragene Antwort auf das Ende des letzten faschistischen Systems. Eingeläutet hatte es ETA, wovon heute niemand mehr spricht. Aber ihr Attentat in Barcelona auf den designierten Nachfolger Francos, Carrero Blanco, machte den Weg frei für die konstitutionelle Monarchie. Vielleicht wäre damals schon mehr für dieses gebeutelte Land möglich gewesen, aber die Kontur der europäischen Großmacht zeichnete sich bereits im Jahr 1975 ab. Der damals junge König Juan Carlos setzte auf das Parlament, auch als der franquistische Oberstleutnant Tejero noch einmal putschen wollte und sein Magazin im Parlament entleerte.

Danach herrschten erst die Sozialisten, bis sie sich abgenutzt hatten und korrumpiert waren und dann die Konservativen, bis sie die gleichen Merkmale aufwiesen. Das ging so über Jahrzehnte. Aber Spanien, dessen Herrschaft der Schwarzhemden geschlagene vierzig Jahre andauerte, Spanien arrangierte sich mit der schnellen Vergänglichkeit der Illusionen. Und es wurde von der ersten Stunde an stimuliert durch sehr viel billiges Geld. Billiges Geld aus der EU, die vieles versprach. Es entstand eine moderne Infrastruktur und die Baubranche boomte, spanische Waren erhielten neue Märkte und spanische Verbindlichkeiten erhielten sehr tolerant Stundung. Währenddessen sank die Moral der Regierenden, ob PSOE oder PP, ob Rot oder Schwarz. Eine Hand wusch die andere und irgendwann hingen alle auf der Klebespur der europäischen Bürokratie, einem Monster, das einem unabhängigen Spanien so fremd war.

Und am Zahltag, da kamen sie wieder, die Schaftstiefel, diesmal die der EU und des IMF, und sie diktierten etwas, das sie selber Austerität nennen, was aber vielleicht besser mit Neokolonialismus übersetzt würde. Die Regierung der Konservativen beugte sich dem Diktat und verordnete den Abbau des Sozialstaates, die Privatisierung von Infrastruktur und Bildung sowie des Gesundheitswesens. Die Folge ist verheerend. Die Arbeitslosenquote ist bis heute horrend, 60 Prozent der jungen Leute sind ohne Arbeit und die Talente verlassen scharenweise das Land. Chefideologen wie der Deutsche Schäuble und die Französin Lagarde haben ganze Arbeit geleistet und eine weitere europäische Nation in den Bankrott getrieben. Ja, es ist eine Zäsur. Und ja, es ist so schwerwiegend wie der Übergang vom spanischen Faschismus zur Demokratie.

Es ist wenig blumenreich für die trunkenen Philo-Europäer, dass wegen der EU-Politik das Grundmuster der spanischen Demokratie dahin ist. Der Aufschwung anderer, junger Parteien, aus denen vor allem Podemos herausragt, ist das Resultat auf den Schock durch den Neokolonialismus. Was passieren wird, weiß bis jetzt noch niemand so recht, denn PP ist bei 28, PSOE bei 22, Podemos bei 20 und Cuidadanos bei 14 Prozent. Eine Mehrheit, bewirkt durch eine Koalition, ist nicht in Sicht. Es kann alles so bleiben, wie es ist, es kann aber auch alles anders werden. Das Wahlergebnis in Spanien attestiert Europa eine ebenso gravierende Wirkung wie der historische Faschismus. Das ist eine richtig herbe Bilanz für alle, die von Europa geträumt haben. Sie dürfen sich bei den Dogmatikern des Wirtschaftsliberalismus bedanken. Und alle sollten in solchen Situationen wie gegenwärtig in Spanien höllisch aufpassen und genau beobachten, wer wo und wie aktiv wird. Spanien war schon einmal eine Blaupause, dort entschied sich der Kampf zwischen Demokratie und Faschismus in Europa. Das Parkett schwingt noch nach, schauen wir hin!

Die Pocke bleibt im Keller!

Es ist Halbzeit und die Pocke bleibt jetzt erstmal im Keller. Nach der WM im letzten Jahr war alles anders. Der Titel in Brasilien wirkte wie ein Intermezzo, über das sich so niemand richtig freuen konnte. Zuerst wohl, aber nachhaltig, wie es hier so furchtbar heißt, nachhaltig war die Freude nicht. Das lag daran, dass alle wussten, wie langweilig die nachfolgende Bundesliga werden sollte. Und alle behielten Recht. Nach der gefühlten Schmach von zwei Dortmunder Titeln hatten die Bayern den Krieg erklärt, Werkspionage und Agentenkauf betrieben und dann noch das Monster mit der neuen Fußballtechnologie verpflichtet, das als Separatistenikone von Katalonien in den Freistaat wechselte. Dort implementierte er den fußballerischen Drohnenkrieg, sehr erfolgreich, aber todlangweilig.

Und jetzt, nach der Hälfte der Folgesaison, nahezu das gleiche Bild. Mental hat es das Publikum aber immerhin geschafft, sich damit abzufinden, dass der Titel schon vergeben ist und der Rest um andere, auch attraktive Plätze spielt. Das hört sich nett an, aber den wirklichen Kick vermittelt es nicht, Hand aufs Herz. Das ist wie Casino ohne Geld oder Brause aus Sektgläsern. Die Monopolisten von der Isar haben dem republikanischen Publikum die Schule fürs Leben versaut. Ja, der paradigmatische Charakter des Fußballs offenbart die ganze Misere.

Fußball ist immer eine Metapher für die Kooperation im Inneren und den Wettstreit der Kooperationssysteme gegeneinander. War der letzte große Paradigmenwechsel im Fußball die Rolle des Einzelnen gewesen, der vom Spezialisten zum Allrounder wurde und alle Aufgaben wahrnehmen musste, so wie jeder im Arbeitsleben das auch zu durchlaufen hatte, so ist das System Guardiolas das des Wettstreits. Sein System ist das des Nicht-Kontakts, des Zuschlagens aus dem Nichts, analog zur Drohnentechnologie. Es geht nur untergeordnet um Kooperation, in Wahrheit aber um einen einseitig sauberen Krieg und Dominanz. Das Spiel Bayern Münchens ist ein Abbild der Misere unserer Zeit. Die Ethik liegt im Gully, Dominanz an sich ist das Ziel. Erdacht haben sich diese Skala pathologische Narzissten, und die Resonanz zeigt, dass ihr krankes Hirn noch fasziniert.

Der Rest der Liga macht das, was die Konkurrenz im Arbeitsleben eben auch macht. Sie sind mal gut und mal schlecht, diejenigen, die viel investiert haben und nicht das entsprechende Ergebnis erzielt haben, gucken entweder dumm aus der Wäsche oder sie suchen Schuldige. Verantwortung dafür tragen in erster Linie immer die Trainer und einige von ihnen wurden bereits entlassen. Andere, die mehr erreicht haben, als sie vorher spekulierten, sie machen ein anderes, ebenfalls bekanntes Spiel, denn sie schauen vielsagend in die fragenden Gesichter, um zu suggerieren, dass sie mehr wussten, als sie erzählt haben. Aber spätestens nach der nächsten Niederlage ist dieser Zauber dahin.

Die großen Traditionsclubs, die die syndikalistische Professionalisierung a la Bayern nicht vollzogen haben, sind in diesem großen Kampf ins Schlingern geraten, der HSV scheint sich zu berappeln, Stuttgart muss ernsthaft bangen und Schalke, ja Schalke ist immer besser als der Rest, egal, wo sie stehen, sie sind der Verein der Solidarität, ihn ficht eigentlich nichts an.

Nun geht der Pep und Ancelotti soll kommen. Das kann dem deutschen Fußball nur gut tun. Letzterer hat mit Drohnen nichts am Hut, das ist ein kultivierter Mann, da fragt sich nur, wie lange es er bei den Barbaren aushält. Und Dortmund wird sich etwas einfallen lassen müssen. Ob ein Trainer, der eine esoterische Terminologie absondert, eine Krise im rauen Stimmengewirr des Ruhrgebiets übersteht, das ist schon eher zweifelhaft. Aber, es bleibt spannend, wenn der Atem lang ist!