Archiv für den Monat Oktober 2013

Komplexität und Strategie

Nicht umsonst kam der Systemtheoretiker Niklas Luhmann, der als renommierter Soziologieprofessor endete, aber in der Verwaltung sozialisiert wurde, zu dem verblüffenden Schluss, dass der Antrieb zu steigender Gesamtkomplexität aus dem tiefen Bedürfnis ihrer Reduktion entsteht. Immer, wenn die Varietät eines Bezugsfeldes steigt, so Luhmann, dann sondert sie relativ autonome Teile aus dem System ab und schafft ein neues Subsystem, das seinerseits damit beginnt, sich nach dem Muster eines übergeordneten Systems auszurichten. Dadurch werden die Beziehungen der mit einander verwobenen Systeme nicht nur komplizierter, sondern auch komplexer, was wiederum den Wunsch nach ihrer Reduktion hervorruft, weil die Handlungsfähigkeit mit wachsender Komplexität immer mehr eingeschränkt wird.

Natürlich wusste er, wovon er sprach. Legt man die Historie von Verwaltungen zugrunde, so hatte er richtig beobachtet. Aufgrund von Spezialisierung und Größe wurde es immer schwieriger, zu eindeutigen Entscheidungen zu kommen. Dieser Zustand wurde durch die Bildung eigener Facheinheiten beseitigt, die dann allerdings bei einer eigenen, neuen und kritischen Größe dazu gezwungen waren, sich die Strukturen eigener Autonome zuzulegen. Jeder, dem Verwaltung nicht ein Buch mit sieben Siegeln ist, kennt das organisatorische Dilemma. Die allgemeine Verwaltung, unter die Funktionen wie Organisation, Personal, Finanzen oder IT fallen und die zuständig ist für die ungeheure Varietät der Fachkompetenzen, die vom Archiv bis zur Jugend- und Familienpolitik, von der Bildung bis zur Gesundheit oder von der Stadtentwicklung bis zum Sport, entfernt sich nicht selten zu weit von den spezifischen Erfordernissen der jeweiligen Fachlichkeit. Daher existieren ab einer bestimmten Größe eigene Verwaltungen, die sich um Organisation, Personal und Finanzen kümmern und die der Separierung geschuldet sind.

Jedes System, wiederum, so heißt es nicht umsonst, entwickelt seine eigene Dynamik. Das hat etwas zu tun mit den fachlichen Besonderheiten, mit denen es sich auseinandersetzt und den unterschiedlichen Hintergründen, die die Individuen mitbringen, die es in das System treibt. In Deutschland ist man sehr schnell dabei, so etwas mit dem Begriff der Kultur zu beschreiben. Das ist sakrosankt, daran darf man nicht rühren. Zutreffend ist hingegen, dass es, je höher die Varietät der einzelnen Subsysteme ist, umso schwieriger wird, den systemischen Gesamtkomplex zu steuern.

Ein Fehler unserer Tage scheint zu sein, dieser diffizilen Aufgabe mit einem Arsenal an ebenso diffizilen wie unnützen Instrumenten begegnen zu wollen. Das beschäftigt die Leute, führt aber in der Regel nicht zu einer besseren Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt. Die Instrumentierung der Komplexität spielt eher noch eine sehr destruktive Rolle: Da sie die Akteure nicht entlastet, sondern sogar steuert und ihnen die Autonomie raubt und ihnen zudem keinen Sinn vermittelt, erschöpft es die Betroffenen und treibt sie in die Depression.

Das einzige Ordnungsprinzip, das in der ausufernden Komplexität in der Lage zu sein scheint, eine Ordnung wieder herzustellen ist die Strategie. Sie vermag Sinn zu stiften, sie vermag Maßstäbe zu liefern, nach denen es plausibel wird, zu priorisieren und sie beurteilt, ob die Werkzeuge, derer wir uns bemächtigen, zu dem Zweck führen, den uns die Strategie vorgibt. Insofern ist die Strategie kein nice to have, sondern eine conditio sine qua non. Man kann die Betrachtung sogar noch weiter treiben und auf eine Zuspitzung hinauslaufen lassen: Diejenigen, die am Kopf einer Organisation stehen oder in komplexen Systemen Führungsaufgaben wahrnehmen und nicht in der Lage sind, eine Strategie zu formulieren und zu kommunizieren sind deplaziert.

Der Konnex von Subvention und Mut

Es liegt in der Natur der Sache, dass Pressemeldungen verkürzen. Nähme man sie als Maßstab für die hinter ihnen verborgene Komplexität, so käme man zu einer Interpretation der Welt, die nur unter der Überschrift „Irrtum“ Bestand hätte. So ist es auch in diesen Tagen, in denen über eine große Koalition in Deutschland verhandelt wird. Beide Parteien, die momentan am Pokertisch sitzen, haben ihre Agenda. Und beide Parteien verfügen über Programme, mit denen sie einerseits nach ihren Vorstellungen das Land weiterbringen und zum anderen ihre eigene Klientel bedienen wollen. Darüber zu lamentieren ist zwecklos. So funktioniert die Veranstaltung, die für sich den Namen Demokratie reklamiert.

Eine Frage jedoch sollte beunruhigen. Betrachtet man die Verhandlungslisten der beiden Parteien, dann steht dort vieles, was selbstverständlich in Angriff genommen werden sollte, aber nichts, was als eine Investition in die Zukunft bezeichnet werden könnte. Auch Themen wie Bildung und Infrastruktur, zweifelsohne die Zukunftsthemen par excellence, stehen nur deshalb auf der Liste, weil sowohl die bundesrepublikanische Infrastruktur einen beträchtlichen Investitionsstau aufweist als auch der Bildungssektor als ein System bezeichnet werden muss, in dem in den letzten Jahrzehnten die Partikularinteressen diverser Lobbygruppen kollektiv eine Veränderung zu mehr Qualität verhindert haben. Es handelt sich um Nachholbedarf, um Versäumtes, das vielleicht dafür sorgt, dass bereits heute vieles nicht mehr ohne gewaltige Kraftakte gerichtet werden kann. Mit der Frage nach Zukunft hat das dennoch alles nichts zu tun, dieses Feld wird nahezu systematisch gemieden, da Investitionen in Zukunft die Frage aufkommen lassen müssen, wie man das finanziert. Und da könnten aktuelle Besitzstände gefährdet sein, da ginge es an die Heiligtümer des Zeitgeistes.

Aber auch die gegenwärtigen Agenden der Parteien müssen finanziert werden. Glaubt man den Pressemeldungen, dann will die CDU das mit Haushaltsdisziplin, die SPD hingegen mit Steuererhöhungen. Der Akt der Steuererhöhung wiederum soll eine Geste der Gerechtigkeit sein, weil die Besserverdienenden zur Kasse gebeten werden sollen. Alles d´accord, so könnte man sagen, wäre letzteres nicht ein Indiz für die Unlust, sich mit einem Zeitgeist auseinanderzusetzen, der letztendlich eine Weiterentwicklung des Landes verhindert. Die Volksfront nämlich, die sich dafür einsetzt, dass alle Formen der Zuwendung für immer so bleiben, seien es Steuervorteile oder Abschreibungsmöglichkeiten, seien es direkte oder indirekte Subventionen, seien es Aufwandspauschalen oder Sonderrechte. Wenn man so will, ist die Republik im Laufe ihrer Entwicklung zu einem subtilen System der Massenkorruption verkommen, das kaum noch etwas mit dem ursprünglichen Gedanken der sozialen Intervention zugunsten der Schwachen zu tun hat. Da sind regelrechte Industrien entstanden, die sich mit misslungener sozialer Integration oder dem Versagen des Bildungssystems und im Bildungssystem beschäftigen. Und diese Subsysteme sind so stark geworden und haben eine solche Eigendynamik entwickelt, dass sie jegliche konstruktive Veränderung verhindern.

Unabhängig von der Einkommenssituation hat sich eine Erwartungshaltung gegenüber den Leistungen des Staates etabliert, die es sehr schwer macht, auf das Eigentliche zu verweisen: Welche Investition aus Steuern bringt das Gemeinwesen voran, und welche ist nur dazu da, den Futterneid der anderen Subventionsempfänger zu beruhigen. Leider findet sich im Moment keine Partei, die das offen artikuliert. Es wäre sinnvoller, dem System der Massenkorruption den Kampf anzusagen als sich über neue Geldbeschaffungsmethoden Gedanken zu machen. An Geld fehlt es nicht in diesem Land. Aber an Mut.

Clausewitz, der Vietkong und die Taliban

Da war sie wieder versammelt, die europäische Nomenklatura. Und sie beging im hohen Gestus der Friedfertigkeit den zweihundertsten Jahrestages eines der größten Gemetzel der Militärgeschichte die Feierlichkeiten zur so genannten Völkerschlacht bei Leipzig. In einem frisch restaurierten Monument, das in seiner Architektur das ganze Elend einer verschwurmelten Geschichtsschreibung manifestiert. In den Hallen eines nahezu unerträglichen Eklektizismus aus Jugendstil, Klassizismus und zu Stein gewordenem Größenwahn wurde des Sieges der vereinigten Armeen von Russland, Preußen, Österreich und Schweden über die auf dem Russlandfeldzug ramponierte ehemals glorreiche napoleonische Armee gedacht. Sechshunderttausend Soldaten hatten an dieser Schlacht teilgenommen, zweiundneunzigtausend Soldaten waren getötet oder verwundet worden. Die Völkerschlacht bei Leipzig läutete das Ende der im Nachklang der französischen Revolution und unter Napoleon gefeierten imperialen Befreiungskriege ein und sie konservierte das System des alten absolutistischen Europas auf Jahrzehnte.

Nichts gegen den feierlichen Gestus, mit dem der Präsident des europäischen Parlamentes anlässlich der Feierlichkeiten auf den Wert des Friedens an sich verwies. Mit dem historischen Ereignis selbst beziehungsweise möglichen verwertbaren Folgerungen hatte das aber nichts zu tun. Wie jede Euphorie eines neuen Zeitalters, so hatte auch die französische Revolution den Anspruch generiert, durch militärische Expansion das Zeitalter der bürgerlichen Freiheiten über seine Grenzen hinaus exportieren zu wollen. Das gelang einige Male, und gerade die historischen Dokumente aus dem Rheinland und Westfalen dokumentieren eindringlich, mit welcher Euphorie die einmarschierenden Truppen zunächst empfangen wurden. Das Blatt wendete sich erst, als bewusst wurde, dass der Akt der militärischen Gewalt nicht nur neue Gesetzbücher mit über die Grenzen brachte, sondern auch Fremdherrschaft, die die Illusion der Selbstherrschaft ersticken sollte.

Carl von Clausewitz, der preußische Offizier, der mit seinem Buch Vom Kriege in die Geschichtsbücher eingehen sollte und der kurioserweise bei der Schlacht bei Leipzig 1813 in russischen Diensten stand, hatte zum ersten Mal in seiner Schrift die Prinzipien der asynchronen Kriegsführung zu Papier gebracht. Ihre Anwendung waren das eigentliche Ende von Napoleons Armee. Die französische Armee befand sich nach der Niederlage in Russland auf einem ungeordneten Rückzug, auf dem sie kalt und unbarmherzig überrascht wurde. Die Verbände des alten Europas versetztem dem Gestus des revolutionären Frankreich einen massiven Schlag und konservierten damit die feudal-monarchistischen Herrschaftsverhältnisse auf dem Kontinent.

Wenn es Lehren gibt aus dem historischen Ereignis, dann sind sie nicht rein militärischer Natur. Clausewitz hatte nicht umsonst geschrieben, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. So wohl gemeint der französische Expansionismus zum Teil auch war, er hatte eben auch eindeutig imperiale Züge und trat das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit Füßen. Vor allem der II. Weltkrieg ist ein beredtes Dokument für die Schwierigkeit, den Befreiungsgedanken mit der Notwendigkeit militärischer Gewalt zu verbinden. Ebenso deutlich dokumentierten die späteren Kriege in Indochina dieses Dilemma und die nicht abreißenden Kriege im Nahen Osten aktualisieren das Problem nahezu jährlich. Der Impetus der Befreiung lässt sich von außen nur schwer vermitteln, und er wird als Fremdbestimmung erlebt, wenn er auf militärische Weise erzielt werden soll. Die Kriegsführung auch gegen Mächte, die sich auf die Werte der Demokratie berufen, zeitigt nahezu immer einen Widerstand, der asynchron organisiert werden muss, um eine minimale Chance auf Erfolg zu haben. Insofern ist die Adaption der von Clausewitz begründeten asynchronen Kriegsführung durch den Vietkong oder die Taliban nur logisch und folgerichtig, handelte es sich doch in allen Fällen neben allen Freiheits- und Demokratiegedanken auch um militärische Hegemonie. Man kann aus Leipzig lernen, man muss es nur wollen.