Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der große Hass und die schlichten Regeln

Wer sich dem kommunikativen Grundrauschen dieser Tage aussetzt, der bekommt zwei Begriffe immer wieder zu hören. Es sind Wut und Hass. Etwas abgesetzt in der Rangliste, aber nicht weit davon entfernt ist es die Lüge. Sowohl Wut als auch Hass sind Begriffe, die einer extrem negativen Emotion zugesprochen werden müssen, die sich in der Regel negativ entlädt. Von denen, die sich zum Teil selbst mit einer der beiden Begrifflichkeiten charakterisieren, wird oft die Lüge in einen kausalen Zusammenhang zu ihrem jetzigen Gemütszustand gebracht. Interessant bei dem Bekenntnis zu den die hohe Emotion beschreibenden Begriffe ist die Tatsache, dass die Wut dem Bürgertum vorbehalten zu sein scheint, während der Hass, dem etwas Primitiveres anhaftet, folglich für die Unterschichten reserviert ist. Es könnte gefolgert werden, dass selbst in den Zeiten der Rage die Klassengesellschaft vor den armen Menschenkindern nicht halt macht.

Nur die Lüge, wo sie auch immer zu verorten ist, für Massenzustände bestimmter Bevölkerungsteile verantwortlich machen zu wollen, greift dann doch etwas kurz. Trotz vieler Dissonanzen sei hier auf das längst verblichene Buch Sloterdijks Zorn und Zeit verwiesen, in dem er treffend darauf verwies, dass sich Gesellschaften mit einem Elefantengedächtnis regelrechte Depots anlegten, in denen der Zorn über jede Schmähung akkumuliert werde. Dieser These folgend, ist der immense Hass und die große Wut, die momentan die Gesellschaft prägt, nicht das Ergebnis irrationaler Kurzschlüsse von ungebildeten Proletariern oder wohlstandsverwahrloster Bürger, sondern eine logische Folge einer langen, komplizierten historischen Entwicklung.

Es wäre anmaßend, diese historische Kausalität hier, in wenigen Worten auch noch erklären zu wollen. Aber es wäre ein Versuch, aus der täglichen, grausigen und zu nichts führenden Konfrontation über die aktuellen Gemütszustände etwas machen zu können, das dieser Gesellschaft weiterhilft. Eine Prämisse dafür ist die Feststellung, dass wir es weder im einen wie im anderen Fall, und hier soll weder der Wutbürger noch der johlende Mob in seiner destruktiven Wirkung unterschätzt werden, mit einer rein personifizierten Erscheinung des Irrsinns zu tun haben. Und auch, dass die Lüge, auch hier einmal ein aktuelles Wort Sloterdijks, deren Äther nie so dicht war wie heute, nur den Versuch darstellt, aus einem bereits existierenden ein noch größeres Dilemma zu machen. Und es ist hilfreich, dass in anderen europäischen Gesellschaften Ähnliches geschieht. Die Angst geht um auf diesem Kontinent, und es sind nicht nur die aktuellen Tagesereignisse, die sie speisen. Es liegt tiefer, und auf diese Gründe muss der gesellschaftliche Diskurs stoßen.

Und, by the way, es gibt historische Ursachen für die vollen Zorndepots, daran herrscht kein Zweifel, aber es gibt keinen Grund für die Verrohung der Sitten, für die ständigen Attacken gegen die Zivilisation. Da spricht vieles dafür, die Dinge persönlich zu nehmen und ihnen auf den Grund zu gehen. Der Respekt vor dem Individuum wie vor den Gütern der Gesellschaft darf bei aller Schmach über das eigene Schicksal nie zur Disposition stehen. Wer das als Nichtigkeit in den Wind schlägt, muss sich darüber bewusst sein, Bestandteil des Problems und nicht der Lösung zu sein. Die Regeln für die Kommunikation stehen, so wie sie immer gestanden haben. Sie sind schlicht, sehr schlicht. Respekt vor dem Gegenüber, Zuhören, auf die Argumente eingehen. Es ist die Grundlage nicht der heutigen, sondern menschlicher Kommunikation generell. Wut und Hass sind die Säure, die sich in ihr Fundament frisst.

Leidende Hunde und einsame Wölfe

Es gibt sie wirklich und wahrscheinlich existieren mehr davon, als allgemein angenommen. Sie führen ihr Leben relativ unbeeindruckt von den Ereignissen um sie herum. Im Deutschen werden sie nicht ganz treffend Einzelgänger genannt, im Englischen existiert der Begriff des Loners, der der Sache sehr nahe kommt, aber wiederum schlecht ins Deutsche übersetzt wird. Da kommt dann nämlich wieder ein Einzelgänger, oder noch schlimmer, ein Eigenbrötler an. Dabei ist der Begriff Loner so schön.

Loner sind Menschen, die aus welchen Gründen auch immer ihre eigene Agenda haben, denen sie folgen. Nicht, dass sie dadurch dissoziativ, d.h. auf Kosten oder gegen das soziale Umfeld wirken würden. Sie respektieren in der Regel die sozialen Verhältnisse, in denen sie sich bewegen, ohne großes Tamtam. Dabei betreiben sie ein Gewerbe, das wiederum im Deutschen sehr schön beschrieben wird: Sie machen ihr Ding. Die Umschreibung wird in der Regel erst dann benutzt, wenn Beobachter nach einem wirklich langen Zeitraum so etwas identifizieren können. Ad hoc, d.h. im Alltag, fallen diejenigen, die ihr Ding machen, gar nicht so auf. Sie passen in jedes soziale Netzwerk, manchmal sogar an herausgehobener Stelle und niemand würde damit rechnen, es mit einem Loner zu tun zu haben.

Der Punkt ist, dass diese Menschen immer zu wissen scheinen, was sie wollen und tun müssen, um dorthin zu gelangen, wohin sie wollen. Alles, was sie tun, erscheint ihnen daher selbst als ein sehr logischer und folgerichtiger Schritt und setzt das eigene Handeln in ein Licht der klaren Logik, wodurch sie selbst ein hohes Maß an Vertrauen und Selbstvertrauen ableiten. Ihre innere Sicherheit, die daraus resultiert, verleiht ihnen in der sozialen Formation, in der sie sich bewegen, den Schein des Normalen. Etwas, das unaufgeregt wirkt, erweckt Ruhe und Vertrauen. Daher werden Loner in der Regel nicht als Störfaktoren erlebt.

Auch die Selbstwahrnehmung der Loner ist geprägt von der Sicherheit, die vermittelt wird durch das Ziel, dem sie folgen. Das Interessante des Loners ist die Tatsache, dass es kein Metier gibt, wo er oder sie nicht vertreten wäre. Eigenartigerweise existiert dieser Archetypus gleichsam in der Hand- wie in der Kopfarbeit, in kreativen Bereichen ebenso wie in sehr gegenständlichen. Ein Loner kann der Schriftstellerei oder dem Malen ebenso verfallen sein wie der Schuhmacherei, dem Kochen oder dem Schreinern. Loner machen ihr Ding, und indem sie es tun, beweisen sie ihre Unabhängigkeit. Sie gehen durchs Leben als beschritten sie ihre Bahnen und als beschriebe ein Kant, warum das gesetzmäßig so sein müsse.

Die Fehlerhaftigkeit in der Bezeichnung ihres Wesens resultiert aus der Tatsache, dass diejenigen, die nicht dazugehören, das Phänomen aber beschreiben möchten, fälschlicherweise von ihrer eigenen Gemütslage ausgehen, wenn sie diejenigen, die meistens allein agieren, beschreiben sollen. Das Herdentier leidet wie ein Hund, wenn das Rudel abhandenkommt. Folglich muss es sich um einsame Wölfe bei denen handeln, die das Alleinsein und das Einsame zu genießen scheinen. Der Loner als Bezeichnung ist der einzige Begriff, der es zulässt, die individualisierte Existenz ohne das Implikat des Leidens oder der Unfähigkeit in der Gemeinschaft zu leben als eine Lebensform zu beschreiben, die als Zustand der Produktivität und der Bestimmung genossen werden kann.

Oft spürt übrigens die Gemeinschaft erst, was sie an Lonern hat, wenn einer von ihnen geht. Und sollten sich einmal zwei Loner treffen und zueinander passen, dann wäre auch ein Kant mit seinem Vokabular am Ende.

Sachsen: Mississippi Burning

Der Rubikon, die rote Linie oder was auch immer ist längst überschritten. Das Bundesland Sachsen und viele Repräsentanten desselben führen einen Tanz auf, den sich ein föderaler Staat bei welcher Teilautonomie auch immer nicht mehr mit ansehen darf. In Sachsen herrscht der Mob, eskortiert von den staatlichen Organen und erklärt von einer überforderten oder heuchelnden Politik. In Sachsen werden das Recht und der Geist der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland mit Füßen getreten und der brandschatzende, johlende Mob skandiert dazu den Slogan, den keiner mehr hören kann: Wir sind das Volk! Wenn das das Volk wäre, dann sollten alle, die hier und heute zu Sinn und Wohlstand etwas beitragen, schnellstens ihre Koffer packen und das Weite suchen. Die Welt ist voller Gesellschaften, die vielleicht schlechter organisiert und weniger reich sind, in denen allerdings Respekt und Menschenwürde einen Stellenwert haben.

Das Debakel beginnt mit den Erklärungsmustern. Jemand wie der Alt-Bundestagspräsident Thierse erklärt die Barbarei mit den vielen Veränderungen, die die Bürger in Ostdeutschland in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Ihm kann nur geantwortet werden, dass kein Erlebnis die Barbarei rechtfertigt und ihm sei geraten, einmal nach Duisburg oder Bremerhaven zu fahren, und dort seine Sottisen über den schnellen Wandel im Osten von sich zu geben. Der Mann, der aus dem Prenzlauer Berg stammt, dem Bezirk, der vom Immobilienhype durchweht ist, hat keine Ahnung, was im Rest der Republik in den letzten Jahrzehnten an Veränderungen vonstattengegangen ist. Millionen verloren Arbeit und Heimat, Identität und Einkommen und dennoch stürmten sie nicht wie wild gewordene Nazis in den nächsten Kebab-Laden. Da verniedlicht ein Sozialdemokrat das Aufkommen eines neuen Faschismus. Wach auf, Kollege!

Und nun der Ministerpräsident von Sachsen, Stanislaw Tillich, seinerseits zugehörig zu den Sorben, die längst ihre Verfolgung und Bedrohung durch den braunen Mob bei den Vereinten Nationen reklamieren könnten. Er, der wahrscheinlich längst Eingeschüchterte, versucht zu lavieren, spricht von einer vielleicht existierenden rechten Gefahr in Sachsen und mahnt alle Kräfte der Gesellschaft an, in einer sachlichen Diskussion nach den Gründen zu suchen. Wer als Chef des Landes so redet, sollte schnell zurücktreten, denn handlungsfähig ist er nicht mehr. Rechtsverletzungen, kollaborierende oder überforderte Polizeiorgane und schläfrige oder zynische Staatsanwaltschaften sind ureigene Angelegenheiten eines Ministerpräsidenten. Wenn der dann zum gemeinsamen Gottesdienst mahnt, hat er nicht mehr begriffen oder im Griff, worum es geht.

Es ist kein Zufall, dass in Hollywood seit einigen Jahren die sechziger Jahre der USA immer wieder zum Thema genommen werden. In Serien wie den Kennedys, dem Film The Butler oder Selma geht es um die schicksalhaften Jahre der Kennedy-Administration und ihren Umgang mit dem verbitterten Kampf in den Südstaaten, in denen es um die Aufhebung der Rassentrennung ging. Auch in den USA haben sich die Revisionisten auf den Weg gemacht, der wachsenden Komplexität des multi-ethnischen wie polykulturellen Zusammenlebens mit der Keule rassistischer Vereinfachung zu begegnen. Die Historie, die in diesen Filmen reaktiviert wird, hat einen klaren Verlauf gehabt. Als es Spitz auf Knopf ging, ließ Bobby Kennedy, der Justizminister des Präsidenten John F., die Nationalgarde im Süden einmarschieren. Und in Mississippi Burning, dem längst zum Mythos gereiften Klassiker mit der wohl meist weggeschnittenen Szene der Filmgeschichte, bringt ein afroamerikanischer FBI-Agent ein Mitglied des Klu Klux Klan zum Reden, indem er droht, ihm die Eier abzuschneiden.

Die Filme werden auch hierzulande goutiert. Es scheint nur, dass sie nicht richtig verstanden werden. Ohne harte Hand ist dem Rassismus nicht beizukommen.