Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Eliten: Stillstand oder Bewegung?

Bei der Betrachtung von Gesellschaften spielt das Thema immer wieder eine wichtige Rolle. Es geht um die Eliten. Ihre Zugehörigkeit ist in der Regel ein Beschleunigungsfaktor im sozialen Vergleich und befördert die innere Dynamik. Die Art der Definition sagt sehr viel über die Befindlichkeit der Gesellschaft selbst aus und das Verhalten derer, die sich zur Elite zählen, lässt Prognosen über zukünftige Perspektiven derselben zu. Die Definition des Elitebegriffs ist relativ trivial, er hält sich immer an die lateinische Wurzel der Auslese und schränkt eine kleine Gruppe als das ein, worum es geht. Weitaus interessanter beziehungsweise weiter führender ist die Soziologie der Elite und die damit verbundene gesellschaftliche Diagnostik.

Bei allen möglichen Konfigurationen dominieren soziologisch vor allem zwei Kategorien von Eliten, die nur durch bestimmte Adjektive verwässert werden, die einen Mikrokosmos ausweisen, der nur bedingt gesellschaftliche Wirkung zeigt. Das können Metiers wie Bildung, Musik oder Sport sein. Die wesentlichen Kategorien sind allerdings weit mächtiger. Es handelt sich dabei zum einen um die Elite, die sich nach Status definiert. Ihr geht es um Insignien wie Macht und Reichtum. Die Frucht des elitären Daseins wird dort zum Zweck. Ohne einer Bewertung vorgreifen zu wollen, ist dieser Elitebegriff kein gesellschaftlich gestaltendes, sondern ein verzehrendes Moment. Wer sich einer Status-Elite zugehörig fühlt, der hat es in der Regel geschafft, zu dem auserwählten Kreis zu gehören. Damit hat es sich dann aber auch bereits getan. Ein Blick auf diese Eliten zeigt in der Regel eine relative Lust- und Trostlosigkeit, weil die alles erschlagende Metapher die der Sattheit zu sein scheint. Die, die dorthin wollen, haben den Hunger nach Bestätigung, die, die bereits dort sind, sind zwar auch nie satt, aber ihnen ist es permanent schlecht.

Im Gegensatz dazu ist die Definition der Elite nach Funktion respektive Leistung eine andere Geschichte. Dabei geht es zwar auch um Macht und Privilegien, diese resultieren jedoch nicht aus einem Selbstzweck, sondern aus einer Gestaltung innerhalb der Gesellschaft. Wer in Funktionen denkt, wird vom Wunsch nach Gelingen und nicht dem nach Verweilen getrieben. Demnach ist es nicht übertrieben zu schlussfolgern, dass die Eliten des Status den Stillstand und die der Funktion die Bewegung verkörpern.

Und genau an diesem Punkt wird es interessant. Dominiert in einer Gesellschaft der Wunsch nach der Zugehörigkeit zu einer Status-Elite, dann ist das eine Referenz für relativen gesellschaftlichen Stillstand. Überwiegt die Attraktivität einer Funktionselite, dann lässt das auf eine dynamische Gesellschaft schließen. Eine Analyse der eigenen, gegenwärtigen Gesellschaft bleibt jedem selbst überlassen. Wer gilt als Elite und welcher Elitebegriff dominiert?

Interessant ist der Versuch, einen Spagat zwischen Status und Funktion zu vollziehen. Traditionell ist diese Version in der chinesischen Kultur verwurzelt. Dort existierten immer schon Meritokratien, d.h. Eliten, die sich über Funktionen definierten, die einen bestimmten Status versprachen, den man aber nur erlangte, wenn man sich durch Leistung verdient gemacht hatte. Folglich könnten sie Verdienst-Eliten genannt werden.

Die europäische Adaption dieser sehr klugen Konstruktion resultiert ideell aus dem revolutionären Frankreich. Auch die Französische Revolution war ein vehementes Aufbegehren gegen die aristokratischen Status-Eliten. Leistung sollte durch Besitz ersetzt werden, und zwar Leistung im Sinne der gesellschaftlichen Erfordernisse. Diese Dynamik ist momentan allerdings kaum identifizierbar.

Stiefel leckend oder an der Gurgel

Churchill war nicht nur ein überaus begabter Literat und der Staatsmann, der Großbritannien durch den II. Weltkrieg führte. Bereits als blutjunger Offizier schrieb er seine Eindrücke als Begleiter der britischen Kolonialarmee in Ostafrika auf. Unter dem Titel Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi demonstrierte er, was exakte Beobachtung und politische Weitsicht zu bewirken vermögen. Noch heute, nahezu 130 Jahre später, ist es für alle, die sich seriös mit dieser Region auseinandersetzen wollen, ein Muss, Churchills Werk zu lesen. Der Mann, der vielleicht als der zivilisierte Gegenentwurf zu Hitler und Stalin gelten konnte, dem etwas Patriarchalisch-Chevalereskes anhaftete, der Tee als Damengetränk abtat und seine Zigarren mit Whiskey befeuchtete, hatte trotz aller inszenierter Theatralik einen immer scharfen Blick. Das müssen Menschen haben, deren Gabe das Schreiben zu sein scheint und darüber müssen Politiker verfügen, wenn sie es zu mehr als einer episodenhaften Erscheinung bringen wollen. Churchill bekam für seine Darstellung des II. Weltkrieges den Literaturnobelpreis 1953 und saß auf dem Sofa der Siegermächte nach Ende dieses Krieges.

In Zeiten der Polarisierung sind die Urteile über die übrigen Spieler am Tisch zumeist sehr plakativ. Darunter leidet zum einen die Präzision und das Detail, zum anderen profitiert, so die Urteilenden nicht von schräger Propaganda oder illustren Interessen geleitet sind, die Akzentuierung des Wesens von der plakativen Vereinfachung. Churchills Urteile aus dieser Zeit sind legendär. Und auch wenn vieles nicht den heutigen Maßstäben dessen entspricht, was sich die unheilige Inquisition der political correctness so alles ausgedacht hat, so oder gerade deshalb sind viele dieser Urteile von einer Beobachtungsschärfe, die nach dem zeitlichen Abstand doch in hohem Maße verblüffen.

Das Zitat, was vieles von dem, was die gegenwärtige politische Landschaft in Deutschland betrifft, in wunderbarerweise beschreibt, aber kaum den Charme eines Kompliments haben dürfte, ist die Charakterisierung der Deutschen als Wesen, die einem entweder die Stiefel lecken oder die man ansonsten an der Gurgel hat. Bei aller Skepsis gegenüber der Charakterisierung von Nationen und deren Eigenschaften, was allerdings wiederum ein Ergebnis von Individualisierung und Diversitätsverblendung gelten kann, einen wahren Kern hat Churchill mit dieser Bemerkung genannt.

Die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland werden entweder in Rahmen einer Systemimmanenz geführt, die einen servilen, zuweilen jämmerlichen Eindruck hinterlassen oder sie werden von einer Hysterie begleitet, die alles negiert, was sich ihr in den Weg stellt und eine Destruktivität verbreitet, die keinerlei Auseinandersetzung mit Andersdenkenden mehr duldet. Diese Polarisierung hat seit Bestehen dieser Nation immer zu anderen Wegen geführt als in benachbarten, vergleichbaren Gesellschaften. Das, was im Guten wie im Bösen immer wieder gleich einer Fata Morgana im gesellschaftlichen Diskurs auftaucht als die Notwendigkeit eines deutschen Sonderweges, resultiert aus dieser psychischen Anomalie von gleichzeitigem Wunsch nach Unterwerfung und Ausbruch oder Rebellion. Da ist es nicht mehr weit zum legendären kleinen Mann, der immer litt, doch nie gewann, und träumt im Bett vom Attentat…

Worunter die deutschen Auseinandersetzungen um die Zukunft bis dato immer gescheitert sind, um als konstruktive Leistungen Aufmerksamkeit zu erfahren, das ist der aus dieser Bipolarität resultierende Mangel an Zivilisation. Die gegenwärtige Entwicklung dokumentiert diese Feststellung wieder einmal in einer beängstigenden Weise. Die Systemimmanenz lähmt bis zur Kläglichkeit und das Rebellische stirbt in Egozentrik. Wie schön wäre da ein bisschen mehr Pragmatismus und Selbstvertrauen und reichlich weniger Hysterie.

 

 

 

 

Drei Hasen und ein Fasan

Dass sich nicht nur in der Wahrnehmung von Politik etwas ändert, sondern tatsächliche Veränderungen größeren Ausmaßes vor den Gesellschaften Europas stehen, ist sicherlich keine gewagte These. Für die Länder im Osten Europas ist das sogar schon eher eine Beschreibung der jüngsten Vergangenheit, der Süden durchlebt einen drastischen Wandel seit Jahren und nur das Zentrum und der Westen haben sich, abgesehen von kräftigen wirtschaftlichen Veränderungen, politisch in einem relativ stabilen Zustand befunden. Damit scheint es jetzt vorbei zu sein. Die Ungleichzeitigkeit von Veränderungen ist übrigens eine Erklärung dafür, warum sich der Osten gegen die neuen, anstehenden Veränderungen zuweilen harsch abschottet, denn dramatischer als dort konnte sich der Begriff von Politik nicht wandeln als dort und dramatischer die Wirtschaft sich nicht ändern. Dass dort der Wunsch nach Stabilität nun teilweise radikale Züge trägt, sollte nicht verwundern.

Vor allem hier in Deutschland, mit einem Osten, der diese Entwicklungen, abgefedert durch das Modell Deutschland AG, durchlebt hat und einem Westen, der die Saturiertheit der föderalen Behaglichkeit in seinem Politikverständnis mit sich trägt, braut sich auf der einen Seite eine Ahnung von dem zusammen, was alles zur Disposition stehen könnte. Auf der anderen Seite suggerieren die Mächtigen der wabernden Masse eine Beständigkeit, an die viele tatsächlich auch glauben wollen. Die wird es mit Sicherheit nicht mehr geben.

Nicht, dass es darum ginge, Ängste schüren zu wollen. Aber es geht darum, den Realitäten ins Auge zu sehen und sich nichts vormachen zu dürfen. Im Grunde geht es um zwei Konstanten von Politik, die nicht mehr greifen werden und die einen inneren Zusammenhang zu den Verhältnissen haben, die der Politik zugrunde liegen. Die erste Feststellung ist die, dass sich globale Entwicklungen sehr schnell als Bewegungen im eigenen Territorium abspielen und die zweite ist die, dass die gegenwärtige Doktrin des Wirtschaftsliberalismus mit verantwortlich ist für die Verheerungen, die woanders bereits wirken und deren Wirkung hier noch kommen wird. Das strahlende Ideal dieser Doktrin begründet viele Kriege mit der Maxime auf unbegrenzten Ressourcenzugriff und sie ist Garant für die Verarmung der großen Masse zugunsten derer, die sich jeder gesellschaftlichen Solidarität und dem Fiskus entziehen.

Die Androhung, dass sich das Wesen von Politik dramatisch ändern könnte, muss nicht Furcht einflößen. Ganz im Gegenteil. Es handelt sich um eine Chance, den destruktiven Kräften den Kampf anzusagen. Denn es hilft kein Lamento über die Entwicklung, seien es Flüchtlingszahlen, vor denen der Respekt immer größer wird, sei es das Abfallen in Armut, das immer mehr Menschen betrifft oder sei es die Vergiftung der Umwelt, die nicht nachlässt, ohne das Verursacherprinzip zu thematisieren. In diesem Kontext erweist sich konkret die Politik der Bundesrepublik als ein System der Kollaboration mit den beschriebenen Kräften. Das ist die Grundlage. Auf dieser Erkenntnis müssen die anstehenden Veränderungen fußen.

Es ist interessant, zu beobachten, wie sich unsere Gesellschaft in diesem Augenblick in einer gänzlich anderen Dimension spaltet. Das ist der Teil, der sich an dem Wunsch nach Konstanz und Abgeschottetheit berauscht und hofft, dass alles so bleibt, wie es ist. Und es existiert der Teil, der sich sehr engagiert mit den anstehenden Veränderungen auseinandersetzt. Bei denen, die das alles nicht wahrhaben wollen, nimmt das Nicht-Wahrnehmen bereits groteske Züge an. Es erinnert fast an den letzten König der Franzosen, der am Tag, als die Bastille gestürmt wurde auf die Jagd ging und abends in sein Tagebuch schrieb: Drei Hasen und ein Fasan.