Archiv für den Monat Oktober 2013

Die Stunde der Patrioten

Die Geschichte, so das geflügelte Wort von Karl Marx, hat die Eigenart zumeist zwei Varianten ein und desselben Ereignisses vorzuführen. Was sich bei der Premiere bereits als Tragödie erweise, habe bei einer späteren, zweiten Inszenierung nur noch das Zeug zur Farce. Marx wäre nicht Marx gewesen, hätte er nicht einen derartig beißenden Zynismus für derartige Beobachtungen parat gehabt. Denn, betrachtet man in dieser Weise beschriebene Ereignisse, so führen sie zumeist eher zu einer Sprachlosigkeit im Angesicht von menschlichem Unvermögen und individueller Niedertracht.

Als am 16. Dezember 1773 als Indianer verkleidete Bürger im Hafen von Boston die besteuerten Teeladungen, die für den Sitz des britischen Kolonialreiches bestimmt waren, dem Brackwasser zum Fraß vorwarfen, setzten sie nicht nur das erste Fanal für die amerikanische Unabhängigkeit, sondern sie definierten bereits den Ansatz für die anti-koloniale Revolte. Das war couragiert und hatte etwas in sich, das mit der nur positivsten Interpretation einer patriotischen Handlung zu tun hatte. Wenn diese Aktion etwas Tragisches hatte, dann war es der symbolische Verweis auf die Indianer, die in dem neuen, unabhängigen Amerika ihre Identität nicht behaupten konnten und als ein Relikt vor der Zeitrechnung der Moderne gewaltsam in das Aus ihrer eigenen Geschichte gedrängt wurden.

Dass ausgerechnet im Jahr 2008 der weißeste, unduldsamste und reaktionärste Flügel der US-amerikanischen Republikaner sich dieses Initials der amerikanischen Demokratiegeschichte bemächtigte, um dem ersten aussichtsreichen Kandidaten auf die Präsidentschaft mit schwarzer Hautfarbe den Kampf anzusagen, war von vorneherein eine Farce. Die historische Bostoner Tea-Party war bereits ein Kampf gegen die blasierte angelsächsische Elite mit ihren Privilegien. Diese nun zu missdeuten und sie gegen einen emanzipativen Trend in den zeitgenössischen USA einzusetzen, zeugt alleine schon von der Nonchalance wie Frivolität der Akteure. Betrachtet man diese genauer, dann wird allerdings klar, worum es geht, nämlich die Re-Installation eines Gesellschaftszustandes, den es schon lange nicht mehr gibt: Die Herrschaft der weißen, protestantischen und ihrer Attitüde nach angelsächsischen Elite, die das libertäre Waffenrecht mit Patriotismus gleichsetzt, staatliche Vorsorge als bolschewistisches Hexenwerk verteufelt und die Mahnung an die Pflichten des Eigentums als Feldzug gegen die Unverbrüchlichkeit der Freiheit zu denunzieren sucht. Verkörpert Sarah Palin noch das Retro-Flintenweib wie in einem John Wayne-Film und Michelle Bachmann die Gebärmaschine aus den guten alten Anglikanerzeiten, so ist der Texaner Ted Cruz bereits die Steigerung der Metapher von Tragödie und Farce. Als Sohn kubanischer Einwanderer und als neue Hoffnung im Beamtenapparat der Bush-Administration entdeckt verkörpert er jene Affiliation der Hinzugekommenen an die Werte der alten Eliten, die nur noch mit den hierarchischen Funktionsweisen und Zuordnungen aus B. Travens Totenschiff zu erklären sind.

Die Schlichtung im US-Haushaltsstreit kurz vor Mitternacht ist keine Rückkehr des Tea-Party-Flügels der Republikaner zur Vernunft, denn da war nie Vernunft, sondern immer nur der Eigensinn. Und es war keine Rückkehr zum Patriotismus, denn der war dort auch nie, sondern er wurde immer mit Nationalismus und Imperialismus verwechselt. Was die Tea Party in den USA momentan aufführt, sind letzte terroristische Akte einer untergehenden Elite, die nicht mehr mehrheitsfähig ist. Das Einlenken eines Teils dieser Partei in letzter Minute weist darauf hin, dass es die Fundamentalisten vielleicht zu weit getrieben haben und die Republikaner vor einer Spaltung stehen. So wie es aussieht, haben die USA wieder einmal zeigen können, was sie unter Patriotismus verstehen, und das hat mehr mit Demokratie und Perspektive zu tun als mit Privilegien und Geschossen.

Mikromanagement

Wer kennt sie nicht, die Versuche, sich aus der überbordenden Last der Alltagskomplexität mit Strategien zu flüchten, die den Anforderungen das Gewaltige nehmen. Das kann über Volksweisheiten geschehen, die für sich genommen nie falsch sind. Ein gutes Pferd, so heißt es da, springt immer nur so hoch, wie es muss. Richtig, aber reicht das aus für eine Führungskraft, die anderen Orientierung geben soll? Oder ist es eher ein Appell an das eigene Phlegma? Ein weiteres Mittel ist der sozial verträglich gestaltete Stillstand, der zumeist erreicht wird durch eine sehr geschickte Form der administrativen Sabotage. Die folgt in der Regel der Maxime, das Komplexe und Komplizierte noch komplexer und komplizierter zu hinterfragen und in schön präparierten Aktionsplänen mit jeweils der Maßnahme zu beginnen, die die schwierigste und aufwändigste zu sein scheint. So entsteht ein Defätismus, den natürlich niemand so gewollt hat, aber der den Zweck erfüllt und von praktischen Schritten abhält.

Neben den eher direkten Versuchen, der Komplexität durch Verweigerung zu trotzen, existiert noch eine andere Strategie, die Psychoanalytiker als Ersatzhandlung bezeichnen würden. Das Zauberwort der direkten Aktion, die dennoch vor dem Abstraktum hoher Komplexität schützt, ist die des Mikromanagements. Dessen Auswirkung kennt jeder. Trotz großer strategischer Herausforderungen wird die Sachbearbeitung zur obersten Maxime. Einzelfälle werden bemüht, sie werden auf einer Detailebene erörtert, die in keiner Relation zur Aufgabe derer zählen, die mit Wonne darin aufgehen. Das Ziel ist nämlich das Ablenken von der eigentlichen Aufgabe: Denken und Steuern in großen Linien, das Treffen strategischer Entscheidungen, das Vertrauen auf die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die letztendlich das Detail beherrschen. Neben der Ersatzhandlung, dem beschriebenen Sturz in den fachlichen Mikrokosmos als Abwehrstrategie gegen die übergeordnete Verantwortung, spielt hier noch eine andere Variante mit. Es ist die der Kontrollobsession.

Betrachtet man die Riege des Mikromanagements, so fällt nämlich auf, dass sie neben der Verweigerung der strategischen Verantwortung zudem mit einer Tugend gar nichts im Sinn haben, nämlich der des Vertrauens. Wer den Mitarbeitern oder dem Team nicht vertraut, der neigt zum Ausbau der totalen Kontrolle, den interessieren die detaillierten Mikroprozesse, der will alles wissen, bis auf die molekularen Grundbestandteile. Natürlich sollte sich herumgesprochen haben, dass diese Art der Kontrolle ein nicht minder anspruchsvolles Unternehmen ist wie die Entscheidung auf einer strategisch hohen Ebene. Sie erfordert einen permanent hohen Kraftaufwand, sie demoralisiert die einzelnen Glieder der Organisation, die alle ihre Kraft aus dem eigenen Potenzial und der eigenen Kompetenz schöpfen und sie überanstrengt letztendlich alle Beteiligten. Das Manöver der totalen Kontrolle erinnert an die Geschichten, in denen die Begründung der eigenen Nichtzuständigkeit mehr Energie erfordert als die Erledigung der Aufgabe selbst.

Die Diagnostik, diese schonungslose wie kaltherzige Disziplin, vermag den Schaden für Organisationen, in denen das Mikromanagement die Chefetagen erobert hat, sehr gut zu beschreiben. Mikromanagement verwendet Unmengen von Ressourcen, ohne die Organisation voran zu bringen, Mikromanagement verhindert Entscheidungen von allgemeiner Bedeutung, es demoralisiert die Leistungsträger und kreiert eine Atmosphäre des Misstrauens. Es ist also kein zu vernachlässigender Kollateralschaden, wenn die Chefetage sich auf die Sachbearbeitung fokussiert. Für die Bestandssicherung der Organisation in der Zukunft ist eine solche Tendenz gemeingefährlich. Keine Bedrohung von außen besitzt ein solches Potenzial der Zerstörung. Führungskräfte, die sich dem Mikromanagement verschreiben, sind ein Widerspruch in sich.

Inquisition als Dernier Cri

Journalistisch ist es wie ein üppiges Bacchanal. Was wäre bloß, gäbe es nicht in der Provinz einen Bischof, dessen Namen bis vor kurzem niemand kannte und der verantwortlich zu sein scheint für ein Bauvorhaben, dessen Preise explodieren. Nicht, dass es nicht Projekte dieser Art gäbe, gegen die der Sitz in Limburg wie eine Petitesse erscheint. Die Elb-Philharmonie zum Beispiel, der Stuttgarter Bahnhof oder, schlimmer noch, der Berliner Flughafen BER. Bei letzterem wird von mehr als eine Milliarde gesprochen, wobei keiner mehr so richtig zu wissen scheint, mit wieviel er veranschlagt wurde und wieviel er letztendlich kosten wird. Bis auf eine laue Polemik und der einen oder anderen Diskussion um Projekte, bei denen es um die direkte Verwendung von Steuergeldern geht, hielt sich die Berichterstattung bei den genannten weitaus skandalöseren Geschichten in bescheidenen Grenzen.

Bei dem etwas wie ein Maniak aussehenden kleinen Bischof von Limburg ist das anders. Der verstopft die News Ticker wie einen alten, maroden Siphon. So, als gäbe es keine tatsächlichen Probleme in unserer bewegten Welt, als verhandelten die Parteien nicht über eine neue Regierung, die sich mit den Auswirkungen der Weltfinanzkrise, den Lebensbedingungen im eigenen Land, den notwendigen Investitionen in die Zukunft, der europäischen Wirtschaft oder einer endlich einmal durchdachten Einwanderungspolitik wird befassen müssen, schwirmelt der Name Tebartz-van Elst wie eine Droge durch die medialen Hirne.

Dabei gehörte es immer zum Wesen des Katholizismus, dem Herrn und seinen Vertretern auf Erden den Prunk zu gönnen, der der großen Gemeinde der Gläubigen in ihrem irdischem Dasein verwehrt blieb. Nicht nur der römische Petersdom oder der zu Köln, in ganz Europa existieren Belege dieser großartigen Architektur, die dem Gedanken der Herrlichkeit folgte und die sich nicht an profanen Kategorien wie der der Zeit oder des Geldes orientierten. Irgend etwas hat sich wohl verändert in der Welt der Katholiken und in der der öffentlichen Meinung. Und, man sollte vielleicht und gar nicht so zynisch die Frage formulieren, ob sich das zentraleuropäische Christentum vom Urgedanken des Katholizismus weg bewegt und sich der protestantischen Kälte und Unduldsamkeit zuwendet?

Wenn es so ist, dann würde das in Deutschland niemanden besonders verwundern, denn es läge im Trend vom Wechsel der Bonner zur Berliner Republik. Verwunderlich ist nur, dass die Maßstäbe hinsichtlich der tatsächlichen Größenordnungen bei dem konkreten Fall des Limburger Bischofs und seiner geplanten Residenz gravierend verrückt wurden. Wieso, so die mehr als berechtigte und gerechte Frage, ist der öffentliche Diskurs nicht ähnlich aufgeregt bei den politisch auf den Weg gebrachten Projekten, die teils selbst ohne Zusatzwünsche hinsichtlich individuellen Luxus dermaßen aus dem Ruder gelaufen sind. Nirgendwo eine politische Konsequenz, kein Rücktritt, ein Stopp. Nichts, wonach die Journaille und der vermeintliche Zorn der Öffentlichkeit im Falle Tebartz-van Elst so dürstet, wurde jemals im Falle der politischen Dimension so hart gespielt.

Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dem medialen Design abermals um eine Finte propagandistischer Logik handelt. Das Kalkül ist so alt wie einfach: Greife einen Fall auf, skandalisiere ihn und benenne einen Sündenbock. Etwas Wahres ist natürlich daran, denn so ganz wirsch wirkt dieser Sündenbock nicht. Die Frage sollte dennoch sein, wovon er ablenken soll. Das ist schäbig. Inquisition als Dernier Cri! Und das Volk? Es schreit „Kopf ab!“, geht nach Hause und legt sich ins Bett!