Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Universalismen, Systeme und Subjekte

Hierzulande, im Herzen Europas, ist man dazu geneigt, die existierende Welt nach Theorien und Lehren zu interpretieren und zu gestalten. Vor allem im politischen Denken wie in der Führung von Wirtschaftsunternehmen geht es zumeist nicht ohne ein Bekenntnis zu einem Theorem, einer Doktrin oder einem ganzen System. Der Glaube, der diesem Denken zugrunde liegt, begründet sich durch die Überzeugung, dass nur eine formulierte Orientierung es ermögliche, komplexere Systeme zu steuern.

Politik- wie Managementtheorien leben davon, Programme sowie Kodifizierungen zu produzieren, die garantieren sollen, dass eine bestimmte Konsistenz herrscht und in dem System das entsteht, wofür man es geschaffen hat. Der systemische Mangel dieser Auffassung liegt allerdings in der nahezu konsequenten Ausblendung des Subjektes, d.h. der in dem System entscheidenden und handelnden Menschen. Vor allem die modernen Theorien von Politik und Theorie neigen dazu, dieses radikal zu betreiben und nennen das Ganze die Versachlichung.

Die Historie wiederum bietet unzählige Beispiele für die Notwendigkeit, die Befindlichkeit, die Interessen, das Können und Wollen der handelnden Subjekte stärker in den Fokus zu nehmen. Denn auch Demokratie bedeutet Herrschaft, und nicht immer wurden die Beherrschten in dieser Staatsform mit Glacéhandschuhen angefasst. Und auch die Herrschenden in diesem System haben allzu oft dokumentiert, dass ihnen keine Form der Korruption, der Kollusion oder des Nepotismus fremd ist. Andererseits sind die Bücher voll von Monarchen, denen das Wohlergehen ihrer Völker wichtig war und deren Vorstellung von Toleranz bis heute beispielhaft ist.

In der Betriebsführung ist es nicht anders. Das, was heute an Managementtheorien auf dem Markt ist, hat immer reale Protagonisten und nachprüfbare Vorgehensweisen, die in der Regel selten konsistent sind und deren Abweichung von der reinen Lehre allzu groß ist. Die kolportierte Antwort bei der Beobachtung derartiger Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist in der Regel die Formulierung, es menschele halt überall. Und genau das ist es, was den nahezu religiösen Glauben an Politik- und Managementtheorien nachhaltig zugunsten einer weiter führenden Betrachtung schädigen sollte.

Das Scheitern der besten Theorien liegt zumeist in dem begründet, was die menschliche Unzulänglichkeit genannt wird. Letztere ist das, wovon wir ausgehen müssen, wenn wir uns Gedanken über andere Formen der sozialen Organisation machen. Die handelnden Subjekte sind diejenigen, die mit ihrem konkreten Verhalten bestimmen, wohin sich ein System entwickelt. Und wenn wir uns ansehen, worin momentan, im Jahre 2017, die so genannten Unzulänglichkeiten bestehen, sind wir sehr schnell bei dem Kanon dessen, was man in jeder Bäckerei oder an jedem Marktstand als Kritik an dem bestehenden politischen System hören kann: Die handwerkliche Unsicherheit, die Angst vor Konflikten, die Verpackung unbequemer Botschaften, die Entscheidungsschwäche, der Opportunismus, die Versessenheit auf Status, die Armut an Strategien und der mangelnde Respekt gegenüber anderen.

Letzteres jedoch ist eine Erscheinung, die nicht als Konsequenz einer Staatsform wie der Demokratie oder einer Managementkonzeption missverstanden werden darf, sondern ein Form der menschlichen Unzulänglichkeit, die es immer schon gegeben hat, die quasi universal ist, wie die Literatur zur Genüge dokumentiert. Und nur, wenn es Subjekte gab, die als fähig und kompetent galten, konnte man davon ausgehen, dass Systeme auch funktionierten. Die Aufklärung gab sich dezidiert das Programm, den Menschen, das Individuum, zu einem verantwortungsvollen Subjekt zu bilden. Die Aktualität dieser Programmatik könnte höher nicht sein!

Systemische Eigendynamik und das leere Versprechen der Weltendeutung

Das Phänomen der Eigendynamik dokumentiert in der Regel einen sehr bestimmbaren Zustand eines Systems. Unter Eigendynamik sind Aktionen, Maßnahmen und Prozesse zu verstehen, die ihrerseits abgekoppelt sind von der Zweckbestimmung der Organisation. In der Systemtheorie hat Eigendynamik etwas zu tun mit den Symptomen, die für den Selbsterhaltungstrieb des Systems selbst stehen und auch auf die Gefahr der Verfehlung des Zwecks sich immer wieder durchsetzen. Und immer dann, wenn die Anteile der Eigendynamik besonders hoch sind, muss dem System selbst attestiert werden, dass die Transparenz und Durchsetzung des Programms, des Nutzens, des Zwecks sehr schwach ausgebildet bzw. gewährleistet sind.

Bei jedem Veränderungsprozess kann das Phänomen der Eigendynamik beobachtet werden. Und jedem System kann attestiert werden, in welchem Zustand es sich befindet. Ist der Anteil der Eigendynamik hoch, so befindet sich das System im Zustand programmatischer Schwäche. Ist der Anteil der Eigendynamik exorbitant hoch, ist es wahrscheinlich, dass die Programmatik insgesamt verloren gegangen ist. Ein System, das nur noch aus  eigendynamischen Konstrukten oder Prozessen besteht, verliert zunehmend die Legitimation durch den Zweck: Bei allen Betrachtern von außen und nach und nach auch bei den Beteiligten selbst. Und schon drängt sich das Paradoxon auf, dass Eigendynamik der reine Ausdruck einer eigenen, intrinsischen Systemrationalität ist, zum anderen ein zu hoher Anteil von Eigendynamik die Existenz des Systems wiederum aufs Spiel setzt.

Was in jeder Organisation zu beobachten ist, trifft auch auf das übergeordnete System der Gesellschaft zu. Auch in Gesellschaften und deren Organisation, dem Staat, sind Tendenzen von Eigendynamik zu verzeichnen und auch dort ist es zuweilen schwierig, den Zweck des jeweiligen Systems zu identifizieren. Bei der Gesellschaft im Allgemeinen ist aktuell ein Zustand zu bezeugen, der gekennzeichnet ist auf den Verzicht, die Zweckbestimmung überhaupt erkennen zu wollen. Ein Diskurs darüber, wohin die Gesellschaft will oder soll ist von vielen Teilen derselben nicht gewollt oder gekonnt. Stattdessen werden die Medien der Verständigung über die Intention oder den Zweck, die Kommunikation, die Verhandlung, die Interaktion zum Selbstzweck erhoben. Die Verabsolutierung der Medien bei Ausblendung der Strategie kann als das systemische Symptom unserer Tage an sich bezeichnet werden.

In diesem Kontext ist es sehr interessant, sich das immer wieder vorgebrachte Argument der Komplexität genauer anzusehen. Selbstverständlich sind Systeme, die über unzählige Subsysteme und Interdependenzen verfügen, sehr komplex. Sie sind sogar so komplex, dass jeder Versuch, darüber eine endgültige Transparenz herzustellen, als Anmaßung angesehen werden muss. Das Wesen von ständig vermittelter Komplexität besteht allerdings vor allem darin, den einzelnen Interakteuren ihre Machtlosigkeit zu vermitteln. Das ist in hohem Maße repressiv und der einzige, schnell zu identifizierende Zweck dieses Arguments. Zumeist wird es noch begleitet von dem Hinweis, das Handeln denen zu überlassen, die diese Komplexität begreifen. Was, niemanden wird es wundern, die Vertreter der systemischen Eigendynamik sind.

Die einzige Garantie für die Möglichkeit der Orientierung in komplexen Systemen ist die Frage nach der Zweckbestimmung und der Freilegung der Interessen der verschiedenen Teilsysteme. Das ist so schwer nicht, aber es ist natürlich unangenehm für jene, die sich mit sehr viel Metakommunikation ständig über die Komplexität der Welt auslassen. Ihr Interesse deckt sich nicht mit dem Bedürfnis der Mehrheit, und selbst das System ist ihnen egal, wenn es sie nicht mehr bedient.

Das Reaktionäre an der Bedienung des Geschmacks

Ich erinnere mich an eine Zeit, als sich alle möglichen Leute in einer asiatischen Metropole trafen, um das betreffende Land dabei zu unterstützen, nach Jahrzehnten der Diktatur wieder auf die Beine zu kommen. Diejenigen, die sich aus dem saturierten Europa auf einen solchen Weg begeben, wollen in ihrem Leben noch etwas reißen und sind in der Regel nicht Vertreter so genannter Durchschnittsbiographien. Und wie das so ist, wenn Menschen unter besonderen Umständen aufeinandertreffen, wenn sich die Gelegenheit bietet, dann erzählen sie von sich, woher sie kommen und was sie geprägt hat. So bekommen alle langsam einen Einblick in die Geheimnisse dieser Gruppe Gleichgesinnter.

Einer dieser Experten erzählte beim Bier immer wieder die Geschichte, wie er in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als er bei einem Hamburger Radiosender angestellt war, den Mut oder die Impertinenz besessen hatte, ein Stück von John Coltrane aufzulegen, das sechzehn Minuten dauerte. Das war etwas, was überhaupt nicht in die Programmvorstellungen der Verantwortlichen passte, es führte zu einer sehr schnellen Trennung von dem besagten Bekannten, hatte aber auch zur Folge, dass beim Sender nicht wenige Briefe großer Zustimmung eingingen.

Das Interessante an dieser Geschichte war die Art der Selbstheroisierung, die durch die ständige Wiederholung der Erzählung erfolgte, denn damit wurde das Gegenteil von dem erreicht, was die ursprüngliche Aktion zur Folge hatte. Dort hatte nämlich ein bewusst eingegangenes Risiko zu einer Innovation geführt. Der nostalgische Blick auf das Geschehene in der Vergangenheit wiederum stand weiteren Innovationen immer wieder im Weg.

Es handelt sich um die immens aktuelle Frage, inwieweit die Bedienung eines Massengeschmacks nicht dazu führt, den Stillstand zu konservieren und damit neue Formen von Innovation zu verhindern. Bleiben wir im Genre: Wohl in jeder Region der Republik existieren Radiosender, die sich über die Zustimmung ihrer Hörerschaft definieren. Und zwar einer Hörerschaft, die sich über die Heroisierung ihrer eigenen Vergangenheit definiert und an keinerlei Veränderung interessiert ist. Dort werden Musiktitel aus vergangenen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts gespielt, die immer wieder als Hits und Megahits oder als größte Hits aller Zeiten bezeichnet werden. Einmal im Jahr findet dann eine Hitparade statt, die die Reihenfolge der beliebtesten und damit der zu spielenden Titel bestimmt. Sie entsteht aufgrund der Befragung des Publikums und das Kuriose dieser Hitparade besteht darin, dass oft über Jahre keinerlei Veränderungen an diesem Geschmack festzustellen ist.

Die Redaktionen dieser Sender sind auf die Festschreibung ganzer Generationen auf eine bestimmte Geschmacksform festgelegt, die Hörerschaft fühlt sich durch den Stillstand wertgeschätzt und alle verfallen dem Mythos, dass früher alles besser war. Personen, wie der eingangs erwähnte Bekannte, die es wagen würden, einmal was Neues, Avantgardistisches, die Hörgewohnheiten Herausforderndes einzuspielen, scheint es nicht mehr zu geben. Der Stillstand wird zelebriert und das Publikum zu einer hermetischen Abschirmung von neuem Gedankengut erzogen.

Was das Beispiel der beschriebenen Radiosender belegt, ist die These, dass der exklusiven Bedienung des vorhandenen Geschmacks etwas renitent Reaktionäres anhaftet. Und es ist nicht nur reaktionär, sondern auch etwas Lächerliches. Nichts gegen einen nostalgischen oder auch romantischen Blick in die eigene Vergangenheit. Aber die menschliche Existenz definiert sich immer über die Perspektive für die Zukunft. Eine solche Zukunft Teilen der Gesellschaft abzusprechen, aus welchen Gründen auch immer, ist eine immens zynische Angelegenheit. Das erfordert doch einen rebellischen Gestus. Egal, welche Generation betroffen ist!