Archiv für den Monat Juni 2023

Generationenkonflikt: Wer ist wann betroffen?

Momentan wird in meiner Stadt eine Diskussion um die Notwendigkeit eines neuen Fußballstadions geführt. Wie immer in solchen Fällen gibt es gute Gründe dafür wie dagegen. Doch darum geht es mir nicht. Mir fiel bei dem Thema eine Episode aus meiner Kindheit ein. Auch damals ging es um eine neues Stadion. Meine Großmutter fragte uns, wie groß das denn werden solle, und als wir ihr das Fassungsvermögen nannten, schaute sie uns ungläubig an, rechnete im Kopf und sagte dann, dass sei ja die dreimalige Einwohnerzahl ihres Heimatortes. Sie vermutete eine Schelmerei unsererseits. Als wir ihr jedoch beteuerten, sie habe richtig verstanden und sie fragten, was sie denn davon halte, gab sie uns eine Antwort, die aktuelles Gewicht hat. Sie sagte, sie werde sich dazu nicht äußern, denn ihre Lebenszeit fiele nicht mehr in die Nutzung dieses Projektes. Um es noch zu erwähnen: sie war eine gutmütige wie gütige Frau, deren Leben durch harte Arbeit geprägt war. Und, wie die Antwort zeigt, war sie auch weise.

Die Haltung, sich nur noch in die Auseinandersetzungen einzumischen, die eine Wirkung auf das eigene Mitwirken und Erleben haben, erfährt durch die demographische Entwicklung in unserem Land eine besondere Dimension. Die meisten politischen Diskussionen, die geführt werden, beziehen sich nämlich auf Weichenstellungen. Sieht man sich die Bilder derer an, die bei Zukunftsprojekten zugegen sind und vehement Partei ergreifen, lässt sich feststellen, dass zumeist diejenigen, in deren Leben dieses Projekt eine Rolle spielen wird, sich in der Minderheit befinden. Und diejenigen, deren Zeitbudget der aktiven gesellschaftlichen Teilnahme überschaubar und in naher Zukunft endlich ist, machen die Majorität aus. 

Einmal abgesehen von den Unkalkulierbarkeiten in großen Umbruchphasen, und in einer solchen befinden wir uns, wäre es mehr als angebracht, genau zu unterscheiden, bei welchen Themen die eigene Existenz noch eine Rolle spielen wird und bei welchen nicht. Es gibt Themen, die immer brandaktuell sind, egal zu welcher Alterskohorte man gehört, wie zum Beispiel Krieg und Frieden, Freiheit, Würde und Gerechtigkeit. Aber es existieren ebenso Themen, von denen man genau wissen müsste, dass sie einen nicht mehr betreffen.

Wir leben in einer Zeit, die auf drei bis vier Jahrzehnte des hemmungslosen Wirtschaftsliberalismus zurückblickt, in der das wachstumsbesoffene „Forever Young“ kultiviert wurde und gleich mehrere Generationen von Ego-Shootern sozialisiert wurden. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die einfache, wie kluge Frage einer alten Frau aus der Provinz heute von den meisten Menschen gar nicht mehr in Erwägung gezogen wird. Wird mich das, worüber gerade gestritten wird, selbst noch betreffen? Oder wäre es nicht ratsam, den Diskurs denen zu überlassen, die mit Sicherheit davon betroffen sein werden?

Deklinieren Sie dieses Szenario einmal durch! Wie viele der Themen, die momentan eine Rolle spielen, wären davon betroffen! Und mit Sicherheit nähmen manche Diskussionen einen ganz anderen Verlauf! Und kommen Sie nicht mit dem Argument, es ginge auch um die Verantwortung für die Zukunft. Zumeist handelt es sich um Selbstüberschätzung, Eigenliebe und Egoismus. 

Will diese Gesellschaft nicht in eine unversöhnliche Spaltung zwischen den Generationen hinabgleiten, dann wäre es ratsam, sich die Frage nach der jeweiligen eigenen zeitlichen Betroffenheit für die politischen Projekte, um die es geht, ausdrücklich zu stellen. Selbstverständlich freiwillig. Aber es entstünde eine neue Dynamik, die befreiend wäre. Und, als kleiner Hinweis an die Alten: Krieg und Frieden, Freiheit, Würde und Gerechtigkeit, diese Themen bleiben, und sie sind Aufgabe genug!

Fundstück: Ovids Metamorphosen und die NATO

Ein Mythos entsteht in der Regel aus dem Bedürfnis, ein quasi universales Phänomen, oder, um in der heute von der Psychologie beeinflussten Welt zu bleiben, ein Muster zu beschreiben. Menschen handeln in solchen Mustern, sie verhalten sich in bestimmten Situationen und Kontexten, weil sie bestimmte Vorlieben und Interessen haben, aber auch weil sie instinktive Reflexe nicht einfach ausblenden zu können. Die griechische Mythologie ist ein wahrer Fundus für die Erklärung menschlichen Agierens schlechthin, weshalb ihr die heutigen Termini entnommen sind, um bestimmte Verhaltensmuster, die im Hier und Heute zu beobachten sind, erklären zu können. 

In Ovids Metamorphosen ist die Rede von einem Mann namens Pygmalion, der sich, abgeschreckt von zügellosen und lustorientierten Frauen, zurückzog in seine Werkstatt und in der Arbeit Beruhigung suchte. So nebenbei, es handelte sich um jene mythologischen Zeiten, in denen angeblich das Matriarchat herrschte. Pygmalion, der seinerseits Bildhauer war, folgte aber doch seinem Trieb und erschuf die Statue einer Frau, die seinem Idealbild entsprach, erotisch und doch keusch, schweigsam und dennoch vielsagend. Als er seine Arbeit beendet hatte, ging Pygmalion an einem Festtag in den Tempel der Venus und bat diese, seine Kunstfigur zum Leben zu erwecken. Bei seiner Rückkehr trat er tatsächlich seiner eigenen Schöpfung in Form eines Menschen gegenüber, mit dem er sogar Kinder zeugen sollte. 

Wenn heute von dem Pygmalion-Effekt gesprochen wird, dann handelt es sich um folgendes Muster: Man beurteilt einen Menschen oder eine Organisation im Vorfeld einer oder mehrerer Handlungen. Durch die kontinuierliche Wiederholung der Prophezeiung mutieren die Beurteilten in Handlungskontexte, die sie schließlich dazu bringen, so zu handeln wie prognostiziert. Das ist eine kritische Situation, weil es sich um lancierte Meinungsbildung und in gewisser Weise auch um eine Diskriminierung, positiv wie negativ, handelt. 

Die bevorstehende NATO-Tagung, auf der es um die Osterweiterung der NATO gehen soll, hat eine von ihrem dänischen Generalsekretär Rasmussen inszenierte Begründung auf der Agenda, die strikt dem Pygmalion-Muster folgt. Die Osterweiterung wird begründet mit der seit der Ukraine-Krise wachsenden Gefahr, die von Russland ausgeht. Dabei werden historische Fakten ausgeblendet, die eine sehr deutliche eigene Sprache sprechen:

Die Übereinkunft mit der damaligen Sowjetunion bei der Beendigung des Kalten Krieges, die die Wiedervereinigung Deutschlands als zentrales Thema hatte, war die Akzeptanz des militärischen Status Quo zwischen NATO und Warschauer Pakt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion nutzten die USA jedoch die Gelegenheit einer konsequenten Destabilisierung der ehemaligen russischen Einflusssphäre, um den NATO-Wirkungsbereich nach Osten zu verschieben. Im Falle der Ukraine wäre die reale wie gefühlte Bedrohung Russlands so nah an Russland heran gekommen wie vorher noch nie. Die Verletzung der Vereinbarung vor allem durch die Bush-Administration wurden weder von der NATO noch der EU je kritisiert. 

Die im Falle der Ukraine von Russland an den Tag gelegte Vehemenz wird nun von NATO-Generalsekretär Rasmussen als Beleg für die Bedrohung weiterer osteuropäischer Staaten genommen und damit die Notwendigkeit einer NATO-Osterweiterung begründet. Das ist nicht nur ein gelungenes Beispiel für den Pygmalion-Effekt, es ist auch noch ein verheerend treffendes Beispiel für eine brandgefährliche Eskalationspolitik. Die Ursache für den russischen Unwillen wird als Begründung dafür genommen, mehr gegen den Unwillen tun zu müssen. Und die Medien eskortieren den Propagandazug. Bis zur Tagung wird jeden Tag eine neue Aggression Russlands enthüllt, um die Hirne weichzuklopfen für eine weitere Eskalation. 

28. August 2014

Immer weiter! Vom Hindukusch zum Indo-Pazifik!

Warum es ausgerechnet Sozialdemokraten sein müssen, die irrwitzige imperiale Phantasien zum  Besten geben, mag die Partei für sich entscheiden. Tatsache ist, dass sie sich zum Sprachrohr des unverblümten Imperialismus machen. Hatten noch der damalige Verteidigungsminister Peter Struck im Jahr 2003 verkündet, dass die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland auch am Hindukusch verteidigt werde, so gehen seine Nachfolger noch große Schritte weiter. Struck hatte damals das Engagement der Bundeswehr zusammen mit einem Strauß Verbündeter unter Führung der USA gegen den souveränen Staat Afghanistan aufgrund von Aufenthaltsvermutungen bezüglich als terroristisch geltender Individuen mit unterschiedlicher Staatszugehörigkeit verteidigen wollen. Mit dem heute gerne und viel zitierten Völkerrecht hatte das genauso wenig zu tun wie danach in vielen anderen Fällen. Egal. Man war dabei, 20 lange Jahre lang, und danach zog man überstürzt ab, ohne etwas zivilisatorisch Wertvolles hinterlassen zu haben. Neben afghanischen Leben kostete es auch das von deutschen Soldatinnen und Soldaten, die monetären Ausgaben werden offiziell mit 17,3 Milliarden Euro beziffert. Eine Evaluierung des gesamten Unternehmens wurde von der aktuellen Regierung zwar angekündigt, wurde bis heute jedoch nicht vorgenommen.

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, nach einem vorhergegangenen Plot des Regime-Change und us-amerikanischer Investitionen von 10 Milliarden Dollar zur Destabilisierung eines souveränen Staates, übrigens alles unter der Federführung eines gewissen Joe Biden, war nicht nur der Aufschrei groß, obwohl es sich um eine logische wie intendierte geostrategische Reaktion handelte. Und prompt sprang wieder ein Sozialdemokrat auf die Rednerbühne, und zwar der Parteivorsitzende selbst, und forderte seinerseits, dass Deutschland wieder eine europäische militärische Führungsmacht werden müsse. Mit der schon im Falle Strucks anzuzweifelnden Fähigkeit, das eigene Land zu verteidigen, was im Grundgesetz das einzige und oberste Ziel eigener Streitkräfte sein kann und muss, hatte das auch nichts zu tun. Und dass diese Koryphäe deutscher Geostrategie dieses am Jahrestag des Unternehmens Barbarossa verkündete, der Invasion der Wehrmacht in die Sowjetunion, ist ebenso pervers und widerlich wie die Tatsache, dass mittlerweile Panzer deutscher Fabrikation mit von den ukrainischen Verbündeten aufgemalten SS-Runen Richtung Russland rollen. 

Wer bis dahin dachte, eine Steigerung der imperialen Verwegenheit sei nicht mehr vorstellbar, hat mit dem neuen Darling der militärischen Renaissance nicht gerechnet. Pistorius, dessen Name an die Spionagethriller des letzten Jahrtausends erinnert, war kaum im Amt als Nachfolge einer ganzen Serie unglücklicher Frauen, als er den Aufwind des öffentlichen Zuspruchs hinsichtlich seines anpackenden Wesens spürte und dann wohl dachte, da setz ich doch noch einen drauf. Gesagt, getan. Zwar wird die Klaviatur der globalen Konfrontation bereits seit langer Zeit von den Grünen bedient, aber wer in der sozialdemokratischen Militaristentradition steht, muss sich dahinter noch lange nicht verstecken. Und schon war die deutsche Präsenz im Indo-Pazifik Thema, bis dato mit einer, demnächst aber sogar mit zwei furchterregenden Fregatten. Irgendwie erinnert das alles an die Weise, dass uns heute Deutschland und morgen die ganze Welt gehört. Und bei soviel Euphorie kann es schon einmal passieren, dass man sich am Liedgut ganz anderer Entitäten vergreift. Dass es diesem, aus einem ganz anderen Holz geschnitzten Minister der exterritorialen Verteidigung auch noch en passant gelang, den Chinesen den Marsch zu blasen, die es wagen, sich von deutschen pensionierten Ex-Piloten trainieren zu lassen, was ganz offiziell bei anderen, aktiven Kriegsteilnehmern seitens der eigenen Streitkräfte geschieht, schlägt da kaum noch zu Buche.

Immer weiter! Vom Hindukusch zum Indo-Pazifik! Nebenbei noch Russland ruinieren! Ganz ehrlich, wer im Koma lag und jetzt erwacht, der sehnt sich schnellstens zurück. Und alle, die das jetzt in sich herein stopfen wie Weinbrandpralinen, sei gewünscht, dass sie die ersten Schüsse nicht mehr hören.